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Full text of "Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie"

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izialwissenschaftlicher Meister. XIII. 



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J/H. von Thürieh 

er isolierte Staat 









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Jena, Verlag von 
Gustav Fischer 




Der isolierte Staat 

in Beziehung auf 

Landwirtschaft und Nationalökonomie 



von 



Johann Heinrich von Thünen. 



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( Neudruck nach der Ausgabe letzter Hand (2. bzw. 1. Auflage, 
1842 bzw. 1850), eingeleitet von 
Professor Dr. Heinrich Waentig in Halle a. S. 



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4j3 



Jena. 

Verlag von Gustav Fischer. 
1910. 



(1. 9.5-7 



Thüiien. 

Johann Heinrich v. Thünen wurde am 24. Juni 1783 zu 
Kanari enhausen in Jeverland. Oldenburg, als Sproß eines alt- 
freien friesischen Grundbesitzergeschlechtes geboren, dessen 
Adel und ünabhängigkeitssinn in ihm zu besonderer Ver- 
körperung gelangten. In frühester Jugend verlor er den 
A^ater, der bei seinen für die damalige Zeit bedeutenden 
Kenntnissen in Mathematik und Mechanik gerade diesem 
Sohne Führer und Berater hätte werden können. So mußte 
denn die Mutter, Tochter eines aus Franken eingewanderten 
Buchhändlers und Ratsherrn in Jever, schön und liebreich, 
tätig und gebildet, wie sie uns geschildert wird, die Erzie- 
hung ihrer Kinder selbst übernehmen, die sie bis zu ihrer 
Wiederverheiratung im Jahre 1789 völlig selbständig leitete. 
Tief muß der Einfluß gewesen sein, den sie auf das Gemüt 
des sinnigen und ernsten Knaben ausübte. Die Tränen meiner 
Mutter haben mich erzogen, soll Thünen, in reifen Jahren 
auf seine Kindheit zurückblickend, von ihr gesagt haben. 

Der Mutter nach iiirer neuen Heimat Hooksiel, einem 
kleinen Hafenort an der Jahde, folgend, besuchte Thünen, 
geistig frühreif, körperlich nur schwach entwickelt, zunächst 
die dortige Orts schule, dann die „hohe" Schule in Jever, von 
Anbeginn mit der Absicht, sich später der Landwirtschaft 
zu widmen. Im Jahre 1799 finden wir ihn dann als Zög- 
ling auf Gerrietshausen bei Hooksiel damit beschäftigt, sich 
zunächst die wichtigsten technischen Kenntnisse anzueignen. 



— IV — 

Der Besuch der von Staudinger geleiteten ]and^\ärtschaftlicllen 
Lehranstalt in Groß-Flottbeck bei Hamburg, ergänzt durch 
den vertraulichen Verkehr mit dem in der damals hochbe- 
rühmten englischen Landwirtschaft erfahrenen Etatsrat von 
Voght, förderte ihn wohl, befriedigte ihn jedoch nicht. Sein 
schon damals auf die theoretische Durchdringung auch jedes 
praktischen Problems gerichteter Geist wollte sich am 
fleißigen Sammeln bloßen WissensstolTes nicht genügen lassen. 
Zwanzigjährig beklagt er sich bei seinem Bruder über jene 
Lehrzeit, bedauernd, zuviel mit untergeordneten Arbeiten, 
zu wenig mit wissenschaftlichen Studien beschäftig gewesen 
zu sein. Erst Albrecht Thaer in Celle, den er 1803 auf- 
suchte und neben Adam Smith sein Leben lang als seinen 
Lehrer verehrte, wies ihm neue Bahnen. Und die Universität 
Göttingeu, die er im Herbste desselben Jahres bezog, brachte 
seine theoretische Ausbildung zum Abschluß. 

Nur ein kurzes Jahr sollte er akademischer Bürger sein. 
Eine Ferienreise, die er zu Studienzwecken im Herbste 1804 
nach Mecklenburg unternahm, führte eine unerwartete Wen- 
dung in seinem Leben herbei. Seine Verlobung mit der 
Schwester eines Studiengenossen und der Wunsch, die Ge- 
liebte sobald als möglich heimführen zu können, bewogen 
ihn, die Universität zu verlassen und auch das väterliche 
Gut Wassens zu verkaufen, um sich in Mecklenburg als 
praktischer Landwirt niederzulassen. Freilich waren die 
Zeitläufe einem solchen Unternehmen nicht günstig. Erst 
am 14. Januar 1806 konnte die Hochzeit stattfinden. Und 
das der allgemeinen Unsicherheit wegen von Tliünen zunächst 
nur gepachtete Gut Rubkow bei Anklam, wo er nach längerer 
Suche sein Heim aufschlug, erwies sich bei näherer Prüfung 
als schlecht kultiviert und wenig ertragsreich. Kriegsnöte 
und Einquartierung, Steuern und Seuchen kamen hinzu. 
Trotz hingebender Arbeit wollte es dem jungen Gutsherrn 
nicht gelingen, die sich immer erneut auftürmenden Schwierig- 



— V — 

keiten zu überwinden, und er mochte von Glück sagen, daß 
er sich im Juni 1808 wieder freimachen konnte. Daß er auch 
unter diesen erschwerenden Bedingungen seine wissenschaft- 
lichen Studien fortzusetzen wußte, beweist, wie sehr sie ihm 
inneres Bedürfnis waren. Thaers Eintreten für die englische 
Fruchtwechselwirtschaft setzte er eine maßvolle Kritik ent- 
gegen. Zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung fehlten 
damals Ruhe und Sammlung. Erst der Ankauf des Gutes 
Tellow, zu dem sich Thüuen nur zögernd entschloß, machte 
seinem unsteten Leben ein Ende. Im Jahre 1810 ließ er 
sich dort mit den Seinen nieder. 

Da hat er dann zjehn Jahre lang still und zurückgezogen 
für sich gelebt, sein Gut zu einer allbestaunten Musterwirt- 
schaft erhebend, seine freie Zeit aber einer bis in die kleinsten 
Einzelheiten genauen Buchhaltung widmend, die ihm die un- 
erschütterlichen Grundlagen für weitgreifende theoretische 
Untersuchungen liefern soUte. „Ich fing die Tellow'schen 
Rechnungen in einem solchen Umfange an, als ich nur 
irgend ausführen konnte, und als der Zweck meines Kalküls 
erfordert", schreibt er an seinen Bruder. „Arbeitsrechnung, 
Korn- und Geldrechnung mußten gleich umfassend und gleich 
genau geführt werden, und dies mußte fast alles von meiner 
Hand geschehen, weil sonst dem Ganzen Einheit und innere 
Glaubwürdigkeit gefehlt hätte." Nur höchster wissenschaft- 
licher Enthusiasmus konnte die unerträgliche Nüchternheit 
einer solchen Arbeit einigermaßen verklären. Um die Wende 
des Jahres 1820 war das Ziel erreicht. Mehrere kleine 
fach wissenschaftliche Abhandlungen über landwirtschaftliche 
Fragen bilden die Vorläufer des Hauptwerkes, doch vergingen 
noch lange Jahre, ehe Thünen das Fazit seiner Forschungen 
und Überlegungen vor der Öffentlichkeit zu ziehen wagte, 
obwohl die ersten Keime des „Isolierten Staates" sich weit 
in die Vergangenheit zurückverfolgen lassen. 

,,Schon in früher Jugend, als ich im Institut des Herrn 



— YI — 

Staudinger zu Fiottbeck den Laiidbau ia der Nähe Hamburgs 
kennen lernte, faßte ich die erste Idee des isolierten Staates 
auf", schreibt Thüneu von sich selbst. Eine 1803 verfaßte 
„Beschreibung der Landwirtschaft im Dorfe Groß-Flottbeck" 
enthält bereits die ersten Andeutungen. Immer bestimmter 
treten die charakteristischen Züge hervor. Jetzt, als das 
Werk so gut wie vollendet ist, kann er sich nicht davon 
losreißen. Er hat nicht den Ehrgeiz, als Schriftsteller zu 
glänzen, er fürchtet sich vor Anfeindungen, scheut sich da- 
vor, in das Literaturgezänk hineingezogen zu werden ! Freunde 
müssen dem Widerstrebenden, dem eS nur um die eigene 
klare Einsicht zu tun gewesen, fast mit Gewalt das Manu- 
skript entreißen und zum Druck bringen, den Perthes in 
Hamburg übernimmt. Ganze 75 Taler, d. h. in Büchern 
und erst nach Absatz von 400 Exemplaren zahlbar, bietet 
er — wahrlich ein Zeitbild — dem Autor als Honorar für 
das unsterbliche Werk! 

„Untersuchungen über den Einfluß, den die Getreide- 
preise, der Reichtum des Bodens und die Abgaben auf den 
Ackerbau ausüben, war der Titel des Buches, das 1826 als 
erster Teil „des isolierten Staates in Beziehung auf Land- 
wirtscliaft und Nationalökonomie" erschien. Der Erfolg war 
ein gewaltiger, und die philosophische Fakultät der Univer- 
sität Rostock brachte nur die allgemeine Stimmung zum 
Ausdruck, als sie Thünen 1830 zu ihrem Ehrendoktor 
ernannte. Eine zweite vermelirte und verbesserte Auflage 
des Buclies erschien 1842, Doch war die Aufgabe, die der 
Forscher sich gestellt, bis jetzt nur teilweise gelöst. Ein 
Traum ernsten Inhalts, „Über das Loos der Arbeiter", nieder- 
geschrieben im Jahre 1826, läßt uns tiefe Blicke in des 
Denkers menschenfreundliche Seele tun. Es ist ihm be- 
schieden gewesen, auch seine sozialpolitischen Untersuchungen 
wenigstens einigermaßen zu Ende zu führen. In der als erste 
Abteilung des zweiten Teiles des Isolierten Staates 1850 



~ VII — 

veröifentlicliten Abhandlung „Der naturgemäße Arbeitslohn 
und dessen Verhältnis zum Zinsfuß und zur Landrente" sind 
ihre Avichtigsten Ergebnisse niedergelegt. 

Es war die höchste Zeit. Ein ihm 1848 angetragenes 
Mandat für die Frankfurter Reichsversammlung hatte er aus 
Gesundheitsrücksichten ablehnen müssen. Und am 22. Sep- 
tember 1850 machte ein Schlagfluß seinem Leben ein sanftes 
Ende. Er starb auf Tellow. Sein Haus hatte er sorgfältig 
bestellt. So ist auch sein wissenschaftlicher Nachlaß erhalten 
geblieben. Er erschien als 2. Abteilung des 2. Teiles und 
als 3. Teil des isolierten Staates im Jahre 1863. Wichtiger 
noch sind die Briefe Thünens, die H, Schumacher-Zarchlin 
in seiner Thünenbiographie veröffentlicht hat. Sie ergänzen 
in glücklicher Weise das Bild des Forschers, das wir aus 
seinen Werken empfangen. Auf seinem Grabstein prangt 
das Zeichen Väp^ die Formel, die er für „den naturgemäßen, 
oder auch den natürlichen Arbeitslohn" gefunden zu haben 
glaubte und die nach seinen eigenen Worten besagt, daß 
„der naturgemäße Arbeitslohn, die mittlere Proportionalzahl 
zwischen dem Bedürfnis des Arbeiters und seinem Arbeits- 
produkt" sich ergebe, „wenn man die notwendigen Bedürf- 
nisse des Arbeiters (in Korn oder in Geld ausgesj)rochen) 
mit dem Erzeugnis seiner Arbeit (durch dasselbe Maß ge- 
messen) multipliziert und hieraus die Quadratwurzel zieht." 
Heute weiß jedermann, was Thünen übrigens bereits bei 
seinen Lebzeiten selbst erfuhr, daß mit diesem Satze in der 
Sozialpolitik nichts anzufangen ist. Und in der Tat liegt des 
Forschers Epoche machende Bedeutung auf einem anderen 
Gebiete. 

„Der heutige Tag wird in meinem Leben einen be- 
deutenden und angenehmen Abschnitt machen", so schrieb 
Thünen in der Sj^lvesternacht 1820 an seinen Bruder. „Denn 
ich habe heute eine zehnjährige, höchst mühsame Arbeit 
vollendet. Als ich vor 15 Jahren zuerst den Gesetzen über 



— VIII — 

die AussaüguDgskraft der Gewächse usw. auf die Spur kam, 
wurde ich von diesen Ideen begeistert; sie schienen mir 
wichtig genug, um ihrer Fortbildung mein Leben zu widmen. 
Es war füi- mich eine schöne Zeit, als ich, meiner Phantasie 
freien Spielraum lassend, Sclilüsse auf Schlüsse baute und 
immer zu neuen Entdeckungen fortschxitt. Aber ich bemerkte 
zu meinem Leidwesen bald, daß alles, was ich auf diese 
Weise schuf, in seinen Endresultaten doch nie mit der 
Wirklichkeit übereinstimmen konnte, und daß wenn ich etwas 
wahrhaft Nützliches und praktisch Brauchbares hervorbringen 
wollte, ich mir die Grundlage zu meinem Kalkül erst aus 
der Erfalirung nehmen müsse. Als ich dies erkannt hatte, 
legte ich mir das harte Gesetz auf, mit dem Fortschreiten 
der Ideen inne zu halten und alle Kraft und Zeit auf die 
Erforschung der Wü'klichkeit zu verwenden." So ward 
denn für ihn seit jener Einsicht die Feststellung des Er- 
fahrungsinhaltes zum Ausgangspunkte aller Betrachtung. 
Jedoch drängte ihn sein Erkenntnistrieb gebieterisch über diese 
Grenze hinaus. "> Er, der Smith mit gutem Grunde den Vor- 
wurf machte, er habe sich in einigen wichtigen Fällen damit 
begnügt, das Leben „abzuschreiben", statt es zu erklären, 
durfte nicht selbst dort Halt machen. Und er bediente sich 
dabei, ohne Ricardo gekannt zu haben, von Anfang an einer 
abstrakt isolierenden Methode, die er meisterhaft zu hand- 
haben verstand, „einer Form der Anschauung", von der er 
sagte, sie scheine ihm einer so ausgedehnten Anwendung 
fähig, daß er sie „für das Wichtigste in seiner ganzen Schrift 
halte". 

Diese Anschauungsform war der ,, isolierte Staat", eine 
„bildliche Darstellung die den Überblick erleichtert und er- 
weitert", ein „Spiegel, den die Theorie hinstellt, um in ihm 
die verworrenen imd sich kreuzenden Linien der Erscheinung 
in reiner Perspektive sichtbar werden zu lassen". Es handelt 
sich um eine Hilfskonstruktion, eine „Geistesoperation analog 



— IX — 

dem Verfahren, welches wir bei allen Versuchen in der 
Physik wie in der Landwirtschaft anwenden, wo wir näm- 
lich nur die eine zu erforschende Potenz quantitativ steigern, 
alle übrigen Momente aber unverändert lassen". Damit ver- 
läßt der Forscher keineswegs den festen Boden der Wirk- 
lichkeit. Vielmehr ist „das Prinzip, welches dem isolierten 
Staat seine Gestaltung gab, auch in der Wirklichkeit vor- 
handen ; aber die Erscheinungen, die dasselbe hier hervor- 
bringt, zeigen sich in veränderten Formen, weil zugleich 
sehr viele andere Verhältnisse und Umstände mitwirken". 
Diese gerade gilt es auszuschalten. „So wie der Geometer 
mit Punkten ohne Ausdehnung, mit Linien ohne Breite 
rechnet, die doch beide in der Wirklichkeit nicht zu finden 
sind : so dürfen auch wir eine wirkende Kraft von allen 
Nebenumständen und allem Zufälligen entkleiden , und nur 
so können wir erkennen, welchen Anteil sie an den Erschei- 
nungen hat, die uns vorliegen." 

Wenn wir aber jede wirkende Kraft von allen Neben- 
umständen und allem Zufälligen entkleiden, sie für die wissen- 
schaftliche Betrachtung isolieren dürfen, können wir es auch 
immer? Thünen selbst hat seine Methode wohl für „aus- 
gedehnter Anwendung fähig", keineswegs für die allein 
richtige erklärt. Ja, seine eigenen Untersuchungen zeigen 
die Grenzen ihrer Anwendbarkeit. Sie führte ihn bei seinen 
Forschungen über den Einfluß, den die Getreidepreise, der 
Reichtum des Bodens und die Abgaben auf den Ackerbau 
ausüben, zu unvergänglichen Wahrheiten ; im besonderen auch 
zu einer Richtigstellung von Smiths fehlerhafter Grund- 
rententheorie im Sinne Ricardos, dessen hohe Verdienste er 
willig anerkannte. Dagegen versagte sie bei seinen mit 
leidenschaftlichem Eifer durchgeführten Spekulationen über 
den „naturgemäßen" Arbeitslohn. Und doch sind auch Thünens 
sozialpolitische Betrachtungen fruchtbar gewesen. Mit genialem 
Scharfblick erkannte er, der ländliche Einsiedler, bereits um 



- X — 

die Mitte der zwanziger Jahre des vorigeü Jalirhuaderts die 
Gefahren, denen die moderne Gesellschaft entgegengehe, 
wenn es nicht gelinge, die Frage: „Welches ist der natur- 
gemäße Anteil des Arbeiters an seinem Erzeugnis?-' im Wege 
friedlichen Ausgleichs auf der Grundlage wissenschaftlicher 
Forschung zu beantworten. Ja, noch mehr; damals bereits 
sah er, daß der Kern des sozialen Problems, die Beseitigung 
oder doch Überbrückung der sozialen Klassengegensätze, 
schließlich eine Bildungsfrage, d. h. „nicht anders als durch 
Änderung des Volkscharakters" zu lösen sei. Und vielleicht 
kommt das „Traumbild", das er sehnsuchtsvoll von der 
gesellschaftlichen Ordnung einer besseren Zukunft entwarf, 
der Wirklichkeit näher als das der meisten seiner Vorgänger 
und Nachfolger. 

Mit List und Rodbertus zusammen gehört Thünen zu 
jener Gruppe von Forschern, die, obwohl außerhalb des aka- 
demischen Lebens und damit jeder schulmäßigen Organi- 
sation stehend, für die neuere Entwicklung der deutschen 
Nationalökonomie bahnbrechend geworden sind. Der historisch- 
realistischen Schule trugen sie die Leuchte voran. Von 
ihnen dreien ist Thünen vielleicht der glücklichste, jedenfalls 
deijenige gewesen, der, wenngleich auch er seiner Zeit 
vorauseilte, schon vor seinem Tode voll gewürdigt worden 
ist. In einem ganz besonderen Sinne war er Denker. 
„Es gibt", sagt er einmal, „keine wüi'digerc, mehr fördernde 
Beschäftigung als diese: den Gedanken in seinen letzten 
Schlupfwinkeln zu verfolgen und Jagd auf seine eigenen Irr- 
tümer zu machen." Nicht der praktische Zweck der Er- 
kenntnis lag ihm zunächst am Herzen, sie selbst war ihm 
leiden scliaftliches Bedürfnis. Dazu vereinigte er in sich nach 
Ehrenbei'g zwei Arten wissenschaftlicher Begabung, die sich 
nur selten in einem Individuum in solcher Vollendung zu- 
sammenfinden, die Fähigkeit zum genauen beobachten und 
die zum streng logischen denken. Und indem er nun, wie 



— XI — 

Rodbertus bemerkt, „die exakteste Methode mit dem menscheu- 
freuQdlichsten Herzens verband", entstanden jene Arbeiten, 
denen als den "Werken des Genius ewige Jugend verliehen 
ist. Darum hat Eoscher recht, wenn er von ihnen sagt: 
„Sollte imsere Wissenschaft jemals sinken, so gehören die 
Werke Thünens zu denjenigen, an denen sie die Möglichkeit 
hat, sich wieder aufzurichten." 

W. 



Der isolierte Staat 

in Bezieliiing auf 

Landwirtschaft und Nationalökonomie. 

Erster Teil. 

Untersuchungen über den Einfluß, den die Getreide- 
preise, der Eeiclitum des Bodens und die Abgaben 
auf den Ackerbau ausüben. 

Von 

Johann Heinrich von Thünen 

auf Tellow iu Mecklenburg. 



Rostock 1842. 



Vorrede zur zweiten Auflage. 



Die erste Auflage dieser Schrift, welche seit sieben 
Jahren vergriiTen ist, erschien im Jahre 1826. 

In dieser zweiten Auflage haben namentlich die Kapitel 
über Landrente, Statik des Landbaues, Viehzucht und Eaps- 
bau beträchtliche Zusätze erhalten. Auch habe ich das Ganze 
nochmals einer sorgfältigen Prüfung unterworfen, einzelne 
Punkte schärfer bestimmt, und da, wo eine längere Erfahrung 
mein Urteil berichtigt hat, Aenderungen getroffen. 

Vorzüglich ist mein Bemühen dahin gerichtet gewesen, 
Punkte, die teils durch, teils ohne meine Schuld missver- 
standen sind, ausführlich zu erörtern und zu erläutern, und 
ich hoffe, dass dadurch das Verständnis dieser Schrift be- 
deutend erleichtert ist. 

Da mir noch Materialien, die mit dem hier abgehandel- 
ten Gegenstand in Verbindung stehen, genug vorliegen, um 
einen zweiten Theii zu bilden, so habe ich diese Auflage des VI 
Werks, so weit es bisher erschienen ist, als ersten Teil 
bezeichnet. 

In dem zweiten Teil wird der isolierte Staat unter ver- 
änderten Voraussetzungen betrachtet werden, um die Ein- 
wirkung anderer Potenzen, als die hier in Betracht gezogenen, 

1* 



— 4 — 

kennen zu lernen und zu erforschen. Ferner gedenke ich 
in demselben die Berechnungen über die Bearbeitungskosten 
und den Reinertrag des Bodens, welche dieser Schrift zum 
Grunde liegen, mitzuteilen, die Untersuchung über die Forst- 
Avirtschaft zu erweitern, und Aufsätze über die mittlere Ent- 
fernung, über den Chausseebau etc. hinzuzufügen. 

Da demnach der zweite Teil Abhandlungen enthalten 
wird, die eine Trennung zulassen, und da es ungewiss ist, 
ob ich die Ausarbeitung des Ganzen werde vollenden können, 
so wird der zweite Teil vielleicht heftweise erscheinen. 

Noch bitte ich die Leser, die dieser Schrift ilu'e Zeit 
und Aufmerksamkeit schenken wollen, sich durch die im 
Anfang gemachten, von der Wirklichkeit abweichenden Vor- 
aussetzungen nicht abschrecken zu lassen, und diese nicht 
für willkürlich und zwecklos zu halten. Diese Voraus- 
setzungen sind vielmehr notwendig, um die Einwirkung 
einer bestimmten Potenz — von der wir in der Wirklichkeit 
VII nur ein unklares Bild erhalten, weil sie daselbst stets im 
Konflikt mit andern gleichzeitig whkeuden Potenzen er- 
scheint — für sich darzustellen und zum Erkennen zu bringen. 

Diese Form der Anschauung hat mir im Leben über 
so viele Punkte Licht und Klarheit gegeben und scheint mir 
einer so ausgedehnton Anwendung fähig, dass ich sie fiu- 
das Wichtigste in dieser ganzen Schrift halte. 

Tellow, im März 1842. 



J. H. V. Thüiieii. 



Inhalt. '^ 



Erster Abschnitt. 

Gestaltung- des isolierten Staats. 

Seite 

i; 1. . Voraussetzungen 11 

§ 2. Aufgabe 12 

S 3. Erster Kreis. Freie Wirtschaft 12 

i? i. Bestimmung des Getreidepreises in den verschiedenen 

Gegenden des isolierten Staats 15 

§ öa. Begriff der Landrente 23 

i; 5 b. Einfluß der Getreidepreise auf die Landrente ... 29 
g 6. Einfluß der Getreidepreise auf das Wirtschaftssystem 52 
§ 7 a. Einige Sätze aus der Statik des Landbaues .... 57 
j? 7 b. Weitere Ausführung einiger Teile der Statik des 

Landbaues 63 

ij 8. In welchem Verhältnis mu(J bei der Dreifelderwirt- 
schaft Acker und Weide gegeneinander stehen, wenn 
der Acker sich in gleicher Dungkraft erhalten soll? 90 
i5 9. Wie verhält sich der Körnerertrag des Roggens in 

der Koppelwirtschaft zu dem in der Dreifelderwirt- X 
Schaft, wenn die Ackerflächen, auf denen beide Wirt- 
schaftsarten betrieben werden, im ganzen gleichen 
Reichtum an Pflauzennahrung enthalten? .... 93 
§ 10. Arbeitsersparung in der Dreifelderwirtschaft im Ver- 
hältnis zur Koppelwirtschaft 97 

i? 11. Über den Einfluß, den die Entfernung des Ackers 

vom Hofe auf die Arbeitskosten hat 98 



- 6 — 

Seite 
Zusätze. A. Über die mittlere Entfernung des Ackers 

vom Hofe 105 

B. t'ber die Lage der Höfe in Mecklenburg- 108 

§ 12. Bestimmung der Landrente der Dreifelderwirtschaft 113 
§ 13. Einfluß der Entfernung des Ackers vom Hofe auf die 

Arbeitskosten bei der Dreifelderwirtschaft .... 115 
g 14 a. Vergleichung der Landrente bei der Koppelwirtschaft 

und der Dreifelderwirtschaft 120 

§ 14 b. Erläuterungen 126 

§ 15. Verhältnis der Dungproduktion und der mit Korn 
bestellten Fläche in der Koppel- und in der Drei- 
felderwirtschaft 129 

§ 16. Wirtschaftssystem mit höherer Dungproduktion . . 130 
§ 1 7. Resultate einer Vergleichung zwischen der belgischen 

und der mecklenburgischen Wirtschaft 142 

§ 18. Anführung einiger anderer Rücksichten bei der Wahl 

eines Wirtschaftssystems 160 

XI § 19. ZAveiter Kreis. Forstwirtschaft 176 

§ 20. Rückblick auf den ersten Kreis, in besonderer Be- 
ziehung auf den Bau der Kartoffeln 199 

§ 21. Dritten Kreis. Fruchtwechselwirtschaft 221 

§ 22. Vierter Kreis. Koppelwirtschaft 224 

§ 23. Fünfter Kreis. Dreifelderwirtschaft 225 

§ 24. Durch welches Gesetz wird der Preis des Getreides 

bestimmt? 225 

§ 25. Ursprung der Landrente 229 

§ 26 a. Sechster Kreis. Viehzucht 231 

§ 26 b. Fortsetzung 246 

§ 26 c. Fortsetzung 254 

Zweiter Abschnitt. 

Vergleichung des isolierten Staats mit der 
Wirklichkeit. 
§ 27. Rückblick auf den Gang unserer Untersuchung . . 264 
§ 28. Verschiedenheiten zwischen dem isolierten Staat und 

der Wirklichkeit 268 



Seitp. 

§ 29. Branntweiübreuuerei 275 

§ 30. Schäferei 277 

§ 31. Anbau der Handelsgewächse 291 XTI 

§ 32. Zu welchem Preise kann Flachs und Leinwand aus 
den verschiedenen Gegenden des isolierten Staates 

nach der Stadt geliefert werden? 312 

§ 33. Über die Beschränkung der Handelsfreiheit .... 318 



Dritter Abschnitt. 

Wirkung der Abgaben auf den Ackerbau. 

§ 34. Abgaben, die mit der Größe des Betriebes im Ver- 
hältnis stehen 325 

A. In BeziehuBg auf den isolierten Staat . . . 325 

B. In Beziehung auf die Wirklichkeit 329 

§ 35. Wirkung der Abgabe, wenn die Konsumtion au Korn 

dieselbe bleibt 333 

§ 36. Auflagen auf Gewerbe und Fabriken 339 

§ 37. Konsumtionssteuer und Kopfsteuer 343 

§ 38. Auflagen auf die Landrente 346 

Anhang 352 

Erklärangen und Bemerkungen zu den bildlichen Dar- 
stellungen des isolierten Staats . 386 



xiii Mafs, Münze und Gewicht, 

■welche in dieser Schrift vorkommen. 



Längenmaß. Die uiecklenburgische Ente von 16 Lübecker 
Fuß ä 129,0 Pariser Linien. 

Flächenmaß. Die mecklenbiirgische Quadratrute von 256 
Lübecker Quadratfuß. 

Getreidemaß. Der Berliner Scheffel von 2744,3 Pariser Kubik- 
zoll Inhalt. 

Münze. Wenn von Talern ohne weiteren Beisatz die Rede ist, 
so sind hierunter Tlr. Gold, fünf auf einen Ld'or gerechnet, 
zu verstehen. Es ist aber auch öfters nach Talern N% 
(Neue %) gerechnet, welche nach dem 18 Guldenfuß geprägt 
sind, und wovon 12 eine Mark fein Silber enthalten. 

Bei der Reduktion der neuen Münzsorte auf die andere 
sind immer 14 Taler N'^s gleich 15 Taler Gold gerechnet. 

GeAvicht. Das Hamburger Pfund von 10080 holländischen 
Assen. Der Zentner ist immer zu 100 solcher Pfunde gerechnet. 

VergleichuDg derselben 
mit denen einiger anderer Länder. 

a. Preußen. 

Maß. Der preußische (rheinländische) Fuß liält 139,is Pariser 
Linien; die Rute 12 Fuß; der Morgen 180 QK 



100 mecklenbiirg-ische QFuß sind gleich 85,9i preuß. □Fuß. 

100 mecklenburgische rjR. sind ^ 152,72 preuß. DE. 

Der preußische Morgen hält 117,s6 meckl. OE. 

Die Ernte von 10 Berl. Scheffel auf 100 meckl. n^- be- XIV 
trägt auf den Morgen 11,78 Berl. Scheffel. 
Münze. Preußisch Kurant, nach dem 21 Guldenfuß geprägt. 
6 Tlr. NVs sind = 7 Tlr. preuß. Kur. 

Der Ld'or ist demnach zum Kurs von 5 Tlr. 13 V» Silber- 
groschen gerechnet. 
Gewicht. Das preuß. Pfund hält 9750 holländische Assen; 
100 Hamburger Pfund sind demnach = 103,38 Berl. Pfund. 

b. Österreich. 

Der Wiener Fuß hält 140,i3 Pariser Linien; der Klafter 6 Fuß. 
Das Joch (Jochart) hält 1600 QKlafter = 57 600 GFaß. 
100 meckl. DFiiß sind = 84,74 Wiener \JF\iß. 
100 meckl. [JR. sind — 0,377 Jochart. 
1 Jochart ist =■ 265,5o meckl. QE. 
Das österr eichische Getreidemaß. Die Wiener Metze hält 
3101 Pariser K, Z. Der BerHner Scheffel ist = 0,885 Metzen. 
Die Ernte von 10 Berliner Scheffel auf 100 meckl. QE. be- 
trägt 23.30 Wiener Metzen vom Joch. 
Gewicht. Das Wiener Pfund hält 11656 holländische Assen. 
100 Hamb. Pfund sind = 86,4s Wiener Pfund. 

c. Eugland. 

Maß. Der englische Fuß hält 135,ie Pariser Linien. Der Acre 
4840 QYards = 43560 QFuß. 
100 meckl. nFuß sind = 91,o8 englische DFuß. 
100 meckl. ^E. sind = 0,535 engl. Acre. 
1 Acre ist = 186,8o meckl. QE. 
Das englische Getreidemaß. Der Bushel enthält 1780 
Pariser K. Z. 
Der Berliner Scheffel ist = 1,542 Bushel. 
Die Ernte von 10 Berl. Scheffel pr. 100 meckl, QE. ist 
= 28,80 Bushel pr. Acre. 



— 10 — 

Gewi cht. Das englische Pfund hat 9439 holländische Assen. 
100 Hamburger Pfund sind .= 106,79 englische Pfund. 

XV d. Frankreich. 

Maß. Das Meter hält iiS^^^ Pariser Linien. Der Hektar lOOÜO 
QMeter. 
100 meckl. GFuE sind = 8,^67 CMeter. 
100 meckl. \JR. sind = 0.2,, Hektar. 
1 Hektar ist = 461,6o meckl. QE. 
Das französische Getreidemaß. Der Hektoliter enthält 
5046,1 Pariser K. Z. 
Der Berliner Scheffel ist = 0,544 Hektoliter. 
Die Ernte von 10 Berl. Scheffel pr. 100 meckl. [IE. ist 
= 25,1 Hektoliter vom Hektar. 
Gewicht. Das Kilogramm hat 20816 holländische Assen. 
100 Hamburger Pfund sind = 48,40 Kilogramm. 



Die vorstehende Berechnung ist nach den Angaben in Thaers 
englischer Landmrtschaft , Band 2. entworfen. In späterer Zeit 
ist aber, wie ich meine, die Größe des englischen Getreidemaßes, 
des Bushel, etwas verändert worden. 



Erster Abschnitt. i 

Gestaltung des isolierten Staats. 



§ 1- 

Voraussetzungen. 

Man denke sich eine sehr große Stadt in der Mitte 
einer fruchtbaren Ebene gelegen, die von keinem schiifbaren 
Fhisse oder Kanäle durchströmt wird. Die Ebene selbst be- 
stehe aus einem durchaus gleichen Boden, der überall der 
Kultur fähig ist. In großer Entfernung von der Stadt endige 
sich die Ebene in eine unkultivierte Wildnis, wodui'ch dieser 
Staat von der übrigen Welt gänzlich getrennt wird. 

Die Ebene enthalte weiter keine Städte, als die eine 
große Stadt, und diese muß also alle Produkte des Kunst- 
fleißes für das Land liefern , so wie die Stadt einzig von 
der sie umgebenden Landfläche mit Lebensmitteln versorgt 
werden kann. 

Die Bergwerke und Salinen, welche das Bedürfnis an 
Metallen und Salz für den ganzen Staat liefern, denken wir 
uns in der Nähe dieser Zentralstadt — die wir, weil sie 
die einzige ist, künftig schlechthin die Stadt nennen werden 
— gelegen. 



12 — 



§ 2. 



Aufgabe. 

Es entsteht nun die Frage: wie wird sich unter diesen 

Verhältnissen der Ackerbau gestalten, und wie wird die 

2 größere oder geringere Entfernung von der Stadt auf den 

Landbau einwirken, wenn dieser mit der höchsten Konsequenz 

betrieben wird. 

Es ist im allgemeinen klar, daß in der Nähe der Stadt 
solche Produkte gebaut werden müssen, die im Verhältnis 
zu ihrem Wert ein großes Gewicht haben, oder einen großen 
Eaum einnehmen, und deren Transportkosten nach der Stadt 
so bedeutend sind, daß sie aus entfernten Gegenden nicht 
mehr geliefert werden können ; so wie auch solche Produkte, 
die dem Verderben leicht imterworfen sind und frisch ver- 
braucht werden müssen. Mit der größeren Entfernung von 
der Stadt wird aber das Land immer mehr und mehr auf 
die Erzeugung derjenigen Produkte verwiesen, die im Ver- 
hältnis zu ihrem Wert mindere Transportkosten erfordern. 

Aus diesem Grunde allein werden sich lun die Stadt ziem- 
lich scharf geschiedene konzentrische Kreise bilden, in welchen 
diese oder jene Gewächse das Haupterzeugnis ausmachen. 

Mit dem Anbau eines anderen Gewächses, als Haupt- 
zweck betrachtet, ändert sich aber die ganze Form der Wirt- 
schaft, und wir werden in den verschiedenen Kreisen ganz 
verschiedene Wirtschaftssysteme erblicken. 



§ 3. 
Erster Kreis. 

Freie Wirtschaft. 

Die feineren Gartcngewiiclisc , welche teils den Trans- 
port auf Wagen aus weiterer Ferne nicht ertragen können, 



— 13 — 

wie Blumenkohl, Erdbeeren, Salat ii. m. a., und deshalb nach 
der Stadt getragen werden müssen, teils nur in kleinen 
Quantitäten und ganz frisch abzusetzen sind, können nur in 3 
der Nähe der Stadt gebaut werden. 

Die Gärten werden also die nächsten Umgebungen der 
Stadt einnehmen. 

Außer den feineren Gartengewächsen ist die frische Milch 
eines der notwendigen Bedürfnisse der Stadt, deren Erzie- 
lung in diesem ersten Kreise geschehen muß : denn die Milch 
ist nicht bloß sehr schwierig und kostbar zu transportieren, 
sondern sie wird auch, besonders bei gi'oßer Hitze, nach 
wenigen Stunden ungenießbar, und kann deshalb aus gi'ößeren 
Entfernungen nicht zur Stadt gebracht werden. 

Der Preis der Milch muß so hoch steigen, daß das Land, 
was zum Zweck der Milcherzeugung verwandt wird, durch 
kein anderes Produkt höher genutzt werden kann. Da die 
Ackerpacht in diesem Kreise sehr hoch ist, so kommt ver- 
mehrte Arbeit hier wenig in Betracht. Von der kleinsten 
Fläche die größte Menge Viehfutter zu gewinnen, ist hier 
die Aufgabe. Man wird also möglichst vielen Klee bauen 
und Stallfütterung treiben : denn es ist entschieden, daß man 
bei der Stallfütterung, wo der Klee zur rechten Zeit gemäht 
werden kann, von derselben Fläche weit mehr Vieh unter- 
halten kann, als bei der Beweidung, wo die jungen Pflanzen 
durch das Zertreten und Abreißen stets in ihrem Wachstum 
gestört werden. Oder, wenn man der größeren Reinlichkeit 
wegen die "Weide dennoch vorziehen sollte, so können die 
Weideplätze nur klein sein, und das Vieh wird doch größ- 
tenteils mit abgemähtem grünen Klee und mit dem Abfall 
von Kartoffeln, Kolü, Rüben usw. unterhalten werden. 

Der unterscheidende Charakter dieses Kreises ist, daß hier 
der Dung größtenteils aus der Stadt angekauft und nicht, 
wie in den entfernteren Gegenden, auf den Gütern selbst er- 
zeugt wird. 



— 14 — 

4 Dies gibt diesem Kreise das Übergewicht über die ent- 
fernteren und macht es möglich, daß hier Produkte verkauft 
werden können, die die anderen Kreise zur Erhaltung der 
Fruchtbarkeit des Bodens selbst behalten müssen. 

Verkauf von Heu und Stroh ist hier, neben der Müch- 
produktion, Hauptzweck. Da die entfernteren Gregenden hier- 
bei nicht in Konkurrenz treten können, so muß der Preis dieser 
Produkte so hoch steigen, daß das Land dadurch am höchsten 
genutzt wird. Das Korn ist hier nur Nebensache, denn dies 
kann wegen minderer Landrente und geringeren Arbeitslohns 
in den abgelegenen Kreisen wohlfeiler gebaut werden. Man 
würde den Kornbau ganz aufgeben, wenn dieser nicht zur 
Gewinnimg des Strohes notwendig wäre, und man opfert 
durch dickes Säen einen Teil der Kornernte auf, um nur 
mehr Stroh zu erhalten. 

Außer der Milch, dem Heu und Stroh muß dieser Kreis 
die Stadt noch mit allen den Produkten versehen, die durch 
den Transport aus einer weiten Entfernung zu kostbar werden. 
Diese sind: Kartoffeln, Kohl, Rüben, grüner Klee u. m. a. 

Die kleinen, nicht verkäuflichen Kartoffeln und der Abfall 
von Kohl, Rüben usw. können als Futter für die Milchkühe 
hier ebenfalls am höchsten benutzt werden. 

Reine Brache findet in diesem Distrikte aus zwei ver- 
schiedenen Ursachen nicht statt: erstens, weil die Landrente 
zu hoch ist, um einen großen Teil des Feldes unbenutzt 
lassen zu dürfen ; zweitens, weil durch den unbeschränkten 
Ankauf des Dungs die Kraft des Bodens so hoch gehoben 
werden kann, daß die Gewächse, auch ohne die sorgfältige 
Bearbeitung des Bodens durch die Brache, dem Maximum 
ihres mögliclien Ertrages nahe kommen. 

Man wird die Früchte so hintereinander folgen lassen, 

daß jedes Gewächs den Boden in einem für dasselbe 

5 günstigen Zustande vorfindet; aber man wird nicht, des 

bloßen Wechsels wegen, Früchte bauen, die durch ihr Preis- 



— 15 — 

Verhältnis unvorteilhaft für diese Gegend sind. Hier findet 
also die sogenannte freie Wirtschaft — die in der Frucht- 
folge keiner Yorausbestimmung unterworfen ist — ihren Platz. 
Der Dungankauf aus der Stadt ist am vorteilhaftesten 
für den Teil des Kreises, der der Stadt am nächsten liegt. 
Mit der wachsenden Entfernung nimmt dieser Vorteil rasch 
ab, indem dadurch nicht allein die Anfuhr des Düngers, 
sondern auch das Verfahren der erbauten Produkte verteuert 
wird. Bei zunehmender Entfernung von der Stadt kommen 
wir bald in eine Glegend, wo es schon zweifelhaft wird, ob 
man noch mit Vorteil Dung aus der Stadt holen kann, und 
wir müssen dann bald die Gegend treffen, wo es entschieden 
vorteilhafter ist, den Dung selbst zu produzieren, als ihn zu 
kaufen — und hier ist dann die Grenze des ersten, und 
der Anfang des zweiten Kreises. 



§ 4. 

Bestimmung des Getreidepreises in den ver- 
schiedenen Gegenden des isolierten Staats. 

Ehe wir nun zur Betrachtung der Wirtschaft des zweiten 
und der folgenden Kreise übergehen können, müssen wir 
vorher zu bestimmen suchen , wie der Preis des Getreides 
sich mit der Entfernung von der Stadt ändert. 
Wir haben angenommen: 

1) daß die Zentralstadt der einzige Marktplatz für das 
Getreide sei; 

2) daß in dem ganzen Staat kein schiffbarer Kanal sei, und 
alles Getreide zu Wagen nach der Stadt gebracht 
werden müsse. 

Unter diesen Umständen normiert der Getreidepreis in 
der Stadt für das ganze Land. Auf dem Lande kann aber 



— 16 — 

6 der "Wert des Korns nicht so hoch sein, als der Marktpreis 
in der Stadt ist; denn um diesen Preis zu erhalten, muß 
das Korn erst nach der Stadt gefahi-en werden, und soNiel, 
wie dieses kostet, um so viel geringer ist der Wert des 
Korns auf dem Lande als in der Stadt. 

Um das Verhältnis der Wertsverminderung des Ge- 
treides in Zahlen auszusprechen, ist es notwendig, einen 
Standpunkt aus der Wirklichkeit zu entnehmen, und diesen 
in den isolierten Staat mit hinüber zu nehmen. 

Auf dem Gute T. (Tellow), Avelches 5 Meilen von dem 

Marktplatz Rostock entfernt ist, haben die Transportkosten 

für eine Fuhre Korn nach dieser Stadt, im Durchschnitt von 

5 Jahi'en, betragen: 3^/io Rostocker ScheiTel Roggen und 

52 
IjTTTT Taler N-Zs; welches in Berliner Schelfein und in 

57 
Gold , den Ld"or zu 5 Taler gerechnet, 2^?^^ Berliner 

Scheffel Roggen und Ittttt Taler Gold ausmacht*). 

Die gewöhnliche Ladung für ein Gespann von 4 Pferden 
beträgt 2400 tl. Das Futter, was für die Pferde auf 
2 Tage mitgenommen werden muß, wiegt ungefähr 150 ^.; 
an Korn kann also geladen werden 2400 — 150 = 2250 ^., 
welches 37 ^/2 Rostocker oder 26,78 Berliner Schfl. ausmacht. 
7 Annahme. In der Zentralstadt des isolierten Staats 

sei der Mittelpreis des Roggens für den Berliner Schfl. 

1 ^ 2 Tlr. Gold , und der Maßstab ffh- die Transport- 



*) Der Rostocker Scheffel ist gleich -'j-; Berliner Schcft'el; 
14 Taler N'^/j sind bei dieser und bei allen folgenden Reduktionen 
gleich 15 Tlr. Gold gerechnet. Wenn im Verfolg dieser Schrift 
von Talern und Scheffeln ohne weiteren Beisatz die Rede ist, so 
sind hierunter immer Taler Gokl und Berliner Scheffel zu ver- 
stehen. 



— 17 — 

kosten des Getreides sei derselbe, den wir aus der 

Wirklichkeit für das Gut T. gefunden haben. 

Wir fragen nun, wie hoch wird unter diesen Voraus- 
setziuigen der Wert des Getreides in dem isolierten Staate, 
auf dem 5 Meilen von der Stadt entlegenen Gute sein? 

Für eine Fuhre von 26,7s Berl. Schfl. Roggen w^erden 
in der Stadt eingenommen 26,78 X 1^/2 = 40,i7 Tlr. Gold. 
Die Transportkosten betragen 1,63 Tlr. Gold und 2,57 Schfl. 
Roggen. Zieht man diese ab, so bleiben von der Einnahme 
38,54 Tlr. minus 2,57 Schfl. Roggen. Oder für 26,78 Schfl. 
Roggen, die nach der Stadt gefahren sind, und für 2,57 Schfl., 
die der Transport gekostet hat, zusammen also für 29,35 Schfl. 
Roggen, beträgt die Geldeinnahme 38,54 Tlr. Dies macht für 
1 Schfl. 1,313 Tlr. 

Für 10 Meilen Entfernung von der Stadt erfordert die 
Fuhre hin und zurück 4 Tagereisen. 

An Futter muß alsdann mitgenommen werden 300 U.. 
Die Kernladung beträgt also 2400 — 300 = 2100 fl. 

Die Transportkosten betragen 2 X 2,5? = 5,i4 Schfl. 
Roggen und 2 X 1,63 = 3,26 Tlr. 

Durch eine ähnliche Rechnung, wie oben, ergibt sich 
dann, daß bei der Entferniing von 10 Meilen der Wert des 
Scheffels Roggen auf dem Gute selbst l,i36 Taler betiägt. 

Aus der Anwendung dieser Berechnung auf größere 
Entfernungen geht nun folgende Tabelle hervor: 

1000 Berüner Schfl. Roggen sind Gold { 

wert : Taler 

In der Stadt selbst 1500 

Auf dem Gute 5 Meilen von der Stadt entfernt 1313 

10 „ 1136 

15 „ 968 

20 „ 809 

25 „ 656 

30 „ 512 

Thünen, Der isolierte Staat. 2 



— 18 — 

Taler 
Auf dem Gute 35 Meilen von der Stadt entfernt 374 

40 „ • . 242 

45 „ 116 

49,95 Meilen . 

Unter diesen Yerhältnissen ist der Transport des Korns 
auf 50 Meilen unmöglich, weil die ganze Ladung oder deren 
Wert auf der Hin- und Zurückreise von den Pferden und 
den dabei angestellten Menschen verzehrt wird. 

Aus dieser Ursache müßte in der Entfernung von 50 
Meilen die Kultur des Bodens aufhören, wenn auch die 
Hervorbringung des Korns gar keine Kosten verursacht; da 
aber die Produktion des Getreides überall Arbeit und 
Kosten erfordert, so wird der Reinertrag des Laudbaues 
schon in weit geringerer Entfernung von der Stadt aufhören, 
und mit dem Reinertrag endet aucli die Kultur des Bodens. 

Es mag unrichtig erscheinen, bei der Berechnung der 
Trausi:)ortkosten für große Entfernungen anzunehmen, daß 
der Wagen das Futter, welches die Pferde auf der Hin- 
und Zurückreise gebrauchen, gleich mitnimmt, da doch das 
Futter auf der Rückreise wohlfeiler zu kaufen sei, als es 
hier durch die Verminderung der Ladung kostet. 

Das Futter, was unterwegs gekauft wird, ist nicht für 
den Preis, den es an dem Orte beim Verkauf wirklich gilt, 
9 zu haben , sondern es muß auch der Handelsvorteil , den 
der Wirt oder der Unterhändler dafür nimmt, mitbezahlt 
werden. Jedoch kann die Bezahlung dieses Handelsprofits 
nicht so kostbar Averden, als die Mitnahme des Futters auf 
großen Reisen. 

Für weite Entfernungen kommt aber noch folgender 
Punkt in Betracht: 

Die Transportkosten sind danach berechnet, was sie für 
eine Entfernung von 5 Meilen wirklich kosten. Die Pferde, 
welche im Sonuner das Feld bestellen, verfahren hier im 



— 19 — 

Winter das Korn. Es brauchen also keine besonderen Pferde 
dazu gehalten zu werden, und auf das Konto des Korn Ver- 
fahrens kommen bloß diejenigen Kosten, welche durch die 
verstärkte Arbeit der Pferde selbst hervorgebracht werden, 
als Hufbeschlag, Abnutzung des AVagengeräts , vermehrtes 
Futter usw.; nicht aber die Zinsen vom Kapital wert der 
Pferde, und das Futter, was die Pferde im Winter zu ihrem 
Lebensunterhalt gebrauchen. 

Für weite Entfernungen müssen aber zum Kornverfahren 
eigene Gespanne gehalten werden, und dadurch vermehren 
sich die Transportkosten in Schfl. Roggen ausgedrückt, für 
die entfernten Gegenden sehr beträchtlich. 

Diese erhöhten Kosten betragen wahrscheinlich reich- 
lich soviel, als durch den Ankauf des Futters unterwegs er- 
spart werden kann ; wenigstens vermindern sich die beiden hier 
wissentlich gemachten Fehler gegenseitig, und ich habe unter 
mehreren Versuchen die Transportkosten auf eine andere 
Art zu berechnen, der hier gewählten Methode, als der zu- 
treffendsten, den Yorzug geben müssen. 



In der Folge kommen wir oft in die Lage, den Wert 
des Roggens auch für solche Entfernungen von der Stadt, 
die in obiger Tabelle mit angeführt sind, wissen zu müssen. 10 
Wir bedürfen deshalb einer allgemeinen Formel, und müssen, 
ehe wir weiter gehen, folgende Frage lösen. 

Wie hoch ist der Wert des Roggens auf einem Gute, 
welches x Meilen vom Marktplatze entfernt ist? 

Die ganze Ladung eines Wagens beträgt 2400 Z^-, oder 

2400 
da wir den Schfl. Roggen zu 84 fL annehmen, -qj— Schfl. 

Roggen. Hiervon geht aber das mitzunehmende Pferdefutter 
ab, welches auf .5 Meilen 150 //., auf x Meilen also 30 x it. 
beträgt. 

2* 



— 20 — 
Zur Stadt gebracht werden also nur 2400 — 30 x ü.^ 
oder ~ — -5-j Schfl. Roggen; wofür die Einnahme, den 

Schfl, Roggen zu IV2 Tk. gerechnet, 57 — '— X 1^''2 

=z '- T-7- Taler beträgt. 

Die Transportkosten betragen auf 5 Meilen 2,57 Scheffel 
Roggen und l,e3 Taler; auf x Meilen also 

2,57 X Schfl. + 1,63 X ^^^^^ 

5 

T^ 1 rv 1, 3600 — 45 X _, , 

von der Einnahme = 07 Taler müssen ab- 
gezogen werden 
die Transportkosten = — \. ""' ^• 

., , 3600—45 X ^, 1,63 X Th-. 2,57 x Schfl. 
Dies gibt gl Tk. '—^ V 

, 18000 — 361,92 X ^ , 2,57 X Schfl. 

oder ttjt;^ — Taler 



420 ""'"' 5 

Dies ist die reine Einnahme für die nach der Stadt 

gebrachte Ladung von - — -^-j Scheffel Roggen; 

2400 — 30 X 
11 öl— — — Scheffel Roggen sind also im Wert 

= TpTj — ^ Taler — ~^., — Scheffel Roggen 

oder ^ Schfl. Roggen -\ — ^^ — Scheffel Roggen 

18000 — 361,92 X ^, ^ 12000 + 65,88 x _, , ^ „ 
^ 42Ö Tlr.,also ^^^ Schfl. R. 

= ^^^^^~Q^^'"'^ Taler, oder 12000 + 65,S8X Seh. R. 
_ 18000 — 361,92 X Taler. 



— 21 — 
Hieraus ergibt sich 

der Wert eines Scheffels Roergen T?i7^r/r"i" r--' ^" Tlr. 

°° 12000 -f- 60,88 X 

Diese Formel kann mit einer sehr geringen Abwei- 
chung in folgende verkleinert werden: 1 Scheffel Roggen 
273 — 5,5 X 



182 -fx 



Taler. 



Berechnung der Fracht, die es kostet, eine 

volle Ladung von 2400 /'' nach der Stadt 

zu bringen. 

Soll die ganze Ladung nach der Stadt kommen, so 
müssen den mit Waren oder Produkten beladenen Wagen 
andere Wagen, die das für die Pferde nötige Futter fahren, 
beigesellt sein. 

Für 5 Meilen Entfernung von der Stadt besteht sonst 
die Ladung eines Wagens aus 2250 fi. Korn oder Waren, 
und aus 150 fl. Futter. Hier wird also, um 15 volle La- 
dungen ä 2400 fl. nach der Stadt zu bringen, ein Wagen 
mit Futter für die Pferde erfordert. 

16 Gespann Pferde, deren Arbeit 16 X (2,57 Schfl. 
Roggen -j- 1,63 Th\) kostet, bringen also nur 15 Ladungen 
nach der Stadt, welches an Fracht oder Transportkosten für 12 

1 fi 
eine volle Ladung j^- (2,57 Schfl. Roggen -\- 1,C3 Tlr.) ergibt. 

Auf 10 Meilen Entfernung muß sonst ein Wagen 300 /^. 
Futter mitnehmen, und die Ladung selbst beträgt nur 
2100 fl. Auf 7 Wagen mit voller Ladung kommt also 1 Wagen 
mit Futter, und die Fracht für eine volle Ladung, die nach 

der Stadt gebracht wird, beträgt also y (2,57 SchH. Roggen 

+ 1,G3 Tk.). 

Auf X Meilen Entfernung beträgt das mitzunehmende 



— 22 — 

Futter für jeden Wagen 30 x /?. , und die Ladung bleibt 

2400 — 30 X it. Sollen nun einige Wagen ganz mit Korn 

beladen werden, so muß für jeden 30 x it. Futter auf einem 

anderen Wagen mitgenommen werden. Ein Wagen kann 

, T. . 2400 — 30 X 

also das J utter für ■ 7^ andere Wagen mitnehmen ; 

30 X ° ' 

oder auf - — ^ä Wagen mit voller Ladung gehört ein 

Wagen mit Futter. 

- — g^^ ^-1 Wagen = —-- Wagen, wovon 

. , 2,57xSchfl. Eoggen -4- 1,63 x Tlr. , , , 

jeder — ^f ' — kostet, die zu- 

, 2400 (2,57 X Schfl. Roggen + 1,64 x Tlr.) 

sammen also ^tt" ~~~ 

30 X o 

kosten, bringen - — ^^^-^ — ^ volle Ladungen nach der Stadt. 

Die Fracht für jede einzelne Ladung beträgt also 

/ 2,57 X Scheffel Roggen -[- 1,63 x Taler \ 2400 

\ 5 / 2400 — 30 X 

1 c 
;^3 = (2,57 X Scheffel Roggen -|- 1,63 x Taler) ^^ 

41x Schfl. + 26x Tlr. ^^ . ^ ^ 

= ^,7, — ' . Nun ist der rreis eines 

80 — X 

Schfl. Roggen in der x Meilen von der Stadt entfernten 

273 — 5,5X 

^^^^^^ = 182 + X • 

Setzen wir in obiger Formel für den Roggen diesen 

Preis, so erhalten wir 

11193 X — 225x2 26 X _ 15925 x — 199,5x2 

(182^'x)' (80 —^) + "80 — x ~ (182 + x) (80 — x). 

Diese Formel stimmt bis auf eine unbedeutende Kleinigkeit 

. . , . . 199,5X 

mit folgender überein: -|qo~ i — :• 



Ich nehme nun hiernach, in allen folgenden Berech- 
nnngen, die Fracht oder die Transportkosten für eine Ladung 

von 2400 U. zu ^39 '1_^^ Tlr. an. 

Ist nun die Entfernung so beträgt die Fracht 

von der Stadt, oder für eine Ladung 

x=l 1,00 Tlr. 

X=5 5,33 „ 

X = 10 10,4 „ 

X = 20 19,8 „ 

X = 30 28,2 „ 



§ 5a. 

Begriff der Landrente. 

Wir müssen die Gutseinkünfte von dem Ertrage, den 
der Boden an sich gibt, genau unterscheiden. 

Ein Gut ist stets mit Gebäuden, Einzäunungen, Bäumen 
und anderen Gegenständen von Wert, die vom Boden ge- 
trennt werden können, versehen. Die Einkünfte, die ein 
Gut gewährt, entspringen also nicht ganz aus dem Grund 14 
und Boden, sondern sind zum Teil nur Zinsen des in diesen 
Wertgegenständen steckenden Kapitals. 

Was nach Abzug der Zinsen vom Wert der Gebäude, 
des Holzbestandes , der Einzäunungen und überhaupt aller . 
Wertgegenstände, die vom Boden getrennt werden 
können, von den Gutseinkünften noch übrig bleibt, und so- 
mit dem Boden an sich angehört, nenne ich Landrente. 

AVer ein Gut kauft, auf welchem sämtliche Gebäude, 
Bäume und Einzäunungen niedergebrannt sind, wird bei der 
Veranschlagung des Werts zwar zuerst berechnen, welchen 
Reinertrag dieses Grundstück, nachdem es mit Gebäuden etc. 



— 24 — 

versehen ist, geben -vsttcI — dann aber die Zinsen des auf 
Errichtung der Gebäude etc. zu verwendenden Kapitals in 
Abzug bringen, und nach der dann übrig bleibenden Rente 
den Kaufpreis bestimmen. 

Was sich hiernach im praktischen Leben so einfach dar- 
stellt, hat aber in der wissenschaftlichen Auffassung Schwierig- 
keiten gefunden und zu Begriffsverwirrungen geführt. 

Nach Adam Smith*) — dem in diesem Punkt, bis auf 
die neuere Zeit, die mehrsten Lehrer der Staatswirtschaft 
gefolgt sind — bildet das, was von dem Produkt eines Land- 
guts oder von dem Geldbetrag dieses Produkts übrig bleibt, 
nachdem der Pächter die Arbeiter bezahlt, die übrigen Wirt- 
schaftskosten getragen, und für sein aufgewandtes Kapital 
den üblichen Kapitalgewinn gezogen hat, „die Landreute". 

Hieraus und aus der Anwendung, die Adam Smith von 
dem Worte „Landrente" macht, folgt, daß derselbe die Ein- 
15künfte, welche der Gutsherr von einem verpachteten Gute 
bezieht, „Landrente" nennt. 

Diese Rente, welche ich künftig .,die Gutsrente" nennen 
werde, ist aber, wie wir gesehen haben, zusammengesetzt aus 
der Rente des Bodens und den Zinsen vom Wert der 
Gebäude etc. 

Zwischen der Größe des auf diese Weise in einem Gute 
angelegten Kapitals und der Rente vom Boden selbst, ist 
aber kein bestimmtes Verhältnis vorhanden, sondern es kann 
vielmehr nach Verschiedenheit des Preises der Produkte, der 
]»hysi.schen Beschaffenheit des Bodens etc. zwischen beiden 
jedes Verhältnis stattfinden. In Adam Smiths Landrente 
(Gutsrente) liegt also in keiner Weise ein Maßstab für die 
eigentliche Land- oder Bodenrente. Indem man den Preis 
der Waren in die drei Bestandteile: Arbeitslohn, Kapital- 



*) Man vergleiche dessen Untersuchuugen übir den National- 
reiehtum 11. Kapitel. 



gewinn und Landrente zerlegt, während die Landrente — in 
Adam Smiths Sinn — selbst wiederum ein unbestimmtes 
Maß von Kapitalgewiun enthält, verschwindet alle Klarheit 
und Bestimmtheit der Begriife. 

Will man hiernach zeigen, wie eine Änderung im 
Kapitalgewinn, bei gleichbleibendem Arbeitslohn und unver- 
änderter Landrente, auf den Preis der Waren wirkt: so 
bleibt der Teil des Kapitalgewinns, welcher in der Land- 
rente (Gutsrente) enthalten ist, unberücksichtigt. Will man 
andererseits darstellen, wie eine Erhöhung der Landrente, 
wenn Arbeitslohn und Kapitalgewiun dieselben bleiben, den 
Preis der Waren ändert, so erhöht man mit der Landrente 
zugleich den darin enthaltenen Teil des Kapitalgewinns, 
welcher doch unverändert bleiben soll — und so gelangt 
man in beiden Fällen zu unrichtigen Resultaten. 



Adam Smiths Ansicht von der Landrente gründet sich 16 
wohl auf folgende Betrachtung. 

Das in den Gebäuden eines Guts angelegte Kapital 
kann nicht wieder hinweggenommen und in ein anderes 
Gewerbe gesteckt werden. Es ist dadurch gleichsam mit dem 
Boden verwachsen und kann nur Zinsen tragen, wenn der 
Boden bebaut wird. Wenn nun infolge des Fallens der 
Preise der ländlichen Erzeugnisse die Gutsrente so tief sinkt, 
daß sie weniger beträgt als die Zinsen des in dem Wert 
der Gebäude steckenden Kapitals : so verschwindet die Boden- 
rente nicht allein, sondern wird sogar negativ. Dies kann 
aber den Eigentümer des Guts nicht abhalten, den Boden 
ferner zu kultivieren, indem er sonst alle Einkünfte seines 
verwandten Kapitals verlöre. Bleibt dagegen die Gutsrente 
unverändert, während der landübliche Zinsfuß steigt : so sinkt 
die Bodenrente genau um so viel, als die Rente vom an- 
gelegten Kapital steigt. Zwischen beiden Arten von Renten 
findet also eine Wechselwii'kung statt, und da der Landbau 



— 26 — 

noch fortdauert, wenn auch die Bodenrente schon negativ 
geworden : so scheint es, als sei die Trennung der Gutsrente 
in Boden- und Kapitalrente unzulässig und zugleich auch 
unnütz, da die Gutsrente (Landrente nach Adam Smith) 
doch der eigentliche Regulator sei. 

So erscheint es allerdings, wena man die Betrachtung 
auf einzelne Fälle und auf kurze Zeiträume beschränkt. Aber 
anders stellt es sich dar, wenn der Blick auf das Allgemeine 
gerichtet, und der letzte Erfolg ins Auge gefaßt wird. 

Denken wir uns, daß ein durch Arbeit und Sparsamkeit 
neu geschaffenes Xapitel in den vorhandenen Gewerben zu 
dem üblichen Zinssatz keine Anwendung mehr finde, 
daß der Besitzer des Kapitals sich deshalb entschließt, ein 
17 bisher unbenutztes, wertloses Stück Land zu kultivieren und 
mit Gebäuden zu versehen, und daß der Kapitalist bei dieser 
Anwendung seines Kapitals von demselben gerade den im 
Lande üblichen Gewinn bezieht. Wenn wir nun — um 
nicht zwei voneinander ganz unabhängige Potenzen zugleich 
in Betracht zu ziehen, und dadurch die Übersicht zu ver- 
wirren — von den Kosten der Urbarmachung des Bodens 
hier ganz abstrahieren : so besteht unter diesen Yerhjiltnissen 
die ganze Gutsrente aus Kapitalgewinn, und die Bodenrente 
selbst ist = 0. 

Gesetzt nun, der Zinsfuß stiege von 4 auf 5% bei 
unveränderten Gutseinkünften: so wird die Bodenrente ne- 
gativ, aber wegen der Unbeweglichkeit des in den Gebäuden 
angelegten Kapitals wird der Landbau fortgesetzt. 

Werden aber die Gebäude durch eine Feuersbrunst in 
Asche gelegt, so wird kein neues Kapital zum Wiederaufbau 
derselben angeschafft, und der Boden bleibt wieder wüst 
liegen. 

Die Feuersbrunst zerstört auf einmal; der Zahn der 
Zeit bewirkt ebenfalls eine Zerstörung der Gebäude, nur viel 



— 27 — 

langsamer. Siud die Gebäude durch ihr Alter einmal un- 
brauchbar geworden und zusammengefallen, so werden sie 
unter diesen Verhältnissen auch nicht wieder aufgebaut, 
und das Land bleibt dann gleichfalls wüst liegen. 

Sind nun im Laufe eines Jahrhunderts sukzessive 100 
solcher Güter entstanden, und beträgt die Dauer der auf 
diesen Gütern errichteten Gebäude 100 Jahre : so wird jähr- 
lich eins dieser Güter verlassen werden, und nach einem Jahr- 
hundert ist die ganze neue Schöpfung wieder verschwunden. 

Über den dauernden Anbau des Bodens entscheidet 
also nicht die Größe der Gutsrente, sondern allein die Größe 
der Bodenrente. 

Aus Adam Smiths Ansicht von der Landrente, nach 18 
welcher die Zinsen des auf die Errichtung der Gebäude ver- 
wandten Kapitals als Bodenertrag angesehen werden, gehen 
mehrere Irrtümer seines Systems hervor, namentlich: 

1. daß der Boden überall, wo er bebaut wird, eine Rente 
abwerfe ; 

2. daß die auf den Landbau gewandte Arbeit vorteil- 
hafter und produktiver sei als die auf die Gewerbe 
gewandte ; 

3. daß die Natur beim Landbau mitarbeite, während sie 
bei den Manufakturen nichts tue. 

Hierauf ist in der Kürze zu entgegnen: 

1. Wenn man die Zinsen vom Wert der Gebäude, worin 
eine Manufaktur betrieben wird, nicht in Abzug bringt, 
so liefert dies Gewerbe gleichfalls eine Rente. 

2. Wenn ein solcher Abzug nicht stattfindet, so bleibt von 
dem Arbeitsj)rodukt der Arbeiter, nachdem der Unter- 
nehmer für seine Mühe und für das in Maschinen, 
Vorräten etc. (mit Ausschluß der Gebäude) steckende 
Kapital den üblichen Gewinn bezogen hat, weit mehr 
übrig, als die Konsumtion der Arbeiter beträgt; die 
Arbeit ist hier also ebenfalls sehr produktiv. 



— 28 — 

3. Ohne Mitwirkung der Naturkräfte können die Gewerbe 
ebensowenig als der Landbau betrieben werden. 

Daß ein so tiefer Denker wie Adam Smith, in dessen 
Untersuchungen über den Nationalreichtum ich eine un- 
erschöpfhche Quelle der Belehrung finde, weil in ihnen die 
Werkstatt des forschenden, erfindenden Geistes dem Be- 
schauer geöffnet ist — daß ein solcher Mann über das Wesen 
der Ijandrente im Dunkeln blieb, während er über so viele 
andere Gegenstände der Staatswirtschaft ein so helles Licht 
verbreitete, läßt sich vielleicht aus folgender Ursache erklären : 
19 Adam Smiths System ist ursprünglich wohl aus dem 
physiokratischen System Jiervorgegangen , und wenn Adam 
Smith auch den falschen Satz der Physiokraten : „die auf 
den Landbau gewandte Arbeit ist die einzige produktive" 
milderte und berichtigte, so kannte er doch das innere Wesen 
des Landbaues nicht genug, um sich durch eigene Anschauung 
von dem Irrtum der Physiokraten ganz losmachen zu können. 

Ricardo berichtigt in seinem Werk über politische (Jko- 
nomie — welches ich beim ersten Entwurf dieser Schrift noch 
nicht kannte — Adam Smiths Ansicht von der Landrente 
und stellt folgenden Satz auf: „die Bodenrente ist der Geld- 
betrag, den der Eigentümer für die Benutzung der ursprüng- 
lichen und unzerstörbaren Kräfte seines Bodens erhält." 

Dieser Definition gemäß trennt Kicardo auch die Zinsen 
des in den Gebäuden steckenden Kapitals von dem Ertrage 
des Bodens selbst. 

Es ist interessant und lehrreich zu sehen, wie Say in 
seinen Noten zu Ricardos Werk und in seinem Traite 
d'ucononiie politi(]ue die richtige Ansicht Ricardos zu be- 
kämpfen und die irrige festzuhalten bemüht ist. 

Wenn dies aber einem Mann von Says Geistosklarheit 
begegnen kann, so liegt darin eine Warnung für jeden, auf 
seiner Hut zu sein, um sicli die Geistesfrcilieit zu bewahren. 

Man muß die Kraft haben, zu vergessen was man weiß, 



— 29 — 

um eine Wahrheit, die mit den eigenen Irrtümern im AVider- 
streit ist, auffassen und in sich aufnehmen zu können. 



Da Adam Smiths Begriff von der Landrente noch viele 
Anhänger hat und die Übertragung dieses Begriffs auf das 
was ich Landrente nenne, notwendig verwirrend auf alles, 
was im Verfolg dieser Schrift über diesen Gegenstand gesagt 
wird, wirken muß : so habe ich geglaubt, durch eine Gegen- 20 
einanderstellung beider Ansichten dem Mißverständnis vor- 
beugen zu müssen. 



§ 5 b. 

Einflufs der Getreidepreise auf die Landrente. 

Wir kommen nun zu dem Punkte, von wo die Unter- 
suchungen des A^erfassers eigentlich begonnen haben. 

Er fühlte, durch eine innere Notwendigkeit getrieben, 
das Bedürfnis, über den Einfluß der Getreidepreise auf den 
Landbau und über die Gesetze, wodurch der Getreidepreis 
reguliert wird, zur klaren Ansicht zu gelangen. 

Zur Lösung dieser Aufgabe war eine genaue aus der 
Wirklichkeit selbst geschöpfte Berechnung, über die mit dem 
Landbau und mit jedem einzelnen Zweige desselben ver- 
knüpften Kosten, unentbehrlich. 

Dem Verfasser lagen zu diesem Zwecke, die von ihm 
selbst geführten, sehr ins einzelne gehenden Rechnungen des 
Gutes T. vor. 

In dem Arbeitsjournal dieses Guts wird jede auf dem 
ganzen Gute geschehene Arbeit verzeichnet, und dies Journal 
wird am Ende des Jahres in eine Übersicht zusammen- 
getragen, woraus sich dann ergibt, wie viele Menschen zum 



— 30 — 

Hacken, Mähen usw. erforderlich waren, und wie gi'oß das 
Arbeitsr^uantum eines Arbeiters, eines Gespanns Pferde usw. 
gewesen ist. 

Die Geld- und Kornrechnung, verbunden mit der Arbeits- 
rechnung, liefern die Data zu der Berechnung der Kosten 
der arbeitenden Kräfte, z. B. der Kosten einer Tagelöhner- 
familie, eines Gespanns Pferde, eines Wechselhackens usw. 

Aus der Quantität Arbeit, die die Bestellung eines 
Feldes und die Einerntuug einer Frucht erfordert, und aus 
21 den Kosten der Arbeiten ergeben sich dann die Produktions- 
kosten dieser Frucht ; und endlich geht aus dem Roherträge 
nach Abzug der Produktionskosten der reine Überschuß, 
den der Anbau der Frucht liefert, hervor. 

Eine solche Berechnung des Reinertrags jeder einzelnen 
Frucht, der Holländerei, der Schäferei und jedes einzelnen 
Zweigs der Wirtschaft, habe ich von dem Gute T. für die 
fünf Jahre von 1810 bis 1815 durchgeführt — und diese 
spezielle BerechnuDg hat mit der Summe des Rein- 
ertrags eine Übereinstimmung bis auf 29,>. Taler jährlich 
gegeben. 

Die Resultate dieser Rechnung sind nun die Grundlage 
für alle in dieser Schrift weiterhin vorkommenden Berech- 
nungen und Folgerungen. 

Indem wir aber von den Erfahrungen, die ein einzelnes 
Gut in einem bestimmten Zeitraum geliefert hat, ausgehen, 
wird die eigentliche Aufgabe für unsere nächsten Unter- 
suchungen folgende: 

wie muß sich die Landrente und die Bewirt- 
schaftungsart des Gutes T. ändern, wenn wir 
stufenweise immer niedrigere Kornpreise an- 
nehmen. 

Der isolierte Staat ist bei dieser ganz auf der Wirklich- 
keit beruhenden T^ntersuchung nur eine bildliche Dar- 
stellung, eine Form, die den Überblick erleichtert und 



— 31 — 

erweitert*); die wir aber nicht aufgeben dürfen, weil sie, 22 
wie die Folge ergeben wird, so reich an Resultaten ist. 



*) Ein Fremicl, dem ich das Manuskript mitteilte, machte zu 
dieser Stelle folgende Bemerkung: 

„Ein Spiegel , den die Theorie hinstellt , um in ihm die ver- 
„worrenen und sich kreuzenden Linien der Erscheinung, in reiner 
„Perspektive sichtbar werden zu lassen." 

„ — Eine Form, mit der wir den Brennpunkt der Erscheinung 
„meinen getroffen zu haben, so daß wir fast analytisch daraus 
„die einzelnen vereinigten Richtungen entwickeln können, indem (22) 
„wir zugleich durch eine geistige Synthesis das Ganze natur- 
„gemäß erbauen.'" 

„ — Was wir tun, ist im Grunde dies, daß wir einen kleinen 
„bestimmten Punkt der Erfahrung, ein einzelnes Gut, zur wissen- 
„schaftlichen Höhe, d. h. zur Allgemeinheit zu erheben versucht 
„haben; denn in der Tat muß jedes Glied eines organischen 
„Ganzen auch in dieser vereinzelten Gestalt den allgemeinen 
„Typus an sich hervortreten lassen, und nur, indem wir das all- 
„gemeine Gesetz an solchen bestimmten Punkten nachzuweisen, 
„oder das Vereinzelte unter seiner urbildlichen Form aufzustellen 
„imstande sind, können wir sagen, daß uns die erscheinende Welt 
„und ihr Gesetz klar geworden sei. Und zu solcher Auffassung 
„sind wir hier vollkommen berechtigt, ja aufgefordert; denn die 
„bürgerliche Gesellschaft und der Staat sind keine Maschine, 
„bei der Ursache und Wirkung sich trennte, sondern ein wahrhaft 
„organisches Gebilde, daher hier eben so alles bewirkt als selber 
„wirkend wird, kurz es findet hier eine Wechselwirkung statt." 

„Bei einer Wechselwirkung ist aber klar, wie sehr daselbst 
„jeder Punkt, jedes Moment, sobald es im ganzen tätig ist, auch 
„den ganzen Zusammenhang müsse in sich aufgenommen haben, 
„um nur tätig sein zu können. Solchen Zusammenhang nach 
„seinem Bedürfnis einzusehen, ist die Aufgabe des denkenden 
„Landwirts, der aber eben durch diesen Zusammenhang in die 
„Sphäre der Nationalökonomie wird verwiesen werden. Was ihm 
„dann früher äußere Not und Notwendigkeit däuchte, wird ihm 
„nun als Gesetz innerer Belebung befriedigend entgegentreten." 



— 32 — 

Id dem isolierten Staat nelimen die Kornpreise immer 
mehr ab, je weiter ein Gut von der Stadt entfernt liegt. 
Wenn wir nun für das Gut T, berechnen, wie sukzessiv 
verminderte Preise auf die Bewirtsehaftuugsart des Guts 
23 einwirken : so können wir für jeden angenommenen Preis in 
dem isolierten Staat einen Standpunkt nachweisen, wo der- 
selbe Preis stattfindet. Wir können uns dann das Gut 
nach dieser Gegend versetzt denken, und wir erhalten dadurch 
eine bildliche Yorstellung, gleichsam eine Karte der Ver- 
änderungen, die das Gut durch die verminderten Kornpreise 
erlitten hat. 

Die Arbeiten, welche mit der Produktion des Getreides 
verbunden sind, zerfallen in 2 Klassen: 

1. in solche, die sich nach der Größe des Feldes richten ; 

2. in solche, die mit der Größe der Ernte im Verhältnis 
stehen. 

Zur ersten Klasse gehören : das Pflügen, Hacken, Eggen, 
Säen, Grabenaufräumen usw. ; denn für einen und denselben 
Boden bleiben diese Arbeiten gleich, das Feld mag reiche 
oder kümmerliche Ernten tragen. Die Größe dieser Arbeiten 
wird durch die physische Beschaffenheit des Bodens bedingt, 
nicht durch den Ertrag. Ich nenne diese Arbeiten Bestellungs- 
arbeiten, und die Kosten derselben Bestellungskosten. 

In die zweite Klasse kommen : das Einfahren des Korns, 
das Dungfahren, das Dreschen u. m. a. Das Einfahren und 
Dreschen richtet sich augenscheinlich nach der Größe der 
Ernte, aber dies ist nicht minder bei den Duugfuhreu der 
Fall ; denn der Boden wird im Verhältnis der Größe der 
Ernten erschöpft und bedarf in dem Maße, wie die Aus- 
saugung größer wird, auch einen größeren Dungersatz. Die 
Kosten dieser Arbeiten fasse ich unter der gemeinschaft- 
lichen Benennung der Erntekosten zusammen. 

Für einen und denselben Boden hängt der größere oder 
geringere Kornertrag — wenn die Wirtschaft und alle 



— 33 — 

anderen einwirkenden Potenzen dieselben bleiben — von 24 
dem Reichtum des Bodens an Pflanzennahrung ab.*) 

Da die Bestellungskosten immer gleich bleiben , die 
Erntekosten aber mit dem Kornertrage im dii-ekten Verhält- 
nisse zu- oder abnehmen, so sind wir, wenn diese beiden 
Klassen von Ausgaben genau und scharf geschieden sind, 
dadurch in den Stand gesetzt, den Geldertrag eines Guts 
für alle Grade der Fruchtbarkeit des Bodens zu berechnen. 

Die aus den auf dem Gute T. gemachten Erfahrungen 
entnommenen Data, augewandt auf einen Gerstenboden erster 
Klasse, und auf die Mecklenburgische siebenschlägige Koppel- 25 
Wirtschaft mit der Fruchtfolce : 



*) Es ist hier immer nur von einer und derselben Bodenart 
die Rede, die aber auf verschiedenen Stufen des Eeichtums steht. 
Man kann imstreitig durch eine aussaugende Wirtschaft einen 
Boden von 10 Körnern Ertrag bis zu 4 Körnern herunterbringen, 
und bei diesem niederen Ertrag erspart man zwar an Ernte- 
kosten, aber der Boden erfordert dennoch dieselben Bestellungs- 
kosten wie früher bei dem höheren Ertrage. 

Bodenarten von verschiedener phj'sischer Beschaffenheit 
können bei gleichem Dung- und Humusgehalt ebenfalls 
einen sehr verschiedenen Ertrag geben, — der Tonboden vielleicht 
10, der Sandboden nur 6 Kömer, und ersterer erfordert denn weit 
größere Bestellungskosten als letzterer. In diesem Werke aber 
ist die Einwirkung verschiedener Bodenarten auf den Ertrag und 
auf die Bearbeitiingskosten nirgends Gegenstand der Untersuchung. 
Ich muß bei dieser Gelegenheit bemerken, daß die hier vor- 
kommenden Zahlenverhältnisse, von einem einzelnen Punkte der 
Erfahrung entnommen, auch nur für diesen einzelnen Fall zu- 
treffend sind, daß von jedem anderen Standpunkte aus die Be- 
rechnung mit anderen Zahlen beginnen und andere Resultate in 
Zahlen liefern muß-, daß dagegen die hier beobachtete Methode 
allgemein anwendbar ist, und daß das von jedem einzelnen Stand- 
punkte aus Betrachtete immer dieselben Folgerungen zuläßt. 
Thünen, Der isolierte Staat. 3 



34 



1. Brache, 

2. Roggen, 

3. Gerste, 

4. Hafer, 

5. Weide, 

6. Weide, 

7. Weide, 
geben die nachstehenden Resultate. 



Eine Ackerfläche von 100000 Mecklenburgisclien Qiia- 
drati'uten gibt, wenn der Kornertrag 10 Berliner Scheffel 
Roggen auf 100 DRut. ist,*) und der Wert des Roggens 
auf dem Gute selbst — also nach Abzug der Transportkosten — 
1,291 Taler Gold für den Berliner Scheffel beträgt, 

einen Rohertrag von 5074 Tlr. Gold. 

Die Ausgaben betragen: 

1. Der Wert der Aussaat von den 

drei Halmfrüchten und dem Klee 626 „ „ 

2. Bestellungskosten 873 „ „ 

3. Erntekosten 765 „ „ 

26 4A. Allgemeine Kulturkosten, die sich auf keinen 

einzelnen Zweig der Wirtschaft repartieren lassen, 
nämlich : 

a) Administrationskosten ; 

b) Unterhaltungskosten der Gebäude; 



*) Da der Austlruck: „der Boden gibt auf 100 QjEut. so 
und so viele Berliner SchÜ. Ertrag," so lang und schleppend ist, 
und doch so oft wiederkehren müUte, so habe ich es vorgezogen, 
in der. Folge den Ertrag in Körnern anzugeben. Unter Körner- 
ertrag verstehe ich aber immer den Ertrug, den eine Fläche von 
100 Meckl. Q'Rut. in Berliner Scheffeln gibt ^- wodurch denn 
alle Unbestimmtheit, die sonst mit der Angabc des Ertrags in 
Körnern verbunden ist, verschwindet. 



— 35 — 

c) Beiträge zu den Brand- und Hagelassekuranz- 
Kompagnien ; 

d) Abgaben au Prediger und Scliullelirer ; 

e) Zinsen des Betriebskapitals; (die Zinsen vom 
Wert des Inventarii sind repartiert); 

f) Unterstützung der Armen auf dem Gute ; 

g) Unterhaltung des Nachtwächters; 

h) Unterhaltungskosten der Wege und Brücken, 

der Bäche und Grenzgräben; 
i) Vermischte Ausgaben, die das Ganze der Wirt- 
schaft betreffen. 
4B. Zinsen vom Wert der Gebäude und den Ein- 
zäunungen. 
Die allgemeinen Kulturkosten betragen mit 
den Zinsen vom Wert der Gebäude etc. beim 

Zinsfuß von 5% zusammen*) 1350 Tlr. 

oder 26,G '^'o vom Rohertrage, mit welchem diese 
Ausgaben zwar nicht ganz genau, aber doch am 
mehrsten im Verhältnis stehen. 

Die Summe dieser \ier Ausgaben beträgt 3614 ,. 

diese vom Rohertrage 5074 „ 

abgezogen , bleibt der völlig reine Ertrag des 

Bodens, oder die Landrente 1460 „ 

Noch muß ich darauf aufmerksam machen, daß unter 27 
den eben genannten, mit dem Landbau verbundenen Aus- 
gaben, keine Abgaben an den Staat aufgeführt und auch 
nicht darunter begriffen sind. Der Zweck unserer Unter- 
suchung fordert nämlich, daß wir den isolierten Staat im 
allgemeinen und den Landbau desselben insbesondere zuerst 
unter der Bedingung betrachten, daß gar keine Abgaben an 
den Staat stattfinden. Was wir Landrente nennen, ist also 



*) In der Folge sind die sub 4B aufgeführten Ausgaben 
unter der Benennung „allgemeine Kulturkosten" mitbegriffen. 

3* 



— 36 — 

der reine Geldertrag des Bodens, von dem noch keine Ab- 
gabe entnommen ist. 

Nach den obigen Sätzen können wir nun auch die Land- 
rente desselben Bodens, der wegen minderen Reichtums an 
Pflanzennahrung auf einer niedrigeren Stufe der Frucht- 
barkeit steht, berechnen. 

Es sei z. B. der Körnerertrag des Roggens = 8 Schfl. 
Der Ertrag des Roggens ist zugleich der Maßstab für das 
Gedeihen der beiden nachfolgenden Halmfrüchte und der 
Ergiebigkeit der Weide, und steht dadurch im direkten 
Verhältnisse mit dem gesamten Rohertrage. 

Für 10 Körner war der Rohertrag 5074 Tlr. ; für 
8 Körner also ^lio X 5074 = 4059 Tk. 

Die Aussaat bleibt unverändert = 626 Tlr. 
Die Bestellungskosten bleiben = 873 „ 
Die Erntekosten richten sich nach 
dem Ertrag und betragen 
8/io X 765 = 612 „ 

Die allgemeinen Kulturkosten, mit In- 
begriff der Zinsen vom "Wert 
der Gebäude, stehen im Verhält- 
nis mit dem Rohertrage und sind 
demnach = ^/lo X 1350 = 1080 „ 



Summa der Kosten — 3191 



Die Landrente beträgt 868 Tlr. 
28 Diese Berechnungen, wo das Geld zum Maßstab dient, 
können aber nur für einen Standpunkt und für einen ge- 
wissen Getreidepreis — hier l,'>'.ii Tlr. für den Scheffel — 
zutrefTend sein, und das Resultat ändert sich mit der leisesten 
Änderung des Getreidepreises. Da aber in unserem isolierten 
Staat der Roggen in den verschiedenen Kreisen einen so sehr 
verschiedenen Geldpreis hat: so müssen wir, um allgemeine 
Formeln zu entwerfen, den Roggen selbst zum Maßstab 



— 37 — 

nehmen, insoweit Ausgabe und Einnahme damit im Ver- 
hältnis stehen und sich dadurch messen lassen. 

Der Rohertrag einer reinen siebenschlägigen Koppel- 
wirtschaft, wie wir sie eben angenommen haben, besteht 
teils aus Getreide, teils aus Produkten der Yiehzucht. Die 
außer dem Roggen noch erzeugten Getreidearten, Gerste und 
Hafer, können nach Verhältnis ihres inneren Werts und 
ihrer Nahrhaftigkeit auf Roggen reduziert werden, und somit 
läßt sich die ganze Getreideernte in Scheffeln Roggen aus- 
drücken. 

Im Preisverhältnis zwischen dem Roggen und den 
animalischen Produkten — Fleisch, Butter, Wolle usw. — 
lassen sich zwei verschiedene Fälle denken : 

1. Insofern das Fleisch durch seine größere Nahrhaftigkeit 
eine größere Quantität Brot ersetzt, wird zwischen Fleisch 
und Brot ein feststehendes Preisverhältnis stattfinden. 

2. Insofern die Erzeugung der animalischen Produkte im 
Verhältnis zu der Kornproduktion mehr oder minder 
kostbar ist, werden auch die animalischen Produkte zu 
einem höheren oder niedrigeren Preise, im Verhältnis 
gegen den Getreidepreis, zu Markt gebracht werden können. 
Wir legen bei unserer Untersuchung den ersten Fall 

zum Grunde, und nehmen an : daß der Preis der animalischen 
Produkte an jedem Orte des Staates mit dem Getreidepreis 29 
in demselben Verhältnis stehe. 

Demnach kann auch der Wert der animalischen Pro- 
dukte, die der Landbau liefert, in Schfl. Roggen ausgedrückt, 
und somit der Rohertrag ganz in Roggen angegeben werden. 

Ob nun aber diese Annahme für unseren isolierten Staat 
die richtige ist oder nicht, wird aus der Folge dieser Unter- 
suchung hervorgehen. 

Unter den verschiedenen Ausgaben beim Landbau besteht 
die Aussaat fast ganz aiis Getreide und braucht nur ihrem 
wirklichen Betrage nach auf Roggen reduziert zu werden. 



— 38 — 

Yon den Bestellungs- , Ernte- und allgemeinen Kiütur- 
kosten besteht ein Teil geradezu aus Korn, z. B. Dresclier- 
lolin, Speisung des Gesindes, Futter für die Pferde u. m. a. 
Ein zweiter Teil wird durch Korn und Geld zusammen 
bezahlt. So richten sich z. B. der Tagelohn des gewöhnlichen 
Ä.rbeiters und die Arbeitspreise der Handwerker nicht ganz 
nach dem Kornpreise ; aber sie sind teurer in der Gegend, 
wo der Mittelpreis des Kornes hoch ist, wohlfeiler, wo 
dieser niedrig ist. Diese Ausgaben müssen also durch 
Roggen und Geld zugleich, und zwar in dem Maße, als 
jedes in dem Preise der Arbeit enthalten ist, ausgedrückt 
werden. Der dritte und letzte Teil dieser Ausgaben ist von 
dem Getreidepreise ganz und gar unabhängig, z. B. Salz 
und alle Metalle; denn wenn diese auch an dem Orte, wo 
sie gewonnen und verarbeitet werden , mit dem Getreide- 
preise der Gegend in einer gewissen Verbindung stehen : so 
gibt doch der Roggenwert derjenigen Gegend , wo sie ver- 
braucht werden, gar keinen Maßstab ihres Preises ab ; ja sie 
können sogar in den Ländern, wo das Getreide am wohl- 
feilsten ist, am teuersten sein, wenn sie nämlich aus weiter 
30 Ferne dahin gebracht werden müssen. Dieser Teil der A>is- 
gaben muß also in Geld ausgedrückt bleiben. 

Welcher Anteil der ganzen Ausgabe durch Geld, und 
wieviel davon durch Korn zu bezahlen und auszudrücken 
sei — dies muß notwendig für jedes Land, ja für jede 
Provinz verschieden sein. Je mehr ein Staat seine Bedürf- 
nisse selbst erzeugt, je mehr, durch eine gleiclimäßigo Ver- 
breitung der Fabriken und des Bergbaues über das ganze 
Land, die Transportkosten beim Umtausch der Waren ver- 
mindert werden , umsomehr wird der Roggen Maßstab des 
Wertes der Dinge sein und ein um so größerer Teil der 
den Landbau treffenden Ausgaben kann in Roggen aus- 
gedrückt werden. Je ärmer dagegen ein Land an Fabriken 
ist, je mehr das Land seine Bedürfnisse durch Umtausch 



— 39 — 

vou "Waren und durch den Handel aus weiter Ferne erhält, 
je entfernter also Konsumenten und Produzenten voneinander 
wohnen, um so größer wird der Anteil sein, der von obigen 
Ausgaben in Geld ausgedrüelit werden muß. 

So verschieden nun auch für verschiedene Standpunkte 
dieses Verhältnis, in Zahlen ausgesprochen, erscheinen muß, 
so gewiß ist es doch, daß ein solches Verhältnis überhaupt 
an jedem Orte stattfindet, daß es z. B. kein einziges Land 
gibt, wo diese Ausgaben ganz in Geld, kein einziges, wo 
sie ganz in Korn angegeben werden dürfen. Von jedem 
anderen Standpunkt aus wird man die Rechnung mit anderen 
Zahlen beginnen; aber die Methode bei der Entwicklung 
der Resultate aus diesem Verhältnis wird überall die- 
selbe sein. 

Wir nehmen bei unseren ferneren Berechnungen einen 
Standpunkt an, wo von den genannten Ausgaben Vt in 
Geld und ^U in Korn angegeben werden muß. 

Die oben gegebene Berechnung des Ertrags von 100 000 
CHRuten Ackerland erhält dann folgende Gestalt: 

Der Rohertrag war bei dem Ertrage von 10 Körnern 3 
= 5074 Tlr. Dieser Geldwert des rohen Ertrags findet 
statt, wenn der Scheffel Roggen auf dem Gute den Wert 
von 1,291 Tlr. hat. 

In Roggen ausgedrückt ist also der rohe Ertrag = v— ^ 

= 3930 Scheffel Roggen. 

626 

Der Wert der Aussaat beträgt 626 Taler, oder r^ 

° ' 1,291 

= 485 Scheffel Roggen. 

Die Bestellungskosten betragen .... 873 Tlr.; 
hiervon 1/4 in Geld 218 „ 



in Korn muß angegeben werden . . . 655 Tlr. 
655 Tlr. sind gleich j^— = 507 Schfl. Roggen. 



— 40 — 

Die Erütekosten betragen 765 Tlr. ; 

hiervon Vi mit 192 „ 

bleibt in Korn auszudrücken 573 Tlr. ; 

573 

573 Tlr. sind gleich q — = 444 Schfl. Roggen. 

° 1,291 °° 

Der Betrag der allgemeinen Kultur- 
kosten ist 1350 Th-.; 

hiervon i, 4 in Geld 337*) „ 

der Rest von 1013 Tlr. 

muß ebenfalls in Roggen angegeben 

werden, und beträgt y^— = 784 Schfl. Roggen. 

32 Die vier genannten Ausgaben betragen zusammen 2220 
Schfl. Roggen und 747 Tlr. Zieht man diese Ausgabe von 
dem Rohertrage = 3930 Schfl. Roggen ab, so bleibt ein 
Überschuß an Xom von 1710 Schfl. Roggen, wovon dann 
die Geldausgabe von 747 Tlr, abgezogen werden muß, um 
die reine Landrente zu finden. Da dieser Abzug hier aber 
nicht wirklich geschehen kann, so muß dies durch das 
Zeichen „-f-" bloß angezeigt werden. 

Die Landrente beträgt demnach 1710 S. R. ~ 747 Tlr. 
Nachdem wir für die Größe der Landrente eine so einfache 
Formel gefunden haben, können wir den Betrag der Land- 
rente für jeden beliebigen Kornpreis in Geld angeben. 

a) für den Preis von 2 Tlr. für den Schfl. Roggen 
beträgt die Landrente 1710 Scheffel Roggen a 2 Taler 
= 3420 Tlr. — 747 Tlr. = 2673 Tlr. 



*) Um die Eechnung nicht zu sehr zu erschweren, sind hier 
und in den folgenden ähnlichen Rechnungen die Brüche teils 
weggelassen, teils sind dafür zur Ausgleichung ganze Zahlen ge- 
setzt. Da wir hier mit ziemlich großen Zahlen rechnen, so kann 
die Richtigkeit der Resultate dadurch niclit wesentlich verletzt 
werden. 



— 41 — 

b) Für den Preis von IV2 Tlr. 
ist die Landrente = 1710 X IV2 = 2565 — 747 
= 1818 T]r. 

c) Für den Preis von 1 Tlr. 
beträgt die Landrente 1710 X 1 = 1710 — 747 = 963 Tlr. 

d) Für den Preis von V2 Tlr. 
ist die Landrente 1710 X V2 = 855 — 747 = 108 Tlr. 

Es ergibt sich daraus, daß die Landrente in einem viel 
größeren Verhältnisse als der Kornpreis abnimmt. Die 
Landrente verschwindet endlich gänzlich, wenn 1710 Schfl. 
Eoggen im "Wert gleich 747 Tlr. sind, und dies ist der 
Fall, wenn der Scheffel Roggen 0,437 Tlr. oder 21 ßl. gilt. 

Die Berechnung der Landrente für Boden von ver- 
schiedenen Graden der Fruchtbarkeit ist in nachfolgender 
Übersicht zusammengestellt. 

a) Für 10 Körnerertrag. ^°^5.^° ^f'^33 

ociin. llr. 

Der Rohertrag 3930 

Die Aussaat 485 — 

Die BesteUungskosten 507 218 

Die Erntekosten 444 192 

Die allgemeinen Kulturkosten 784 337 

A usgaben 2220 -f 747 

Die Landrente gleich 1710 -f- 747 

Die Landrente verschwindet wenn 1 S. gilt 0,437 

Wenn der Körnerertrag um ^/lo ab- 
nimmt, so vermindern sieh: 

1. der Rohertrag um ... 393 Schfl. 

2. die Erntekosten um 44 Schfl. 19 Th-. 
(eigentlich um 44,4 Schfl. u. 19,2 Tlr.) 

3. die allgemeinen Kultur- 
kosten um .... 78 Schfl. 34 Tlr. 
(genauer 78,4 Schfl. u. 33,? Tlr.) 

4. die Landrente um 271 Schfl. — 53 Tlr. 



— 42 — 

b) für 9 Körnerertrag. <5*^hfl^^ T^ 

Der Rohertrag 3537 

Die Aussaat 485 

Die BesteUungslcosten 507 218 

Die Erntekosten 400 173 

Die allgemeinen Kosten 706 303 

Ausg aben 2098 -f ^94 

Die Landrente 1439 -^ ü94 

Die Landrente verschwindet, wenn der 

Schfl. Roggen gilt 0,482 

M c) Für 8 Körnerertrag. 

Der Rohertrag 3144 _^ 

Die Aussaat 485 

Die Bestellungskosten 507 + 218 

Die Erntekosten 356 -{- 154 

Die allgemeinen Kulturkostcn .... 628 -|- 269 

Ausga ben 1976 -j- 641 

Die Landrente 7 . 1168 -;- 641 

Die Landrente wird = 0, wenn der 
Schfl. Roggen gilt 0,549 

d) Für 7 Körnerertrag. 

Der Rohertrag 2751 

Die Aussaat 485 

Die ßestellungskosten ....... 507 + 218 

Die Erntekosten 312 -f 135 

Die allgemeinen Kulturkosten .... 550 -|" 235 

Die Ausgaben 185 4 -j- 58 8 

Die Landrente '. . 897 ~- 588 

Die Landrente wird = beim Preise 

des Roggens von 0,g5ü 



— 43 — 

\ T?" p r-" i. Eo2:2:en Geld 

e) iur 6 Kornerertras-. „ f" _, 

° Sehn. Tlr. 

Der Rohertrag 2358 

Die Aussaat 485 

Die Bestellungskosten 507 + 218 

Die Erntekosten 268 -|- 116 

Die allgemeinen Kulturkosten .... 472 -|~ 201 

Die Ausg aben 1732 -j- 535 

Die Landrente ~ 626 ^ 535 

Die Landrente verschwindet, wenn 

1 Schfl. Roggen gilt 0,855 

f) Für 5 Schfl. Körnerertrag 35 

Der Rohertrag 1965 

Die Aussat 485 

Die Bestellungskosten 507 + 218 

Die Erntekosten 224 -j- 97 

Die allgemeinen Kulturkosten .... 394 -j- 167 

Die Ausg aben 1610 -j- ^82 

Die Landrente 355 ~ 482 

Die Ijandi'ente wird = 0, wenn 1 Schfl. 

Roggen gilt 1,358 

g) Für den Ertrag von 4 ^'2 Körnern. 

Der Rohertrag 1769 

Die Aussaat 485 

Die Bestellungskosten 507 -|- 218 

Die Erutekosten 202 -j- 87 

Die allgemeinen Kulturkosten .... 355 -|~ 150 

Die Ausgaben 1549 -f" 455 

Die Landrente ] 220 ^f^ 455 

Die Landreute wird = 0, wenn der Schfl. 

Roggen gilt 2,06s 



- 44 — 

Es zeigt sich hier allgemein folgendes Gesetz: 
Je mehr die Fruchtbarkeit des Bodens abnimmt, desto 
kostbarer wird die Erzeugung des Korns — und Boden von 
geringer Fruchtbarkeit kann nur bei hohen Getreidepreisen 
angebaut werden. 

Ehe wir weiter gehen, müssen wir zuvor einen Blick 
auf das bisher beobachtete Verfahren zurückwerfen und 
fragen, ob aus den, von einem Standpunkte aus, gemachten 
Beobachtungen, allgemeingültige Gesetze entwickelt werden 
können. 
36 Man kann und wird sagen: 

„Die Berechnungen über die Kosten der Arbeit, über 
„das Verhältnis des rohen zum reinen Ertrag, mögen mit 
„noch so großer Genauigkeit aus der Wirklichkeit entnommen 
„sein : so sind sie doch nur für den einen Standpunkt, für 
„dies eine Gut gültig. Schon auf dem benachbarten Gute 
„ist alles anders: hier ist nicht mehr derselbe Boden, hier 
„sind nicht mehr dieselben Arbeiter. Der Boden kann schwerer 
„oder leichter zu bearbeiten sein, die Arbeiter können mehr 
„oder weniger tätig und kräftig sein; der Boden selbst er- 
„fordert also eine größere oder geringere Quantität Arbeit, 
„und die Arbeit selbst kann nach Verschiedenheit der arbeiten- 
„den Kräfte wohlfeiler oder kostbarer werden. Die von dem 
„ersten Gute entlehnten Berechnungen werden hier also 
„nirgends genau zutrellen, und die Richtigkeit derselben ist 
„ganz an den Ort gebunden, von dem sie hervorgegangen 
„sind. Aus dem, was nur an einem Orte und sonst nirgends 
„gültig ist, köimen aber auch keine allgemeingültigen Gesetze 
„hervorgehen ." 

Ich antworte hierauf: 

Es ist allerdings wahr, daß diese Berechnungen schon 
auf dem Itenachbarton Gute nicht mehr völlig zutreffen, viel 
weniger also noch auf sehr entfernten Gütern, unter einem 



— 45 — 

anderen Himmelsstrich, mit Arbeitern von einem anderen 
Nationalcharakter. Aber ich frage: wird der Landwirt, der 
lange auf einem Griite gewohnt und der durch die möglichst 
genaue Beachtung aller gemachten Erfahrungen sich eine 
genaue Kenntnis der Kosten und des Reinertrags des Land- 
baues verschaift hat, — wird dieser Landwirt, nach einem 
anderen Gute versetzt, von seinen auf dem ersten Grute er- 
worbenen Kenntnissen nun nichts mehr gebrauchen können? 
Wäre dies der Fall, so würde jeder Landwirt mit einer 
Orts Veränderung seine Lehrjahre von neuem beginnen müssen, 37 
ehe er die Wirtschaft zu führen verstände, so könnte keiner 
die Landwirtschaft anders als an dem Orte, wo er künftig 
wohnen sollte, erlernen. Dies kann und wird man nicht 
zugeben wollen. Also muß auch in den an einem Orte 
erworbenen Kenntnissen etwas liegen, was allgemeingültig 
und nicht an Zeit und Ort gebunden ist. Und gerade dies 
Allgemeingültige ist es, was wir hier zu erforschen streben. 

In dem Yorhergehenden sind hauptsächlich drei Sätze 
ausgesprochen, deren Allgemeingültigkeit behauptet wird, und 
von deren Richtigkeit die Richtigkeit unserer Untersuchung 
abhängig ist, weshalb ich sie hier zusammenstelle und 
wiederhole. 

Erster Satz. Der Wert des Getreides auf dem Gute 
selbst nimmt ab mit der größeren Entfernung des Gutes 
vom Marktplatze. 

Je entfernter das Gut vom Marktplatze ist, desto größer 
sind die Transportkosten des Getreides, folglich um so geringer 
der Wert desselben auf dem Gute selbst. 

Das Getreide hat ebenso, wie jede andere Ware, gar 
keinen Wert, wenn sich kein Konsument findet, der dessen 
bedarf. In unserem isolierten Staat finden sich für das 
Getreide, was mehr als zum eigenen Bedarf gebaut ist, 
keine anderen Konsumenten , als die Bewohner der Stadt. 
AVird nun aus so sehr entfernten Gegenden Korn nach der 



— 46 — 

Stadt gefahren, daß das Zugvieh während der Eeise die 
eine Hälfte der Ladung oder deren Wert selbst verzehrt, und 
nur die andere Hälfte zum Verkauf und zur Konsumtion 
nach der Stadt gelangt: so ist es sehr begreiflich, daß man 
auf dem Lande mit 2 Schfl. Roggen nicht mehr Geld 
erkaufen kann, als mit einem Scheffel in der Stadt. 

Doch dieser Satz bedarf vielleicht so wenig einer Er- 
läuterung als eines Beweises. 
38 Zweiter Satz. Die Preise der Bedürfnisse des Land- 
wirts stehen nicht alle im Yerhältnis mit dem Kornpreise; 
oder die Kosten, die die Kultur des Bodens erfordert, können 
in verschiedenen Gegenden nicht mit einer und derselben 
(^)uantität Getreide bezahlt werden. 

Dieser Satz geht aus dem ersten Satze hervor; denn 
eine Ware, die in der Stadt mit einem Schfl. Roggen in 
gleichem Preise steht, muß in der entfernten Gegend, wo der 
Roggen nur den halben Wert liat, im Preise gleich 2 Schfl. 
Roggen sein, vorausgesetzt, daß diese Ware nicht anders als 
aus der Stadt zu haben ist. 

Wir haben oben Salz und Metalle als AVaren von dieser 
Gattung genannt; dasselbe gilt vom Tuch und von anderen 
Waren , die nicht auf dem Lande fabriziert werden können. 

Dies erstreckt sich aber auch auf die Besoldungen und 
Honorare der höheren Stände. Der Arzt, der Beamte u. m. a. 
können ihre Bildung nur in der Stadt erhalten ; das Kapital, 
was sie auf ihre Ausbildung verwandt haben, richtet sich nach 
den Preisen in der Stadt, und um dies Kapital wieder ver- 
gütet zu erhalten, dürfen ihre Arbeiten nicht im Verhältnis 
des Roggenpreises der Gegend, wo sie wohnen, bezahlt werden. 

Dritter Satz. Von den mit der Produktion des Ge- 
treides verbundenen Kosten steht ein Teil im Verhältnis 
mit der Größe der bestellten Fläche, ein anderer Teil mit 
der Größe der Ernten. 

Zu jenem Teil habe ich die Aussaat- und Bestcllungs- 



— 47 — 

kosten, zu diesem die Erntekosten und allgemeinen Kultur- 
kosten gerechnet. 

Man kann die Richtigkeit der von mir gemachten Ein- 
teilung in Zweifel zielien ; man kann sagen, daß die Aussaat 
und die Bestellungskosten nicht unverändert bleiben , wenn 
der Ertrag von derselben Fläche sich ändert, ferner daß die 39 
Erntekosten nicht gleich bleiben, wenn dieselbe Ernte von 
einer größeren oder geringeren Fläche gewonnen wird. Aber 
nimmermelu' wird man behaupten können, daß die Arbeit des 
Pflügens sich nach der Größe der Ernte, oder daß die des 
Einfahrens des Getreides sich ganz nach der Größe des 
Feldes richte. Wie man nun auch die von mir gewählte 
Einteilung modifizieren mag, immer wird man darauf zurück- 
kommen, daß irgend ein Anteil der Arbeit der Größe des 
bestellten Feldes, ein anderer der Größe der Ernte propor- 
tional sei, und hierin liegt schon die Anerkennung des oben 
ausgesprochenen Satzes. 



Wenn nun jemand ein anderes Gut — unter Verhält- 
nissen, die denen des Gutes T. nicht ähnlich sind — zum 
Standpunkt seiner Betrachtung nähme, die Kosten der Arbeit, 
die Prodtiktionskosten des Getreides, die Landrente usw. 
nach den aus der Wirklichkeit entnommenen Daten berech- 
nete, und dann auf der Basis der obigen Sätze und nach 
derselben hier beobachteten Methode die Rechnung fortführte 
und Folgerungen daraus zöge : so würde sich aus der Yer- 
gleichung beider Untersuchungen ergeben, daß die Rechnungen 
mit ganz verschiedenen Zahlen geführt wären; aber es 
würde sich finden , daß in manchen Endresultaten und Fol- 
gerungen, wenn diese in Worten ausgesprochen werden, 
wieder eine völlige Übereinstimmung herrsche. 

Was nun dasselbe Verfahren, auf ein 3. und 4. Gut 
usw. augewandt, als Gemeinschaftliches, Übereinstimmendes 
ergäbe, das würden wir als allgemeines Gesetz anerkennen 



— 48 — 

müssen: denn was, von jedem Standpunkt aus betrachtet, 
sich immer gleich zeigt, das muß auch allgemeine, an Ort 
und Zeit nicht gebundene, Gültigkeit haben. 
40 Wii- könnten mehrere in dieser Schi-ift entwickelte 
Resultate als Beispiele aufstellen, wenn wir diese vorweg 
anführen dürften ; aber wir können uns auch schon auf das 
im vorhergehenden dargestellte Gesetz, daß die Produktion 
des Getreides immer kostbarer wird, je ärmer der Boden ist, 
beziehen. 

Diese Gesetze müssen, gerade weil sie allgemein sind, in 
jeder Wirtschaft, auf jedem Gute wirksam sein. Die Größe 
der Ernte, des Reinertrages usw., ist der sichtbare Ausdruck 
dieser Gesetze, modifiziert durch örtliche Einwirkungen. 

Wenn wir für einen einzelnen Standpunkt die Größen, 
worin sich die Natur ausspricht, aus der Natur selbst schöpfen 
(durchaus aber nicht willkürlich annehmen) und dann mit 
Konsequenz aus den bekannten Größen und den allgemeinen 
Grundsätzen, Folgerungen und Resultate ziehen : so können 
wir versichert sein, daß auch in diesen — nur aus einem 
Standpunkt entnommenen — Resultaten sich die allgemeinen 
Gesetze ausgesprochen haben. Aber sicherlich ist nicht jedes 
gefundene Resultat ein allgemeines Gesetz, sondern manches 
ist nur eine bloße örtlich gültige Regel. 

Da nun der Einzelne nicht imstande ist, die Unter- 
suchung von mehreren Standpunkten, viel weniger noch von 
jedem Standpunkt aus, anzustellen (wodurch nach obigem 
das Allgemeingültige von dem bloß Örtlichgültigen geschieden 
wird): so ist es sehr wichtig, Merkmale aufzufinden, woran 
auch der einzelne Beobachter die Gesetze von den bloß 
örtlich gültigen Regeln unterscheiden könne. 

Ein solches Hilfsmittel gewährt ims nun die Buchstaben- 
rechnung. Erlaubt nämlich die Natur des Gegenstandes, daß 
man statt der Zahlen Buchstaben setzt, und gibt daim die 
mit Buchstaben durchgeführte Rechninig noch eben den 



— 49 — 

Ausspruch , den die Zahlen gaben : so ist dieser Ausspruch 
ein allgemeines Gesetz und keine von der Ortlichkeit ab- 
hängende Regel. 

Als Beispiel, und um das Verfahren zu zeigen, wollen 41 
wir liier die Landrente und den Preis des Roggens, wobei 
die Landrente = wird, durch eine allgemeine Formel 
darstellen. 

Der Körnerertrag sei = x 

Der Rohertrag r= ax Taler 

Die Aussaat koste b „ 

Die Bestellungskosten seien = c „ 

Zwischen dem Rohertrage und den Kosten, die 
mit der Größe der Ernten im Verhältnis stehen, 
nämlich den Erntekosten und allgemeinen Kultiu"- 
kosten zusammen, finde das Verhältnis von 
1 : q statt, wo q ein Bruch sein muß, weil 
diese Kosten nur einen Teil der Ernte, niemals 
aber die ganze Ernte, hinwegnehmen können. 
Da nun 1 : q == ax : aqx, so ist der Betrag 
der mit dem Rohertrage im Verhältnis stehenden 
Kosten = aqx Taler. 

Der Teil von den Arbeits- und allgemeinen Kulturkosten, 
der in Geld angegeben werden muß, betrage p Teile; der, 
welcher in Korn ausgedrückt werden muß, beträgt dann 
1— p Teile, wo p ein Bruch ist. Der Wert des Roggens 
auf dem Gute selbst sei = h Taler. 

Drückt man die Ausgaben in Korn und Geld zugleich 
und zwar in dem Maße, wie jeder Teil darin enthalten ist, 
aus, so ergibt sich folgende Rechnung: 

Der Rohertrag ist gleich t- Scheffel Roggen 

Die Aussaat -r- Scheffel: Roggen 

Thünen, Der isolierte Staat. ^ 



— 50 — 

Die BesteUuDgskosten . . . ~^ ^ Schfl. + pc. Tlr. 

42 Die Ernte- und Kulturkosten ^ ~P^ ^^^ Schfl. + apqx Tlr. 
Die Landrente ist dann gleich 
(f J + d-P J ^+d-PM '^) seM. ^ p(aqx+c) Tlr. 

Wird die Landrente = 0, so sind 
^^_b + (l_p)c+(l-p) aqx| ^^^ ^ p(aqx + c) TU-.; 

also (ax— b— (1— p) (aqx-|-c)) Schfl. = hp (aqx + c) Tlr.; 

also 1 Scheffel = hp (aqx-fc) ^^^^^^ 

ax — b — (1— p) (aqx -f- c) 

Der Zweck dieser Rechnung war der, zu untersuchen, 
wie der vermehrte oder verminderte Körnerertrag auf den 
Preis wirke, bei welchem die Landrente = wird. 

In der hier gefundenen Formel ist aber, da x sowohl 
im Zähler als im Nenner vorkommt, noch nicht zu erkennen, 
ob der Preis für den Roggen höher oder niedriger wird, 
wenn x, oder der Körnerertrag, steigt. Wir müssen deshalb 
mit dieser Formel einige Verwandlungen vornehmen. 

Der Preis für ein Schfl. ist == hp (aqx-fc) ^^^^ 

ax — b — (1 — p) (aqx-|-c) • 

also auch = 



ax — b 

i (1 — P) 

aqx -\-c ^ '- 



Nun setzen wir aqx -j- c = z ; wo z wächst, wenn x wächst, 

z - 

und umgekehrt. Alsdann ist x = — 

von X in obige Formel gesetzt, ergibt 



und umgekehrt. Alsdann ist x = . Diesen Wert 

ap 



hp 



az — ao — baq — (1 — p) — a — ( ~ • ] — (1 — p). 

aqz — 



ac -|- baq 
aq 



— 51 — 

Nun wird — ~^ — - unstreitig immer kleiner, je mehr z 

wächst ; je kleiner aber der negative Teil des Nenners wird, 43 
um so mehr wächst der ganze Nenner. Da nun auch x 
wächst, wenn z größer wird, und für ein wachsendes x der 
Nenner immer größer wird, während der Zähler unverändert 
bleibt: so nimmt auch die Größe des ßruolis, wodurch der 
Preis des Roggens ausgedrückt ist, immer mehr ab, je größer 
X wird; und umgekehrt, je kleiner x wird, um so mehr 
wächst der Preis des Roggens. 

Das Gesetz, „je mehr die Fruchtbarkeit des Bodens 
abnimmt, um desto kostbarer wird die Erzeugung des Korns", 
ist hierdurch nun ganz allgemein bewiesen. 

In der Tat hätte es nicht der Mühe gelohnt, einen ein- 
fachen, schon bekannten Satz, der auch durch bloßes Räsonne- 
ment überzeugend dargetan werden kann, durch eine aus- 
führliclie Rechnung zu erweisen, wenn es hier nicht zugleich 
Zweck gewesen wäre, die Methode, wie der Beweis geführt 
werden kann, zu zeigen, und die Gesichtspunkte, wonach 
die folgenden Untersuchungen zu betrachten sind, ein für 
allemal festzustellen. 



Aufgabe. Für ein Gut, dessen Körnerertrag = 8 ist, 
die Landrente zu bestimmen, wenn dies Gut x Meilen von 
der Stadt entfernt ist. 

Für 100 000 DRut. Ackerland ist beim Ertrage von 
8 Körnern die Landrente = 1168 Schfl. Roggen ~ 641 Tlr. 

Der Scheffel Roggen hat nach § 4 auf einem Gute, 
welches x Meilen von der Stadt entfernt liegt, den Wert 

von 1 «2 -4- x '^^^^^"' ^iö Landrente ist also gleich 

1168 X (273- 5,5 X) 

■ 182+1 ^^^ ^^^®^'' 

4* 



— 52 — 

202202— 7065 X ^ , 

= 182 + x ^^^''- 

44 Wenn x oder die Entfernung So ist die Landrente von 
vom Marktplatz beträgt 100 000 DR. Acker beim Er- 

trage von 8 Körnern 

1 Meile 1066 Taler 

5 Meilen 892 „ 

10 „ 685 „ 

15 „ 488 „ 

20 „ 301 „ 

25 „ 124 „ 

28,6 „ 



§ 6. 

Einflufs der Getreidepreise auf das Wirtschafts- 
system. 

Annahme. In dem isolierten Staat habe der Boden, 
mit alleiniger Ausnahme des ersten Kreises, überall 
den Grad der Fruchtbarkeit, daß in der 7 schlägigen 
Koppelwirtschaft der Roggen nach der Brache einen 
Erti-ag von 8 Körnern liefere (8 Schfl. von 100 
DRut. , oder 9,14 Schfl. vom Magdeburger Morgen). 
Auch besitze die noch unkultivierte Wildnis einen 
Boden von derselben physischen Beschaffenheit, von 
demselben Reichtum an Pflanzennahrung, und folg- 
lich von derselben Ertragsfähigkeit, wie die schon 
kultivierte Ebene. 
Für einen Boden von diesem Körnerertrag beträgt die 

Landrente nach § 5 auf 100000 DRut. 1168 Scheffel Roggen 

~ 641 Taler. 



— 53 — 

Die Landrente verschwindet, oder wird = 0, wenn 
1168 Schfl. Roggen 641 Tlr. gelten, welches für den Schtl. 
0,549 Tlr. oder 26,4 ßl. ausmacht. 

Es entsteht nun die Frage : in welcher Gegend des iso- 
lierten Staats hat der Schtl. Roggen den "Wert von 0,549 Tlr. 

Im § 4 haben wir gefunden, daß auf dem x Meilen 45 
von der Stadt entfernten Gut der Schfl. Roggen den "Wert 

von ^Qr> - , ' — Tlr. hat. Setzen wir nun 0,549 = 
"" ^ ■ ^"^ SO ergibt sich aus der Auflösung der Gleichung, 

loo — j— X 

daß X = 28,6 ist, und daß also in der 28,6 Meilen von der 
Stadt entfernten Gegend der Schfl. Roggen den Preis von 
0,549 Tlr. hat. 

Also gibt ein Gut, unter den angenommenen Verhält- 
nissen in der Entfernung von 28,g Meilen von der Stadt 
keine Landrente mehr. 

In einer größeren Entfernung als 28,g Meilen wird die 
Landrente negativ, d. h. der Landbau ist mit Verlust ver- 
bunden, und das Land kann deshalb hier nicht mehr bebaut 
werden. 

"Wenn nun hier die Grenze der Kultur für die Koppel- 
wirtschaft ist, so folgt daraus noch nicht, daß dies die ab- 
solute Grenze der Kultur sei; denn wenn es irgendein 
"Wirtschaftssystem gäbe, bei welchem die Bestellung des 
Ackers weniger Arbeit und folglich weniger Kosten ver- 
ursachte als bei der Koppelwirtschaft, so müßte bei dem 
Preise von 0,549 Talern für den Scheffel Roggen noch ein 
Überschuß und eine Landrente bleiben, uud also der Anbau 
des Landes in noch größerer Entfernung von der Stadt 
möglich sein. 

"Wir müssen nun in Betracht ziehen, wie der zu einem 
Gute gehörende Acker, wenn dieser auch von durchaus 
gleicher Beschaffenheit und gleicher Ertragsfähigkeit ist, 



— 54 — 

doch einen selir verschiedenen Wert hat, je nachdem er dem 
Hofe näher oder ferner liegt. Die Kosten der Dungfuhren 
und des Einfalu-ens der Produkte stehen in geradem Ver- 
hältnis mit der Entfernung des Ackers vom Hofe. Für die 
46 übrigen Arbeiten, die auf dem Felde selbst geschehen, geht 
der Teil der Zeit, den die Menschen und Pferde zum Hin- 
und Zurückgehen gebrauchen, verloren; und dieser Teil 
wächst ebenfalls mit der größeren Entfernung vom Hofe. 
Die Arbeitskosten sind also geringer für den nahe am Hofe 
liegenden Acker als für den entfernteren ; bei gleicher Frucht- 
barkeit muß jener also einen höheren Reinertrag geben 
als dieser. 

Wenn beim Preise von 0,5io Taler für den Scheffel Roggen 
der Ertrag eines ganzen Gutes in der Koppelwirtschaft = 
ist, die vordere Hälfte des Ackers aber einen größeren Er- 
trag gibt als die entferntere Hälfte: so folgt daraus, daß 
der Reinertrag der ersten Hälfte positiv, der 
Reinertrag der zweiten aber negativ sein müsse, 
und daß der Gewinn, den die Bebauung des 
näheren Ackers gibt, durch den Verlust, den 
der Anbau des entfernteren bringt, wieder ver- 
schlungen wird, und so der Reinertrag des 
Ganzen zu herabsinkt. 

Die Koppelwirtschaft, deren Reinertrag im ganzen — 
ist, wird also dann wieder zum Reinertrag gelangen, wenn 
der entferntere Acker unbebaut liegen bleibt, und nur der 
nähere kultiviert wird. Unter dieser Bedingung endet auch 
die Kultur noch nicht bei der Entfernung von 28,r, Meilen 
von der Stadt. 

Aber auch diese Koppelwirtschaft, bloß auf den näheren 
Boden beschränkt, muß bei noch größerer Entfernung vom 
Marktplatze, oder was dasselbe ist, bei noch niedrigeren 
Kornpreisen endlich einen Punkt finden , wo ihr Reinertrag 
verschwindet, und es wird eine zweite Arbeitsersparung 



— 55 — 

notwendig, wenn der Anbau des Bodens daselbst nicht 
enden soll. 

In der Koppelwirtschaft ist der Aufbruch des Dreesches 
und die Zubereitung desselben zur "Wintersaat besonders 
kostbar. Bei einer Mürbebrache — d. i. einer Brache, 47 
welcher kein Dreesch, sondern eine angebaute Frucht vor- 
angegangen ist — wird das Hacken der Dreeschfurche und 
ungefähr die Hälfte des Eggens, welches eine Dreeschbrache 
erfordert, erspart. Eine Wirtschaft mit einer Mürbebrache 
kann also da noch rentieren, wo eine Koppelwirtschaft keinen 
Reinerti-ag mehr gibt, vorausgesetzt, daß der Körnerertrag 
sich gleich bleibe, welches durch das Yerhältnis zwischen 
Ackerland und Weide immer zu erreichen ist. 

Eine Wirtschaft mit einer Mürbebrache ist aber nur 
dann möglich, wenn man den Acker nicht mehr abwechselnd 
zur Weide niederlegt, sondern ihn jedes Jahr beackert, wo- 
gegen dann der entferntere Teil des Feldes zur beständigen 
Weide für das Vieh liegen bleibt. Dies bringt wieder eine 
neue Ersparung, indem nun die Aussaat von Kleesamen wegfällt. 

Nach diesen aus der Natur der Sache hervorgegangenen 
notwendigen Yeränderungen , stimmt nun unsere Wirtschaft 
in den wesentlichsten Punkten mit der Dreifelderwirtschaft 
überein; und wir wenden uns jetzt zu der näheren Be- 
trachtung dieses so weit verbreiteten Wirtschaftss^^stems. 



Bei der Darstellung des Verhältnisses zwischen der 
Koppelwirtschaft und der Dreifelderwirtschaft müssen fol- 
gende 4 Fragen beantwortet werden: 

1. Um wieviel wohlfeiler wird die Bestellung der 
Mürbebrache als die der Dreeschbrache? 

2. In welchem Yerhältnis stehen die Arbeitskosten beim 
Landbau mit der Entfernung des Ackers vom Hofe? 

3. In welchem A^erhältnis müssen bei der Dreifelder- 
wirtschaft Acker und Weide gegeneinander stehen, wenn 



— 56 — 

48 diese Wirtschaft, ebenso wie die Koppelwirtschaft sich in 
gleicher Dungkraft erhalten soll, ohne einen Dungzuschuß 
von außen zu erhalten? 

4. "Wenn zwei Ackerflächen im ganzen gleichen Reich- 
tum an Pflanzennahrung enthalten, die eine aber in Koppel- 
wirtschaft, die andere in Dreifelderwirtschaft liegt — wie 
verhält sich dann der Körnerertrag des Roggens in der ersten 
Wirtschaft zu dem in der zweiten Wirtschaft? 

Die Beantwortung der 3ten und 4ten Frage setzt die 
Kenntnis der Statik des Landbaues voraus, und kann ohne 
diese eben so wenig verstanden als dargestellt werden. 

Ich sehe mich deshalb genötigt, einige Hauptsätze der 
Statik des Landbaues vorangehen zu lassen. Da aber eine 
ausführliche Darstellung dieser Lehre hier einen unverhältnis- 
mäßigen Raum einnehmen würde: so kann ich diese Sätze 
nur liinstellen , ohne auf Entwicklung der Gründe und auf 
Erläuterungen einzugehen. Ich muß deshalb diejenigen 
meiner Leser, denen dieser neue Zw^eig unseres Wissens 
noch unbekannt sein sollte, und die sich eine genauere 
Kenntnis davon zu verschatfen wünschen, auf die, diesen 
Gegenstand betreifenden Schriften der Herren Thaer, v. 
WulfTen, v. Riese, Bürger, v. Voght, Seidl,*) und auf meine 
im 8ten Jahrgang der Mecklenburgischen Annalen befind- 
liche Abhandlung verweisen. 



*) Das Werk des Herrn Professors Hlubeck „die Ernährung 
der Pflanzen und die Statik des Landbanes" habe ich erst nach 
Vollendung dieser Schrift erhalten und deshalb, zu meinem Be- 
dauern, dasselbe hier weder benutzen noch berücksichtigen können. 



— 57 — 

§ 7a. 
Einige Sätze aus der Statik des Landbaues, 

Die Erzeugung der Getreideernten bewirkt eine Ver- 
minderung der im Acker enthaltenen Pflanzennahrung, Ein 
Acker, der 100 Schfl. Roggen getragen hat, ist um dasjenige 49 
Quantum Pflanzennahrung, was zur Erzeugung dieser 100 
Schfl. verwandt ist, ärmer geworden. 

Keine Frucht vermag es, sich des ganzen im Acker be- 
findlichen Reichtums an Pflanzennahrung in einem Jahre 
anzueignen. 

Das Verhältnis zwischen dem, was die Ernte dem Acker 
in einem Jahre an Pflanzennahrung entzogen hat, und dem 
ganzen Reichtum des Ackers, nenne ich die relative Aus- 
saugung, Diese ergibt sich aus der Abnahme der Größe 
der nacheinander folgenden Ernten : ist z. B. der Ertrag der 
Isten Roggenernte 100 Schfl, gewesen, und eine 2te Roggen- 
ernte gibt dann bei gleicher Bestellung, gleicher Witterung 
und gleichen sonst noch einwirkenden Umständen nur 
80 Schfl,; so sagen wir, daß die relative Aussaugung des 
Roggens ^/ö betragen habe. 

Aus der relativen Aussaugung schließen wir nun auf 
den ganzen Reichtum des Ackers : war z, B. der Ertrag des 
ersten Roggens 100 Schfl., die relative Aussaugung Vs, so 
enthielt der Acker vor der Ernte Pflanzennahrung für 500 
Schfl. Roggen, nach der Ernte nur noch für 400 Schfl. 

Das Quantum Pflanzennahrung, was dem Acker durch 
die Ernte von einem Berliner Scheffel Roggen entzogen 
wird, wird ein Grad genannt und durch „1°" bezeichnet. 

Die Aussaugung der übrigen Getreidearten wird durch 
das Verhältnis, worin diese im Wert und in der Nahrhaftig- 
keit gegen den Roggen stehen, bestimmt, und ich nehme 
an, daß die Ernte von 



— 58 — 

1 Schfl. Weizen eine Aiissaugung bewirkt von . IVs^ 

1 Schfl. zweizeiliger Gerste ^l4P 

1 gestrichenem Schfl. Hafer V2^ 

50 Für eine siebenschlägige Koppelwirtschaft auf einem 
Gerstenboden Ister Klasse nehme ich nach den auf dem 
Gute T. gemachten Erfahrungen und Beobachtungen folgen- 
des Verhältnis des Ertrages der verschiedenen Schläge an: 
wenn der Iste Sclüag . . 100 Seh. Roggen von 1000 GR 
bringt, so gibt der 2te Schlag 100 Seh. Gerste, 
und der 3 te Schlag . . . 120 Seh. Hafer. 

Der 4te, 5te und 6te Schlag im Durchschnitt liefern 
dann auf jede 270 QRut. den "VVeidebedarf für eine 
Kuh, die täglich 17 //. auf Heu reduziertes Gras 
verzehrt, und 140 Tage auf dem Dreesch selbst (also 
mit Ausschluß der Stoppel- und Wiesenbehütung) 
ihre Nahrung findet. 
Der 7te Schlag gibt in der Dreeschbrache den fünften 
Teil der Grasproduktion, den ein Weideschlag liefert. 
Nach den auf dem Gute T. in den Jahren 1811 und 
1816 angestellten Probewiegungen über das Verhältnis des 
Korns zum Stroh, verglichen mit den auf einigen anderen 
Mecklenburgischen Gütern angestellten Wiegungen, habe ich 
als Durchschnittsverhältnis angenommen, daß mit 
1 Schfl. Roggen an Stroh geerntet wird .... 190 /^. 
1 Schfl. Weizen — wenn der Weizen stehend war 190 fi. 
1 Schfl. AVeizen — wenn ^/s des Weizens aus Lager- 
korn besteht 200 /^ 

1 Schfl. zweizeiliger Gerste 93 /<5. 

1 Schfl. Hafer 64,5 a 

Der Weizen gibt bei gleichem Körnerertrage eine ge- 
ringere Strohmasse als der Roggen; aber das Weizenstroh 
hat ein spezifisch größeres Gewicht als das Roggenstroh, 
und ich habe auch in späteren Jahren das Gewicht des mit 
einem Scliil. Weizen geernteten Strohes nicht geringer ge- 



— 59 — 

fanden als beim Roggen ; jedoch mag dies Verhältnis bei 51 
schwachem Weizen mit kurzem Stroh anders sein. 

Eine mögliclist sorgfältige Berechnung des auf dem 
Gute T. in den 5 Jahren von 1810 bis 15 verfütterten 
und eingestreuten Strohes und des verfütterten Heues und 
Korns, verglichen mit der Zahl der abgefahrenen Fuder 
Dung, ergibt als Resultat, daß 1 Fuder Dung aus der Yer- 
fütterung und Einstreuung von 878 iL trockenem Futter 
entstanden ist. Nimmt man nun, wie gewöhnlich, das 
Gewicht eines vierspännigen Fuders Dung zu 2000 4L an, 
so hat ein Pfund trockenes Futter 2,28 U. Dung gegeben. 
Es ergibt sich hier eine in der Tat überraschende Über- 
einstimmung mit der Annahme des Herrn Staatsrats Thaer, 
der, durch Beobachtungen im großen geleitet, schon vor 
vielen Jahren den Faktor für die Dungvermehrung zu 2,3 
bestimmte. 

Für den Faktor 2,3, den ich nun bei den ferneren Berech- 
nungen zum Grunde lege, gehören zu einem Fuder Dung 

2000 
von 2000^.-0— = 870 iL trockenes Futter, und ich 

Z,3 

Averde in der Folge unter 1 Fuder Dung immer diejenige 
Dungmasse verstehen, die durch Yerfütterung und Ein- 
sti-euung von 870 iL trockenem Futter zu ^/s aus Heu und 
^/u aus Stroh bestehend entstanden ist. 

Wir können hiernach die Quantität Dung, welche die 
Kornernten durch das Stroh zurückgeben, berechnen. 

Für 100 SchelTel Roggen beträgt die Slrohernte 
100 X 190 = 19 000 iL Stroh, und hieraus erfolgen 
19000 



870 



21,8 Fuder Dung. 



Für 100 Schfl. Gerste ist der Strohgewinn 93 X 100 

9300 
9300 /(!'., und der Dunggewinn -„ j- == 10,7 Fuder; 



— 60 — 
52 die Ernte von 120 Scheffel Hafer bringt 120 X 64,5 
= 7740 a Stroli und -g™ = 8,9 Fuder Dung.*) 

Es ist allgemein bekannt, daß die "Weide oder das 
Dreeschliegen den Boden bereichert. 

Nach vieljährigen Beobachtungen hat es sich mir als sehr 
wahrscheinlich ergeben, daß die Pflanzenuahrung, -svelche von 
den auf der "Weide wachsenden Gräsern und Kleeai'ten kon- 
sumiert wird, durch die im Boden zurückbleibenden und 
beim Umbruch des Dreesches in Verwesung übergehenden 
"Wurzeln dieser Gewächse wieder ersetzt werde, daß also 
aller während der Beweidung auf den Dreesch fallende Dung 
als eine Vermehrung des Duuggehalts des Bodens zu be- 
trachten ist — jedoch unter der Bedingung, daß der Dreesch 
nicht älter als 3 Jahre werde. 

Aus der Zahl der Kühe, die* die "Weide ernährt, läßt 

sich die Grasproduktion des Dreesches berechnen. Eine Kuh, 

von 500 bis 550 //. Gewicht im lebenden Zustand, verzehrt 

in 140 Tagen a 17 fi. — 2380 /l auf Heu reduziertes Gras, 

welches auf 270 DRut, als dem Weidebedarf einer Kuh, 

gewachsen ist. Auf 1000 DRut. ist die Produktion dem- 

2380 yc 1000 
nach 27Ö = ^^1^ ^- ^eu. Der aus der "Weide 

in einem Jahre hervorgehende Dunggewinn beträgt hiernach 

8815 

-öyQ- ~ 10,1 Fuder, auf einem Gerstenboden, der einen 

Roggenertrag von 10 Körnern gegeben hat. 



*) Dieser Berechnmig liegt noch die Annalime zum Grunde, 
daß aus der Verfutteruug und Einstreuung von 100 11. Stroh 
eine grüUere Quantität Dung erfolgt als aus der Verfutterung 
von 10(.) //. Heu, und daß die geringere Qualität des 8trohdüngers 
im Vergleich mit dem Dung aus Heu durch die grüLere Quantität 
kompensiert wird. 



— 61 — 

Der Brache messen wir eine doppelte Wirkung bei : 53 
nämlich erstens, daß sie die im Boden befindliche Pflanzen- 
nahrung zu einem höhereu Grade von Wirksamkeit bringt; 
und zweitens, daß sie den Eeichtum des Bodens durch die 
auf der Brache wachsenden Gräser und Kräuter, welche 
teils untergepflügt, teils vom Vieh abgefressen und in Dung 
verwandelt werden, wirklich vermehrt. 

In der Yermehrung des Reichtums schätze ich die 
Dreeschbrache gleich Vs einer Dreeschweide, und die Mürbe- 
brache in der Dreifelderwirtschaft, wenn sie erst zu Johannis 
umgebrochen wird, gleich ^,'3 einer Dreeschweide. 

In einer Wirtschaft, die in einem beharrenden Zustande 
ist, d. h. die im Ertrage und im Reichtum des Bodens 
sich gleich bleibt, muß die Aussaugung mit dem Ersätze im 
Gleichgewicht sein. Reduzieren wir nun den Ertrag, den 
die aussaugenden Getreidesaaten gegeben haben, auf Scheffel 
Roggen und drücken den Ersatz, den der Acker durch 
Düngung und Weide erhalten hat, in Fuder Dung aus: so 
ergibt sich aus der Gleichstellung der Aussaugung und des 
Ersatzes, für wie viele Scheffel Roggen Nahrung in einem 
Fuder Dung enthalten ist, oder was dasselbe ist, durch wie- 
viele Scheffel Roggen dem Boden ein Fuder Dung entzogen wird. 

Die Anwendung dieser Rechnung auf verschiedene Boden- 
arten hat ergeben, daß dies Verhältnis nach der Güte des 
Bodens verschieden ist. Die Produktion einer gleichen Ernte 
kostet dem guten Boden weniger Dung als dem schlechten. 

Bei unseren folgenden Berechnungen ist ein Boden zum 
Grunde gelegt, der sich in der siebenschlägigen Koppelwirt- 
schaft ohne äußeren Zuschuß in gleicher Dungkraft erhält — 
und auf diesem Boden, der mit dem Gerstenboden Iter Klasse 
wahrscheinlich zusammenfällt, kostet die Produktion von 
3,2 Schfl. Roggen dem Acker ein Fuder Dung, oder ein 
Fuder Dung ist gleich 3,2'^. 



— 62 — 



54 FruchtbarkeitszustaacT 

einer siebenschlägigen Koppelw-irtschaft, jeden Schlag zu 
1000 nRut. gerechnet. 



Reichtum zu Anfang des Umlaufs . 

Ister Schlag. Eoggen 

2ter Schlag. Gerste 

3ter Schlag. Hafer 

4ter Schlag. Weidel 

5ter Schlag. Weide) 

6ter Schlag. Weide j 
7ter Schlag. Brache . . . . . 
Summe der Dungerzeugung . . . 
Der Hafer ließ im Acker zurück . 
73,7 Fuder Dung ä 3,2° si nd gleich 
Der 2te Umlauf beginnt mit . . 



bt) • 


S. CS 


S 


Ersatz 
Fuder 
Dung 


— 


— 


500° 


— 


100 


lOQo 


400° 


21,8 


100 


750 


3250 


10,7 


120 


60« 


2650 


8,9 


— 


— 


— 


30,3 


— 


— 


— 


2,0 


— 


— 


— 


73„ 


— 


— . 


265° 




— 


— 


235..0 


— 



äOO.sO 



Fr uchtbarkeitszu stand 
einer Dreifelderwirtschaft, jedes Feld zu 1000 DR. gerechnet. 



Eeichtum zu Anfang des Umlaufs . 
1 stes Feld. Roggen ..... 

2tes Feld. Gerste 

3tes Feld. Brache 

Summe der Dungerzeugung . . 
Die Gerste ließ im Acker zurück 
36,ß Fuder Dung ä 3,2** sind gleich 



100 
100 



1000 
750 



5000 i — 



4000 
3250 



3250 



21,8 

10„ 
4,1 



36,6 



Der 2te Umlauf beginnt mit. . . . | — , — 442,o0 — 

55 In der Koppelwirtschaft war die Dungerzeuguug eines 
Weideschlages 10,i Fuder für einen Reichtum des Bodens 
von 265°. Ein Boden, dessen Reichtum = 325*^, wie 



— 63 — 

der nach der Gerstenernte ist, würde zur Weide niedergelegt 

325 

^X^ X 10,1 = 12,4 Fuder Dung erzeugen. Da nun an- 
genommen ist, daß die Dungerzeugung einer Mürbebrache 
Vs von der eines Weideschlags beträgt: so sind hier dafür 

12 4 

-^ = 4,1 Fuder in Rechnung gebracht. 



§ 7b. 

Weitere Ausführung einiger Teile der Statik 
des Landbaues. 

Die Ein-wirkung des Bodens, vermöge welcher aus der 
Hingabe einer und derselben Quantität Pflanzennahrung, 
z. B. eines Fuders Dung, der eine Boden eine größere 
Ernte produziert als der andere, nenne ich die Qualität des 
Bodens und bezeichne den Grad derselben durch die Zahl 
der Schfl. Koggen , deren Produktion dem Acker ein Fuder 
Dung kostet. Der Tonboden besitzt eine höhere Qualität 
als der Sandboden, und während die Qualität des "Weizen- 
bodens 1 ster Klasse auf 3,s^, vielleicht auf 4^ steigt, beträgt 
diese auf dem Haferboden 1 ster Klasse nur etwa 2V2*^, nimmt 
mit dem steigenden Sandgehalt immer mehr ab, und sinkt 
auf dem Flugsand bis zu Null herab. 

Die Erfahrung lehrt, daß die relative Abnahme des 
Ertrags zw^eier, unter gleicher Vorbereitung, ohne wieder- 
holte Düngung nacheinander folgenden Ernten, auf ver- 
schiedenen Bodenarten sehr ungleich, größer auf dem Sand- 
ais auf dem Tonboden ist. 

Diejenige Einwirkung des Bodens, durch welche diese 
Erscheinung hervorgebracht wird, nennt Herr v. Wulffen 
die Tätigkeit des Bodens. Unter sonst gleichen Umständen 56 



— 64 — 

entspringt aber die Abnahme des Ertrags der Ernten aus 
der Abnahme der Pflanzennahrung im Boden, und Herr 
T. Wulffen, dem die Statik so vieles verdankt, hat hierauf 
den Satz gegründet, daß die Fruchtbarkeit als das Produkt 
zweier Faktoren, nämlich der Tätigkeit und des Reichtums 
des Bodens zu betrachten sei. Die Fruchtbarkeit aber findet 
ihr Maß im Erzeugnis, und wenn man die Tätigkeit mit 
T, den Reichtum mit R und die Ernte mit E bezeichnet, 
so ist E =: TR. Die Tätigkeit bezeichnet, der wievielste 
Teil des Gehalts an Pflanzennahrung in die eine Ernte 
übergeht, und durch deren Produktion hinweggenommen 
wird. Die Tätigkeit des Bodens steigt, je mehr der Sand- 
gehalt derselben zunimmt, und steht in dieser Beziehung 
in umgekehrtem Verhältnis mit der Qualität des Bodens. 
Nimmt man den Roggen nach reiner Brache zum Maßstab 
für die Größe der Tätigkeit, so beträgt diese auf dem 
Gerstenboden Ve bis Vs, während sie auf dem Roggenbodeu 
auf Vi bis '^/lo steigt. 

Bringt man gleiche Quantitäten Pflanzennahrung z. B. 
10 Fuder Dung auf verschiedene Bodenarten, z. B. auf 
Tonboden von 3,8*^ Qualität, und auf Sandboden von 2V2° 
Qualität, so wird dem ersteren Boden dadurch Nahrung für 
10 X 3,8 = 38 Schfl. Roggen, dem letzteren aber nur für 
10 X 2,5 = 25 Schfl. Roggen erteilt; oder der Reichtum 
des ersteren wird dadurch um 38*^, des letzteren aber nur 
um 25° erhöht. Der Reichtum des Bodens ist also selbst 
das Produkt zweier Faktoren, und bezeichnet man den Dung- 
und Humusgehalt des Bodens mit H, die Qualität mit Q, 
so ist R = QH. 

Reichtum des Bodens ist nicht Materie, sondern Pro- 
duktionsfähigkeit. Dung ist nicht Reichtum, sondern wird 
57 erst durch die Einwirkung des Bodens zum Reichtum. Die- 
selbe Quantität Dung erzeugt auf verschiedenen Bodenarten 
einen verschiedenen Grad des Reichtums. 



— 65 — 

Auf einem und demselben Boden stehen Dunggehalt, 
oder überhaupt Gehalt an auflöslicher Pflanzennahrung und 
Reichtum oder Produktionsfähigkeit im direkten Verhältnis 
zueinander. Hier kann man also — wie auch in dieser 
Schrift, wo immer nur von einer Bodenart die Rede ist, 
geschehen — mit dem Worte „Reichtum" beide Begriffe, 
nämlich den der Materie und den der Produktionsfähigkeit, 
verbinden, ohne unrichtige Resultate zu erhalten. 

Sobald aber von der Statik im allgemeinen die Rede 
ist, welche alle Bodenarten zum Gegenstand der Betrachtung 
hat, ist es unerläßlich, für Materie und Produktionsfähigkeit 
auch verschiedene Ausdrücke zu wählen. 

Ich nenne jene „Humus", diese, mit v. Wulffen, „Reich- 
tum". Unter Humus verstehe ich aber nicht alle 
verbrennlichen Stoffe, welche im Boden befind- 
lich sein können, als Holz- und Heidewurzeln, 
Wiesen- und Schlammmoder usw., sondern be- 
schränke die Bedeutung des Wortes „Humus" 
auf die Rückstände der früheren Mistdüngungen 
und derRasenfäulnis eines 2- höchstens 3 jähri- 
gen Dreesches. Diesem gemäß setze ich auch bei allen 
statischen Untersuchungen einen Boden voraus, der durch 
eine Jahrhunderte hindurch fortgesetzte Kultur alle seine ur- 
sprünglichen , vegetabilischen Substanzen gänzlich verloren, 
nur Mistdüngungen erhalten, und niemals länger als 2 bis 
3 Jahre in einem Umlaufe zur Weide gelegen hat. 

Setzen wir nun in die Gleichung E = TR, für R den 
Wert QH, so erhalten wir die Gleichung E = TQH. 

In diesem Ausdruck für die Ernte gehören die beiden 58 
Faktoren T und Q dem Boden an sich, d. i. den minera- 
lischen Bestandteilen, der Faktor H aber dem Humus 
oder den Resten animalischer und vegetabilischer Sub- 
stanzen an. 

Die Gesamteinwirkung des Bodens auf die Hervor- 
Thiinen, Der isolierte Staat. 5 



— 66 — 

bringung der Ernte spricht sich also in TQ, oder dem 
Produkt aus den beiden Faktoren T und Q aus. 

Wir nehmen nun irgendeinen Boden A zum Stand- 
punkt der Betrachtung und vergleichen damit einen anderen 
Boden B von verschiedener physischer Beschaffenheit. In 
beiden Bodenarten sei der Humusgehalt gleich groß, und 
der Humus selbst gleichartig und gleichen Ursprungs. Wenn 
nun beide Bodenarten bei völlig gleicher Behandlung doch 
einen verschiedenen Ertrag an Früchten liefern , so müssen 
wir diese Verschiedenheit der Ernten der Yerschiedenheit 
in der physischen BeschafTenheit des Bodens beimessen. 

Die Gesamteinwirkung des Bodens auf die Größe der 
Ernten, verglichen mit einem anderen zum Standpunkt 
gewählten und zur Einheit angenommenen Boden, nenne ich 
mit dem Freiherrn v. Yoght*): „das Erdvermögen", und 
bezeichne dasselbe mit Y. 

Wir haben aber oben die Gesamteinwirkung des Bodens 
auch gleich TQ gefunden. Demnach ist Y = TQ; oder 
das Erdvermögen ist gleich Tätigkeit mal Qualität des Bodens. 
59 Gesetzt die Ernte des Bodens B betrage, bei gleichem 
Humusgehalt, nur -'/lo der Ernte des Bodens A: so verhält 
sich die Einwirkung des Bodens auf die Größe der Ernten, 
oder das Erdvermögen des Feldes A zu dem des Feldes B, 
wie 1 : ^ko. 

Es verhält sich aber 1 : "/lo wie 10 : 9 oder 100 : 90 
u. s. f. Da es unbequem sein kann, mit Brüchen zu rechnen, 



*) Dies stimmt freilich nicht mit den Definitionen, welche 
der Freiherr v. Yoght, in seinen Ansichten der Statik, vom Erd- 
vermögen gibt, luid wonach dasselbe bald als Tätigkeit, bald als 
Qualität erscheint, überein. Aber eine vieljährige, mit dem jetzt 
verstorbenen Herrn v. Voght geführte Korrespondenz hat mich 
überzeugt, daß derselbe mit dem Wort „Erdvermügen" den hier 
p,ngegebenen Sinn verbindet- 



— 67 — 

und es hier nur auf die Gleichheit des Verhältnisses an- 
kommt: so können wir das Erd vermögen in A willkürlich 
zu 10 oder 100 usw. annehmen, und das Erdvermögen in 
B ist alsdann 9 oder 90. 

Des Freiherrn v. Voght Annahme einer ganzen Zahl 
für das Erdvermögen ist hierdurch gerechtfertigt. Nur muß 
man keinen Augenblick vergessen, daß die willkürliche An- 
nahme einer ganzen Zahl für das Erdvermögen nur dann 
zulässig ist, wenn eine Vergleich ung zweier Felder statt- 
findet. Sobald die Vergleichung wegfällt, verliert die will- 
kürlich angenommene Zahl alle Bedeutung und macht die 
Rechnung unklar. 

Beispiel. Es sei auf dem einen Felde die Tätigkeit 
= i/e, die Qualität = 3^, auf dem anderen Felde die Tätig- 
keit = ^/s, die Qualität = 3,6^, so ist das Erdvermögen des 
1 sten Feldes = i/e X 3 = 0,5o, des 2ten = Vs X 3,6^ = 0,45, 
und das Verhältnis des Erd Vermögens zwischen beiden ist 
0,50 : 0,45 = 10 : 9. 

Das Feld D habe mit dem Felde A einen Boden von 
gleicher physischer Beschaffenheit, der Humusgehalt beider 
Felder aber sei ungleich: so ist bei völhg gleicher Behand- 
lung die Verschiedenheit in der Größe der Ernten eine Folge 
des ungleichen Humusgehalts beider Felder. 

Hypothese. Bei Gleichartigkeit der Pflanzennahrung 
aber ungleicher Quantität derselben, steht bei Gleichheit des 
Bodens, des Klimas, der Vorfrucht, der Bearbeitung, der 60 
Tiefe der Ackerkrume und aller auf die Vegetation ein- 
wirkenden Potenzen — die Größe der Ernten im direkten 
Verhältnis mit der Quantität der im Boden enthaltenen 
auflösüchen Pflanzenuahrung. 

"Wenn nun auf den Feldern A und D von gleicher 
physischer Beschaffenheit der Humusgehalt in dem Verhältnis 
von 1 : s/io steht, so ist dieser Hypothese gemäß das Verhältnis 
der Ernten von A und D ebenfalls wie 1 : ^/lo oder wie 10 : 8. 

5* 



— 68 — 

Aufgabe. Wenn in den Feldern A und B das Erd- 
vermögen verschieden, der Humusgehalt aber gleich, in den 
Feldern B und D dagegen das Erdvermögen gleich, der 
Humusgehalt verscliieden ist — das Verhältnis der Ernten 
zwischen A und D zu finden. 

Das Erd vermögen des Feldes B, gleich dem von D, 
sei gleich ^.'lo des Erdvermögens von A. Der Gehalt an 
Pflanzennalirung in D verhalte sich zu dem in B und A 
wie */io : 1. So ist das Verhältnis der Ernten 
von A : B = 1 : ^/lo 
von B : D = 1 : ^/lo 



also A ; 


; D = 1 : 9/10 X ^/lo = 


1 : '-/loo. 


Allgemein ausgedrückt sei 

Das Erd- Der Humus- 
vermögen gehalt 

des Feldes A — V H 


Die Ernte 
E 


„ „ B- V H 
„ „ D - V h 

so ist das Verhältnis der Ernten 


X 


von A 


: B == V : V 




von B 


: D = H : h 





also A : D = VH : vh. 

vh 
61 Die Ernte von D ist also = tttt mal Ernte von A, oder 

X = ^ . E. 

In Worten ausgedrückt, sagt diese Proportion: Die 

Ernten zweier Felder verhalten sich, wie die Produkte aus 

den beiden Faktoren, Erd vermögen und Humusgehalt, sich 

gegeneinander verhalten, 

vh 
Der Ausdruck ^„ . E kann unter verschiedenen 

Formen dargestellt werden, ohne daß der Wert desselben 
eine Änderung erleidet. 



— 69 — 

hs ist Damnen ^is • ^ = vli . ^^ = v : ^^j- 

Die letztere Form sagt: 

Man dividiere das Produkt der beiden Faktoren (V, H) 
des Feldes A mit der Ernte (E) dieses Feldes ; der Quotient 
ergibt, wie viele Einheiten des Produktes zur Erzeugung 
einer zum Maßstab genommenen Quantität Roggen z, B. 
eines Scheffels erforderlich sind, und mit diesem Quotienten 
in das Produkt der beiden Faktoren (v, h) des Feldes D 
dividiert, gibt die Größe der Ernte dieses Feldes. 

Dieses Verfahren ist zuerst von Herrn v. Wulffen an- 
gewandt, später wieder aufgegeben; dann aber von dem 
Herrn v. Yoght angenommen, und trotz allen Widerspruchs 
beharrlich beibehalten. 

Unter den hier vorausgeschickten Suppositionen leidet 
die Richtigkeit des Verfalirens keinen Zweifel. Herr v. Voght 
verwechselt aber Humusgehalt mit Reichtum; denn was 
derselbe Dungvermögen nennt, kann der Natur dieser Methode 
nach nicht R = QH sein, sondern ist = H: auch erscheint 
bei ihm das Erdvermögen nicht als TQ, sondern als T mit 62 
60 multipliziert. Um nun Herrn v. Voghts Formel mit der 
hier dargestellten Methode in Einklang zu bringen, muß 
das in Graden ausgedrückte Dungvermögen mit Q dividiert, 
das Erdvermögen aber mit Q multipliziert und mit 60 dividiert 
werden — indem Herr v. Yoght das Erdvermögen, um es 
zur ganzen Zahl zu erheben, 60 fach genommen hat. 

Über die Größe des Erdvermögens auf den verschiedenen 
Bodenarten sind noch sehr wenig Beobachtungen angestellt. 
Wie es mir scheint, findet das Maximum des Erd Vermögens 
weder auf dem Saud- noch auf dem Ton-, sondern auf dem 
sogenannten Mittelboden, vielJeicht auf dem Gerstenboden 
2ter Klasse statt. Könnte man im frischen Dünger die 
Wirkung, die derselbe als Ferment auf den im Boden be- 
findlichen Humus ausübt, von der Wirkung, die derselbe als 



— 70 — 

unmittelbare Pflauzennalirung hat, trennen, und letztere für 
sich darstellen: so würde der Mehrertrag, der durch die 
Zuführung eines Fuders Dung in der nächsten Ernte er- 
langt -wird, Maßstab des Erdvermögens sein; und derjenige 
Boden, der von dem zugeführten Dünger in der nächsten 
Ernte den höchsten Mehrertrag lieferte, besäße zugleich das 
Maximum des Erd Vermögens. 

"Wenden wir eine ähnliche Betrachtung, wie die vor- 
liegende, auf Bodenarten von verschiedener Qualität und 
Tätigkeit an, so ergeben sich folgende Resultate : 
63 Auf Boden A und B sei Tätigkeit, T, und Humusgehalt, 
H, gleich, die Qualität aber verhalte sich wie Q : q. 

Auf Boden B und C verhalte sich, bei gleicher Qualität, 
q , und gleichem Humusgehalt , H , die Tätigkeit wie T : t. 

■Auf Boden C und D sei bei gleicher Qualität, q, und 
gleicher Tätigkeit, t, das Verhältnis des Humusgehalts wie 
H:h. 

Alsdann ist das Verhältnis der Ernten 
von A : B = Q : q 
B :C = T:t 
C : D = H : h 
also A : D = TQH : t<ih. 
Oder die Ernten von A und D verhalten sich wie die Pro- 
dukte aus den drei Faktoren : Tätigkeit, Qualität und Humus- 
gehalt beider Bodenarten. 

Es ist aber Qualität mal Humusgehalt gleich Reichtum, 
und wenn wir R für QH und r für qh setzen: so ist das 
Verhältnis zwischen den Ernten von A und D wie TR : tr 

und X oder die Ernte von D ist = ^ts • E. 

iK 

Wir gelangen also durch unsere Untersuchung zu der 
v. Wulftenschen Formel, wonach zwischen den Ernten zweier 
Felder das Verhältnis stattfindet, wie zwischen den Pro- 
dukten aus den beiden Faktoren, Tätigkeit und Reichtum. 



— 71 — 

Wir haben nun für x, oder die Ernte von D, drei ver- 
schiedene Ausdrücke erhalten, nämlich: 

I. X 3= ^ . E 
TT T - ^^ F 

in. X = ^^ . E. 

Diese drei Ausdrücke für x entspringen aus einer 
Wurzel und sind alle richtig; ihre Yerschiedenheit rührt nur 
daher, daß die drei Faktoren T, Q, H, in I. und III. paar- 
weise und zwar in verschiedenen Verbindungen zusammen- 
gesetzt sind. In I. sind T und Q verbunden und das Pro- 64 
dukt ist = V gesetzt; in III. sind dagegen Q und H ver- 
bunden und in ihrer Verbindung =: R gesetzt. 

Wenn die Bearbeiter der Statik sich bisher so wenig 
haben vereinigen können, so liegt dies nicht daran, daß sie 
in der Sache selbst sehr abweichender Meinung sind, sondern 
daß sie sich über die Methode, wonach zu verfahren, nicht 
einigen können. Die Hauptiu'sache hiervon ist, meiner An- 
sicht nach, daß sie nicht alle auf die Ertragsfähigkeit ein- 
wirkenden Faktoren in ihre Formeln aufnehmen, sondern 
diese, und zwar, auf ungleiche Weise, miteinander verbinden. 

Der Wunsch, zur Ausgleichung dieser Meinungsver- 
schiedenheiten beizutragen, und dadurch von den Beratungen 
über die Form endlich zu der über die Sache selbst zu 
füliren, hat den Verfasser veranlaßt, diesen Gregenstand aus- 
führlicher zu behandeln, als es in einer der Statik nicht 
eigens gewidmeten Schrift vielleicht erlaubt ist. 

Außer den drei genannten Potenzen, Tätigkeit, Qualität 
und Humusgehalt üben Vorfrucht und Bodenbearbeitung einen 
sehr bedeutenden Einfluß auf die Größe der Ernten aus. 

Wir wissen, daß das Wintergetreide in die Stoppel einer 
Halmfrucht gesät nur 70 bis 80 %, in die Erbsenstoppel 



— 72 — 

gesät nur 80 bis 85 ^.'o von dem trägt, was dieser Boden, 
bei gleichem Reichtum, nach reiner Brache getragen hätte; 
wir wissen ferner, daß Hafer nach Klee oder nach einer 
Schotenfrucht gebaut, bei gleichem Bodenreichtum, einen 
größeren Ertrag gibt als nach einer Halmfrucht. 

Für diese Einwirkung der Vorfrucht, verbunden mit der 
durch die Vorfrucht selbst schon bedingten Verschiedenheit 
der Bodenbearbeitung, nehme ich einen eigenen Faktor an, 
nenne ihn „Faktor der Kultur", bezeichne ihn mit „K" und 
setze ihn für die nach reiner Brache folgende Frucht gleich 1. 
65 Wir erhalten dadurch für die Größe der Ernten, in 
Jahren von mittlerer Fruchtbarkeit, folgende Gleichung: 
E = TQHK. 

Herr v. Wullfen drückt die Einwirkung der Vorfrucht 
durch eine Änderung des Faktors T aus, zieht sich dadurch 
aber den oft gemachten Vorwurf zu, daß, da T Tätigkeit 
des Bodens genannt wird, dieser Faktor für einen und 
denselben Boden auch nicht als eine veränderliche Größe 
behandelt werden dürfe. 

Mir scheint deshalb der Gegenstand an Klarheit zu 
gewinnen, wenn wir für die Einwirkung der Vorfrucht und 
Bearbeitung — also für das, was zunächst in der Macht 
des Landwirts steht — einen eigenen Faktor annehmen ; die 
Tätigkeit aber als eine dem Boden inhärierende Eigenschaft 
betrachten. Die Einwirkung der AVitterung auf die Größe 
der Ernten in verschiedenen Jahren kommt in der Statik des 
Landbaues ebensowenig in Betracht als beim Ertragsan- 
schlag und bei dem darauf gegründeten Kauf- oder Pacht- 
preis eines Gutes. In allen statischen Untersuchungen werden 
immer Jahre von mittlerer Fruchtbarkeit, für welche der 
Durchschnittsertrag aus einer langen Reihe von Jahren das 
Maß ist, vorausgesetzt. 

Der Ertrag, den ein Acker bei mittlerer Jahresfruchtbar- 
keit geben würde, wird die Ertragsfähigkeit desselben genannt. 



— 73 — 

Alle bisherigen Systeme der Statik des Landbaues grün- 
den sich auf die Voraussetzung, daß die Ertragsfälligkeit des 
Bodens mit dem Reichtum desselben — und also für den- 
selben Boden auch mit dem Humusgehalt — im direkten 
Verhältnis stehe, daß also ein Boden mit einem zweifachen 
Humusgehalt auch einen zweifachen Ertrag liefere. 

In der Tat w^ar auch der Eingang in die Statik ohne 66 
eine solche Annahme nicht zu finden. 

Die späteren auf diesen Gegenstand gerichteten Be- 
obachtungen haben aber ergeben: 

1, daß, wenn man Ackerstücke von gleicher Boden- 
beschalTenheit und gleichem Reichtum mit 3, 4, . 5, 6 usf. 
Fuder Dung pr. 100 DRuten befährt, jedes mehr hinzu- 
gefügte Fuder Dung einen immer geringeren Zuwachs am 
Ertrage liefert; 

2. daß beim fortgesetzten Anbau des Bodens mit aus- 
saugenden Gewächsen ohne Dungersatz der Ertrag nicht bis 
zu Null herabzubringen ist, sondern sich einem Beharrungs- 
punkt, verschieden nach der verschiedenen physischen Be- 
schaffenheit des Bodens, immer mehr nähert. 

Für letzteres findet sich auf dem Gute Tellow ein 
frappanter Belag. Hier hat nämlich ein zum Ausbauen 
bestimmtes Stück Land in der 12ten Saat nach der Düngung, 
ohne einen anderen Ersatz zu erhalten, als den, welchen 
die zeitweise eingeschobene Weide gewährte, noch einen sehr 
bedeutenden Ertrag gegeben, und in dem Ertrage der letzten 
6 Saaten ist keine Abnahme bemerklich. 

Lägen Fakta genug vor, um aus den Gliedern der Reihe, 
welche diese Fakta bilden, das allgemeine Glied, oder das 
Gesetz, wonach die Reihe fortgeht, mathematisch zu be- 
stimmen, so wäre es der Statik, als solcher, gleichgültig, 
aus welchen Ursachen jene Erscheinung entspringt. Solange 
aber die Fakta noch so sparsam sind, daß jener mathematische 
AVeg nicht betreten werden kann, drängt sich uns das Be- 



— 74 — 

dürfnis nach einer Erklärung auf — und so habe ich, nach den 
mir vorliegenden Erscheinungen, mir folgende Ansicht gebildet. 

Dung, Humus, selbst ganze Heuhaufen verschwinden, 
wenn sie der Luft melirere Jahre ausgesetzt sind — bis auf 
67 den geringen Gehalt an mineralischen Stoffen — fast gänz- 
lich. Hier ist die allmähliche Yerflüchtigung der Stoffe, aus 
welchen jene Substanzen bestehen, dem Auge sichtbar. Aber 
unseren Sinnen nicht wahrnehmbar, und selbst den bisherigen 
chemischen Analysen entgehend, ist das, was der Boden an 
pflauzeunährenden Gasen — die ich mit dem Kollektivnamen 
„Humusgas" benennen möchte — aus der Atmosphäre wieder 
empfängt. Daß aber ein solches Empfangen wirklich statt- 
findet, ergibt sich daraus, daß rohe, aus dem Untergrund 
heraufgebrachte Erde, welche anfangs sich ganz unfruchtbar 
zeigt, nach mehrjähriger Berührung mit der Luft fruchtbar 
wird und Pflanzen nährt. Selbst Sand aus den um die 
Tannenkämpe gezogenen Gräben, etwa 10 Jahre in einem 
Wall gelegen, dann wieder in die Gräben zurückgebracht, hat 
hier eine merkwürdige, jedoch nur einige Jahre anhaltende 
Fruchtbarkeit gezeigt. Auch führt die statische Untersuchung 
über die Ursachen der Qualität des Bodens schon a priori 
zu Sätzen, die mit dem, was die Beobachtung der Natur 
ergibt, übereinstimmen. 

Wie im Feuchtigkeits- und Wärmegehalt zwischen Boden 
und Atmosphäre ein Streben nach Ausgleichung stattfindet, 
so daß der ausgetrocknete Boden Feuchtigkeit aus der Atmo- 
sphäre anzieht, der nasse'Boden dagegen Wasser ausdünstet, 
so mag auch in bezug auf den Gehalt an Humusgas zwischen 
Boden und Atmosphäre eine stete Wechselwirkung, ein 
Streben nach Ausgleichung stattfindet — imd so wie der 
Boden in dem Maße, als er stärker mit Wasser geschwängert 
ist, auch stärker ausdünstet, der trockene Boden aber um 
so mehr Feuchtigkeit einsaugt, je größer die Differenz im 
Wassergehalt des Bodens und der Atmosphäre ist: so können 



— 75 — 

wir auch analogiscli schließen, daß der Boden um so mehr 
Humusgas an die Atmosphäre abgibt, je reicher er an Humus 
ist, aber auch um so mehr Humusgas einsaugt, je geringeres 
sein Humusgehalt ist, daß also die Atmosphäre auf den reichen 
Boden raubend, auf den armen Boden bereichernd wirkt. 

Dieser Ansicht folgend, ist es denkbar, daß der Boden 
beim fortgesetzten Kornbau ohne Dungersatz vermittels der 
beim verminderten Humusgehalt verstärkten Einsaugung 
atmosphärischer Stoffe, mit Zuhilfenahme des geringfügigen 
Ersatzes aus den Stoppeln und AVurzeln des Getreides, auf einer 
gewissen Höhe des Ertrages zum beharrenden Zustand gelangt. 

Wenn nun auch zwischen Humusgehalt und Ertrag des 
Bodens kein direktes Verhältnis stattfindet, so müssen doch, 
da jede Vermehrung des Humusgehaltes eine Erhöhung des 
Ertrages bewirkt, beide miteinander in Verbindung und in 
irgendeinem Verhältnis zueinander stehen. 

Welches ist nun dieses Verhältnis? 

Annahme. Auf zwei Feldern von gleichem Boden, 
aber ungleichem Humusgehalt, verhält sich bei gleicher Be- 
handlung der Ertrag wie die Quadratwurzel aus dem in 
Zalilen angegebenen Humusgehalt beider Felder. 

Beispiel. In dem im Felde A pr. 100 DRut. befind- 
lichen Humus sei so "siel Pflanzennahrung enthalten , als in 
36 Fuder Dung; der Körnerertrag dieses Feldes sei = 10; 
im Felde B sei dagegen der Humusgehalt im Wert = 25 
Fuder Dung: so verhalten sich die Ernten von A und B 
wie V 36 : } 25 = 6 : 5. 

Da nun A 10 Körner liefert, so ist der Ertrag von B 
= 5/6 X 10 = 81/3 Körner. 

Auf gleiche Weise findet man 

für den Humusgehalt den Ertrag 

= 16 ^li-, X 10 = 6-^/3 Körner 

= 9 3/^; >/ 10 = 5 „ 

= 4 '-i/G X 10 = 31/3 „ 



— 76 — 

69 Weder die Atmosphäre noch die Pflanze vermag es, dem 
Boden den letzten Rest seines Humusgehaltes zu entziehen. 
Ist nun der Humusgehalt des Bodens bis zu dem Grade 
vermindert, daß das, was die Pflanze sich noch an Humus 
zuzueignen vermag, durch die "Wurzel und Stoppel der 
Pflanze , und durch die Stoppelweide ersetzt werden kann : 
so tritt der beharrende Zustand ein. Die Ertragsfähigkeit 
des Bodens in diesem Zustand — entspringend aus der 
Einsaugung atmosphärischer Stoffe — nenne ich die imma- 
nente. 

Diese immanente Ertragsfähigkeit ist gar selir von der 
pliysischen Beschaffenheit und besonders von der "wasser- 
haltenden Kraft des Bodens abhängig und sinkt auf dem 
Sandboden bis nahe zu Null liinab, während sie auf dem 
Touboden vielleicht 3 bis 4 Körner, und bei einer au Humus- 
gas reichen Atmospliäre wahrscheinlich noch mehr beträgt. 

Aus der Tatsache, daß die immanente Ertragsfähigkeit 
auf den verscliiedenen Bodenarten so sehr verschieden ist, geht 
zugleich das wichtige Resultat hervor, daß die Ernährung 
der Pflanzen auf einem an Humus armen Boden nicht allein 
durch Einsaugung atmosphärischer Stoffe vermittels der 
Blätter der Pflanzen, sondern auch, und im beträchtlichen 
Grade, durch Einsaugung dieser Stoffe vermittels des Bodens 
geschieht. 

Ich bin weit entfernt zu glauben, daß durch obige An- 
nahme — nach welcher sich die Ertragsfähigkeit des Bodens 
wie die Quadratwurzel aus dem Humusgehalt desselben ver- 
hält — das Gesetz selbst, was die Natm" hier beobachtet, 
gefunden sei. Aber durch diese Annahme, in Verbindung 
mit der Ansicht, daß der Boden um so mehr Humusgas ein- 
saugt, je ärmer er an Humus ist, sind die beiden oben an- 
geführten Fakta, welche mit der Theorie im "Widerspruch 
waren, damit wieder in Einklang gebracht — und dies muß 
vorläufig genügen, bis fernere Versuche und Beobachtungen 



— 77 — 

Data geliefert haben, die uns der Erkenntnis des Gesetzes 70 
selbst näher führen können. 

In den statischen Tableaux einer Fruchtfolge, wo es 
hauptsäclilich nur auf die Lösung der Frage, ob die Frucht- 
folge aussaugend oder bereichernd sei, und auf die Ermitt- 
lung des Reichtums in allen Schlägen zusammen ankommt, 
kann die Hypothese, daß der Ertrag im direkten A^erhältnis 
mit dem Reichtum stehe, auch ferner eine Anwendung finden ; 
denn die Differenz zwischen dem Reichtum der einzelnen 
Schläge und dem mittleren Reichtum ist nicht so bedeutend, 
daß aus der Anwendung jener H3^pothese ein erheblicher 
Irrtum entstehen könnte. 

Wenn es aber zur Frage gestellt wird, wie hoch sich 
die Bereicherung des Bodens bezalüt, und wo die Grenze ist, 
bei welcher die Bereicherung des Bodens aufhört vorteilhaft 
zu sein — dann ist die Anwendung jener Hypothese völlig 
unzulässig und auf Irrwege führend. 



"Wenn Ertrag und Humusgehalt auf demselben Boden 
nicht im direkten Verhältnis zueinander stehen, so sind 
Tätigkeit, Qualität, Humusgehalt, und somit auch Tätigkeit 
und Reichtum keine voneinander unabhängige, sondern korre- 
spondierende Größen, Avas hier aber nur angedeutet, nicht 
ausführlich dargelegt werden kann. Für die aufblühende 
Generation bietet sich dadurch ein weites Feld zu Beobach- 
tungen, Versuchen und Forschungen dar. Sind erst Data 
genug gesammelt, so wird die Statik des Landbaues einst 
auch ihren Euklid finden. 



Aus den Entdeckungen in der Chemie, und namentlich 
aus den verdienstvollen Untersuchungen des Herrn Professors 
Sprengel hat sich ergeben, daß in allen Pflanzen mineralische 
Stoffe, wie KaLk, Kali, Schwefelsäure, Talkerde u. m. a. ent- 71 
halten sind, daß diese Stoffe als Nahrungsmittel der Pflanzen 



— 78 — 

zu betrachten sind, und daß der Acker in sehr vielen Fällen 
durch Zuführung dieser Mineralien fruchtbarer wird. 

Auch in der praktischen Landwirtschaft hat sich dies 
durch die große Wirkung des Mergels, des Gipses und 
naehrerer anderer mineralischen Stoffe vollkommen bestätigt. 

In der Statik betrachten wir dagegen mit Herrn v. "Wulffen 
die Erde nur als die Werkstatt zur Bereitung der Pflanzen- 
nahruug, die Reste abgestorbener animalischer und vegetabi- 
lischer Substanzen aber als die wesentliche Quelle der Er- 
nährung der Pflanzen. 

Erde und Humus erscheinen hier also gewissermaßen 
als Gegensätze. Durch die chemischen Untersuchungen ist 
nun aber die Scheidewand zwischen beiden gefallen, und 
das Gebäude der Statik scheint dadurch in seinen Grund- 
vesten erschüttert zu sein. Man ist sogar geneigt, nicht 
bloß die Existenz der Statik, sondern selbst die Möglichkeit 
derselben abzuleugnen. 

Ein so ernster Vorwurf bedarf der Prüfung seiner Richtig- 
keit; und ich erlaube mir deshalb, meine Erfahrungen über 
die Bedingungen und die Umstände, unter denen die mine- 
ralischen DünguDgsmittel eine große Wii'kung zeigen, so 
wie meine aus diesen Erfahrungen entsprungenen Ansichten 
mitzuteilen. 

Auf dem Gute T. habe ich die Erfahrung gemacht, daß 
der Mergel auf trocknem Sand, auf rohem Lehmboden, und 
auf dem , seit Jahrhunderten kultivierten , reichen und kräf- 
tigen Boden in der Nähe des Hofes wenig oder gar keine 
Wirkung äußerte, während auf dem feuchten Mittelboden, 
wo Sauerampfer (Rumex) wuchs, die Wirkung des 
72 Mergels enorm war, so daß die Ernten dadurch um 30 bis 
40 *^/o gesteigert wurden. Diese Erfahrung, verbunden mit 
der Wahrnehmung, daß nach dem richtig vollführten Mergeln 
der Saucramj)fer gänzlich vom Acker verschwindet, führten 
lüich schon j ehe Sjli'engels Untersuchungen bekannt waren, 



— 79 — 

auf den Gedanken, daß die Wirknag des ]\lergels von der 
Gegenwart einer Säure im Boden abhängig sei, und ich habe 
diese Ansicht bereits im Jahre 1829 (in den mecM, landw. 
Annalen, Jahrg. 16) ausgesprochen. 

Diese Ansicht veranlaßte den, leider zu früh verstorbenen 
Herrn Schröder zu Quitzenow zu einer Reihe von Unter- 
suchungen auf verschiedenen Feldern, welche in den meck- 
lenb. landw. Annalen, Jahrg. IG, S. 520, mitgeteilt sind. 

Beim Eintauchen des Lackmuspapiers in die zu einem 
Brei erweichte Erde ergaben sich ihm folgende Resultate: 

Reicher Boden in der Nähe des Hofes rötete das Lack- 
muspapier nur schwach ; mit dem abnehmenden Bodenreich- 
tum in größerer Entfernung vom Hofe nahm die Rötung 
sukzessive zu und wurde sehr stark auf einem Acker, der 
früher zur beständigen Weide gelegen hatte ; auf gemergeltem 
Acker und auch auf Feldern , wo der Mergel die Wirkung 
versagte, änderte sich die Farbe des Papiers wenig oder 
gar nicht. 

Hier zeigte sich, daß die Größe der Wirkung des Mergels 
mit dem Grad der Rötung des Lackmuspapiers, also mit 
dem größeren oder geringereu Gehalt des Bodens an Säure 
im Verhältnis stand, und daß der Erfolg des Mergeins im 
voraus aus dem Verhalten des Bodens gegen das Lackmus- 
papier erkannt werden könne. 

Bei ferner fortgesetzten A^ersuchen fand Herr Schröder, 
daß ein Zusatz von Mergel zu der Erde, welche das Lack- 
muspapier rot gefärbt hatte, die blaue Farbe des Lackmus- 
papiers wiederherstellte, und daß ein Zusatz von Mist das 
gerötete Lackmuspapier ebenfalls, wenn auch im schwächeren 73 
Grade als der Mergel, wieder blau färbte. Der Mist von 
Schafen stand in dieser Beziehung dem Mergel am nächsten ; 
diesem folgte der Pferde- und dann der Rindviehdung. 

Er folgt hieraus das wichtige Resultat, daß der Mist, 
vorzüglich aber der Schafmist, die im Boden befindliche 



— 80 — 

Säure neutralisiert — woraus sich dann auch die geringe 
AVirkung des Mergels auf reichlich gedüngtem Boden erklärt. 

Diesen Erfahrungen und Untersuchungen zufolge ist die 
Gegenwart einer Säure — wahrscheinlich der Humussäure — 
die Bedingung, unter welcher der Kalk sich als Düngungs- 
mittel zeigt, und der Kalk ist dann nur das Vehikel, um die 
Humussäure in auflösliche Pflanzennahrung zu verwandeln. 

Diese aus den Erfahrungen, welche das Mergeln dar- 
bietet, geschöpfte Ansicht wird durch die Aufklärungen, die 
dieser Gegenstand durch die Untersuchungen des Herrn 
Professors Sprengel späterhin erhalten hat, nicht widerlegt, 
sondern vielmehr bekräftigt. Denn nach Sprengel ist der 
humussaure Kalk ein treffliches Nahrungsmittel für die 
Pflanzen, und wird durch die Verbindung mit dem im Mist 
enthaltenen Ammoniak leicht löslich, während die Humus- 
säure selbst im Wasser sehr schwer löslich ist. 

Ein sehr wesentlicher Unterschied zwischen den mine- 
ralischen Düngungsmitteln und den animalisch-vegetabilischen 
Dungmitteln zeigt sich ferner darin, daß wenn der Boden 
von jenen eine gewisse Quantität erhalten hat, ein fernerer 
Zusatz desselben Minerals sich auf die Beförderung des 
Pflanzenwachstums völlig wirkungslos zeigt, während jeder 
fernere Zusatz von animalisch-vegetabilischem Dung eine 
immer üppigere — wenn auch nicht immer einträglichere — 
Vegetation zur Folge hat. 
74 Zu Tellow und auf anderen mecklenburgischen Gütern 
hat sich in der Wirkung kein Unterschied gezeigt, wenn 
10, 20 oder 40 K. F. Mergel auf die Quadratrute gebracht 
wurden. Zwei Mergelarten von 11 "/o und von 30 ^/o Kalkgehalt 
in gleicher Stärke nebeneinander gefahren, ließen keinen Unter- 
schied im Stande der darauffolgenden Frucht wahrnehmen. 
Eine zweite Mergelung zeigt da, wo beim ersten Mergeln 
richtig verfahren ist, keine Wirkung — ausgenommen, wenn 
der Boden an Nässe leidet, und wieder Sauerampfer erzeugt. 



— 81 — 

Auch beim Gips zeigt sich eine ähnliclie Erscheiming. 
Bei einem zu T. geraachten Versuch konnte zwischen dem, 
mit 1/2 U. und dem mit 12 it. Gips pro Quadratrute be- 
streuten Klee kein unterschied wahrgenommen werden ; und 
auf einer Wiese, die seit 9 Jahren jährlich mit 1/2 fl. Gips 
pro Quadratrute bestreut wurde, scheint der Gips alhnählich 
seine Wirkung mehr luid mehr zu versagen. 

Aber auch diese Erscheinungen finden in der neueren 
Chemie ihre Erklärung. Der Gehalt der Pflanzen an mine- 
ralischen Stoffen ist sehr gering, und eine kleine dem Boden 
erteilte Quantität dieser Stoffe genügt dem Bedürfnis der 
Pflanzen auf mehrere Jahre. Bringt man nun von diesen 
Stoffen mehr auf den Acker, als zu der chemischen Kon- 
stitution der Pflanzen und zur NeutraHsation der im Boden 
befindlichen Säuren erforderlich ist, so wird der Rest für 
die Vegetation indifi'erent, oder wirkt nur noch physisch, 
wie Ton und Sand. 

Es gibt aber auch Bodenarten, auf welchen die meisten 
mineralischen Düngungsmittel sich erfolglos zeigen*). So 
hat z. B. auf dem am Hofe liegenden Acker des Gutes T. 75 
der Mergel auf den Höhen gar keine, in den Niederungen 
nur eine sehr geringe Wirkung gezeigt; der Gips äußert 
hier ebenfalls nur eine geringe Wirkung, während derselbe 
auf dem vom Hofe entfernteren Acker mit großem Erfolge 
angewandt wird. Auch haben Knochenmehl und Kochsalz 
sich bei den damit angestellten Versuchen auf diesem Acker 
wie auf dem ganzen Felde bis jetzt wirkungslos gezeigt. 

Ein solcher Boden ist nicht durch mineralische Düngungs- 
mittel, sondern nur durch verstärkte Mistdüngungen zu einem 
höheren Ertrage zu bringen. 

*) Ich bemerke jedoch, daß ich die stickstoffhaltigen Körper, 
wie Salpetersäure und Ammoniak und deren Verbindungen mit 
anderen Stoften nicht zu den mineralischen, sondern zu den or- 
ganischen Dungmitteln rechne. 

Thünen, Der isolierte Staat. 6 



— 82 — 

Vorzüglicli ist es der schon lange in Kultur befindliche, 
gut entwässerte und reichlich mit Mist gedüngte Boden, auf 
welchem die mineralischen Dfingnngsmittel nur einen ge- 
ringen, oder auch gar keinen Erfolg äußern. 

Nun geht aus den chemischen Analysen selbst hervor, 
daß im Mist, d. i. in den mit Streustroh untermischten 
Exkrementen des Yiehes, alle mineralischen Stoffe, welche 
die Pflanze zu ihrer Konstitution bedarf, schon enthalten 
sind. Es ist also auch begreiflich, daß ein nach kurzen 
Zeiträumen regelmäßig und reichlich mit Mist gedüngter 
Acker keinen Mangel an jenen mineralischen Stoffen hat, 
imd daß eine Zuführung derselben sich hier fruchtlos zeigt. 

Nach unserer oben gegebenen Definition besteht aber 
der Humus aus den Rückständen fiüherer Mistdüngungen, 
und es sind folglich im Humus auch alle zur 
Ernährung unserer Kulturpflanzen erforder- 
lichen mineralischen Stoffe vorhanden. 

Wenn aber durch zu häufige Wiederkehr von Kultur- 
pflanzen, die vorzugsweise einzelne Bestandteile des Humus 
sich aneignen, wenn z. B. durch den Rapsbau der Kali- 
gehalt, durch den Kleebau der Gips, durch den Flachsbau 
76 der Talkerdegehalt des Humus erschöpft und somit das 
normale Verhältnis in den Bestandteilen des Humus auf- 
gehoben ist; oder wenn durch langes Dreeschliegen bei 
schlechter Entwässerung der Humus versäuert ist; oder 
endlich, wenn die im Humus ursprünglich enthaltenen Salze 
durch starken Wasserzufluß ausgelaugt und Aveggeschwemmt 
sind — dann, aber nach meiner Ansicht auch nur dann, 
wird die Zuführung mineralischer Stoffe von großem Erfolge 
begleitet sein. 

Was in der Statik „Humus" heißt, darf mit dem, was 
die Chemiker so benennen, durchaus nicht verwechselt 
werden, da diese allen der Yerw^esung unterworfen gewese- 
nen organischen Stoffen, ohne Rücksicht auf ihren Ursprung, 



— 83 — 

den Nameu „H^iwi^is" erteilen. Einen wesentlichen Be- 
standteil des Humus bildet die Humnssänre, und diese ist 
sowohl im Torf als in dem Mistrückstand enthalten. In 
dem Gedeihen unserer Kulturpflanzen macht es aber einen 
sehr wesentlichen Unterschied, ob die im Boden enthaltene 
Humussäure aus dem Torf oder aus den früheren Mist- 
düngungen entsprungen ist, und das Yerhalten der Pflanzen 
gegen beide mit einem Namen benannte Säuren zeigt, daß 
diese keineswegs identisch sind. Aus diesem Grunde haben 
die chemischen Analysen des Bodens über den Gehalt des- 
selben an wirklicher Pflanzennahrung uns überall noch keine 
Aufklärung gegeben. Es ist deshalb wichtig und vielleicht 
sehr folgenreich für die Zukunft, daß nach Herrn Professor 
Liebig, die Chemiker es jetzt erkannt haben, daß die Humus- 
säure, je nachdem sie aus Torf oder aus Stärke gewonnen, 
ist, in ganz verschiedenem Verhältnis aus Kohlenstoff, Wasser- 
stoff und Sauerstoff zusammengesetzt ist. 

Da nun im Humus — in der statischen Bedeutung — , 
solange derselbe im normalen Zustand ist, schon alle zur 
Ernährung der Pflanzen erforderlichen mineralischen Stoffe 
enthalten sind, ein fernerer Zusatz dieser Mineralien aber 
nur mechanisch und physisch wie die übrige Erde wirkt: so 77 
ist die Entgegensetzung von Erde und Humus dadurch auch 
gerechtfertigt. 

Die Aufgabe der Statik ist: den Verlust an Ertrags- 
fähigkeit, den der Boden durch die Ernten erleidet, und den 
Zuwachs an Ertragsfähigkeit, den derselbe durch Zuführung 
einer gegebenen Quantität Mist erhält, für die verschiedenen 
Bodenarten in Zahlen anzugeben. 

Der Statik an sich ist es gleichgültig, welche Bestand- 
teile des Mistes und des Humus die eigentliche Pflanzen- 
nahrung bilden, ob das Wasser, nach v. Helmont, der Kohlen- 
stoff nach Hassenfratz, oder, wie die neuere Chemie will, 
die im Mist enthaltenen mineralischen Bestandteile die Ur- 

6* 



— 84 — 

Sache der günstigen Ein^Yirkung desselben auf die Vegetation 
sind. Die Statik hat es nur mit der Größe der Gesamtwirkung 
aller im Mist enthaltenen düngenden Stoffe zu tun. Dadurch 
wird sie aber von der Argrikulturchemie völlig unabhängig, 
und die durch Beobachlungeu und Yersuche gefundenen 
Zalilen für die Wirkung einer gegebenen Quantität Dung 
bleiben unverändert, welchen Bestandteil des Mistes man 
jetzt oder künftig als den eigentlich nährenden anerkennen mag. 

Hätte man nicht eher Landbau treiben wollen, als bis 
man darüber einig gewesen, wie und durch welche Bestand- 
teile der Mist wirke: so wäre das Menschengeschlecht ver- 
hungert. Ebensowenig aber wie der praktische Landbau 
darf die Statik ihre Fortbildung bis zur Lösung jener Frage 
aufschieben. 

Aber die Chemie kann, namentlich in der fruchtbaren 
Anwendung, die Herr Professor Sprengel davon auf die 
Landwirtschaft gemacht hat, manche Probleme, zu deren 
Lösung wir auf dem Wege der bloßen Beobachtung vielleicht 
78 Jahrhunderte gebrauchen, auf einmal in ein helles Licht 
stellen und dadurch die Statik sehr fördern ; sie kann, wenn 
das normale Verhältnis in den Bestandteilen des Humus 
gestört ist, uns zeigen, welche Stoffe wir dem Acker zuführen 
müssen, um ihn fruchtbarer zu machen und dadurch dem 
praktischen Landbau höchst nützlich werden. Kein rationeller 
Landwirt kann ferner der Kenntnis der Chemie entbehren. 



Der Kohlenstoff bildet der Quantität nach den Haupt- 
bestandteil unserer Kulturpflanzen ; auch im Mist und Humus 
maclit der Kohlenstoff den hervorragendsten Bestandteil aus ; 
der Boden trägt um so üppigere Früchte, je mehr Mist und 
folglich auch Kohlenstoff derselbe empfängt; beim fort- 
gesetzten Anbau des Bodens nimmt der Ertrag der nach- 
einander folgenden Früchte fortsclu'eiteud ab, aber der Boden 



— 85 — 

erhält seine Fruchtbarkeit wieder, wenn ihm Mist, mithin 
auch Kohlenstoff, zugeführt wird. 

Aus diesen einfachen Tatsachen hat sich die Meinung 
gebildet, daß unsere Kulturgewächse ihren Bedarf an Kohlen- 
stoff zum großen Teil aus dem Boden beziehen. 

In neuerer Zeit hat aber Herr Professor Liebig in seiner 
Schrift „Die organische Chemie" S. 56 folgende Behauptung 
aufgestellt : 

„Im allgemeinen erschöpft keine Pflanze in ihrem Zu- 
„stande der normalen Entwicklung den Boden, in Beziehung 
„auf seinen Gehalt an Kohlenstoff; sie macht ihn im Gegen- 
„teil reicher daran." 

Wenngleich durch diese frappante Behauptung die Statik 
des Landbaues nicht gefährdet wird, so Imt die Schrift des 
Herrn Professors Liebig doch zu viel Aufsehen erregt, und 
der Gegenstand ist für die Lehre von der Ernährung der 
Pflanzen zu wichtig, um denselben hier ganz mit Still- 79 
schweigen übergehen zu dürfen. 

Die obige Behauptung stützt sich hauptsächlich auf 
folgende zwei Argumente: 

1. Nach Sprengel löst sich ein Teil der Humussäure 
in 2500 Teilen Wasser; die Humussäure verbindet sich mit 
Alkalien, Kalk und Bittererde und bildet damit (setzt Herr 
Professor Liebig hinzu) Verbindungen von gleicher 
Löslich keit. 

Der Herr Verfasser berechnet dann, wie viele Humus- 
säure mit den in der Asche der Pflanze befindlichen al- 
kalischen Basen in die Pflanze übergegangen sein kann, und 
findet den in dieser Humussäure enthaltenen Kohlenstoff', 
verglichen mit dem Kohlenstoffgehalt der Pflanze, ver- 
schwindend klein. 

Nach Sprengel, auf den der Verfasser sich hier doch 
beruft, erfordert aber das humussaure Kali nicht 2500 Teile, 
sondern nur ^/2 Teil Wasser zur Lösung. 



— 86 — 

Aus der unrichtigen Annahme folgt aber unmittelbar 
die Wertlosigkeit der darauf gestützten Berechnung. 

2. Nach Herrn Professor Liebigs Angabe wachsen auf 
einer Fläche von 2500 Quadratmeter (zirka 115 mecklen- 
burgische Quadratruten): 

a) mit Holz bestanden, jährlich 2650 U. lufttrocknes Holz, 
worin 1007 //. Kohlenstoff enthalten sind; 

b) mit Roggen besäet, 2580 iL Korn und Stroh, mit einem 
Kohlenstoffgehalt mit 1020 U.-^ 

c) mit Runkelrüben bestellt, 18—20000 U.^ worin ohne 
die Blätter 936 iL Kohlenstoff enthalten sind ; 

d) auf derselben Fläche Wiese erhält man im Durchschnitt 
2500 iL Heu mit 1008 iL Kohlenstoff. 

80 2500 Quadratmeter Wiese, Wald, bringen mithin hervor an 

Kohlenstoff 1007 //.; 

das Kulturland von gleicher Fläche, 

Runkelrüben ohne Blätter 936 /^., 

Getreide 1020 iL. 

Hieran reiht nun der Herr Verfasser folgende Betrach- 
tungen und- Schlüsse: 

„Wo nimmt, muß man fragen, das Gras in den Wiesen, 
„das Holz im Walde seinen Kohlenstoff her, da man ihm 
„keinen Dünger, keinen Kohlenstoff zugeführt hat, und woher 
„kommt es, daß der Boden, weit entfernt, an Kohlenstoff 
„ärmer zu werden, sich jährlich noch verbessert. 

„Niemandem wird es in den Sinn kommen , den Ein- 
„fluß des Düngers auf die Entwicklung der Kulturgewächse 
„zu leugnen, allein mit positiver Gewißheit kann man be- 
„haupten , daß er zur Hervorbringung des Kohlenstoffs in 
„den Pflanzen nicht gedient, daß er keinen direkten Ein- 
„fluß darauf gehabt hat, denn wir linden ja, daß der Kohlen- 
„stoff, vom gedüngten Lande hervorgebracht, nicht mehr 
„beträgt als der Kohlenstoff des ungedüngten. Die Frage 
„nach der Wirkungsweise des Düngers hat mit der nach 



— 87 — 

„dem Ursprung des Kohlenstoffs nicht das Geringste zu tun. 
„Der Kohlenstoff der Vegetabilien muß notwendigerweise 
„aus einer anderen Quelle stammen , und da es der Bodea 
„nicht ist, der ihn liefert, so kann diese nur die Atmosphäre 
„sein." 

Der Herr Verfasser der organischen Chemie hat hierbei 
aber übersehen, daß eine Wiese, die nie einen Ersatz durch 
Bewässerung oder durch Dungzufuhr bekommt, sich nicht 
auf dem Ertrage von 2500 it Heu pr. 2500 DMeter erhält, 
sondern von Jahr zu Jahr geringere Ernten liefert und im 
Beharrungszustande nur noch etwa 1/4 des früheren Ertrags 
bringt. 

Diese Abnahme des Ertrags an Heu, und damit auch 81 
an Kohlenstoff im gewonnenen Heu, kann, da die Atmo- 
späre immer dieselbe Fülle von kohlensaurem 
Gas darbietet, nur daher rühren, daß die späteren Gras- 
ernten weniger Kohlenstoff aus dem Boden aufnehmen, weil 
die früheren Ernten einen Teil des Kohlenstoffgehalts des 
Bodens hinweggenommen und zu ihrer Nahrung verwandt 
haben. 

"Was der Herr Verfasser als Grundlage für die Richtig- 
keit seiner Behauptung aufstellt, dient also gerade zum Be- 
weis für das Gegenteil. 

Daß übrigens das Verhältnis, in welchem die Pflanzen 
den erforderlichen Kohlenstoff aus der Atmosphäre und aus 
dem Boden nehmen, bei Gewächsen von verschiedenen 
Gattungen gar sehr verschieden, anders bei den Bäumen als 
bei den Halmfrüchten und wiederum anders bei den Schoten- 
gewächsen ist — dies ist in der Statik, wie in der praktischen 
Landwirtschaft längst bekannt und anerkannt. Die Ermitte- 
lung dieses Verhältnisses ist gerade eine der wichtigsten, 
aber auch schwierigsten Aufgaben der Statik. 



— 88 — 

Seit der Bearbeitung der Isteü Auflage dieser Schrift 
sind jetzt 16 Jahre verflossen, und es kann nicht fehlen, 
daß meine Ansichten in der so jungen Wissenschaft, der 
Statik des Landbaues, bei unausgesetzten, sorgfältigen Be- 
obachtungen sich seitdem weiter ausgebildet und in manchen 
Punkten geändert haben, wie sich auch schon aus dem Vor- 
hergehenden ergibt. Da ich nun aber nicht die Zeit daran 
wenden kann, welche erforderlich wäre, um alle in dieser 
Schrift vorkommenden, auf statische Sätze sich gründenden 
Berechnungen neu zu formieren, so hätte diese 2te Auflage 
82 ganz unterbleiben müssen, wenn aus meinen jetzigen An- 
sichten wesentlich veränderte Resultate hervorgingen. 

Glücklicherweise aber kommen in dieser Schrift die 
schwierigsten und am wenigsten festgestellten Sätze der 
Statik über das Verhältnis zwischen Reichtum und Ertrag 
bei verschiedenen Stufen des Reichtums und über die 
Änderung der Tätigkeit und Qualität mit der Änderung der 
Bodenart hier gar nicht zur Sprache, indem in dieser Schrift 
immer nur von einem und demselben Boden, der in bezug 
auf seinen Reichtum im beharrenden Zustande ist, und der 
überall nach reiner Brache 8 Körner liefert, die Rede ist. 

Zwar ist hier vielfach derselbe Boden auf verschiedenen 
Stufen des Ertrages in Betracht gezogen, aber von dem 
diesen Ertragsstufen entsprechenden Bodenreichtum ist dann 
nicht die Rede, und man kann den Reichtum des Bodens, 
der mehr oder weniger als 8 Körner liefej't, überall = x 
setzen oder als unbekannt annehmen, ohne daß sich dadurch 
im Resultat etwas ändert. Nur in den statischen Tableaux 
über den Reichtum des Bodens in den verschiedenen Wirt- 
schaftssystemen findet hiervon eine Abweichung statt. Unseren 
Berechnungen liegt der aus der Erfahrung entnommene Satz 
zu Grunde, daß auf dem Gersteboden von 8 Körnern Er- 
trag die relative Aussaugung ^5 und der Reichtum 400° in 
1000 DR. beträgt. Nun sind aber die Tableaux nicht für 



— 89 — 

Boden von 8, sondern von 10 Körnern Ertrag berechnet, 
und der Eeichtum desselben zu 500^, also im direkten Yer- 
Mltnis mit dem Ertrage stehend, angenommen, was nach 
meiner jetzigen Ansicht nicht richtig ist. Da aber diese 
Tableanx nur zur Vergleichung dienen, von dem Er- 
trage von 8 Körnern als Angelpunkt ausgehen und auch 
Avieder darauf zurückgehen, so hat dies keine weitere Folge. 

Die Substituierung von Tableaux für 8 Körner Ertrag 83 
und 400*^ Eeichtum wäre leicht gewesen , hätte aber im 
Verfolg der Schrift eine Menge Korrekturen erfordert, ohne 
die Resultate der Untersuchung zu ändern. 

Meine späteren Erfahrungen haben mich, auch in dem 
Teil der Statik, der in dieser Schrift zur Anwendung kommt, 
zu einigen Änderungen in den Zahlenverhältnissen geführt; 
aber diese Änderungen sind nicht von der Art, daß dadurch 
die Richtigkeit der in Worten ausgesprochenen Endresultate 
dieser Untersuchung erschüttert wird. 

Dagegen haben meine später gesammelten Erfahrungen 
über den Ertrag und die Aussaugung des Rapses Resultate 
gegeben, die von meinen früheren Annahmen sehr abweichend 
sind. Das Kapitel über den Rapsbau ist deshalb ganz um- 
gearbeitet. 

Um den Lesern eine Übersicht meiner späteren statischen 
Ansätze zu geben und zugleich die Form meiner Berechnung 
darzulegen, habe ich am Schluß dieses Buches im Anhang 
sub. Nr. 1 ein, in neuester Zeit entworfenes statisches Tableaux 
von der 10 schlägigen Wirtschaft, welche jetzt zu Tellow auf 
der dem Hofe zunächst liegenden Hälfte des Acker eingeführt 
ist, mitgeteilt. 



90 — 



In welchem Verhältnis mufs bei der 
Dreifelderwirtschaft Acker und Weide gegen- 
einander stehen, wenn der Acker sich in gleicher 
Dungkraft erhalten soll? 

Die Dreifelderwirtschaft, deren Reiclitiam zu Anfang des 
Umlaufs 500° war, hatte am Ende desselben noch 442,2° 
Reichtum und verliert also in einem Umlaufe 57,8°. 
84 Ein Fuder Dung ist gleich 3,2°; zu 57,8° gehören also 

o7 8 

-— ^ = 18 Fuder Dung, und eines solchen jährlichen Zu- 
schusses bedarf die Dreifelderwirtschaft, wenn sie in gleicher 
Dungkraft bleiben soll. 

Wenn nun dieser Dungzuschuß allein aus der mit dem 
Acker vei'bundenen Weide hervorgehen soll, so fragt es sich, 
wieviele Quadratruten Weide erforderlich sind, um 18 Fuder 
Dung für das Ackerland zu liefern. 

Da diese Weide nie aufgebrochen und verjüngt wird, 
so ist sie viel schlechter als die Weide in der Koppelwirt- 
schaft und steht in der Produktivität zu letzterer ungefähr 
in dem Verhältais von 2:3; weshalb eine Kuh , oder eine 
dafür zu substituierende Zahl Schafe, anstatt 270 DR- hier 
405 DR- zur Weide bedarf. In der Koppelwirtschaft er- 
zeugen 1000 DR- Weide 10,i Fuder Dung, hier aber, weil 
die Dungerzeugung mit der Grasproduktion im Verhältnis 
steht, nur 2/3 dieses Quantums, also 2/3 X 10,i = 6^/4 Fuder. 

Wird nun die Weide durcli Schafe genutzt, so kann die 
Hälfte des Düngers, den die Weide gibt, für das Ackerland 
gewonnen werden, wenn die Schafe des Nachts auf der 
Bi'aohe in Hürden liegen. Unter diesen Bedingungen geben 



— 91 — 

1000 QR. Weide ß'^/4 X V2 = 3'^/s Fuder Dung für das 

Ackerland ab. 

Der Dungbedarf des Ackerlandes ist 18 Fuder; um 

18 
diese zu gewinnen werden erfordert ^ X 1000 QR- = 

5333 DR. Weide. 

Wenn also die 3 F. W. sich in sich selbst erhalten soll, 
so müssen 3000 GR. Ackerland mit 5333 DR. Weide ver- 
bunden sein ; oder von 8333 DR. muß der Acker 3000 DR., 
die Weide 5333 DR. betragen. 

Für eine Fläche von 100 000 DR- wird unter diesem 85 
Verhältnis der Acker betragen 

8333 : 3000 =: 100000 : |^ X 100000 = 36000 DR. 

5333 

Die Weide beträgt alsdann '^^ X 100000 = 64000 DR. 

Die reine Koppelwirtschaft kann ebensowenig als die 
reine 3 F. W. ohne Wiesen bestehen, weil zur Unterhaltung 
des Viehes im Winter das Heu unentbehrlich ist, wenn 
dies nicht durch eine sehr kostbare Körnerfütterung ersetzt 
werden soll. 

Der Zweck unserer Untersuchung fordert aber, daß wir 
das Ackerland, sowohl in seinem Geldertrage als in seiner 
Duugproduktion , für sich allein, also getrennt von den 
Wiesen betrachten, und es fragt sich nun, wie aus dem 
Reinertrage eines aus Acker und Wiesen zusammengesetzten 
Guts der Reinertrag und die Duugproduktion jedes dieser 
beiden Gegenstände gefunden werden kann. 

Der Wert des Heues zerfällt in zwei Teile: Istens in 
seinen Futterwert, und 2tens in den Wert, den der aus 
der Verfütterung des Heues erfolgende Dung hat. 

Der Futterwert des Heues läßt sich aus der reinen 
Nutzung, den das Milchvieh und die Schafe geben, be- 
rechnen. 



— 92 — 

Den Dangwert des Heues habe ich nach folgendem 
Prinzip bestimmt: 

Man denke sicli das zu einem Gute gehörende Aclcer- 
land, von gleicher Güte und gleichem Reichtum in zwei Ab- 
schnitte geteilt. Der erste Abschnitt erhalte den sämtlichen 
aus den Wiesen erfolgenden Dungzuschuß und liege in einer 
Koppelwirtschaft mit einer verhältnismäßig so gi'oßen Korn- 
aussaat, daß sie sich mit Hilfe des Dungzuschusses nur ge- 
rade in gleicher Dungkraft erhält. Der zweite Abschnitt 
liege in einer Koppelwirtschaft, bei welcher das Verhältnis 
86 der Korn Saaten zu den Weidenschlägen von der Art ist, daß 
sie sich in und durch sich selbst in derselben Dungkraft, 
worin sie einmal ist, erhält. Der höhere reine Geldertrag 
des ersten Abschnittes von gleicher Fläche ist dann allein 
dem Dungzuschuß beizumessen, und aus der Größe dieses 
Zuschusses, verglichen mit dem Geldüberschuß, ergibt sich 
dann der Geldwert eines Fuders Dung. 

Die Statik liefert die Data zu einer solchen Berechnung. 

Wie aber das Verhältnis zwischen Acker und Weide in 
der 3 F. W. verändert wird, wenn das Ackerland einen 
Teil seines Dungbedarfs von den Wiesen erhält, mag folgen- 
des Beispiel zeigen: 

Gesetzt mit der Fläche von 100000 DR. Acker und 
Weide seien Wiesen verbunden, deren jährlicher Ertrag 
100 Fuder Heu ä 1800 ü. ausmache. 

Ein Fuder Heu von 1800 //. liefert durch Verfütterung 

-rT=r- — 2,07 Fuder Dung; durch 100 Fuder Heu erhält das 

8<0 ' *' 

Ackerland einen Zuschuß von 207 Fuder Dung. 

Eine Ackerfläche von 300(1 DH- bedarf eines jährlichen 

Zuschusses von 18 Fuder Dung; 207 Fuder reichen also hin 

207 
für ^g - X 3000 ^ 34 500 Gß- Ackerland. Zieht man 

diese 34500 DR. von der ganzen Fläche = 100000 QR. 



I 



— 93 — 

ab, so bleiben nocli 65 500 DR-, tlie keinen weiteren Znschul^ 

erhalten können, nnd die sich in sich selbst erhalten müssen. 

Unter dieser Bedingung beträgt aber das Ackerland, wie wir 

36 
oben gefunden haben, -zr~-r der ganzen Fläche, und die Weide 

-r— derselben, welches für eine Fläche von 65500 QR. 

an Acker 65 500 X -tkq = 23 580 DR-, mid an Weide 87 

64 
65500 X ^^ = ^1920 DR. ergibt. 

Es beträgt demnach 

1. das Ackerland, was sich durch den Dung- 
zuschuß aus den Wiesen erhält .... 34500 DR- 

2. das Ackerland, was seinen Dungbedarf von 

der Weide erhält . . 23 580 DR. 

Summe des Ackers 58080 DR. 

3. die Weide 41920 DR. 

Auf Acker von einem niedrigeren Körnerertrag reicht der- 
selbe Dungzuschuß für eine größere Ackerfläche hin. 



§ 9. 
Wie verhält sich der Körnerertrag des Roggens 
in der Koppelwirtschaft zu dem in der Dreifelder- 
wirtschaft, wenn die Ackerflächen, auf denen 
beide Wirtschaftsarten betrieben werden, im 
ganzen gleichen Reichtum an Pflanzen- 
nahrung enthalten? 

Wenn man eine 3 F. W, in eine siebenschlägige Koppel- 
wirtschaft umlegt, so wii'd nun die ganze auf dem Hofe befind- 
liche Dangmasse auf den Tten Teil des Feldes gebracht, anstatt 
daß sie bisher auf den 3ten Teil dieses Feldes verteilt wurde. 



— 94 — 

Aus diesem Grunde muß also der ßoggeu schon im 
ersten Jahre nach der Umlegung einen höheren Ertrag geben 
als früher in der 3 F. W. ; aber dieser erhöhte Ertrag be- 
weist keineswegs einen erhöhten Reichtum des ganzen Fel- 
des — welcher im ersten Jahre noch gar keine Veränderung 
erlitten haben kann — , sondern rührt bloß von der größereu 
Konzentrieruug des Dungs auf einen Teil des Feldes her. 

Wir dürfen also durchaus nicht Koppel- und Dreifelder- 

88 wirtschaften , die einen gleichen Körnerertrag im Roggen 

geben, miteinander vergleichen; sondern wir müssen aus- 

mitteln, wie bei gleichem Reichtum beider Ackerflächen der 

Körnerertrag sich gegeneinander verhalte. 

Der Reichtum des ganzen Feldes ergibt sich aus der 
Summe des Reichtums der einzelnen Schläge. Während des 
Sommers ist die im Boden befindliche Quantität Ptlanzen- 
nahrung einer steten Veränderung unterworfen, indem durch 
den Pflanzen Wachstum auf den Geti-eidefeldern eine stete 
Aussaugung, auf den "Weideschlägen eine fortgehende Dung- 
erzeugung bewirkt wird. Wir wählen deshalb den Frühling 
zum Zeitpunkt der Betrachtung, wo die Vegetation noch 
nicht begonnen hat, und alle Schläge noch den Grad von 
Reichtum haben, der für ihren Ertrag die Norm abgibt. 

Um verschiedene Wirtschaftssysteme in dieser Beziehung 
miteinander vergleichen zu können, müssen wir, außer dem 
im Acker wirklich befindlichen Reichtum, auch noch den 
auf dem Hofe befindlichen, aus der Ernte des vorigen Jahrs 
erzeugten oder noch zu erzeugenden Dung in die Rechnung 
mit aufnehmen. Denn wenn in dem einen Wirtschafts- 
system der Dang schon im Frühjahr, in dem anderen erst 
nach vollendeter Saatbestellung abgefahren wird, und man 
nun bloß auf den im Acker befindlichen Reichtum Rücksicht 
nähme: so würde dies nicht zu der Übersicht führen, wie- 
viel Reichtum im ganzen zur Hervorbringung einer gegebenen 
Ernte erforderlich ist. Die letztere Wirtschaft kanu nämlich 



— 95 — 

ohne das auf dem Hofe befindliche Dungkapital den ange- 
nommenen Ertrag nicht liefern. 

Die Data zu einer solchen Berechnung können wir aus 
den in § 7 mitgeteilten Tabellen über den Fruchtbarkeits- 
zustand der K. W. und der 3 F. W. entnehmen. Nur ist 89 
noch zu bemerken, daß, da wir in der K. W. Weidegang 
voraussetzen, der durch die Weide erzeugte Dung auf dem 
Felde selbst bleibt und nicht nach dem Hofe kommt; da nun 
die Dungerzeugung eines Weideschlages lU,i Fuder beträgt, 
so wird der Reichtum dieses Schlages mit jedem Jahr um 
10,1 X 3,2» = 32,30 erhöht. 

Reichtum einer siebeDsclilägigen Koppelwirtschaft 

beim Ertrage von 10 Körnern. 

Grade. 

Ister Schlag. Roggen enthält 500° 

2ter Schlag. Gerste 400» 

3ter Schlag. Hafer 325« 

4ter Schlag. Weide 265» 

5ter Schlag. Weide 297,3" 

6ter Schlag. Weide 329,60 

7ter Schlag. Brache 361,9^' 

Düngung aus dem Stroh 41,4 Fuder a 3,2° .... 132,5° 

In 7000 DR. sind enthalten . 2611,3° 

dies macht auf 1000 DR 373° 

Reichtum einer Dreifelderwirtschaft beim Ertrage 
von 10 Körnern. 

Grade. 

Istes Feld. Roggen 500° 

2tes Feld. Gerste . 400° 

3tes Feld. Brache 325° 

Düngung aus dem Stroh 32^/2 Fuder a 3,2° .... 104° 

3000 DR. enthalten . . 1329° 

dies macht auf 1000 DR 443° 



— 96 — 

Um einen Körnerertrag = 10 im Roggen hervorzu- 
bringen, bedarf die Dreifelderwirtschaft in 1000 DR. Acker 
eines Reichtums von 443°, während in der Koppelwirtschaft 
90 ein Reichtum von 373° dazu hinreicht. Der Reichtum von 
373° in 1000 GR. würde dagegen in der Dreifelderwirtschaft 
nur 8,4 Körner hervorbringen ; denn 

443° : 373° = 10 : ^ X 10 = 8,4. 
443 ' 

Derselbe Acker, welcher in der 3 F. W. einen Ertrag 
von 8,4 Körnern gab, wird also nach der ümlegung in eine 
sieben schlägige K. W. einen Ertrag von lii Körnern liefern, 
ohne daß der Reichtum des Feldes im ganzen erhöht wäre; 
oder, die Koppelwirtschaft von 10 Körnern und die Drei- 
felderwirtschaft von 8.4 Körnern Ertrag stehen auf gleicher 
Stufe des Reichtums. 

Reichtum einer sechssclilägigen Fruchtwechselwirt- 
schaft, wenn der Kartoffelschlag und der Roggen- 
schlag nach Wicken jeder 500" enthalten. 

Grade. 
Ister Schlag. Kartoffeln 500° 

2ter Schlag. Gerste 400° 

3ter Schlag. Mähklee 325° 

4ter Schlag. Roggen 299° 

oter Schlag. "NVicken zu Grünfutter, nach der 

Düngung 525° 

6ter Schlag. Roggen 500° 

0000 DR. enthalten . 2549° 

dies macht für lOOO CJR 425" 

Die F. AV. W. kann fast sämtlichen aus der Ernte des 
vorigen Jahrs hervorgegangenen Dung im Frühjahr zu Kar- 
toffeln und Wicken verwenden. Aus diesem Grunde ist hier 
auch für den auf dem Hofe befindlichen Dung nichts in 
Rechnung gebracht. 



— 97 — 

"Wenn jemand den Geldertrag einer F. W. W. (Frucht- 91 
Wechsel Wirtschaft) mit dem einer K. W. vergleicht und für 
beide Wirtschaftsarten denselben Körnerertrag in Roggen 
annimmt: so berechnet er in der ersten Wirtschaft den 
Ertrag eines Ackers von 425*' und in der zweiten den von 
373*^ mittlerem Reichtum. 

Die Nichtbeachtung dieses Umstandes gibt zu sehr ge- 
fährlichen Irrtümern Anlaß. 

Bei der Vergleichung zweier Wirtschaftssysteme muß 
man unstreitig Acker von gleichem Reichtum zu gründe 
legen. Nun verhält sich in der K. W. der mittlere Reich- 
tum zu dem des Roggen Schlages wie 873" zu 500'', in der 
F. W. W. aber wie 425° zu 500*^. Für einen Acker von 
373° mittlerem Reichtum wird der Roggenschlag in der 
F. W. W. nur 439° erhalten; denn 425 : 500 = 373 : 439. 
Oder, mit anderen Worten, wenn eine K. W. in eine F. 
W. W. umgelegt wird, so erhält der Roggenschlag statt 
500° jetzt 439° Reichtum, und der Körnerertrag muß schon 
aus dieser Ursache von 10 auf 8,s zurücksinken. 



§ 10. 

Arbeitsersparung in der Dreifelderwirtschaft im 
Verhältnis zur Koppelwirtschaft. 

Die Berechnung der Arbeitskosten einer Mürbebrache 
kann ich nicht, wie bei der Dreeschbrache, aus einer viel- 
jährigen , über ein und dasselbe Feld gefiihrten Arbeits- 
rechnung entnehmen. Aber ich habe in früheren Jahren von 
2 Gütern durch eigene Anschauung und größtenteils durch 
eigene Rechnungsführung mir Notizen über das Verhältnis 
zwischen den Arbeitskosten einer Mürbebrache und denen 
fhünen, Der isolierte Staat. 7 



— 98 — 

einer Dreeschbrache gesammelt. Auch habe ich späterhin 

Gelegenheit gehabt, vergleichende Beobachtungen über diesen 

92 Gegenstand anzustellen. Aus jenen Notizen, verbunden mit 

diesen vergleichenden Beobachtungen, ist nun nachstehende 

Berechnung entsprungen. 

N% N2/3 
Tlr. Tlr. 

Jn der Koppelwirtschaft kostet die Bearbeitung 

von 10000 DR. Dreeschbrache — 274,5 

Die Bearbeitung einer Mürbebrache 
kostet weniger: 

1. das Hacken des Dreesches 43 

2. das Eggen der Dreeschfähre 17,6 

3. das Eggen der Brache kostet statt 24,3 Tlr. 

nur 6,5 Tlr., also weniger 17,8 

4. das Eggen der Wendfähre statt 21,4 Tlr. 

nur 16 Tlr., also weniger 5,4 

5. das Aufräumen der Gräben statt 9,3 Tlr. 

nur 4,6 Tlr 4,7 

Es werden also erspart 88,5 

Die Bearbeitung von lOoOO nR. Mürbebrache 

kostet demnach 186(2)*). 



§ 11- 

Über den Einflufs, den die Entfernung des Ackers 
vom Hofe auf die Aibeitskosten hat. 

In dieser Hinsicht sind die Arbeiten in folgende 
4 Klassen zu teilen : 

Iste Klasse. Arbeiten, deren Größe ganz von der Ent- 
fernung abhängt, z. B. Dungfahren und Einfahren des Kornes. 

*) Die eingeklammerten Zahlen beziehen sich auf die am 
Schlüsse dieses Bandes hinzugefügten Bemerkungen. 



— 99 -^ 

2te Klasse. Arbeiten, die des Tags ein zweimaliges 
Hin- und Hergehen erfordern, die aber durch Regen häufig 
unterbrochen werden, z. B. Mähen, Binden und andere 93 
Erntearbeiten. Ich nehme an, daß diese Unterbrechung im 
Durchschnitt täglich einmal stattfindet, so daß für diese 
Klasse der dreifache Zeitverlust, den das Hin- und Zurück- 
gehen verursacht, in Rechnung kommt. 

3te Klasse. Arbeiten, die ein zweimaliges Hin- und 
Zurückgehen erfordern, durch den Regen aber nicht leicht, 
wenigstens nicht so häufig als die Erntearbeiten unterbrochen 
werden. Dahin gehören Hacken , Eggen , Säen , Graben- 
machen usw. 

Das Hacken mit Ochsen scheint zwar nicht zu dieser 
Klasse zu gehören, da die Hacker des Morgens nach dem 
Felde gehen und erst des Abends zurückkehren, also den 
Weg nach dem Orte der Arbeit nur einmal des Tags hin- 
und zurückraachen. Die Ochsen müssen aber, da sie täglich 
3 mal gewechselt werden, den Weg 4 mal zurücklegen, wo- 
durch sie bei weiten Entfernungen sehr angegriffen werden. 
Man kann deshalb das Hacken füglich mit zu dieser Klasse 
rechnen. 

4te Klasse. Arbeiten, die auf dem Hofe selbst ge- 
schehen , als Dreschen , Dungaufladen , Kornabladen usw. 
Diese bleiben immer gleich, die Entfernung des Ackers vom 
Hofe mag sein, welche sie wolle. 

Die Kosten der Bedüngung des Feldes und das Ein- 
holen des Kornes vom Felde gehören zu verschiedenen 
Klassen. 

Bei der Bedüngung des Feldes gehört die Gespann- 
arbeit zur Isten Klasse, das Streuen des Dungs auf dem 
Felde zur 3ten, und das Aufladen auf dem Hofe zur 4ten 
Klasse der Arbeiten. 

Die genauere Berechnung hat ergeben, daß von den 
gesamten Kosten der Bedüngung des Feldes 

7* 



— 100 — 

zur Isten Klasse gehören '/lo 
3ten „ „ Vio 

4 teil ., „ -/lo 

94 Von den Arbeiten beim Einbringen des Kornes gehört 
die Gespanaarbeit zur Isten Klasse, das Aufstaken und Laden 
des Kornes auf dem Felde zur 2ten und das Abstaken und 
Tassen oder Bansen zur 4ten Klasse. 

Von den in meinen Arbeitsrechnungen unter der Rubrik 
„Auf- und Abladen" zusammengefaßten Arbeiten, betragen 
die Kosten der Arbeit auf dem Felde fast ganz genau Vs 
und die der Arbeit auf dem Hofe -/s des Ganzen. 

Die mittlere Entfernung des Ackers vom Hofe beträgt 
auf dem Gute T. , welclies bei einer unregelmäßigen Figm- 
160000 DRut. Ackerland enthält, circa 210 Ruten. 

Wie ändern sich nun die Arbeitskosten, 
wenn dieseEntfernung sich ändert, und welcher 
Anteil der Arbeitskosten bleibt dann noch, wenn 
die Entfernung des Ackers vom Hofe = ist? 

Die Arbeitszeit der Leute beträgt hier vom 24 sten März 
an bis zum 24 sten Oktober, in welcher Zeit die meisten 
Feldarbeiten geschehen, im Durchschnitt Ky-.s Stunden. 

Die Arbeiter gebrauchen, nach meiner Beobachtung, zum 
Hin- und Zurückgehen von 210 Ruten circa 32 Minuten. 

Für die Arbeiten der 2ten Klasse, die ein dreimaliges 
Hin- und Zurückgehen erfordern, gehen also täglich 3 X 32 
= 96 Minuten für die eigentliche Arbeit verloren, welches 
•^/20 der ganzen Arbeitszeit ausmacht. 

Von den Arbeiten der 2ten Klasse erfordert das Hin- 
und Zurückgehen 2 X 32 = 64 Minuten, und die Arbeits- 
zeit wird dadurch um ^/lo verkürzt. 

Die Angabe der mittleren Entfernung bezieht sich auf 
die Länge der geraden Linie vom Mittelpunkt des Hofes 
bis zu dem Punkt, der die mittlere Entfernung repräsentiert. 
Wegen der zwischen beiden Punkten liegenden Kornfelder, 



— 101 — 

Wiesen, oder tiefen Gräben können aber die Arbeiter und 
Gespanne nicht die gerade Linie verfolgen, sondern müssen, 95 
um von einem Punkt zum anderen zu gelangen, einen mehr 
oder minder beträchtlichen Umweg machen. Es ist kaum 
möglich, das Verhältnis der Länge der geraden Linie zu der 
des Umweges für das ganze Feld im Durchschnitt mit einiger 
Genauigkeit anzugeben. Da aber, ohne eine solche Angabe 
nur diejenigen Leser, die die Ortlichkeit des Gutes T. kennen, 
von diesen Rechnungen eine zutreffende Anwendung auf 
andere Güter machen könnten: so muß ich mir hier eine 
Schätzung erlauben — und dieser Schätzung zufolge nehme 
ich an, daß auf dem Gute T. die Länge der geraden Linie, 
wonach die mittlere Entfernung angegeben ist, sich zu der 
Länge des wirklich zurückgelegten Weges wie 100 zu 115 
verhalte. 

Da den hierüber angestellten Beobachtungen zufolge die 
Arbeiter zum Hin- und Zurückgehen einer Strecke, welche 
in gerader Richtung 210 Ruten beträgt, 32 Minuten ge- 
brauchen: so würde daraus folgen, daß der in 32 Mi- 

115 
nuten zweimal wirklich zurückgelegte Weg 210 X ^Tja = 

2411/2 Ruten beträgt. 

Bei ähnlichen Figuren von ungleicher Größe stehen 
die wirklich zu durchlaufenden Wege im direkten Verhältnis 
mit der mittleren Entfernung in beiden Figuren. 

Auf einem und demselben Gute ändert sich mit der 
Einteilung des Feldes und der Lage der Schläge das Ver- 
hältnis zwischen der Länge der geraden Linie und der des 
Umweges. Haben die Schläge nicht die Richtung auf den 
Hof zu, sondern stoßen sie unter einem rechten Winkel auf 
einen das Feld durchschneidenden Weg: so verhält sich, 
wenigstens für einen Teil jedes Schlages, die gerade Richtung 
zu dem Umweg wie die Länge der Hypothenuse eines recht- 
winklichten Dreiecks zu der Länere beider Katheten zu- 



— 102 — 

96 sammen, für das gleichschenklige Dreieck also wie V 2 : 2 = 
1 : y 2, also = 100 : 141. 

Bei der Wahl der Schlageinteilung eines Feldes ver- 
dient dies Moment eine ernste Berücksichtigung. 



Nach den schon öfters angeführten Berechnungen vom 
Gute T. betragen auf 70000 DRnt. Acker von 210 Rut. 
mittlerer Entfernung, beim Ertrage von 10 Körnern 
die Bestellungskosten 569,s Tlr. N-Zs 
die Erntekosten . . 499,5 Tlr. 
Nach einer speziellen Berechnung, deren Mitteilung hier 
zu viel Raum einnehmen würde, gehören 

zur 
1 steil Kl. 2tenK]. SteiiKl. 4ten Kl. 

a) von den Bestelluugs- 

kosten 568,3 Tl. l,r. Tl. 

davon gehören der Ent- 
fernung an ^/lo 
also • 56,8 

b) von den Erntekosten 160,i Tl. 96,s Tl. 13,s 228,s 
davon gehören der Ent- 
fernung an 1 ^/■20 ^/lo 

also 160,1 14,5 1,1 

Von den Bearbeitungskosten, welche 70000 DR. Acker 
in der Entfernung von 210 Ruten vom Hofe und beim Er- 
trage von 10 Körnern erfordern, kommen (mit Weglassung 
der Brüche) 

a) von den Bestellungskosten = 570 Tlr. N-';] 
auf die Entfernung vom Hofe 57 Tlr. N-Zs 
oder 10 % vom Ganzen; 
unabhängig von der Entfer- 
nung sind 513 Tlr. 

97 b) von den Erntekosten = ,500 



— 103 — 

auf die Entfernung vom Hofe 176 Tlr. 
oder 35,2 "/o vom Ganzen ; un- 
abhängig von der Entfernung 

sind 324 Tlr. 

Die Ernte der hier angegebenen Acker- 
fläche liefert nach Abzug der Arbeitskosten 
und der allgemeinen Kulturkosten eine 
Landrente von 954 Tlr. WIs 

Wenn wir nun die durch die Entfer- 
nung verursachten Kosten einstweilen bei- 
seite setzen, oder was dasselbe ist, die Ent- 
fernung r= annehmen, so werden von 
den in Ausgabe gebrachten 

570 Tlr. Bestellungskosten erspart ... 57 „ ,, 
500 Tlr. Erntekosten . . 176 „ „ 

Bei der Entfernung := wird also 
die Landrente betragen 1187 Tlr. Wis 

Mit jeden 210 Ruten Entfernung ändert 
sich die Landrente um 233 „ „ 

N2/3 

Es ist demnach Tal er 

für Entfernung die Landrente 1187 

210 Ruten 954 

420 „ 721 

630 „ 488 

840 , 255 

1050 „ 22 

1070 „ 

Für Acker von niederem Körnerertrag bleiben die Be- 
stellungskosten dieselben, und die Erntekosten nehmen mit 
dem Ertrage ab. Dasselbe Verhältnis findet für die Kosten, 98 
die die Entfernung des Ackers vom Hofe verursacht, st-itt. 
Für einen Ertrag von 9 Körnern gehören der Ent- 
fernung an: 



104 — 



a) von den Bestellungskosten 57 Tlr. 

b) von den Erntekosten 176 X '' lo = 158 „ 



N2,^3 



215 Tlr. K2/3 
Die Landrente steigt oder fällt also mit jeden 210 Rut. 

Entfernung um 215 Taler. 

Mit einem Kornertrag vermindern sieh die Kosten 

der Entfernung um 18 Tlr. (genauer um 17,6 Tlr.), diese 

sind also für den Ertrag von 8 Körnern = 215 — 18 

= 197 Tlr. 

Hiernacli ist nun folgende Tabelle berechnet: 
Die Landrente von 70000 Cß^it. Ackerland beträgt: 
bei dem Körnerertrac: von 



wenn die Entfernung des 
Ackers vom Hofe ist: 



Entfernung .... 
Mit jeden 210 Euten Ent- 
fernung ändert sieh die Land- 
rente um 

210 Euten Entfernung . . 

420 

443 

«30 ., 

646 ,, 

S13 „ 

840 „ 

yo2 „ „ 

1050 „ 

1070 ., 



10 K. 


9 K. 


8 K. 


7 K. 


6 K. 


^ 


^ 




^ 


& 




c 

H 




s^ 

H 




1187 


975 


763 


551 


339 


(233) 
954 


(215) 
760 


(197) 
566 


(179) 
372 


(161) 
178 


721 


515 


369 


193 


17 



488 


330 


172 


14 



255 


115 









— 











22 






















— 105 — 

Zusätze. 99 

A. Über die mittlere Entfernung des Ackers vom Hofe. 

Der Ausdruck „mittlere Entfernung" bedarf, da er in 
einem anderen als dem gewöhnlichen Sinn genommen ist, 
einer Erklärung. 

Wenn man bei der Bedüngung eines Schlages, der eine 
regelmäßige Figur, z. B. ein gleichschenkliges Dreieck bildet, 
die Weite des Weges, die die Pferde mit dem Isten, 2ten, 
3ten und allen folgenden, bis zur vollendeten Bedüngung 
des ganzen Schlages, abgefahrenen Fuder machen, ausmißt, 
aufzeichnet und summiert, und dann die so gefundene Summe 
diu'ch die Zahl der abgefahrenen Fuder dividiert: so ergibt 
sich die mittlere Entfernung, in dem Sinne wie wir diese 
hier genommen haben. Mmmt man nun auf einer Linie, 
die den Schlag, in der Richtung vom Hofe nach der Grenze 
zu, in zwei gleiche Teile teilt, einen Punkt, der so weit vom 
Hofe entfernt ist, als die gefundene mittlere Entfernung 
ausweist: so ist dieser Punkt gleichsam der Repräsentant 
für die Entfernung aller Teile des ganzen Schlages, und es 
würde in Hinsicht der Weite des beim Dungfahren zu 
machenden Weges ganz gleichgültig sein, ob man den Dung 
nach allen Teilen des Schlages führe, oder ob man allen 
Dung nach diesem Punkte auf einen Haufen brächte. 

Einfacher wird die Aufgabe noch, wenn man für das 
Mergelfahren, statt -des Dungfahrens die mittlere Entfernung 
sucht. Man kann sich dann das zu befahrende Feld, welches 
aber regelmäßig, z. B. ein rechtwinkliges Viereck sein muß, 
in lauter kleine Quadrate geteilt denken, wo'auf jeden Durch- 
schnittspunkt eine Karre Mergel kommt. Die Summe aller 
Entfernungen, von jedem einzelnen Durchschnittspunkt bis 
zu einer Ecke des Vierecks (der Mergelgrube) dividiert durch 



106 — 



die Zahl der Durclischuittspunkte , gibt dann die mittlere 
100 Entfernung. 

Soviel ich weiß, ist die Mathematik auf die Ausmitte- 
luDg der mittleren Entfernung in dem angegebenen Sinn 
noch nicht angewandt, und bis jetzt keine Formel dafür ge- 
funden. Meine vieljährigen Bemühungen, eine solche Formel 
darzustellen, sind sehr lange fruchtlos gebliehen, und noch 
in der 1 sten Auflage dieser Schrift mußte ich erklären, daß 
ich kein allgemeines Gesetz für die Bestimmung der mittleren 
Entfernung habe finden können. 

Durch diese Erklärung ist Herr Wirtschaftsrat Seidl 
veranlaßt worden, sich mit der Lösung dieser Aufgabe zu 
beschäftigen, und derselbe findet (Ökonomische Neuigkeiten, 
Jahrgang 1829, Stück Nr. 4) 
für das rechtwinklige Dreieck ABC 
dessen Grundlinie AB = r, Höhe 
= X ist, die mittlere Entfernung 
aller Punkte des Dreiecks von dem 
Scheitelpunkte A = 




2/3- 



A 



B 



Nach meiner durch das Urteil 
eines ausgezeichneten Mathematikers 
bestätigten Ansicht hat aber Herr Seidl die Richtigkeit seines 
Verfahrens bei der Auffindung dieser Formel nicht erwiesen. 
Herr Wirschaftsrat Seidl summiert nämlich, vermittels 
der Integralrechnung, in dem Ausdruck ] (a~ -f" J") "^^i® 
Glieder der aus dem wachsenden y entstehenden Reihe, wo 
doch jedes Glied wieder unter dem Wurzelzeichen steht, 
ebenso, als wenn das Wurzelzeichen gar nicht vorhanden 
wäre — welches nicht zulässig ist. 
101 Indessen wurde ich durch Herrn Seidls mich nicht 
befriedigende Lösung der Aufgabe zu erneuerten Unter- 
sucliungen fortgerissen, und vor einigen Jahren gelang es 



I 



— 107 



mir endlich, das lange ersehnte Ziel zu erreichen und eine 
Formel aufzufinden, deren Richtigkeit mit mathematischer 
Schärfe zu erweisen ist. 

Die Darstellung der Methode, wodurch diese Formel 
gefunden ist, und die Ausführung des Beweises würden aber 
an dieser Stelle zu viel Eaum einnehmen, und den Haupt- 
gegenstand dieses Buches zu lange unterbrechen; ich muß 
deshalb diese Mitteilung für den 2ten Teil dieses Werkes 
versparen und mich hier auf die Darlegung des Resultates 
der Untersuchung beschränken. 

Für das 2-echtwinklige Dreieck ABC, wo die Grund- 
linie = r, die Höhe = x, ist die mittlere Entfernung aller 
Punkte des Dreiecks vom Scheitelpunkt A 

Für r := 1 ist diese Formel 



1/3 



i;3 1 (1 4- x2) + 3^ lg. nat. (X + V(l + ^'))- 

Die Seidische Formel ist füi' r = 1, 
2/3 V(l -f 1/3 x2). 
Yergleichung des Ergebnisses beider Formeln. 

Für r = 1 beträgt die mittlere Entfernung 



Nach 

Hr. Seidls 

Formel 


Nach 
meiner 
Formel 


Differenz 

zwischen 

beiden 


0,6939 


0,6935 


0,0004 


0,7698 


0,7652 


0,0046 


7,7268 


6,7365 


0,9903 



für X = 1/2 
X = 1 
X = 20 

Wir sehen aus diesen Beispielen, daß die Seidische 
Formel für Dreiecke, deren Höhe nicht größer als die Grund- 102 
linie ist, sehr wenig — für die Dreiecke, deren Höhe die 
Grundlinie vielfach übersteigt, aber sehr bedeutend von 
unserer Formel abweicht. So beträgt für x = 1 die Ab- 



— 108 — 

Aveichuug mar •'/lo "o, für x = V2 gar uur 'Vioo '^/o, für x == 
20 dagegen 14,t ^/o 

Obgleich Hrn. Seidls Formel auf mathematische Eich- 
tigkeit keinen Anspruch machen darf, so vei'liert sie dadurch 
doch für manche Fälle nicht die praktische Brauchbarkeit. 
Denn da, wo es auf die letzte Genauigkeit nicht ankommt, 
kann sie für Dreiecke, deren Höhe die Länge der Grund- 
linie nicht übersteigt, ohne erheblichen Irrtum augewandt 
werden; und sie hat dann vor der von mir aufgestellten 
Formel den Vorzug, daß die Eechnung in Zahlen nach der- 
selben viel einfacher und bequemer ist, als nach der mei- 
nigen, bei welcher man stets logarithmische Tafeln zu Hilfe 
nehmen muß. 

Die Seidische Formel bleibt also, nachdem wir den 
Grad ihrer Genauigkeit für jeden speziellen Fall ermitteln 
können, ein willkommenes Geschenk für die praktische Land- 
wirtschaft. 

B. Über die Lage der Höfe in Mecklenburg. 

Wenn mau die Lage der Höfe auf den meisten Gütern 
in Mecklenburg und Vorpommern betrachtet: so muß man 
über die Widersinnigkeit der Anlage erstaunen. 

Sichtlich tragen sie die Spuren ihrer ersten Entstehung 
noch an sich und sind als historische Denkmäler der ersten 
Ansiedelungen zu betrachten. "Wo ein See, ein Fluß, ein 
Bach ist, da lehnen sich die Höfe daran, und aller Acker 
liegt in einer oft unabsehbaren Strecke an einer Seite des 
Hofes. Der erste Kultivator einer wilden und bisher öden 
Gegend hatte ganz recht, wenn er seinen Wohnsitz an einem 
See, Fluß oder Bach aufschlug, weil er sich dadurch das 
erste und notwendigste Bedürfnis, das Wasser, auf die min- 
103 dest kostbarste Weise verschaffte, und weil er zuerst nur so 
wenig Acker in Kultur nahm, daß die Entfernung desselben 



— 109 — 

vom Hofe höchst imbecleiitend blieb. Als aber in den folgen- 
den Jahrhunderten Wohlstand und Bevölkerung stiegen, der 
Ackerbau sich ausdehnte, die Viehherden vermehrt wurden — 
da trieb der Besitzer des Hofes sein Yieh so weit, bis er 
auf ein natürliches Hindernis, einen Bach, einen Morast 
usw. stieß, oder bis ein Grenznachbar ihn an der weiteren 
Ausbreitung mit Gewalt hinderte. In der neueren Zeit sind 
nun selbst diese Viehweiden größtenteils zu Acker gemacht 
worden, der aber wegen seiner großen Entfernung häufig 
einen negativen Reinertrag gibt. 

So sind unsere Güter entstanden und im Laufe der Zeit 
verwandelt; aber die Höfe der großen Güter stehen noch 
auf derselben Stelle, wo einst der erste Ansiedler seine 
Hütte aufschlug. 

In Gegenden, wo es keine Flüsse und Seen gibt, ist 
zwar die Sache minder schlimm ; aber auch hier laufen 
häufig die Gutsgrenzen geschlungen oder mit steten Aus- 
und Einbiegungen nebeneinander hin, und zugleich ist es 
nicht selten, daß von zwei benachbarten Gütern, der Acker 
des einen bis nahe an den Hof des andern reicht, während 
dieses Gut sich mit seinem Acker wieder dem Hofe eines 
dritten Gutes nähert. 

"Wir sind durch unsere vorhergehenden Berechnungen in 
den Stand gesetzt, den Verlust, der aus dieser unregelmäßigen 
Lage der Höfe entspringt, für einen gegebenen Fall, in 
Zahlen auszusprechen, und der Gegenstand ist wichtig genug, 
um noch einen Augenblick dabei zu verweilen. 

Gesetzt, das Gut A habe ein Stück Acker von 70000 
Dßut. ä 8 Körner Ertrag, welches von dem Hofe des Gutes 
A 400 Ruten, von dem des benachbarten Gutes B aber nur 104 
100 Ruten entfernt ist. Das Gut B besitze dagegen ein 
Stück Acker von gleicher Größe und Güte, welches ebenfalls 
400 Ruten entfernt ist, dem Hofe des Gutes C aber bis 
auf 100 Ruten nahe liegt. 



— 110 — 

Um wieviel wird nun die Landrente des Gutes B 
steigen, wenn es das 400 Ruten entfernte Stück an C 
abtritt, und dagegen das 100 Euten entfernte Stück von 
A wieder erhalt? 

Für das Gut B geben 70000 GRut. Acker a S Körner 
Ertrag, 

1. auf 100 Ruten Entfernung eine Land- 
rente von 763 -f- 197 X ^ = 669 Tlr. 

2. auf 400 Ruten Entfernung eine Land- 

40< I 
rente von 768 -i- 197 X ij^ = 388 „ 

Durcli den Umtausch gewinnt das Gut B 281 Tlr. 

Landreote und an Kapital wert beim Zinsfuß 

von 5 '^,0 5620 ,, 

Das Gut C gewinnt diu-ch die Erwerbung 
von 70000 [jR. Acker, welche nur 100 
Ruten vom Hofe entfernt sind, 

an Landrente 669 „ 

an Kapitalwert 13380 „ 

Durch diese Veränderung gewinnt also 
das Gut B an Kapital wert .... 5620 „ 

das Gut C „ „ . . . . 13380 „ 

zusammen 19000 Tlr. 
das Gut A verliert dagegen, dm*ch die 
Abtretung von 70000 QRut. Acker 

an Wert 7 760 „ 

bleiben 11240 „ 
105 Die drei Güter zusammen haben also bloß durch die 
bessere Verteilung des Ackers 11240 Thlr. an Kapitalwert 
gewonnen. 

Es ist zu bemerken, daß der aus diesem Umtausch des 
Grundeigentums hervorgehende Gewinn, nicht wie der Ge- 
winn bei einem gewöhnlichen, sogenannten guten Handel, 



— 111 — 

wo der eine Kontrahent soviel verliert als der andere ge- 
winnt, zu betrachten ist; sondern dieser Gewinn ist ein 
reiner Zuschuß zum Nationaleinkommen imd zum National- 
vermögen. 

Bedenkt man nun, daß fast auf keinem Gute die Gebäude 
in der Mitte der Feldmark stehen, daß fast jedes Gut durch 
Abrundung und Austausch gewinnen kann: so muß man 
erstaunen und trauern über die Größe des Kapitals, das für 
den Nationalreichtum auf diese Weise ohne irgendeinen Er- 
satz verloren geht. Wollte man diesen Verlust an National- 
vermögen für Mecklenburg in Geld anschlagen: so würde 
bei den niedrigsten Ansätzen die Rechnung doch immer 
einige Millionen Taler ergeben. 

Aber warum, kann und muß man fragen, sind denn 
diese Gutsgrenzen so unveränderlich, unveränderlicher sogar 
als die Grenzen der Staaten? 

Dem Austausch steht zuerst die Anhänglichkeit an das 
bisher besessene Eigentum entgegen. Man überschätzt nur 
zu leicht den Wert des Grundstücks, das man schon lange 
in Besitz gehabt, oder gar von den Vorfahren ererbt hat, 
und an dessen Verbesserung man eigene Mühe und Kosten 
verwandt hat. Aber diese Anhänglichkeit im steten Wider- 
streit mit der klaren Einsicht und dem wohlverstandenen 
Interesse würde doch nicht Generationen und Jahrhunderte 
lündurch den Umtausch verhindert haben, wenn nicht andere 
reellere Hindernisse mitgewirkt hätten. 

Diese finden wir nun genügend in folgendem: 106 

1. In der Größe der Abgaben, die in Mecklenburg nicht 
bloß beim Verkauf ganzer Güter, sondern auch beim 
Verkauf einzelner Gutspeiiinenzien erlegt werden, und 
die beim Umtausch sogar doppelt, d. h. von dem Wert 
jedes der beiden an einen anderen Besitzer überge- 
gangenen Grundstücke, entrichtet werden müssen; 

2. in den Kosten, welche die Vermessung des angekauften 



— 112 — 

oder verkauften Stücks, die Umschreibung im Steuer- 
kataster usw. verursacht; 
3. in den Schuldverhältnissen der Güter, wodurch näm- 
lich kein Stück des Gutes ohne spezielle Einwilligung 
aller Gutsgläubiger weder verkauft noch vertauscht 
werden kann. 
Die hohe Abgabe beim Verkauf ganzer Güter ist der 
Eultur des Bodens nicht hinderlich, sondern vielmehr günstig, 
indem sie das leichtsinnige Übergehen der Güter von einer 
Hand in die andere hemmt und vermindert; aber sicherlich 
ist die Abgabe auf den Austausch einzelner Gutsteile höchst 
nachteilig für den Nationalwohlstaud. 

Da diese Abgabe in Verbindung mit den anderen 
Schwierigkeiten stark genug ist, um fast alle Austauschungen 
zu verhindern : so würde auch die Aufhebung derselben kein 
Opfer sein , oder doch nur ein sehr geringes Defizit in den 
Staatsrevenuen hervorbringen. Wollte man auch dieses 
Defizit decken: so könnte dies durch eine geringe Erhöhung 
der Abgaben beim Verkauf ganzer Güter ohne allen Nach- 
teil für die Landeskultur geschehen. 

Ob und wie nun aber die dritte, aus den Schuldver- 
hältnissen der Güter hervorgehende Schwierigkeit zu ent- 
107 fernen sei — darüber wage ich kein Urteil zu fällen. Aber 
es ist voraus zu sehen, daß wenn wir, in unserem alt ge- 
wordenen "Weltteil, die Fesseln, die die Zeit und das Her- 
kommen um uns geschlungen, nicht zu lösen wissen, wir im 
Ackerbau und Nationalwohlstand gegen die frisch aufblühen- 
den Staaten der neuen Welt gar bald zurückstehen werden. 
Auf den Dörfern , wo die Bauern im Dorfe zusammen- 
wohnen und ihren Acker nicht zusammenhängend, sondern 
Stück um Stück liegen haben , und wo diese Stücke dann 
vom Dorf bis zur Feldscheide reichen, da ist der Verlust an 
Landrente noch sehr ^'iel größer als bei den schlecht arron- 
dierten, aber in großen Flächen zusammenhängenden Gütern. 



- 113 — 

Diese Dörfer erleiden alle Nachteile der großen Güter, ohne 
daß sie irgendeinen ihrer Vorteile genießen. Ein Staat, 
der lauter solche Bauerndörfer hätte, könnte nur ein unbe- 
deutendes Nationaleinkommen besitzen und würde deshalb 
in der Verteidigung gegen einen äußeren Feind höchst ohn- 
mächtig sein. 

Die Kraft der Menschen und der Zugtiere wird hier 
durch ein müßiges Hin- und Hergehen auf dem Felde ver- 
schwendet; und wenn sonst eine mit dem Landbau beschäf- 
tigte Arbeiterfamilie auf fruchtbarem Boden gar wohl die 
Lebensmittel für zwei Familien erzielen kann , so verzehrt 
sie hier fast alles wieder, was sie durch ihre Arbeit dem 
Boden abgewonnen hat, und sie kann zum Unterhalt der 
Stadtbewohner nur sehr wenig an Lebensmitteln abgeben. 

Die Abhilfe ist hier aber schwierig, weil der entlegene 
Boden dieser Dörfer gewöhnlich so mager ist, daß er die 
Kosten des Aufbaues neuer Gebäude nicht bezahlen und 
auch keine Familie ernähren würde. — Doch dieser Gegen- 
stand gehört nicht weiter zu unserer Untersuchung. 



§ 12. 

Bestimmung der Landrente der Dreifelder- 108 
Wirtschaft. 

Da diese Bestimmung sich ganz auf die Berechnungen 
stützt, die ich aus den auf dem Gute T. gemachten Er- 
fahrungen für eine Koppelwirtschaft entworfen habe: so 
finde ich mich veranlaßt, hier zuvor die Resultate dieser 
Berechnungen mitzuteilen. 



Thünen, Der isolierte Staat. 



— 114 



Sieben schlägige Koppelwirtschaft auf 70000 CR. 
Ackerland, beim Ertrage von 10 Körnern. 



Jeder Schlag zu 
10000 Ge- 


4^ --^ 


Bestellungs- 
kosten 
Tlr. N2/3 


c 

Iß N 

+^ in 




bJD 
oi 

r 




ister Schla 


g Brache 


— 


274,5 


— 


— 


21,8 


— 


2ter 


Roggen 


143., 


2,2 


217,6 


— 


1274 


— 


3ter 


Gerste 


122,, 


165,0 


158.5 


— 


932,s 


— 


4ter 


Hafer 


125,0 


125,3 


123,, 


— 


757,8 


— 


5ter 


Weide 


18,5 


2,8 


— 


— 


109,4 


— 


6ter 


Weide 


— 


— 


— 


— 


109,4 


— 


7 ter 


Weide 


— 


— 


— 


— 


109,, 


— 




Summe 


409., 


569,s 


499,5 


882 


3314,6 


954 


Mit 1 Korn 


Ertrag än- 














(lern 


sich 


— 


— 


59 


88,2 


331,5 


193,3 


Für 100 000 DR- Acker 














macht dies in Tlr. Gold 


626,, 


872., 


764,0 


1350 


5073.4 


1460,2 



Diese Berechnung ist dieselbe, welche der in § 5 ge- 
gebenen Bestimmung der Landrente für die Koppelwirtschaft 
zur Grundlage dient. 
Die Bearbeitung einer Dreeschbrache kostet 

auf 10 000 Gßut 274,-. Tlr. N2;;! 

Die Mürbebrache erspart nacli § 1" an 

Kosten 88..-) „ „ 

109 Eine Mürbebrache von Kmkio DR- kostet 

also 186 „ „ 

dies raaclit für 12000 CR 223,2 „ „ 

Die Bestcllungskosten des Gersteschlags, sowie die 
Erntekosten des Roggens und der Gerste sind bei gleicliem 
Körnerertrage denen in der Koppelwirtschaft gleicli. 



— 115 — 

Dreifelderwirtschaft auf 100 000 DR., wovon 12 000 DR. 

Brache, 12 000 DR. Roffgen, 12 000 DR. Gerste und 

64000 DR. Weide sind, beim Ertrage von 

10 Körnern. 





+3 -M 

CG ^^ 

CO 

PI ü 


Bestellungs- 
kosten 
Tlr. N^ 


W IN 


Allgemeine 

Kulturkosten 

Tlr. N% 


Koher Ertrag 
Tlr. N2/3 


Tu . 


Istes Feld Brache 


— 


223,, 


— 


— 


43,s 


— 


2 tes „ Roggen 


172,2 


2,2 


261,1 


— 


1528,8 


— 


3 tes „ Gerste 


146,s 


198,0 


190,2 


— 


1119,1 


— 


Die Weide 64000 DR- 


— 


— 


— 





391*) 


— 


Summe 


319 


423,, 


451,3 


820 


3083,0 


1069,3 



Dies macht in Tlr. Gold 341,« 453,6 483,5 878,6 3303,, 1145,, 



§ 13. 

Einflufs der Entfernung des Ackers vom Hofe auf 
die Arbeitskosten bei der Dreifelderwirtschaft. 

Für 36000 DRut. Ackerland betragen nach dem vorigen 

§ die Bestellungskosten 423,i Tlr. N-'/s 

die Erntekosten 451,:i ,, „ 

*) Es beträgt nämlich in der Koppelwirtschaft auf 10000 [JR. 

1) Die Nutzung der Weide 91„ Tlr. 

2) Die Ersparung von Dungfuhren durch den 

auf die Weide gefallenen Dung 17,, „ 

10000 DRiit. Dreesch geben ErtraglÖ9,4 Tlr. 

In der i). F. W. fällt die Ersparung an Dungfahren weg, 

und die Nutzung der Weide verhält sich zu der in der K. W. wie 

2 : 3 bei gleicher Fläche. Diese Nutzung beträgt also auf 10000 D^- 

91„ X '/s = 61,1 Tlr. und dies macht für 64000 \JR. 391 Tlr. 

8* 



110 



- 116 — 

In Beziehung auf die in § 11 gemachte Klassifikation 
gehören zur 

Isten Klasse 2ten Kl. 3ten Kl. 4ten Kl. 
Tlr. K% Tlr. ^% Tlr. K^j, Tlr. N^/^ 

a) von den Bestellungs- 
kosten — — 324,4 1,2 

davon gehören der Ent- 
fernung an ... . — — ^/lo — 
also — — 42,3 — 

b) von den Ernte- 
kosten 145,9 86,8 12,3 206,3 

davon gehören der Ent- 
fernung an ... . 1 2/20 ^,10 
also 145,9 13 1,2 
Mit jeden 210 Ruten Entfernung vom 
Hofe ändern sich also die Bestellungs- 
kosten um 42,3 Tlr. N-^'ö 

die Erntekosten um 160,i „ „ 

zusammen um 202,4 Tlr. N^/g 
Bei dem Ertrage von 9 Körnern betragen 
die durch die Entfernung hervorgebrach- 
ten Bestellungskosten 42,3 Tlr. N"-'/3 

Erntekosten 160,i X -'/iö — 144,i „ „ 

zusammen 186^4 Tlr. Wis 

Die Koppelwirtschaft verbreitet ihren Ackerbau über 
die ganze ackerbare Fläche ; die Dreifelderwirtschaft benutzt 
111 dagegen von einer Fläche von 100000 DR- nur 36000 QR. 
als Acker. 

Wenn nun in der Koppelwirtschaft für 100000 DR. 
Ackerland die mittlere Entfernung vom Hofe 210 Ruten 
beträgt, wie groß wird dann in der Dreifelderwirtschaft 
die mittlere Entfernung für 36000 DRut. zunächst am Hofe 
liegenden Ackers sein. 



— 117 — 

Bei ähnlicheQ Figuren verhalten sich die mitlleren Ent- 
fernungen wie die Quadratwurzeln aus dem Flächeninhalt 
der Figuren ; 
also )' 100000 : V 36 000 = 210 : x 

190 
oder 316 : 190 = 210 : ^.^ X 210 = 126. 

olb 

Bei gleichem Flächeninhalt des Ganzen verhält sich also 
die mittlere Entfernung des Ackers in der K. W. zu der in 
der D. F. W. wie 210 : 126. 

Die Kosten, welche der Entfernung angehören, betragen 
in der D. F. W. für 36000 DR. Acker von 10 Körnern 
Ertrag 202,4 Tlr. N^/s, wenn die mittlere Entfernung des 
Ackers vom Hofe = 210 Ruten ist. 

Diese Kosten nehmen in geradem Verhältnis mit der 
Entfernung ab oder zu; sie sind also ffir 126 Ruten Ent- 
fernung 210 : 126 = 202,4 : ^ X 202,4 

= 121,5 Tlr. N-'/3. 

Hiervon. betragen die Bestellungskosten 25,5 „ „ 

die Erntekosten . . 96 ,i ■ i» 
Die D. F. W. erspart also dadurch, daß sie bei gleicher 
Landfläche ihren Acker soviel näher am Hofe hat, als die 
K. W., 

an Bestellungskosten 42,3 — 25,5 = 16,.s Tlr. N-/3II2 

an Erntekosteu 160,i — 96 = 64,i „ „ 

zusammen 80,!t Tlr. N^/s 
Für einen Ertrag von 9 Körnern ist 

die Ersparung an Bestellungskosten . . 16,8 Tlr. N-/3 

an Erntekosten 64,i X -Vio — 57,7 „ „ 

74,5 Tlr. N2/3 



118 — 



In der Dreifelderwirtschaft von 10 Körnern 
Ertraff waren 





Ol . 


Bestellungs- 
kosten 
Tlr. N'^/s 


Erntekosten 
Tlr. N% 


Allgemeine 

Kulturkosten 

Tlr. N^/s 


-es- 1 öS- 


Bei 210 Eut. mittlerer 














Entfernung 


319 


423,, 


451,, 


820 


3083,0 


1069,3 


Bei 126 Rut. mittlerer 












Entfernung Averden 












erspart 


— 


16:8 


64,1 


— — 


— 


Es bleiben 


319 


406,„ 


387,2 820 3083 1150,2 


In Taler Gold ai 


isgedrückt macht dies 


für 10 Körner 


341,8 


435,6 


414,8 


878.6 


3303,2 


1232,, 


mit 1 Korn ändert sich 


— 


— 


(41,5) 


(87,8) 


(330,3) 


(201) 


für 9 Körner 


341,8 


435,6 


373,3 


790,8 


2972,9 


1031,, 



Wenn Aussaat und Rohertrag ganz in Korn — den 
Schfl. Roggen zu l,2ai Tlr. Gold gerechnet — die Arbeits- 
und allgemeinen Kulturkosten aber zu '^/i in Korn und zu 
1/4 in Geld ausgedrückt werden; so entspringt aus dem 
Yorstehenden folgende Tabelle, in der die Brüche weg- 
gelassen oder ausgeglichen sind. 



— 110 — 
Dreifelderwirtschaft auf 100000 DR. 



113 





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114 § 14 a. 

Vergleichung der Landrente bei der Koppel- 
wirtschaft und der Dreifelderwirtschaft. 

Wollen wir die Laudrente, welche diese beiden AVirt- 
schaftsarten geben, miteinander vergleichen: so müssen wir 
für beide nicht bloß denselben Boden und eine gleiche Land- 
fläche, sondern auch einen gleichen mittleren Reichtum des 
Ackers zu Grunde legen. 

Nun haben wir im § 9 gesehen, daß ein Feld, welches 
in der K. W. 10 Körner an Roggen gibt, bei gleichbleibendem 
Reichtum in der D. F. W. nur einen Roggenertrag von 8,4 
Körnern liefert. 

Um zu erfahren, welches AMrtschaftssystem für ein ge- 
gebenes Verhältnis am vorteilhaftesten sei, müssen wir also 
die Landrente der K. W. von 10 Körnern mit der Land- 
rente der D. F. "W. von 8,4 Körnern Ertrag vergleichen. 

Nach § 5 ist die Landrente von 100000 DR. Acker 
in der Koppelwirtschaft bei 

10 Körnern 1710 Schfl. R. ~ 747 Tlr., 

und nach dem vorigen § in 

der Dreifelderwirtschaft 

bei 8,4 K 1000 „ „ -|- 381 „ 

Es ist nämlich für 8 Körner 

die Landrente .... 928 „ „ ~ 368 „ 
Mit 1 Korn steigt oder fällt 

die Landrente um 181 Seh. 

R.-^ 32 Tlr., mit ''10 Korn 

also um (181 Schfl. ~ 32 

Tlr.) X Vio = 72 „ „ -f- 13 „ 

für 8*/]o Körner also 1000 Schfl .^T^j^ 381 Tlr. 



— 121 — 

Die Landrente beträgt demnach 115 

a) beim Preise von VI2 Tlr. für den Schfl. Roggen, 

in der K. W. 1710 X 1^/2 ^ 747 = 1818 Tlr. 

in der D. F. W. 1000 X 1^2 : 381 :r^ 1119 Tlr. 

Die K. AV. gibt mehr Landrente 699 Tlr. 

b) beim Preise von 1 Tlr. für den Schfl. Roggen, 

in der K. W. 1710 X 1 ^ 747 = 963 Tlr. 

in der D. F. W. 1000 X 1 : 381 = 619 Tlr. 

Die K. W. gibt mehr 344 Tlr. 

c) beim Preise von 1/2 Tlr. für den Schfl. Roggen, 

in der K. W. 1710 X ^2 ~ 747 = 108 Tlr. 

in der D. F. W. 1000 X V2 - ^ 381 = 119 Tlr. 

Die K. W. gibt weniger 11 Tlr. 

Folgerung. Es findet also kein absoluter Vorzug der 
Koppelwirtschaft vor der Dreifelderwirtschaft statt; sondern 
es wird durch die Getreidepreise bedingt, ob dieses oder 
jenes Wirtschaftssystem in der Anwendung vorteilhafter ist. 
Sehr niedrige Korupreise führen zur Dreifelder-, höhere 
Preise zur Koppelwirtschaft. 

Für den Preis des Roggens von 0,437 Tlr. pr. Schfl. 
ist die Landrente der Koppelwirtschaft 

1710 X 0,437 — 747 = Tlr. 

Die Landrente der Dreifelderwirtschaft ist dann 
1000 X 0,437 — 381 = 56 Tlr. 

Folgerung. Bei einem Kornpreise, der so niedrig ist, 
daß in der Koppelwirtschaft die Kosten nicht mehr bezahlt 
werden, kann das Land durch die Dreifelderwirtschaft noch 
mit Yorteil angebaut werden. 

Es muß einen gewissen G-etreidepreis geben, bei welchem 
das Land durch K. W. eben so hoch als durch die D. F. W. ' 
genutzt wird. Diesen Preis findet man, wenn man die 
Landrente beider Wirtschaftsarten sich gleich setzt. Z. B. 116 
für den Ertrag von 10 Körnern wären 



— 122 — 

1710 Schfl. R. — 747 Tlr. = 1000 Sclifl. R. — 381 Tlr. 

—1000 -[- 747 := 1000 + 747 

710 Schtl. Roggen = 366 Tlr. 

also 1 Schfl. Roggen = 0,5ig Tlr. 

Ist der Roggenpreis höher als 0,5ig Tlr., so ist für 
einen Äcker von 10 Körnern Ertrag die Koppelwirtschaft 
vorteilhafter; ist der Preis niedriger, so bringt die Drei- 
felderwirtschaft einen höheren Reinertrag. 

In unserem isolierten Staat, wo der Mittelpreis des 
Roggens in der Stadt selbst IV2 Tlr. beträgt, hat nach § 4 
der Roggen auf dem Gnte, welches 29.;» Meilen von der 
Stadt entfernt liegt, ebenfalls den Wert von 0,5ii; Thlr. 

Hätte nun die Ebene des isolierten Staates den Grad 
von Fruchtbai-keit , daß sie statt 8 Körner, wie wir an- 
genommen haben, 10 Körner trüge: so würde die Koppel- 
wirtschaft bis 29,11 Meilen von der Stadt reichen, dort auf- 
hören und. der Dreifelderwirtschaft Platz machen. 

Bei noch mehr sinkenden Preisen wird aber auch die 

Landrente der Dreifeldei'wirtschaft immer geringer, und wir 

müssen zuletzt auf einen Punkt kommen, wo sie :=; wird. 

Dies findet statt, wenn 1000 Schfl. R. — 381 Tlr. = 

oder 1000 Schfl. ^R. = 381 Tlr. sind, 

also 1 Schfl. 'r. 0,3si Tlr. gilt. 

Dieser Preis findet statt auf dem Gute, welches 34,7 
Meilen von der Stadt entfernt ist. 

Für diesen Grad von Fruchtbarkeit würde also das Land 
in der Dreifelderwirtschaft bis auf 34,7 Meilen Entfernung 
von der Stadt bebaut werden können, und der konzentrische 
Kreis, den die Dreifelderwirtschaft einnimmt, hätte dann 
eine Ausdehnung von 34,7 — 29,9 = 4,8 Meilen. 
117 Die hier für den Ertrag von 10 Körnern gegebenen 
Berechnungen auf Acker von niederem Grade der Frucht- 
' barkeit angewandt, habe ich in den nachstellenden Tabellen 
zusammengetragen. 



— 123 — 



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Die Dreifelderwirtschaft. 



119 



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Meilen 


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8,4 


29,9 


34„ 


4,s 


9 


7,50 


27,s 


33,3 


5.5 


8 


6,72 


24„ 


31,5 


6,s 


7 


5,58 


19,8 


28,e 


8,s 


6 


5,64 


10,5 


23,0 


13,1 


5,4 


4,53 





18,6 


18.ß 



Die genauere Ansicht dieser Tabellen zeigt uns, daß bei 
einem gegebenen Getreidepreise der reichere Boden durch 
Koppel wirt scliaft , der ärmere Boden durch Dreifelderwirt- 
scliaft höher genutzt wird: daß es also völlig Ivonsequent sein 
könnte, wenn in einer Gegend, die denselben Getreidepreis, 
abei" Boden von verschiedener Fruchtbarkeit hat, Koppel- und 
Dreifelderwirtscliaften nebeneinander bestehen. So ist z. B. 
für den Preis von 1 Tlr. für den Scheffel Roggen die Land- 
rente beider Wirtschaftsarten im Gleichgewicht, wenn der 
Acker den Reichtum hat, der in der K. W. 6,3, in der 
D. F. W. 5,3 Körner hervorbringt, und in diesem Falle ist es 
gleichgültig, welche Wirtschaftsart hier betrieben wii'd ; aber 
Jeder Boden höheren Ertrags muß durch K. W., jeder Boden 
niederen Ertrags durch D. F. W. genutzt werden. Nun ist 
aber der Reichtum des Bodens eine veränderliche Größe 
und steht mehr oder weniger in der Gewalt des Landwirtes. 
Es kann also auch dann, wenn die Getreidepreise sich gleich 120 
bleiben, durch die Vermehrung des Bodenreichtums allein, 



— 126 — 

ein höheres Wirtschaftssystem auf demselben Gute zweck- 
mäßig und nützlich werden. 

In unserem isolierten Staate haben wir es nur mit Boden 
von einer und derselben Fruchtbarkeit zu tun, und hier würde, 
wenn der Boden statt 8 nur 5,4 Körner trüge, die K. W. 
durch die D. F. W. selbst bei dem Preise von 1^/2 Tlr. 
gänzlich verdrängt werden. In diesem Falle würde nämlich 
die D. F. W. bis an die Tore der Stadt reichen, wenn der 
Boden des ersten Kreises durch den Dimgaukauf aus der 
Stadt nicht einen höheren Reichtum erhalten hätte. 

Folgerung. Niedrige Kornpreise und geringe Frucht- 
barkeit des Bodens haben auf die Bewirtschaftungsart eine 
und dieselbe Wirkung: beide führen zur Dreifelderwirtschaft. 



§ 14b. 
Erläuterungen. 

In dem isolierten Staat ist vorausgesetzt: 

1. daß die Wirtschaft überall mit Konsequenz betrieben 
wird ; 

2. daß die Wirtschaften in bezug auf den Bodenreichtum 
im beharrenden Zustande bleiben ; und 

o. daß der Boden, mit Ausschluß des Kreises der freien 
Wirtschaft, überall die Fruchtbarkeit besitzt, um in 
der 7 schlägigen K. W. nach reiner Brache 8 Körner 
tragen zu können. 
Aus der Vereinigung dieser Voraussetzungen folgt, daß 
für die Natur des Bodens, den wir im isolierten Staat vor 
Augen haben, und unter den daselbst obwaltenden Verhält- 
nissen, eine Bereicherung des Bodens über den Punkt hinaus, 
wo derselbe 8 Körner trägt, nicht vortoilliaft, und daß eben- 
121 sowenig eine Verminderung des Bodenrciclitums unter diesen 
Punkt konsequent sein würde. 






— 127 — 

Die Erörterung der Frage, ob diese Voraussetzungen 
untereinander selbst verträglich sind, ob namentlich nicht 
beim Ertrage von 8 Körnern die Bereicherung des Bodens 
noch vorteilliaft sei, gehört — weil durch die Vermengung 
zweier verschiedener Untersuchungen, die Klarheit, welche 
hier erstrebt wird , verloren gehen würde — nicht liierher, 
sondern wird Gegenstand der Betrachtung im 2ten Teil 
dieses Werkes werden. 

Hier ist die Aufgabe, den Geldertrag der verschiedenen 
"Wirtschaftssysteme für gleichen Boden mit gleichem Reich- 
tum, unter der Bedingung, daß die Wirtschaften im be- 
harrenden Zustand bleiben, kennen zu lernen und zu ver- 
gleichen; und erst dann, wenn diese Aufgabe gelöst ist, kann 
die Frage: unter welchen Verhältnissen und bis zu welchem 
Grade die Bereicherung des Bodens vorteilhaft sei, zur 
Sprache kommen und einer Lösung entgegen sehen. 

Um aber unsere Untersuchung beginnen zu können, 
mußte irgendein Ertrag des Bodens zu Grunde gelegt 
werden, und um von dem, was sich in der Wirklichkeit als 
der Durchschnittsertrag ganzer Provinzen ergibt, nicht zu 
weit abzuweichen, habe ich für den isolierten Staat den 
Ertrag zu 8 Körnern angenommen. Genug, für die uns 
vorliegende Aufgabe muß die Annahme des Ertrags von. 
8 Körnern als mit der Konsequenz verträglich und über- 
einstimmend betrachtet werden. 

Es kann demnach in dem isolierten Staat kein anderer 
Ertrag als der von 8 Körnern staltfinden, und wenn dennoch- 
in den vorstehenden Tabellen für diesen Boden Ertragsstufen 
von 5 bis 10 Körnern angeführt und in Betracht gezogen 
sind: so fordert dies eine Erläuterung. 

Wenn in der Wirklichkeit Boden ähnlicher Art und unter.122 
ähnlichen Vei'hältnissen wie im isolierten Staat vorkommt, 
der nur 5 Körner trägt, so muß dieser, bei konsequenter 
Bewirtschaftung, so weit bereichert werden, daß der Ertrag, 



— 128 — 

auf 8 Körner steigt, also auch nicht in D. F. W. sondern 
in K, W. gelegt werden. Fehlt aber die Konsequenz der 
Bewirtschaftung, wie dies in der Wirklichkeit nicht selten 
vorkommt, und bleibt der Boden auf der niedrigen Stufe 
des Reichtums im beharrenden Zustande : so ist die D. F. W. 
vorteilhafter als die K. W. 

Wenn ich nun in obigen Tabellen den Boden als auf 
verschiedenen Ertragsstufen stehend angeführt habe, während 
im isolierten Staat nur der Ertrag von 8 Körnern stattfinden 
kann: so gehören diese Ertragsstufen Wirtschaften aus der 
Wirklichkeit an, die unter analogen Verhältnissen mit denen 
des isolierten Staates bei diesem Ertrage im beharrenden Zu- 
stande bleiben und somit dem Gesetz der Konsequenz 
nicht unterworfen sind. 

Auf einer anderen Bodenart, als der hier zu Grunde 
gelegten, wird auch bei konsequenter Wirtschaft der Be- 
harrungsertrag ein anderer als der von 8 Körnern, auf dem 
Sandboden ein niedrigerer, auf dem Tonboden ein höherer sein. 

Man würde also , wenn man in dem isolierten Staat 
sukzessive andere Bodenarten zu Grunde legte, und die 
erhaltenen Resultate nebeneinander stellte, auch bei kon- 
sequenter Wirtschaft, eine Skala von verschiedenen Erträgen 
erhalten. 

Da aber die verschiedenen Bodenarten gar sehr ver- 
schiedene Bearbeitungskosten verursachen, so müßten diese 
auch für jede Bodenart besonders berechnet werden, und es 
würde sich dann ergeben, daß die Landrente dieser Boden- 
arten von der in obigen Tabellen für denselben Körnerertrag 
berechneten Landi-ente bedeutend abweicht — und wenn 
123 für den Preis des Roggens von IV2 Tlr. pro Schfl. nach 
unserer Berechnung die Landrente der D. F. W. schon beim 
Ertrage von :V^/i Körnern verschwindet, so mag dagegen auf 
Sandboden die D. F. W. noch beim Erlrage von 3 Körnern 
betrieben werden köinicn. 



— 129 — 

Man kann in der Wirklichkeit vielleicht D. F. "W. nach- 
weisen, die beim Ertrage von 2V2 Körnern fortbestehen; 
aber gewöhnlich betreiben unter solchen Verhältnissen die 
Landwirte Nebengewerbe, wovon sie leben; und immer ist 
dann die Untersuchung anzustellen, ob der Landbau auch 
die Zinsen der vorhandenen Gebäude vergüte, ob nicht trotz 
des fortgesetzten Anbaues des Bodens die Landrente selbst 
negativ sei. 



§ 15. 

Verhältnis der Dungproduktion und der mit 

Korn bestellten Fläche, in der Koppel- 

und in der Dreifelderwirtschaft. 

Es ist schon früher gesagt, und es erhellt auch aus dem 
ganzen Gang der Untensuchung, daß hier nur von solchen 
Koppel- und Dreifelderwirtschaften die Rede ist, welche sich 
in und dnrch sich selbst, also ohne äußeren Dungzuschuß, 
in gleichem Reichtum erhalten. 

In der Dreifelderwirtschaft geht die Hälfte des Dungs, 
den die Weide gibt, für den Acker und also auch für den 
Getreidebau verloren, und diese Weide selbst ist wenig pro- 
duktiv. Wegen dieser geringen Dungerzeugung kann sie 
von 100 000 GR. nur 24000 DR. mit Korn bestellen, wenn 
sie sich in gleicher Dungkraft erhalten soll. 

Die Koppelwirtschaft benutzt dagegen den Dung, den 
die bessere Weide gibt, ganz, und dies bewirkt, daß sie '^h 
der Fläche, oder von 100000 DR. circa 43000 CR. mit Korn 
bestellen kann und sich doch in gleicher Dungkraft erhält. 

Obgleich nun die Koppelwirtschaft durch ihre stärkere 124 
Dungerzeugung eine so viel größere Fläche mit Korn bestellen 
kann als die D. F. W. , so wird diese bei niedrigen Korn- 
preisen noch vorteilhafter als jene, und sie kann da noch 
Tbü neu, Der isolierte Staat, 3 



— 130 — 

fortdauern, wo die K, W. einen negativen Reinertrag gibt 
und also aufhören muß. 

Bei sehr niedrigen Kornpreisen können also die Kosten, 
welche die größere Dungerzeugung in der K. W. verui'saeht, 
durch den Ertrag, den die größere mit Korn besäete Fläche 
bringt, nicht gedeckt werden; oder mit anderen Worten, 
der Dung kostet mehr als er wert ist. 

Im entgegengesetzten Fall, wenn die Kornpreise hoch 
sind, oder wenn die Fruchtbarkeit des Bodens sehr groß ist, 
und zumal wenn beide Ursachen zusammenwirken , über- 
wiegt die Landrente der K. W. die der D. F. W. bei weitem. 
So ist z. B. für den Ertrag von 10 Körnern und den Preis 
von 11/2 Tlr. die Landrente von 100000 DRut. 

durch Koppelwirtschaft genutzt 1818 Tlr. 

durch Dreifelderwirtschaft 1119 „ 

der Mehrertrag der K. AV. also . . . . . . 699^Tlr". 

Hier verschwinden die Kosten, die die Dungerzeugnng 
in der K. W. verursacht, gegen den Nutzen, den dieser Dung 
durch einen vergrößerten Kornbau bringt. 



§ 16. 
Wirtschaftssystem mit höherer Dungproduktion. 

Aus dem Vorhergehenden läßt sich schon schließen, daß 
bei sehr erhöhten Kornpreisen, verbunden mit einer großen 
Fruchtbarkeit des Bodens, wir endlich auf einen Punkt 
kommen müssen, wo eine noch stärkere Dungerzeugung als in 
der Koppelwirtschaft stattfindet, sich reichlich bezahlen wiid. 
125 Daß aber eine noch höhere Dungproduktion möglich ist, 
liegt klar vor Augen; denn 

1. hat die K. W. noch eine reine Brache, welche zwar 
in manclicn andoi'on Beziehungen sehr nützlicli ist, 



— 131 — 

zur Dungvermehrung selbst aber sehr wenig beiträgt, 
indem sie nur den 5ten Teil des Dungs, den die 
Weide erzeugt, hervorbringt; 
2. ist die "Weide selbst bei weitem nicht so produktiv, 
als sie sein könnte, indem sie immer in die Schläge 
kommt, die schon drei Kornsaaten nach der Düngung 
getragen haben, und deshalb auf einer geringen Stufe 
des Reichtums stehen. 
Der Nutzen der Brache bestellt hauptsächlich in fol- 
gendem : 

1. wird der Dreesch durch die Brache mit den geringsten 
Arbeitskosten zur 'Aufnahme der Wintersaat tauglich 
gemacht; denn man kann zwar den Dreesch auch 
durch die Frühjahrsbearbeitung mürbe machen, aber 
dies ist mit einer großen Arbeitsvermehrung ver- 
bunden und kostet 30 bis 50 ^lo mehr als die regel- 
mäßige Brachbearbeitung im Sommer, wo die Rasen- 
fäulnis der Bearbeitung zu Hilfe kommt; 

2. wird der Dung- und Humusgehalt des Bodens durch 
die Brache in eine so große Wirksamkeit gesetzt, daß 
dies durch keine Yorfrucht in dem Grade zu er- 
reichen ist. 

So wird z. B. ein Boden, der nach der Brache 6 Körner 
an Roggen trägt, nach grün abgemähten Wicken nur un- 
gefähr 5 Körner geben. Daß einzelne Jahre und gewisse 
Bodenarten hiervon eine Ausnahme machen, kann die Regel 
nicht umstoßen, daß die Brache die beste Vorbereitung zur 
Wintersaat ist; wohl aber wird das Verhältnis in Zahlen 
ausgesprochen (hier wie 6 zu 5 angenommen) nach Ver- 
schiedenheit des Bodens, der Bearbeitung und des Klimas 126 
sehr verschieden sein. 

Dieser Minderertrag des Roggens nach den Wicken 
rührt aber nicht bloß von einer durch diese Frucht be- 
wirkten Erschöpfung des Bodens her, indem dieser auch 

9* 



— 132 — 

dann noch stattfindet, wenn der Acker nach der Aberntung 
der Wicken denselben Dunggehalt wie die Brache hat; 
sondern entspringt daraus, daß die Bearbeitung des Bodens 
minder vollkommen gewesen ist, und daß ein geringerer 
Teil der ganzen, im Boden befindUchen Dung- und Humus- 
masse, zur Nahrung für die Pflanzen zubereitet und ge- 
schickt gemacht ist, welches ich durch den Ausdruck „ge- 
ringere Wirksamkeit des Dungs" bezeichne (3). 

Auf das Credit der Vorfrucht kommen zu stehen: 

1. Wert des gewonnenen Viehfutters; 

2. Wert des Dungs, den das Futter mehr gibt, als die 
Produktion desselben dem Acker kostet — wodurch 
dann eine größere Ausdehnung des Kornbaues möglich 
wird. 

Das Debet der Vorfrucht enthält: 

1. vermehrte Bestellungskosten, 

2. Kosten der Aussaat, 

3. Verminderung des Ertrages der Windersaat, welche 
der Vorfrucht unmittelbar folgt. 

Es entsteht nun die Frage: bei welchem Getreidepreis 
und bei welchem Körnerertrag des Ackers wird das Credit 
der Vorfrucht dem Debet derselben gleichkommen? 

Wenn die Data zu einer solchen Berechnung gegeben 
sind, so muß sich dieser Punkt unstreitig ebenso scharf 
darstellen lassen, als dies bei der Bestimmung der Grenze 
zwischen der Koppelwirtschaft und der Dreifelderwirtschaft 
geschehen ist. Aber diese Rechnung wird doch sehr ver- 
127 wickelt werden , und ich vermag sie für jetzt noch nicht 
zu geben; da einesteils zu wünschen ist, daß zuvor die 
Aussaugung des Grünfutters schärfer und bestimmter er- 
mittelt werde, als bis jetzt geschehen ist, und da andern- 
teils ich die Zeit noch nicht daran habe wenden können, 
welche die Durchfülirung einer solclien Rechnung erfordert. 
Ich begnüge mich daher mit der Anführung einzelner Grund- 



— 133 — 

Züge, die, wie ich glaube, aus der durchgeführten Berechnung 
hervorgehen würden. 

Bei einer mittehnäßigen Fruchtbarkeit des Ackers wird 
erst bei einem sehr hohen Kornpreis die Abschaffung der 
Brache vorteilhaft sein können : denn wenn auch die ver- 
mehrte Arbeit durch höhere Preise bald bezahlt wird, so ist 
doch der verminderte Ertrag des Winterkorns von so großem 
Einfluß auf den Reinertrag, daß der vergrößerte Kornbau, 
etwa bis zur Hälfte der ganzen Fläche, diesen Verlust nur 
schwer und nur bei sehr hohen Korupreisen wird decken 
können. 

Der Wert des gewonnenen Viehfutters kann aber unter 
Yerhältnissen , wie sie im isolierten Staat stattfinden , w^o 
nämlich wegen der Konkurrenz der unkultivierten Gegenden 
die Preise der Viehprodukte so niedrig sind, daß die Vieh- 
zucht ■ — wie die Folge ergeben wird — teils eine sehr 
geringe, teils gar keine Landrente abwirft, zur Deckung 
jenes Verlustes nur wenig beitragen. 

Betrachten wir aber einen Boden von sehr hoher Frucht- 
barkeit, so ändern sich diese Verhältnisse gar sehr. 

Mit der steigenden Dungkraft des Ackers steigt der 
Körnerertrag bis zu einem gewissen Punkt. 

Die Steigerung des Kornertrages kann aber nicht wie 
die der Dungkraft unbegrenzt sein ; sie findet diese. Grenze 
vielmehr in der Natur der Pflanze, die auch beim größten 
Überfluß an Nahrung ein gewisses Maß von Größe und 
Ertrag nicht überschreiten kann. Hat der Boden nun eine 
solche Dungkraft, daß die darauf gesäten Pflanzen zum 128 
Maximum ihres Ertrages gelangen können : so ist jeder 
fernere Zusatz von Dung nutzlos, ja er wird sogar schädlich, 
indem er das Lagern des Getreides und dadurch einen ver- 
minderten Ertrag hervorbringt. 

Gesetzt das Maximum des Roggenertrages für einen ge- 
gebenen Boden sei = 10 Körner. Erhöhen wir nun die 



- 134 — 

Dnngkraft dieses Bodens noch um ^,5, so daß er die Fähig- 
. keit bekäme 12 Körner zu produzieren, wenn die Natur der 
Pflanze dies erlaubte : so wird auf diesem Boden nach reiner 
Brache Lagerkorn gebaut werden. Wenn nun aber statt 
der Brache gi-üne Wicken genommen werden , so wird die 
Wirksamkeit des im Boden befindlichen Dungs und Dung- 
rückstandes so weit vermindert, daB der Boden nun wiederum 
10 Körner produziert. 

Unter diesen Umständen fällt also der Nachteil der 
Vorfrucht auf die nachfolgende Winterung ganz weg; auf 
dem Debet der Vorfrucht bleiben bloß noch die vermehrten 
Bestellungskosten und die Kosten der Aussaat, welche aber 
schon bei mäßigen Kornpreisen durch den vermehrten Duug- 
gewinn und dadurch erweiterten Kornbau ersetzt werden. 

Es leidet also keinen Zweifel, daß unter diesen Ver- 
hältnissen die Abschaffung der Brache konsequent ist — 
vorausgesetzt, daß die physische Beschaffenheit des Bodens 
und das Klima nicht von der Art sind, daß die Brache durch- 
aus notwendig ist. 

Mit der Abschaffung der Brache ändert sich aber die 
ganze Form der Koppelwirtschaft. Um die Bearbeitung des 
Dreesches zur A^orfrucht zu erleichtern, wird man es vor- 
teilhaft finden, den Dreesch nicht mehr drei Jahre, sondern 
nur ein, höchstens zwei Jahre zur Weide liegen zu lassen. 
Um die Verwilderung des Ackers, die, wenn es keine reine 
129 Brache gibt, so leicht stattfindet, zu vermeiden, wird eine 
ausgezeichnete Aufmerksamkeit auf die Folge, in welcher 
die Früchte nacheinander am besten gedeihen, notwendig. 
Man wird die Fruchtfolge so wählen , daß für jede Frucht 
die möglichst beste Bearbeitung stattfinden kann, und daß 
die abgeerntete Frucht den Reichtum des Bodens in der 
größten zu erreichenden Wirksamkeit für die folgende Saat 
ninterläßt — eine Vorsicht, die in der Koppelwirtschaft auch 
nicht überflüssig, aber nicht so notwendig ist, und die da- 



— 135 — 

selbst anderen Rücksichten weichen muß. — Mit einem 
Wort : hohe Fruchtbarkeit des Bodens, verbunden mit guten 
Kornpreisen, verwandelt die Koppelwirtschaft in Frucht- 
wechsel Wirtschaft. 

Wenn für einen gegebenen Boden das Maximum des 
Mittel ertrages an Roggen = 10 Körner ist, welches in der 
Tschlcägigen K. W. einen mittleren Reichtum von STS*^ in 
lüOO GRut. voraussetzt : so kann in dieser Wirtschaftsform 
ein Zusatz von Reichtum keine Anwendung mehr finden, 
weil dieser nur Lagerkorn und also verminderten Ertrag 
hervorbringen würde. Wer nun die Koppelwirtschaft als die 
Grenze der Kultur ansieht, wird auf einem Boden von diesem 
Reichtum die Schätze, die sich auf einem Felde an Moder 
und Mergel finden, entweder gar nicht benutzen können, 
oder er wird das, was er durch die Anwendung dieser 
Mittel dem Acker gegeben hat, durch eine vergrößerte Korn- 
aussaat augenblicklich wieder hinwegnehmeu müssen und 
somit kein größeres produktives Kapital im Acker fundieren 
können. 

In der Fruchtwechselwirtschaft findet aber ein weit 
größerer mittlerer Reichtum noch eine nützliche Anwendung : 
denn 1. ist schon durch die gleichmäßigere Verteilung des 
Reichtums in allen Schlägen ein größerer mittlerer Reichtum 
erforderlich, um 10 Körner an Roggen hervorzubringen, und 
2. muß wegen der durch die Vorfrucht verminderten Wirk- 130 
samkeit des Dungs der Reichtum des Roggen Schlages selbst 
bedeutend höher sein, wenn dieser das Maximum von 
10 Körnern liefern soll. 

Aus der ersten Ursache ist nach § 9 in der 6 schlägigen 
F. W. W. der mittlere Reichtum 425*^, wenn der Roggen- 
schlag nach Wicken 500*^ enthalten soll ; aus der zweiten 
Ursache gehören aber zur Hervorbringung von 10 Körnern 
600» Reichtum. 

Das Maximum des Ertrages der Kartoffeln und des 



— 136 — 

Grünfütters liegt nicht so nahe als beim Getreide, und ihr 
Anbau ist gerade auf solchem Boden, der über 500'^ Eeichtuui 
enthält, am vorteilhaftesten. Sollen nun die Schläge unter 
sich in dem Verhältnis des Reichtums bleiben, wie dies in 
§ 9 angegeben ist, so wird für einen Körnerertrag an Roggen 
= 10, auch der Kartoffelschlag 600° erhalten, und der 
mittlere Reichtum wird dann um \'o erhöht, also von 425° 
auf 425 X l^'s = 510° gebracht. 

Da in der F. W. W. der Reichtum nur für die Winter- 
saat, nicht aber für die Kartoffeln, das Sommerkorn und 
das Grünfutter eine mindere Wirksamkeit hat, als in der 
K. W. : so ist auch der Reinertrag dieser Wirtschaft sehr ^iel 
höher, als der der Koppelwirtschaft von 10 Körnern Ertrag. 

Es findet also in der F. W. W. ein mittlerer Reichtum 
von 510° eine nützliche, produktive Anwendung, während in 
der K. W. nur 373° mittlerer Reichtum nützlich verwandt 
werden können; oder die F. W. W. kann 510° mittleren 
Reichtum zinstragend im Boden fundieren, die K. W. nur 373°. 

In Staaten, deren Konsumtion durch die Produktion 
gerade gedeckt wird, die also weder Korn ausführen noch 
einführen, steht sicherlich die Bevölkerung mit der Summe 
der erzeugten Lebensmittel in irgendeinem Verhältnis. Nun 
131 erzeugt die K. W. von gleicher Fläche eine viel größere 
Masse von Lebensmitteln, als die D. F. W. , aber eine viel 
geringere als die F. W. W. , wenn der Körnerertrag des 
Roggens in allen drei Wirtschaftsarten gleich ist; und wenn 
die K. W. von 10 Körnern Ertrag etwa 3000 Menschen auf 
der Quadratmeile ernährt, so wird die D. F. W. nur un- 
gefähr für 2000, die F. W. W. aber vielleicht für 4000 Men- 
schen auf der Quadratmeile den Lebensunterhalt verschaffen. 

Die F. W. W. ist ein herrliches Mittel, um einen reichen 
Boden hoch zu benutzen ; aber für armen Boden ist sie ein 
Mittel, um den Reinerti-ag, den andere Wirtschaftsarten 
hier gegeben hätten, zu vernichten. 



— 137 — 

Wenn man die Quantität Gras berechnet, die eine 
Dreeschweide jährlich hervorbringt, und diese dann mit dem 
Heuertrag des roten Mähklees vergleicht, so wird man auch 
bei Boden von gleicher Dungkraft einen sehr beträchtlichen 
Unterschied in der Produktion zugunsten des Mähklees finden. 

Da dieser Yorzug des Mähklees auch dann noch statt- 
findet, wenn die Weidepflanzen selbst größtenteils aus rotem 
Klee bestehen: so geht hieraus hervor, daß die beständige 
Störung, welche die Weidepflanzen in ihrer Vegetation durch 
das Abbeißen und Zertreten erleiden, sehr nachteilig auf 
den Wachstum des Grases und des Klees -wirkt. 

Die Dungerzeugung und der Futtergewinn werden also 
beträchtlich Vermehrt, wenn man die Dreeschweiden in 
Felder mit grün gemähten Futterkräutern verwandelt, — 
welches Stallfütterung statt Weidegang herbeiführt. 

Mit der durch die Stallfütterung erhöhten Dungerzeuguug 
kann nun abermals der Korabau erweitert werden, und wenn, 
nach einer oberflächlichen Berechnung, die F. W. W. mit 
Weidegang circa 50 % der Ackerfläche mit Korn bestellen 132 
kann; so wird die F. W, W. mit Stallfütterung vielleicht 
55 % der Ackerfläche dem Getreidebau widmen können und 
doch in demselben Grad von Reichtum verbleiben.*) 

In wärmeren Klimaten kann auf fruchtbarem Boden in 
die Stoppel des abgeernteten Getreides noch eine zweite 
Frucht, als Rüben, Spörgel usw. gebaut werden. Dies ist 
gleichsam ein beschleunigter Umlauf: man baut in einem 
Jalire zwei Früchte, zu deren Hervorbringung in kälteren 



*) Es ist hier immer um- von einem guten Höheboden die 
Eede, der sich in der 7 schlägigen K. W. ohne Dungzuschuß er- 
halten kann. Für jeden minder guten Boden würde ein so aus- 
gedehnter Kornbau zum Verderben gereichen — und dies wird 
selbst auf dem guten Boden der Fall sein , wenn Weizen statt 
Roggen gebaut wird. 



— 138 — 

Klimaten zwei Jahre gehören. Da die Stoppel frucht' immer 
zum Yiehfutter dient, und hierzu nur solche Gewächse ge- 
nommen werden, die durch Verfütterung mehr Dung wieder- 
geben, als die Produktion derselben dem Acker gekostet 
hat: so hat die Aussaugung der Getreidefrucht in der Dung- 
erzeugung der Stoppelfrucht ein stetes Gegengewicht. Ein 
Teil der durch die Halmfrucht bewirkten Aussaugung wird 
durch den Ersatz, den die Stoppelfrucht liefert, wieder aufge- 
hoben, und so ist es nicht zu verwundern, daß diese Wirt- 
schaften 60 bis 70 ^lo der Ackerfläche mit Korn und Handels- 
gewächsen bestellen können, ohne den Reichtum des Bodens 
zu erschöpfen. 

Allemal aber gehört neben einem ausgezeichnet frucht- 
baren Boden ein hoher Wert der Produkte dazu, wenn diese 
im Sturm gewonnenen Ernten (wie sich ein anonymer Schrift- 
steller ausdrückt) die Kosten bezahlen sollen. 

Nach dem Zeugnis bewährter Schriftsteller bewii'kt der 
rote Klee, in manchen Gegenden, gar keine Aussaugung, 
sondern eine Bereicherung des Bodens. 
133 In Mecklenburg sprechen dagegen die Erfahrung und. 
die überwiegende Meinung den Satz aus, daß der rote Klee 
als eine aussaugende Frucht zu betrachten sei. 

Es ist ferner in Mecklenburg und Neu-Pommern sehr 
häufig bemerkt, daß Felder, welche aus der D. F. W. zur 
K. W. übergegangen sind, in den ersten Umläufen sehr 
üppigen Klee, sowohl weißen als roten getragen haben ; 
daß aber in den spätem Umläufen dieser Boden weder durch 
einen erhöhten Reichtum, noch durch den Mergel den ersten 
großen Klee-Ertrag wieder liefert. 

Wie läßt sich nun für diese anscheinend widersprechen- 
den Tatsachen eine gemeinschaftliche Ursache auffinden. 

Mir scheint es, daß sich diese Erfahrungen unter einen 
Gesichtspunkt auffassen lassen, wenn man annimmt, daß in 
dem Dung irgendein Stoff — gleichviel, Avelcher es sei 



— 139 — 

und wie er genannt werde — enthalten ist, der von den 
Halmfrüchten nicht ergriffen wird, dagegen aber dem Klee 
ganz vorzüglich zusagt. 

Kommt nun der Klee auf einen Boden, der schon lange 
kultiviert ist, bisher aber bloß Korn getragen hat : so findet 
der Klee diesen Stoff als Rückstand aller früheren Düng- 
ungen im Boden vor, und gedeiht wegen der ihm gerade 
angemessenen, im Übermaß vorhandenen Nahrung in einem 
ungemeinen Grade. Der Boden verliert dann durch den 
Klee einen Stoff, der für das Korn indiffei-ent war, und 
erhält dagegen durch die Stoppeln und Wurzeln des Klees 
eine Düngung zurück, die für das Korn wirksam ist. Das 
Korn findet dann eine vermehrte Masse des demselben zu- 
sagenden Nahrungsstoffes vor, und wenn man nun das Ge- 
deihen des Korns, vor und nach dem Klee, zum Maßstab 
der Aussagung nimmt, so muß der Klee weit mehr be- 
reichernd als aussaugend erscheinen. 

Sobald aber der Klee, in die regehnäßige Fruchtfolge 134 
aufgenommen, so oft wiedergekehrt ist, daß der eigentümliche 
Nahrungsstoff erschöpft ist: so findet derselbe im nächsten 
und in allen folgenden Umläufen von diesem eigentümlichen 
Stoff nur so viel vor, als in der frischen Düngung davon 
enthalten war. Da aber dies Quantum zur Ernährung des 
Klees nicht hinreicht, so greift derselbe den für das Korn 
geeigneten Nahrungsstoff im verstärkten Maß an, und so zeigt 
sich der Klee dann nicht mehr bereichernd, sondern aussaugend. 

Wahrscheinlich ist der für den roten und der für den 
weißen Klee geeignete Stoff, w^enn auch nicht identisch doch 
ähnlich, und da in der K. W. der weiße Klee in jedem 
Umlauf über das ganze Feld kommt : so findet hier gar keine 
Anhäufung des Klee-Nahrungsstoffs statt. Bringt man nun 
zur Abwechselung auf diesen Boden einmal roten Klee, so 
muß dieser größtenteils von den für das Korn geeigneten 
Stoffen leben und zeigt sich dann aussaugend. 



— 140 — 

Mag aber diese Erklärung begründet oder unbegründet 
sein, so l^ann ich doch, nacii meinen bisherigen Erfahrungen 
und Beobachtungen, den grün gemähten AVici^en und dem 
roten Klee, — wenn diese in jedem Umlaufe regelmäßig 
wiederkehren — keine bereichernde Kraft beimessen ; sondern 
ich muß vielmehr annehmen, daß diese Gewächse, welche 
eine so große Masse Futter liefern und welche, bei der regel- 
mäsigen Wiederkehr, nur in dem Maße wachsen, als sie Reich- 
tum im Boden vorfinden, eine aussaugende Wirkung auf 
den Boden ausüben. Es scheint mir aber gewiß, daß der 
rote Klee, auch nach Abzug dessen, was seine Produktion 
an Dung gekostet hat — auf einem für denselben geeigneten 
Boden — einen beträchtlich größeren Dungüberschuß liefert, 
als eine Dreeschweide auf diesem Boden zu geben vermag. 
135 Das Credit der Stallfütterung in Yergleichung mit dem 
Weidegang des Viehes enthält demnach: 

1. vermehrtes Futter. 

2. vergrößerte Dungerzeugung und dadurch bewirkte 
größere Ausdehnung des Kornbaues. 

Das Debet enthält: 

1. die kostspieligere Aussaat von Wicken und rotem Klee- 
samen, in Yergleichung mit der Kleeaussaat zur Weide; 

2. die durch den Wickenbau vermehrten Bestellungskosten ; 

3. die Anfahrungskosteu des Grünfutters nacli dem Hofe : 

4. die Kosten des Abfahrens des aus dem Grünfutter 
erfolgten Dungs — welche beim Weidegang ganz er- 
spart werden. 

Die durch die Stallfütterung verursachten Kosten sind 
nicht unbedeutend, und nur auf einem Boden von hohem 
Wert wird der erweiterte Kornbau und das vermehrte Yieh- 
futter diese Kosten decken und überwiegen können. 

Ein Boden von gennger Fruchtbarkeit kann diese Kosten 
nicht wieder bezahlen, und für einen solchen Boden wird 
diese Wirtschaft um so vererblicher, als die erwartete Futter- 



— 141 — 

und DungvermehruDg in eine Yerminderung umschlägt; in- 
dem die Futterkränter hier ganz versagen, einen noeli ge- 
ringeren Ertrag als der Weideklee und die Weidegräser geben 
und kaum die Kosten des verwandten Samens ersetzen. 

In einer Koppelwirtschaft von 1(» Körnern Ertrag hat 
der 535 Ruten vom Hofe entfernte Acker nach § 11 noch 
die Hälfte des Werts von dem am Hofe liegenden Acker. 

In der mit Stallfütterung verbundenen Fruchtwechsel- 
wirtschaft werden die Arbeiten, deren Größe in geradem 
Verhältnis mit der Entfernung vom Hofe stehen , nämlich 
das Einfahren der Feldfrüchte und das Abfahren des Dungs, 
außerordentlich vermehrt. Wenn man hierüber eine eben 
so genaue Berechnung, als die für die Koppelwirtschaft 136 
gegebene anstellte: so würde man wahrscheinlich finden, daß . 
für diese Wirtschaftsart der 300 Ruten vom Hofe entfernte 
Acker schon auf die Hälfte des Wertes des am Hofe liegen- 
den Ackers herabsinkt. 

Es läßt sich also wohl mit Sicherheit annehmen, daß 
F. W, W. mit Stallfütterung sich nur bei kleinen Gütern 
über das ganze Feld ausbreiten kann; daß aber auf großen 
Gütern, auch beim hohen AVert des Bodens, dieses Wirt- 
schaftss^'stem nur auf dem vorderen Teil des Ackers vor- 
teilhaft und ausführbar ist, der entferntere Acker dagegen 
dm'ch K. W. höher genutzt würd. 

Da nun beim hohen Wert des Bodens, — der aus der 
Fruchtbarkeit des Bodens und aus dem Preise der Erzeug- 
nisse gemeinschaftlich entspringt, — die F. W. W. mit StaU- 
fütterung auf kleinen Gütern einträglicher ist als die K. W., 
so können wir umgekehrt schließen, daß mit dem steigenden 
Wert des Bodens die Güter von mäßiger Größe mehr und 
mehr den Yorzug vor den großen Gütern erhalten; und in 
der Tat finden wir in allen Ländern, wo eine sehr hohe 
Kultur des Bodens stattfindet, nur Güter von geringem oder 
mäßigem Umfange. 



142 — 



§ 17. 

Resultate einer Vergleichung zwischen der bel- 
gischen und der mecklenburgischen Wirtschaft. 

"Wir legen hier für beide Wirtschaftsarten einen Boden 
zu Grunde, auf welchem die relative Aussaugung des 
Roggens ^/g beträgt. 

Fruchtfolge der belgischen "Wirtschaft, die wir hier zum 
Gegenstand der Betrachtung nehmen: 

1. Kartoffeln, 

2. Roggen und Stoppelrüben, 
137 3. Hafer, 

4. Klee, 

5. Weizen und Stoppel rüben. 

Die Fruchtfolge der mecklenburgischen Wirtschaft; 
welche wir bei dieser Yergleichung zu Grunde legen, ist 
die gewöhnliche in der siebenschlägigen Koppelwirtschaft 
stattfindende Fruchtfolge, die wir oben schon augeführt haben. 

Reichtmii und Ertrag der belgischen Wirtschaft. 

(jeder Schlag zu 10000 DRut.) ^grljjj"' Ertrag 

1. Kartoffeln , . . . 7680 11500 Schfl. 

2. Roggen (5974 1056 Schfl. 

Rüben — 6500 Ztr. 

3. Hafer . 7650 1650 Schfl. 

4. Klee 6910 3150 Ztr. Heu 

5. Weizen 7349 1056 Schfl. 

Rüben — 6500 Zti-. 

In 50000 DRut. sind enthalten 7 .^365630 
dies macht für lOOoO □Rut. . . . 7313", 



— 143 — 

Reichtum und Ertrag der mecklenburgischen 
Wirtschaft. 

(jeder Schlag zu 10000 DRut.) ^'^^ ^^^^^^ 

1. Roggen 6336 1056 Schfl. 

2. Gerste 5280 1056 Schfl. 

3. Hafer 4488 1267 Schfl. 

4. Weide 3854 898 Ztr. Heu 

5. Weide 4145 898 Ztr. Heu 

6. Weide 4435 898 Ztr. Heu 

7. Brache — enthält im Frühjahr 4726 180 Ztr. Heu 
Hierzu die Düngung aus dem Stroh 1552 

In 70000 DRut. sind enthalten . . 34816« 
dies macht für 10000 DRut. . . . 4973«. 

Bei gleichem Körnerertrag an Winterkorn verhält sich 138 
also der mittlere Reichtum des mecklenburgischen Ackers zu 
dem des belgischen wie 4973« zu 7313« oder wie 100 zu 147. 

Meine Berechnungen liefern als endliches Resultat 
folgende Übersicht der Kosten und der Landrente: 



— 144 — 
A. der belgischen Wirtschaft auf 100 000 DRut. 





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ß. der mecklenburgischen Wirtschaft auf 100 000 DR. 139 





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Thünen, Der isolierte Staat. 



10 



— 146 — 

1. 

Es ist zuvörderst zu bemerken, daß der Ertrag des 
Winterkorns in Belgien mit dem Ertrage, den der Weizen 
zu T. im Durchsclmitt gegeben hat, fast genau zusammen- 
140 fällt. Der Versuch, den Weizen zu T. zu einem noch höheren 
]ilittelertrag zu bringen, hat aufgegeben werden müssen, 
weil der Weizen sich dann lagerte und einen verminderten 
Ertrag lieferte. Wir können also den belgischen Mittelertrag 
von lu,5t3 Körnern zugleich als das Maximum des Mittel- 
ertrages auf gutem Höheboden ansehen.*) 

2. 

Mit dem Ertrage von 10,56 Körnern ist in der Koppel- 
wirtschaft eine Landrente von 1600 Tlr. N-/3 verbunden, 
und weil der Körnerertrag nicht weiter gesteigert werden 
kann: so ist auch in der reinen Koppelwirtschaft, wo reine 
Brache gehalten, und aller Dung derselben zugeführt wird, 
eine höhere Landrente nicht zu erreichen. 

Dagegen liefert die belgische Wirtschaft bei demselben 
Körnerertrage eine Landrente von 2779 Tlr. N-/3; oder bei 
dem Ertrage von lO.so Körnern verhält sich die Landrente 



*) Zu Tellow war der Durchschnittsertrag von 100 QEut. 
in Berliner Scheffeln 

in dem vom vom 

Zeitraum Weizen Eoggen 

von 1810 bis 20 . lO,^^ Schfl. 9,85 Schfl. 

1820 bis 30 11,37 „ 11,30 „ 

1830 bis 40 lO^pa „ ll.ip „ 

30 jähriger Durchschnitt 10„8 Schfl. IG,»« Schfl. 
Der geringere Ertrag des Weizens in der letzten Periode, im 
Vergleich mit dem der beiden früheren Perioden, rührt teils von 
der Ahnahme der Wirkung des Mergels, teils von einer Andening 
der Fruchtfolge her, vermöge welcher mehr Weizen in die Stoppel 
einer Vorfrucht gesäet wurde als früher. 



— 147 — 

der mecklenburgisclien Wirtschaft zu der der belgisclien 
Wirtschaft wie 100 zu 174. 

Der Rohertrag beider Wirtschaftsarten verhält sich wie 
5137 zu 11081, oder wie lOü zu 216. 

Denken wir uns nun diese beiden verschiedenen Wirt- 141 
Schäften über zwei Staaten von gleichem Umfange verbreitet: 
so muß in dem Reichtum, der Bevölkerung und der Macht 
beider Staaten ein enormer Unterschied stattfinden. 

Die Bevölkerung steht wahrscheinlich, wenn auch nicht 
im direkten doch im nahen Verhältnis mit dem rohen Er- 
trage. Wir haben oben, aber freilich als eine bloße Mut- 
maßung, angenommen, daß die Koppelwirtschaft von 10 
Körnern Ertrag einer Bevölkerung von 3000 Menschen auf 
der Quadratmeile Nahrung verschaffe. Hiernach würde eine 
K. W. von 10,oG Körnern Ertrag circa 3200 Menschen auf 
der Quadratmeile ernähren; und da in dieser Beziehung 
die K. W. sich zur B. W. (belgischen Wirtschaft) wie 
100 : 216 verhält: so würde der Staat, in welchem die bel- 
gische Wirtschaft betrieben wird, circa 6900 Einwohner auf 
der Quadratmeile enthalten können. 

Es lohnt wohl der Mühe, diese hypothetische Berechnung 
mit der Wii'klichkeit zu vergleichen, und sie dadurch zu 
berichtigen. 

Nach Hassels Handbuch der Erdbeschreibung und Sta- 
tistik enthielten im Jahre 1817 



10* 



— 148 



die Provinzen 


Größe 
[jM eilen 


Zahl der 
Einwohner 


Einwohner 
auf der 
nMeile 


Hennegau 


79,38 


430 156 


5419 


Südbrabant 


66,24 


441 222 


6660 


Antwerpen 


47,8s 


287 347 


6001 


Ostflandern 


49,10 


600184 


12223 


Westflandern 


68,01 


519 400 


7634 


Dep. du Xord 


109.00 


871 990 


7932 




420.54 


3 150 299 



142 Diese 6 Provinzen, in welchen der belgische Ackerbau 
am vorzüglichsten betrieben wird, 

enthalten also auf 420,5i CMeilen 3150209 Einwohner; 
dies macht für eine (^)uadratmeile 7 491 Einwohner. 

So viel ich weiß, bedarf Belgien in der Regel keiner 
Korneinfuhr. Ist dies richtig, und ernährt also Belgien 
seine Bevölkerung selbst, so bleibt unsere Berechnung noch 
hinter der "Wirklichkeit zurück. 

Wenn der Reichtum eines Staats nicht weiter zunimmt, 
sondern im beharrenden Zustande ist; so wird die Landreute 
von der unproduktiven Klasse der Nation verzehrt. Die Zahl 
der unproduktiven Menschen, die ein Staat ernähren kann, 
hängt also wesentlich mit der Größe der Landrente zusammen. 

Da auch das Militär zu dieser Klasse der Staatsbürger 
gehört: so wird der Staat um ein so größeres Heer auf- 
stellen und unterhalten können, also um so mächtiger nach 
Außen sein, je größer die Landrente ist. 



149 - 



Welches ist nun aber der Hebel, die eigentliche Grund- 
ursache des Übergewichts des belgischen Äckerbaues? Ist 
dies Übergewicht an Klima, Boden und geographische Lage 
gebunden ; oder steht es in der Macht des Landwirts, eine ähn- 
liche — wenn auch nicht gleiche — hohe Kultur einzuführen. 

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir den Reich- 
tum, den der Acker bei der belgischen Wirtschaft enthält, 
mit dem bei der mecklenburgischen Wirtschaft vergleichen. 

Nach der zu Anfang dieses Paragraphen gelieferten Be- 
rechnung erfordert die belgische Wirtschaft einen mittlem 
Reichtum des Ackers von 731,3" in 1000 DR-; die meck- 
lenburgische Wirtschaft aben nur 497 ,3", 
ersterer also mehr 234". 

Die B. W. enthält auf gleichem Flächenraum und bei 143 
gleichem Körnerertrag im AVinterkorn einen um beinahe 
50 "/o höheren Reichtum des Ackers, als die M. W. 

Also wird die größere Landrente der B. W. zwar von 
gleichem Flächenraum, aber nicht von gleichem Reichtum 
des Ackers gewonnen; und welchen Anteil auch Klima, 
Boden, Fruchtfolge, Xationalcharakter der Belgier usw. an 
dem höheren Ertrag des belgischen Ackers haben mögen, 
immer ist der hohe Reichtum des Bodens die Grundbedingung, 
ohne welche alle anderen günstigen Einw^irkungen nicht den 
hohen Ertrag hervorbringen können. 



Vergleichung beider Wirtschaftsarten bei niedrigeren 
Stufen der Fruchtbarkeit des Ackers. 

Betrachten wir die oben mitgeteilten Tableaux über die 
Landrente beider Wirtschaften genauer, so finden wir, daß 
der glänzende Vorzug der B. W. immer mehr und mehr 
schwindet, je mehr der Körnerertrag abnimmt: ja beim 



— 150 -^ 

Ertrage von 6 Körnern gibt die K. W. schon eine höhere Land- 
reute als die B. W., und die Landrente der letzteren Wirtschaft 
wird schon bei 5,6S Körnern = 0, während die Landrente 
der K. W. erst bei dem Ertrage von 5,32 Körnern verschwindet. 

Dieses Resultat wird noch auffallender, wenn man er- 
wägt, daß die belgische Wirtschaft bei gleichem Körner- 
ertrage einen viel größeren Bodenreichtum enthält, als die 
mecklenburgische. 

Die belgische Wirtschaft bedarf zur Produktion von 
10,56 Körnern auf 100000 DRnt. Acker eines Reichtums von 
73130^; dies macht für den Ertrag von einem Korn 6925^. 
144 Die mecklenburgische Wirtschaft bedarf zur Hervor- 
bringung eines gleichen Körnerertrags in 100 000 DR. Acker 
nur 49730» Reichtum, also für 1 Korn 47 10». 

Beim Ertrage von 6 Körnern enthält demnach 
die B. W. (J X 0925 = 41550« 
die K. W. 6 X 4710 = 28260». 

Die belgische Wirtschaft gibt hier bei einem um 13 290» 
höheren Reichtum eine geringere Landrente als die Koppel- 
wirtschaft. 

Bei dem Ertrage von 5,6s Körnern, wo die Landrente 
der belgischen Wirtschaft = wird, enthält der Acker noch 

ßO 

5 ^ X 6925 r= 39334» Reichtum. 

Die Landrente der mecklenburgischen Wirtschaft ver- 
schwindet dagegen erst, wenn der Acker nur 5,32 Körner 

32 
trägt, und also einen Reichtum von 5 jr^ X 4710 

= 25057» enthält. 

Ein Acker, der in 100000 DRut. 39334» Reichtum 
enthält und der durch B. W. genutzt gar keine Landrente 
abwirft, wird, durch K. W. genutzt, einen Ertrag von 

39334 

r,f^- = 8,35 Körnern geben und eine Landrente von 



— löl — 

35 
818,2 -[- iTjA X 305,4 = 925.1 Tlr. abwerfen. Wenn nun 

umgekehrt auf einem. Boden von dieser Fruelitbarkeit die 
B. W. eingeführt wird : so wird dadurch die ganze Landrente 
von 925,1 Tlr., welche die K. "NV. hier bisher gegeben hat, 
vernichtet. 

Dies mag wohl zur Warnung dienen , keine Wirtschaft 
aus fremden Ländern nachzualunen und bei sich einzuführen, 
wenn man nicht alle Verhältnisse, worin diese ihre Be- 
gründung findet, klar überschaut und das innere Wesen des 145 
Landbaues zuvor erforscht hat. 

Dies mag ferner erklären, warum die Ansetzung von 
Kolonisten aus Belgien und der Pfalz fast immer unglück- 
liche Resultate geliefert hat: man gab ihnen in der Regel 
einen Boden , wo die Fortführung ihrer heimatlichen Wirt- 
schaft eine Torheit w^ar, wo sie verderben mußten, wenn 
sie nicht zur landüblichen Wirtschaft übergingen — und so 
wurde ihr Beispiel, anstatt zur Nacheiferung zu reizen, eine 
Warnung gegen alle Neuerungen. 

In dem nördlichen Brabant liegen noch jetzt große mit 
Heide bewachsene Flächen öde imd wüst. Da dieser Boden 
in seiner physischen Beschaffenheit nicht zu dem ganz 
schlechten gehört, indem er noch Heide und teilweise Eichen 
trägt, und in einer Ebene liegt, die nur wenig über dem 
Wasserspiegel des nahen Meeres erhaben ist ; da ferner diese 
Fläche rings von großen Städten umgeben ist, in deren Nähe 
das Land einen hohen Wert hat: so muß es notwendig be- 
fremden, daß selbst die belgische Industrie an der Urbar- 
machung dieses Bodens scheiterte. 

Woher mag dies rühren? 

Daß der kostspielige belgische Landbau sich auf einem 
Boden von dieser Art nicht bezahlt macht, so gewiß; daß 
die belgischen Fruchtfolgen einen armen Boden nicht be- 
reichern, sondern völlig erschöpfen, ist ebenfalls gewiß. 



— 152 — 

Haben nun die Belgier — wie es der Fall zu sein scheint — 
hier eine ähnliche, wenn auch nicht gleiche Wirtschaft als 
auf ihrem reichen Boden versucht : so mußten diese Ver- 
suche notwendig fehlschlagen. 

Vielleicht würde hier dem mecklenburgischen Landwirt 
gelingen, was dem belgischen Landwirt bisher mißlang: 
vielleicht, ich möchte sagen wahrscheinlich, wäi-en diese 
146 Heiden längst in kultiviertes Land umgeschaffen , wenn die 
Koppelwirtschaft an den Ufern der Maas bekannt und land- 
üblieh gewesen wäre. 

Die K. W. von 10,5g Körnern und die B. W. von 
7,18 Körnern Ertrag enthalten gleichen Reichtum, nämlich 
497300 in 100000 DRut. 
Die K. AV. gibt von diesem Reichtum 

eine Landrente von 1600 Tlr. X-Zs 

Die B. W. gibt von diesem Reichtum 

eine Landrente von 854,3 „ ,, 

Der Reichtum des Bodens wird also durch K. W. viel 
höher genutzt als durch B. W. , und diese wird erst da 
vorteilhaft, wo der Reichtum des Bodens so hoch steigt, 
daß die K. W. denselben wegen Lagern des Getreides nicht 
melir nutzen kann. 



Die B. W. bestellt von der ganzen Ackerfläche 60 ^/o 
mit Getreide und erhält sich dabei in gleicher Fruchtbarkeit, 
während die M. W. nur 43 ^/o der Ackerfläche mit Getreide 
bestellen darf, wenn sie sich in und dm-ch sich selbst in 
gleicher Kraft erhalten soll. 

Die Belgier erreichen dieses Resultat dadurch, daß sie 

1. den Klee, als die wichtigste duugerzeugende Frucht, 

in einen eben so reichen Boden bringen, als das 

Winterkorn selbst, während die Mecklenburger ihre 

Weide nur in solche Schläge nehmen, die durch drei 



— 153 — 

Korusaaten bereits einen großen Teil ihres Reichtums 
verloren haben ; 

2. daß sie den Klee nicht vom Yieh abweiden lassen, 
"wodurch sonst eine bis fast auf die Hälfte verminderte 
Kleeproduktion und eine ungefähr um ein Diittel ver- 
minderte Dungerzeugung entstehen würde, sondern 
ihn abmähen und mit dem Vieh auf dem Stall ver- 147 
füttern, — und diese beiden Ursachen zusammen be- 
wirken, daß der einzige belgische Kleeschlag = 20 % 
der Ackerfläche in der Dungerzeugung den drei meck- 
lenburgischen "Weideschlägen = 48 ^io der Ackerfläche 
fast gleichkommt; 

3. daß sie die Stoppel des Wintergetreides noch in dem- 
selben Jahre mit Rüben bestellen und so von dem- 
selben Felde nach der aussaugenden Halmfrucht noch 
eine Frucht gewinnen, die mehr Dung wiedergibt, als 
sie dem Acker entnomnaen hat. 

Meine Berechnungen über den Geldertrag und die Kosten, 
sowie über die Dungkonsumtiou und den Dungersatz der 
einzelnen Schläge — die ich gerne vorgelegt hätte, um das 
prüfende und berichtigende Urteil des Publikums darüber 
zu vernehmen , die ich hier aber nicht mitteilen kann , weil 
sie zu vieler Erörterungen und Erklärungen bedürften , und 
dadurch zu vielen Raum einnehmen würden — ergeben, daß 
der Kartoffelschlag von 10000 DR. durch den Wert, den 
die Kartoffeln als Viehfutter haben, nach Abzug der vei'- 
wandten Arbeitskosten nur einen Greldüberschuß von 25,5 Tlr. 
N2/3 liefert, und daß der Dungersatz, den die Kartoffeln 
durch ihre A^erfütterung geben, die Dungkonsumtion, die 
ihre Ernte bewirkt hat, nur um 46,2^ überwiegt.*) 

Hiernach wären also die Kartoffeln in beiden Beziehungen 
fast als eine neutrale Frucht zu betrachten; man könnte die 

*) Hiermit ist zu vergleichen, was im Anhang sub Nr. 5 
über diesen Gegenstand gesagt ist. 



154 — 



Brache an ihre Stelle setzen , ohne daß dadurch weder der 
Geldertrag noch die Dungerzeugung wesentlich verändert 
würde. Aber der Kartoifelbau erspart die in der Koppel- 
wirtschaft so kostspielige Brachbearbeitung zum größeren 
14sTeil, indem nach den Kartoffeln nur einmal, bei der Brach- 
bearbeitung aber viermal zum Eoggen gepflügt werden muß 
— und dadurch wird der Kartoifelbau von großer Bedeutung 
für den Reinertrag der belgischen Wirtschaft. 

Der Anbau der Futtergewächse gibt in Belgien so wenig 
als anderswo einen bedeutenden Reinertrag; aber der Bau 
des Klees und der Rüben wird durch die Dungerzeugung, 
die allein einen ausgedehnten Korn bau möglich macht, der 
Bau der Kartoffeln durch die Ersparung der Brachbearbeitung 
wichtig und notwendig. 

6. 

Aus der zu Anfang dieses Paragraphen gelieferten 
Gegeneinanderstellung des Ertrages und des im Acker be- 
findlichen Reichtums geht hervor 





an Reichtum im Acker 




erforderlich ist 


daß zur Produktion von 




a) in der belg. b) in d. uieckl. 




Wirtschaft Wirtschaft 


1 Schfl. Weizen 


R 

")96 


— 


1 „ Roggen 


6,o" 


6« 


1 „ Hafer 


4,c/ 


a 


1 „ Gerste 


— 


50 


1 „ Kartoffeln 


n 


— 


1 Ztr. Kleeheu 


2,2» 


— 


1 „ auf Heu reduziertes Weide- 






gras 


— 


4,3° 


Für die M. W. nehme ich femer 






an, daß zur Produktion von 1 Schfl. 






Weizen gehört 


— 


6° 


1 Schtt. Kartoffeln 


— 


^;e07 



— 155 — 

Wenn man Weizen und Roggen zusarameu nimmt , so 149 
gehören in Belgien zur Produktion von 1 Sehfl. Winterkorn 

^-^^^4^' = G,TsO Reichtum. 

In Mecklenburg gehören dagegen zu 

einem Schfl. Winterkorn 6" „ 

Also sind 6*^ Reichtum nach reiner Brache für den 
Pflanzenwachstum ebenso wirksam als 6,78*^ nach einer 
Vorfrucht. Das Verhältnis der Wirksamkeit des Dungs 
nach reiner Brache zu der nach einer Vorfrucht, ist also 
wie 6,78 : 6 = 11,3 : 10; oder wo nach reiner Brache 11,3 
Körner wachsen könnten , da wachsen nach der Vorfrucht 
nur 10 Körner. 

Wo die Bearbeitung des Bodens minder vollkommen 
als in Belgien ist, da wird auch der Nachteil der Vorfrucht 
auf die Wirksamkeit des Reichtums immer größer, und für 
eine gewöhnliche Bearbeitung möchte das früher angenom- 
mene Verhältnis von 12 : 10 ziemlich zutreffend sein. 

Für den Hafer, der niemals nach der Brache kommt, 
müßte der Reichtum des Bodens in Belgien ebenso wirksam 
sein, als in Mecklenburg. Wir finden aber, daß in Belgien 
zu der Produktion von einem Schfl. Hafer 4,64'', in Mecklen- 
burg nur 3,51^ Reichtum gehören. Die Erklärung über 
diese Abweichung finden wir in der verschiedenen Bestellung 
des Hafers. Die Belgier bringen nämlich die starke Düngung 
zum Hafer, wenn unter diesen Klee gesäet werden soll, erst 
mit der Saatfurche unter. Bei dieser Behandlung ist die 
Düngung für den Hafer selbst fast ganz unwirksam. Aber 
wahrscheinlich wollen die Belgier gerade dies, damit der 
Hafer sich nicht lagere und den Klee ersticke, und damit 
dem Klee die ganze Düngung, ohne Abzug, zu Nutzen komme. 

Daß der Klee in Belgien von demselben Reichtum fast 150 
den doppelten Ertrag gibt, liegt teils im belgischen Klima, 
welches dem Kleewuchs viel günstiger ist, hauptsächlich 



— 156 — 

aber darin, daß wir ihn in Mecklenburg abweiden und zer- 
treten lassen, während derselbe in Belgien vom Yiehtritt 
nicht gestört, sondern regelmäßig abgemäht wird. 



Wenn man von dem Erlrage des Getreides und der 
Kartoffeln die Aussaat abzieht, und den hieraus hervor- 
gehenden Überschuß mit der Summe der auf der Produktion 
derselben verwandten Arbeitskosten vergleicht: so ergibt sich 
hieraus, wieviel ein Scheffel von jedem dieser Gewächse an 
Arbeitskosten (also mit Ausschluß der allgemeinen Kultur- 
kosten) erfordert hat. 

Meine Berechnungen geben hierüber folgende Resultate: 



Die Produktion 


von 




kostet an 


Arbeitslohn 


a) in der belg. 


b)ind. meekl. 








Wirtschaft 


Wirtschaft 








Schilling ^% 


SchiUing N^/j 


1 Sc-lifl. Weizen 






19., 





1 „ Koggen 






1H.7 


20,0 


1 „ Gerste 






— 


15,:, 


1 „ Hafer 






13,. 


11,-. 


1 „ Kartoffeln 






3,. 


— 






kostet an Saat un 


d Arbeitslohn 


1 Ztr. KleelR'u 






4,3 





1 „ Kuben 






1,:. 


— 


1 „ auf Heu reduziertes, 


aber 






nicht erworbenes, sondern 


vom 






Vieh abgehütetes G 


ras 




— 


o„ 



151 Es ist zu bemerken , daß bei dieser Berechnung der 
Preis von 1 Tlr. 12 ßl. N-,:i für den Berliner Schtl. Koggen 



- 157 — 

zum Grunde liegt, und daß, da die Arbeitskosten mit dem 
Preise des Getreides steigen oder fallen , diese Bereeiinung 
auch nur für diesen einen Getreidepreis gültig ist. 

Die Arbeitskosten zur Produktion eines Scheffels Roggen 
betragen in Mecklenburg 25.0 ßl. , in Belgien dagegen nur 
18,7 ßl. Hier zeigt sich, der große Einfluß, den der Kartoffel- 
bau statt der Brache auf die Ersparung der Arbeitskosten hat. 

Den Roggen nach Kartoffeln zu nehmen, ist eine schlechte 
Fruchtfolge. Dessen ungeachtet ernten die Belgier das Maxi- 
mum, was diese Frucht im Durchschnitt mehrerer Jahre 
geben kann; es zeigt sich hier also, daß ein Fehler in der 
Fruchtfolge auf einem reichen Boden durch eine höchst sorg- 
fältige Bearbeitung unschädlich gemacht werden kann. Ein 
solcher Verstoß gegen die Regeln des Fruchtwechsels würde 
sich dagegen auf ärmeren Boden strenge bestrafen. 



Bemerkiiugeu und Erkläniugeu. 

Was den Verfasser zu der Vergleichung zwischen der 
belgischen und der mecklenburgischen Wirtschaft bewog, 
war das genauere Studium von Schwerz herrlichem AVerke 
über die belgische Landwirtschaft. Er fand in diesem Werke 
eine solche Menge schätzbarer Data, er fand die Angaben 
mit solcher Vorsicht und Umsicht gewählt und in demselben 
einen solchen inneren Zusammenhang, daß er glaubte, durch 
die Zusammenstellung und Vergleichung derselben mit seinen 
eigenen Erfahrungen, eine für ihn selbst höchst lehrreiche 
Arbeit zu unternehmen — und diese Erwartung hat ihn 
nicht getäuscht. 

Als der Verfasser diese Vergleichung unternahm, war 152 
es nicht seine Absicht, sie dieser Schrift, welche zum 
größeren Teil bereits 6 Jahre vor dem Erscheinen im Druck 
zum erstenmal niedergeschrieben wurde, einzuverleiben ; aber 



— 158 — 

nach Vollendung derselben fand er in den Resultaten einen 
so nahen Zusammenhang mit den in dieser Schrift bereits 
entwickelten Sätzen, daß er glaubte, die Resultate selbst 
dem Publikum hier mitteilen zu dürfen — obgleich er die 
Mangelhaftigkeit dieser Yergleichung , für welche die Ein- 
heit des Standpunktes fehlt, sehr wohl erkennt und deshalb 
diese Arbeit nur für einen Versuch ausgeben kann und will. 

Wo die Berechnungen auf Punkte kamen, die in dem 
Schwerzschen Werke nicht angeführt sind, da mußte die 
Lücke durch die für T. gefundenen Verhältnisse ergänzt 
werden — dies war zum Teil bei der Bestimmung der 
Erntekosten, besonders aber bei der Bestimmung der all- 
gemeinen Kulturkosten unvermeidlich. 

Wo zur Fortführung der Berechnung Annahmen über 
die Aussaugung der Wurzelgewächse und des Grünfutters, 
sowie über Quantität und Wert des Ersatzes, den sie liefern, 
nicht zu vermeiden waren, da hat der Verfasser die Sätze 
angenommen, welche nach seiner Erfahrung und nach der 
Summe seiner Beobachtungen ihm als die richtigsten er- 
scheinen; aber er ist weit entfernt, diese Sätze schon füi' 
entschieden zu halten, er sieht vielmehr der Zeit, wo seine 
Ansicht durch entscheidende Versuche und durch Erfahrungen 
im großen berichtigt werden wird, mit Verlangen entgegen. 

Die große Abweichung, welche in den von Schwerz 
angeführten Marktpreisen der Viehkartoffeln, des Klees, des 
Strohes und anderer zum Viehfutter bestimmten Gewächse 
von dem Futterwert, den ich diesen Gewächsen anrechne, 
stattfindet, macht hier eine Erklärung notwendig. 
153 In den Marktpreisen dieser Gewächse sind enthalten: 

a) der Futterwert, 

b) der Dungwert, 

c) die Transportkosten dieser Gewächse, von dem Orte 
ihrer Erzeugung bis zum Marktplatz. 

Eine sorgfältige Prüfung und vergleichende Berechnung 



— 159 — 

hat mich überzeugt, daß auch ia Belgien der Reinertrag vom 
Yieh, und also auch der Futterwert der vom Vieh verzehrten 
Gewächse nicht bedeutend ist, und daß der größere Teil 
des hohen Marktpreises, den diese Gewächse in Belgien 
haben, aus dem hohen Wert, den der Dung in diesem Lande 
hat, entspringt. 

Meine Berechnungen ergeben für 100000 DR. Acker in 
der belgischen Wirtschaft einen Pachtpreis von 3797,2 Tlr. N-/o. 

Die wdrkliche Pacht des Ackers, für den diese Berech- 
nung entworfen ist, beträgt nach Herrn Diercxsens Angabe 
im 2ten Teil S. 398 des Schwerzschen Werkes 54 Florins 
pr. Bunder, welches im 100000 DR. Acker — 3706 Tlr. N^/s 
ausmacht. 

Zwischen meiner Berechnung und der wirklich bezahlten 
Pacht findet also eine Differenz von 91,2 Tlr., oder von circa 
212% statt. 

Die Kornpreise sind in meiner Berechnung so ange- 
nommen, wie Herr Diercxsen sie in seinen Notizen angibt, 
wonach der Berliner Schfl. Roggen auf 1 Tlr. 12 ßl. N-Zs 
kommt. Bei der Vergleichung der belgischen mit der meck- 
lenburgischen AVirtschaft mußten notwendig für beide Wirt- 
schaftsarten dieselben Getreidepreise zu Grunde gelegt 
werden, und es ist hier deshalb der mecklenburgischen 
Wirtschaf-t der Schfl. Roggen ebenfalls zu 1 Tlr. 12 ßl. N'^/s 
angerechnet. Dieser Preis stimmt zwar beinahe, aber doch 
nicht völlig genau mit dem Preise überein , der in dem 154 
übrigen Teil dieser Schiift angenommen ist. Aus diesem 
Grunde, und auch weil in der Verteilung der allgemeinen 
Kulturkosten und in einigen Ausätzen der Statik, kleine 
Änderungen getroffen sind, kann nun die hier für die K. W. 
gefundene Landrente nicht völlig mit der früher für diese 
Wirtschaft berechneten Landrente übereinstimmen. 

Es kann ferner die Berechnung über die belgische Wirt- 
schaft, weil sie nicht von einem und demselben Standpunkt 



— 160 — 

mit unseren früheren Untersuchungen ausgegangen ist, nicht 
dazu dienen, den Platz, den die belgische Wirtschaft in 
unserem isolierten Staat einnehmen könnte, nachzuweisen. 
Die hier gelieferte Yergleichung muß deshalb als eine ein- 
geschobene, fiir sich bestehende Abhandlung betrachtet werden. 



§ 18. 

Anführung einiger anderer Rücksichten bei der 
Wahl eines Wirtschaftssystems. 

In dem Vorgehenden haben wir untersucht, wie die 
beiden Potenzen : Getreidepreis und Eeichtum des Bodens, 
das zu wählende Wirtschaftssystem bestimmen. Diese Po- 
tenzen sind zwar die wichtigsten aber keineswegs die ein- 
zigen, die auf die Wahl eines Wirtschaftssystems einwirken. 
Um den Einfluß der genannten beiden Potenzen zu er- 
forschen, mußten wir sie aus dem Konflilit, worin sie in der 
Wirklichkeit mit den übrigen Potenzen stehen, herausreißen, 
sie gleichsam freimachen, damit das, was jede — unter ge- 
gebenen Umständen — für sich allein vermöge, sichtbar 
werde. Wir haben zu diesem Zweck alle übrigen Potenzen 
als gleichbleibende, beständige Größen angenommen, und 
nun waren diese beiden Potenzen als die einzigen ver- 
änderlichen, auch die einzigen, die bei unserer Untersuchung 
in Betracht kamen. 
155 Unter anderen Verhältnissen oder bei anderen Gesichts- 
punkten kann aber eine, oder können melu-ere der von uns 
als beständige Größen betrachteten Potenzen als veränder- 
liche erßcheinen oder gedacht werden ; und dann wird der 
Einfluß, den das Wachsen oder Abneluuen dieser Größen 
auf das Wirtschaftssystem ausübt, zum Gegenstand einer 
neuen Forschung. 



— 161 — 

Die aus solchen veränderten Suppositionen hervorgehen- 
den neuen Untersuchungen gehören zwar nicht wesentlicli 
zum Zweck dieser Schrift; aber ich glaube doch, um Miß- 
verständnissen möglichst vorzubeugen, einige der wichtigsten 
Rücksichten dieser Art anführen zu müssen. 

A. Wirtschaften mit wachsendem Reichtum des Bodens. 

Man pflegt bei der Vergleichuug zweier Wirtschafts- 
systeme es als einen Vorzug des einen oder des anderen 
anzuführen, daß durch dasselbe der Acker von Umlauf zu 
Umlauf an Reichtum und Ertrag zunehme. 

Nun ist es aber kein wesentliches Attribut des einen 
oder anderen Wirtschaftssystems, daß es den Boden be- 
reichere oder erschöpfe. Man kann den Acker ebensowohl 
durch Koppel- und Fruchtwechselwirtschaft, als durch Drei- 
felderwirtschaft aussaugen. Eine 6 schlägige F. W. W. mit 
4 Kornsaaten ist so wie die 7 schlägige K. W. mit 4 Halm- 
früchten eine aussaugende Wirtschaft; dagegen sind die 
7 schlägige F. W. W. mit 3 und die 6 schlägige K. W. mit 
2 Kornsaaten bereichernde Wirtschaften. Nicht in der Frucht- 
folge, nicht in dem Wirtschaftss3"stem liegt es, ob eine 
Wirtschaft eine bereichernde oder erschöpfende sei; sondern 
lediglich in dem Verhältnis zwischen den dungerzeugenden 
und den erschöpfenden Früchten — für welches Verhältnis 
ich , der Kürze wegen , mich künftig des Wortes „Saaten- 
verhältnis" bedienen werde. 

Stellt man zwei Güter mit zwei verschiedenen Wirt- 156 
Schaftssystemen gegeneinander und nimmt für das eine ein 
bereicherndes, für das andere ein erschöpfendes Saaten- 
verhältnis an, und will man nun aus dem endlichen Erfolge 
— gleichviel ob dieser aus einer richtigen Berechnung, oder 
aus der wirklichen Erfahrung hervorgehe — dartun, welches 
Wirtschaft ssj^stem den Vorzug verdiene: so beantwortet diese 
Untersuchung nur die Frage, ob der durch die schonende 
T hü nen, Der isolierte Staat. 11 



— 162 — 

Wirtschaft bereicherte Boden am Ende einen höheren "Wert 
habe, als der in seinem vorigen Zustand gebliebene ärmere 
Boden — eine Frage, über deren Beantwortung an sich gar 
kein Zweifel stattfinden kann. 

Bei einer solchen Gegeneinanderstellung muß stets das- 
jenige Wirtschaftssystem, dem man das am meisten be- 
reichernde Saatenverhältnis zuteilt den Sieg davontragen. 

Soll die A^ergleichung zweier Wirtschaftssysteme nicht 
zur Begriffsverwirrung, sondern zur klaren Einsicht führen, 
so müssen folgende Gesichtspunkte scharf geschieden werden : 

1. Wenn der Zweck der Wirtschaft ist, den Boden in 
Hinsicht seines Reichturas in einem beharrenden Zu- 
stand zu erhalten , welches Wirtschaftssj^stem liefert 
dann den höchsten Geldertrag? 

2. unter welchen Verhältnissen ist es vorteilhaft, den 
Reichtum des Bodens auf Kosten des Geldertrages zu 
erhöhen , und bis zu welchem Grade kann der Reich- 
tum des Bodens mit Vorteil vermehrt werden? 

3. Wenn der Zweck der Wirtschaft nicht auf den höchsten 
Geldertrag, sondern auf die Bereicherung des Bodens 
gerichtet ist, durch welches Wirtschaftssystem wird 
dann die Vermehrung des Reichtums mit den min- 
desten Kosten en-eicht? 

157 Die Lösung der ersten, aber nicht die der zweiten imd 
dritten Aufgabe ist Gegenstand dieser Schrift; wir haben 
zwar Acker von verschiedenen Stufen des Reichtums neben- 
einander gestellt und miteinander verglichen , aber immer 
liaben wir den Acker als im beharrenden Zustande befindlich 
betrachtet und betrachten müssen. Die zweite und dritte 
Aufgabe, fast noch wichtiger als die erste, erwarten ihre 
Lösung vielmehr von den dereinstigen Fortschritten der 
Statik des Laqdbaues, 



— Iü8 — 

B. Verhältnis des Henertrages aus den Wiesen zur 
Grösse des Ackerlandes. 

Wemi mit einem Gute, welches in Koppel- oder Drei- 
felderwirtschaft liegt, keine Wiesen verbunden sind, und das 
Xutzvieh im Winter mit bloßem Stroh unterhalten wird: 
so magert das Vieh im Winter soweit ab, daß es den größten 
Teil des auf der Weide verzehrten Grases zu seiner Er- 
holung und Herstellung der Beleibtheit anwenden muß und 
nur einen geringen Teil desselben auf die Erzeugung von 
Milch oder Wolle verwenden kann. Unter diesen Umständen 
ist aber der Rohertrag des Viehes so gering, daß dadurch 
die Kosten der A^iehhaltung kaum gedeckt werden, daß folg- 
lich nicht bloß das verfutterte Stroh, sondern auch die Weide 
selbst gar keine Nutzung abwirft. 

In einem solchen Verhältnis wird es notwendig, dem 
Vieh im Winter durch Körnerfutter zu Hilfe zu kommen — 
sei es nun, daß man das Korn rein gibt, oder daß man das 
Stroh nicht rein ausdreschen läßt — um dasselbe in einem 
solchen Zustand zu erhalten, daß wenigstens die Nutzung 
der Weide nicht ganz verloren gehe. 

Das Zugvieh muß, wie es jedem einleuchtet, immer in 
dem Stande erhalten werden, daß es die geforderte Arbeit 158 
vollbringen kann. Fehlt das Heu, so muß dies augenschein- 
lich durch Körnerfütterung ersetzt werden. 

Vergleichen wir aber die Produktionskosten des Klee- 
heues und der Kartoffeln mit denen des Getreides, so finden 
wir, daß dieses ein weit teureres Futter ist, als Kleeheu 
und Kartoffeln. 

Bei den Berechnungen über die belgische Wirtschaft 
fanden wir, daß die Hervorbringung 
von 1 Schfl. Hafer an Arbeitskosten erforderte 13,i ßl. 

1 „ Kartoffeln 3,3 ßl. 

1 Ztr. Kleeheu 4,s ßl. 

U* 



— 164 — 

Nach anderen Beobachtungen und Berechnungen — die 
hier aber nicht mitgeteilt werden können — nehme ich ferner 
an, daß ein Schü. Hafer inklusive des mit demselben ge- 
ernteten Strohes für das Nutzvieh und zum Teil auch für 
das Zugvieh — bei -welchem aber nicht das ganze Quantum 
der Körner durch Heu ersetzt werden kann — einen gleichen 
Futterwert habe mit 117 //. Ivleeheu, oder mit 2^/3 Schfl. 
Kartoffeln. 

Die Hervorbringung 

von 117 //. Heu kostet an Arbeit :r^ X -4,3 = 5^ 3 ßl., 

von 21/3 Schfl. Kartoffeln 2^1-3 X 3,3 = 7,7 ßl., 

von 1 Schfl. Hafer 13,i ßl. 

Die Kosten der Haferfütteruug verhalten sich hiernach 
zu denen der Kartoffelfütteruug wie 100 : 58, und 
zu denen der Kleeheufütterung wie 100 : 40. 

Oder, wenn man bisher für 100 Tlr. Hafer mit dem 
Nutzvieh verfütterte, so erspart man durch die Substitution 
der Kartoffeln 42 Tlr., und durch die des Kleeheues 60 Tlr. 

Es folgt hieraus, daß mau in solchen Dreifelder- und 
Koppelwirtschaften , wo das Heu entweder ganz fehlt , oder 
159 doch nicht in hinreichender Menge vorhanden ist, seine Zu- 
flucht nicht zur Körnerfütterung, sondern zum Anbau der 
Futtergewächse nehmen muß. Da nun diese Futtergewächse 
in keinem anderen Wirtschaftssystem so wohlfeil erzeugt 
werden können, als in der Fruchtwechselwirtschaft ; so folgt 
hieraus ferner, daß diese Güter einen solchen Teil ihrer 
Ackerfläche, der hinreichend ist, das nötige Winterfutter an 
Heu, Kartoffeln usw. zu liefern, in F. W. W. legen müssen, 
wenn auch der Getreidepreis nicht die Höhe und der Acker 
niclit den Grad von Fruchtbarkeit erlangt hat, wo diese 
"Wirtschaftsart für die ganze Ackerfläche zweckmäßig wäre. 

Aber nur auf reichem Boden wird die Produktion der 
Futtergewächse wohlfeil : auf armem Boden versagt der Klee 



— 165 — 

ganz, und die Kartoffeln geben einen so geringen Ertrag, 
daß ihre Produktion leicht das Doppelte von dem kostet, 
was wir hier dafür berechnet haben. 

Wir werden dadurch zu einer neuen interessanten Frage 
geführt. 

Wird nämlich bei mangelnden Wiesen auf Acker von 
mittlerem oder geringem Reichtum es zweckmäßig sein, einen 
Teil des Ackers in hohe Dungkraft zu setzen und F. W. W. 
darauf einzuführen, wenn die Bereicherung dieses Teiles der 
Ackerfläche uur auf Kosten des anderen größeren Teiles 
geschehen kann? 

Ich wage hierüber kein bestimmtes Urteil zu fällen 
aber ich glaube, daß die genauere Untersuchung diese Frage 
bejahend beantworten würde. 

Je ärmer indessen der Acker im ganzen, je schlechter 
die physische Beschaffenheit des Bodens ist, um desto größer 
sind die Schwierigkeiten beim Anbau der Futtergewächse — 
und es erklärt sich hieraus, warum in Gegenden, wo solcher 
Boden vorherrscht, die Wiesen einen so hohen Wert haben, 
daß ihr Besitz fast die Bedingung ist, unter welcher man 160 
nur Ackerbau treiben kann. 

Für unseren isolierten Staat haben wir angenommen, 
daß mit dem Acker eine solche Wiesenfläche verbunden ist, 
die das für die K. W. und für die D. W. nötige Heu liefert, 
und daß der aus dem Wiesenheu erfolgende Dung nicht der 
ganzen Ackerfläche, sondern nur eineui in einer besonderen 
Rotation liegenden Teil des Ackers zugute komme. Wir 
haben diesen Teil dann nicht weiter beachtet, sondern unsere 
Untersuchung allein auf die größere Abteilung der Acker- 
fläche — die sich in und durch sich selbst erhalten muß, 
und der das nötige Wiesenheu, gegen Bezahlung des Futter- 
wertes und gegen Zurückgabe des daraus erfolgenden Dimges 
geliefert wird — gerichtet. 

Wir hätten ebensogut annehmen können — und viel- 



— 166 — 

leicht wäre die Sache dadurch noch klarer geworden — daß 
gar keine Wiesen vorhanden wären, daß die Ackerfläche 
jedes Gutes in zwei Abteilungen läge, wovon die kleinere 
der Gewinnung des nötigen Winterfutlers gewidmet, durch 
F. W. W. genutzt würde, während die größere Abteilung in 
der Bewirtschaftungsart den Gesetzen folgte, die aus der Ände- 
rung der Getreidepreise und des Bodenreichtums hervorgehen. 

C. Stallfütterung. 

Die Erfahrung lehrt, daß eine reichlich und mit kräf- 
tigem Futter genährte Kuh das verzehrte Futter weit höher 
bezahlt, als eine kärglich unterhaltene Kuh. 

Bei der Stallfütterung erhalten die Kühe in der Regel 
nicht bloß eine reichliche Sommerfütterung, sondern auch 
eine kräftige Winterfütterung. 

Stellt man nun den Ertrag einer im Sommer und Winter 
gleichmäßig reichlich gefütterten Kuh neben den Ertrag einer 
161 Weidekuh, die im Sommer gut, im Winter aber kärglich ge- 
nährt wird: so zeigt sich nicht bloß im Rohertrag, sondern 
auch im Reinertrag ein sehr großer Unterschied zugunsten 
der Stallfütterung. 

Nun ist aber die kärgliche Winterfütterung keineswegs 
notwendig mit der Weidewirtschaft verbunden; es ist viel- 
mehr gar kein Grund vorhanden , warum diese nicht eben 
so reichlich gegeben werden könnte, als bei der Stall fütterung. 

Bei der Vergleichung der Stallfütterung mit der Weide- 
wirtschaft müssen deshalb folgende zwei Gesichtspunkte 
genau unterschieden werden. 

1. Welchen Anteil an dem hölieren Ertrag der Stallkuh 
hat die stärkere und gleichmäßigere Fütterung während 
des ganzen Jahres V 

2. Wenn die Wcidckuh ebenso reiclilich imd gleichmäßig 
ernährt wird als die Stallkuh, welche Vorzüge bleiben 
dann nocii der Stallfütterung ? 



— 167 — 

Die gleichmäßig reichliche Unterhaltung des Yiehes 
während des ganzen Jahres ist von der größten Wichtigkeit. 
Bei der Somraerslallfütterung ist diese Gleichmäßigkeit, 
wenn nur Grünfutter in hinreichender Menge vorhanden ist, 
leicht zu erreichen. Bei der Weidewirtschaft ist dies aber 
mit größeren Schwierigkeiten verbunden : denn in den 
Monaten Mai und Juni ist der Wachstum des Grases so 
lebhaft, daß das Vieh nicht alles verzehren kann, sondern 
einen Teil desselben in Halme schießen läßt, während in 
den Monaten Juli und August der Graswuchs nachläßt, und 
das Vieh dann in der Regel Mangel leidet, wenn es auf die 
Dreeschweiden allein angewiesen ist. 

Um diesem Übel abzuhelfen, müßte man in den Monaten 
Juli und August von Zeit zu Zeit frische Weide auf einmal 
gemähten Wiesen und auf der Kleesloppel einräumen können; 
oder man müßte zur Aushilfe einiges Grünfutter nach der 162 
Weide fahren. 

Kann auf diese Weise die Gleichmäßigkeit in der Er- 
nährung des Viehes gesichert werden, und erhalten die 
Weidekühe dasselbe Winterfutter, was die Stallkühe be- 
kommen ; so ist w^eiter kein Grund abzusehen , warum die 
Weidekühe von einer gleiclien Quantität Futter nicht auch 
ebenso viel Milch und Butter produzieren sollten, als die 
Stallkühe. 

Ich habe deshalb auch im § 16, wo von der Stall- 
fütterung die Rede ist, keine höhere Nutzung des Futters 
durch Stallkühe als durch Weidekühe angenommen, sondern 
der Stallfütterung nur die wesentlichen, von ihr unzertrenn- 
lichen Vorzüge und Nachteile zugute und zur Last geschrieben. 

Die Grundbedingung, unter der die Stallfüttei'ung über- 
haupt nur möglich ist , ist die , daß der Boden reich genug 
sei, um Mäheklee statt des Weideklees und der Gräser tragen 
zu können. 

Ist diese Grundbedingung erfüllt, so besteht der wesent- 



— IfiR — 

liehe Yorteil der Stallfütterung darin, daß der Klee gemäht, 
statt abgeweidet wird , wodurch ein beträchtlich größeres, 
fast doppeltes Quantum an Futter, und eine größere Dung- 
erzeugung, d. i. ein größerer Überschuß des Ersatzes über 
die Aussaugung, von derselben Fläche und demselben Reich- 
tum des Bodens gewonnen wird. 

Ob der ini Stall gewonnene Mist einen höheren oder 
geringeren Wert hat, als der auf die Weide gefallene, zu 
welchem sich auch eine beträchtliche Menge pflanzennähren- 
der Gase beim Aushauchen des Viehes gesellt, ist mir lange 
zweifelhaft geblieben. Eine längere Erfahrung hat mich nun 
aber überzeugt, daß selbst dann, wenn die Grasproduktion 
163 sich gleich bliebe, die Bereicherung des Bodens durch die 
zweijährige Weide nicht das Doppelte , noch weniger aber 
durch die dreijährige Weide das Dreifache dessen beträgt, 
was die einjährige Weide dem Boden an Reichtum erteilt, 
und daß von dem auf die Weide gefallenen Dung ein um 
so größerer Teil veiflüchtigt wird, je länger er der Luft aus- 
gesetzt bleibt, d. i. je später der Umbruch des Dreesches erfolgt. 

Andererseits sind aber mit der Stallfütferung wesentlich 
und unzertrennlich Arbeiten und Kosten verbunden, die bei der 
Weidewirtschaft nicht stattfinden, als Einholen des Grünfutters, 
Abfahren des im Sommer im Stall gemachten Dungs u. m. a. 

Ob nun Stallfütterung oder Weidewirtschaft vorteilhafter 
sei, hängt ganz davon ab, ob der Wert des durch die Stall- 
fütterung mehr gewonnenen Futtei'S und Dungs größer oder 
geringer sei als der Betrag der Kosten, die durch die Stall- 
fütterung verursacht werden. 

Dies ist aber wieder abhängig von dem größeren oder 
geringeren Preis, den das Futter und der Dung haben, und 
so sehen wir auch hier, daß der Preis der landwirtschaft- 
lichen Produkte neben dem Reichtum des Bodens am Ende 
darüber entscheidet, ob, wann und wo die Stallfütterung den 
Vorzug vor der Weidewirtschaft hat. 



— 169 - 

D. Modifikationen der verschiedenen Wirtschafts- 
systeme. 

Unsere Untersuchungen haben ergeben, daß sowohl durch 
den Übergang von niedrigen zu hohen Getreidepreisen , als 
auch durch die stufenweise Erhöhung des Reichtums im 
Boden, drei verschiedene Wirtschaftssysteme, nämlich Drei- 
felder-, Koppel- und Fruchtwechselwirtschaft notwendig 
werden. 

Die charakteristischen Merkmale dieser Wirtschafts- 164 
Systeme in der Beziehung, worin wir sie hier betrachten, sind : 

a) Für die Dreifelderwirtschaft, 

1. ein Teil des Feldes liegt beständig zur Weide, 

2. der dritte Teil des Ackers ist jährlich reine Brache, 

3. aller Dung wird nach der reinen Brache gebracht. 

b) Für die Koppelwirtschaft, 

1. die gesamte Ackerfläche wird wechselweise zum Ge- 
treidebau und zur Weide benutzt, 

2. in jedem Umlauf kommt eine reine Dreesch- 
brache vor, 

3. aller Dung wird nach der Brache gebracht, 

4. die Kornsaaten und reifwerdenden Schotengewächse 
werden ohne Unterbrechung durch Klee oder grün ge- 
mähte Wicken nacheinander genommen, und die Weide 
kommt nach den Kornsaaten in Schläge, die den ge- 
ringsten Reichtum enthalten. 

c) Für die Fruchtwechselwirtschaft, 

1. aller Acker trägt Früchte, und es findet keine reine 
Brache statt, 

2. die Düngung wird zu Futtergewächsen verwandt, und 
diese kommen in diejenigen Schläge, die den höchsten 
Reichtum enthalten, 

3. Kornsaaten und Futtergewächse w^echseln miteinander ab. 



— 170 — 

Diese Wirtschaftssysteme sind aber selir vieler Modi- 
fikationen fähig, indem eine der charakteristischen Eigen- 
schaften des einen Systems aufgeopfert und dafür eine Eigen- 
schaft des anderen Systems aufgenommen werden kann. Es 
entstehen dadurch gemischte Wirtschaften, die in der Mitte 
zwischen den reinen Formen stehen und den Übergang von 
der einen zur anderen Form bilden. 
165 Da die gemischten Wirtschaften in unzähligen Ab- 
stufungen sich bald mehr, bald minder dem Charakter der 
reinen Wirtscliaftssysteme nähern können, so ist es unmög- 
lich sie alle aufzuführen, viel weniger noch mfiglich sie alle 
in der Theorie zu berücksichtigen. Es wird hier genügend 
sein, in die Stufenleiter der reinen Formen einige der Haupt- 
modifikationen, die sie erleiden können, mit aufzunehmen. 

1. Reine Dreifelderwirtschaft. 

2. Dreifelderwirtschaft, die ihre Weide von Zeit zu Zeit, 
etwa alle 9 Jahre, einmal aufbricht, ohne Düngung 
ein paar Kornsaaten davon nimmt und dann wieder 
zur Weide niederlegt. 

Diese Wirtschaft verwendet die Kosten der Dreesch- 
bearbeitung — die durch die Kornernten vielleicht nicht be- 
zahlt werden — um durch das geerntete Stroh einen Dnng- 
zuschuß für das eigentliche Ackerland zu erhalten, und um 
die Weide zu verjüngen. 

3. Koppelwirtschaften , die in einer Rotation neben der 
Dreeschbrache uocli eine Mürbebrache haben und dann 
das Land länger als drei Jahre zur Weide liegen lassen. 
Eine solche Wirtschaft ist die 12 schlägige K. W. mit 
folgender Fruchtfolge: 1. Dreeschbrache, 2. Winterkorn, 
3. Sommerkorn , 4. Mürbebrache , 5. Winterkorn , C. 
Soramerkorn, 7. Sommerkorn, 8. bis 12. Weide. Diese 
Wirtschaft trägt noch die Spuren des Überganges aus 
der D. W. an sich, indem sie die Mürbebrache bei- 
behält und das Land viele Jahre hintereinander zur 



— 171 — 

^\^eide liegen läßt. Sie vermindert die Kosten der 
Dreeschbearbeitung, indem sie diese auf den 12 ten Teil 
des Feldes beschränkt und trägt dafür den Nachteil, 
daß ihre 4- und 5 jährige Weide wenig Gras und Dung 
erzeugt. 

4. Eeine Koppelwirtschaft, die keine Mürbebrache, sondern 166 
nur Dreeschbrache hält. 

5. Koppelwirtschaft, die neben der Brache noch einen 
Teil des Nachschlags oder des Vorschlags düngt. Diese 
Wirtschaft bleibt in der äußeren Gestalt der reinen 
Koppelwirtschaft völlig ähnlich ; aber sie hat schon die 
wesentliche Eigenschaft, daß die Weide nicht mehr in 
mageren, sondern — wenigstens zum Teil — in reichen 
Acker kommt, mit der F. W. W. gemein, und ist des- 
halb als ein t^bergang zu derselben zu betrachten. 

6. Reine Fruchtwechselwirtschaft. 

Die angeführten Modifikationen ergeben sich schon dann, 
wenn auch die gesamte Ackerfläche vom Hofe bis zur Scheide 
in gleichmäßiger Dungkraft ist. Wenn aber der entfernte 
Acker, \vie dies in der Wirklichkeit gewöhnlich der Fall, 
magerer ist als der übrige Teil des Ackers: so werden da- 
durch neue Modifikationen begründet. 

Die größereu Kosten, die der Anbau des entfernten 
Ackers verursacht, bringen allein schon die Tendenz hervor, 
den entlegenen Acker in der Bewirtschaftungsart von dem 
übrigen Acker zu trennen. Vereinigt sich hiermit nun noch 
Ungleichheit des Reichtums, so ist diese Trennung entschieden 
zweckmäßig. Bei der Koppelwirtschaft entsteht dadurch ein 
vSogenanntes Binnenfeld und ein Außenfeld. Beide unter- 
scheiden sich dann in der Be Wirtschaft ungsart dadurch, daß 
in dem Binnenfelde das Verhältnis zwischen den korntragen- 
den Schlägen und den Weideschlägen größer, in dem Außen- 
felde aber geringer ist, als dies sein würde, wenn die ganze 
Fläche in einer Rotation läge ; daß also ersteres im größeren 



- 172 — 

Verhältnis dem Kornbau, letzteres im überwiegenden Ver- 
hältnis der Weide gewidmet ist. 
167 Wir haben im § 14 gesehen, daß in imserem isolierten 
Staat die D. AV, schon bei dem Preise von 0,470 Tlr. für 
den Schfl. Roggen betrieben werden kann, und daß erst 
bei einem Preise, der höher als 0,g65 Tlr. für den Schfl. ist, 
die K. W. einen größei^en Reinertrag gibt als die D. W. 
Gäbe es nun keine anderen als die reinen Wirtschaftsformen, 
so würde der Acker bei den Preisen, die zwischen 0,i7o Tlr. 
und 0,t;ft') Tlr. liegen, nur durch D. W. genutzt werden 
können, während hier doch schon eine stärkere Dung- 
erzeugung, als die reine D. W. liefert, vorteilhaft wird, wenn 
diese nur mit minderen Kosten als bei der reinen K. W. 
bewirkt werden kann — welches beides durch die gemischten 
Wirtschaften geschieht. 

Wir haben ferner im § IG gesehen, daß in der reinen 
Koppelwirtschaft nur ein mittlerer Reichtum von 373" in 
1000 CRut. genutzt werden kann, während die F. W. W. 
einen mittleren Reichtum von .jIO'' nützlich verwendet. Sollte 
nun beim steigenden Reichtum die K. W. plötzlich und auf 
einmal zur F. W. W. übergehen: so würde hier eine Wirt- 
schaft eingeführt w-erden, für die der Boden noch nicht reich 
genug ist, und durch die deshalb der reine Geldertrag ver- 
mindert würde. Die K. W. mit gedüngtem Nachschlag 
kann einen höheren mittleren Reichtum als 373" sehr gut 
nutzen , ohne in ihrer Organisation kostbarer zu werden, 
als die reine K. W. — und sie wird dadurch zu einer 
nützlichen Stufenleiter zwischen der reinen K. W. und der 
F. W. W. 

Denken wir uns nun statt des beharrenden Zustandes 
ein leises und allmähliches aber dauerndes Steigen des 
Getreidepreises und des Bodenreichtums — wie dies auch 
iQ der Wh-klichkcit in der Regel der Fall ist — so würden 
wir in einer einzelnen Wirtschaft im Laufe der Zeit alle 



— 173 — 

Formen erblicken , die wir hier als vereinzelt und neben- 168 
einander stehend betrachtet haben. 

Sind nämlich die beiden Potenzen — Getreidepreis imd 
Bodenreichtum — soweit gestiegen, daß eine etwas mehr Kosten 
erfordernde Wirtschaft als die D. "W. sich bezahlen würde, 
aber noch nicht hoch genug, um die reine K. W. vorteilhaft 
zu machen, so wird eine gemischte, aus beiden Formen zu- 
sammengesetzte Wirtschaft eingeführt werden. Da nun diese 
gemischte Wirtschaft sich in unzähligen Modifikationen bald 
mehr der einen, bald mehr der anderen Form anschließen 
kann: so wird auch für jede Stufe des Getreidepreises und 
des Bodenreichtums eine dieser Stufe genau entsprechende 
Wirtschaftsform gefunden werden können. Es wird — die 
Konsequenz der Bewirtschaftung voi'ausgesetzt — das leise 
Steigen beider Potenzen stets von einer leisen Veränderung 
in der Wirtschaftsform begleitet sein, bis diese endlich zur 
reinen K. W. übergeht. 

Aber auch hier wird, wenn die beiden genannten 
Potenzen fortwährend wachsen , nur ein augenblickliches 
Verweilen, kein Ruhen und Beharren stattfinden. 

Die Wirtschaft zu der Dungkraft gelangt, daß die Brache 
keine stärkere Düngung erträgt, wird bei noch mehr steigen- 
dem Reichtum den entbehrlichen Dung zur Bedüngung des 
Nachschlags, d. i. des dritten Kornsclilages, in welchen der 
Klee gesät wird, verwenden. Der Klee, w'elcher sonst in 
den magersten Acker kam, erhält nun einen reichen Boden, 
welcher nach vollendeten Weidejahren in der Brache ent- 
weder gar nicht oder doch nur schwach gedüngt werden 
darf. Dadurch wird dann der Teil des Nachschlages, der 
gedüngt werden kann, in einem von Umlauf zu Umlauf 
verstärkten Maße vergrößert, bis auch diese Verwendung 
des Dunges ihr Ziel erreicht hat. Die fernere Steigerung 
des Reichtums führt dann die Abschaffung der Brache 
herbei , und mit derselben verschwindet zugleich die 16y 



— 174 — 

Koppelwirtschaft, und die Fruchtwechselwirtschaft tritt an 
ihre Stelle. 



In den gebirgigen Gegenden dienen nur die Täler zum 
Ackerbau und die Berge werden bloß zur Weidp genutzt. 
Hier ist, wenn die Berge die Beackerung durchaus nicht ge- 
statten, eine Verbreitung der Koppelwirtschaft über die 
ganze Feldmark unmöglich. Es kann also bei steigenden 
Getreidepreisen und steigendem Eeichtum des Bodens der 
Übergang von der D. W. zur F. W. \V. nicht, wie auf ebenem 
Boden, vermittels der K. W. geschehen. 

Wenn nun die Ebene im Verhältnis zu den Gebirgs- 
weiden und den Wiesen so klein ist, daß der Reichtum des 
Ackers, trotz der aussaugenden D. W. anwächst, so entstellt 
die Frage: wie und bei welchem Grade des Reichtums 
diese Wirtschaft zur F. W. W. übergehen muß. 

Meine Berechnungen erstrecken sich nicht auf diesen 
besonderen Fall, und ich kann deshalb theoretisch hierüber 
nichts entscheiden. Die Praxis hat diese Frage aber schon 
längst dahin gelöst, daß unter solchen Verhältnissen ein 
Teil der Brache, oder auch die ganze Brache mit Kartoffeln, 
Klee, Erbsen, Flachs usw. bestellt wird. Eine bestellte 
Brache hört aber auf Brache zu sein, und die D. W. verliert 
unter diesen Umständen ihre wesentlichsten charakteristischen 
Merkmale. Sie kommt vielmehr in dem Hauptpunkt, der 
Abschaffung der Brache und der Nutzung des ganzen Acker- 
landes, mit der F. W. W. überein; entbehrt dagegen aber 
alle Vorteile, die aus einem richtigen Fruchtwechsel ent- 
springen. Es leidet daher wohl keinen Zweifel , daß unter 
solchen Umständen die F, W. W. vorteilliafter als die D. W. 
170 mit bestellter Brache sei; und in der Tat sind, seitdem durch 
unseren Lehrer der wissenschaftlichen Landwirtscliaft, durch 
Thaer, die Fruchtwechselwirtschaft unter uns bekannt und 
ein Gegenstand des Nachdenkens aller gebildeten Land- 



— 175 - 

wirte geworden ist, eine Menge solcher D. W. in dem ge- 
birgigen Teil von Schlesien, Mähren und Sachsen zur F. W. W. 
übergegangen. 



Wir haben bei unseren Untersuchungen zwai- Boden von 
verschiedenen Stufen des Reichtums, aber immer nur Boden 
von einer und derselben physischen Beschaffenheit vor Augen 
gehabt. In der AVirklichkeit finden wir dagegen fast auf 
jedem Gute Boden von verschiedener Qualität vor. Der 
Zweck dieser Schrift erlaubt es keineswegs, hierauf weiter 
einzugehen; aber einleuchtend muß es sein, wie kompliziert 
die Aufgabe der Wahl des Wirtschaftssystems wird, wenn 
Verschiedenheit im Reichtum des Ackers , Verschiedenheit 
in der Qualität des Bodens neben der ungleichen Entfernung 
des Ackers vom Hofe auf einem und demselben Gute zu- 
sammentreffen ; einleuchtend muß es sein, daß, wie vollendet 
auch einst die Theorie der Landwirtschaft dastehen möge, 
dennoch das Geschäft des Landwirts, wenn er nicht blinder 
Nachahmer sein, sondern sich der Gründe, wonach er handelt, 
stets bewußt sein will, niemals mechanisch werden kann, 
sondern immer ein ernstes und tiefes Studium seines Stand- 
punktes und der Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft 
erfordern wird. 



Nachdem die Untersuchungen bis zu diesem Punkt fort- 
gefüh]-t sind , können wir jetzt zu dem isolierten Staat, 
und zwar zur Bestimmung der sich um die Stadt bildenden 
Kreise zurückkehren. 



— 176 — 

§ 19. 
171 Zweiter Kreis. 

Forstwirtschaft. 

Die Ebene des isolierten Staats muß die Stadt niclit 
bloß mit Lebensmitteln versorgen, sondern auch den Bedarf 
derselben an Brennholz, Bauholz, Nutzholz, Kohlen usw. 
liefern. 

Es entsteht nun die Frage, in welcher Gegend des iso- 
lierten Staates die Erzeugung des Holzes stattfinden wird. 

Nehmen wir den Preis, den das Holz in der Stadt hat 
als gegeben, z. B. IG Taler für den Faden Buchenbrenn- 
holz von 224 Kubikfuß, und rechnen die Transportkosten 
eines Fadens pr. Meile zu 2 Tlr. , so ergäbe sich hieraus, 
daß aus einer größeren Entfernvmg als 8 Meilen gar kein 
Brennholz zur Stadt gebracht werden könnte, wenn auch die 
Produktion des Holzes nichts kostete und der Boden gar 
keine Landrente tragen sollte. 

Hieraus folgte dann , daß die entfernten Gegenden von 
der Produktion des Holzes zum Zweck des Verkaufs nach 
der Stadt ausgeschlossen wären, und daß die Holzerzeugung 
in der Nähe der Stadt geschehen müsse. 

Nehmen wir dagegen bloß den Preis des Getreides als 
bekannt an (zu 1^/2 Tlr. für den Schfl. Roggen) und fragen 
nun, wie hoch wird unter den gegebenen Verhältnissen der 
Preis des Holzes in der Stadt sein, so wird dadurch die 
Aufgabe sehr viel schwieriger. 

Holz und Getreide haben keinen gemeinschaftlichen 
Maßstab ihres Gebrauchswertes: eins kann nicht durch das 
andere ersetzt werden. 

„Warum, könnte jemand sagen, sollte der Faden Holz 
,,nicht 40 Tlr. gelten können, wenn auch der Schll. Roggen 



I 



— 177 — 

„nur 1^/2 Tlr. gilt. Ist dies aber möglich , so sind Eure 172 
„Schlüsse, daß das Holz in der Nähe der Stadt erzeugt 
„werden müsse, völlig ungültig; es kann vielmehr aus großer 
„Entfernung geliefert werden. Der Einwand, den Ihr macht, 
..daß ein solches Preisverhältnis nirgends stattfinde, kann 
,, nichts entscheiden : denn fast überall sind noch Reste der 
.,alten Urwälder vorhanden, und wo diese sich nicht mehr 
„finden, wird der Markt doch mehr oder minder von anderen 
„Gegenden mit Holz aus den Urwäldern versorgt. Die Er- 
„zeugung der Urwälder hat dem Menschen aber keine Arbeit, 
„Pflege und Kapitalanlage gekostet, und sie haben deshalb 
„an dem Orte, wo sie sich finden, kaum einen höheren 
„Tauschwert als das Wasser, so hoch auch der Gebrauchs- 
„wert sein mag. In dem isolierten Staat aber, wo immer 
„nur der endliche ■ — an das Zeitmaß nicht gebundene — 
„Erfolg Gegenstand der Untersuchung ist, müssen alle Ur- 
„wälder als längst verschwunden, und alle Waldungen als 
„durch menschliche Arbeit hervorgebracht, betrachtet werden. 
„Ihr müßt also einen inneren Zusammenhang zwischen Ge- 
,,treide- und Holzpreisen nachweisen, Avenn Eure Schlüsse 
„Gültigkeit haben sollen." 

Wir müssen die Konsequenz dieses Einwurfes einräumen 
und nun versuchen, ob wir der gemachten Forderung Genüge 
leisten können. 

Der Preis eines Faden Holzes in der Stadt sei also un- 
bekannt, oder gleich y Taler. 

Denken wir uns nun eine Buchen waldung von 100000 
GRut. in 100 Kaveln geteilt, wovon jährlich eine gehauen 
wird : so werden wir bei einer regelmäßigen Bewirtschaftung 
eine Kavel mit einjährigen, eine Kavel mit zweijährigen usw_ 
bis zu hundertjährigen Bäumen haben. 

Der Ertrag der gefällten Kavel sei ... 500 Faden. 173 
Die Zwischennutzungen , die dadurch entstehen, 
daß aus den Kaveln mit jüngerem Holz die zu 
Thünen, Der isolierte Staat. 12 



— 178 — 

dicht stehenden Bäume weggenommen werden, 

mögen ebenfalls betragen 500 Faden. 

Summe des Ertrages 1000 Faden. 

Die mit der Bewirtschaftung dieses Forstes verbundenen 
Kosten, als Administrations- oder Aufsiehtskosten, Besamung 
oder Bepflanzung der abgeholzten Kavel, Nachpflanzung der 
ausgegangenen Bäume usw. wollen wir nach Abzug der 
Nutzung, die die Mast und die Jagd liefern, zu 500 Tb. 
jährlich anschlagen. 

So wie wir beim Landbau nicht den ganzen Reinertrag 
eines Gutes, sondern nur den Teil desselben, der nach Abzug 
der Zinsen des in den Gebäuden und anderen Wertsgegen- 
ständen steckenden Kapitals übrig bleibt, als Landrente be- 
trachtet haben : so dürfen wir auch bei der Forstwirtschaft 
nicht den ganzen Ertrag, sondern nur den Teil, der nach 
Abzug der Zinsen des in dem Holzbestande steckenden Kapitals 
übrig bleibt, als Landrente oder als Ertrag des Grund und 
Bodens an und fiu- sich betrachten. 

Der Ackerbau kann nicht ohne die Anlegung eines in 
Gebäuden usw\ steckenden Kapitals betrieben werden ; die 
Betreibung der Forstwirtschaft setzt voraus, daß Bäume von 
einjährigem bis hundert- oder mehrjährigem Alter vorhan- 
den sind. 

Man könnte den ganzen Holzbestand aller 100 Kaveln 
— einen hinreichend großen Markt vorausgesetzt — auf ein- 
mal niederschlagen, verkaufen, und das daraus gelöste Geld 
auf Zinsen geben; und nur insofern als der jährliche Rein- 
ertrag aus dem Holze, den Betrag der auf diese Weise zu 
174 erlangenden Zinsen überstiege, könnte man den Grund und 
Boden selbst einen Wert beilegen. 

Gesetzt nun, der Holzbestand aller loO Kaveln sei im 
Wert = 15000 Faden ausgewachsenes Holz; so würden, 
beim Zinsfuß von 5^/o, die Zinsen des im Holzbestande 
steckenden Kapitals gleich dem Werte von 750 Faden Holz 



— 179 - 

sein. Werden diese von dem jährlichen Ertrag der Waldung 
= 1000 Faden abgezogen, so bleibt die Nutzung des Grund 
luid Bodens selbst = 250 Faden. 

Auf diese 250 Faden fallen nun alle mit der Forstwirt- 
schaft verbundenen Ausgaben : denn wenn jemand den ganzen 
Holzbestand niedergeschlagen und zu einem Geldkapital ge- 
macht hätte, so würden alle diese Ausgaben ihn nicht mehr 
treffen — und nur um den Mehrertrag von 250 Faden zu 
erhalten, werden die mit der Forstbewirtschaftimg verbun- 
deneu Kosten noch ferner verw^andt. 

Sind die jährlichen Ausgaben =: 500 Tlr., so betragen 
die Produktionskosten für einen Faden auf dem Stamme 
selbst — also ohne Fäll- und Schlaglohn — 2 Taler. 

In den Produktionskosten — in dem Sinne, wie ich 
diesen Ausdruck nehme — ist keine Landrente enthalten : 
denn nur aus dem Überschuß des wirklichen Preises über 
die Produktionskosten geht erst die Landrente hervor. 

Kostet nun das Fällen und Zerschlagen des Holzes einen 
halben Taler pr. Faden: so wird der Faden an Ort nnd 
Stelle selbst 2V-2 Taler kosten. 

Dieser Preis ist aber, so wie jeder andere in Geld aus- 
gediiickte Preis nur für einen Standpunkt gültig, und ändert 
sich mit der Änderung der Getreidepreise. Die Lösung un- 
serer Aufgabe fordert aber Ansätze, die für jeden Standpunkt 
in dem isolierten Staat gültig sind. 

Wir müssen hier deshalb, eben so wie dies bei den Be- 175 
rechnungen über den Ackerbau geschehen ist, ^i der Aus- 
gabe in Geld und ^'i derselben in Roggen ausdrücken. 

Von den Produktionskosten eines Fadens ^ 2^ 2 Tlr. 
bleiben also Vi X 2i/i' = O,^-' Tlr. in Geld ausgedrückt, 
und in Korn müssen ^/i X 2^/2 = l,s;8 Tlr. angegeben 
werden. Ist nun die Berechnung, wonach der Faden 2^/2 Tlr. 
kostet, für einen Standpunkt entworfen, w^o der Schfl. 
Roggen l,2iti Tlr. gilt, so sind l,t<8 Tlr. im Werte gleich 

12* 



— 180 — 

l,ss 

zr^ = l,i(; Schü. Roggen; und somit betragen die Pro- 
duktionskosten eines Faden Holzes, allgemein ausgedrückt, 
1,4« Sehfl. Roggen + 0,62 Tlr. 

Nun können wir aber nach § 4 den Preis des Roggens 
fiir jeden Standpunkt in dem isolierten Staat berechnen : der 
Schfl. Roggen gilt nämlich in der x Meilen von der Stadt 

entfernten Gegend " ■. ^,-. . Tlr. Wird der Roggen zu 

io^ — j— X 

diesem Preise angerechnet, so sind l,4i; Schfl. Roggen -\- 

0,02 Taler = ^^o i ' Tlr.; oder die Produktionskosten 
' 182 -|-x 

in der x Meilen von der Stadt entfernten Gegend betragen 

f.. 1 7- 1 '^11 ''',4X ^ , 

für 1 laden ^too i Taler. 

182 -|- X 

Es fragt sich ferner, wie hoch die Transportkosten eines 
Fadens zu stehen kommen, wenn dieser aus einer x Meilen 
entfernten Gegend nach der Stadt geliefert wird. 

Die Transportkosten einer Ladung von 2400 ft betragen 

199 5 X 
nach § 4 auf x Meilen T^^r— Taler. 
"^ 182 -j-x 

1''6 Wenn nun der Faden 2 Ladungen ausmacht, so kommen 

.399 x 
die Transportkosten eines Fadens auf ioq-^x: — ; Tlr. zu 

stehen. 

Wird dann das Holz auf einem Boden erzeugt, der 
keine Landrente abwirft: so kann dasselbe für einen Preis, 
der hinreichend ist, die Produktioiis- und Transportkosten zu 
vergüten, nach der Stadt geliefert werden. 

In der Koppelwirtschaft, deren Landrente wir hier zum 
Maßstab nehmen müssen, gibt die 28,(; Meilen von der Stadt 
entfernte Gegend keine Landrenle mehr. Setzen wir nun 
in die für die Produktions- und TransiDortkosten des Holzes 
gefundenen Formeln fiir x den Weit von 28,r, : so ergibt 



— 181 — 

sich , daß der Preis eines Faden Holzes in der Stadt selbst 
ö5,r, Taler sein miiß. 

Da das Holz für die Stadt ein unentbelirliches Be- 
dürfnis ist: so wird aucli dieser hohe Preis bezahlt werden 
müssen , im Fall das Holz ans den nähereu Gegenden nicht 
wohlfeiler geliefert werden kann. 

Für das in den der Stadt näher gelegenen Gegenden 
gebaute Holz vermindern sich die Transportkosten ; aber das 
Holz muß hier auf einem Boden erzeugt werden, der eine 
Landrente abwirft, und durch den Preis des Holzes müssen 
nicht bloß die Produktions- und Transportkosten, sondern 
auch die Laudrente bezahlt werden. 

Die Landrente für eine Ackerfläche von 100000 GH-, 

welche x Meilen von der Stadt entfernt ist, beträgt nacli 

„ 202202 — 7065x 

§ o -iQo I Taler. Der Ertrag des Grund und 

182 -j- X ° 

Bodens an Holz ist auf 100000 DR. 250 Faden; auf einen 177 

Faden fällt also (mit Weglassung der kleinen Brüche) an 

^ , ^ 809 — 28,3x ^ , 
Landrente — , .^o 1 — Taler. 
182 -f- X 

Die drei Bestandteile, aus denen der Preis des Holzes 

in dei- Stadt zusammengesetzt ist, betragen dann : 

a) Produktionskosten ., ,,.^ , ' " Taler, 
182 -J- X ' 



li) Transportkosten 
c) Landrente . . 



3 99x 
18i:-fx 
809 — 28,3X 

182-fx 



1320 -4- 363,3x ^ , 

zusammen — tö^i — Taler. 

182 -f- X 

Es muß also der Preis eines Faden Holzes in der Stadt 
1320 -f- 363,3X ^ , 

18"^ I ^ — Taler betragen, und wenn wir nun für x nach 

und nach andere Werte annehmen, so muß sich hieraus er- 



— 182 — 

geben, aus welcher Gegend des isolierten Staats das Holz 
am wohlfeilsten nach der Stadt geliefert werden kann. 

Wenn x oder die Entfer- so ist y oder der Preis 

nuijg von der Stadt be- eines Faden Holzes in der 

trägt : Stadt : 

28,G Meilen 55,6 Taler 

20 „ 42,5 „ 

10 „ 25,s „ 

' V 20,4 „ 

4 „ 14,^. „ 

1 „ 9,2 „ 

V "^^^ „ 

178 Denken wir uns nun für einen Augenblick, daß die 
Erzeugung des Brennholzes in der Gegend geschehe, wo 
der Boden keine Landreute gibt, so wiu'de der Preis des 
Fadens in der Stadt selbst 55,6 Taler betragen. Die Be- 
wohner der nähereu Gegenden würden dann aber bald be- 
merken, daß sie ihren Boden durch die Holzkultur höher 
nutzen könnten, als durch den Getreidebau; sie würden das 
Holz zu einem niedrigeren Preise liefern und dadurch die 
entfernten Bewohner des isolierten Staates mit ihrem Holz 
vom Markte verdrängen. Dies würde so fortgehen, bis am 
Ende die Holzkultur, zum Zweck des Verkaufes nach der 
Stadt, auf die der Stadt ganz nahe gelegene Gegend, von 
wo das Holz am wohlfeilsten geliefert werden kann, be- 
schränkt wäre. 

Die Kultiu' eines Gewächses, welches erst ein Jahr- 
hundert nach der Saat eine volle Ernte gibt, kann aber nicht 
plötzlich und augenblicklich von einer Gegend zur anderen 
wandern. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn wir in 
der Wirklichkeit Gegenden, die durch ihren Boden sowohl 
als durch ihre Lage auf die Holzkultur verwiesen sind, jetzt 
iinf'h von allem Holz entblößt finden. 



— 183 — 

Um endlich den Preis, den das Holz in der Zentralstadt 
unseres isolierten Staates haben wird, bestimmen zu können, 
müßte die Größe des Bedarfes gegeben sein. Das Quantum, 
dessen die Stadt bedarf, bestimmt die Größe der Fläche, 
die der Holzkultur gewidmet werden muß, und der Preis, 
zu welchem das Holz von dem entferntesten Punkte dieser 
Fläche nach der Stadt geliefert weiden kann, ist die Norm 
für den Preis des Holzes in der Stadt. Müßte z. B. die 
Holzkultur bis auf 7 Meilen von der Stadt ausgedehnt 
werden, so würde der Preis eines Fadens in der Stadt 
20,4 Taler betragen. 

Der am äußersten Eande dieses der Holzkultur gewid-179 
meten Kreises liegende Boden gibt dann dieselbe, oder viel- 
mehr eine sehr wenig höhere Landrente, als dieser Boden 
durch Ackerbau benutzt gegeben hätte. Eine gleiche Fläche, 
die der Stadt nur um eine Meile näher liegt, gibt aber, 
durch Ersparung an den beträchtlichen Transportkosten des 
Holzes, schon eine sehr viel höhere Landrente, und so muß 
die Landrente des durch die Holzproduktion benutzten Bodens 
mit der Annäherung zum Marktplatz in einem sehr viel 
gi-ößeren Verhältnis steigen, als bei der Nutzung des Bodens 
durch die Koppelwirtschaft. 

Wir sind nun also dahin gelangt, den inneren Zusammen- 
hang in dem Preisverhältnis zweier Produkte — Getreide 
und Brennholz — die sich eins durch das andere nicht er- 
setzen lassen, nachweisen zu können. 

Bei Produkten, die sich eins durch das andere ersetzen 
lassen, die also einen gemeinschaftlichen Maßstab ihres Ge- 
brauchswertes haben, wird das Steigen oder Fallen der 
Preise auch für beide gemeinschaftlich sein, und das Preis- 
verhältnis selbst zwischen beiden wird dadurch wenig oder 
gar nicht geändert werden. 

Bei Produkten aber, denen dieser gemeinschaftliche 
Maßstab fehlt, kann eine Änderung im Bedarf des einen oder 



— 184 — 

anderen Produktes eine große Veränderung in dem I'reis- 
verhältnis hervorbringen. 

Wenn z. B. in unserem isolierten Staat, durch Erfindung 
der Sparöfen, der Holzverbrauch in der Stadt so weit ein- 
geschränkt würde, daß ein Kreis von 5 Meilen im Halb- 
messer — anstatt früher von 7 Meilen — um die Stadt 
zur Erzeugung des Holzbedarfes genügte, so würde dadurch 
der Preis eines Fadens um etwa 4 Tlr. oder um circa 
20 "/o fallen. 
180 Der hierdurch entbehrlich gewordene äußere Rand des 
Holzkreises würde dann dem Ackerbau gewidmet werden 
und also Korn hervorbringen. Dieser Teil ist aber im Ver- 
hältnis zu der ganzen dem Ackerbau gewidmeten Fläche so 
unbedeutend, daß dadurch nur ein geringes kaum merkliches 
Sinken des Getreidepreises hervorgebracht werden konnte. 

Stand früher der Faden Brennholz in gleichem Preise 
mit 14 Schfl. Roggen, so wird derselbe, nach dieser Ver- 
änderung, nur noch den Preis von circa 12 Schfl. Roggen 
behalten. 

Erfindungen und Verbesserungen in der Produktion 
bringen eine ähnliche Wirkung wie die verminderte Kon- 
sumtion hervor. 

Der Verfasser hat bei den vorstehenden Berechnungen 
über die Forstwirtschaft die Angaben über die Ausgaben 
und den Ertrag nicht — wie dies bei den Berechnungen 
über den Ackerbau der Fall war — aus der Wirklichkeit 
entnehmen können, sondern die Zahlen, um nur die Rechnung 
beginnen zu können, nach einer Schätzung annehmen müssen. 
Eine Untersuchung, die mit Schätzungen und Annahmen be- 
ginnt, kann aber, selbst wenn sie sich in den Schlüssen und 
Folgerungen konsequent bleibt, nur zeigen, wie für solche 
Annahmen der Erfolg sei , nicht wie derselbe in der Wirk- 
lichkeit ist. 



— 185 — 

Kann man aber die Grenze, innerhalb welcher die au- 
genonameoen Zahlen möglicherweise von der Wirklichkeit 
abweichen können, angeben; kann man nachweisen, daß auch 
für diese mögliche Grenze die entwickelten Resultate noch 
gültig sind: so ist dadurch auch die Richtigkeit derselben 
dargetan. 

Wir wollen nun diese Grenze möglichst weit, weiter 
als irgendeine Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden ist, hin- 
ausschieben, und annehmen, daß in dem einen Fall die Pro- 181 
duktionskosten des Holzes das Achtfache unserer Annahme, in 
dem anderen Fall aber nur den achten Teil derselben betragen. 

Erster Fall. Die Produktionskosten sollen das Acht- 
fache der obigen Annahme betragen. 

Die Erhöhung der Produktionskosten kann aus zwei 
verschiedenen Ursachen hervorgehen: entweder 1. aus der 
Erhöhung der mit der Forstkultur im ganzen verbundenen 
Ausgaben bei gleichbleibendem Holzertrage ; oder 2. aus der 
Verminderung des Holzertrages bei gleichbleibenden Ausgaben. 

a) Die mit der Forstwirtschaft im ganzen verbundenen 
Ausgaben sollen auf das Achtfache unserer Annahme steigen, 
während der Holzertrag derselbe bleibt. 

Alsdann betragen 

r -D 1 ,r , . /511— 7,4X\ ^ 4088 — 59,2 X 

die Produktionskosten .,„-,, — 8 = thh— i — - — 

\ 182 -|- X / 182 -\- X 

399 X 

die Transportkosten zr^^ — r— 

182 -|- X 

,.-.,, 809 — 28,3X 

die Landrente — ,,^-. , — - — 

182 -|-x 



4897 + 311,5 X 
Summe j^gö -J- x — 



Der Preis eines Faden Holzes 

ist dann für x = 20 55 Tlr. 

X = 10 42 „ 

X = 27 ., 



— .186 — 

b) Der Holzertrag soll nur den achten Teil unserer An- 
nahme betragen, die Ausgaben sollen aber dieselben bleiben. 
Alsdann betragen 

. ^ . , . , 4088 — 59,2x 

182 die Produktionskosten — tott-j 

182 -|-x 

399 X 

die Transportkosten ^^^ . — 

809 — 28,3 x\ ^ 6472 — 226,4 x 



die Landrente. ^82 + x ) - " 182 + x 

10560 + 113,4x 

Summe tettx — 

182 -|- X 

Der Preis eines Fadens 

ist dann für x = 20 63 Tlr. 

X = 10 61 „ 

X = 58 „ 

Zweiter Fall. Die Produktionskosten sollen nur den 
achten Teil von dem , was wir dafüi- angenommen haben 
betragen. 

a) Die Ausgaben sollen sich bis auf den achten Teil 
vermindern, der Ertrag aber bleibe derselbe. Alsdann er- 
geben sich 

,. T. n , . , /511 — 7,4X\ „ 61 — 0,9x ^, 

die Produktionskosten = -Tnö~i • o = ioo "i J^^^'- 

\ 182 + ^ / 1°2 -|- X 

399 X 
die Transportkosten = ^, ^ ■ 

,. , , 809 — 28,3X 

die Landrente = — , ^.v . 

lö2 -\- X 

870 4- 3697x 
Summe — i82^~^c — 

Der Preis eines Fadens ist dann für 

X = 20 41 Tlr. 

X = 1" 24 „ 

X -- 5 „ 



— 1^7 — 

h) Die Ausgaben im ganzen sollen dieselben bleiben, der 

Ertrag steige dagegen auf das Achtfache. Alsdann betragen 

1- T. 1 ,.- , . /511 — 7,4x\ ^^ 61— 0,9X^, 

die Produktionskosten ., oo i : 8 = ..^o i J-"- 183 

\ 182 -|- X / 182 -\- X 

.. m , 399 X 

die iransportkosten i»o \ 

y j , , /809-28,3x\ ^ 101 - 3 ,5 X 

die Landrente ^-^ g^ + x j • ^ = 182 + ^ 

162 + 394.6 x 
Summe — 182+^^ 

Der Preis eines Fadens ist also für 

X = 20 40 Tlr. 

X .= 10 21 „ 

X = 1 „ 

Die hier in Betracht gezogenen Fälle geben immer das 
Resultat, daß das in der Nähe der Stadt erzeugte Holz zu 
einem niedrigeren Preise nach der Stadt geliefert werden 
kann, als das in der ferneren Gegend erzeugte Holz. Da 
wir nun mit Gewißheit behaupten dürfen, daß bei einer 
konsequenten Bewirtschaftung — denn für die Inkonsequenz 
gibt es weder Eegel noch Schranke — Ertrag und Aus- 
gaben bei der Forstkultur nicht außerhalb der hier gesteckten 
Grenzen liegen können : so ist auch der Satz, „daß die Holz- 
produktion in der Nähe der Stadt geschehen müsse", hier- . 
durch erwiesen. 



Wir haben durch diese Untersuchung eine Formel er- 
halten, die nicht bloß zur Bestimmung des Holzpreises dient, 
sondern in der Tat von einer solchen allgemeinen Gültigkeit 
ist, daß wir dadurch für den isolierten Staat den Preis jedes 
landwirtschaftlichen Produktes bestimmen, und die Gegend, 
wo der Anbau desselben geschehen muß, nachweisen können — 
wenn Produktionskosten, Landrente und Bedarf bekannt sind. 



- 188 - 

184 Um dieses au einem Beispiel zu zeigen, wollen wii- uns 
die Frage, ,,zu welchem Preise kann der Schfl. Roggen zur 
Stadt geliefert werden, und in welcher Gegend ist der An- 
bau desselben am vorteilhaftesten", vorlegen und zu beant- 
worten suchen. 

Nach § 5 geben 100 000 DR. Ackerland einen Roh- 
ertrag von 3144 Schfl. Roggen; eine Ladung enthält 

2400 

-Qj- = 28,(; Schfl. Roggen; 3144 Schfl. sind also gleich 

-p^ — = 110 Ladungen. 

Die mit der Erzeugung dieser Ernte verbundenen Aus- 
gaben, oder die Pi'oduktionskosten , betragen 1976 Schfl. 
Roggen -j- 641 Tlr. , welche auf 110 Ladungen verteilt, für 
eine Ladung 18 Schfl. Roggen -j- ö.ss Tlr. ausmachen. 

Für den Schfl. Roggen den Preis von " -iqo "T~ ^t~ 

Taler gesetzt, ergeben sich hieraus die Produktionskosten 

, , 4914 — 99x , , 5975 — 93,2X 

für eme Ladung = -^ g^ , ^ \- 5,S3 = — ^ggi^ 

Taler. Die Landrente von 100 000 QRuten Ackerland oder 

r- iin r 1 ü w . 202202 - 7065x 

für 110 Ladungen Roggen betragt ioo n ^''^ 

io_ — |— X 

eine Ladung fällt also an Landreute — iqo „i, ^ • 

Für eine Ladung := 28,r, Schfl. Roggen betragen demnach 

T 13 1 1 ^- 1 . 5975 — 93,2 X 

die Produktionskosten ..o,^ — -, 

182 -\- X 

die Transportkosten ^ ^,. ',' -— 

'■ 182 -f- X 

,. T , , 1838 — 64,2 X 

die Landrente — tt^h — i — ^ — 

182 -\- X 



7813 -f 42,1 X 

Summe — ts^ti 

182 -|- X 



— 189 



ruacli 


ist der Preis 


einer Ladunt^- 




eines Schett'els 185 






Roggen 






Roggen 


X =:= 


20 Meilen 


42.0 Tlr. 






IV2 Tlr. 


X =: 


10 „ 


42,0 „ 






11/2 „ 


X = 


„ 


42.. „ 






IV2 „ 


Auf 


unsere Frage 


erhalten wir 


also 


die 


Antwort : daß 



lur 



aus allen Gegenden des isolierten Staates (soweit der Boden 
durch Kornbau noch eine Landrente abwirft) der Scheffel 
Roggen zu 1^/2 Tlr. nach der Stadt geliefert werden kann, 
und daß der Anbau des Getreides für alle Gegenden des 
isolierten Staates gleich vorteilhaft ist. 

Dies muß so sein, denn die Berechnung der Größe der 
Landrente für die verschiedenen Gegenden beruht gerade 
auf der Voraussetzung, daß der Schfl. Roggen in der Stadt 
11/2 Taler gelte. Diese Berechnung konnte also zu keiner 
Erweiterung der Einsicht führen ; aber sie gibt eine interes- 
sante Bestätigung von der Richtigkeit des beobachteten Ver- 
fahrens und wird dadurch höchst wichtig, daß wir nun für jedes 
Gewächs, wovon, im Verhältnis zum Getreide, die Produktions- 
kosten und die auf eine Ladung desselben fallende Landrente 
bekannt sind, den Preis, den dasselbe in der Stadt haben muß, 
und die Gegend, wo es erzeugt werden muß, bestimmen können. 

Anwendung dieser Formel auf verschiedene andere Ge- 
wächse. 

Erstes Gewächs, für welches die Landrente dieselbe 
wie beim Getreide ist, die Produktionskosten aber nur die 
Hälfte betrafen. 



Die Produktionskosten betrag-en dann 



die Transportkosten für eine Ladung 



2987 — 46 X 

182 + X 

199,5 X 



182 + X 

,. r , . 1838 — 64,2 X 

die Landrente — i^f^ — , — 

182 -f- X 



Summe 



4825 -f 88,7 X 
18'2"+ X 



— 190 — 

186 Für X = 2<) 3Ieilea beträgt der Preis einer 

Ladung 32,7 Tlr. 

X = 10 „ 29,7 „ 

X = „ 26,5 „ 

Dieses Gewächs kann also wohlfeiler aus der Nähe der 
Stadt, als aus der Ferne geliefert werden, und der Preis, 
den dasselbe in der Stadt haben wird, läßt sich angeben, 
sobald bekannt ist, wie weit der Anbau desselben sich aus- 
dehnen muß, um den Bedarf der Stadt zu befriedigen. 

Zweites Gewächs. Gleiche Landrente, dopjDelte 
Produktionskosten. 

TT- •, -■■ <. -. T- 13788 — 51,1 X 
Hier beträgt die Summe der Kosten -i q.> i — : 

Für X = 20 Meilen beträgt der Preis einer 

Ladung 63,2 Tlr. 

X = 10 „ 69,2 ,, 

X = „ 75,7 „ 

Der Anbau dieses Gewächses muß also in einer von 
der Stadt fernen Gegend stattfinden. 

Drittes Gewächs. Gleiche Produktionskosten, halbe 
Landrente. 

Für dieses Gewächs beträgt die Summe der Kosten 
6894 4- 74,2 X 
182 + X 
Füi' X = 20 Meilen beträgt der Preis einer 

Ladung 41,5 Th-. 

X = 10 „ 39,7 .. 

X =- <• „ :^7,... „ 

Der Anbau dieses Gewächses geschieht in der Nähe 

der Stadt. 

Y i e r t e s Gewächs. Gleiche Produktionskosten, 

doppelte Landrente. 

9651 -- 22.1 X 
iy7 Summe der Kosten — vs^rr 

iö- -t- X 



- 191 — 

Für X =: 20 Meilen beträgt der Preis einer 

Ladung 45,g Tlr. 

X = 10 „ 49,1 „ 

X = „ 53,0 ., 

Der Anbau dieses Gewächses gehört in die von der 

Stadt entfernte Gegend. 

Aus der genaueren Betrachtung der vier liier entwickelten 

Fälle ergeben sich folgende allgemeine Gesetze: 

1. Bei gleichen Produktionskosten für eine Ladung muß 
dasjenige Gewächs, auf welches die größte Landrente 
fällt, am fernsten von der Stadt gebaut werden. 

2. Bei gleicher auf eine Ladung fallender Landrente muß 
dasjenige Gewächs, was die größten Produktionskosten 
erfordert, in größerer Entfernung von der Stadt ge- 
baut werden. 

Aufgabe. Zu welchem Preise kann ein Erzeugnis, 
wovon eine Ladung vierzehn mal so viele Produktions- 
kosten, und doppelte so viele Transportkosten erfordert 
als der Roggen , zur Stadt geliefert werden , wenn 
dieses Erzeugnis gar keine Landrente abwerfen soll. 

^. -p , ,,. , . _ , 83650 -1305X 

Die Produktionskosten betragen dann — ^t^,— s 

° 182 -j- X 

399 X 

die Transportkosten töp^ — i — 

^ 182 -}- X 

, "T~ 83 650 — 906x 

Summe der Kosten — .-„h — i 

182 -|- X 

Für X = 30 Meilen ist der Preis einer Ladung 

266 Tlr., eines Pfundes 5,3 ßl. 

X = 10 „ 388 „ 7,.s ßl. 

X = „ 460 „ 9,2 ßl. 

Dieses Erzeugnis kann also aus der 30 Meilen ent-188 
fernten Gegend fast zur Hälfte des Preises, den die un- 
mittelbar an der Stadt gelegene Gegend dafür haben mußte, 
nach der Stadt geliefert werden. Kann nun die entfernte 



— 192 — 

Gegend den Bedarf der Stadt befriedigen : so muß die Her- 
vorbringuDg dieses Produktes für die der Stadt näheren 
Gegenden mit großem Verlust verbunden sein. 

Nach dieser Unterbrechung kehren wir jetzt zu der 
Betrachtung der Forstkultur zurück. 

Wir haben bei unseren Berechnungen den jälirlichen 
Holzertrag zu 1000 Faden, und den Holzbestand aller Kaveln 
zusammen im Wert gleich 15000 Faden angenommen. Hier- 
nach verhält sich, dem Wert nach, der Zuwachs zu dem 
Bestände wie 1 zu 15; oder der jährliche Holzzuwachs be- 
trägt Vi5 des Holzbestandes. 

Die Erfahrung hat aber vielfach gelehrt, daß es beim 
Ankauf eines Gutes höchst gefährlich ist, die mit dem Gute 
verbundene Waldung nach der Quantität des Holzbestandes 
abzuschätzen und dann nach der Schätzung zu kaufen. 
Manche Käufer haben dadurch großen Schaden gelitten, 
einige sogar ihr ganzes Vermögen verloren. Es zeigte sich 
nämlich später, daß das Holz keine volle Zinsen trug, d. h. 
daß der jährliche Holzertrag nicht 1/20, sondern oft nur i/;;o, 
oder gar nur 1/40 des Holzbestandes ausmachte, daß also 
auch das auf den Ankauf der Waldung verwandte Kapital 
nur 3^3 oder gar nur 2V2 % Zinsen bi-achte. 

Auch besitzen wir Abschätzungen von Waldungen, in 
welchen der jährliche Zuwachs, von Forstkundigen selbst, 
nur zu Vio des Holzbestandes angenommen wird. 

Nehmen wir nun an, daß das, was die Erfahrung lehrt, 
in der Natur des Baumes selbst begründet sei, daß vermöge 
189 dieser Natur der Bäume die Waldungen nicht mehr als um 
-/40 ihres Bestandes jährlich zunehmen können , und ent- 
wickeln wir dann die hierin liegenden Folgen: so gelangen 
wir zu sehr merkwürdigen Resultaten. 

1. Der mit Holz bestandene Boden bringt nicht bloß 
keine Landrento, sondern der Ertrag des Bodens ist 



— 193 — 

sogar negativ, indem die Zinsen des im Holzbestande 
steckenden Kapitals schon das Doppelte des jährlichen 
Ertrags ausmachen. 

2. Jeder Waldbesitzer, der sein eigenes Interesse kennt, 
muß das sämtliche Holz auf einmal niederschlagen 
und verkaufen, indem er durch das aus dem Holz- 
verkauf zu lösende Kapital die doppelten Zinsen be- 
zieht, und den Grund und Boden der Waldung noch 
obenein erhält, den er ebenfalls verkaufen kann. Ist 
der Markt zu beschränkt, um alles Holz auf einmal 
verkaufen zu können, .so muß der Besitzer das jähr- 
lich gefällte Revier nicht wieder mit Holz besamen — 
und so wird er, zwar langsamer, aber nicht minder 
gewiß, mit der Ausrottung des Waldes zustande kommen. 

3. Ein solches allmähliches Ausrotten der Wälder muß 
den Preis des Holzes steigern ; aber das ist das be- 
sondere dieses Falles, daß die höchsten Holzpreise die 
Foi'stkultur nicht vorteilhaft machen, und die Wälder 
nicht vor der ferneren Ausrottung schützen können: 
denn mit den erhöhten Holzpreisen wächst auch das 
in dem Holzbestande steckende Kapital, und die Zinsen 
von demselben betragen immer doppelt so viel als die 
Einkünfte aus der Waldung. Hohe Holzpreise machen 
also die Ausrottung der Wälder nur noch vorteilhafter 
und reizen um so mehr dazu an. Nur das Herabsinken 
des Zinsfußes bis unter 2^/2 "/o kann der Vernichtung 190 
der Wälder ein Ziel setzen. Tritt aber das Sinken 
des Zinsfußes nicht ein, und soll ein so unentbehr- 
liches Material, wie das Brennholz ist, nicht glänzlicli 
von der Erde verschwinden : so müssen die Regie- 
rungen allen Privatpersonen die freie Disposition über 
ihre Waldungen nehmen und die Besitzer mit Gewalt 
zwingen, von ihrem Eigentum nur den halben Nutzen 

zu ziehen, den sie haben könnten. Nach dieser Ver- 
Thünen, Der isolierte Staat. 13 



— 194 — 

letznng des Eigentumsrechts wird aber die AValdkultiir 
mit der höchsten Nachlässigkeit betrieben -werden, nud 
somit kann auch die Maßregel nur auf eine kurze Zeit 
Hilfe gewähren. 
Betrachten wir dagegen den Wachstum eines jungen 
Baumes, etwa den einer jungen Tanne, so finden wir, daß 
die zweijährige Tanne die einjährige an Masse vielleicht um 
das Zehnfache übertrifft, daß die dreijährige Tanne wiederum 
etwa das Siebenfache der zweijährigen beträgt u. s. f., daß 
also der jährliche Zuwachs nicht bloß einen Teil der Masse, 
die der Baum schon hatte, ausmacht, sondern diese Masse 
selbst vielfach übertrifft. In den folgenden Lebensjahren des 
Baumes steigt die absolute Zunahme an Masse von Jahr zu 
Jahr, aber die relative Zunahme, d. h. der jährliche Zuwachs 
im Yerhältnis zur Masse des Baumes, muß dennoch ab- 
nehmen , weil die Masse , mit der der Zuwachs verglichen 
wird, immer größer wird. Ist nun etwa im fünften Jahre 
der jährliche Zuwachs der Masse, die der Baum schon hatte, 
gleich, so wird dann im sechsten Jahre der Zuwachs etwa 
'■^/lo, im siebenten Jahre vielleicht ^^/loo u. s. f. betragen. 

Bei dieser stufenweisen Abnahme des relativen Zu- 
wachses müssen wir unstreitig zuletzt auf einen Punkt 
kommen, wo der jährliche Zuwachs ^.'20 der Masse des Baumes 
beträgt. 
191 Denken wir uns statt des einzelnen Baumes ein ganzes 
Holzrevier, oder eine Kavel, worin lauter Bäume von gleichem 
Alter stehen : so muß auch für diese ganze Fläche ein Zeit- 
punkt eintreten, wo der Holzzuwachs gerade ^/20 des gauzen 
auf dieser Fläche befindlichen Ilolzbestandes ausmacht. 

Wird nun die Kavel gerade in diesem Zeitpunkt ab- 
geholzt, und vergleicht man dann den Holzertrag mit der 
Summe des Holzbestandes aller der Kavelu, die mit Bäumen 
von einjährigem bis zum hanbaren Alter besetzt sind, so 
wird sich ergeben, daß der jährliche Ertrag mehr als ^/20 des 



— 195 — 

Holzbestandes ausmacht: denn da der Zuwachs in der hau- 
baren Kavel noch ^ho beträgt, in allen Kaveln mit jüngeren 
Bäumen aber bedeutend stärker ist, so muß auch der Zu- 
wachs im Durchschnitt, d. i. für alle Kaveln zusammen, 
größer als ^ 20 sein. 

Ist es also einerseits völlig entschieden , daß die Natur 
der Bäume einen noch stärkeren relativen Zuwachs als 1/20 
möglich macht, und ist andererseits die Erfahrung, daß in 
manchen Wäldern der Zuwachs nur ^'40 beträgt, unbestreit- 
bar: so folgt hieraus, daß die Bewirtschaftung solcher 
Waldungen höchst unrichtig und fehlerhaft sein müsse. 

In Waldungen, wo 100- und 200jährige Bäume mit 
Bäumen von 10- und 2() jährigem Alter zusammenstehen und 
untermischt sind , in welchem Bäume vorhanden sind , die 
überhaupt nicht mehr wachsen, aber einen großen Raum 
einnehmen und das junge Holz unterdrücken, wo folglich 
der absolute Zuwachs selbst sehr geringe ist, und dieser mit 
sehr großem Holzbestand verglichen werden muß; da kann 
auch leicht der relative Zuwachs bis zu ^'lo und noch tiefer 
herabsinken. 

Eine solche Forstkultur oder vielmehr Unkultur kann 
nur da gerechtfertigt werden, wo das Holz nicht abzusetzen 
ist, und der Boden selbst einen so geringen Wert hat, daß 
die Kosten des Ausrodens der Baumstämme und der Yer-192 
Wandlung des Forstgrundes in Ackerland nicht bezahlt werden. 

In den früheren Jahrhunderten mochte dies für einen 
großen Teil Deutschlands der Fall sein. Die Verhältnisse 
haben sich seitdem sehr geändert ; aber diese Änderung der 
Verhältnisse hat nicht überall eine Änderung in der Behand- 
lung der Forsten hervorgebracht, und wir finden auch in 
unseren Tagen noch viele Waldungen, die auf die herkömm- 
liche aber jetzt höchst unkonsequente Weise behandelt 
werden. 

Aber auch da, wo die lichtige Einsicht schon vorwaltet, 

13* 



— 196 — 

können die "Wälder nur allraählicli aus ihrem Naturzustande 
gerissen werden: denn so wie das Lebensalter der Bäume 
das des ilenschen weit übertriift, so gehören auch mehrere 
Menschenalter dazu, um die richtige Forstkultur über eine 
ganze "Waldfläche zu verbreiten. 

Bei einer richtigen Forstkultur werden nur Bäume von 
gleicliem Älter zusammenstehen dürfen, und diese werden 
gefällt werden müssen, ehe der relative Wertzuwachs bis 
auf 5 ^:'o — den für den isolierten Staat angenommenen 
Zinsfuß — herabsinkt. Bei Hochwaldungen werden dann 
die Bäume nicht auswachsen dürfen, die ümtriebszeit wird 
viel kürzer, als das Lebensalter der Bäume reicht, sein 
müssen ; und es steht zur Frage, ob der Umtrieb der Buchen- 
waldung, den wir hier zu 100 Jahren angenommen haben, 
nach diesen Grundsätzen nicht kürzer sein müsse. 

Die Rücksicht, daß das Holz von mehr ausgewachsenen 
Bäumen als Brennmaterial einen höheren Wert hat und 
teurer bezahlt wird als das Holz von jungen Bäumen, kann 
zwar den Umtrieb über den Zeitpunkt hinaus, wo der relative 
Holzzuwachs 5 "/o beträgt , verlängern : aber doch nur auf 
wenige Jahre: denn diese Wertzunahme des Holzes als 
193 Brennmaterial kann nicht lange die durch den Zinseuverlust 
steigenden Produktionskosten überwiegen. 

Ganz anders verhält sich dies mit dem Bauholz. Dieses 
muß eine gewisse Stärke haben, wenn es überhaui^t brauch- 
bar sein soll, und die Bäume dürfen nicht eher gefällt 
werden, als bis sie diese Stärke erreicht haben. Der Um- 
trieb wird also viel länger sein müssen als bei der Brenn- 
hol zerzielung. Die Produktionskosten des Bauholzes werden 
dadurch selir bedeutend vermehrt: da dasselbe aber nicht 
entbehrt werden kann : so muß auch eine gleiche Masse, 
z. B. ein Kubikfuß, um so höher bezalilt werden, je stärker 
das Holz ist, und zwar muß der Preis so hoch und in 
dem Maße steigen, daß dadurch die Produktionskosten 



— 197 — 

des Bauholzes von jedem Grade der Stärke genau vergütet 
werden. 

Das Bauholz muß also bei gleichem Gewicht einen 
höheren Preis haben als das Brennholz, und die Transport- 
kosten im Verhältnis zum "Wert betragen bei ersterem 
weniger als bei letzterem. 

Aus diesem Grunde muß auch in dem der Forstkullur 
gewidmeten Kreise des isolierten Staates die Erzeugung des 
Bauholzes in dem von der Stadt entferntesten Teile dieses 
Kreises geschehen. 

Der Abfall vom Bauholz würde, als Brennholz benutzt, 
die Transportkosten nach der Stadt nicht tragen können, 
aber durch das Verkohlen in ein Material von geringerem 
spezifischen Gewicht verwandelt, kann es noch mit Vorteil 
nach der Stadt gebracht werden ; und so wird der äußere 
Rand des Holzkreises die Stadt nicht bloß mit Bauholz, 
sondern auch noch mit Kohlen versorgen. 

An dem inneren, der Stadt am nächsten liegenden Rand 
des Holzkreises wird es vielleicht vorteilhaft, schnellwüchsige 
Bäume zu kultivieren, deren Holz als Brennmaterial freilich 
keinen so hohen Wert hat, wie das Buchenholz, die aber 194 
von derselben Fläche einen größeren jährlichen Ertrag an 
Holz liefern; während die mehr entfernte Gegend nur noch 
Brennholz vom höchsten Wert nach der Stadt bringen kann. 

So würden in dem der Forstkultur gewidmeten Kreise 
selbst wieder mehrere Abteilungen oder konzentrische Ringe 
entstehen, in denen die Kultur auf Erzielung verschieden- 
artiger Bäume gerichtet wäre. 

Dieser Kreis muß die Stadt und den Kreis der freien 
Wirtschaft mit Holz versorgen ; aber nicht die rückwärts 
liegenden, oder von der Stadt mehr entfernten Kreise. Diese 
erzielen nämlich ihren Bedarf an Holz selbst, können aber 
nichts zur Stadt liefern, und sind in dieser Beziehung für 
die Stadt indifferent ; weshalb denn auch bei der Betrachtung 



— 19S — 

der übrigen Kreise der Holzkultur uiclit weiter erwähnt 
werden wird. 

Gesetzt der Preis des Brennholzes sei 21 Tlr. für den 
Faden, wie hoch wird dann die Landrente in den verschie- 
denen Gegenden des Kreises der Forstwirtschaft sein? 

Die Einnahme für einen Faden beträgt 21 Tlr. 

, ^ 182 + X 3822 + 21 X ^, 

oder 21 X ,g2 ^-^ = ^82^.^ Tlr. 

Die Produktionskosten betragen für einen Faden 
5n-J7,4x 
182 + X -^^'• 

399 X 

Die Trausportkosten ^„^^ f — - Tlr. 

Diese beiden Ausgaben von der Einnahme abgezogen, 
ergibt sich eine Landrente für die Fläche, worauf ein Faden 

TT 1 •• 1 ^ 33^1 "~ 370,6x 

Holz wachst, von t^^k~, ih'. 

' 182 -|- X 

195 Für eine Fläche von 100000 DR., auf welcher 250 Faden 

■■ . . . .. T n /3311 — 370,G x\ ^,^ 
wachsen, beträgt also die Landrente I i'oo^j^^ ) -^-'• 

Für x = beträgt die Landrente 4548 Tlr, 

X = 1 4017 „ 

x = 2 3492 „ 

X = 4 2458 „ 

X = 7 . • 948 „ 

An dem äußeren Rande des Holzla-eises ist die Land- 
rente, die die Forstkultur gibt, der des angrenzenden Acker- 
landes gleich; aber diese Landrente steigt mit der An- 
näherung zu der Stadt wegen der Ersparung der bedeuten- 
den Transportkosten sehr rasch, und beträgt bei der Stadt 
selbst 4548 Tlr.: während die reine Koppelwirtschaft, wenn 
sie ebenso wie in den entfernten Gegenden betrieben würde, 
hier nur eine Landrente von 1111 Tlr. abwerfen könnte. 



199 



§ 20. 

Rückblick auf den ersten Kreis, in besonderer 
Beziehung auf den Bau der Kartoffeln. 

Die Untersuchungen in den vorigen Paragraphen haben 
ergeben, daß die Erzeugung des Brennholzes in der Nähe 
der Stadt geschehen müsse, und daß die Forstkultur im Ver- 
hältnis zum Ackerbau eine immer höhere Landrente ge- 
währt, je näher sie bei der Stadt betrieben wird. 

Wir haben aber früher schon angenommen , daß der 
Kreis der freien Wirtschaft die nächste Umgebung der Stadt 
einnehmen Averde. Wir haben diese Annahme zwar mit 
Gründen unterstützt; aber die Gründe selbst sind nicht tief 
genug entwickelt, um die aufgestellte Behauptung beweisen 
zu können, und wir müssen deshalb diesen Gegenstand noch 
einmal zur Untersuchung ziehen. 

Die freie Wirtschaft und die Forstwirtschaft kämpfen 196 
gleichsam um die Stelle, wo sie betrieben werden sollen: 
beide machen Anspruch auf die nächste Umgebung der Stadt. 
Da sie aber nicht unter- und nebeneinauder betrieben werden 
können, so entsteht die Frage, welche der beiden Wirt- 
schaftsarten den Sieg davon tragen und die andere ver- 
drängen werde. 

Nun muß konsequenterweise in jeder Gegend diejenige 
AVirtschaft getrieben werden, durch welche der Boden am 
höchsten benutzt wird , und die obige Frage wird also auf 
die Frage: „welche Wirtschaftsart gibt in der nächsten 
Umgebung der Stadt die höchste Landrente?" zurückgeführt. 

Wir müssen also untersuchen, ob in der Nähe der Stadt 
die Kultur eines anderen Gewächses eine noch höhere Land- 
rente gewährt als die Forst wiitschaft; und wir wenden uns 
in dieser Beziehung zu der Betrachtung des Anbaues der 
Kartoffel. 



- 200 — 

Preis der Kartoffeln in der Stadt. 

Zwischen Kartoffeln und Roggen findet ein gemeinschaft- 
liches Maß, nämlich das ihrer Nahnmgsfähigkeit statt, und 
wenn — was hier vorausgesetzt wird — keine besondere 
Vorliebe für die eine oder andere Frucht statt hat: so wird 
der Preis beider genau in dem Verhältnis ihrer Nahrungs- 
fähigkeit stehen. 

Nun stimmen die chemischen Analysen und die Er- 
fahrungen bei der Viehfütterung fast alle darin überein, daß 
drei gehäufte Scheffel Kartoffeln im Mehlgehalt sowohl als 
in der Ernährungsfähigkeit einem Scheffel Roggen gleich 
sind ; und wir nehmen hiernach den Preis eines Scheffels 
Kartoffeln in der Stadt selbst zu 1/3 des Roggenpreises, also 
zu 1/2 Tlr. pr. Schfl. an. 
197 Bei den nachfolgenden Berechnungen über den Ertrag 
der Kartoffeln und den mit dem Bau derselben verbundenen 
Kosten liegen die im § 17 mitgeteilten Untersuchungen über 
die belgische AVirtschaft zu Grunde. 

AVir haben dort angenommen, daß bei gleichem Reich- 
tum des Bodens auf derselben Fläche, wo 1 Schfl. Roggen 
wäclist, 9 Schfl. Kartoffeln wachsen, und gefunden, daß die 
Erzeugung von 5,7 Schfl. Kartoffeln nicht mehr Arbeit kostet, 
als die von 1 Schfl. Roggen. 

Eine Frucht, die im Verhältnis zum Roggen von der- 
selben Fläche das Dreifache an Nahrungsstoff liefert, und 
die die Arbeit des Menschen mit dem doppelten Quantum 
an Nahrungsstoff' belohnt, ist in der Tat so merkwürdig, 
und ihre allgemeine Verbreitung ist so sehr geeignet, eine 
gänzliche Revolution in dem Betrieb der Landwirtschaft 
hervorzubringen, daß wir der Betrachtung dieser Frucht not- 
wendig einen Platz in dieser Schrift widmen müßten, wenn 
wir auch nicht durch die Bestimmung der Grenzen des ersten 
Kreises unseres isolierten Staates dazu aufgefordert wären. 



— 201 — 

Wir haben schon frülier bei der Annahme, daß die 
Ebene des isolierten Staates den Grad von Reichtum habe, 
daß der Boden nach reiner Brache überall 8 Körner an 
Roggen t]-age, den Kreis der freien Wirtschaft hiervon aus- 
genommen, und diesem wegen des Dungankaufes aus der Stadt 
einen viel höheren Reichtum erteilt. In den folgenden Be- 
rechnungen nehme ich für diesen Kreis denselben Boden- 
reichtura an, den wir im § 17 für die belgische Wirtschaft 
ausgemittelt haben. 

Wenn die geernteten Kartoffeln mit dem Vieh verfüttert 
werden, so geben sie durch die Yerfütterung reichlich so viel 
Dung zurück, als ihre Produktion dem Acker gekostet hat. 
Ganz anders verhält sich dies aber, wenn die Kartoffeln 
nicht verfüttert, sondern verkauft werden. 

So wie beim Getreidebau nicht aller Acker mit Ge- 198 
treide bestellt werden kann, sondern ein Teil des Feldes 
Gewächse tragen muß, die mehr Dung wiedergeben, als sie 
dem Acker entnommen haben, damit die durch das Getreide 
bewirkte Aussaugung ersetzt werde, so kann auch beim Bau 
der Kartoffeln zum Zweck des Verkaufes nicht die ganze 
Ackerfläche mit Kartoffeln bestellt werden. 

Will man berechnen, wieviel eine gegebene Fläche, z. B. 
von 100000 DR., an Kartoffeln jährlich liefern kann, und 
will man den Ertrag an Nahrungsstoff, den dieselbe Fläche 
durch den Bau der Kartoffeln gibt, mit dem, den dieselbe 
Fläche durch den Bau des Getreides bringen würde, ver- 
gleichen : so muß zuvor ausgemittelt werden, der wievielste 
Teil der ganzen Fläche Kartoffeln tragen kann, wenn der 
Acker sich in und durch sich selbst in gleichem Reichtum 
erhalten soll. 

Beim Getreidebau wird stets mit dem Korn zugleich 
Stroh geerntet, und dieses Stroh ersetzt schon einen Teil 
der Aussaugung; aber der Ersatz, den das Stroh liefert, ist 
doch nicht hinreichend, um die ganze Aussaugung zu decken. 



— 202 — 

In einer 7 schlägigen Koppelwirtschaft mit der Fnichtfolge : 
1. Brache, 2. Roggen, 3. Gerste, 4. Hafer, 5. Weide, 6. Weide, 
7. Weide, finden wir ebenso viele Weideschläge als Korn- 
schläge; und wenn anf gutem Boden diese Wirtschaft sich 
in gleicher Kraft erhält, so folgt daraus, daß ein Schlag mit 
Getreide mit einem Weideschlag verbunden sein muß, wenn 
die Äussaugung, die die Korusaat, nach Abzug des Ersatzes 
aus dem mitgeernteten Stroh, bewirkt, ersetzt werden soll; 
oder die Aussaugung eines Getreideschlages ist so groß, wie 
die Dungerzeugung eines Weideschlages und der Ersatz aus 
dem Stroh zusammen. 

Die Kartoffeln geben, wenn das Kraut derselben auf 
dem Acker bleibt, kein Stroh zurück, und ihre Aussaugung 
199 muß also ganz durch den Anbau dungerzeugender Gewächse 
ersetzt werden. 

Wenn wir nun, um zu einer leichteren Übersicht zu 
gelangen, einen Weideschlag zur Einheit nehmen, so können 
v/ir fragen : wie viele Weideschläge müssen mit einem Kar- 
toffelschlag verbundeu sein, um die Aussaugung der Kar- 
toffeln durch die Dungerzeugung der Weide zu decken. 

Nun ist aber die absolute Aussaugung der Kartoffeln 
um so größer, auf je reicheren Boden sie kommen, oder je 
größer der Ertrag derselben ist: die Dungerzeugung der 
AVeide ist ebenfalls größer auf reichem, geringer auf armem 
Boden. Um die Aussaugung eines Kartoffelschlages von 
gegebenem Reichtum zu decken, ist eine größere Zahl vonJ 
Weideschlägen erforderlich, wenn die Weide auf magereal 
Boden, eine geringere Zahl, Avenn sie auf reichen Bodeal 
kommt. 

Meine hierüber angestellten Berechnungen ergeben fol- 
gendes. 

a) Wenn der Kartoffelschlag denselben Reichtum, wie der] 
Gersteschlag, die Weideschläge aber gleichen Reichtum} 
mit den Weideschlägen in der Koppelwirtschaft haben; 



— 203 — 

so gehören zum Ersatz der durch die Kartoffeln be- 
wirkten Aussaugnng 2"^/3 (genauer 2,76) "Weideschläge. 

b) Wenn der Kartoffelschlag und die Weideschläge gleichen 
Reichtum enthalten: so muß ein Kartoffel schlag mit 
l^/fi AVeideschlägen verbunden sein. 

c) Werden die Kartoffeln auf sehr reichem Boden ei-- 
zengt, wo Kleebau und Stallfütterung stattfindet, und 
wo Klee und Kartoffeln in Boden von gleichem Reich- 
tum kommen: so ersetzen l^/a (genauer 1,46) Klee- 
schläge die Aussaugung eines Kartoffelschlages. 

Wollen wir nun den Ertrag an Nahrungsstoff, den der 
Kartoffelbau im Verhältnis zum Getreidebau Hefert, ver-200 
gleichen, so finden wir in dem unter a) betrachteten Fall 
1. daß 3 Getreideschläge a 1000 QRut. auf Boden, der in 
der Koppelwirtschaft 10 Körner liefert, einen Ertrag von 
235 auf Roggen reduzierte Schfl. geben ; 2. daß ein Kartoffel- 
schlag von dem Reichtum des Gersteschlages dagegen 
720 Schfl. Kartoffeln = 240 auf Roggen reduzierte Schfl. 
hervorbringt. Um die Aussaugung zu decken, müssen die 3 
Getreideschläge mit 3 Weideschlägen, der Kartoffel seh lag mit 
2^li Weideschlägen verbunden sein. Zu der Hervorbringung 
von 235 Schfl. Roggen gehören also 6 Schläge, und zu der 
Produktion von 720 Schfl. Kartoffeln = 240 Schfl. Roggen 
gehören 3''/i Schläge. 

Beim Getreidebau bringt also ein Schlag von 10(10 QR- 

235 
an Nahrungsmasse auf Roggen reduziert "y. = 39 Schfl. 

240 
hervor; beim Kartoffelbau liefert aber ein Schlag jösT 

= 64 auf Roggen reduzierte Schfl. Das Verhältnis des Er- 
trages zwischen Getreide und Kartoffeln ist also wie 39 zu 
64, oder wie 100 zu 164. 

Das bei der ersten oberflächlichen Ansicht sich er- 
gebende Verhältnis, nach welchem die Kartoffeln von gleicher 



— 204 — 

Fläche dreimal soviel Nahrungsstoff liefern als der Roggen, 
erleidet also bei genauerer Prüfung eine große Ermäßigung; 
dessenungeachtet bleibt aber das t^bergewicht der Kartoffeln 
noch immer höchst bedeutend. 

Wo aber der Dung nicht auf dem Gute selbst erzeugt 
wird, wo die Aussaugung der Kartoffeln durch den Ankauf 
von Dung ersetzt werden kann, da behält auch der Satz, daß 
die Kartoffeln im A^erhältnis zum Roggen von gleicher Fläche 
die dreifache Masse an Nahrungsstoft' für Menschen liefern, 
seine völlige Richtigkeit. 
201 Wir werden also auch den Kartoffelbau in der zwei- 
fachen Beziehung, 1. wenn der Dung, dessen der Kartoffel- 
bau bedarf, auf dem Gute selbst erzeugt wird, und 2. wenn 
der Dung zu den Kartoffeln angekauft wird, untersuchen 
müssen. 

A. Wenn der Kartoff'elbau in einer sich in und durch 
sich selbst in gleicher Kraft erhaltenden Wirtschaft betrieben 
wird, und ein Kartoft'elschlag zu diesem Zweck mit II/2 Klee- 
schlägen verbunden ist. 

Meine über diese Wirtschaft angestellten Berechnungen 
ergeben für eine Ladung von 24 Schfl. Kartoffeln 

489 — 4,7 X ^, 

1. die Produktionskosten -.qq i ~ J^^r. 

199,5 X 

2. die Transportkosten iq9 _i_ » 

/182 -f x\ 2184 4- 12 X 

3. die Einnahme 12 Tlr. oder 12 ( 109 _l ~^J — 139 -L x 

Zieht man von der Einnahme die Produk- 
tions- und Transportkosten ab, so bleibt 

1695 — 182,8 X 
eine Landrente von — ipo 1 ^ 

Dies ist die Landrente für eine Fläche, auf der jährlich 
eine Ladung Kartoffeln zum Verkauf erzeugt wird. Nun 
kann aber, meinen Berechnungen zufolge, eine Ackerfläche 



144U X ^- 



— 205 — 

von 100000 riRut., wovon 40000 nRut. mit Kartoffeln und 
60000 DRut. mit Klee bestellt werden, nach Abzug der 
kleinen nur zum Viehfutter taugliehen Kartoffeln, jährlich 
1-440 Ladungen zum Verkauf liefern. 

Die Landrente von 100 000 DRut. beträgt demnach 
/16 95 — 182,8 x\ _ 2440 800 — 263 23 2x 
182 + X j ^ 182 + X 

Ist die Entfernung von der so beträgt die Landrente 202 

Stadt, oder für 100000 DRut. 

X = 13 411 Tlr. 

X = 1 11899 „ 

X = 4 7 462 „ 

X = 7 3165 „ 

X = 9,8 „ 

B. Wenn der Dung, den der Kartoft'elbau erfordert, aus 
der Stadt angekauft wird. 

Anstatt daß in der ersten Wirtschaft nur 40 "^/o der 
Ackerfläche dem Kartoff'elbau gewidmet werden durften, kann 
hier die ganze Tläche mit dieser Frucht bestellt werden, 
und 100000 DRut. Acker können statt 1440 nun 36(»0 La- 
dungen Kartoffeln nach der Stadt liefern. 

Diese Wirtschaft hat dagegen folgende Ausgaben, die 
der ersten Wirtschaft fremd waren : 

1. die Kosten der Anfuhr des Dunges von der Stadt 
nach dem Acker; 

2. den Ankauf des Dunges. 

Die Produktion von 24 Scheffel Kartoffeln kostet nach 
meinen Ansätzen dem Acker O,;»! Fuder Dung, Avofür ich 
hier, zur Erleichterung der Rechnung, 1 Fuder annehme, so 
daß also für jede Ladung Kartoffeln, die nach der Stadt 
geliefert wird, ein Fuder Dung zurückgebracht werden muß. 

Wenn nun jeder mit Kartoffeln nach der Stadt fahrende 
Wagen ein Fuder Dünger zurückbringt : so erfordert die 



— 20(5 — 

AnscbaffuQg des üiiuges keine besonderen Fuhren : aber die 
Pferde haben auf der Hin- und Zurücki-eise stets eine volle 
Ladung, und werden also stärker angestrengt. In Ermange- 
lung eines Maßstabes aus der Wirklichkeit nehme ich an, 
daß die Fracht für eine auf der ßückreise mitgenommene 
Ladung halb soviel als die gewöhnliche Fraclit betrage, daß 

199 5 X : 2 
203 also die Anfuhrkosten eines Fuders Dung auf ^^.l i =^ 

° 182 -\- X 

99 7 X 
, „^ ^ ,- — zu stehen kommen. 
182 -\- X 

Welches ist nun aber der Preis eines Fuders Dung in 
der Stadt, und nach welchen Prinzipien wird dieser Preis 
reguliert '? 

Xaeh Adam Smith läßt sich der Preis aller Waren in 
die drei Elemente: Arbeitslohn, Kapitalgewiun und Land- 
rente auflösen. Wir sind durch unsere Untersuchungen 
darauf geführt, den Preis der landwirtschaftlichen Erzeug- 
nisse in die drei Bestandteile : Produktionskosten, Trausport- 
kosten und Landrente zu zerlegen; und wenn auch Produk- 
tions- und Transportkosten sich unleugbar wieder in Arbeits- 
lohn und Xapitalgewinn auflösen lassen , so sind wir doch 
durch den Gang unserer Untersuchung zu dieser Trennung 
bis jetzt noch nicht aufgefordert worden. 

Die Substanz, von deren Preisbestimmung hier die Rede 
ist, kann aber weder Ware noch Produkt genannt werden, 
imd vergeblich werden wir fragen : wieviel Arbeitslohn, 
Kapitalgewinn und Landrente ihre Hervorbringung gekostet 
habe; oder wie groß die Produktionskosten und Transport- 
kosten derselben seien, und wieviel die auf ihre Erzeugung 
fallende Landrente betrage. Diese Substanz, deren Hervor- 
bringung unfreiwillig ist, deren (^»uantität weder durch Ver- 
mehrung, noch durch Verminderung der Nachfrage ver- 
größert oder verkleinert werden kann, und die der Besitzer, 
sei es auch mit noch so großen Kosten verbunden , weg- 



— 207 — 

schaffen muß, die folglich für ihu einen negativen Wert 
hat — eine solche Substanz ist in der Tat von so eigen- 
tümlicher Ai't, daß der Preis derselben durch keins der 
vorhin genannten Gesetze bestimmt werden kann, und die 
Frage, wie der Preis derselben auszumitteln sei, erhält da- 
durch ein eigenes Interesse. 

Wir können diese Frage hier aber noch nicht beant-204 
Worten, sondern müssen vorläufig den Preis eines Fuders 
Stadtdünger als unbekannt oder gleich a Tlr. annehmen. 

In dieser Wirtschaft, wo der Dung angekauft wird, be- 
tragen nach meiner Berechnung für eine Ladung Kartoffeln 

1. die Produktionskosten " ^ — ;— ^ Tlr. 



2. die Transportkosten der Kartoffeln 



3. die Kosten der Dungfuhre 



182 + X 
199,5 X 
182 + X 
99.7 X 



• • ■ 182 + X 
4. der Dungankauf a 



Q 1 V f 526 4 - 291,7 X , 

Summe der Kosten — —!. — r 4- a 

182 -f- X ' 

Die Einnahme beträgt 12 Tlr. oder 12 (jg.^^P"^ 

_ 2184 -f 12 X 
^ 182 -f- X 
Die Unkosten von der Einnahme 
abgezogen, bleibt Landrente für 

1658 — 279.7X 



eine Ladung 



182 -f X 

Für 100000 GR., welche 3600 Ladungen Kartoffeln liefern, 

beträgt also die Landrentc 3600 ( — %=r^ — ~ — — — a) 

V 182 -|- X / 

Taler. 

Die Landwirte, die den Kreis der freien Wirtschaft 
bewohnen, haben stets die Wahl, ob sie den Dung auf ihrem 



208 



eigenen Felde erzeugen, oder denselben aus der Stadt an- 
kaufen wollen ; und sie werden letztei-es nur dann tun, wenn 
der aus der Stadt gekaufte Dung ihnen wohlfeiler zu stehen 
kommt, als der in der eigenen Wirtschaft erzielte Dünger. 
205 Wir haben die Laudrente beider Wirtschaftsarten ge- 
funden, iukI wenn wii' diese einander gleich setzen: so muß 
sich ergeben, zu welchem Preise das Fuder Dung bezahlt 
werden kann. 

Es sei demnach 
die Landrente der Wirt- gleich der Landrente der 



oder 



also 



Schaft A 
/ 1695 — 182,8 X' 
l 182 -f X 
6780 — 731,2X 



1440 = 



Wirtschaft B 
/ 1658 — 279,7x 
[ 182 + X ~ 
16580 — 2797 X 



a 3600 



182 + X 

oder 10 a 

also a 

Ist die Entfernung von 
der Stadt, oder 



182 -f X 
9800 — 2065,8 X 

182^ X 
980 — 206,GX 



— 10a 



Taler. 



~ 182 4- X 

so ist a, oder der Wert eines 
Fuders Dung 



X = Meilen 5,4 Tlr. 

4,^ . 

3,1 „ 

!,'•' » 

t>,S3 „ 

„ 



X 


= 


1 1, 


X 


= 


2 V 


X 


= 


3 „ 


X 


= 


4 „ 


X 


— 


4,75 „ 


Es 


er 


n'ibt si 



ergibt sich hieraus: daß der unmittelbar an der 
Stadt wohnende Landwirt das Fuder Dihiger mit 5,i Taler 
bezahlen könnte, ohne daß es ihm teurer zu stehen käme, 
als wenn er dasselbe auf seinem eigenen Acker erzeugen 
wollte; daß aber bei größerer Entfernung von der Stadt, 
der Preis, den die dort wohnenden Landwirte für den 
Dung zahlen können, rasch abnimmt; und daB endlich der 



— 209 — 

4^,4 Meilen entfernt wohnende Landwirt auf die Erwerbung 
des Stadtdüngers zwar noch die Kosten der Anfuhr ver-206 
wenden, für den Dung selbst aber gar nichts bezahlen kann. 

Bei der Preisbestimmung des Stadtdüngers sind also 
gar sehr verschiedene Interessen im Spiel. Die Stadt- 
bewohner müssen den Dung los sein, wenn sie auch nichts 
dafür erhalten, sondern sogar noch für das Wegschaifen 
desselben bezahlen sollten; die der Stadt nahe wohnenden 
Landwirte können einen hohen, die ferner wohnenden Land- 
wirte dagegen nur einen niedrigen Preis dafür zahlen. 
Welches dieser verschiedeneu Interessen wird nun die Ober- 
hand gewinnen, und den Preis bestimmen? 

Wir müssen hier zwei Fälle unterscheiden: 

1. wenn der Stadtdünger in so großer Menge vorhanden 
ist, daß er auf allen bis zu 4^/4 Meilen von der Stadt 
entfernten Gütern nicht ganz verbraucht werden kann ; 

2. wenn die Quantität des Stadtdüngers nicht so groß ist, 
daß dadurch der Dungbedarf aller bis zu 4^/4 Meüen 
entfernten Güter befriedigt werden kann. 

Im ersten Fall wird, nachdem die ganze Gegend bis 
auf 4^/4 Meilen von der Stadt mit Dung versorgt ist, noch 
ein Teil übrig bleiben, der auf Kosten der Stadt weggeschafft 
werden muß. Wollte unter diesen Umständen die Stadt 
sich den Dung, den die Landwirte abholen, bezahlen lassen, 
z. B. 0,83 Tlr. für das Fuder nehmen: so würden dadurch 
alle Landwirte, die weiter als 4 Meilen von der Stadt 
wohnen, das Dungholen aufgeben, der übrig bleibende Teil 
würde vergrößert, und die auf die Wegschaffung desselben 
zu verwendenden Kosten würden bedeutend vermehrt werden. 
Die Stadt wird also, wenn sie ihrem eigenen Interesse nicht 
entgegen handeln will, dem entfernt wohnenden Landwirte 
den Dung umsonst überlassen müssen. Wird aber dann 
die Stadt sich den Stadtdung von dem nahe wohnenden 207 
Landwirt bezahlen lassen können, wenn der ferne wohnende 
Tliünen, Der isolierte Staat. 14 



— 210 — 

ihn umsonst erhält? wird der Verkäufer einer Ware den 
Preis derselben nach dem Nutzen, den sie dem Käufer 
bringt, bestimmen und sie dem einen wohlfeil, dem anderen 
teuer verkaufen können? Dies scheint ohne willkürliche 
Zwangsmaßregeln nicht erreichbar zu sein ; und so müssen 
wir annehmen, daß unter den gegebenen Umständen der 
Stadtdung überall keinen Preis erhalten, sondern umsonst 
zu haben sein wird. 

Im zweiten Fall, wenn der Dung nicht in hinreichender 
Menge vorhanden ist, um den Bedarf der ganzen Gegend, 
die denselben nützlich verwenden kann, zu befriedigen, 
werden die näher und ferner wohnenden Landwirte mit- 
einander in Konkurrenz treten. Wäre z. B. der Dung an- 
fänglich umsonst zu haben: so wüixle derselbe zum Teil 
nach den entfernten Gegenden gebracht werden, und die 
näheren Gegenden, für die derselbe doch einen so hohen 
Wert hat, würden ihren Bedarf nicht erhalten. Um sich 
diesen Bedarf zu versichern , würden die Bewohner der 
näheren Gegend gezwungen werden, für den Dung einen 
Preis zu bezahlen, der hinreichend wäre, das Abholen des- 
selben nach fernen Gegenden unvorteilhaft zu macheu. Ge- 
setzt die Quantität Stadtdung wäre hinreichend für den Be- 
darf eines Kreises von 4 Meilen um die Stadt herum, so 
w^erden sie 0,83 Tlr. für das Fuder zahlen müssen: denn 
wollten sie weniger, z. B. nur ^/2 Tlr. für das Fuder geben, 
so würde die hinter diesem Kreise liegende Gegend den 
Dung noch mit Vorteil kaufen und abholen können, und die 
nähere Gegend erlüelte dann nicht ihren Bedarf, 

Wir legen nun bei unserer Berechnung über die Land- 
rente diesen letzten Fall zu Grunde und nehmen an, daß 
208 das Fuder Dung in der Stadt, oder vielmehr vor den Toren 
derselben, 0,83 Tlr. koste. 

Setzen wir in die oben gefundene Formel für a den 
Wert von 0,83 Tlr., so beträgt die Landrente der AVirtschaft 



211 — 



B auf 100000 DRut. Ackerland 
/1658 — 279,TX 



I 239 I ^ — 0,83 1 3600 Taler. 

Für die Entfernung von beträgt demnach die Land- 

der Stadt, oder rente 

für X = Meüen 29 808 Tlr. 

X - 1 „ ...... 24126 „ 

X =. 2 „ 18 504 „ 

X = 3 „ 12948 „ 

X = 4 „ 7467 „ 

In diesem Kreise nimmt die Landrente des Bodens mit 
der Annäherung zu der Stadt von Meile zu Meile in einem 
ungewöhnlich großen Verhältnis zu. Dies rülirt von dem 
Zusammenwirken zweier Ursachen her: erstens werden hier 
Produkte gebaut, die im Verhältnis zu ihrem Preise große 
Transportkosten erfordern, und zweitens vermindern sich die 
Anfuhrkosten des Dungs im direkten Verhältnis mit der 
Abnahme der Entfernung von der Stadt. 

Die Landrente, die unsere Berechnung für den Boden, 
der in der nächsten Umgebung der Stadt liegt, angibt, er- 
scheint aber so enorm hoch, daß wir veranlaßt werden zu 
fragen: ob in der Wirklichkeit irgendwo ein Beispiel von 
einer so hohen Landrente vorkomme. 

Nun dürfte es uns aber nicht befremden, wenn in der 
"Wirklichkeit kein solches Beispiel aufzuweisen wäre: denn 
erstens gründen sich unsere Berechnungen auf einen Boden, 
der nicht bloß den höchsten nützlich zu verwendenden Reich- 
tum enthält, sondern auch von einer vorzüglichen physischen 
Beschaffenheit ist, und ein solcher Boden mag in zusammen- 209 
hängenden größeren Flächen wohl nur selten vorkommen; 
zweitens gibt es in der Wirklichkeit keine beträchtliche, 
viel weniger eine sehr große Stadt, die nicht an einem 
schiffbaren Fluß läge ; durch den Fluß wird aber der Kreis, 
der die Stadt mit Kartoffeln versorgt, gar sehr erweitert, 

14* 



— 212 — 

und dies hat, wie wir bald sehen werden, die Folge, daß 
der Preis der Kartoffeln pr. Scheffel unter Vs des Roggen- . 
Preises heruntersinkt. 

Bei genauerer Nachforschung finden wir aber nicht bloß 
Beispiele einer gleichen, sondern einer noch höheren Land- 
rente vor. 

In den ersten Dezennien dieses Jahrhunderts gaben bei 
Hamburg die Viehweiden, die in der nächsten Umgebung 
der Stadt liegen, eine Pacht von einer Mark pr. Dßut., 
welches circa 37 Tlr. Gold für 100 DKut. beträgt. 

Nach Sinclair (Grundgesetze des Ackerbaues Seite 558) 
trägt ein Acre Gartenland in der Nähe von London 

an Pachtzins 10 Pf. Sterling 

an Armentaxen, Zehnten und anderen Ab- 
gaben 8 Pf. „ 

zusammen also 18 Pf. Sterling ; 
dies macht für 100 DRut. ungefähr 58 Taler. 

Nun ist der Pachtzins zwar noch keine reine Landreate, 
sondern von der Pacht müssen die Zinsen des in den Glas- 
fenstern der Treibhäuser und Mistbeete, den Bewehrungen 
usw. steckenden Kapitals abgezogen weiden , um die wirk- 
liche Landrente zu finden; aber diese Zinsen können sehr 
beträchtlich sein, und die reine Nutzung des Bodens über- 
wiegt doch noch die, welche wir für den isolierten Staat 
gefunden haben. 
210 So hoch nun auch durch die hohe Nutzung der Kauf- 
preis dieses Bodens in der Nähe der großen Stadt steigen 
muß, so ist dies doch nur das Vorspiel einer ungleich 
höheren Steigerung des Grundwertes in der Stadt selbst. 
Wer außer den Toren der Stadt ein neues Haus bauen und 
sich eine Baustelle dazu kaufen will, wird dafür nicht mehr 
als den Wert, den diese Stelle zur Produktion von Garten- 
gewächsen hatte, zu bezahlen brauchen. Nach der Erbauung 
des Hauses verwandelt sich die Landrente, die dieser Platz 



— 213 — 

sonst gab, in Grruudrente ; aber der Betrag beider ist an 
dieser Stelle noch völlig gleich. Weiter nach der Stadt 
herein steigt aber diese Grundrente immer höher, bis am 
Ende in der Mitte der Stadt, oder an dem Hauptmarktplalz, 
die bloße Stelle, wo ein Haus stehen kann, mit mehr als 
100 Tlr. für die DRute bezahlt wird. 

Forschen wir den Ursachen, warum die Grundrente der 
Häuser nach der Mitte der Stadt hin immer mehr steigt, 
genauer nach; so finden wir diese in der Arbeitsersparung, 
der größeren Bequemlichkeit und der Verminderung des 
Zeitverlustes, bei der Betreibung der Geschäfte; wir finden 
also, daß die Grundrente und die Landrente durch ein und 
dasselbe Prinzip reguliert werden. 



Wir müssen hier bemerken, daß, wenn wir auch die 
Landrente, die der Bau der Kartoffeln abwirft, berechnet 
haben, sich dadurch die Landrente, die der Boden in diesem 
Kreise wirklich gibt, noch nicht bestimmen läßt : denn erstens 
erlaubt die Natur der Gewächse nicht, daß sie, ohne Ab- 
wechslung mit anderen Gewächsen, alle Jahre auf derselben 
Stelle gebaut werden ; und zweitens muß in diesem Kreise 
noch eine Menge anderer Gewächse erzeugt werden, die 
teils eine höhere, teils eine geringere Landrente als die 211 
Kartoffeln gewähren. 

Die Kartoffeln können also auf jedem Gute nur einen 
Teil des Feldes einnehmen, und die Landrente des ganzen 
Feldes ergibt sich erst aus dem Reinertrag aller in einer 
Rotation vorkommenden Gewächse. Diese Berechnung kann 
aber nur von einem Landwirte geliefert werden, der selbst 
in der Nähe einer großen Stadt wohnt und die Data dazu 
aus seiner eigenen Wirtschaft entnimmt. Eine solche Unter- 
suchung würde sehr schwierig, aber auch höchst instruktiv 
sein, und sie würde manche Dunkelheit in der Theorie der 
Landwirtschaft zur Sprache bringen und aufhellen. 



— 214 — 

Allemal • aber werden die Kartoffeln einen großen Teil 
des Ackers in dem Kreise der freien Wirtschaft einnehmen, 
und wir können aus der Kenntnis der Landrente, die der 
Kartoffelbau gewährt, genugsam auf die wirkliche Landrente 
schließen, um die Frage, welchen Platz die freie Wirtschaft 
und die Forstwirtschaft in dem isolierten Staat einnehmen 
werden, entscheiden zu können. 

In der nächsten Umgebung der Stadt beträgt die 
Landrente 

der Wirtschaft A, die den Dung zu den Kar- 
toffeln selbst produziert 13 411 Tlr. 

der Wirtschaft B, die den Dung zu den Kar- 
toffeln ankauft 29808 „ 

der Forstwirtschaft, wenn der Faden Holz in 

der Stadt 21 Tlr. gut . . 4548 „ 

A'ier Meilen von der Stadt entfernt beträgt die 
Landrente 

der Wirtschaft A ^462 „ 

der Wirtschaft B 7-467 „ 

der Forstwirtschaft 2458 ,, 

212 Wenn nun auch wegen des notwendigen Wechsels der 
Früchte in der Fruchtfolge solche Gewächse aufgenommen 
werden müssen, die eine mindere Nutzung von derselben 
Fläche geben als die Kartoffeln, wenn auch dadurch die 
Landrente des ganzen Feldes bis zur Hälfte dessen, was 
der mit Kartoffeln besteDte Teil bringt, herabsinken sollte: 
so liberwiegt dessenungeachtet in der Nähe der Stadt die 
Landrente der freien Wirtschaft in der Forstwirtschaft noch 
sehr bedeutend. 

Die Forstkultur weicht hier wegen der hohen Land- 
rente, die der Boden trägt, zurück und wird nach einem 
Boden von minderer Landrente verwiesen. 

Bis auf 4 Meilen von der Stadt, oder so w^eit als der 
Dungankauf aus der Stadt reicht, ist das Übergewicht der 



— 215 — 

freien Wirtschaft völlig entschieden. Weiterhin träte die 
Forstkultur in Kollision mit der Wirtschaft A, die den Dung 
zu den Kartoffeln selbst produziert, und würde auch von 
dieser noch eine Strecke zurückgedrängt werden, wenn der 
Boden hier noch denselben Reichtum wie in der Nähe der 
Stadt hätte. Wir haben aber angenommen, und wir müssen 
dieser Annahme treu bleiben , daß der Boden nur soweit, 
als der Dungankauf aus der Stadt reicht, einen höheren 
Reichtum als der übrige Teil der großen Ebene enthält. 

Es bleibt also nur noch zu untersuchen, ob auf Boden 
von minderem Reichtum, der nach reiner Brache 8 Körner 
an Roggen trägt, durch den Anbau der Kartoffeln zum Zweck 
des Verkaufes die Landrente so hoch steigt, daß dadurch 
die Forstkultur zurückgedrängt wird; wodurch sich dann 
ein neuer Kreis mit einer eigentümlichen Wirtschaftsart 
zwischen dem Kreise der freien Wirtschaft und dem der 
Forstwirtschaft bilden würde. 

Wir bedürfen zu dieser Untersuchung der Lösung der 
Frage: wie verändern sich die mit der Erzielung der Kar- 
toffeln verbundenen Arbeitskosten auf Boden von verschie-213 
denem Erti-age? 

Meine Berechnung, welche sich auf die zu T. gemachten 
Erfahrungen gründet, ergibt hierüber folgendes: 
Wenn 100 DR. einen Er- so betragen die Arbeitskosten 

trag geben von für 1 Schfl. Kartoffeln 

115 Sclifl. Kartoffeln 3,8 ßl. 

100 „ „ 4,2 ßl. 

90 „ „ 4,6 ßl. 

80 „ „ 5,1 ßl. 

70 „ „ 5,7 ßl. 

60 „ „ 6,5 ßl. 

50 „ „ 7,8 ßl. 

Diese Berechnung ist zwar nicht so genau, wie die 
über den Kornbau, teils weil der Kartoffelbau nicht im 



— 216 — 

großen betrieben ist, hauptsächlich aber weil die bei den 
Kartoffeln vorkommenden Arbeiten zum Teil nur summai'isch, 
nicht speziell in den Rechnungen aufgezeichnet sind, wo- 
durch denn bei der Trennung der Kosten, in solche, die 
mit dem Ertrage, und in solche, die mit der Größe des 
Feldes im Verhältnis stehen, einige Schätzungen nicht ver- 
mieden werden konnten ; aber ich glaube doch, daß das hier 
Mitgeteilte von dem, was eine völlig genaue Berechnung er- 
geben würde, sich nicht weit entfernen wird. 

Es muß bemerkt werden, daß die angeführten Arbeits- 
kosten nicht die sämtlichen Produktionskosten ausmachen; 
denn in diesen sind außer den Arbeitskosten auch noch die 
allgemeinen Kulturkosten enthalten. 

"Wir finden hier, daß beim Ertrage von 115 Schfl. auf 
100 DR. der Schfl. Kartoffeln 3,8 ßl. an Arbeit kostet; in 
der belgischen Wirtschaft kostet dagegen nach § 17 bei 
gleichem Ertrage der Schfl. niu' 3,3 ßl. an Arbeit. Dieser 
214 unterschied liegt einesteils darin , daß wir hier die Kon- 
servationskosten der Kartoffeln — Umstechen, Abkeimen 
usw. — mit berechnet haben, dort aber nicht, daß also diese 
Berechnung angibt, was die Kartoffeln beim Verbrauch, jene 
aber, was sie gleich nach der Einerntung kosten; anderen- 
teils kann es aber gar wohl sein , daß die Kartoffeln in 
Belgien, wo der Anbau derselben im großen stattfindet, und 
die Leute mit den dabei vorkommenden Arbeiten und Hand- 
griffen besser bekannt sind, wohlfeiler erzeugt werden als hier. 

Aus der obigen Zusammenstellung ergibt sich, daß die 
Arbeitskosten, welche die Hervorbringung eines Scheffels 
Kartoffeln verursacht, bei dem abnehmenden Ertrag des 
Bodens sehr stark zunehmen, daß diese auf dem Boden, der 
nur 50 Schfl. von 100 DR- liefert, doppelt soviel betragen, 
als auf einem Boden von 115 Schfl. Ertrag auf gleicher 
Fläche. "Wenn nun auf dem reichen Boden die Hervor- 
bringung von G Schfl. Kartofi'eln ungefähr so viele Arbeit 



— 217 — 

kostet als die von 1 Schfl. Roggen, so wird dagegen auf 
ärmerem Boden die Erzielung von 3 Schfl. Kartoffeln beinahe 
soviel kosten als die von 1 Schfl. Roggen. Nehmen wir 
die Arbeit selbst zum Maßstab, so ergibt sich hieraus das 
Resultat, daß auf reichem Boden dieselbe Arbeit durch den 
Kartoffelbau zweimal soviel Nahrungsmasse für Menschen 
hervorbringt als durch den Getreidebau; daß aber auf 
ärmerem Boden die auf den Kartoffelbau verwendete Arbeit 
kein größeres Produkt hervorbringt als die dem Getreidebau 
gewidmete Arbeit. 

Wenn nun einerseits auf Boden, der nur 8 Körner 
trägt, die Produktionskosten der Kartoffeln so bedeutend 
gesteigert werden; wenn wir andererseits erwägen, daß auf 
Boden von diesem Reichtum kein Kleebau mit Stallfütteruug 
stattfinden kann, daß dann aber zum Ersatz der Aussaugung 
des Kartoffelschlags 2^/4 Weideschläge erforderlich sind, daß 215 
folglich nur ein geringer Teil der Ackerfläche mit Kartoffeln 
bestellt werden darf : so können wir uns auch ohne genauere 
Berechnung davon überzeugen, daß ein Boden von diesem 
Reichtum 4 Meilen von der Stadt gelegen, durch den An- 
bau der Kartoffeln zum Zweck des Verkaufs nicht bis zu 
einer Landrente von 2458 Tlr. gehoben werden, und daß 
folglich die Forstkultur durch eine solche Wirtschaft nicht 
zurückgedrängt werden kann. 

Es wird also der Kreis der Forstwirtschaft sich dem 
Kreise der freien Wirtschaft unmittelbar anschließen. 



Wir haben immer den Preis der Kartoffeln als bekannt 
angenommen und daraus die Landrente, die der mit Kar- 
toffeln besteUte Boden bringt, berechnet; wir müssen nun 
auch umgekehrt für den Fall, daß die Landrente gegeben 
ist, den Preis, zu dem die Kartoffeln geliefert werden können, 
bestimmen. 



— 218 



Bei dieser üntersiichuDg lege ich wiederum die belgische 
Wirtschaft, die im § 17 betrachtet "worden, zu Grrunde. 

Die Landrente dieser Wirtschaft, die weder Kartoffeln 
noch Heu und Stroh verkauft, und ihre ganze Einnahme 
aus dem Verkauf von Geti-eide und A^iehprodukten bezieht, 
ist 3749 Schfl. Roggen ~ 2044 Tlr. 



Wenn nun der Schfl. Roggen 



273 



182 + x 

, • T 1 . • .-, T -1 1 , 651469 

tragt die Landrente m (jeld ausgednickt 



Tlr. gilt, so be- 
22664 X, 



Tlr 
182 + x 

AVird auf einem Boden, der durch die gewöhnliche 
Wirtschaft diese Landrente abwirft, die vorhin betrachtete, 
den Verkauf der Kartoffeln bezweckende Wirtschaft A ein- 
geführt; so kommt auf jede der 1440 Ladungen Kartoffeln, 
die diese Wirtschaft hervorbringt. 



216 an Landrente 

die Produktionskosten betragen wie in der 
Wirtschaft A 



die Transportkosten 



452 — 15,7 X 
182 + x 

489 — 4,7 X 
182 + X 

199,5 X 
182 + X 



Summe der Kosten 
st die Entfernung von so ist der Preis 


941 + 179,1 X 
182 + X 


der Stadt oder 


einer Ladung 


eines Scheffels 


X = Meilen 


. . 5,2 Tlr. . . 


. 10,4 ßl. 


X = 1 
X = 2 


15 


. . 6,1 „ . . 

. . 7,1 „ . . 


19, 
• 14,2 „ 


X = 3 


?) 


. . 8 „ . . 


. 16 „ 


X = 4 

X = 7,5 


55 
55 


. . 8,f. „ . . . 
. . 12 „ . . 


• 17,8 „ 
24 

• "^ 55 



Der Preis, zu welchem die Kartoffeln zu Markt gebracht 
werden können, hängt also gar selir ab von der Entfernung 



— 219 — 

zwisclien dem Orte, wo sie produziert, und dem, wo sie 
konsumiert werden. Beträgt diese Eutfernung nur 1 Meile, 
so ist der Preis der Kartoffeln 12,2 ßl. pr. Schfl. ; wächst 
aber die Entfernung bis zu 7,5 Meilen , so steigt der Preis 
bis auf 24 ßl. 

Nun wird der Anbau der Kartoffeln unstreitig so nah 
als möglich bei dem Orte, wo sie konsumiert werden, ge- 
schehen, \md nur in dem Fall, wenn der Bedarf einer Stadt 
so groß ist, daß dieser aus der nahe liegenden Gegend nicht 
befriedigt werden kann, müssen die Kartoffeln ans weiterer 
Ferne zu Markt gebracht werden. 

Die Größe des Bedarfes entscheidet also über den Preis 
der Kartoffeln, und diese werden deshalb in einer großen 
Stadt sehr viel teurer sein als in einer kleinen. Wäre aber 217 
der Bedarf einer Stadt so groß, daß, um diesen zu be- 
friedigen, der Preis der Kartoffeln mehr als ^/s des Roggen- 
preises betragen müßte, so würde das Getreide ein wohl- 
feileres Nahrungsmittel als die Kartoffeln werden, und dann 
würde der Verbrauch derselben soweit eingeschränkt werden, 
bis der Preis wieder auf Vs des Roggenpreises herunterginge. 

Das gemeinschaftliche Maß , das zwischen Roggen und 
Kartoffeln durch das Verhältnis der Nahrhaftigkeit statt- 
findet, bestimmt also das Maximum des Preises der Kar- 
toffeln bei einem sehr großen Bedarf; bei einem geringeren 
Bedarf wird aber der Preis der Kartoffeln nicht durch dieses 
Verhältnis der Nahrhaftigkeit, sondern durch die Kosten, 
die es verursacht, sie zu Markt zu bringen, reguliert. 

Nun ist die Stadt des isolierten Staates von einem 
solchen Umfange, daß der Bedarf derselben an Kartoffeln 
durch den Kreis der freien Wirtschaft nicht ganz wird be- 
friedigt werden können; der Preis der Kartoffeln muß also 
bis zum Maximum steigen, und unsere obige Annahme, daß 
die Kartoffeln in der Stadt selbst ^/s des Roggenpreises 
gelten werden, ist dadurch gerechtfertigt. 



— 220 — 

Es verdient bemerkt zu werden, daß die Kartoffeln, 
obgleich sie im Verhältnis zum Getreide ein so großes 
Quantum Nahrungsstoff von derselben Fläche liefern, dennoch 
wenig geeignet sind, eine sehr große Stadt ohne Beihilfe 
des Getreides mit Lebensmittteln zu versorgen. 

In der Wirtschaft A fanden wir, daß die Landrente 
beim Bau der Kartoffeln auf einem sehr reichen Boden schon 
bei 9,3 Meilen Entfernung von der Stadt verschwindet, 
während der Getreidebau auf Boden von weit minderem 
Reichtum bis 31,5 Meilen von der Stadt eine Landrente 
abwirft. Wären nun die Kartoffeln das einzige vegetabilische 
218 Nahrungsmittel , so müßte die Kultur des Bodens schon bei 
9,3 Meilen von der Stadt enden, der isolierte Staat würde 
also eine geringe Ausdehnung haben, und die Stadt selbst 
würde eine seiir viel geringere Volksmenge enthalten müssen. 

Die Kartoffeln bieten noch Stoff zu manchen Fragen 
und Untersuchungen dar. So könnte man z. B. die Fragen 
aufwerfen : 

1. welche Einwirkung hat die Verbreitung des Kartoffel- 
baues, wenn die Kartoffeln zur Nahrung für Menschen 
verwandt werden, auf den Getreidepreis; 

2. welchen Einfluß hat die Einführung des Kartoffel- 
baues, wenn die Kartoffeln zum Viehfutter verwandt 
werden, auf den Preis der Viehprodukte und auf die 
Größe der Landrente, welche die Viehzucht gewährt? 

Zu einer solchen Untersuchung und zur Lösung der auf- 
gestellten Fragen sind wir aber, indem uns die dazu nötigen 
Vordersätze fehlen, hier nicht berechtigt. Nur folgende Be- 
merkung dürfte hier noch an ihrer Stelle sein. 

Die Kartoffeln können, wie wir gesehen haben, in dem 
isolierten Staat nach einer kleinen Stadt zu der Hälfte des 
Preises, den sie in der großen Stadt haben, geliefert werden. 
In der Wirklichkeit wird durch die Lage der Städte an 
Flüssen dieser Unterschied gemindert, aber nicht aufgehoben. 



— 221 — 

So wie nun die Kartoffeln mehr und mehr ein Hauptnahrungs- 
mittel werden und den Verbrauch des Getreides beschränken, 
so muß sich auch der Unterschied in dem Arbeitslohu, der 
in beiden Städten gezahlt wird, mehr und mehr vergrößern. 
Denn wenn auch der reelle Arbeitslohn, d. i. die Summe 
der Lebensbedürfnisse, die sich der Arbeiter für seinen Lohn 
verschaffen kann, in beiden Städten völlig gleich ist; so 
muß doch dieser Lohn in Geld ausgedrückt, nach der Ver-219 
schiedenheit des Preises der ersten Lebensbedürfnisse sehr 
verschieden ausfallen. 

Nun können Fabrik- und Manufakturwaren an dem Orte, 
wo der Arbeitslohn am niedrigsten ist, wenn alle übrigen 
Umstände gleich sind, auch am wohlfeilsten fabriziert werden ; 
und so liegt in der größeren Verwendung der Kartoffeln zur 
menschlichen Nahrung ein Hemmnis gegen die Anhäufung 
der Menschen in sehr großen Städten. (5) 



§ 2L 
Dritter Kreis. 

Fruchtwechselwirtschaft. 

Um die Fällung emes Urteils über die Frage, ob die 
Fruchtwechselwirtschaft hier einen Platz findet, zu erleichtern, 
wird es dienlich sein, die Verhältnisse des isolierten Staats, 
die auf diese Frage einen entscheidenden Einfluß haben, 
übersichtlich zusammen zu stellen. 

1. Der Boden besitzt überall den Reichtum, um in der 
7 schlägigen K. W. nach reiner Brache 8 Körner im 
Roggen tragen zu können, und dieser Boden soll, in 
bezug auf seinen Reichtum, im beharrenden Zustande 
bleiben. 



— 222 — 

2. Der Preis des Roggens in der Stadt ist 1^/2 Taler 
pr. Scheffel. 

3. Der isolierte Staat besitzt einen bloß Viehzucht treiben- 
den Kreis, und durch die Konkurrenz dieses Kreises 
wird der Preis der Viehprodukte so tief herabgedrückt, 
daß in den übrigen Gegenden des isolierten Staats — 
mit Ausnahme des Kreises der freien Wirtschaft — 
der Anbau der Futtergewächse teils nur eine geringe, 
teils gar keine Landrente abwirft. 

4. Nach der im § 15 von der F. W. W. gegebenen 
Definition, bildet der bloße Wechsel von Halm- und 

220 Blattfrüchten noch keine F. W. W., sondern die Wirt- 

schaft erhält erst dann diese Benennung, wenn mit 
dem Wechsel zwischen Halm- und Blattfrüchten die 
Abschaffung der reinen Brache verbunden ist. 

5. Die in dieser Schrift vorkommenden Berechnungen 
über den Ertrag verschiedener Wirtschaftssysteme sind 
auf die Erfahrungen eines Gutes basiert, wo Boden 
und Klima gemeinschaftlich dahin wirken, daß Roggen 
nach grün gemähten Wicken, bei gleichem Bodenreich- 
tum, nur 5/6 des Ertrags, den der Roggen nach reiner 
Brache gibt , liefert ; wo also der Faktor der Kultur 
für Roggen nach Wicken nur 0,S3 beträgt, 

6. Die geringeren Kosten, die mit dem Anbau des dem 
Hofe nahe liegenden Ackers im Vergleich mit dem des 
entlegenen Ackers verbunden sind, bringen die Tendenz 
hervor, jenen Acker von diesem in der Bewirtschaf- 
tungsweise zu trennen, und auf dem näher liegenden 
Acker eine mehr intensive Wirtschaft einzuführen. 

Diesem entgegen steht die Schwierigkeit, nach einer 
solchen Trennung, mit dem Vieh nach der entfernteren 
Weide zu gelangen, was in manchen Fällen dann nur 
durch besondere Viehtriften zu erreichen ist. In der 
Wirklichkeit finden wir deshalb auch, wenn die Figur 



— 223 — 

des Feldes keine Teilung in Binnen- und Außenfeld 
zulässig macht, in der Regel keine solche Trennung. 
Für den isolierten Staat haben Avir nun gleichfalls 
angenommen, daß diese Schwierigkeit überwiegend sei, 
daß deshalb jene Tendenz nicht zur Tat wird, und 
daß eine und dieselbe Wirtschaftsform sich über das 
ganze Feld verbreitet. 
7. Unseren Untersuchungen liegt die Voraussetzung zu 
Grunde, welche auch im § 15 ausgesprochen ist, daß 
mit dem Ackerland Wiesen verbunden sind, die das 221 
für das D. F. W. und K. W. nötige Heu liefern, wo- 
von der Dung aber einem in einer besonderen Rotation 
hegenden Teil des Ackers, der hier nicht weiter in 
Betracht gezogen ist, zugute kommt. 
Für die D. F. W. und K. W, fällt also das Bedürfnis 
weg, Heu zur Winterfütterung des Yiehes auf dem Acker 
selbst zu erbauen. Zu einer Mehrerzeugung an Heu auf 
dem Acker und somit zu einer Annäherung an die F. W. W., 
könnten diese Wirtschaften sich deshalb nur dann bewogen 
finden, wenn der Wert des mehr erzeugten Dungs, und der 
Reinertrag des mehr gehaltenen Yiehes die Kosten des An- 
baues der Futtergewäclise deckten. 

Legen wir nun diese Bedingungen, die teils schon in 
unseren Voraussetzungen enthalten sind, teils als notw^endige 
Folgerungen daraus hervorgehen, den im § 16 über die 
F. AV. W. angestellten Untersuchungen zu Grunde, so er- 
gibt sich auch ohne spezielle Berechnung das Resultat: 

daß eine keine reine Brache haltende, sich über die 
ganze Gutsfläche ausdehnende Frucht Wechsel Wirt- 
schaft in dem isolierten Staat keine Stelle findet. 
Auch zeigt das im § 16 mitgeteilte Resultat einer ins 
einzelne gehenden Berechnung des Ertrags der belgischen 
Wirtschaft sehr bestimmt, daß eine intensive Wirtschaft 
erst bei einem weit höheren Bodenreichtum als dem im 



— 224 — 

isolierten Staat angenommenen vorteilhafter wird, als die 
extensive Wirtschaft. 

Indessen mußte für ein Wirtschaftssystem, welches bei 
zunehmendem Wolilstand der Nationen einst das herrschende 
werden wird, hier doch als dritter Kreis die Stelle be- 
zeichnet werden, welche dasselbe unter anderen Voraus- 
setzungen im isolierten Staat einnehmen würde, und von 
222 der es hier nur durch die vorausgesetzten Bedingungen und 
vorzüglich durch die Annahme einer gleichmäßigen, und 
zwar nicht hohen Fruchtbarkeit der ganzen Ebene verdrängt ist. 



Vierter Kreis, 

Koppelwirtschaft. 

Der Kreis, in welchem die Koppelwirtschaft betrieben 
wird, endet nach § 14 in der Entfernung von 24.7 Meilen 
von der Stadt, ^vo die K. W. der Dreifelderwirtschaft, die 
dort vorteilhafter wird, weichen muß. 

Die Koppelwirtschaft wird liier zwar überall stattfinden, 
aber sie wird nicht in allen Gegenden dieses sehr ausgedehnten 
Kreises eine und dieselbe Form haben, sondern vielmehr alle 
die Modifikationen erleiden, deren sie nach § 18 fähig ist. 

In dem vorderen Teil dieses Kreises wird die K. W. 
in ihrer reinen Form erscheinen, aber mit der zunehmenden 
Entfernung von der Stadt und dem verminderten Wert des 
Getreides werden stets auf Arbeitsersparung hinzielende Ver- 
änderungen eintreten ; und an der äußeren Grenze dieses 
Kreises wird beim Übergang selbst die K. W. der D. F. W. 
schon sehr ähnlich sein. 



— 225 — 

§ 23. 

Fünfter Kreis. 

Dreifelderwirtschaft. 

Die Dreifelderwirtschaft fängt nach § 14 in der Ent- 
fernung von 24,7 Meilen von der Stadt an, und endet in 
der Entfernung von 31,5 Meilen, wo die Landrente der- 
selben, wenn die Wirtschaft auf Kornverkauf begründet ist, 
gleich wird. 

Jenseits dieser Grenze kann bei dem Preise von 1^/2 Tlr. 
für den Schfl. Roggen kein Korn zum Zweck des Verkaufs 
nach der Stadt gebaut werden, und es muß also der Korn- 223 
Überschuß, den diese fünf Kreise liefern, mit dem Kornbedarf 
der Stadt im Gleichgewicht sein. 



§ 24. 

Durch welches Gesetz wird der Preis des Ge- 
treides bestimmt? 

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir für 
einen Augenblick annehmen , daß in dem isolierten Staat, 
nachdem derselbe die Gestalt gewonnen hat, die wir in den 
vorhergehenden Untersuchungen entwickelt haben, der Preis 
des Roggens in der Stadt selbst von 1^'2 Tlr. bis zu 1 Tlr. 
für den Schtl. heruntergehe. 

Dem 31,5 Meilen von der Stadt entfernten Gute kostet 
die Produktion des Schfl. Roggen 0,47 Tlr., die Transport- 
kosten für 1 Schfl. Roggen bis zur Stadt betragen 1,03 Tlr. 

Dieses Gut wird also, sobald der Schfl. Roggen in der 
Stadt selbst nur 1 Tlr. gilt, kein Korn nach der Stadt liefern 
können. In einer ähnlichen Lage sind alle Güter, denen 
Thünen, Der isolierte Staat. 15 



— 226 — 

der Schfl. Roggen an Produktions- und Transportkosten nach 
der Stadt mehr als einen Taler kostet, und dies ist der Fall 
für alle Güter, die weiter als 23,5 Meilen von der Stadt 
entfernt liegen. 

Indem nun die ganze Gegend, welche weiter als 23,5 
Meilen von der Stadt entfernt ist, kein Korn mehr zur Stadt 
liefert, muß in der Stadt selbst, vorausgesetzt, daß die Be- 
völkerung und die Konsumtion unverändert geblieben sind, 
der größte Mangel entstehen, wodurch die Preise augen- 
blicklich wieder steigen. Das heißt mit anderen Worten: 
der Preis von 1 Tlr. ist hier unmöglich. 

Die Stadt kann ihren Kornbedarf nur dann geliefert 
erhalten, wenn sie einen Preis dafür bezahlt, der hinreichend 
ist, dem entferntesten Produzenten, dessen Korn 
224 sie noch bedarf, mindestens die Produktions- 
und Transportkosten des Korns zu vergüten. 

Nun ist aber der Kornbedarf der Stadt so groß, daß 
zur Hervorbringung desselben der Korn bau bis 31,5 Meilen 
von der Stadt ausgedehnt werden muß; und weil in dieser 
Entfernung nur dann Korn für die Stadt gebaut werden 
kann, wenn der Mittelpreis des Roggens IV2 Tlr. beträgt, 
so kann auch kein niedrigerer Preis stattfinden. 

Nicht bloß für unseren isolierten Staat, sondern auch in 
der Wirklichkeit, wird der Preis des Korns durch folgendes 
Gesetz bestimmt: 
Der Preis des Korns muß so hoch sein, daß 
die Landrente desjenigen Guts, welchem die 
Produktion und Lieferung des Getreides nach 
dem Markt am kostspieligsten wird, dessen 
Anbau aber zur Befriedigung des Getreide- 
bedarfs noch notwendig ist, nicht unter Null 
herabsinkt. 

Der Geti-eidepreis ist also weder willkürlich noch zu- 
fällig, sondern an feste Regeln gebunden. 



— 227 — 

Fände dagegen eine dauernde Yeränderung in dem 
Bedarf statt, so bringt dies auch eine dauernde Änderung 
in dem Getreidepreis hervor. 

Verminderte sich z. B. die Konsumtion so weit, dai5 ein 
Kreis von einem Halbmesser von 23,5 Meilen den Bedarf 
der Stadt befriedigen könnte, so würde dadurch auch der 
Mittelpreis des Getreides bis zu 1 Tlr. für den Schfl. Roggen 
heruntersinken. 

Vermehrte sich im Gegenteil die Konsumtion, so wiu'de 
die bisher kultivierte Ebene den Bedarf der Stadt nicht mehr 
befriedigen können, und die mangelhafte Versorgung des 
Marktes würde höhere Preise erzeugen. Durch die Erhöhung 
des Preises würden die entlegensten Güter, welche bisher 225 
keine Landrente trugen, einen Überschuß gewähren, der eine 
Landrente begründet; der hinter diesen Gütern liegende 
Boden würde noch mit Vorteil angebaut werden, die kul- 
tivierte Ebene würde sich so weit erweitern, als die Produk- 
tion des Korns noch eine Landrente abwirft. 

Sobald dies geschehen, würden Produktion und Kon- 
sumtion wieder im Gleichgewicht sein ; aber der Getreide- 
preis bliebe für immer erhöht. 

Die Erhöhung der Produktion bringt ähnliche Wir- 
kungen auf den Getreidepreis hervor, wie die verminderte 
Konsumtion. 

Würde z. B. der Ertrag des Bodens in dem isolierten 
Staat von 8 auf 10 Körner erhöht, und der Bedarf der 
Stadt bliebe derselbe : so würde ein viel geringerer Teil der 
Ebene zur Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln hin- 
reichend sein ; der übrige Teil der Ebene wäre dann für die 
Stadt entbehrlich, und im Fall bei dieser Fruchtbarkeit des 
Bodens ein Kreis, dessen Halbmesser 23,5 Meilen beträgt, 
den Bedarf der Stadt befriedigen könnte, würde der Preis 
des Roggens bis zu 1 Tlr. für den Schü. heruntergehen. 

Wäre dagegen die Erhöhung des Körnererti-ags von einer 

15* 



— 228 — 

solchen Steigerung der Konsumtion begleitet, daß der Ge- 
treidepreis fortwährend derselbe bliebe: so würde dies zu 
einer ungemein großen Zunahme der Bevölkerung und des 
Nationalreichtums führen. 

Wenn das Gut, dessen Boden 8 Körner trägt, ungefähr 
4 Körner zur Versorgung der Städte abgeben kann, so wird 
dagegen das G-ut mit einem Bodenertrage von 10 Körnern 
mindestens 5^/2 Körner abgeben können. Zugleich erweitert 
sich nach § 14 mit dem steigenden Körnerertrag des Bodens 
226 der Anbau der Ebene von 31,5 bis zu 34,7 Meilen von der 
Stadt. Durch diese gleichzeitige Steigerung der intensiven 
und der extensiven Kultur würde die Bevölkerung des ganzen 
Staates um etwa 50 % vermehrt werden können ; und diese 
größere Volksmenge würde ebenso reichlich ernährt werden 
als früher die kleinere. 

Die Größe der Konsumtion in der Stadt muß, wenn 
man nicht einzelne Jahre sondern längere Zeiträume über- 
blickt, mit der Größe des Einkommens dieser Stadt im Ver- 
hältnis stehen. Bei einem gleichbleibenden Ertrage des 
Bodens wird also das Steigen oder Fallen der Getreide- 
preise von dem Zunehmen oder Abnehmen des Einkommens, 
welches die konsumierende Klasse der Staatsbürger genießt, 
abhängen. 

Die Marktpreise des Getreides stimmen selten oder fast 
nie mit dem Mittelpreise desselben überein : sie sind vielmehr 
im steten Schwanken begrilTen, stehen bald höher, bald 
niedriger als der Mittelpreis und hängen von dem momen- 
tanen Überfluß oder Mangel ab. 

Da die Kapitalauslagen beim Landbau zur Errichtung 
von Gebäuden usw. erst nach einer langen Reihe von Jahren 
wieder erstattet werden : so entscheidet auch der Marktpreis 
eines Jahres und die daraus hervorgehende Gutseinnahme 
nicht über die richtige oder unrichtige Verwendung dieses 
Kapitals. 



— 229 — 

Bei unseren Untersuchungen, die bisher stets auf den 
letzten Erfolg, aber niemals auf die Erscheinungen, die sich 
bei dem Übergange aus einem Zustande in den anderen 
zeigen, gerichtet gewesen sind, haben wir deshalb immer 
auch nur den Mittelpreis des Getreides, der sich aus dem 
Durchschnitt der Marktpreise einer großen Reihe von Jahren 
ergibt, zu gründe legen können. 



§ 25. 227 

Ursprung der Landrente. 

Wenn zu gleicher Zeit Roggen aus der weitesten Ent- 
fernung und aus der nächsten Umgebung der Stadt zu Markt 
gebracht wird : so kann der in der Ferne gebaute Roggen 
nicht unter 1^/2 Tlr. pro Scheffel verkauft werden, weil er 
den Produzenten so viel kostet; dagegen könnte der in der 
Nähe wohnende Produzent seinen Roggen ungefähr zu einem 
halben Taler verkaufen, und er erhielte doch die sämthchen 
auf die Produktion und den Transport des Roggens ver- 
wandten Kosten wieder ersetzt. 

Nun kann aber dieser weder gezwungen, noch kann es 
ihm zugemutet werden, seine Ware von gleicher Güte zu 
einem niedrigeren Preise als dem, den jener dafür erhält, zu 
verkaufen. 

Für den Käufer hat der aus der Nähe zu Markt ge- 
brachte Roggen ebenso vielen Wert als der aus der Ferne, 
und es kümmert ihn nicht, ob dieser oder jener mehr her- 
vorzubringen gekostet hat. 

Was nun der Produzent aus der Nähe der Stadt für 
seinen Roggen mehr erhält, als was er ihm kostet, das ist 
für ihn reiner Gewinn. 



— 230 — 

Da dieser Gewinn dauernd ist und jährlich wiederkehrt, 
so gibt auch der Grund und Boden seines Gutes eine jähr- 
liche Eente. 

Die Landrente eines Gutes entspringt also 
aus dem A^orzug, den es vor dem, durch seine 
Lage oder durch seinen Boden, schlechtesten 
Gute, welches zur Befriedigung des Bedarfs 
noch Produkte hervorbringen muß, besitzt. 

Der Wert dieses Vorzugs, in Geld oder Korn ausgedrückt, 
bezeichnet die Größe der Landrente. 
228 Diese aiis imseren bisherigen Untersuchungen hervor- 
gehende Erklärung des Ursprungs der Landrente ist aber 
nicht vollständig und erschöpfend ; denn andere Unter- 
suchungen, die im 2 ten Teil dieses Werkes mitgeteilt werden 
sollen, ergeben, daß bei völliger Gleichheit der Güter in der 
Fruchtbarkeit des Bodens, in der Lage zum Absatz der 
Produkte, und in allen auf deren Wert iutluierenden Po- 
tenzen , der Boden dennoch eine Landrente abwerfen kann, 
wenn nur kein unkultivierter Boden umsonst mehr zu haben ist. 

Es muß also noch eine andere tiefer liegende Ursache 
der Entstehung der Landrente vorhanden sein, als die des 
Wertvorzugs des einen Gutes vor dem anderen. 

Die hier angegebene Ursache kann dadurch aber weder 
widerlegt noch aufgehoben werden, sondern muß in dem 
allgemeinen Gesetz mit enthalten sein. 

Es wird deshalb auch in der Wirklichkeit, — wo in 
der Regel schon irgendein Boden , der keine Landrente ab- 
wirft, in Kultur genommen ist — der Wertvorzug eines 
Bodens vor dem durch seine geringe Fruchtbarkeit und 
seine Lage schlechtesten aber bereits angebauten Boden, 
zum Maßstab für die Größe der Landrente dienen können. 



— 231 — 

§ 26a. 
Sechster Kreis. 

Viehzucht. 

Wir haben zwar im § 23 gesehen, daß die Kultur des 
Bodens, wenn die Wirtschaft auf Korn verkauf begründet 
ist, bei 31,5 Meilen von der Stadt endet; aber hieraus folgt 
noch nicht, daß dies die absolute Grenze der Kultur sei: 
denn wenn es Produkte gibt, die im Verhältnis ihres Wertes 
mindere Ti-ansportkosten erfordern als das Getreide, so können 
diese hier noch mit Yorteil erzeugt werden. 

Solche Produkte liefert nun die Viehzucht; und wir 229 
wenden uns jetzt zu der Berechnung des Ertrags, den eine 
sogenannte Holland erei oder Kuherei hier geben wird. Zu- 
vor müssen wir aber die Kosten, die der Transport der Butter 
von hier nach der vStadt verursacht, zu bestimmen suchen. 

Die Fracht für eine Ladung von 2400 U. beträgt nach 

^ 4 1 Qo I — Taler. Setzen wir x = 31,ö, so finden wir, 

iOii — |— X 

daß für diese Entfernung von der Stadt die Transportkosten 
^'/lo ßl. für ein Pfund betragen. 

Der Transport der Butter kann aber aiis mehreren 
Gründen nicht so wolüfeil sein als der des Getreides. 
Erstens kann das Verfahren der Butter nicht wie das des 
Korns bis zum Winter, wo die Pferde doch oft unbeschäftigt 
sind, verschoben, sondern diese muß frisch und also in kleinen 
Quantitäten verkauft und verfahren werden. Es werden 
also oft halbe Ladungen zur Stadt geschickt werden müssen ; 
oder der Transport wird durch Fuhrleute geschehen, die, 
weil sie aus dem Frachtfahren ein Gewerbe machen und 
davon leben, eine höhere Fracht haben müssen, als was der 
Transport durch eigene Pferde kostet. Auch wird im letzteren 



232 — 



Fall der Verkauf der Butter durch einen anderen als den 
Produzenten geschehen müssen, und so gesellen sich dann 
zu der Fracht noch die Kosten des Verkaufs der Butter 
hinzu. Zweitens muß die Butter bei der Versendung in 
Fässer geschlagen werden, deren Anschaffung mit Kosten 
verbunden ist, und die durch ihr eigenes Gewicht die Fracht 
für die Butter vermehren. 

Diesen Gründen zufolge nehmen wir an, daß die Trans- 
port- und Verkaufskosten für ein Pfund Butter auf 5 Meilen 
1/5 ßl, auf 25 Meilen 1 ßl. und auf 30 Meilen Vb ßl., also 
230 ungefähr das Doppelte von dem, was wir für das Korn be- 
rechnet haben, kosten wird. Wir wollen dabei keine Rück- 
sicht darauf nehmen, daß die Transportkosten pr. Meile mit 
der größeren oder geringeren Entfernung von der Stadt 
sich ändern, sondern diese gleichstellen; weil die Ver- 
fahrungskosten der Butter im Verhältnis zu dem Wert der- 
selben so gering sind, daß die Gleichstellung kaum einen 
bemerkbaren Einfluß auf die Richtigkeit der Rechnung, die 
dadurch aber sehr viel klarer und einfacher wird, äußern kann. 
Wenn nun der Preis der Butter auf dem Marktplatz 
9 ßl. WIb pr. Pfund von 36 Lot beträgt, 



so gehen an Transportkosten 
ab für eine Entfernung von 
der Stadt 
von Meilen 
10 „ 
20 „ 
30 „ 

40 „ ... 1^/5 
50 2 



1/5 ßl. 

2/5 ßl. 

4/5 ßl. 

11/5 ßl. 

ßl. 

ßl. 



der W^ert der Butter auf 
dem Gute selbst ist dann 



8V0 ßl. pr. ü. 

83/5 ßl. „ 

8V5 ßl. „ 

74/5 ßl. „ 

7-V5 ßl. 

7 ßl. „ 



Nach § 4 beträgt der Wert eines Schfl. Roggen auf 
dem 30 Meilen von der Stadt entfernten Gut O.512 Tlr,, 
also nur ungefähr ^'3 des Marktpreises. Der Wert der 
Butter in dieser Entfernvmg von der Stadt ist dagegen 



— 233 — 

noch 7^/5 ßl. pr. /^., welches beinahe '•Is des Marktpreises 
ausmacht. 

Das Übergewicht der näheren Gegenden, welches beim 
Kornbau so bedeutend ist, wird in Hinsicht der Viehproduk- 
tionen sehr geringe ; ja diesem, aus den minderen Transport- 
kosten entstehenden Übergewicht treten die minderen Kosten, 
welche in den entfernten Gegenden mit der Hervorbringuug 
der Yiehprodukte verbunden sind, direkt entgegen. 

Die Kosten des Unterhalts der Leute, welche bei der 
Yiehzucht gebraucht werden, die Erbauungs- und Erhaltungs- 231 
kosten der Gebäude, welche fiir das Vieh notwendig sind, 
so wie die meisten anderen Ausgaben bei der Viehzucht, 
richten sich zum größeren Teil nach dem Kornpreise und 
müssen da, wo der Schfl. Roggen einen halben Tlr. wert ist, 
sehr viel geringer sein, als da, wo der Roggen 1^/2 Tlr. gilt. 

Ob aber die Ersparung an Produktionskosten in den 
entfernten Gegenden die Vermehrung der Transportkosten 
deckt oder überwiegt, werden wir aus der folgenden Be- 
rechnung ersehen. 

Um aber Mißverständnisse zu heben, die dadurch ver- 
anlaßt sind, daß ich in der Isten Auflage dieser Schrift 
bloß das Resultat meiner Rechnung angeführt habe, 
glaube ich die Erfahrungen und Schlüsse, auf denen jenes 
Resultat beruht, hier zuvor mitteüen zu müssen. 

Um den Futterwert von Heu, Stroh und Gras zu er- 
mitteln, ist der Reinertrag, den die besseren Holländereien 
in Mecklenburg in dem Zeitraum von 1810 — 15 (welcher 
allen Berechnungen in dieser Schrift zu gründe liegt) bei 
der Verpachtung gaben, zum Maßstab genommen. 

Die Pacht pr. Kuh ist unter der Bedingung, daß der 
Holländer (Kuhpächter) kein Deputat an Korn, aber auf 
10 Pachtkühe eine Freikuh nebst Weide und Rauhfutter für 
2 Pferde und 1 bis 2 Fohlen erhält, zu I21/2 Tlr. N^/s oder 
13 Tlr. 18 ßl. Gold angenommen — eine Pacht, welche 



— 234 — 

in jener Zeit für die besseren HoUändereien die land- 
übliche war. 

Für eine HoUänderei von 60 verpachteten 
Kühen beträgt demnach die Einnahme 

60 X 12V2 = 750 Th\ WIs. 

Die auf den Verpächter fallenden Kosten 
und Ausgaben als Wohnung, Gartenland 
und Feuerung für den Holländer, Un- 
232 terhaltung des Kuhhirten, Zinsen vom 
Wert der Kühe, Abnutzung oder Wert- 
verminderung der Kühe, Unterhaltung 
der Nachtkoppel usw. betragen nach 
einer spezifizierten Rechnung .... 303 Tlr. 25 ßl. 

bleiben 446 Tlr. 23 ßl. 
Hiervon gehen noch ab: die Werbungskosten 
für 53^4 Fuder Heu (^/i Fuder pr. 
Haupt) a Fuder 1 Tlr. . . . . . . 53 Tlr. 12 ßl. 

bleibt Reinertrag 393 Tlr. 11 ßl. 

Das Futter, was 60 Pachtkühe, 6 Freikühe, 2 Bollen 

und 3 Pferde, zusammen 71 Haupt an Gras, Heu und 

Stroh erhalten, wird also benutzt zu 393 Th'. 11 ßl. 

das Futter für 1 Haupt also zu 5,54 Tlr. N^/s. 

Zu bemerken und 7.u beachten ist, daß die Kühe, wovon 
hier die Rede, von der kleinen jütländischen Rasse sind, und 
im lebenden Zusta,nd 500 bis 550 /t wiegen. 

Diese zur Bestimmung des Futterwerts von Heu, Stroh 
und Gras entworfene Berechnung reichte aber zur Lösung 
der vorliegenden Aufgabe nicht aus, indem zu diesem Zweck 
der Butterertrag der Kühe und sämtliche mit der Butter- 
produktion verbundenen Kosten bekannt sein müssen. 

Es war deshalb notwendig, für eine HoUänderei von 
der Größe und Güte, wie wir sie bei der Verpachtung an- 
genommen, eine Berechnung des Ertrags und der Kosten, 
bei Betreibung auf eigene Rechnung, zu entwerfen — und 



— 235 — 

ich legte hierbei die zu T. bei einer kleinen HoUänderei 
iu den Jahren 1810 — 15 gemachten Erfahrungen zu gründe. 

Die Külie hatten in diesem Zeiti^aum im Durchschnitt 
pr. Stück jährlich 1185 Pott Milch gegeben. 

Die Butter, welche nach Befriedigung des Bedürfnisses 233 
der Haushaltung übrig blieb, wurde nach einer nahe liegenden 
kleinen Stadt in einzelnen Pfunden verkauft. Es ist hier 
aber der Gebrauch, daß die nach den Städten verkaufte 
Butter nicht gewogen, sondern mit einem sogenannten Pfund- 
faß gemessen wird. Dies Pfundfaß enthält aber mehr als 
ein Pfund oder 32 Lot Butter, und aus mehrmaligen 
"Wiegungen ergab sich damals, daß es im Durchschnitt 
36 Lot Butter faßte. 

Der Butterertrag der Kühe konnte, da das in der Haus- 
haltung verbrauchte Quantum Butter und Rahm nicht zu 
ermitteln Avar, aus den Rechnungen selbst nicht direkt ent- 
nommen werden; um denselben aber mit einiger Genauigkeit 
auszumitteln , ist der Rahm von einer bestimmten Quantität 
Milch zu verschiedenen Zeiten des Jahres — jedoch nicht 
regelmäßig in jedem Monat — zur Probe gebuttert, und 
nach dem Ergebnis dieser Proben ist angenommen, daß aus 
100 Pott Milch durchschnittlich 6 gemessene Pfunde a 36 
Lot Butter erfolgt sind. 

Der mecklenburgische Pott wird im gewöhnlichen Leben 
zu ^b preußische Quart gerechnet. Nach einer mir mit- 
geteilten Angabe, deren Richtigkeit ich aber nicht verbürgen 
kann, hält das mecklenburgische Pottmaß Aö^ls Pariser K. Z., 
das preußische Quart dagegen 57^/i P. K. Z. — und hier- 
nach sind 100 mecklenburgische Pott gleich 79 preuß. 
Quart. 

Diesen Daten gemäß wurde dann bei der Berechnung 
des Reinertrags, den eine HoUänderei von 71 Haupt, aus 
69 Kühen und 2 Bullen bestehend, bei eigenem Betrieb 
geben würde, angenommen: 



— '236 — 

l'. daß die Kühe im Durchschnitt jährlich 1200 Pott Milch 
geben ; 

2. daß aus 100 Pott Milch 6 gemessene Pfund Butter 
234 erfolgen, und der Butterertrag einer Kuh also 1200 

X TTjß = ''2 gemessene Pfund ä 36 Lot = 81 Ham- 
burger Pfund ä 32 Lot = 83,7 Berliner Pfund betrage ; 

3. daß der Mittelpreis der Butter für das Pfund von 
36 Lot, nach Abzug der Verkaufs- und Transport- 
kosten, 8^/5 ßl. N2/3 sei. 

Hieraus ergibt sich folgende Einnahme: 

69 Kühe ä 72 gemessene Pfund geben 

4968 Z/'. Butter ä 8% ßl., macht . . 890Tlr. 5ßl.N-/3 
Der Wert der Kälber und die Nutzung 
der abgerahmten Milch zur Käseberei- 
tung und zui* SchAveinemästung ist an- 
geschlagen zu 1/4 des Wertes der 

Butter, also zu . . 222Tlr.25m. 

Summe 1112 Tlr. 30ßl. 

Die Ausgaben betragen: 

1. Gehalt und Beköstigung einer die Auf- 
sicht führenden Meierin 120Tlr.— ßLN-3 

(Bei der Verpachtung bezieht diese der 

Pächter.) 

2. "Werbekosten für 53^/1 Fuder Heu . . 53 „ 12 „ 

3. Die sämtlichen übrigen Kosten, welche 
mit der Kuhhaltung und der Butter- 
produktion bei eigenem Betrieb ver- 
bunden sind , betragen nach der spe- 
ziellen Berechnung .... . . . 542 „ 4 „ 

Summe der Kosten 715 Tlr. 16 ßl. 



— 237 — 

Diese von der Einnahme abgezogen gibt 235 

einen Überschuß von 397 Tlr. 14 ßl. 

Bei der Verpachtung betrug der Überschuß 393 „ 11 ,. 

Differenz" 4 Tlr. 3 ßl. 
Es kann also, wenn beide Betriebsweisen 
gleichen Vorteil gewähren sollen, das Ge- 
halt der Meierin noch um 4 Tlr. 3 ßl. er- 
höht werden. 
Mit Hinzurechnung dieser 4 Tlr. 3 ßl. be- 
tragen die sämtlichen Kosten 719 Tlr. 19 ßl. 

Das Futter, was 69 Kühe und 2 Bullen, im 
ganzen also 71 Haupt, verzehren, wird 

dann bezahlt mit 393 Tk. 11 ßl. 

Will man nun, wie dies hier der Fall ist, ermitteln, 
wieviel auf das Quantum Futter, was von einer Kuh ver- 
zehrt wird, an Butter, an Einnahme, Ausgabe und Über- 
schuß fällt : so müssen die dafür gefundenen Summen nicht 
durch 69, sondern durch 71 geteilt werden. 

Es fällt demnach auf eine Kuh 

Tlr. N% 

1. Butterertrag, %>^2 = 4968^^^ ^^^^^^^^ 

Pfund ä Pfund 36 Lot. 

2. Wert des Kalbes und der abgerahmten Milch 

zu ^li des Wertes des Butterertrags angenommen 

70 
= -r = 171/2 a Butter. 
4 

Q P 1^ • T, 1112 Tlr. 30 ßl. .. _, . 

3. üeldemnahme, s-j = lo,67 llr. oder 

871/2 U. Butter i\ 8^/5 ßl. W.'s = 15,67 236 

A A V. 719 Tlr. 1 9 ßl. ^^ 

4. Ausgabe, ^^^i = 10,i3 

. TTK ^. a 393Tlr. 11 ßl. _ 

5. Überschuß, ^. = 0,54 

'71 ' 



— 238 — 

Zu bemerken ist aber, daß unter den für die Yielihaltung 
und Butterproduktion berechneten Kosten die Zinsen vom 
"Wert des Yiehstalles und die übrigen allgemeinen Kultur- 
kosten nicht mitbegriffen und nicht aufgeführt sind. Da aber 
erst das, was nach Abzug der allgemeinen Kulturkosten von 
dem Überfluß, den die Viehhaltung gewährt, übrig bleibt, 
eine Landrente bildet: so führt dies zu der Frage, wie die 
auf die Viehhaltung fallenden allgemeinen Kulturkosten aus- 
zumitteln und zu bestimmen sind. (6) 

Da mü' in der Wirklichkeit keine reinen Vieh wirtschaften, 
sondern nur solche Wirtschaften, in welchen die Viehzucht 
mit Äckerbau verbunden ist, bekannt sind, so kann ich diese 
Frage aus der Erfahrung nicht lösen. Es ist aber sehr 
schwierig, einen Teilungsgrundsatz aufzustellen, nach welchem 
die allgemeinen Kulturkosten einer aus Ackerbau und Vieh- 
zucht zusammengesetzten Wirtschaft auf jeden dieser beiden 
Zweige repartiert werden können ; oder wieviel von den 
allgemeinen Kulturkosten eines ganzen Gutes dem Ackerbau 
allein zur Last fällt, luid wieviel davon auf die Viehzucht 
gehört. 

Soviel ist klar, daß eine reine Viehwirtschaft diejenigen 
Gebäude haben muß, welche zum Stall für das A^'ieh, zur 
Aufbewahrung des Heues, und zu Wohnungen für die mit 
der Viehzucht beschäftigten Menschen dienen, und daß des- 
halb die Zinsen vom Wert dieser Gebäude, sowie die Unter- 
haltungskosten derselben auf das Konto dieser Wirtschaft 
kommen. 

Die übrigen im § 5 unter die allgemeinen Kulturkosten 
gerechneten Ausgaben, als Administrationskosten, Beiträge 
237 zu den Assekuranzkompagnien usw., kommen auch in einer 
reinen Viehwirtschaft vor; aber sie sind von einer gleichen 
Fläche nicht so bedeutend als beim Ackerbau, weil die Vieh- 
zucht weniger Arbeit erfordert, und ihr rohes Produkt selbst 
nicht von so großem Wert ist. Nach dem Wert des rohen 



— 239 — 

Produkts uud nach der Quantität Arbeit richtet sich aber 
die Größe der allgemeinen Kulturkosteu. 

Für die Verhältnisse von T. habe ich nach einer ins 
einzelne gehenden Schätzung die allgemeinen Kulturkosten 
einer Viehwirtschaft zu 20 ^lo vom Wert des rohen Produkts 
angenommen. 

Der rohe Ertrag von einer Kuh ist in T. 15,07 TIr. N-Zs 
Die allgemeinen Kulturkosten betragen 

hiervon 20^/0 oder .... 3,iy Tlr. 
Die Arbeitskosten betragen . . 10,i3 „ 

Diese beiden Ausgaben zusammen 13,26 „ „ 

Der völlig reine Überschuß, welcher eine 

Landrente begründet, beträgt also für 

eine Kuh 2,4i Tlr. Wis 

"Wir wollen nun erwägen, wie sich die Landrente, die 
der Boden durch die Betreibung der Viehzucht gewährt, in 
verschiedenen Entfernungen von der Stadt verhält. 

Nach § 14 wird die Landrente gleich 0, wenn der Preis 

14 

eines Schfl. Roggens = 0,47 Taler Gold, oder 0,4? X p 

= 0,45 Taler N-/3 ist. Da durch diesen Preis bloß die 
Arbeitskosten und die anderen auf den Kornbau zu ver- 
wendenden Ausgaben gedeckt werden, so kann auch in einer 
noch größeren Entfernung von der Stadt als 31,5 Meilen 
der Preis des Roggens nicht unter 0,45 Tlr. N-/3 sinken; 
und wir nehmen deshalb für den ganzen Kreis diesen 
Preis an. 

Das Getreide ist für diesen Kreis kein Gegenstand des 238 
Handels, weil kein Absatz dafür ist, und der ganze Getreide- 
bau beschränkt sich bloß auf die Befriedigung des eigenen 
Bedürfnisses. 

Wir haben oben für ein Verhältnis, wo die Preise der 
Viehprodukte sich nach den Preisen des Getreides richten, 
die Ausgaben zum Teil in Geld zum Teil in Korn aus- 



240 



gedrückt. Für diesen Kreis, in welchem Korn und Vieh- 
produkte in einem ganz anderen Wertverhältnis zueinander 
stehen , läßt sich — wenn man einen allgemeinen Maßstab 
haben will — die Wirtschaftsausgabe nicht mehr durch 
Korn und Geld allein ausdrücken , sondern man muß den 
Teil der Ausgabe, der in der Verwendung von Viehprodukten 
besteht, auch in Viehprodukten angeben und nicht auf 
Korn reduzieren. 

Eine völlig genaue Unterscheidung und Berechnung 
ist hier nicht zu eiTeichen; aber ich glaube, daß wir uns 
der Wahrheit sehr nähern , wenn wir die allgemeinen 
Kulturkosten in Viehprodukten, die Arbeitskosten aber wie 
bisher zu ^/i in Korn und zu ^ i in Geld ausdrücken. 

Der Ertrag einer Kuh ist gleich 87V2 U. Butter. 

Hiervon ^/ö ab für- allgemeine Kulturkosten 17 V2 

bleiben 

Die Arbeitskosten betragen für eine Kuh 
Hiervon 1/4 in Geld macht . . 2.53 Tlr. 

'^U in Korn 7,6o „ 

7,00 Taler sind in T., wo der Scheffel 
1,205 Taler Wh wert ist, gleich 6,3 Schfl. 
Eoggen. 

Allgemein ausgedrückt ist demnach 
der Reinertrag einer Kuh 

= 70 U. Butter -^ 2,53 Tlr. N2/3 ~ 6,3 Schfl. Roggen. 

239 Für eine Entfernung von 5 Meilen von der Stadt ist 

der Wert von 70 IL Butter ä 8^/5 ßl. . . . 12,83 Tlr. Wh 



70 U. Butter. 
10,13 Tlr. N-/3. 



Die Ausgabe: 
6,3 Schfl. Roggen il 1,313 Tlr. Gold, 

oder 1,225 Tlr. W^^ = 7,72 
an Geld 2,53 



bleibt Reinertrag 2,58 Tlr. N^/s 



— 241 — 

Für 10 Meilen Entfernung. 
Die Einnahme: 

70 n. Butter a S^/ö ßl 12,5i Tlr. Wh 

Die Ausgabe: 
■6.0 Schfl. Roggen a l,i36 Tlr. Gold, 

oder 1,06 Tlr. Wlz = 6,gs 

■an Geld 2,53 

der Reinertrag 3,33 Tlr. Wh 

Für 20 Meilen Entfernung. 
Die Einnahme: 

70 n. Butter ä 8V5 ßl 11, oo Tlr. N- 8 

Die Ausgabe: 
«,:; Schfl. Roggen ä 0,soo Tlr. Gold, 

oder 0,755 Tlr. N2'3 = 4,76 

-au Geld . . 2,53 

der Reinertrag 4,67 Tlr. Wiz 

Für 30 Meilen Entfernung. 
Die Einnahme: 

70 n. Butter a 7^5 ßl ll,3s Tlr. N-^/3 

Die Ausgabe: 
6,3 Schfl. Roggen ä 0,512 Tlr. Gold, 

oder 0,47s Tlr. N-'t! = 3,oi 

an Geld 2,53 

der Reinertrag 5,84 Tlr. N-V3 

Für 40 Meilen Entfernung. 240 

Die Einnahme: 
70 //. Butter ä 7-/5 ßl. = 10,so Tlr. N-'/s 

Die Ausgabe: 
■6,3 Schfl. Roggen u 0,47 Tlr. Gold, 

oder 0,45 Tlr. Wh = 2,83 

an Geld 2,53 

der Reinertrag 5,44 Tlr. N-'3 
Thünen, Der isolierte Staat. 16 



242 

Für 50 Meilen Entfernung. 

Die Einnahme: 

70 U. Butter a 7 ßl 10,2i TIr. X- s 

Die Ausgabe: 
6,3 Schfl. Roggen ä 0,47 Tlr. Gold, 

oder 0,45 Tlr. W.-^ = 2,S3 

an Geld 2,53 

der Reinertrag 4,s5 Tlr. N-'3 

Die Landrente, die der durch Yiehzucht benutzte Boden 
gewälirt, ist also am niedrigsten in der Xähe der Stadt, steigt 
allmählich mit der gi-ößeren Entfernung und ist am höchsten 
bei 30 Meilen Entfernung (eigentlich bei 31,5 Meilen). 
Von diesem Punkt an sinkt die Landrente wieder, aber nur 
so wenig, daß sie bei 50 Meilen Entfernung noch 4,85 Th'., 
also noch fast doppelt so hoch, als in der Nähe der Stadt ist. 

Da die Viehzucht bei 50 Meilen Entfernung noch mit 
so großem Vorteil betrieben werden kann, so wird auch 
hier noch nicht die Grenze dieser Wirtschaft sein; sondern 
sie muß sich soweit ausdehnen, bis die Transportkosten am 
Ende den Ertrag verschlingen, und die Landrente = wird. 

Dieser Kreis erhält dann aber eine ungemein gi'oße 

Ausdehnung, und es werden so viele animalische Produkte 

nach der Stadt gebracht werden, daß diese außer allem 

241 Verhältnis mit dem zum Verkauf gebrachten Korn kommen 

und nicht mehr konsumiert werden können. 

Die Produktion kann wohl momentan, aber nie dauernd 
den Bedarf übersteigen ; denn das, was über den Bedarf zu 
Markt gebracht wird, findet entweder gar keinen Käufer^ 
oder muß doch zu einem so niedrigen Preise verkauft werden, 
daß dadurch die Produktions- und Transportkosten nicht 
vergütet werden. Ist die Preisverminderuug dauernd, imd 
ist die Hervorbringung eines Produktes oder einer Wai"e 
fortwährend mit Verlust verbunden: so müssen diejenigen 



— 243 — 

Produzeuten, denen die Hervorbringung am kostspieligsten 
wird , zuerst damit aufhören , und diese Einschränkung der 
Produktion muß solange fortgehen, bis am Ende die Pro- 
duktion mit dem Bedarf wieder im Gleichgewicht ist. Von 
den Produzenten werden alsdann nur diejenigen übrig 
bleiben, die durch ihre Lage oder andere Umstände am 
meisten begünstigt sind, so daß sie auch bei dem vermin- 
derten Preise noch bestehen können. 

Gesetzt nun, daß durch den großen Überfluß der zu 
Markt gebrachten Butter, der Preis derselben von 9 ßl. bis 
zu 52/3 ßl, für das Pfund herunterginge ; in welcher Gegend 
des isolierten Staats wird dann die Produktion der Butter 
aufhören müssen? 

Fällt der Mittelpreis der Butter um o^r, ßl. pr. fl., so 
vermindert dies die Einnahme von einer Kuh um 70 X 
.3,33 ßl. = 233 ßl. = 4,85 Tlr. N-/3, und diese Verminderung 
ist für jede Gegend, sie sei 5 oder 50 Meilen von der Stadt 
entfernt, ganz gleich. 

Die Arbeitskosten und die allgemeinen Kulturkosten 
werden durch die Preisverminderung der Butter nicht ver- 
ändert, sondern bleiben so, wie wir sie für den Preis von 
9 ßl. berechnet haben, und die Mindereinnahme geht also 242 
von dem Reinertrage selbst ab. 

Der Reinertrag von einer Kuh 

war beim dem Preise ist bei dem Preise 

bei 5 Meilen Entfernung 
10 „ 
20 „ 
30 „ 
40 „ 

50 „ , „ 

Es ergibt sich hieraus, daß bei dem Preise der Butter 
von 5,67 ßl. für das Pfund in der Nähe der Stadt die Vieh- 

16* 



von 9 ßl. 




von 5,67 ßl, 


2,.-,s Tlr. 


— 


2,27 Tlr. 


3,3. „ 





1,52 „ 


4,67 „ 


— 


0,18 „ 


5,84 „ 


+ 


0,99 „ 


5,44 „ 


+ 


0,59 „ 


4,85 „ 




„ 



- 244 — 

haltung zum Zweck der Butterproduktion nicht bloß keinen 
Reinertrag gibt, sondern mit einem wirklichen Verlust ver- 
bunden ist. Mit der größeren Entfernung von der Stadt 
wird dieser Verlust allmählich geringer und verschwindet 
endlich bei einer Entfernung von 21,5 Meilen. Von hier an 
geben die Kühe einen Reinertrag, der anfänglich mit der 
zunehmenden Entfernung wächst, bei 31,5 Meilen aber seinen 
höchsten Punkt erreicht, dann wieder abnimmt und endlich 
bei 50 Meilen Entfernung ganz verschwindet. 

Das Resultat, daß die Butterproduktion nur in den ent- 
fernten Gegenden mit Vorteil betrieben werden kann, hätten 
wir auch schon aus der im § 19 mitgeteilten allgemeinen 
Formel — vermöge welcher sich für jedes Gewächs, dessen 
Produktionskosten und dessen Ertrag von einer gegebenen 
Fläche bekannt sind, die Stelle nachweisen läßt, wo dasselbe 
erzeugt werden muß — entwickeln können. Nach dieser 
Formel ist im § 19 für ein Produkt, welches in Hinsicht 
der Produktionskosten sich wie 14 : 1 und in Hinsicht dei' 
243 Transportkosten wie 2 : 1 gegen Roggen verhält — und un- 
gefähr in diesem Verhältnis werden Butter- und Gedreide- 
produktion gegeneinander stehen — berechnet worden, daß 
dasselbe aus der Nähe der Stadt nur zu 9,2 ßl. , aus der 
.30 Meilen entfernten Gegend aber zu 5,3 ßl. das Pfund nach 
der Stadt geliefert werden könne. Kann nun — wie es 
hier der Fall ist — der ganze Bedarf durch die entlegene 
Gegend befriedigt werden, so bestimmt der Preis, zu welchem 
diese Gegend ein solches Produkt nach der Stadt liefern 
kann, auch den Mittelpreis dieses Produkts in der Stadt 
selbst, und es geht hieraus hervor, daß die Erzeugung 
dieses Produkts in der Nähe der Stadt mit Ver- 
lust verbunden sein muß. 

Es scheint demnach, daß die der Stadt näher gelegenen 
Kreise die Viehzucht ganz aufgeben und sich bloß dem weit 
einträglicheren Kornbau widmen müßten. 



— 245 — 

Dies würde anch unstreitig der Fall sein, wenn es nicht 
durch ein merkwürdiges Gesetz der Natur verhindert und 
unmöglich gemacht würde. 

Die Pflanzen nahrung, die dem Boden durch die Hervor- 
bringuug des Getreides entzogen wird, kann dem Acker nicht 
durch das Auffaliren von Heu oder Stroh in dem natürlichen 
Zustande ersetzt werden, sondern diese Substanzen müssen 
durch die Yerfütterung mit dem Yieh in Dung verwandelt 
werden. 

Das Vieh ist also als eine unentbehrliche Maschine 
anzusehen , wodurch Heu und Stroh in Dung verwandelt 
werden; und die Viehzucht muß mit Ackerbau verbunden 
bleiben, wenn sie auch gar keine Einnahme gewähren sollte. 

Durch diesen Umstand erhält nun aber die Frage: „ob 
bei sinkenden Preisen der Viehprodukte die nähern oder ent- 
fernteren Gegenden die Viehzucht aufgeben müssen", eine 
andere Entscheidung. 

Die näheren Gegenden können den A^erlust, der aus der 244 
Viehzucht entsteht, tragen, weil der Kornbau eine Landrente 
abwirft; die entfernteren Gegenden, die keine andere Ein- 
nahme aJs aus dem Vieh haben, müssen die Viehzucht auf- 
geben, sobald sie nicht mehr rentiert. 

Um nun endlich den Preis, den die Butter in der Stadt 
haben wird, angeben zu können, müßte die Quantität, die 
gebraucht wird, und die Grüße der Fläche, die zu der 
Erzeugung dieser Quantität erforderlich ist, bekannt sein. 

Der Preis muß nämlich so hoch sein, daß das entlegenste 
Gut, dessen Anbau aber zur Befriedigung des Bedarfs der 
Stadt noch notwendig ist, die sämtlichen auf die Produktion 
und den Transport verwandten Kosten ersetzt erhält. 

Ist, wie wir annehmen, zur Befriedigung des Bedürf- 
nisses der Stadt die Betreibung der Viehzucht bis auf 50 
Meilen von der Stadt notwendig: so mus der Preis der 
Butter so hoch sein, daß dem 50 Meilen entfernten Gute 



— 24G — 

die Kosten der Viehzucht ersetzt werden ; es müssen also 70 tt. 
an Ort und Stelle selbst 5,36 Tlr. Wh wert sein, das 
Pfund also 3,: ßl., und da die Transportkosten 2 ßl. pr. 
Pfund betragen, so muß der Mittelpreis der Butter in der 
Stadt = 5,7 ßl. N2/3 sein. 

In der Entfernung von 40 Meilen von der Stadt 
kostet das Pfund zu produzieren ebenfalls . . 3,: ßl. N-Zs, 
die Transportkosten bis zur Stadt betragen . l,c „ „ 

zusammen 5,3 ßl. N-/:;. 
Könnte der Kreis von 40 Meilen um die Stadt herum 
den Bedarf der Stadt liefern, so würde der Mittelpreis der 
Butter 5.:; ßl. N-.3 pr. Pfund sein. In diesem Fall ver- 
schwindet aber die Landrente bei 40 Meilen Entfernung, 
anstatt daß diese Gegend noch eine Landrente abwirft, wenn 
245 die Kultur des Bodens sich bis auf 50 Meilen von der Stadt 
ausdehnt. 

In der Entfernung von 30 Meilen kostet die Produktion 
von 70 n. Butter 5,54 Tk. W-.z, dies macht für 1 //. 
3,8 ßl. Die Butter aus dieser Gegend nach der Stadt zu 
fahren kostet 1,2 ßl. Eeicht nun dieser Kreis für das 
Bedürfnis der Stadt hin, so kann das Pfund Butter zu 
3.8 -j- 1,2 = 5 ßl. N-'3 gekauft werden. 



§ 26 b. 
Fortsetzung. 

Durch diese Untersuchung sind wir nun zu der Kenntnis 
des wichtigen Gesetzes gelangt: 

daß unter Verhältnissen , wie die des isolierten Staats, 
die aus der Viehzucht entspringende Landrente in den 



— 247 — 

der Stadt näher gelegeaen Gegenden, mit Ausnahme 
des Kreises der freien Wirtschaft, unter Null herab- 
sinken und negativ werden muß. 

Man hat aber häufig nicht erkannt, daß durch diese 
Untei'suchung ein Gesetz gefunden ist, sondern behauptet, das 
erhaltene Resultat sei nur dadurch erlangt, daß bei der 
Untersuchung Kühe mit geringem Milch- und Butterertrag 
zum Grunde gelegt worden, leide aber keine Anwendung auf 
Kühe von größerem Ertrage. 

Zur Prüfung dieser Behauptung werde ich jetzt von 
einem anderen Standpunkt ausgehen und diese Berechnungen 
auf eine Holländerei von großem Butterertrage gründen. 

Zu diesem Zweck lege ich der folgenden Untersuchung 
naclistehende Supposition zu Grunde: 

Die Kühe der kleinen Jütländischen Rasse sollen durch 
bessere Ernährung auf das Doppelte des früheren Butter- 
ertrages gebracht werden können, und 2 X 70 = 140 
gemessene Pfunde ä 36 Lot oder 158,5 Hamburger Pfunde 246 
Butter geben. 

Die zuerst in Betracht gezogene Holländerei von 10 U. 
Batterertrag pr. Kuh, wollen wir mit „A" und die von 
doppeltem Ertrag mit „B" bezeichnen. 

Wir haben nun zuerst zu erwägen, in welchem Verhält- 
nis mit dem höheren Butterertrag die Ausgaben steigen. 

Die mit der Viehhaltung und Butterproduktion ver- 
bundenen Kosten lassen sich in 2 Klassen teilen, nämlich 

1. in solche, die mit der Zahl der Kühe im Verhältnis 
stehen und unverändert bleiben, wie gering oder groß 
auch der Milchertrag sein mag; und 

2. in solche, die mit der Größe des Milch- und Butterertrags 

im Vei'hältnis stehen, und damit steigen oder fallen. 

Zur ersten Klasse gehören: Unterhaltungskosten des 

Kulihirten, Zinsen vom Anschaffungskapital der Kühe u. m. a. 

Nach einer hierüber entworfenen Berechnung — die 



— 248 — 

jedoch auf vollständige Genauigkeit keinen Anspruch machen 
kann — gehört von den 10,i3 Tlr. Kosten , welche auf eine 
Kuh von 70 U. Butterertrag fallen, ungefähr die eine Hälfte 
zur Isten und die andere Hälfte zur 2ten Klasse. 

Für die Kuh von dem doppelten Butterertrag vermehren 
sich, da die Kosten der 1 sten Klasse dieselben bleiben, die der 
2teD Klasse aber verdoppelt werden, die Gesamtkosten um 
50 *^/o, und betragen also 10,i3X 1^'-' = lo,20 Taler N- 3 : und 
zwar in Roggen imd Geld zusammen ausgedrückt 

6,3 X IV2 = 9,45 Scheffel Roggen, 
und 2,53 X IV2 = 3,80 Tlr. Wh. 

Von den allgemeinen Kulturkosten gehört ein Teil, wie 
Miete für den Viehstall, der 1 sten Klasse, ein anderer Teil, 
247 z. B. die für den Scheunenraum, den das Heu einnimmt, zu 
berechnende Miete, der 2ten Klasse an, während die Admini- 
strationskosten vielleicht zu gleichen Teilen beiden Klassen 
angehören. 

Wenden wir nun auch hier denselben Maßstab wie bei 
den anderen Kosten an : so betragen die allgemeinen Kultur- 
kosten, welche bei der Kuh von 70 it. Butterertrag zu 17 V2 //. 
angenommen sind, für die Kuh vom doppelten Ertrage 
171/2 X 1^/2 = 20 iL. Butter. 

Der Ertrag einer Kuh aus der Holländerei B ist also: 

Butter 140 //. a 36 Lot, 

Wert des Kalbes und der abge- 
rahmten Milch, auf Butter reduziert 
140 X Vi ^ 35 „ 
zusammen 175 it.. 
Hiervon ab für allgemeine Kultur- 
kosten 26 „ 

zur Einnahme kommen 149 Hj.. 

Bei dem Preise von 9 ßl. N-/3 für das it. Butter be- 
trägt die Geldeinnahme 149 X 'Vis = 27,94 Taler N-':i 
pr. Kuh. 



— 249 



Die Transportkosten betragen auf 20 Meilen für das 
//. Butter 1 ßl., für 149 U. also 3 Taler 5 ßl. = 3,io Tlr. Wh. 
Auf 5 Meüen betragen demnach die Transportkosten für 
149 it. Butter 0,g2 Tlr. und auf 10 Meilen 1,24 Tlr. Wh. 

Fügen wir nun den für die Kühe der HoUänderei A 
berechneten Ausgaben 50 % hinzu, so ergibt sich folgender 
Reinertrag der Kühe aus der HoUänderei B, in den ver- 
schiedenen Entfernungen von der Stadt: 





Ein- 


Trans- 


Sonstige 


Rein- 


Entfernung von 


nahme 


port- 


Aus- 


ertrag 


der Stadt 


pr. Kuh 


kosten 


gaben 


pr. Kuh 




Tlr. N^/a 


Tlr. N^/a 


Tlr. N2/3 


Tlr. N2/3 


5 Meilen 


27,94 


0,6. 


1<^?38 


1J,94 


10 „ 


27,04 


1,54 


13S82 


12,88 


20 „ 


27,94 


2,4S 


10,94 


14,52 


30 „ 


27,94 


3,72 


8,31 


1^)91 


40 „ 


27,94 


4,96 


8,04 


14,94 


50 „ 


27,94 


6;20 


8,04 


13,70 


100 „ 


27,94 


12,40 


8,04 


7,50 


160,5 „ 


27,94 


19,90 


8,04 






248 



Bei dem Preise von 9 ßl. für das Pfund Butter würde 
sich also der Kreis der Viehzucht bis auf eine Entfernung 
von 160 Meilen ausdehnen, und der Markt mit Butter so 
überschwemmt werden, daß dafür gar keine Anwendung 
mehr zu finden wäre. Der Preis der Butter muß also fallen 
und zwar so weit, bis die verminderte Produktion mit dem 
Bedarf ins Gleichgewicht tritt. 

Wenn die Kühe den doppelten Butterertrag geben soUen, 
so wird zwar jede Kuh eine größere Weide- und Wiesen- 
fläche zu ihrer Ernährung bedürfen, und es werden also 
weniger Kühe als früher gehalten werden können, aber von 
gleicher Fläche wird doch mehr Butter produziert werden, 



— 250 — 

und wenn früher der Kreis der Yiehzucht bis auf 50 Meilen 
von der Stadt ausgedehnt werden mußte, um den Bedarf der 
Stadt zu befriedigen, so mag jetzt ein Kreis von 40 Meilen 
im Halbmesser dazu genügen. Ist dies aber der Fall, so 
sinkt der Preis der Butter so tief, daß der Reinertrag der 
249 Kühe in der Entfernung von 40 Meilen von der Stadt = 
wird. Dies findet statt, wenn durch die Einnahme für 149 tl. 
Butter die Transportkosten von 4,90 Tlr. und die sonstigen 
Ausgaben von 8,04 Tlr. pr. Kuh gerade gedeckt werden, d. i. 
wenn das Pfund Butter in der Stadt 4,2 ßl. N-/:j gilt. Durch 
das Sinken des Preises der Butter von 9 ßl. auf 4,2 ßl. sinkt 
aber der Reinertrag der Kühe in allen Gegenden des isolierten 
Staats um 14,;a Tlr. Demnach bleibt 
in der Entfernung der Reinertrag einer Kuh 

von 5 Meilen =: 11,94 — 14,o4 = — 3,oo Tlr. N- 3 

10 „ = 12,88 — 14,94 = — 2,0.: „ 

20 „ = 14,52 - 14,94 ^ - 0,42 „ 

30 „ = 15,91 — 14,94 ^ + 0,97 „ 

40 „ = 14,94 — 14,94 = „ 

Da es hier aber unsere Aufgabe ist, zu zeigen, welchen 
Einfluß es hat, wenn wir unsere frühere Untersuchung auf 
eine Holländerei von größerem Ertrage gegründet hätten, so 
müssen wir von dem angegebenen Gesichtspunkt abstrahieren 
und annehmen, daß die Zahl der Kühe in dem Maße ver- 
mindert wird, als der Ertrag pr, Kuh steigt, daß die Butter- 
produktion im ganzen dieselbe bleibt, und daß also der 
Kreis der Yiehzucht sich noch wie früher bis 50 Meilen 
von der Stadt ausdehnt. 

Alsdann ist der Reinertrag der Külie in der Entfernung 
von 50 Meilen von der Stadt = 0, welches voraussetzt, 
daß 149 U. Butter 6,20 -f 8,01 = 14,24 Tlr. Wh gelten. 

14,21 

Der Preis der Butter in der Stadt ist alsdann ^rj^ 
0,o-.5(i Tlr. Wh = 4,.; ßl. Wir. pr. Pfund. 



251 



Bei dem Butterertrage von 70 U. pr, Kuh und der Aus- 
dehnung des Kreises der Viehzucht bis auf 50 Meilen von 250 
der Stadt stellt sich, wie wir oben gefunden haben, der 
Preis der Butter in der Stadt auf 5,7 ßl. N-/.5 pr. Pfund, 
also um 1,1 ßl. höher als hier. 

Wenn der Preis der Butter pr. Pfund 4,t; ßl. beträgt, 
so gehen von der für den Butterpreis von 9 ßl. berechneten 
Einnahme 13,; Tlr. Wlz pr. Kuh ab, und es bleibt 



in der Entfernung 
von 5 Meilen 
10 „ 
'20 ,. 
30 „ 
40 „ 
50 „ 



der Reinertrag einer Kuh 

11,M — 13,7 = — 1,76 Tlr. W-:, 

12,88 - 13,7 =. _ 0,82 „ 

14,52 - 13,7 = + 0,82 „ 

15,01 - 13,7 ::= + 2,21 „ 

14,94 — 13,7 r= +1,21 „ 

13,70 — 13,7 z= „ 



Vergleichung. 





Der Reinertrag einer Kuh ist 


In der Entfernung 


wenn sie wenn sie 


von der Stadt 


70 Pfund Butter 140 Pfund Butter 




gibt gibt 


von 5 Meilen 


- 2,„ Tlr. N% 


- l„o Th. WU 


10 „ 


1:52 )) 


-0,82 „ 


•20 „ 


0,18 ?7 


+ 0,82 „ 


30 „ 


+ 0,09 „ 


+ 2,21 „ 


40 „ 


+ 0,59 „ 


+ 1)24 ,j 


50 „ 









Der Leser, welcher der bisherigen Untersuchung mit 
Aufmerksamkeit gefolgt ist, wird dies Resultat als not- 
wendig daraus hervorgehend anerkennen. Aus dem Zu- 
sammenhang herausgerissen aber, muß es paradox, ja wider- 



— 252 — 

sinnig, erscheinen, daß Kühe von 70 iL. und von 14(i U. 

251 Butterertrag fast gleichen Reinertrag geben sollen. 

Es mag deshalb nicht überflüssig sein, hier wiederholt 
zu bemerken, daß eine allgemeine intensive Steigerung der 
Produktion, bei gleichbleibender Konsumtion, ein Sinken des 
Preises des in größerer Menge, oder mit geringeren Kosten 
hervorgebrachten Erzeugnisses zur Folge haben muß , und 
daß das Sinken des Preises die Wirkung der erhöhten 
Produktion auf den Reinertrag neutralisieren, oder gar über- 
wiegen kann. 

Wenn ein einzelner Landwirt den Ertrag seines Bodens 
erhöht, oder einen neuen Kiüturzweig, z. B. den Rapsbau, 
mit Vorteil einführt: so übt das Mehrerzeugnis, was er zu 
Markt bringt, keinen bemerkbaren Einfluß auf den Preis 
dieses Pxoduktes aus. Wenn aber alle Landwirte eines 
großen Staates denselben Kulturzweig in gleicher Aus- 
dehnung betreiben, so wird dadurch der Preis dieses Er- 
zeugnisses wesentlich geändert. Kann nun nach dem, durch 
den aUgemeinen Anbau verursachten Sinken des Preises 
dieses Gewächses dasselbe noch mit Vorteil kultiviert 
werden: so bleibt dieser Kulturzweig dem Lande dauernd, 
widrigenfalls ist derselbe aber nur eine ephemere Erscheinung. 

In der Erhebung dessen, was nur in der Beschränkung- 
wahr ist, zur Allgemeinheit und in der unbedingten An- 
empfehlung dessen, was zufällig dem Einzelnen vorteilhaft 
geworden, liegt, wie die landwirtschaftliche Literatur nach- 
weist, die Quelle großer Irrtümer. 

Bei der Erforschung allgemein gültiger Gesetze darf die 
Wechselwirkung, die zwischen der Größe der Produktion 
und der Höhe der Preise stattfindet, nie außer acht gelassen 
werden. Die Kenntnis der Gesetze, wodurch der Preis der 
Waren und Erzeugnisse reguliert wird, ist deshalb dem 

252 rationellen Landwirt unentbehrlich, und die Nationalökonomie 
wird dadurch zur Grundlage der höheren Landwirtschaft 



I 



I 



Nach dieser Abschweifung kehren wir zu unserem 
Gegenstand zurück. 

Die hier gemachte Supposition , daß eine Kuh von der 
kleinen jütländischen Rasse, bei mittlerem Grade der Be- 
leibtheit, 500—550 U. wiegend, durch bloße Gras- und Heu- 
fütterung, im Durchschnitt ganzer Herden, bis zum Ertrage 
von 140 n. a 36 Lot oder 158,5 //. ;\ 32 Lot Butter gebracht 
werden könne, ist in der Wirklichkeit wolü nirgends erreicht. 

Um sich einem solchen Ertrage auch nur zu nähern, 
müßte nicht bloß ein ausgewählter Viehstamm vorhanden 
sein, sondern das Vieh müßte im Sommer auch eine so 
überflüssige Weide haben, daß es sich stets die jüngsten und 
nahrhaftesten Gräser und Kräuter auswählen könnte, und 
dürfte ferner im AVinter, ohne Zugabe von Stroh, nur mit 
Heu von der feinsten und kräftigsten Art genährt werden. 

Die Fütterung des Viehes mit Wurzelgewächsen oder 
gar mit Korn kann aber im Ki-eise der Viehzucht gar nicht 
stattfinden, denn der Reinertrag der Kühe ist hier so ge- 
ring, daß die Ernälu'ung des Viehes mit Gewächsen, deren 
Gewinnung im Verhältnis ihres IS'ahrungsgehaltes mehr 
Arbeit kostet als die des Heues, diesen Reinertrag sogleich 
unter Null herabdrücken würde. 

Bei der kräftigen Ernährung der Kühe würde das Ge- 
wicht derselben wahrscheinlich auf 550 bis 600 U. steigen, 
und auf 100 U. Körpergewicht fiele dann ein jährlicher 

Butterertrag von ^-''' = 27,:. tt. 

0,75 

Für eine große Kuh, Oldenburger oder Schweizer Rasse, 
von 1100 U. Gewicht, betrüge dies 302 //. Butter aufs Jahr. 

Dies übersteigt aber noch die höchsten Angaben, welche wir 253 
über den Butterertrag der Kühe aus anderen Ländern besitzen. 

Da aber selbst bei der Annahme eines enormen, sich in 
der Wirklichkeit nicht findenden Butterertrags der Kühe 
dennoch das Resultat, 



— 254 — 

daß im isolierten Staat in den der Stadt näher ge- 
legenen Gegenden die Landrente ans der Viehzucht 
negativ -«ird, 
sich herausstellt: so scheint mir ein strenger Beweis der 
Notwendigkeit dieses Resultats, welcher allerdings durch 
Buchstabenrechnung geliefert werden kann, überflüssig zu 
sein. Auch ergibt sich dies Gesetz schon aus der bloßen 
Berücksichtigung des Umstandes, daß mit der größeren Ent- 
fernung von der Stadt die Produktionskosten der Butter, 
wegen des verminderten Getreidepreises , stärker ab- 
nehmen als die Transportkosten der Butter wachsen. 

Dies Gesetz scheint mir aber für die wissenschaftliche 
und selbst für die praktische Landwirtschaft so wichtig zu 
sein, daß ich glaubte, dui'ch ausführliche Erörterungen in 
dieser neuen Ausgabe dasselbe gegen ferneres Mißverstehen 
möglichst schützen zu müssen. (7) 



§ 26 c. 
Fortsetzung. 

Zwischen dem Fleisch und dem Getreide findet ein 
gemeinschaftliches 3Iaß, nämlich das der Ernähruugsfähig- 
keit statt, und wir müssen uns die Frage vorlegen, ob denn 
der Preis des Fleisches, der Butter usw. allein durch die 
Kosten, die es verursacht, diese Erzeugnisse zu Markt zu 
bringen, und nicht auch durch das Verhältnis der Er- 
nähningsfähigkeit bestimmt werde. 

Nun finden wir in der Wirklichkeit bei allen zivilisierten 
Nationen — also mit Ausschluß der bloß Viehzucht treibenden 
254 Nomadenvölker — daß eine gleiche Nahruugsmasse im Fleisch 
viel höher bezahlt wird als im Brot. 



— 255 — 

Dieser höhere Preis des Fleisches entspringt aus zwei 
Quellen, 

1. Es findet eine allgemeine Vorliebe für Fleischspeisen 
statt, und jeder, der nicht in der äußersten Dürftigkeit 
lebt, verwendet einen Teil seiner Einnahme auf die 
Erlangung dieses wohlschmeckenden und kräftigen 
Nahrungsmittels. 

2. Die Gemüse und die Kartoffeln sind — mit alleiniger 
Ausnahme der sehr großen Städte — überall ein weit 
wohlfeileres Nalrrungsmittel , als das Brot und die 
aus dem Getreide bereiteten Mehlspeisen; aber die 
Nahrungsmasse ist in ihnen zu wenig konzentriert, als 
daß sie das einzige Nahrungsmittel der arbeitenden 
Klasse ausmachen könnten. Werden aber bei der 
Speisung die Gemüse mit Fleisch, in welchem die 
Nahrungsmasse noch viel konzentrierter als im Ge- 
treide ist, verbunden: so ersetzt diese A^erbindung 
das Brot und die Mehlspeisen vollkommen, und der 
Arbeiter kann nun das, was er bei dem Ankauf der 
Gemüse statt des Getreides erspart hat, zur Bezahlung 
eines höheren Preises für das Fleisch verwenden. 

Dies führt uns noch einmal auf die Kartoffeln zurück. 

Gesetzt ein Pfund Fleisch enthalte gleiche Nahrungs- 
masse mit dem Brot, was aus zwei Pfund Roggen erfolgt: 
so sind 42 tt. Fleisch = 84 U. Roggen = 1 Schfl. Roggen 
= 3 Schfl. Kartoffeln und also 14 tl. Fleisch + 2 Schfl. 
Kartoffeln gleich 1 Schfl. Roggen. 

Gilt nun der Schfl. Roggen 1 Tlr. 24 ßl. 

der Schfl. Kartoffeln 12 ßl. ; 2 Schfl. also ^_^ 24 ßl. 

so erspart der Arbeiter 1 Tlr., 

welchen er zum Ankauf von 14 U. Fleisch verwendet; er 255 
kann also, ohne daß hieraus ein Verlust für ihn entspränge, 
das Pfund Fleisch mit 3,4 ßl. bezahlen, obgleich er dieselbe 
Nahrungsmasse im Brot zu 1,7 ßl. erkaufen könnte. 



— 256 — 

Nach Campbell (siehe Thaers Grundsätze der rationellen 
Landwirtschaft, Band 4, Seite 222) bewirkt bei der Ochsen- 
mastung die Yerfütternng von 1 Schfl. Kartoffeln einen 
Fleischansatz von 3 U.. Nach Thaer (Seite 369 des an- 
geführten Werkes) nimmt ein Mastochse, der täglich 40 U. 
gutes Heu bekommt, täglich 2 <fL zu. 

Nach Campbells Angabe würden zur Hervorbringung 
von 42 ft. Fleisch, die nach unserer Annahme gleiche 
Nahrungsmasse mit 1 Schfl. Eoggeu enthalten, die Ver- 
fütterung von 14 Schfl. Kartoffeln erforderlich sein, während 
vor der Verfütterung schon in 3 Schfl. Kartoffeln soviel 
Nahrungsstoff enthalten war als in 1 Schfl. Roggen. 

Es folgt hieraus also, daß durch die Verwandlung der 
Kartoffeln in Fleisch die absolute Nahrungsmasse fast bis 
auf ^/5 vermindert wird. 

Kann nun 1 Schfl. Roggen durch 14 U. Fleisch -\- 2 Schfl. 
Kartoffeln ersetzt Averden, und sind zur Hervorbringung von 
14 €(. Fleisch 4-/8 Schfl. Kartoffeln erforderlich: so werden 
4-'/3 -f 2 = 62/3 Scheffel Kartoffeln einen Scheffel Roggen 
ersetzen. 

Da von derselben Fläche, wo 1 Schfl. Roggen wächst, 
mehr als 6-/3 Schfl. Kartoffeln geerntet werden, so kann 
auch nach dieser Berechnung — die aber keineswegs An- 
spruch auf Vollständigkeit und Genauigkeit machen soll • — 
durch die Verbreitimg des Kartoffelbaues eine größere Zahl 
Menschen, als früher durch den Getreidebau, ernährt werden, 
aber bei weitem keine so viel größere Zahl als manche be- 
hauptet haben. 
256 Verlassen wir für einen Augenblick die Voraussetzungen, 
daß der Landbau des isolierten Staates im beharrenden Zu- 
stande bleiben, und die Wildnis selbst noch einen kultur- 
fähigen Boden haben soll, und denken uns dann, daß in dem 
isolierten Staate der bisher bloß Viehzucht treibende Kreis 
allmählich, und zwar bis zur Grenze des kulturfähigen Bodens, 



angebaut udcI dem Getreidebau gewidmet werde: so nimmt 
dadurch einerseits die Menge der Yiehprodukte , die nach 
der Stadt geliefert wird, ab, und andererseits vermehrt sicli 
<lie Zahl der Konsumenten mit dem erweiterten Anbau der 
Ebene. Die geringere Quantität von Viehprodukten muß 
■dann unter eine größere Zahl von Konsumenten verteilt 
werden, und die auf jeden einzelnen fallende Portion muß 
-also viel kleiner als früher sein. 

Es entsteht die Frage, welchen Einfluß diese Ver- 
änderung auf den Preis der animalischen Produkte haben 
wird, und wie nun die geringere Produktenmenge unter 
■die verschiedenen Klassen der Staatsbürger verteilt werden 
wird. 

Bei der maugeDiaften Versorgung des Marktes mit Fleisch 
Avird durch die Konkurrenz der Käufer eine Steigerung des 
Preises hervorgebracht. Der Ärmere kann für das Fleisch 
nur den Preis zahlen, den es ihm im Verhältnis zu anderen 
Nahrungsmitteln wert ist. Steigt der Preis höher, so muß 
er den Verbrauch desselben aufgeben oder wenigstens ein- 
schränken. Der Eeiche dagegen kann und wird für die 
wohlschmeckendere Fleischspeise einen höheren Preis zahlen, 
-als das AVertverhältnis zum Getreide angibt. Indem nun 
der Reiche gerade durch diesen höheren Preis den Armen 
von dem Ankauf des Fleisches abhält, kann sein Tisch noch 
■ebenso reichlich als früher mit Fleisch besetzt sein ; während 
<lie arbeitende Klasse sich mit den wohlfeileren, aber minder 
kräftigen vegetabilischen Speisen begnügen muß. 

So führt also dieser t^bergang zur höheren Kultur zu 
-einer filr die Arbeiter sehr unerfi^eulichen Beschränkung der 257 
gewohnten Bedürfnisse. 

Steigen aber bei weiterem Fortsclireiten des Reichtums 

der Nation die Preise der animalischen Produkte so hoch, 

daß Kartoffeln zum Viehfutter mit Vorteil gebaut werden 

können : so findet auf einmal ein große Vermehrung der 

Tliünen. Der isolierte Staat. 17 



— 258 — 

Yiehprodukte statt, und die Portion, die auf jeden einzelnen 
fällt, kann nun wieder beträchtlich vergrößert werden. 

Nach meinen Berechnungen ernährt ein Morgen mit 
Kartoffeln 2^/3 mal soviel Vieh, als ein Morgen Dreeschweide 
auf Boden von gleichem Reichtum. 

Ist nun der Arbeitslohn so hoch, daß der Arbeiter den 
höheren Preis für die animalischen Produkte bezahlen kann 
— und dies muß man voraussetzen, weil ohne die Kon- 
kurrenz der arbeitenden Klasse der Preis schwerlich so hoch 
hätte steigen können — so wird der Arbeiter den Verbrauch 
der Fleischspeisen vermehren und zu einer behaglichen 
Lebensweise übergehen können. 

Ein solcher Zustand der bürgerlichen Gresellschaft bietet 
aber noch eine andere sehr erfreuliche Seite dar. 

Wenn nämlich in einem Mißwachsjahre die Ernte für 
den Bedarf nicht ausreicht, so können nun die zur Yieh- 
mastung bestimmten Kartoffeln direkt zur menschlichen 
Nahrung verwandt, das Yieh aber mager geschlachtet 
werden , und da hierdurch die sonst in Fleisch verwandelte 
Xahrungsmasse fast verfünffacht wird : so ist es fast un- 
möglich, daß eine Nation, die diese Stufe des Wohlstandes 
einmal erstiegen hat, jemals von einer Hungersnot heim- 
gesucht werden kann. 

Vermehrt sich dagegen in einem Staat durch die Ein- 
führung des Kartoffelbaues die Volksmenge so sehr, und 
258 sinkt infolge dieser Vermelu'ung der Ai'beitslohn so tief, daß 
der Arbeiter für seinen Lohn nur Kartoffeln erkaufen kann, 
und ohne Beihilfe animalischer Speisen ganz oder größten- 
teils von Kartoffeln leben muß: so ist dieser Zustand des 
Staates einer der bejammernswürdigsten. 

Die Kartoffeln können nicht, wie das Getreide, von 
einem Jahr zum anderen aufgehoben werden : es kann der 
IJberfluß des einen Jahres nicht den Mangel des anderen 
ersetzen. 



— 259 — 

Mißraten oun die Kartoifeln, so ist keine Rettung durch 
den Übergang von einem teuren zu einem wohlfeilen Nah- 
rungsmittel — wie der vom Fleisch zu Kartoffeln — möglich, 
und es tritt der Zustand ein, wovon Malthus sagt: „wenn 
„aber das Yolk in der Regel vom allerniedrigsten Nahrungs- 
„mittel lebt, dann bleibt gar keine Zuflucht übrig als viel- 
„leicht etwas Baumrinde, viele aber müssen notwendig des 
,,eigentHchen Hungertodes sterben." 

In diesem Fall wird also, so paradox dies auch scheinen 
mag, gerade durch die Kartoffel die Geißel einer öfters 
wiederkehrenden Hungersnot herbeigeführt. Irland bietet 
vielleicht schon jetzt das Beispiel eines solchen Zustaudes dar. 

So hat also auch hier die Natur es der Willkür des 
Menschen überlassen, ob er das herrliche Geschenk, was 
sie ihm gab, zu seinem Verderben oder zu seinem Heil be- 
nutzen will. 



ViehmastuDg. 



Das gemästete Vieh kann ohne bedeutende Kosten nach 
entfernten Marktplätzen getrieben werden, und die Mästung 
kann hier wohlfeiler als in den der Stadt näher gelegenen 
Gegenden, wo der Boden eine beträchtliche Landrente ab- 
wirft, geschehen. Da jedoch das Treiben des sehr fetten 
Viehes auf weite Strecken mit vieler Beschwerde und mit 25!) 
bedeutender Abmagerung des Viehes verbunden ist: so kann 
es sein, daß die Mästung hier nur begonnen, aber erst in 
einer der Stadt näheren Gegend vollendet wird. 

Aufzucht von jungem Vieh. 

Das Jungvieh kann mit geringer Mühe und unbedeu- 
tenden Kosten von einem Orte zum anderen getrieben werden. 
Da in diesem Kreise die Landrente des Bodens und der 

17* 



— 260 — 

Wert des Futters sehr niedrig sind: so kann auch vou 
hieraus das Jungvieh so woUfeil geliefert werden, daß keine 
andere Gegend des isolierten Staates die Konkurrenz damit 
aushalten kann. 

Der Ivreis der Koppelwirtschaft kann seinen Boden 
durch Kuherei zum Zweck der Butterproduktion viel höher 
nutzen als durch Aufzucht; und dieser Kreis wird seinen 
ganzen Bedarf an Jungvieh aus dem Kreise der Yiehzucht 
kaufen. 

In der Wirklichkeit kann in solchen Gegenden, wo der 
Lage und den übrigen Verhältnissen nach die Aufzucht un- 
vorteilhaft ist, es doch zuweilen für einzelne Landwirte 
zweckmäßig sein, ihren Bedarf an Jungvieh selbst aufzuziehen 
— wenn sie nämlich den Zweck haben, eine bessere Rasse 
als die gewöhnliche zu erzielen. In dem isolierten Staat 
aber, wo wii- für alle Landwirte gleiche Intelligenz und 
also auch gleiche Kenntnis der guten A^iehrassen annehmen, 
entscheidet die Lage des Gutes allein über die Zweckmäßig- 
keit oder Unzweckmäßigkeit der Aufzucht. 



Wenn der Bedarf der Stadt an animalischen Produkten 
eine Ausdehnung der Viehzucht bis 50 Meilen um die Stadt 
herum erfordert, so ist, wie wir oben gesehen haben, der 
260 Mittelpreis der Butter in der Stadt = 5,67 ßl. Wls für das 
Pfund, und mit diesem Preise der Butter wird der Preis 
der anderen tierischen Erzeugnisse, als Wolle, fettes Fleisch 
usw. im Verhältnis stehen. 

Der Reinertrag einer Kuh beträgt nach unseren obigen 
UntervSuchungen für die Gegend, welche von der Stadt ent-, 
fernt ist: 30 Meilen 0,9r. Tlr. N^/s, 
40 „ 0,5.. „ 

50 „ „ 

Die Landrente ist also in diesem ganzen Kreise äußerst ge- 
ringe, und der Ertrag der Güter besteht fast nur aus den 



— 261 — 

Zinsen des Kapitals, welches auf die Errichtung der Gebäude, 
auf die Anschaffung des Inventarii usw. verwandt ist. 

In diesem Kreise wird nicht mehr Korn gebaut, als 
zur Ernährung der mit der Viehzucht beschäftigten Menschen 
erforderlich ist. Der Gewinn an Stroh ist also äußerst 
gering, und es darf nicht mehr Vieh gehalten werden, als 
mit diesem wenigen Stroh und mit dem Heu von den natih^- 
lichen Wiesen im Winter durchgefüttert werden kann. 

Die Sommerweide für das Vieh ist hingegen, da fast 
der sämtliche Acker der Güter zur Weide liegt, so reichlich, 
daß das Vieh nicht alles Gras verzehren kann, und daß ein 
Teil des Grases ungenutzt verfault. 

Durch den Anbau von Futterkräutern und Wurzel- 
gewächsen läßt sich aber die Winterfütterung nicht ver- 
mehren, weil die dadurch verursachten Kosten durch den sehr 
geringen Ertrag des Viehes gar nicht ersetzt werden können. 

Die Wiesen sind also der einzige Maßstab für die Zahl 
des Viehes, welches gehalten werden kann, und man wird 
die geringe Landreute, welche aus der AVirtschaft hervor- 
geht, einzig und aliein den Wiesen zuschreiben, weil die 
Weide im Überfluß vorhanden ist und nur durch die Wiesen 
genutzt werden kann. 

Dieser Kreis kann also im Verhältnis zu seiner großen 261 
Ausdehnung nur eine geringe Quantität Viehprodukte zu 
Markte bringen. 

Auch ist die Bevölkerung dieses Kreises äußerst gering, 
und ein Gut von gleichem Umfange, welches in der Nähe 
der Stadt 30 Kamillen ernährt, wird hier kaum 3 Familien 
Beschäftigung und Nahrung geben. 

Mit 50 Meilen Entfernung von der Stadt hört endlich 
die Landrente von der Viehzucht ganz auf, und weil in 
einer größeren Entfernung die Zinsen des auf die Wirtschaft 
verwandten Kapitals nicht mehr bezahlt werden, muß auch 
dieser letzte Kulturzweig hier enden. 



— 262 — 

Hinter dem Kreise der Yielizuclit können nun noch 
einige Jäger zerstreut in den Wäldern leben , welche mit 
der Beschäftigung und der Lebensart der Wilden auch die 
Sitten derselben annehmen werden. Die einzige Kommuni- 
kation, welche diese Jäger mit der Stadt haben, besteht 
darin, daß sie ihre w^enigen Bediu-fnisse für die Felle Avilder 
Tiere eintauschen. 

Dies ist dann die letzte Einwirkung, welche die Stadt 
auf diese Ebene, die weiterhin zur menschenleeren Wildnis 
wird, ausübt. 

Ein Reisender, der den isolierten Staat durchreiste, 
würde in w^enig Tagen alle jetzt bekannten Wirtschafts- 
systeme praktisch angewandt erblicken. Die regelmäßige 
Folge, worin er die verschiedenen Wirtschaftssysteme nach- 
einander wahrnähme, würde ihn vor dem Irrtum bewahren, 
als läge es nur an der Unkenntnis der Landwirte, daß die 
Kultur der entfernten Gegenden nicht so gut ist, als die in 
der Nähe der Stadt. 
2()2 Die höheren Wirtschaftssysteme haben dadurch, daß sie 
künstlicher, komplizierter sind und zugleich höhere Ein- 
sichten und Kenntnisse erfordern, füi* das Auge etwas 
Blendendes und Yerfiihrerisches. 

Da nun diese höheren Wirtschaftsarten an den Orten, 
wo sie landüblich sind, unleugbar einen größeren Ertrag 
geben und den Boden höher benutzen, so ist der Irrtum, 
,,daß man nur die nötigen Kenntnisse zu besitzen brauche, 
lun ein höheres Wirtschaftssystem in eine w^eniger kultivierte 
Gegend einzufüiiren", leicht zu entschuldigen, aber auch um 
so gefährlicher. 

Unsere Untersuchungen haben ergeben, daß eine Koppel- 
oder Fruchtwechsel Wirtschaft auf einem Gute in dem Kreise 
der Dreifelderwirtschaft eingeführt, von der Zeit wdeder hin- 
weggespült werden und spurlos verschAvinden muß. 



— 263 — 

Umgekehrt wird eine Dreifelderwirtschaft, in den Kreis 
der Koppel- oder Friichtwechselwirtschaft verpflanzt, nicht 
bestehen können; aber ein solcher Versuch ist zu wenig 
einladend, der Nachteil zu sehr in die Augen fallend, als 
daß er oft gemacht werden könnte. 

Der isolierte Staat stellt in Hinsicht des Ackerbaues zu- 
gleich das Bild eines und desselben Staates in verschiedenen 
Jahrhunderten dar. 

Vor einem Jahrhundert wurde in Mecklenburg bloii 
Dreifelderwirtschaft getrieben, und diese war den damaligen 
Verhältnissen allein angemessen. In den frühesten Zeiten 
waren Jagd und Viehzucht wahrscheinlich die einzigen 
Quellen der Ernährung. Dagegen wird im nächsten Jahr- 
hundert die Fruchtwechsel Wirtschaft hier vielleicht ebenso 
allgemein sein, als jetzt die Koppelwirtschaft. 

So wie der Reichtum und die Bevölkerung eines Staats 
steigen, so wird auch ein mehr intensiver Landbau vorteil- 263 
haft. Sind die Verhältnisse nun bis zu dem Punkt gereift, 
daß die Anwendung eines höhei^en Wirtschaftssystems nütz- 
lich wird, so ist auch das Werk des Landwirts, der diese 
Wirtschaft zuerst einführt, der Vergänglichkeit nicht unter- 
worfen. Diese Wirtschaft wird sich nicht bloß auf seinem 
Oute erhalten, sondern sich, zwar langsam aber unwider- 
stehlich, über das ganze Land verbreiten und so die land- 
übliche Wirtschaft werden. 

Dies Avar in Mecklenburg der Fall, als die Koppel- 
wirtschaft zuerst eingeführt wurde; dies war in England 
der Fall, als die Koppel- und Dreifelderwirtschaft der Frucht- 
wechselwirtschaft weichen mußten. 



264 Zweiter Abschnitt. 

Vergleichung des isolierten Staats 
mit der Wirklichkeit. 



§ 27. 
Rückblick auf den Gang unserer Untersuchuncf. 

In der vorhergehenden Darstellung der Gestaltung des 
isolierten Staats sind die Verhältnisse des Gutes Tellow zu 
Grunde gelegt, indem wir entwickelt haben, wie die "Wirt- 
schaft dieses Gutes sich ändern würde, Avenn dasselbe dem 
Marktplatz für die landAvirtschaftlichen Erzeugnisse näher 
oder ferner gedacht wird. 

Wir haben im § 5 angenommen, daß der Rohertrag* 
eines Gutes sich ganz in Korn angeben lasse, und daß der 
Preis der animaHschen Produkte mit dem Preise des Ge- 
treides im Verhältnis stehe. 

Diese Annahme ist allerdings wahr und zutreffend, wenn 
wir die wirklichen Verhältnisse eines kultivierten Staates, 
der von keinen rohen, bloß Viehzucht treibenden Ländern 
umgeben ist, vor Augen haben. Die durchgeführte Dar- 
stellung des isolierten Staats zeigt uns aber selbst, daß das 
Gut T. in einer Gegend liegt, wo die Einwirkung der rohen, 
bloß Viehzucht treibenden Länder sich schon sehr vermindert 



— 265 — 

hat ; und daß in dem isolierten Staat das Verhältnis zwischen 
den Preisen der Viehprodukte und des Kornes nicht dasselbe 
sein kann, was auf dem Gute T. stattfindet. 

Wir müssen deshalb untersuchen, inwiefern sich die 265 
Gestaltung des isolierten Staats ändert, wenn der Preis der 
animalischen Produkte von dem Preise des Getreides un- 
abhängig ist. 

Für T, ist der Preis der Butter 9 ßl. und nach Abzug 
der Transportkosten 8^/5 ßl. N-/3 pr. tt. von 36 Lot ; in dem 
isolierten Staat kann der Marktpreis der Butter nach imserer 
Berechnung nur 5,7 ßl. betragen, aber der Wert derselben 
auf dem Gute selbst nimmt mit der Entfernung des Gutes 
von der Stadt nicht so rasch ab, als der des Getreides. 
Legen wir nun in unserer Berechnung diesen Preis für jenen 
zu Grunde, so werden wir in der Nähe der Stadt die 
Landrente geringer finden, aber diese Landrente nimmt mit 
der wachsenden Entfernung von der Stadt nicht so schnell 
ab, und sie wird für das 25 Meilen entfernte Gut schon 
größer sein, als wir sie augegeben haben — weil die Butter 
ungeachtet des geringeren Marktpreises hier doch schon 
einen höheren Wert hat, als wenn ihr Preis sich nach dem 
Getreidepreis dieser Gegend richtete. 

Wir haben ferner bei unseren Untersuchungen einen 
Standpunkt zu Grunde gelegt, w^o die mit dem Landbau 
verbundenen Ausgaben zu ^ 1 in Geld und zu ^.'4 in Korn 
ausgedrückt werden müssen — und wir konnten dadurch 
für das gegebene Gut bei jedem Wechsel der Getreidepreise 
den Reinertrag und die Bewirtschaftungsart bestimmen. 

Dann haben wir aber auch die Veränderung in den 
Getreidepreisen durch die größere oder geringere Entfernung 
vom Marktplatz, also gleichsam räumlich dargestellt und auf 
diese Weise den isolierten Staat konstruiert. 

Nun ist aber, wie wir bereits im § 5 erwähnt haben, 
das Verhältnis, in welchem die Ausgaben in Geld und in 



— 26G — 

Korn auszudrücken sind, keineswegs gleichbleibend, sondern 
mit dem Standpunkt selbst veränderlich, und dies läßt sich 
in dem isolierten Staat noch weit klarer übersehen, als in 
der Wirklichkeit. 
266 Der Preis aller Waren und Materialien, die der Land- 
wirt des isolierten Staats nur aus der Stadt erhalten kann, 
richtet sich nicht nach dem Getreidepreis der Gegend, wo 
der Landwirt wohnt, sondern dieser muß den Preis, den 
die Waren in der Stadt haben und dann noch die Fracht 
von der Stadt bis zu seiner Gegend dafür zahlen. 

In dem Preise der Arbeitserzeugnisse der Handwerker, 
die auf dem Lande wohnen, sind enthalten: 

1. die Auslage für Lebensmittel und andere Bedürfnisse, 
die sie während der Arbeit verbrauchen, 

2. die Auslage für das rohe Material. 

Wird das Material, was der Handwerker verarbeitet, 
z, B. das Eisen , aus der Stadt bezogen , so richtet sich der 
Preis seines Arbeitserzeugnisses nur zum geringeren Teil 
nach dem Getreidepreis der Gegend, wo der Handwerker 
wohnt; wird dagegen das rohe Material auf dem Lande 
selbst erzeugt, z. B. Flachs, so stehen die Fabrikationskosten 
der Leinwand fast ganz im Verhältnis mit dem Getreide- 
preise, indem nur dasjenige, was der Leinweber zu seiner 
Wohnung, seinen Gerätschaften und seinem Unterhalt aus' 
der Stadt kaufen muß, in Geld ausgedrückt werden darf. 

Wir finden also, daß von den mit dem Landbau ver- 
bundenen Ausgaben, alles dasjenige, was der Landwirt un- 
mittelbar aus der Stadt bezieht, und alles was die auf dem 
Lande lebenden, für den Landwirt arbeitenden Handwerker 
aus der Stadt erkaufen, in Geld ausgedrückt bleiben muß. 

Für Güter von gleich großem Betrieb ist also auch die 
für Waren und Materialien in der Stadt selbst zu zahlende 
Summe gleich groß, diese Güter mögen der Stadt nahe oder 
ferne liegen. Aber dem Landwirt des isolierten Staats kosten 



— 267 — 

<liese Warea außer dem Ankaufspreis auch noch die Fracht 
für dieselben von der Stadt bis zu seiner Gegend ; oder der 267 
Preis dieser Waren ist auf dem Lande um den Betrag der 
Fracht inkhisive der Handelskosten höher als in der Stadt. 
Die Fraclit — wovon nach § 4 wieder ein Teil in Geld 
ausgedrückt werden muß — wächst aber mit der größeren 
Entfernung von der Stadt, und so fällt auf die entfernter 
liegenden Güter eine erhöhte Ausgabe sowohl an Geld als 
-an Getreide. 

Bei der Übertragung unserer von einem Standpunkt 
ausgegangenen Berechnung auf den isolierten Staat findet 
also eine zweifache Abweichung statt: 

1. ist der Ertrag aus der Viehzucht in den entfernten 
Gegenden größer als unsere Berechnung angibt: 

2. kommt für die entfernten Gegenden noch die Fracht 
für die aus der Stadt zu kaufenden Bedürfnisse in 
Ausgabe. 

Beide Abweichungen wirken sich einander entgegen und 
bringen dadurch wieder eine Annäherung zu dem Resultat 
unserer Berechnung hervor. 

Wie nun aber auch die Landrente in Zahlen aus- 
gesprochen sich hierdurch ändern mag, so bleiben doch fol- 
gende Hauptresultate unserer Untersuchung ganz unverändert : 

Die Koppelwirtschaft muß bei sehr niedrigen Kornpreisen 
zu der Dreifelderwirtschaft übergehen, weil diese das Ge- 
treide mit geringeren Arbeitskosten produzieren kann. 

Bei noch mehr verringerten Getreidepreisen hört auch 
die Landrente der Dreifelderwirtschaft auf, und sie kann 
kein Korn mehr nach der Stadt liefern. 

Hinter dem Kreise der Dreifelderwirtschaft bildet sich 
dann der Kreis der Yiehzucht. 

Diese Hauptresultate und mit ihnen alle daraus ge- 
zogenen Folgerungen bleiben unverändert, aber die Aus- 
<lehnung der Kreise, in Zahlen ausgesprochen, und die Grenze, 



— 26s — 

■\vo zwei Wirtschaftsarten sich trenneu. wird der Meilenzahl 
268 nach sich ändern. Diese Zahlen dienen hier aber nur zur 
YersinuHchung der Idee und sind keineswegs von einem 
wesenthchen Einfluß auf die entwickelten Hauptgesetze: 
denn es ist in dieser Beziehung gleichgültig, ob z. B. der 
Kreis der Dreifelderwirtschaft einige Meilen näher oder ent- 
fernter von der Stadt anfängt. 

Auch läßt sich, wie im Anhang sub Nr. 8 dargetan 
ist, die Ungleichheit, welche daraus entsteht, daß mit der 
zunehmenden Entfernung von der Stadt der Wert des Ge- 
treides und der Wert der Viehprodukte nicht in gleichem 
Verhältnis abnehmen, durch eine Änderung des Bruches, 
welcher anzeigt, der wievielste Teil der Ausgabe in Geld 
auszudrücken ist, genau wieder ausgleichen» Wenn nun 
auch die aus der Wirklichkeit entnommene Quote von ^ i 
für die Verhältnisse des isolierten Staats nicht zutreffend 
sein kann: so ist das Verfahren selbst, die Viehprodukte 
ihrem Wert nach auf Roggen zu reduzieren, dadurch doch 
völlig gerechtfertigt, und die Möglichkeit, auf diesem Wege 
richtige Resultate zu erlangen, dargetan. 



§ 28. 

Verschiedenheiten zwischen dem isolierten Staat 
und der Wirklichkeit. 

Die wirklichen Staaten und Länder sind in folgenden 
Punkten von dem isolierten Staat wesentlich verschieden: 

1, Es gibt in der WirkUchkeit kein Land, wo der Boden 
überall gleichen Reichtum enthielte, und durchweg 
von gleicher physischer Beschaffenheit wäre. 

2. Es gibt keine einzige große Stadt, die nicht an einem 
Fluß oder schiffbaren Kanal läee. 



— 2G9 — 

o. Jeder Staat von bedeutendem Umfange, mit einer 
großen Hauptstadt, hat außer dieser Hauptstadt noch 
viele kleineVe Städte, die zerstreut im Lande liegen. 
4. In der Wirklichkeit findet selten, oder fast nie, eine 269 
so starke Einwirkung der rohen , bloß Viehprodukte 
liefernden Landstriche auf den Preis der animalischen 
Erzeugnisse statt, ,wie dies im isolierten Staat der 
Fall ist. 

Ad 1. 
Unsere Untersuchungen im ij 14 haben das Eesultat 
gegeben, daß niedrige Kornpreise in ihrer Wirkung mit einer 
gej'ingen Dungkraft des Bodens darin übereinstimmen, daß 
beide die Koppelwii-tschaft in Dreifelderwirtschaft verwan- 
deln, und daß beide, wenn sie noch mehr vermindert werden, 
die Landrente am Ende bis zu herunterbringen. 

Man könnte nun ebenso, wie wir hier den Preis des 
Getreides veränderlich, die Fruchtbarkeit des Bodens gleich- 
bleibend angenommen haben, eine zweite Darstellung unter- 
nehmen, in welcher der Getreidepreis gleichbleibend, die 
Fruchtbarkeit des Bodens dagegen veränderlich wäre, imd dann 
diese zweifache Darstellung auf die Wirklichkeit anwenden. 
Diese zweifache Darstelhmg ist aber, wenigstens in 
dieser Beziehung, entbehrlich, weil wir schon aus der bis- 
herigen, den Standpunkt, den ein Gut von niedrigerem Grade 
der Fruchtbarkeit bei dem Getreidepreise von IV2 Tlr. fin- 
den Scheft'el Roggen einnehmen würde, nachweisen können, 
wie aus der Lösung der nachfolgenden Aufgaben hervor- 
gehen wird.*) 

*) Es ist hierbei aber nicht auiier acht zu lassen, was im 
§ 14b gesagt ist, daß nämlich Wirtschaften, die anf gleichem 
Boden und imter gleichen Verhältnissen einen verschiedenen Koru- 
ertrag geben, dem Gesetz der Konsequenz nicht unterworfen sind, 
und nicht dem isolierten Staat, sondern der Wirklichkeit an- 
gehören. 



— 270 — 

270 Erste Aufgabe. Welche Landrente wird ein Gut, 

84 
dessen Acker ö X -rrjö ~ ^i- Körner in der Dreifelder- 
wirtschaft trägt, gewähren, wenn der Scheffel Roggen auf 
dem Gute selbst 1^/2 Tlr. wert ist; und in welcher Gegend 
des isolierten Staats findet eine gleiche Laudrente statt V 
Nach der im § 14 gelieferten Tabelle beträgt die Land- 

84 
rente der Dreifelderwirtschaft von .) X rj^. = 4,2 Körnern 

Ertrag 240 Scheffel Roggen -f- 246 Tk. Bei dem Preise 
von 1^/2 Tlr. für den Scheffel sind 240 Scheffel Roggen 
360 Taler wert; die Laudrente beträgt also 360 — 246 ^ 
114 Tlr. 

In dem isolierten Staat ist bei dem Ertrage von 8 X 

84 

^^„ rrr 6,72 Köruem die Landrente = G96 Scheffel ~ 

327 Tlr. 

Die Landrente beider Wirtschaften wird also gleich, 
wenn 696 Scheffel Roggen ~ 327 Tlr. = 114 Tlr. sind 

4- 327 -f 327 

also 696 Scheffel Roggen 441 Tlr. 

dies macht für 1 Scheffel 0,683 Tlr. 

und diesen Preis hat der Roggen auf dem ungefähr 26 Meilen 
von der Stadt entfernten Gute. 

Es ist also die Landrente eines Gutes von 4,2 Körnern 
bei dem Roggenpreise von l^i-i Tlr. pr. Sclieffel gleich der 
Landrente desjenigen Gutes, welches in dem isolierten Staate 
26 Meilen von der Stadt entfernt ist. 

Zweite Aufgabe. Bei welchem Körnerertrag wird 
die Landrente der Dreifelderwirtschaft — 0, wenn der 
Scheffel Roggen auf dem Gute 1^/2 Tlr. wert ist? 

84 

271 Nach § 14 ist für (10 — x) ^^^ Körner die Land- 



— 271 — 

rente 1000 Schfl. — 152 x Schfl. -^ 381 Taler + 27 x Tlr. 
Den Scheffel zu IV2 Tlr, gerechnet, gibt dies 
1500 Tlr. — 228 X Tlr. — 381 Taler -f 27 x Tlr. 
oder 1119 Tlr. — 201 x Tlr. 

Wenn mm die Landrente = sein soll, 
so sind 201 X = 1119 
also . , X = 5,57 

Der gesuchte Körnerertrag, für welche die Landrente = 

84 
100 



84 
U wird, ist also (10 — 5,5t) .-^ = 3,72. 



Dritte Aufgabe. Bei welchem Körnerertrag ist die 
Nutzung des Bodens durch Koppelwirtschaft eben so hoch 
als die durch Dreifelderwirtschaft, wenn für beide Wirt- 
schaftsarten der Wert des Scheffels Roggen auf dem Gute 
V'2 Tlr. beträgt? 

Die Landrente beider Wirtschaftsarten wird gleich, wenn 
nach § 14 

1710 Schfl. — 271 X Schfl. — 747 Tlr. + 53 x Tlr., als die 272 
Landrente der K. W., gleich ist 1000 Schfl. — 152 x Schfl. 
— 381 Tlr. + 27x Tlr., der Landrente der D. F. W. 

Alsdann sind 

710 Schfl. — 119x Schfl. — 36G Tlr. + 26 x Tlr. = 0. 

Für einen Scheffel Roggen den Wert von 1^/2 Tlr. ge- 
setzt, gibt dies 

1065 Taler — 366 Taler — 178,5 x Tlr. -f- 26 x Tlr. = 
also 699 Tlr. — 152,5 x = 
oder X == 4,58. 

Für einen Reichtum des Ackers, bei welchem die Koppel- 273 

Wirtschaft 10 — 4,58 = 5,42 Körner, die Dreifelderwirt- 

84 
Schaft aber (10 — 4,58) :r^^ = 4,55 Körner gibt, ist also 

hei dem Preise von IV2 Taler für den Scheffel Roggen 



.die Laudreute der Koppelwirtschaft der der Dreifeldenvirt- 
scliaft gleich. 

Ad 2. 

"Wenn es ausgemittelt ist, wieviel wohlfeiler der Traus- 
port des Korns zu Wasser, als der zu Lande zu stehen 
kommt, so hat es keine Schwierigkeit, den Standpunkt eines 
Gutes, welches sein Korn zu "Wasser nach dem Markt schicken 
kann, zu bestimmen. 

Gesetzt, die Schiffsfi-acht betrüge ^/lo der Landfracht, so 
ist ein Gut, welches an einem Fluße liegend 100 Meilen 
vom Marktplatz entfernt ist, in Hinsicht des "^'ertes des 
Getreides auf dem Gute und der daraus entspringenden 
"X'erhältuisse dem Gute gleich, welches in dem isolierten 
Staat 10 Meilen von der Stadt entfernt ist. 

Ein Gut, welches ö Meilen vom Fluß entfernt liegt, 
trägt dann die Kosten von 5 Meilen Landfraclit und 100 
Meilen Schiffsfracht und wäre dem Gute des isolierten 
Staats gleich, welches 15 Meilen von der Stadt entfernt ist. 

Ad 3. 
Die kleinen Städte, welche zerstreut im Lande liegen, 
müssen ebensowohl als die Hauptstadt mit Lebensmitteln 
versorgt werden, und diejenigen Güter, die in der Nähe 
einer solchen kleinen Stadt liegen, werden ihr Korn nach 
dieser Stadt — solange sie noch etwas bedarf — und nicht 
nach der Hauptstadt liefern. Die Zahl der Güter, oder die 
Fläche Landes, welche erforderlich ist, um diese Stadt mit 
274 den nötigen Lebensmitteln zu versorgen, könnte man das 
Gebiet der Stadt nennen. Der Hauptstadt geht dieses Ge- 
biet verloren, indem sie von dort keine Produkte mehr er- 
hält, und die kleine Stadt wirkt auf die Hauptstadt in Hin- 
sicht der Versorgung mit Lebensmitteln ebenso, als wenn 
jenes Gebiet in eine Sandwüste verwandelt wäre, die nichts 
hervorbringt. Denkt man sich nun die große Ebene des 



— 273 — 

isolierten Staats mit vielen solchen Sandflächen untermischt, 
so muß der Bedarf der Hauptstadt aus weiterer Ferne her- 
beigeschafft werden, und die Kreise müssen, um den Bedarf 
zu liefern, ausgedehnt werden. Mit dieser größeren Aus- 
dehnung wachsen aber die Transportkosten des Getreides, 
welches von dem äußeren Rand der Ackerbau treibenden 
Ebene nach der Stadt geliefert wird, und eine solche Ver- 
mehrung der Trau sportkosten hat, wie wir gesehen haben, 
eine Steigerung des Getreidepreises in der Hauptstadt zur 
Folge. 

In den kleinen Städten wird aber der Preis des Ge- 
treides nach ganz anderen Gesetzen bestimmt, als wenn 
diese Städte mit ihrem Gebiet isoliert lägen. Die Güter, 
welche in diesem Gebiet liegen, haben die Wahl, ihr Korn 
entweder nach dieser kleinen Stadt zu liefern, oder es nach 
der Hauptstadt zu fahren. Was der Marktpreis des Ge- 
ti'eides in der Hauptstadt nach Abzug der Verfahrungskosten 
ausmacht, d. h. was der Wert des Kornes auf dem Gute ist, 
das muß die kleine Stadt den Produzenten bezahlen, wenn 
diese bewogen werden sollen, ihr Korn derselben zu überlassen. 

Die Getreidepreise in den kleinen Städten werden also 
durch den Marktpreis in der Hauptstadt bestimmt: ja sie 
sind ganz und gar davon abhängig. 

Wir können uns statt der kleinen Städte eigene Staaten 
von beträchtlichem Umfange denken, und auch diese können 
beim freien Handel sich der Allgewalt, welche die große Stadt 
in der Bestimmung der Getreidepreise ausübt, nicht entziehen. 

Ad 4. 27.5 

Die Einwirkung der rohen, bloß Yiehprodukte liefernden 
Landstriche auf andere Länder ist in der Wirklichkeit durch 
weite Entfernungen oder durch Eingangszölle entweder sehr 
geschwächt oder auch ganz aufgehoben. 

Lägen Podolien und die Ukraine westlich der Weichsel 

Thünen. Der isolierte Staat. 18 



— 274 — 

und könnten die Yiehprodukte von dort zollfrei nach Berlin 
geliefert werden: so würde auch jetzt noch im nordwest- 
lichen Deutscliland die Landrente aus der Viehzucht sehr 
gering sein. 

Mit der Yerminderung oder dem gänzlichen Aufhören 
einer solchen Einwirkung wird aber das Preisverhältnis 
zwischen Getreide und animalischen Erzeugnissen wesentlich 
geändert und zugunsten der letzteren gesteigert. Die Vieh- 
zucht kann dann überall eine mehr oder minder beträchtliche 
Rente abwerfen — imd dies hat dann auf die Grenzbestim- 
mung zwischen D. F. W. und K. "W. , noch mehr aber auf 
die zwischen K. W. und F. W. W. einen bedeutenden Ein- 
fluß. Der Versuch zur Erforschung der Gesetze, die dann 
obwalten, würde hier zu weitab führen, wird aber Gegenstand 
der Untersuchung im zweiten Teil dieser Schrift werden. 

Das Prinzip, welches dem isolierten Staat seine Ge- 
staltung gab, ist auch in der Wirklichkeit vorhanden, aber 
die Erscheinungen, die dasselbe hier hervorbringt, zeigen 
sich in veränderten Formen, weil zugleich sehr viele andere 
Verhältnisse und Umstände mitwirken. 

So wie der Geometer mit Punkten ohne Ausdehnung, 
mit Linien ohne Breite rechnet, die doch beide in der 
"Wirklichkeit nicht zu finden sind: so dürfen auch wir eine 
wirkende Kraft von allen Nebenumständen und allem Zu- 
fälligen entkleiden, und nur so können wir erkennen, welchen 
Anteil sie an den Erscheinungen hat, die uns vorliegen. 
276 Da es für ein einzelnes Gut möglich ist, einen Stand- 
punkt in dem isolierten Staat aufzufinden, der mit den Ver- 
hältnissen desselben übereinstimmt; so läßt sich, abgesehen 
von der Schwierigkeit der Ausführung, die Möglichkeit nicht 
leugnen, für ein ganzes Land eine Karte zu entwerfen, auf 
welcher der Kreis, wozu eine Gegend gehört, durch die 
Färbung angedeutet wäre. Eine solche Karte würde eine 
höchst interessante und instruktive Übersicht gewähren. Die 



— 275 — 

Kreise "würden aber nicht, wie in unserem isolierten Staat, 
regelmäßig aufeinander folgen , sondern bunt durcheinander 
gemischt sein : es könnte z. B, das 100 Meilen von der Haupt- 
stadt entfernte, aber an einem Flusse liegende und mit einem 
sehr fruchtbaren Boden versehene Gut zum dritten Kreise 
gehören, während das 10 Meilen von der Stadt liegende 
Gut mit Sandboden zum sechsten Kreise gehörte. 



Wir wenden uns jetzt zu der Betrachtung eines mit der 
Landwirtschaft natürlich verbundenen Gewerbes und einiger 
Kulturzweige, deren im ersten Abschnitt, um den Zusammen- 
hang nicht zu unterbrechen, keine Erwähnung geschehen ist, 
und die wir jetzt mit Beziehung auf die Wirklichkeit durch- 
gehen können. 



§ 29. 
Branntweinbrennerei. 

Das Getreide kann aus dem Kreise der Viehzucht nicht 
mehr nach der Stadt geliefert werden, weil die Transport- 
kosten desselben zu hoch zu stehen kommen ; verwandelt 
man aber das Getreide in ein Fabrikat, welches im Ver- 
hältnis zu seinem Wert geringere Transportkosten erfordert : 
so kann der Ackerbau in dem näheren Teil dieses Kreises 
noch mit Vorteil betrieben werden. Ein solches Fabrikat 
ist der Branntwein, indem der Spiritus, der aus 100 Schfl. 277 
Roggen gewonnen wird, kaum das Gewicht von 25 Schfl. 
Roggen hat. 

Der Abfall der Brennerei, oder die Branntweinschlempe, 
wird am zweckmäßigsten zur Viehmastung benutzt. Da nun 
der Kreis der Viehzucht ohnehin schon auf Viehmastung 
angewiesen ist, und da hier das Getreide und das Brennholz 

18* 



— 276 — 

den möglichst niedrigsten Preis haben : so vereinigt sich hier 
aUes, was Branntweinbrennerei vorteilhaft machen kann. 

Der Branntwein kann deshalb von hier aus auch so 
wohlfeil geliefert werden, daß keine andere Gegend des 
isolierten Staats, viel weniger die Stadt selbst, die Konkurrenz 
damit aushalten kann — wenn vollkommene Gewerbefreiheit 
stattfindet: denn es ist leicht einzusehen, daß die Hervor- 
bringung des Branntweins in der Stadt, wo Korn und Holz 
den dreifachen . Preis haben und wo der nominelle Arbeits- 
lohn viel höher ist, auch mindestens 2 bis 3 mal so viel kosten 
muß, als wofür diese Gegend den Branntwein liefern kann. 

Wenn durch den Gewerbezwang die Branntweinbrennerei 
nur in den Städten betrieben werden darf, so bewirkt dies 
eine Verminderung des Nationaleinkommens, indem eine 
große Menge Kräfte zum Transport des Kornes und des 
Brennmaterials ohne allen Nutzen verschwendet werden. Da 
aber die größte Wohlfeilheit des Branntweins aus anderen 
Rücksichten nicht wünschenswert ist, so kann der Staat die 
Fabrikation desselben mit einer starken Abgabe belegen, wo- 
durch derselbe den Preis wieder erhält, wofür der Städter 
ihn sonst geliefert hat; und diese A^erteuruug des Brannt- 
weins wird für den Staat wohltätiger wirken, als jene durch 
unnütze Verwendung von Kräften — die auf andere nütz- 
liche Beschäftigungen gerichtet produktiv verwandt werden 
können — hervorgebrachte Teurung. 
278 Die Abteilung des Kreises der Viehzucht, in welcher 
die Branntweinfabrikalion stattfindet, wird Dreifelderwirt- 
schaft treiben, weil durch diese das zum Brauntweinbrennea 
erforderliche Korn am wohlfeilsten erzeugt wird. 

Die Wirtschaft, in welcher Branntweinbrennerei mit 
Viehmastung verbunden ist, gibt einen viel größeren Dung- 
gewinn, als die auf Kornverkauf gerichtete Dreifelderwirt- 
schaft; erstere kann also auch einen größeren Teil des 
Ackers mit Getreide bestellen, ohne denselben zu erschöpfen. 



Sehen wir nun bloß auf die Feldeinteilung der Wirtschaf- 
ten, so werden wir die die Branntweinbrennerei betreibende 
Abteilung und im Grunde auch den ganzen Viehzucht trei- 
benden Kreis — wo aber der Ackerbau nur einen kleinen 
Teil des Feldes einnimmt — zum Kreise der Dreifelder- 
wirtschaft rechneu müssen. Sehen wir dagegen auf die 
Hauptprodukte, die die Wirtschaft liefert — und ich ziehe 
diesen Teilungsgrund aus mehreren Ursachen hier vor — 
so müssen wir die Gegend, welche Getreide nach der Stadt 
bringt, von der, welche bloß Branntwein und Viehprodukte 
dahin liefert, trennen und ich nenne diese Gegend vorzugs- 
weise den Kreis der Dreifelderwirtschaft. 

Die Landrente der auf Kornverkauf gerichteten Drei- 
felderwirtschaft wird bei 31,5 Meilen von der Stadt = 0. 
Branntweinbrennerei und Viehzucht geben an dieser Stelle 
aber noch eine Landrente. Die Kreise der Dreifelderwirt- 
schaft uud der Viehzucht müssen sich da scheiden, wo die 
Landrente beider Wirtschaftsarten gleich hoch ist ; der Kreis 
der Dreifelderwirtschaft kann also nicht bis 31,5 Meilen von 
der Stadt reichen, sondern muß schon in etwas geringerer 
Entfernung von der Stadt aufhören. Wir sind aber, da wir 
die Grüße der Laudrente, die der Boden durch Branntwein- 279 
brennerei und Viehzucht gibt, nicht kennen, auch nicht im- 
stande, diese Entfernung in Zalilen anzugeben. 



§ 3ü. 
Schäferei. 



Seit der Einfühnmg der Merinos in Deutschland hängt 
die Nutzung einer Schäferei fast ganz von der Güte der 
Herde ab und ist so wenig an Gegend und Boden gebunden. 



— 278 — 

daß sich schlecliterdings nicht allgemein angeben läßt, welche 
Landrente der Boden, durch Schäferei benutzt, abwirft. 

Sind einst die feinen Herden so allgemein geworden, 
und ist einst die Kenntnis der höheren Schafzucht so ver- 
breitet, daß jeder, für die Bezahlung des Preises, den die 
Aufzucht der Schafe kostet, sich iu den Besitz eiuer feineu 
Herde setzen kann, und diese auch zu behandeln versteht: 
so wird auch der Reinertrag der Schäfereien Maßstab für die 
Größe der Landrente des zur Schafzucht benutzten Bodens 
werden. Yon diesem Zustand sind wir jetzt aber noch weit 
entfernt und so lange dieser nicht erreicht ist, so lange ist 
auch die höhere Nutzung der feinen Schafzucht im VerhäJtnis 
zur Rindviehzucht nicht als Landrente, sondern als Zins des 
in der feinen Herde steckenden Kapitals und als Belohnung 
der Industrie des Schafzüchters zu betrachten. 

Die Einführung der feineu Schafe in Deutschland und 
die allmähliche Verdrängung der Schafe mit grober Wolle ist 
von manchen interessanten Erscheinungen begleitet gewesen. 
Die gröberen Schafe gaben noch vor 30 Jahren so ge- 
ringen Ertrag, daß der Boden durch solche Schäfereien be- 
nutzt, gar keine Landrente abwarf. Die feinsten Herden 
geben dagegen einen so hohen Reinertrag, daß selbst der 
Kornbau oft minder einträglich ist als die Schafzucht, und 
diese ist dadurch für den gegenwärtigen Moment die Angel, 
280 um welche sich die ganze Wirtschaftseinrichtuug dreht. Um 
über die Zweckmäßigkeit einer Wirtschaft ein Urteil fällen 
zu können, muß man jetzt zuerst die Schäferei besehen : denn 
die Güte der Herde entscheidet darüber, welchen Aufw^and 
man znv Gewinnung des Futters machen darf. Ist die 
Herde von der ersten Qualität, so bezahlt sich selbst die 
Körnerfütterung reichlich, vielmehr also noch die Kartoffel- 
und Kleefütterung; und ein Gut, welches sonst durch 
seinen Bodenreichtum und durch seine Lage bei einer kou- 
secjuenten Bewirtschaftung auf Koppelwirtschaft verwiesen 



— 279 — 

wäre, kann dann mit Vorteil zur Fruchtwechsel Wirtschaft 
übergehen. 

Die große Einträglichkeit der feinen Schafzucht hat im 
östlichen Deutschland fast bei allen Landwirten das Streben, 
sich feine Herden zu verschaffen, hervorgebracht. Da nun 
die Schafe sich ziemlich schnell vermehren, und außerdem 
noch beträchtliche Herden von Merinos aus Spanien und 
Frankreich eingeführt sind, die echten Schafe selbst sich 
also beträchtlich vermehrt haben ; und andererseits fast alle 
Schäfereien durch Zulassung von Merinoböcken veredelt 
worden sind : so hat die Produktion der feinen Wolle im 
östlichen Deutschland seit 30 Jahren in einem ganz außer- 
ordentlichen Grade zugenommen. 

Man glaubte anfänglich, daß mit dieser exzessiven Ver- 
mehrung der feinen Wolle der Preis derselben sehr bald 
fallen und durch Überfüllung des Marktes bald unter den 
Preis, der zur Deckung der Produktionskosten erforderlich 
ist, sinken würde. 

Diese Furcht hat sich bis jetzt aber so wenig bestätigt, 
daß vielmehr bei dem Sinken der Preise aller anderen land- 
wirtschaftlichen Erzeugnisse der Preis der feinen Wolle fast 
die vorige Höhe behalten hat und also relativ, d. i. im Ver- 
hältnis zum Getreide, gar selir gestiegen ist. Die vermehrte 
Produktion ist stets von einer gleichen Schritt haltenden 281 
vermehrten Nachfrage begleitet gewesen, und der Preis der 
feinen AVoile übersteigt den Preis, wofür sie zu Markt ge- 
bracht werden kann oder den natürlichen Preis noch bei 
weitem. 

Wie kann nun aber der Preis einer Ware oder eines 
Erzeugnisses solange über dem natürlichen Preis stehen, und 
wie kann eine so außerordentlich vermehrte Produktion noch 
immer Abnehmer finden und verbraucht werden? 

Ich erkläre mir dies hauptsächlich aus folgenden beiden 
Ursachen : 



— 280 — 

1. aus den Eütdeckungen und Yerbesserungen in den 
Tuchfabriken; und 

2. aus der Bildung eines neuen Scliafstammes in Sachsen- 
der die spanischen Stämme an Feinheit der Wolle 
weit übertrifft. 

In dem Preise des Tuches und anderer Wollenwaren 
machen die Fabrikationskosten den größeren, die Kosten des 
rohen Materials oder der Wolle nur den kleineren Bestand- 
teil aus. Wenn nun durch große und ausgezeichnete Ver- 
besserungen in den Fabiiken die Fabrikationskosten des 
Tuches und anderer Wollenwai-en bedeutend vermindert 
werden, so hat dies die dreifache Wirkung: 

1. daß der Preis der Wollenwaren abnimmt; 

2. daß der Verbrauch dieser Waren wächst; und 

.3. daß das rohe Material, die Wolle, in größerer Menge 
begehrt wird, und der Preis derselben steigt. 
Wenn der Käufer zwischen Waren, die eine durch die 
andere ersetzt werden können, die Auswahl hat, so wählt er 
diejenige, die bei gleicher Brauchbarkeit für- ihn die wohl- 
feilste ist. Sinkt mm der Preis des Tuches, während der 
Preis der anderen Bekleidungsmittel derselbe bleibt, so ver- 
282mehi*t sich der Verbrauch des Tuches, und der der anderen 
Bekleidungsmittel wird eingeschränkt. Um den vermehrten 
Bedarf an Tuch zu liefern wird eine größere Quantität Wolle 
als früher erfordert, zu deren Hervorbringung der Produzent 
nur durch erhöhte Preise bewogen werden kann. Bei der 
steigenden Nachfi-age nach Tuch wird auch der Fabrikant 
einen höheren als den gewöhnlichen Gewinn ziehen und 
dadurch zur Erweiterung seiner Fabrik aufgefordert werden. 
Die Vorteile der neuen Entdeckungen teilen sich also an- 
fangs zwischen dem Käufer, dem Fabrikanten und dem 
Produzenten des rohen Materials. Die Fabriken können aber 
in kurzer Zeit soweit vermehrt und erweitert werden, daß 
aie den Begehr an Fabrikaten befriedigen können, und dann 



— 281 — 

hört der höhere Gewinn in Unternehmungen dieser Art auf : 
langsamer geht die Vermehrung des rohen Materials von- 
statten, und so wird auch der Gewinn des Produzenten bei 
der Erzeugung dieses Materials längere Zeit dauern; aber 
endlich muß auch hier die Hervorbringung mit dem Begehr 
ins Gleichgewicht treten, und dann kommt zuletzt der ganze 
Vorteil der Entdeckung dem Käufer oder Verbraucher der 
Ware zunutzen. 

In Sachsen ist durch sorgfältige Auswahl der Zuchttiere. 
und vielleicht auch durch klimatische und örtliche Ein- 
wirkungen, eine Schafrasse von hoher Feinheit der Wolle 
entstanden, wovon in Spanien selbst nur Individuen aber 
keine ganzen Stämme vorhanden sind. 

Die hochfeine, sehr sanfte und geschmeidige Wolle der 
sächsischen Schafe — Elektoralschafe genannt — ist im 
hohen Grade zur Verfertigung der feinen Zeuge, die zur 
Bekleidung der Damen dienen, geeignet; während die minder 
feine, kräftige aber barsche Wolle der spanischen Schafe — 
der Infantadorasse — hierzu nicht tauglich ist. Diese feineu 
Zeuge, welche früher gar nicht aus Wolle verfertigt wurden, 283 
vertreten und verdrängen jetzt zum Teil die seidenen und 
baumwollenen Zeuge ; und so schafft sich die Elektoralwolle 
selbst einen Markt, der vielleicht noch einer großen Aus- 
dehnung fähig ist. 

Indem nun die Elektoralwolle zu Waren verwandt wird, 
die früher gar nicht existierten , kann durch die Hervor- 
bringung dieser Wolle der Bedarf an anderen Wollgattungen 
nicht abnehmen, und es kann deshalb die Produktion der 
Wolle im ganzen beträchtlich zunehmen, ohne daß dadurch 
sogleich ein Überfluß entsteht. 

Vor wenigen Jahren noch war in einem großen Teil 
des ösl liehen Deutschlands das reich wollige Infantadoschat" 
das Ziel des Strebens, und ein Schaf von dieser Basse, was 
neben einer mäßigen Feinheit der Wolle und neben dem 



— 282 — 

Wollreichtum noch andere wünschenswerte Qualitäten zeigte, 
wurde als ein Muster, als das Ideal eines Schafes betrachtet, 
und es sind sehr große Summen von den Landwirten des 
nördlichen Deutschlands zur Anschaffung solcher Herden 
verwandt. 

Jetzt bereuen manche ihren Irrtum*), indem man nun 
das Elektoralschaf mit hochfeiner Wolle als das Ideal eines 
Schafes, als dasjenige, wodurch man Grund und Boden am 
höchsten nutzen kann, ansieht. 

Aber war denn dies wirklich ein Irrtum, gibt es hierin 
etwas absolut Vollkommenes, gibt es eine Wolle, die für 
alle Zeiten die gesuchteste sein wird, und von der man 
sagen kann, daß die Scliafe, die diese Wolle tragen, stets 
die einträglichsten sein werden ; oder ist ein solches Ideal 
mit dem Fortschreiten der Schafzucht dem Wechsel unter- 
worfen ? 
284 Das reichwollige Infantadoschaf trägt ebeusoviele Wolle, 
als das Landschaf mit grober Wolle. Der Übergang von 
diesem zu jeaem, oder die Veredlung des Landschafes bis 
zum Grade der Feinheit des Infantadoschafes , ist also mit 
keiner Verminderung der Wollschur verbunden und bezahlt 
sich hoch durch den steigenden Wert der Wolle. 

Nun ist es aber wohl schon allgemein anerkannt, daß 
die höchste Feinheit der Wolle nicht mit dem höchsten 
Wollreichtum verträglich ist, daß von einem gewissen Punkt 
an die höhere Feinheit nur auf Kosten des Wollertrages er- 
reicht werden kann. 

War nun vor einigen Jahren der Preis der feinen Wolle, 
wie das Infantadoschaf sie trägt, 1 Tlr. pr. Pfund und 
trug dieses Schaf 3 it. Wolle, so brachte jedes Schaf durch 

*) Ich bitte iiieiue Leser, zu berücksichtigen, daß dies im 
Jahre 1825 geschrieben ist. Seit dieser Zeit hat sich die Wage 
wieder gar sehr zugunsten der mittelfeinen Schäfereien geneigt. 



— 283 — 

seine Wolle 3 Tlr. ein ; gab dagegen das Elektoralschaf 
1^/4 it. Wolle ä 1^/2 Tlr.. so war der Wert des Vließes 
2^'' 's Tlr., also -^/s Tlr. weniger als beim lufantadoschaf ; und 
man hatte also Recht, das Infantadoschaf dem Elektoralschaf 
vorzuziehen. 

Nun ist aber aus den beiden Ursachen, 1. daß es vor- 
teilhafter war, feine Wolle als hochfeine Wolle zu erzeugen; 
und 2. daß durch bloße Veredlung der Landschafe schon 
jene, aber nicht diese Wolle in beträchtlicher Menge her- 
vorgebracht ist, die Produktion der feinen Wolle so stark 
geworden, daß der Markt reichlich damit versehen und der 
Preis derselben gesunken ist, während der Preis der hoch- 
feinen Wolle fast unverändert geblieben. Gilt jetzt z. B, 
das Pfund feine Wolle noch 36 ßl. , so trägt das Infantado- 
schaf für 2Vi Tlr., das Elektoralschaf aber noch immer für 
2^/s Tlr. Wolle. 

Man hat also ganz recht, das Elektoralschaf jetzt dem 
Infantadoschaf vorzuziehen; aber das allgemeine Streben, 
Elektoral wolle zu erzeugen , wird binnen wenigen Jahren 
eine so große Quantität davon hervorbringen, daß auch 285 
hiermit der Markt reichlich versehen wird, und der Preis 
derselben fällt — und man wird sich dann wieder ein anderes 
Ziel zum Gegenstand des Strebens stecken müssen. 

Mit dem Fallen des Preises der hochfeinen Wolle werden 
auch die daraus verfertigten Waren im Preise fallen und 
dadurch aufhören, ein Gegenstand des Luxus zu sein. Bei 
der Vorliebe der Reichen, nur solche Waren zur Bekleidung 
zu nehmen, die so teuer sind, daß die Minderwohlhabenden 
von dem Gebrauch derselben ausgeschlossen bleiben, könnten 
die feinen wollenen Zeuge, gerade durch ihre Wohlfeilheit 
wieder aus der Mode kommen und die seidenen und baum- 
wollenen Zeuge ihre Stelle wieder einnehmen. 

Zum Glück für den Produzenten ist aber noch eine 
weitere Steigerung der Wollfeinheit möglich : man findet 



— 284 — 

nämlich iu den hochfeinen Schäfereien einzelne Tiere von 
einer noch weit hervorragenderen Wollfeinheit, die man aber 
nicht zu vermehren suclit, weil sie wegen des äußerst ge- 
ringen Wollertrags bis jetzt nicht einträglich sind. 

Wahrscheinlich wird aber einst, wenn die hochfeine 
Wolle erst in hinreichender Menge vorhanden ist, der Preis 
dieser höchst feineu Wolle so sehr steigen, daß es vorteil- 
haft wird, diese bis jetzt nicht beachteten Individuen her- 
vorzusuchen und aus ihnen ganze Stämme zu bilden. Die 
Schafe, die diese höchst feine Wolle tragen, liefern nur einen 
Wollertrag von 1 bis 1^/2 U.. Die Produktionskosten der- 
selben kommen also sehr hoch zu stehen , und da die Ver- 
fertigung der Zeuge aus so feiner Wolle ebenfalls sehr kost- 
spielig ist: so werden diese Waren so teuer sein, daß sie 
stets ein Gegenstand des Luxus der Eeichen bleiben. 

Yielleicht werden einst aus der Wolle Fabrikate von 

ebenso ungleichem Wert wie jetzt aus dem Flachs — 

286 welcher zum Material für die grobe Leinwand und auch 

für die feinsten Brüsseler Spitzen dient — verfertigt 

werden. 

Wenn aber zuletzt auch die hüchstfeine Wolle in hin- 
reichender Menge produziert wird, wenn Angebot und Be- 
gehr gleich geworden, und der beharrende Zustand, wo 
weder eine Einschräukung der Produktion noch eine Er- 
weiterung derselben vorteilhaft ist^ eintritt — nach welchen 
Gesetzen wird dann der Preis der Wolle und der Preis der 
verschiedenen Wollsorten unter sich bestimmt werden? 

Mit dieser Frage müssen wir eine andere, nämlich die: 
„in welcher Gegend des isolierten Staates wird die W^oll- 
produktion stattfinden?" verbinden. 

Wenn der beharrende Zustand eingetreten ist, so finden 
die Gesetze, welche wir für die Preisbestimmung anderer 
Produkte entwickelt haben, auch auf die Wolle ihre volle 
Anwendung. 



- 285 — 

Aus den im § 19 dargestellten Formeln hat sich bei 
•v\-eiterer Entwicklung ergeben, 

1. daß von zwei Produkten, die dem Gewicht nach 
gleichen Ertrag von einer gegebenen Fläche liefern, 
dasjenige, welches die meisten Produktionskosten er- 
fordert, am fernsten von der Stadt erzeugt werden muß ; 

2. daß bei gleichen Produktionskosten die Erzeugung des- 
jenigen Produktes, welches dem Gewicht nach von 
derselben Fläche den mindesten Ertrag bringt, hinter 
dem anderen, d. h. ferner von der Stadt, geschehen muß. 

Nun sind die Produktionskosten der Butter bei gleichem 
Gewicht, z. B. einer Ladung, geringer als die der Wolle, 
imd von derselben Fläche kann ungleich mehr Butter aJs 
Wolle erzeugt werden. In dem isolierten Staat wird also 
•die Kuherei die nähere Gegend, die Schäferei die der Stadt 
fernere Gegend einnehmen. 

Die feinen Schafe ti-ageu weniger Wolle als die gröberen, 287 
erfordern aber kräftigeres Futter und sorgfältigere Wartung. 
Da nun eine gegebene, der Schafzucht gewidmete Fläche 
weniger feine als grobe Wolle liefert, und da zugleich die 
nämliche Quantität feiner Wolle mehr Produktionskosten 
erfordert als die grobe: so müssen auch, wenn keine 
andere Umstände entgegenwirken, die feineren 
Schäfereien hinter den gröberen, oder in größerer Entfernung 
von der Stadt ihre Stelle finden. 

Da ferner die entlegene Gegend eine geringere Land- 
rente gibt als die nähere: so folgt daraus, daß die minder 
feineu Schäfereien eine höhere Landreute geben, also ein- 
träglicher sein werden, als die feinen Schäfereien, obgleich 
der Preis der feinen Wolle, wegen der größeren Produktions- 
kosten , stets höher bleiben wird , als der der gröberen 
WoUe. 

Ich muß hier wiederholen . daß dieser Satz auf den 
Voraussetzungen : 



— 286 — 

1. daß alle Schafzüchter gleiche Intelligenz und Kennt- 
nisse besitzen; 

2. daß die feinen Schafe in solcher Menge vorhanden 
sind, daß man sie ebensowohl als die groben Schafe 
für die Aufzuchtkosten erkaufen kann, 

beruht, und daß derselbe also da, wo diese Voraussetzungen 
nicht stattfinden, auch keine Anwendung finden kann. 

Wenn wir in der Wirklichkeit von diesem vorausgesetzten 
Zustande auch noch sehr weit entfernt sind: so läßt sich 
doch nicht leugnen, daß das Resultat der fortschreitenden 
Kultur eine stete Annäherung zu demselben ist, und daß 
schon in dem allgemeinen Streben nach höherer Kultur die 
Tendenz liegt, im Laufe der Zeit diesen Zustand mehr und 
mehr herbeizuführen. 
288 In der Wirklichkeit sind wir in Hinsicht der Schäferei 
noch in der Periode des Übergangs begriffen; in dem iso- 
lierten Staat sehen wir dagegen diesen Übergang als vollendet 
an, und betrachten nur den letzten an das Zeitmaß nicht 
gebundenen Erfolg. 

Ich habe oben gesagt : „wenn keine andere Umstände 
entgegenwirken"; denn es könnte z. B. sein, daß das feine 
Schaf in den nie umgebrochenen, steppenähnliclien Weiden 
des Kreises der Yiehzucht und der D. F. W. ausartete und 
wieder grobe Wolle erzeugte. In diesem Fall müßte die 
Erzielung der feinen Wolle in dem entlegeneren Teile des 
Kreises der Koppelwirtschaft geschehen, und der Butter- 
produktion müßte soviel Land entzogen werden, als zur 
Hervorbringung des Bedarfs an feiner Wolle notwendig 
wäre. Die feinen Schäfereien würden dann eine höhere 
Landreute gewähren, also einträglicher sein, als die groben 
Schäfereien; aber immer würde in dem der Stadt zimächst 
gelegenen Teil des Kreises der Koppelwirtschaft die Kuherei 
vorteilhafter sein und einen höheren Ertrag gewähren, als 
die feinste Schäferei. 



— 287 — 

Die Frage, ob Quantität und Qualität des dem Schafe 
gereichten Futters uud der Weide auf die Güte und Feinheit 
der Wolle einwirke, ist also, wenn wir auf den endliehen 
Erfolg, den unsere Bemühungen bei der Schafzucht haben 
werden, sehen, von der äußersten Wichtigkeit, Fände es 
sich z. B. , daß die Produktion der Wolle von der höchsten 
Qualität an gewisse Gegenden oder gar an einzelne Güter 
gebunden wäre: so würden diese Gegenden oder diese Güter, 
ebenso wie die Weinberge, die einen ausgezeichnet schönen 
Wein liefern, stets eine hohe Rente abwerfen, weil die 
Hervorbringung dieser Wollgattung dann nicht willkürlich 
vermehrt werden könnte. 

Obgleich unsere bisherigen Untersuchungen das Resultat 289 
gegeben haben, daß, wenn einst die Seltenheit der feinen 
Herden aufgehört hat, und die Wollproduktion mit dem 
Bedarf ins Gleichgewicht getreten ist, die feinen Schäfereien 
dann einen minderen Ertrag als die Kühe und vielleicht 
einen geringeren Ertrag als die groben Schäfereien geben 
werden: so darf uns dies, aus mehreren Gründen, doch 
nicht von den ferneren Bestrebungen zur Veredlung und 
Verbesserung unserer Herden abhalten. 

a) Wenn aucli die jetzige hohe Nutzung der feinen 
Schäfereien nur während der Übergangsperiode stattfindet, 
und aufliört, sobald der beharrende Zustand eingetreten ist; 
so erfordert doch, wie die Erfahrung bereits gelehrt hat, 
dieser Übergang einen sehr langen Zeitraum. Sachsen hat 
nun schon seit 60 Jahren, das übrige östliche Deutschland 
seit ungefähr 30 Jahren, die Früchte dieses Übergangs ge- 
nossen, und leicht möglich können noch 30 Jahre verfließen, 
ehe dieser Übergang ganz vollendet ist.*) Denn einesteils 



*) Diese im Jahre 1825 ausgesprochene Vermutung hat sich 
nicht bestätigt. Denn wenn auch der Durchschnittspreis 
der feinen und besonders der mittelfeinen Wolle in der seit diesem 



— 288 — 

wird mit dem Sinken der "Wollpreise der Verbrauch der 
wollenen Waren noch immer zunehmen, die Nachfrage nach 
feiner Wolle wird also noch wachsen und wird selbst durch 
die steigende Produktion noch nicht sobald befriedigt werden ; 
anderenteils wird durch die vielen Fehler, die bisher bei 
den Kreuzungen der Herden gemacht sind, und die auch 
290 ferner wohl nicht ausbleiben werden, die Vermehrung der 
hochfeinen Schafe gar sehr verzögert. 

b) Das östliche Deutschland allein kann schwerlich so 
viele feine Wolle hervorbringen, daß der Preis derselben bis 
zu dem natürlichen Preise herabsinkt. Dies wird vielmehr 
erst dann geschehen, wenn Polen, Rußland, Ungarn, Austra- 
lien usw. die feine Schafzucht im großen und mit Erfolg 
betreiben. Die genannten Länder sind in dieser Beziehung 
für den europäischen Markt das, was der Kreis der Viehzucht 
für den isolierten Staat ist. Wäre nun die Vermutung, daß 
das feine Schaf auf den Steppeuweiden und auf den be- 
ständigen Weiden der Dreifelderwirtschaften ausartet, be- 
gründet, so würde auch das östliche Deutschland noch lange 
Zeit vorzugsweise in den Besitz der feinen Schäfereien 
bleiben : denn die wirksame Verpflanzung der feinen Herden 
nach jenen Ländern, wäre dann au die Ei-höhung der Kultur 
des Bodens, an die Einführung der Koppelwirtschaft statt 
der Dreifelderwirtschaft gebunden und könnte nur lang- 
samen Schrittes vorwärts gehen. Einst, nach einem längeren 
Zeitraum, werden aber unstreitig auch diese Länder höher 
kultiviert sein, und dann wird dort, wo der Boden eine nocli 



Zeitpiinkt verflossenen Periode noch über dein Produktionspreise 
j^estanden hat: so ist doch in dtiu letzten Jahren der Preis der 
feinen Wolle so tief gesunken, daß bei der Fortdauer dieses Zu- 
staiides, auf dem besseren Boden — wenigstens in ]\Iecklenburg — 
die KuLhaltung schon jetzt vorteilhafter wird, als die Haltung 
einer feinen Schäferei. 



— 289 — 

geringere Landrente gibt als bei uns im östlichen Deutsch- 
land, auch die feine Schafzucht einträglicher sein als hier. 
Aber ehe noch, durch den allmählichen Übergang zu 
diesem Zustand, die feine Wolle bis auf ihren natürlichen 
Preis herabgesunken ist, wird die feine Schafzucht in den 
reicheren und höher kultivierten Ländern des westlichen 
Europas, namentlich in Frankreich, schon längst unvorteilhaft 
geworden sein. Die Vermehrung der feinen Schafe in den 
östlichen Staaten ist also mit einer Verminderung derselben 
in den westlichen Ländern verbunden, wodurch die Periode 
des Überganges notwendig sehr verlängert werden muß. 

c) Wenn aber dies alles auch nicht wäre, wenn die 29t 
Wolle auch schon jetzt zu dem Preise, den man beim völlig 
freien Handel durch ganz Europa den natürlichen Preis 
nennen könnte, herabgesunken wäre: so sind wir doch bei 
den gegenwärtig vorherrschenden Sperrsystemen sclilechthiu 
auf die Erzeugung feiner Wolle verwiesen. 

Der Weltmarkt von London ist für alle unsere anderen 
landwirtschaftlichen Erzeugnisse verschlossen, und bloß für 
die Wolle offen. Durch diese Sperrungen sind nun alle 
Bande, die die Nationen früher aneinander knüpften, zer- 
rissen; keins der Gesetze, wodurch beim freien Handel der 
Preis des Getreides bestimmt wird, kann wirksam werden; 
jeder Staat will für sich ein isolierter Staat sein. 

Die westlichen Staaten haben durch die Sperrung einen 
unnatürlichen hohen Getreidepreis erzwungen, während dieser 
in den östlichen sonst kornausführenden Ländern unnatürlich 
niedrig geworden ist. Der Weltmarkt von London , der 
früher den Preis aller unserer landwirtschaftlichen Erzeug- 
nisse regulierte, bestimmt jetzt nicht mehr den Preis unseres 
Getreides, aber noch den der Wolle. Der Weizen gilt jetzt 
in London das Dreifache von dem, was er in den Häfen der 
Ostsee gilt, der Preis der Wolle ist in London nur um den 
Betrag der Transportkosten höher als bei uns, und während 

Thünen, Der isolierte Staat. 19 



— 290 — 

der Preis des Getreides, des Fleisches, der Butter usw. bei 
uns bis zum Unwert gesunken ist, ist der Preis der Wolle 
geblieben, wie ihn der freie Welthandel reguliert. 

Dies ist nun der eigentliche Grund, warum dje Schaf- 
zucht so außer allem Yerhältnis bei uns einträglicher ist, 
als die Rindviehzucht und Pferdezucht. Wir werden dadurch 
nicht bloß aufgefordert, sondern gezwungen, unsere ganze 
Kraft und Aufmerksamkeit auf die Schafzucht zu richten. 
2;)2 Auch beim völlig freien Handel gilt wegen der bedeu- 
tenden Transportkosten der Weizen in den Häfen der Ostsee 
nur 2/3, höchstens -Vi des Londoner Marktjsreises. Für den 
englischen Landwirt ist dadurch der Kornbau, auch ohne 
alle weitere Begünstigung, gar viel vorteilhafter als für 
uns, und der Kornbau muß in England eine hohe Landrente 
gewähren. Dieses Übergewicht des englischen Landbaues 
wird dagegen bei der AVoll Produktion höchst unbedeutend: 
denn die rohe Einnahme von der Scliäferei — insofern 
diese aus der Wolle erfolgt — ist in England nur soviel 
höher, als der Traiis]3ort der Wolle nach dem Londoner 
Markt weniger kostet. Wir können also eine Weidefläche 
oder eine gegebene Quantität Futter durch Schäferei fast 
eben so hoch nutzen wie die Engländer. Der Eeinertrag ist 
aber bei uns aus eben den Gründen, warum in dem isolierten 
Staat die Landrente aus der Yiehzucht in der Nähe der 
Stadt negativ, in der größeren Entfernung positiv ist, bei 
nns sehr viel höher, und die Engländer werden also beim 
freien Handel nie die Konkurrenz mit uns aushalten können. 
Je größer die Differenz in den Kornpreisen wird , um i^<'> 
größer wird der Verlust, den die Schafzucht, insofern diese 
auf Wollproduktion gerichtet ist, in England bringt, um so 
höher der Gewinn, den sie hier gibt, und so muß unfehlbar 
das Sperrsysteni und die dadurch bewirkte künstliche Teurunu- 
des Getreides, das Sinken der Schafzucht in England uml 
das Emporblühen derselben bei uns zur Folge haben. 



— 291 — 

d) Die liühere Schafzucht erhält dadurch noch einen 
besonderen Reiz, daß die Regeln, wonach hier verfalrren 
werden muß, nicht so klar vorliegen, wie bei anderen Kultur- 
zweigeu der LandAvirtschaft, und zum Teil selbst noch un- 
erforscht sind. So wie der Ertrag, den die Schäferei liefert. 29;} 
von der Güte der Herde abhängt, so hängt wiederum die 
Erhaltung und weitere Veredlung der Herde von der Per- 
sönlichkeit des Landwirtes, von seiner Aufmerksamkeit imd 
seiner mehr oder minder richtigen Ansicht ab. Nun ist es 
aber sehr zu bezweifeln, ob die Kenntnisse, welche zur 
höheren Veredlung einer Herde gehören, jemals ein Gemein- 
gut werden können, und ob die mechanische Erlernung von 
Regeln oder die Nachahmung eines Vorbildes hier jemals 
ausreichen wird. Reicht dies aber nicht zu, so wird auch 
der Ertrag der vorzüglichsten Schäfereien niemals ganz zur 
Landrente übergehen, sondern ein Teil desselben wird Lohn 
der richtigeren und tieferen Einsicht bleiben. - 



§ 31. 
Anbau der Handelsgewächse. 

Wir haben, wie schon früher angeführt ist, angenommen, 
daß der Acker jedes Gutes in zwei Abteilungen geteilt .sei. 
wovon die erstere, größere Abteihmg sich in und durch sich 
selbst in gleicher Kraft erhält, die zweite Abteilung aber den 
Dung aus den Wiesen bekommt und in der Bewirtschaftungs- 
art anderen Regeln folgt als die erste. 

In dem ersten Abschnitt dieser Schrift, wo von der 
Gestaltung des isolierten Staates die Rede war, und wo wir 
die verschiedenen Wirtschaftssysteme in ihrer reinen, ein- 
fachen Form betrachteten, durften wir nur die erste Ab- 

19* 



— 292 — 

teilung des Ackers iu Betracht ziehen imd kouuten des 
Anbaues der Handelsgewäclise gar nicht erwähnen. 

Nun ist es aber mit unseren übrigen Annahmen voll- 
kommen verträglich, wenn wir uns denken, daß der Anbau 
der Handelsgewächse in der zweiten Abteilung stattfindet, und 
wir müssen jetzt untersuchen, in welcher Gegend des isolierten 
Staates die Kultur der verschiedenen Arten von Handels- 
gewächsen, deren die Stadt bedarf, betrieben Averden wird. 
294 Im § 19 ist der Satz, daß, bei gleichen Produk- 
tionskosten, dasjenige Gewächs, auf welches 
eine größere Landrente fällt, ferner von der 
Stadt gebaut werden muß, ausgesprochen. Bei der 
Anwendung dieses Satzes auf bestimmte Gewächse muß nun 
die Frage : „wie für ein gegebenes Gewächs die auf dasselbe 
fallende Landrente ausgemittelt werden könne" zur Sprache 
kommen. 

In der 7 schlägigen Koppelwirtschaft muß jeder Ge- 
treideschlag mit einem Weideschlag verbunden sein, um die 
durch den Getreidiebau bewirkte Aussaugung zu ersetzen. 
Nehmen wir nun — um die Frage zu vereinfachen — vor- 
läufig an , daß hier von derjenigen Gegend , wo die Vieh- 
haltung, also auch der Weideschlag, gar keine Landrente, 
aber auch keinen Verlust bringt, die Rede sei: so muß der 
Getreideschlag die Landrente von 2 Schlägen tragen , oder 
auf den Getreideschlag fällt die doppelte Landrente von dem, 
was dieser der Fläche nach tragen würde. 

Vergleicht man nun mit dem Getreide ein Gewächs, das 
den Boden noch stärker erschöpft, z. B. zwei Weideschläge 
statt eines zum Ersatz der bewirkten Aussaugung bedarf, 
so wird diesem Gewächs die dreifache Landrente von der- 
jenigen Fläche, wo dasselbe gebaut ist, zur Last fallen. Bei 
gleichem Ertrage, dem Gewicht nach, wird also stets das- 
jenige Gewächs, welches die größte Aussaugung bewirkt, auch 
die größte Landrente zu tragen haben , und dem oben er- 



— 293 — 

wähnten Gesetz zufolge wird also das den Boden am meisten 
erschöpfende Gewächs am fernsten von der Stadt erzeugt 
werden müssen. 

Findet dies aber schon dann statt, wenn die Landrente 
der Weideschläge = ist; so muß dies noch um so mehr 
der Fall sein, wenn die Weideschläge in der Nähe der Stadt 
eine negative, in größerer Entfernung aber eine positive Land- 2i)5 
rente geben : denn das stärker erschöpfende Gewächs, in der 
Nähe der Stadt gebaut, muß dann nicht bloß die dreifache 
Landrente von der Fläche, auf w^elcher es erzeugt wird, 
tragen, sondern auch noch den Verlust, den die zwei mit 
demselben verbundenen Weideschläge bringen, mit über- 
nehmen; während für dasselbe Gewächs, in größerer Ent- 
fernung von der Stadt gebaut, von der dreifachen Landrente 
der Ertrag, den die beiden Weideschläge geben, wieder in 
Abzug kommt. 

In Verbindung mit den im § 19 aufgestellten Gesetzen 
gehen hieraus, für die Bestimmung der Reihenfolge, in 
welcher die verschiedenen Handelsgewächse nacheinander 
gebaut werden müssen, folgende Sätze hervor: 

1. bei gleichen Produktionskosten und demselben Ertrag, 
dem Gewicht nach, muß dasjenige Gewächs, welches 
den Boden am stärksten erschöpft, am fernsten von 
der Stadt gebaut werden; 

2. bei gleichem Ertrage und gleicher Aussaugung wird 
dasjenige Gewächs, welches die meisten Produktions- 
kosten erfordert, in der entlegeneren Gegend erzeugt; 

3. bei gleicher Aussaugung und gleichen Produktionskosten 
muß das Gewächs, was von einer gegebenen Flüche 
den kleinsten Ertrag, dem Gewicht nach, liefert, in der 
größeren Entfernung von der Stadt erzielt werden. 

Wir kommen jetzt zu der Anwendung dieser Sätze auf 
einzelne Handelsgewächse. Über den Grad der Aussaugung 
der meisten dieser Gewächse herrscht aber unter den Land- 



— 294 — 

Wirten eine solche Meinungsverschiedenheit, daß es fast 
scheint, als sei die Erfahrung von Jahrtausenden, während 
welcher die Landwirtschaft schon betriehen ist, rein ver- 
loren gegangen. Unter diesen Umständen darf man auch 
die Zahlen, wodurch ich in dem Folgenden den Grad der 
29B Aiissaugung der Handelsgewächse bezeichne, nur wie Zahlen, 
womit man eine Buchstabenformel zu erläutern pflegt, an- 
sehen: jedoch muß ich hinzufügen, daß ich sie durch keine 
richtigeren zu ersetzen weiß. 

1. Raps. 

In früherer Zeit hielt man in Mecklenburg den Kaps 
für sehr aussaugend, und ich habe auch in der ersten Auflage 
dieser Schrift, der Autorität v. Thaer und v. Voght folgend, 
die Aussaugung desselben hoch angenommen. Auch habe ich 
damals den Ertrag des Rapses viel zu hoch angeschlagen, 
indem ich bei unzulänglichen eigenen Erfahrungen, die Data, 
welche mir ein benachbartes Gut darbot, wo der Rapsbau 
im kleinen auf sehr fruchtbarem Boden mit ausgezeichnetem 
Erfolge betrieben wurde, meinen Ansätzen zu gründe legte. 

Seit jener Zeit hat sich aber in Mecklenburg der Raps- 
bau fast auf allen Gütern mit besserem Boden verbreitet, und 
ist auf einzelnen Gütern bis zur Besamung eines ganzen- 
Schlages ausgedehnt. Ich kann deshalb jetzt neben meinen 
eigenen längeren Erfahrungen auch die auf anderen Gütern 
geraachten Beobachtungen benutzen und der folgenden üntej- 
suchung zu gründe legen. 

Der Rapsbau ist in Mecklenburg für viele Landwirlo 
die Quelle des Wohlstandes und in Verbindung mit dem 
Mergeln ein Hebel zur Steigerung der Pacht- und Kauf- 
preise der Güter geworden. Da nun der Rapsbau in Ländern, 
Avo derselbe noch nicht eingeführt ist, künftig Ahnliches 
leisten kann, so glaube ich mich über diesen Gegenstand 
hier ausführlich verbreiten zu dürfen. 



— 295 — 

Aussaugung des Rapses. 

Es gibt in Mecklenburg ein Gut (Bülow), wo bei einer 
den Acker nicht schonenden Fruchtfolge der Rapsbau auf 
ganzen Schlägen seit ungefähr 30 Jahren betrieben ist — 297 
und dieses Gut ist in der Kultur nicht zurückgegangen, 
sondern fortgeschritten. Dies Faktum allein ist jedoch für die 
geringe Aussaugung des Rapses nicht entscheidend; denn 
dieses Gut hat eine sehr bedeutende Heuwerbung und be- 
sitzt vorzügliche Moder, welche in großen Quantitäten auf 
den Acker gebracht ist. 

Der selige Domänenrat Pogge zu Roggow — welcher, 
um nach dem hinten im Felde gesäten Raps zu gelangen, 
mitten durch den vorderen gleichmäßig gedüngten Acker 
einen Streifen mit Raps, das übrige Land aber mit Roggen 
besäte — fand, daß der Hafer in der dritten Saat auf dem 
Streifen, der Raps getragen hatte, besser stand, als da, wo 
in der ersten Saat Roggen gewesen war. Sein Sohn, Herr 
J. Pogge, jetzt auf Roggow — zu dessen Umsicht und Ge- 
nauigkeit im Experimentieren ich das vollste Vertrauen habe 
— stellte zur Ermittlung der Aussaugung des Rapses einen 
eigenen Versuch an und fand, daß der Hafer, dem erstens 
Raps, zweitens Weizen vorangegangen war, einen größeren 
Ertrag gab als der Hafer, welcher bei sonst gleicher Be- 
handlung nach Weizen in der ersten und Gerste in der 
zweiten Saat folgte. 

Abgesehen von diesen einzelnen Beobachtungen zeigte es 
sich im allgemeinen bei der ersten Einführung des Raps- 
baues, daß der Weizen nach Raps fast eben so üppig wuchs 
als nach reiner Brache, und die Aussaugung des Rapses 
schien durch die im Acker zurückbleibenden Wurzeln und 
Stoppeln und durch die im Herbst abfallenden Blätter dieser 
Pflanze größtenteils gedeckt zu werden. Indessen habe ich, 
so wie mehrere andere Landwirte, bemerkt, daß bei der 



— 296 — 

Wiederkehr des Rapses auf derselben Stelle der nach dem- 
selben folgende Weizen gegen den Brachweizen weit mehr 
298 zurücksteht als in der ersten Rotation, und daß jener stehen 
bleibt, wenn dieser sich lagert. Es scheint hiernach, als 
wenn der Raps einen eigentümlichen Stoff — vielleicht 
Kali — vorzugsweise zu seiner Nahrung auswählt, Avenn 
derselbe in hinreichender Menge vorhanden ist; dann aber, 
wenn der angehäufte Vorrat von diesem Stoff konsumiert 
ist, die anderen Bestandteile des Dunges sich mehr aneignet. 
Aus der Summe der mir bis jetzt vorliegenden Er- 
falirungen und Beobachtungen glaube ich nun mit einiger 
Wahrscheinlichkeit folgern zu dürfen, daß die Aussaugung 
des Rapses, wenn derselbe nicht öfter als alle 12 — 14 Jahre 
auf derselben Stelle wiedei'kehrt , sich zu der Aussaugung 
des Roggens wie 2 zu 3 verhält — daß also ein Schlag Raps 
-'3 soviel Dung konsumiert, als ein Sclilag Roggen auf Boden 
von gleichem Reichtum. 

Ertrag des Rapses. 

In dem Zeitraum von 1830 — 40, wo der Rapsbau zu 
T. zwai" nicht im großen, aber doch in größerer Ausdehnung 
als früher betrieben ist, betrug der Durchschnittsertrag des 
Rapses 7, 10 Berliner Scheffel von 100 DR. 

Die Ertragsfähigkeit des Bodens, auf welchem der Ra])s 
gebaut ist, schätze ich für den Roggen (abgesehen davon, 
daß diese Frucht sich bei einem solchen Bodenreichtum 
lagern würde) auf 12 Schfl. pr. 100 DR. 

Die Notizen, welche ich von anderen Gütern über den 
Durchschnittsertrag des Rapses auf ähnlichem Boden erhalten 
habe, stimmen hiermit ziemlich überein, und im all- 
gemeinen nehme ich an, daß der Durchschnittsertrag des 
Rapses sich dem Maße nach zu dem des Roggens wie 6:10 
verhält, welches auf Boden von 12 Schfl. Roggenertrag 12 X '' 10 
1= 7,2 Schfl. Raps pr. 100 DR. beträgt. 



— 297 — 

Der Rapsertrag pr, 100 Dß. war in den früheren Jahren 299 
bedeutend größer als jetzt und betrug in dem Zeitraum von 
1820—30 zu T. 9,72 Schfl. Diese Abnahme des Ertrages 
rührt zum Teil daher, daß bei dem Anbau im kleinen der 
Acker für den Raps noch sorgfältige]- ausgewählt werden 
konnte; hauptsächlich aber entspringt diese Abnahme aus 
der ungeheuren Vermehrung der Todfeinde des Rapses — 
der Glanz- und Rüsselkäfer, wovon jene die Blüten verzehren, 
diese die Schoten anbohren. Diese Käfer waren bei der 
ersten Einführung des Rapsbaues in so geringer Menge vor- 
handen, daß sie kaum bemerkt wurden ; mit der Ausbreitung 
des Rapsbaues hat aber ihre Yermehrüng so zugenommen 
und ihre Yerheerungen sind in den drei letzten Jahren so 
arg geworden, daß die Rapsfelder zum Teil umgehaekt 
werden mußten. 

Es findet ferner eine Abnahme des Ertrages des Rapses 
statt, wenn derselbe in der zweiten Rotation auf derselben 
Stelle gebaut wird, wo er in der ersten Rotation gestanden 
hat, und dies zeigt sich auch dann, wenn der Boden noch 
denselben Reichtum und für andere Früchte dieselbe Er- 
tragsfähigkeit wie im ersten Umlauf besitzt. Dies wird zwar 
nicht von allen Landwirten zugestanden, und es gibt auch 
Bodenarten, wo diese Abnahme langsamer erfolgt und erst 
später bemerkbar wird, auch kann derselbe durch Auffahren 
gewisser Moderarten entgegen gewirkt werden: aber der 
obige Satz, der sich auf die Beobachtungen im allgemeinen 
und auf die Erfahrungen in den Menschen, wo der Rapsbau 
seit Jahrhunderten heimisch ist, stützt, wird dadurch nicht 
entkräftet. 

Beträgt nun, unserer obigen Annahme gemäß, die Aus- 
saugung einer Rapsernte -/s von dem, was eine Roggenernte 
diesem Boden entnehmen würde, so erschöpft eine Rapsernte 
von 7,2 Schfl. den Boden um 12^ X -/s = 8"; die auf einen 300 
geernteten Scheffel Raps fallende Aussaugung beträgt also l.ii". 



298 



Berechnung der Landrente, welche dem Raps 
zur Last fällt. 

Die Roggenernte von 12 Scheffeln kostet dem Boden 
12^, die Rapsernte von 7.2 Scheffeln entnimmt dem Boden 
80 Reichtum. 

Der Roggen liefert 12 X 190 = 228(i //. Stroh, woraus 

2280 

-qjrr = 2,62 Fuder Dung erfolgen, die auf einem Boden von 

3,-'0 Qualität 2,r,2 X 3,.' = 8,3^o Reichtum ersetzen. Nach 
Abzug dieses Ersatzes bleibt für den Roggen eine Erschöpfung 
von 12« — 8,38» = 3,02«. 

Den Strohgewinn des Rapses habe ich bei einer mitt- 
leren Ernte im Jahre 1838 zu 1200 f^f. pr. 100 GRuten 

1200 
geschätzt. Daa'aus erfolgen ^- . = 1,3> Fuder Dung und 

1,38 X 3,2 = 4,42^ Reichtum. Den Ersatz aus dem Stroh 
abgezogen, bleibt die Aussaugung 8*^' — 4,42*^ = 3,3-°. 

Obgleich der Raps den Boden bedeutend weniger er- 
schöpft als der Roggen, so bedarf derselbe des geringeren 
Strohgewinns wegen doch fast genau denselben Dungzuschuß 
wie der Roggen — und wenn ein Roggenschlag zur Deckung 
der Aussangung des Ersatzes, den ein Weideschlag gewährt, 
bedarf: so muß ein Rapsschlag ebenfalls mit einem Weide- 
ächlage verbunden sein, um das Gleichgewicht im Boden- 
reichtum zu erhalten. 

Auf den Rapsschlag fällt also auch dieselbe Landrente, 
wie auf den Roggen schlag. 

Yerteilt man aber, wie dies die nachfolgende Berech- 
nung fordert, die Landrente auf die geerntete Scheffelzahl: 
so müssen 7,2 Schfl, Raps soviele Landrente als 12 Seht). 
301 Roggen , 1 Schfl. Raps also l^/a mal soviel als 1 Schfl. 
Roggen tragen. 



— 299 — 

Produktionskosten des Rapses imYergleichmit 
denen des Roggens. 

a) Roggen. 
Ein Schlag von 10000 DR. nnd 1200 Schfl. Ertrag ei> 

fordert : 

Tlr. N% Tlr. N«/, 

Bestellungskosten 274,5 . — 

Einsaat 145,7 . — 

Erntekosten inkl. des Dreschens ... — . 190,s 

Dungfnhren zum Ersatz der Aussaugung — . 70,s 

Allgemeine Kulturkosten 2fi,(; '^'o vom 

Rohertrag — .382 

420,2 . 64.3,1 • 



1063,3. 
Für 1200 Schfl, betragen demnach die Produktionskosten 
1063,3 Tlr. 

Dies macht für 1 Schfl. Roggen 0,sm; Tlr. N-/.;. 

b) Raps. 
Für einen Schlag von 10 000 DR. nnd 720 Scheffel 

Ertrag betragen: 

Tlr. N'^3 Tlr. N^, 

die Bestellungskosten 274,:. Tlr. X 1 Vs^ = 308,s . — 

die Einsaat. . : . 1.5,n . — ■ ' 

lie Erntekosten — . 206,t> ' 

die Dungfuhren 70,n X - 3 = . . . . — . 47,-' ' 

ilie allgemeinen Kulturkosten .... — . 325,3 ■ 

323.- . 579,4 '' 



Die Produktionskosten von 720 Schfl. betragen 903,-'. 
Dies macht für 1 Schfl. Raps 1,25 r Tlr. Wlo. , , , 
Zwischen den Produktionskosten des Roggensimd de^302 

Rapses findet also das Verhältnis von 0,is8r, : 1,254 = 100 : 141,1 

statt. 



— 300 — 

Erklärungen zu vorstehender Berechnung. 

Die Bearbeitung der Brache zum Raps muß sorgfältiger 
sein, in kürzerer Zeit beschafft werden, und teilweise ist 
eine Fahre mehr erforderlich als zum Roggen ; auch fällt die 
Saatbestellung des Eapses mit den dringenden Geschäften 
der Kornernte zusammen. Aus diesen Gründen habe ich die 
Kosten der Brachbearbeitung zum Raps um ^Is höher als 
zum Roggen angenommen. 

Die Erntekosten des Rapses sind liier so angesetzt, wie 
meine Berechnung für das Jahr 1S38, wo der f^aps zu 
Tellow eine Mittelernte lieferte, sie ergeben hat. 

Wenn der Durchschnittspreis des Rapses, wie ich an- 
nehme, l-Zsmal so hoch ist als der des Roggens: so ist der 
Wert der Rapsernte dem der Roggenerntc gleich. Die all- 
gemeinen Kulturkosten stehen im Verhältnis mit dem Roh- 
ertrage, und es würden hiernach dem Rapsschlage eben so 
wie dem Roggenschlage 382 Tlr. dafür anzurechnen sein. 
Da aber der Raps keinen Scheunenraum erfordert, so geht 
das, was dem Roggen dafür angerechnet ist, mit ö6,: Tlr. 
davon ab, und es bleiben alsdann 325,.i Tlr. 



Transportkosten des Rapses. 
Der Raps hat pr. Scheftel beinahe dasselbe Gewicht 
wie der Roggen, und in dieser Beziehung könnten auch die 
Transportkosten für beide Früchte gleich hoch gerechnet 
werden. Da aber der Raps nicht wie der Roggen im Winter, 
sondern gewöhnlieh gleich nach der Rapsernte — also zu 
einer Zeit, wo die Geschäfte dringend sind, und die Ab- 
wesenheit der Pferde vom Gut häufig mit Versäumnis anderer 
303 wichtiger Arbeiten verbunden ist — verfahren wird: so 
schlage ich die Transportkosten desselben 20 % höher an, als 
die des Roggens."^) 

*) Der Gebraiu'li, (U-n Kaps gleich nach ilt-r Krnte desselben 



— 301 — 

1q welchem Verhältnis stehen die Preise, zu denen 

der Raps aus den verschiedeneu Gegenden des 

isolierten Staates nach der Stadt geliefert werden 

kann, und in welcher Gegend gewährt der Rapsbau 

den höchsten Reinertrag? 

Xachdem wir das Verhältnis, was zwischen Raps und 

Koggen in bezug auf Produktionskosten, Landrente und 

Transportkosten stattfindet, ermittelt haben, sind wir durch 

die im § 17 dargestellte Formel für die Kosten, zu welchen 

der Roggen aus jeder Gegend des isolierten Staates nach 

dei Stadt geliefert werden kann, in den Stand gesetzt, die 

vorliegende Aufgabe zu lösen. 

Für eine Ladung von 28,(; Scheffel Raps betragen, in 
der Entfernung von x Meilen von der Stadt, 

die Produktionskosten 

5975 — 93,2 X _ 8449 — 131,sx 

182-1- X ^ -^''^' ~ 182 -{- X 

die Landrente 

1838 — 64,2 X , _ 3063 — 107 x 

182 -I- X ^ ^^ ~ 182 + X 

die Transportkosten 
199,3 x_ _ J39,ix 



182 -|- X ^ '■ ~ 182 -}- X 



^ , .. , 11512 + 0,GX 

Summe der Kosten — :r7T^ — J — 

182 -f- X 



zu verkaufen uud zu verfahren , scheint zwar mit dem ßapsbau 
nicht notwendig- verbunden zu sein; ich habe aber in einer auf 
der Wirklichkeit beruhenden Berechnung mir in einzelnen Punkten 
ieine abweichenden Annahmen erlauben wollen. 



— 302 — 

den Preis . c- v, t. i 

304 . Dies gibt einer Laduii- ^i"esbcheüel< 

Tlr. Gold Tlr. Gold 

für X r= Meilen 63,;3 — — 2,2i 

■ X =±= 10 „ 60,0 — — 2,1*. 

X = 20 „ 57,0 — — 2,00 

X = 30 „ ...... 54,1 — — 1,90 *) 

Bei dem Preise des Eoggens von 1,:. Tlr. pr. Sohtl. 
kann also der Schfl. Raps aus der 30 Meilen entfernten 
Gegend zu 1,-;» Tlr. , aus der Nähe der Stadt aber nur zu 
2,21 Tlr. G. geliefert werden. 

Da die entfernte Gegend den Bedarf der Stadt an Raps 
befriedigen kann, so muß der Preis desselben auch bis zu 
1,'j Tlr. heruntergehen. Alsdann ist aber der Rapsbau in 
der Nähe der Stadt mit Verlust verbunden und muß hier 
folglich aufgegeben werden. 

Für die Wirklichkeit folgt hieraus: daß beim freien 
Handel, die reicheren Staaten im Rapsbau — bei gleichem 
Bodenreichtum — die Konkurrenz mit den ärmeren nicht 
aushalten können, und daß der Rapsbau den Ländern mit 
niedrigen Getreidepreisen und geringer Landrente angehört, 
und daselbst einträglicher ist als der Getreidebau. 

Der Rapsbau gehört also nicht in England zu Hause. 

und auch nicht auf dem H ü h e b o d e u in Belgien und 

305 Holland,**) während in den dortigen Marschen der Vorzuo. 

*) Wenn die Trausportkosten des ßapses nicht höher an- 

jj;enommen werden als die des Roggens, so ist der Lieferungsprei< 

,,.. . , ,. 11512 : 39.3 X 

tiir eine Laduuff = — — ttt^ — : : 

^ 182 -}- X - 

„ x = o-ibt dies 68.3 Tlr. 

., X = 10 „ „ ÖS^o „ 

.. X = 20 ,, ., 53„ „ 

., X = 30 „ ., 48,s ., 

**) Da der Bedarf au Kaps durch die Produktion der Länder 

mit niedriger Landrente bis jetzt noch nicht befriedigt wird, m.i 



— 303 — 

den der Boden durch seinen außerordentlichen Reichtum 
dem Rapsbau gewährt, die hier in Betracht gezogenen Nach- 
teile überwiegt. 

Wenn wir nun gleich das Resultat erhalten haben, daß 
in den Ländern, wo Boden und Getreide einen geringen 
Wert haben , der Rapsbau einträglicher sein muß als der 
Geti'eidebau , so ist dies doch an die Bedingung geknüpft, 
daß der Boden reich genug sei, um üppigen Raps hervor- 
bringen zu können. Denn die Erfahrung lehrt, daß der 
Raps auf armem Boden den nachteiligen Einflüssen der 
Witterung und selbst den Verheerungen der Käfer weit 
weniger widersteht als auf reichem Boden beim üppigen 
Wachstum der Pflanzen. Wenn der Raps auf reichem 
Boden 'Vio des Roggenertrages gibt, so wird er auf armem 
Boden kaum die Hälfte dessen, was der Roggen bringt, 
tragen — und damit hört der Raps auf, eine einträgliche 
Frucht zu sein. 

Da die Data, worauf die obige Rechnung basiert ist, 
aus der Wirklichkeit genommen sind, so scheint es, als müsse 
sich auch aus der Vergleichung des gefundenen Produktions- 
preises mit dem wirklich bestehenden Durchschnittspreise 
des Rapses unmittelbar ergeben, ob der Rapsbau hier vor- 
teilhaft sei oder nicht. 

Ein Hauptmoment zur Lösung dieser Frage liefert die 
obige Rechnung allerdings ; aber zur Entscheidung der Frage, 
wie sie hier gestellt ist, gehört doch noch die Berücksichtigung 306 
folgender Momente: 

1. Bei der Untersuchung über den Bau der Handels- 
gewächse haben wir in dem isolierten Staat einen 



steht der Preis des Rapses so hoch, daß auch die reichen Länder 
mit hoher Laudrente denselben noch mit Vorteil erzeugen können 
— und hieraus erklärt es sich, warum in den Ländern mit ge- 
ringerem Bodenwert der Eapsbau so gewinnbringend sein kann. 



— 304 — 

Standpunkt, wo die Landrente aus der Viehzucht 
gleich Null ist, zu gründe gelegt. Es ist deshalb 
auch in obiger Berechnung vom Stroh nur der Dung- 
wert, nicht aber der Futterwert in Anschlag gebracht. 
In der Wirklichkeit muß aber der Futterwert des 
Strohes, sowolü vom Raps als vom Roggen, dem 
AVert der Körner liinzugerechnet werden. 

2. Der Raps wintert in einzelnen Jalu-en aus oder wird 
auch von den Kälern so selu- beschädigt, daß er um- 
gebrochen werden muß. Die zu substituierende Frucht 
liefert fast nie den Ertrag, den der Raps bei einer 
Mittelernte gegeben hätte, und verursacht außerdem 
die Kosten einer zweiten Bearbeitung und Besamung, 
lu dem isolierten Staat, wo bei der angenommenen 
Gleichheit des Bodens und des Klimas dieser Zuwachs 
an Produktionskosten alle Felder auf gleiche Weise 
trifft, und wo schon aus dem Verhältnis der 
Preise, zu welchen der Raps geliefert werden kann, 
hervorgeht, in welcher Gegend der Rapsbau vorteil- 
haft ist, konnte dieser Punkt unberücksichtigt bleiben. 
Wenn aber, wie hier, der Preis des Rapses als gegeben 
betrachtet wird, und aus der Vergleichung desselben 
mit dem Produktionspreis die Vorteilhaftigkeit des 
Rapsbaues ermessen werden soll, muß dies Moment 
mit in Betracht gezogen werden. 

3. Der Raps ist eine vortreffliche Vorfrucht für den 
Weizen, und es wird deshalb dm'ch seine Aufnahme 
in die Fruchtfolge keine Wintersaat, sondern nur eine 
minder einträgliche Sommersaat verdrängt — was auf 

307 den Reinertrag der Wirtschaft nur günstig wirken 

kann. Die Größe dieses Vorteils kann aber nur 
aus der durchgeführten Berecluiung des Reinertrages 
beider Fruchtfolgen — mit und ohne Raps — erkannt 
werden. 



— 305 — 

Diese drei Punkte lassen sich schwerlich in einer all- 
gemeingültigen Formel aufnehmen imd darstellen, und jeder 
wird sie nach seiner Örtlichkeit und seinen Verhältnissen 
zu lösen suchen müssen. 



Auf die Entscheidung der Frage: „ob in einem Lande 
der Rapsbau vorteilhaft sei, oder nicht", übt die kleine In- 
sektenwelt einen merkwürdigen Einfluß aus. 

Der Schaden, den die Käfer dem Eaps jetzt in Mecklen- 
burg zufügen, ist so bedeutend, daß dadurch der Durch- 
schnittsertrag des Rapses mindestens um 20 ^'/o gegen früher 
gesunken ist, und daß wir, wenn diese Käfer nicht vor- 
handen wären, auf einen Mittelertrag von 9 Schfl. statt 
7,2 Schfl. pr. 100 DR. rechnen könnten. 

Die Differenz im Kornertrage von 7,2 und 9 Schfl. macht 
im reinen Geldertrag einen enormen Unterschied und be- 
wirkt, daß andere Provinzen, in welchen die Kapskäfer noch 
nicht in Menge vorhanden sind, den Raps mit viel größerem 
Vorteil erzeugen können als Mecklenburg, selbst dann, wenn 
sie sich durch ihre sonstigen Verhältnisse weniger zum 
Rapsbau eignen sollten. 

Die Natur selbst scheint dadurch, daß sie den Käfern 
eine weit stärkere Vermehrung gestattet, als der Erweiterung 
der Rapsfelder entspricht, den Raps zur Wanderpflanze be- 
stimmt zu haben. 

Gehörten alle Provinzen, südlich des baltischen Meeres, 308 
einem einzigen Gutsherrn, so würde dieser es seinem In- 
teresse gemäß finden, mit dem Rapsbau zu wechseln; er 
würde den Rapsbau in einer Provinz aufgeben, sobald die 
verheerenden Käfer sich bedeutend vermehrt haben, denselben 
nach einer anderen entfernten Provinz verpflanzen, und erst 
dann mit dem Rapsbau nach der ersteren zurückkehren, 
wenn die Käfer aus Mangel an Nahrung umgekommen sind. 

Was hier dem einzelnen großen Gutsbesitzer vorteilhaft 
Tljünen, Der isolierte Staat. 20 



— 306 — 

wäre, würde jetzt auch der Gesamtheit der Grundbesitzer 
nützlich sein ; da aber bei der Zersplitterung des Eigentums 
und bei dem Mangel an Einheit des Willens eine solche 
Operation nicht ausgeführt werden , und die Gesetzgebung, 
ohne Verletzung des Eigentumsrechts, nicht einschreiten 
kann: so bleibt das Übel zum großen Nachteil des Ganzen 
ein dauerndes. 

Für die einzelnen Landwirte, die in einer Provinz 
wohnen, wo der Rapsbau noch nicht heimisch ist, der Boden 
sich aber dazu eignet, liegt hierin die wichtige Lehre: 

bei der Einführung des Rapsbaues denselben sogleich 

im großen zu betreiben, ihn aber — wenigstens für 

längere Zeit — ganz wieder aufzugeben, wenn aller, 

für den Raps geeignete Boden diese Frucht einmal 

getragen hat. 

Außer in den Niederungen -w-ird aber das Mergeln dem 

Rapsbau fast überall vorangehen müssen, wenn der Raps 

gedeihen und einträglich sein soll. 

Gibt nun der Gewinn, den der Rapsbau verspricht, den 
Antrieb zum Mergeln, so wird auch in den minder kultivierten 
Ländero des östlichen Europas mit der Wanderung des Rapses 
sich gleichzeitig Wohlstand und höhere Kultur, und zwar 
bei konsequentem Verfahren nicht yorübergehend, sondern 
dauernd verbreiten. 
309 Obgleich bei dem Anbau des Rapses im großen, d.i. 
auf einem großen Teil der Gutsfläche, die Produktionskosten 
des Rapses — wegen Zuziehung fremder Arbeiter, oder 
wegen Versäumnis anderer wichtiger Arbeiten zur Zeit der 
Rapsernte — höher zu stehen kommen als beim Anbau im 
kleinen, und auch der Ertrag sinkt, weil dann minder aus- 
gewählter Acker mitbesät werden muß: so ist doch der Vor- 
teil, Raps auf Acker zu bauen, der diese Frucht nie getragen 
hat und zugleich dem Käferfraß ausgesetzt ist, so bedeutend, 
daß jene Nachteile dadurch gar sehr überwogen werden. 



— 307 — 

In Mecklenburg sind einige intelligente Landwirte nach 
diesem Prinzip verfahren, haben ganze Schläge mit Raps 
bestellt, enorme Einnahmen davon gehabt imd große Summen 
dadurch gewonnen. 

Wenn aber, nachdem alle günstigen Umstände, die allein 
den Anbau des Rapses im großen rechtfertigen und vor- 
teilhaft machen können, verschwunden sind, der Rapsbau 
nicht eingeschränkt, sondern fortwährend in gleicher Aus- 
dehnung betrieben wird: so müssen die durch die ersten 
energischen Maßregeln gewonnenen Summen sukzessive wieder 
Terloreu gehen. 

2. Tabak. 

Der Tabak mag in Hinsicht der Aussaugung dem Roggen 
ungefähr gleichkommen, wenn von dem Tabak die Strünke, 
Tou dem Roggen das Stroh dem Acker zurückgegeben wird. 
Auch in Hinsicht des Ertrages dem Gewichte nach wird 
zwischen beiden Gewächsen kein bedeutender Unterschied 
stattfinden. Die Produktionskosten des Tabaks sind aber 
ohne Vergleich höher, und aus diesem Grunde muß die Er- 
zeugung des Tabaks hinter der des Getreides, oder in dem 
Xreise der Viehzucht geschehen. 

3. Zichorien. 310 

Die Produktionskosten und die Aussaugung dieses Ge- 
Avächses sind mir nicht bekannt ; der Ertrag an AVurzeln ist 
-aber dem Gewicht nach so groß, daß auf jede Ladung nur 
eine gringe Landrente fällt und wahrscheinlich auch nur 
geringe Produktionskosten kommen; die Erzeugung dieses 
Gewächses geschieht deshalb in der Nähe der Stadt. 

4. Kleesamen. 

Die Produktionskosten des Kleesamens sind, da das 
Abdreschen und Enthülsen des Samens viel Arbeit kostet, 
nicht unbedeutend. Die Aussaugung, die der Samenklee 

20* 



— 308 — 

bewirkt, scheint mir nicht beträchtlich zu sein, und wird 
durch den Ersatz, den die mitgeernteten Kleestengel geben, 
wahrscheinlich reichlich gedeckt. Dagegen ist der Ertrag 
von einer gegebenen Fläche so gering, daß auf eine Ladung 
Kleesamen dennoch eine bedeutende Landrente fällt. Aus 
diesem Grunde wird die Erzielung des Samenklees in der 
entlegeneren Gegend des Kreises der Koppelwirtschaft ge- 
schehen, und der der Stadt nähere Teil dieses Kreises wird 
es vorteilhafter finden, den Kleesamen zu kaufen, als ihn 
selbst zu erzeugen. 

5. Flachs. 

Die Flachsernte, von einer gegebenen Fläche, beträgt 
ungefähr ^U von dem, was der Roggen hier dem Gewichte 
nach gegeben hätte; oder der Ertrag des Flachses verhält 
sich zu dem des Roggens wie 1 : 4. 

Wenn eine Flachsernte den Boden eben so stark er- 
schöpft wie eine Gei'stenernte, so gehören — obgleich die 
Gerste, wegen des Ersatzes aus dem Stroh, nur einen Weide- 
schlag zur Deckung der Erschöpfung bedarf — zum Ersatz 
der Anssaugung eines Schlages mit Flachs 2 (genauer 2,07) 
311 Weideschläge, wenn der Flachs in der Koppelwirtschaft auf 
Boden von dem Reichtum des Gerstenschlages gebaut wird. 

Wenn von den Kosten, die mit dem Flachsbau verbunden 
sind, der Wert der Ernte an Leinsamen abgezogen wird ; so 
finde ich nach meinen Berechnungen das Vtihältnis zwischen 
den Produktionskosten des Flachses und denen des Roggens 
wie 1352 : 182, oder wie 7,5 : 1. 

Die Bedingungen, von denen jede einzelne schon imstande 
ist, den Anbau eines Gewächses hinter den des Getreides 
zu verweisen, sind also beim Flachs alle vereinigt, und der 
Flaciisbau wird deshalb nicht bloß hinter dem Getreidebau^ 
sondein erst hinter dem Tabaks- und Rapsbau seine Stelle 
finden. 



— 309 — 

Ich enthalte micli der Anführung mehrerer Handels- 
gewächse, weil ich den Anbau derselben zum Teil gar nicht, 
zum Teil nicht genügend aus eigener Erfahrung kenne. 



Wir finden also, daß die Mehrzahl der Handelsgewächse 
nicht in der Nähe der Stadt, sondern in dem Kreise der 
Viehzucht gebaut wird. Dieser Kreis, wenn er bloß auf 
Viehzucht beschränkt bliebe, äußerst dünn bevölkert seia 
würde, erhält durch die Branntweinbrennerei und den Anbau 
<ler Handelsgewächse einen bedeutenden Zuwachs an Er- 
werbsquellen lind an Bevölkerung. Besonders kann der 
Flachsbau einer großen Menschenzahl Beschäftigung und 
Unterhalt geben. Nach einer hierüber angestellten Berech- 
nung finde ich. daß eine Tagelöhnerfamilie, die im Sommer 
•den Flachs erzielt, im Winter verspinnt und zu Leinwand 
verwebt, von 300 DRuten guten Acker mit Flachs ihren 
ünterfialt beziehen kann, wenn sie auch für den Acker 2o Tlr. 
Pacht bezahlt. iJurch den ausgedehnten Flachsbau ist es 
auch allein erklärlich, wie in der Provinz Ostflandern, in 
welcher außer Gent doch keine bedeutende Stadt liegt, 12000312 
Menschen auf der Quadratmeile ihren Unterhalt finden können. 

Der vordere Teil des Kreises der Viehzucht bietet das 
interes.sante Schauspiel einer ziemlich gut kultivierten Gegend, 
<iie wenig oder fast gar keine Landrente gibt, dar. Denn 
■der Preis der hier erzeugten Gewächse kann nicht so hoch 
steigen, daß daraus eine irgend beträchtliche Landrente her- 
vorginge, weil sonst der rückwärts liegende Teil dieses sehr 
ausgedehnten Kreises ebenfalls die Kultur dieser Gewächse, 
die sämtlich nur geringe Transportkosten erfordern, betreiben 
und den Preis derselben tiefer niederdrücken würde. Fast 
die sämtlichen Einkünfte dieses Landstriches bestehen also 
aus Kapitalgewinn und Arbeitslohn. 



— 310 — 

Wir haben im § 5 gesehen, daß auf Boden von 10 
Körnern Ertrag die Produktionskosten für einen Scheffel 
Roggen 0,437 Tlr. und auf Boden von 5 Körnern Ertrag* 
1,358 Tlr. betragen, daß also die Produktion des Getreides 
auf reichem Boden um sehr vieles wohlfeiler ist als auf 
ärmerem Boden. Dieses ist nun mit den Handelsgewächsen 
ebenfalls, aber noch in weit stärkerem Maß der Fall. Die 
meisten Handelsgewächse erfordern nämlich durch eine sorg- 
fältige Bearbeitung des Bodens, durch Behacken, Anhäufen^ 
Jäten usw. so viele Arbeiten, die mit der Größe des be- 
stellten Feldes und nicht mit der Größe der Ernte im Ver- 
hältnis stehen, daß die größere Ernte des reichen Bodens 
wenig mehr kostet, als die geringe des ärmeren Bodens^ 
und daß der Anbau dieser Gewächse fast nur auf solchem 
Boden , der für das Getreide — weil dieses sich lagern 
würde — zu reich ist, mit A'orteil betrieben werden 
kann. 

Wenn wir uns nun in Beziehung auf die Kultur der 
Handelsgewächse zu der Wirklichkeit wenden : so finden wir 
313 hier nicht den gleichen Reichtum des Bodens, wie in dem 
isolierten Staat, sondern wir finden in der Regel, daß in 
den hochkultivierten Ländern mit den höheren Getreidepreisen 
zugleich ein großer Reichtum des Bodens verbunden ist, 
und daß umgekehrt in den minder kultivierten Ländern 
niedrige Kornpreise und geringer Reichtum des Bodens ge- 
wöhnlich zusammentreffen. 

Legen wir uns nun die Frage vor: „in welchem Lande 
die Kultur der Handelsgewächse beim freien Handel am vor- 
teilhaftesten ist": so tritt hier dem Vorteil, den das ärmere 
Land durch geringen Arbeitslohn und niedrige Landrente 
besitzt, der Vorzug, den das reiche Land durch seinen reichen 
Boden hat, direkt entgegen. Der Vorzug des reichen Bodens 
beim Anbau der Handelsgewächse ist aber so bedeutend, daß 
dadurch gar häufig die Ersparung an Arbeitslohn und Land- 



— 311 — 

rente in dem ärmeren Lande nicht bloß kompensiert, sondern 
auch überwogen wird. 

Dies ist nun — neben der höheren Industrie des Volkes 
und der besseren Kenntnis der Behandlung dieser Ge- 
wächse — der eigentliche Grund, warum wir in den reichen 
Ländern noch eioen ausgedehnten Anbau der Handels- 
gewächse nicht bloß zum .eigenen Bedarf, sondern selbst zur 
Ausfuhr nach anderen Ländern erblicken. So finden wir 
noch jetzt, daß der Flachsbau, der in die minder kultivierten 
Gegenden des östlichen Europas gehört, den Hauptkultur- 
zweig in Ostflandern, dem Garten Europas, ausmacht. So- 
bald aber in den Ländern am baltischen Meer der Boden 
einen höheren Grad von Reichtum erlangt hat — und dies 
zu erreichen steht in der Macht des Landwirtes — wird 
dieser Kulturzweig in Flandern unvermeidlich sinken , und 
dieses Sinken wird um so rascher herbeigeführt und um so 
mehr beschleunigt werden, wenn die niederländische Re- 
gierung fortfährt, durch hohe Einfuhrzölle auf das Getreide 314 
die Differenz in, den Kornpreisen beider Gegenden zu steigern. 

Auch in England wird trotz des hohen Arbeitslohnes 
und der hohen Landrente der Anbau der Haudelsgewächse 
betrieben und durch Zölle auf die Einfuhr derselben be- 
günstigt. Durch die englische Kornbill ist aber die Differenz 
in den Kornpreisen so hoch gestiegen, daß die Engländer 
es jetzt schon vorteilhaft finden, Dungmaterial (Knochen, Raps- 
kuchen usw.) statt Korn von uns zu kaufen. Wenn nun 
England bei seiner Kornbill beharrt, so werden die dortigen 
Landwirte gar bald gewahr werden, daß der Dung bei ihnen 
zu teuer ist, um denselben an die meistens sehr aussaugenden 
Handelsgewächse zu verwenden , und werden den fernen 
Ländern mit niedrigen Kornpreisen den Anbau dieser Gewächse 
überlassen und die Einfuhr derselben gestatten müssen.*) 

*) Der hohe ZoU auf Eaps ist seitdem bereits aufgehoben. 



— 312 — 



§ 32. 



Zu welchem Preise kann Flachs und Leinwand 

aus den verschiedenen Gegenden des isolierten 

Staates nach der Stadt geliefert werden? 

Nach den oben mitgeteilten Daten über den Flachsbau 
ist die Aussangung eines Schlages mit Flachs gleich dem 
Ersatz, den zwei Weideschläge geben. Von 3000 GRnten 
Acker können also nur 1000 QR- Flachs tragen, wenn der 
Reichtum des Bodens erhalten werden soll, während von 
dieser Fläche 1500 QR- mit Getreide bestellt werden können, 
ohne den Boden zu erschöpfen. 

In den Gegenden, wo die Landrente der Weideschläge 
= ist, fällt aus diesem Grunde auf einen Schlag mit 
Flachs eine 1^/2 mal so hohe Landreute als auf das Getreide, 
315 und da auf derselben Fläche, dem Gewicht nach, nur V4 so 
viel Flachs als Roggen wächst, so kommt auf eine Ladung 
Flachs von 2400 ft. sechsmal soviel Landrente als auf eine 
Ladung Roggen. 

Nun ist aber in der Nähe der Stadt die Landrente der 
Weide negativ, in größerer Entfernung positiv, und aus 
diesem Grunde fällt auf den in der Nähe der Stadt gebauten 
Flachs mehr, auf den in der Ferne erzeugten Flachs 
weniger als die 6 fache Landrente. Wir sind aber durch 
die bisherigen Uutersuchimgen nicht in den Stand gesetzt, den 
hieraus entspringenden Unterschied in Zahlen anzugeben, und 
wir müssen uns hier damit begnügen, für den ganzen iso- 
lierten Staat dem Flachs die 6 fache Landrente, von dem, 
was das Getreide trägt, anzurechnen. Unsere Rechnimg muß 
dann aber den Preis des in der Nähe der Stadt gebauten 
Flachses zu niedrig, und den des in der Ferne erzeugten zu 
hoch angeben. 



— 313 — 

Nehmen wir die Produktionskosten des Flachses zu 7,:. 
die Landrente zu 6 im Verhältnis zum Getreide an, so be- 
tragen für eine Ladung Flachs von 2400 U. 

die Produktionskosten — tttttt 

182 -f-x 

die Transportkosten — ^^^ , — ^ — 

;,. r ;^ . 11028 - 385x 

die Landrente — TTs-rT 

182 -j- X 

55840 — 884,5x 

Summe töh— s 

182 -\- X 

ist der Preis 

Für einer Ladung eines Pfundes 

x = Meilen 304 Tlr. 6,1 ßl. 

X = 10 ., 245 „ 4,9 ,, 

x = 28 ,, 148 „ 3,0 „ 

Das Pfund Flachs kann also aus der 28 Meilen entfern- 316 
ten Gegend um 3,i ßl. , oder um ungefähr 50% wohlfeiler 
geliefert werden als aus der Nähe der Stadt. 

Es ist noch zu bemerken, daß bei allen diesen Berech- 
nungen die Landrente, die die Koppelwirtschaft gibt, nor- 
miert. Wollte man die Landrente, die die freie Wirtschaft 
gewährt, zum Grunde legen, so würde der in der Nähe der 
Stadt erzeugte Flachs noch ungleich höher zu stehen kommen. 



Wenn aus dem Flachs grobe Leinwand gemacht wird, 
so betragen — nach den Notizen, die ich hierüber habe er- 
halten können — die Kosten des Spinnens von 2400 U. 
Flachs und die Kosten des Webens und des Bleichens der 
aus diesem Flachs gemachten Leinwand zusammen 413 Tlr. 
"Vergleicht man diese mit den Produktionskosten einer Ladung 
Roggen, welche zu Tellow 18,2 Tlr. betragen, so ergibt sich, 
daß die Kosten , eine Ladung Flachs in Leinwand zu ver- 



— 314 — 

wandeln, oder die Fabrikationskosten der Leinwand sich zu 
den Produktionskosten des Roggens wie 22,7 zu 1 verhalten. 
Nun können aber die Fabrikationskosten der Leinwand^ 
in Geld ausgedrückt, nicht allenthalben gleich hoch sein^ 
sondern diese ändern sich mit dem Geldpreis der Arbeit und 
des Getreides. Um also die Fabrikationskosten der Leinwand 
für jede Gegend des isolierten Staates angeben zu können^ 
müssen wir sie durch eine allgemeine Formel ausdrücken, 
und hierzu sind wir durch das obige Verhältnis in den 
Stand gesetzt. 

Multipliziert man nämlich diesem Verhältnis zu Folge 
die im § 19 angegebenen Produktionskosten für eine Ladung 
Roggen mit 22,7, so ergibt sich, daß die Fabrikationskosten 
der Leinwand, die aus 24U0 IL Flachs gemacht wird, betragen 



317 



/5975-93,2x\ ^^ 
\ 182 + x ] 2^'' 


= 


135632 — 21 16x 

182 4-x 


Taler. 


Hiernach fallen 


an 


Fabrikationskosten 








auf eine Ladung 


auf ein Pfund 


für X r= Meilen 




745 Tlr. 


14,9 ßl. 


X = 10 „ 




596 „ 


11,0 „ 


x=28 „ 




363 „ 


7,3 „ 



Aus dem ganzen Gang unserer Untersuchung erhellt, 
daß wir den reellen Arbeitslohn oder die Summe der Lebens- 
bedürfnisse, die sich der Arbeiter für seinen Lohn erkaufen 
kann , für alle Gegenden des isolierten Staates gleich hoch 
annehmen; der Geldpreis der Arbeit ist dagegen nacli der 
Verschiedenheit des Preises des Getreides und der übrigen 
Lebensbedürfnisse gar sehr verschieden, und diese Verschieden- 
heit im Geldlohn bringt eine solche Verschiedenheit in den 
Fabrikationskosten der Leinwand hervor, daß die Verwandlung 
von 2400 U. Flachs in Leinwand in der Nähe der Stadt 745, 
in der 28 Meilen entfernten Gegend aber nur 363 Tlr., also 
noch etwas weniger als die Hälfte kostet. 



— 315 — 

Bei der Yerwandlung des Flachses in gebleichte Leia- 
wand gehen ungefähr 25 % von dem Gewicht des Flachses 
verloren ; oder die Leinwand wiegt 25 ^/o weniger als der 
Flachs wog, aus welchem sie verfertigt ist. 

Die Transportkosten einer Ladung Flachs betragen 

199 5X 
- ^Qtj '■ — Taler. Die Transportkosten der aus diesem 

Flachs verfertigten Leinwand betragen ^ii weniger, also nur 
149,6x 
182+^x ^^^''- 

Wollen wir nun den Preis, zu welchem die Leinwand 
aus den verschiedenen Gegenden des isolierten Staates nach 
der Stadt geliefert werden kann, bestimmen: so müssen wir 318 
sowohl die Kosten, die der Flachsbau verursacht, als auch 
die Fabrikationskosten der Leinwand zusammenstellen. 
Für 2400 fi. Flachs betragen 

die Produktionskosten ^Z^ -. — 

182 -f- X 

,. ^ , , 11028 - 385x 
die Landrente ^^c, i 

,. ^ , ., . , , . . , 135632— 2116x 
die Fabrikationskosten der Leinwand. . ^-...^i 

-1- m 1 TT- T 149 ,6X 

die Transportkosten der Leinwand . . ^^o i — 

^ 191472— 3050,4X 

Summe -r,,.-,— i 

182 -[-X 

Für ist der Preis der Leinwand, die gemacht ist 

aus 2400 f(. Flachs aus 1 &>. Flachs 

X = Meilen . . . 1052 Tlr 21,o ßl. 

x= 10 , 838 „ 16,s „ 

x= 28 „ .... 505 „ 10,1 „ 

Die Bewohner der Stadt würden also die Leinwand um 

mehr als doppelt so hoch bezahlen müssen, wenn der Bau 

des Flachses und die Fabrikation der Leinwand in der Nähe 



— 316 — 

der Stadt geschehen müßte, als wenn sie dieselbe aus der 
28 Meilen entfernten Gegend beziehen können. 



Die Anwendung, die wir von der zur Preisbestimmung 
der landwirtschaftlichen Erzeugnisse entworfenen Formel auf 
die Ausmittlung der Fabrikationskosten der Leinwand und 
auf die Preisbestimmung derselben gemacht haben, muß 
auf den Gedanken leiten, ob es nicht möglich sei, für die 
verschiedenen Fabriken und Gewerbe die Gegend zu bestimmen, 
wo sie am vorteilhaftesten betrieben werden, und von wo 
aus die Fabrikate am wohlfeilsten geliefert werden können. 
319 Wer die Fabrikgeheimnisse durchdringen könnte und eine 
so vollkommene Kenntnis aller Gewerbe besäße, daß er von 
jedem einzelnen die auf eine gegebene Quantität fabrizierter 
Ware fallende Quote von Kapitalanlage, Arbeitslohn und 
Gewerbsprofit angeben könnte, würde allerdings ein solches 
Tableau entwerfen können. 

Es würde sich daraus ergeben, daß nicht alle Fabriken 
und Manufakturen in die Hauptstadt zusammengedrängt 
würden, sondern daß ein großer Teil derselben seinen Sitz 
in der Gegend, wo das rohe Material am wohlfeilsten er- 
zeugt wird, nehmen würde, daß also der isolierte Staat nicht 
bloß die eine große Stadt, sondern noch sehr viele kleinere 
Städte enthalten müsse. 

Dies streitet wider unsere erste Annahme; aber wir 
bedurften dieser Annahme auch nur zuerst, um die Unter- 
suchung zu vereinfachen. Denn wir haben späterhin im § 28 
gesehen, daß die kleineu Städte auf die Preisbestimmung 
der landwirtschaftlichen Erzeugnisse keinen Einfluß haben, 
sondern hierin von der Hauptstadt ganz und gar abhängig 
sind. Nur muß die Zentralstadt der Hauptmarktplatz bleiben, 
imd in ihr müssen alle ländlichen Erzeugnisse den höchsten 
Preis haben ; daß dies aber stattfinde, ist schon dadurch hin- 
länglich motiviert, daß diese Stadt 1. in der Mitte der Ebene 



— 317 — 

liegt, 2. der Sitz der Regierung ist und 3. die sämtlichea 
Bergwerke in ihrer Nähe hat. 

Eine solche auf die Stellung der Fabriken gerichtete 
Untersuchung würde aber, wenn sie praktische Brauchbarkeit 
erlangen soll, zwei Gesichtspunkte, die bei der Preisbestim- 
mung der landwirtschaftlichen Punkte nicht zur Sprache 
gekommen sind, mit aufnehmen müssen. 

1. Wir finden in der "Wirklichkeit, daß in allen reichen 
Ländern der Zinsfuß sehr viel niedriger ist als in den 
ärmeren Ländern — ob dies nun in der Natur und 320 
dem Wesen der Sache selbst begründet ist, oder von 
der Spaltung in verschiedene Staaten herrührt, muß 
hier dahingestellt bleiben. — Nun gibt es mehrere 

. Fabriken und Manufakturen, in denen die Zinsen der 
Kapitalanlage einen Hauptbestandteil, der Arbeitslohn 
und die Auslage für das rohe Material einen verhält- 
nismäßig minder bedeutenden Teil der jährlichen Aus- 
gabe ausmachen; alle diese Fabriken werden deshalb 
in dem reicheren Staat betrieben werden müssen, wenn 
auch das rohe Material und der Arbeitslohn daselbst 
viel höher zu stehen kommen. Bei dieser Untersuchung 
wird also die Zerlegung des Preises der Waren in die 
drei Bestandteile: Arbeitslohn, Kapitalgewinn und 
Landrente notwendig. 

2. Von der Größe des Marktes und des Absatzes hängt 
der Umfang und die Ausdehnung, die eine Fabrik an 
einem Orte erlangen kann, ab, und von der Größe der 
Unternehmung ist wiederum der Grad, bis zu welchem 
die Verteilung der Arbeit und die Ersetzung der 
menschlichen Kräfte durch Maschinen getrieben werden 
kann, abhängig. Dieses hat aber, wie Adam Smith 
überzeugend dargetan hat, auf den Preis, zu welchem 
eine Ware geliefert werden kann, den entscheidendsten 
Einfluß. 



— 318 — 

Aus diesen beiden Ursachen werden manche Fabriken, 
die dem ärmeren Lande anzugehören scheinen, weil das rohe 
Material daselbst erzeugt wird, doch mit größerem Vorteil in 
dem reicheren Lande betrieben werden können, und das 
ärmere Land wird diese Waren von dort zu einem niedrigeren 
Preis, als was sie demselben bei der eigenen Fabrikation 
kosten würden, beziehen können. 



321 § 33. 

Über die Beschränkung der Handelsfreiheit. 

Wie wird es auf den Wohlstand des isolierten Staates 
wirken, wenn durch gewaltsame Verfügungen der Regierung 
der Flachsbau und die Leinwandfabrikation nach einer der 
Stadt näheren Gegend verpflanzt werden? 

Um uns einen solchen Fall nur als möglich zu denken, 
müssen wir annehmen , daß der isolierte Staat in zwei ver- 
schiedene Staaten gespalten werde. 

Wir wollen nun, um die Folgen einer solchen Spaltung 
untersuchen zu können, folgende Voraussetzungen machen: 

1. Die Zentralstadt mit einem Kreis um die Stadt herum, 
der l.ö Meilen im Halbmesser hat, bilde einen eigenen 
Staat A; 

2. der übrige Teil der Ebene, und zwar in der Ausdeh- 
nung, wie Avir diese bisher betrachtet haben, bilde 
einen zweiten Staat B, den wir im Gegensatz mit dem 
ersten den ärmeren Staat nennen wollen; 

3. jeder Staat sorge nur für sein eigenes Interesse, selbst 
dann, wenn der eigene Vorteil nur auf Kosten des 
anderen Staates zu erreichen ist. 



— 319 — 

Gesetzt nun, der reiche Staat A verbiete die Einfuhr 
des Flachses und der Leinwand, um das Geld, was sonst 
dafür aus dem Lande ging, zu ersparen, und um die eigenen 
Untertanen zur Erzeugung des Flachses und zur Fabrikation 
der Leinwand zu bewegen ; wie wird dies auf den Wohlstand 

1. des reichen die Einfuhr beschränkenden Staates A und 

2. des ärmeren Staates B wirken? 

Um die Beantwortung dieser Frage möghchst zu verein- 
fachen, wollen wir annehmen, daß in allen übrigen Punkten 
noch eine vollkommene Handelsfreiheit zwischen beiden 
Staaten stattfinde. 

Nach dem Verbot der Einfuhr wird die Erzeugung des 322 
Flachses und die Fabrikation der Leinwand an der Grenze 
des Staates A, also in der Entfernung von 15 Meilen von 
der Stadt geschehen müssen. Hier gibt der Boden aber schon 
eine beträchtliche Laudrente, und der Arbeitslohn ist wegen 
der höheren Getreidepreise bedeutend höher als in der 30 
Meilen von der Stadt entfernten Gegend. Die Leinwand 
kann also von hier aus nur zu einem viel höheren als dem 
früheren Preis nach der Stadt geliefert werden. Da aber 
die Leinwand ein unentbehrliches Bedürfnis ist, so werden 
die Bewohner der Stadt diesen höheren Preis zahlen müssen. 

Dem Landwirt des Staates A, der früher Getreide, jetzt 
Flachs erzeugt, erwächst aber aus der Einführung des Flachs- 
baues trotz dieser Steigerung des Flachspreises kein Vor- 
teil. Denn da 1. der Getreidepreis durch diese Veränderung 
nicht steigt, sondern — wie wir weiterhin sehen werden — 
eher etwas fällt, so ist auch die aus dem Getreidebau her- 
vorgehende Landrente mindestens nicht gestiegen; und da 
2. innerhalb der den Kornbau betreibenden Kreise die Größe 
der Landrente durch den Getreidebau bestimmt wird — wie 
aus allen früheren Untersuchungen hervorgeht — so kann 
auch der Flachsbau auf der Stelle, wo er jetzt betrieben 
wird, keine höhere Landrente geben, als der Getreidebau. 



— 320 — 

Es wird also durch die Einführung des Flachsbaues nur die 
Pflanze, wodurch der Boden genutzt wird, aber nicht die 
Nutzung des Bodens selbst geändert. 

Der Bezirk, in welchem jetzt der Flachsbau betrieben 
wird, kann von dem Boden, der Flachs statt Korn trägt, keiu 
Getreide mehr nach der Stadt liefern ; und da alles Korn,, 
was dieser Distrikt sonst erzeugte, zur Versorgung der Stadt 
notwendig war: so entsteht in der Stadt ^Mangel an Ge- 
treide. 
323 Woher soll nun das fehlende Getreide genommen 
werden ? 

Der sonst den Flachs erzeugende Distrikt in dem ärmeren 
Staat B kann wegen der großen Transportkosten bei dem 
Preise von 1^/2 Tlr. für den Schfl. Roggen kein Getreide 
nach der Stadt liefern. Soll der Mangel ersetzt werden, so 
muß der Preis des Getreides steigen und zwar so hoch steigen^ 
daß der sonst Flachsbau betreibende Distrikt — oder eigent- 
lich die Gegend, die Branntweinbrennerei und Rapsbau be- 
treibt — zum Kornbau übergehen und Korn nach der Stadt 
liefern kann. 

Aber gibt es denn in der Stadt einen unerschöpflichen 
Fonds, aus dem höhere und immer höhere Getreidepreise 
bezahlt werden können, und aus welcher Quelle fließt denn 
das Geld zur Bezahlung des feuern Getreides? 

Es gibt in der Stadt eine große Menge Menschen, deren 
ganzer Erwerb nur gerade hinreicht, sich bei den bisherigen 
Mittelpreisen die notdürftigsten Lebensmittel zu verschaffen. 
So wie der entfernteste Produzent den Schfl. Roggen nicht 
unter 1''2 Tlr. nach der Stadt liefern kann, so kann wieder- 
um die arbeitende Klasse keinen höheren Preis bezahlen. 
So wie das Fallen des Getreides unter den bisherigen 
Mittelpreis die Kultur des äußeren Randes der kornbauenden 
Ebene unmöglich macht, den Acker wieder der Wildnis über- 
liefert und die Menschen zur Auswanderung zwingt: so 



— 321 — 

bringt das Steigen des Mittelpreises des Getreides Ver- 
armung und Auswanderung unter der arbeitenden Klasse in 
der Stadt hervor — wenn keine neuen Erwerbsquellen er- 
öffnet werden. 

Aber das Sperrsystem selbst hat nirgends neue Erwerbs- 
quellen geschaffen, wodurch der Lohn des Arbeiters erhöht 
und dieser zur Bezahlung eines höheren Getreidepreises in 
den Stand gesetzt werden könnte. Im Gegenteil leidet 
durch die Verteuerung eines notwendigen Bedürfnisses — 324 
der Leinwand — der Wohlstand aller, und der Arbeiter 
insbesondere, behält, nachdem er einen größeren Teil seines 
Lohnes für den Ankauf der Leinwand hat hingeben müssen, 
einen geringeren Teil zum Ankauf des Getreides; der Preis 
des Getreides wird also, anstatt zu steigen, fallen müssen, 
wenn der Arbeiter noch ferner bestehen soll. 

Also keine Erhöhung des Getreidepreises und folglich 
keine Möglichkeit, den körn bautreiben den Kreis zu erweitern. 
Der Distrikt, welcher früher den Flachs erzeugte, kann sich 
nicht zum Kornbau, nicht zur Kultur anderer Gewächse 
wenden, weil der Preis des Getreides und der Handels- 
gewächse den Anbau derselben in dieser Entfernung von der 
Stadt nicht lohnt. Der bisher kultivierte Boden muß unan- 
gebaut liegen bleiben und den Viehherden eingeräumt 
werden, und alle Menschen, die bisher vom Flachsbau lebten, 
verlieren ihren Erwerb und müssen auswandern. 

Mit der Verwüstung des Distrikts, der bisher den Flachs- 
bau betrieb, und mit dem Verschwinden aller Menschen, 
die bisher ihren Unterhalt davon zogen, hören nun aber auch 
alle Bedürfnisse, die die Menschen an Eisenwaren, Tuch, 
Gerätschaften usw. hatten, und die sie bisher aus der Stadt 
bezogen, auf. Die Bergbearbeiter, die Fabrikanten, Hand- 
werker usw., welche die Waren für diesen Distrikt bisher 
lieferten, verlieren dadurch ihren ganzen Erwerb untl müssen 
Thünen, Der isolierte Staat. 21 



— 322 — 

eben sowohl, als die Bewohner des Distrikts selbst aus- 
wandern oder umkommen. 

Die endliche Folge dieser Beschränkung der Handels- 
freiheit ist also die: 

1. daß in dem ärmeren Staat B, der die Flachskultur 
betreibende Distrikt mit allen vom Flachsbau lebenden 

325 Menschen gänzlich verschwindet; 

2. daß die Stadt des reichen Staates A alle Fabrikanten, 
Handwerker usw., die bisher für diesen Distrikt ar- 
beiteten , verliert und also an Größe , Reichtum und 
Bevölkerung abnimmt. 

Indem also der reiche Staat durch die Beschränkung 
der Handelsfreiheit dem Wohlstand des ärmeren Staates un- 
vermeidlich eine tiefe Wunde schlägt, verwundet er sich 
selbst zugleich nicht minder tief. 

Es verdient bemerkt zu werden, daß auch ohne alle 
Repressalien von selten des ärmeren Staates, die Sperrung 
dennoch nicht minder verderblich auf den reichen Staat 
zurückwirkt. 

Während es in der Theorie der Nationalökonomie 
schwierig ist, eine richtige und vollständige Definition von 
dem Nationalreichtum zu geben und die Kennzeichen von 
dem Wachstum oder Sinken desselben mit Bestimmtheit 
anzugeben, haben wir in dem isolierten Staat an der Aus- 
dehnung oder Verengung der kultivierten Ebene ein sinnlich 
wahrnehmbares, untrügliches Kennzeichen von dem zu- oder 
abnehmenden Reichtum des Staates. 

Wir liaben hier die Wirkung der Beschränkung des 
freien Verkeiirs zwar nur an einem einzigen landwirtscliaft- 
lichen Erzeugnis, dem Flachs, gezeigt; wir werden aber, 
wenn wir jeden anderen Kulturzweig der Landwirtschaft 
zum Gegenstand der Betrachtung nehmen, dieselben Schlüsse 
wiederholen müssen und dann auch dasselbe Resultat er- 
iialten. So wird z. B. die gewaltsame Verpflanzung der 



— 323 — 

Schafzucht, oder des Rapsbaues nach einer der Stadt näheren 
<jegend stets ein und dasselbe Resultat: „Verengung der 
kultivierten Ebene und Abnahme der Größe der Stadt'' her- 
Torbringen. 



Werfen wir nun einen Blick auf die europäischen 
Slaaten, so finden wir zwischen den verschiedenen Ländern 
Europas, in Hinsicht auf Kulturzustand, Bevölkerung, Ge-326 
treidepi-eis und Landrente einen nicht minder großen Unter- 
schied als zwischen den verschiedenen Gegenden des iso- 
lierten Staates. 

Zwischen der Umgebung von London und den Provinzen 
<les östlichen Rußlands, an den Ufern der Wolga und des 
Uralflusses, findet in dieser Beziehung vielleicht noch ein 
größerer Unterschied statt, als in dem isolierten Staat, zwischen 
■der Umgebung der Zentralstadt und dem äußersten Rand 
des Kreises der Viehzucht. 

So wie in dem isolierten Staat die Beschränkung des 
Handels nicht bloß dem ärmeren Staat einen Teil seiner 
Bewohner und seines Reichtums kostet, sondern auch auf 
den reicheren Staat verderblich zurückwirkt: so muß auch 
die Handelsbeschränkung zwischen den europäischen Staaten, 
die auf verschiedenen Stufen der Kultur stehen, nicht bloß 
den Ackerbau des ärmeren Landes niederdrücken, sondern 
auch dem reichen Staat einen Teil seiner Macht und seiner 
Größe entziehen. 

Und dennoch sehen wir jetzt in den eui'opäischen Staaten 
Sperrungen und Handelsbeschränkungen überall angewandt. 

Man hat es aufgegeben, die Kultur der Gewächse, die 
dem Süden angehören , im Norden erzwingen zu wollen ; 
man verstattet den Austausch der Produkte verschiedener 
Klimate und glaubt, daß dies dem Nationalwohl vorteilhaft 
sei; man hat es aber leider in unseren Tagen verkannt, daß 
<ler Austausch von Produkten zwischen Völkern, die unter 

21* 



— 324 — 

einem Himmelstrich wohnen, aber auf verschiedenen Stufen 
der Kultur stehen, eben sowohl von der Natur geboten und 
eben so vorteilhaft für die Nationen sei, als wenn die Ver- 
schiedenheit der Erzeugnisse durch die Verschiedenheit de& 
Klimas herbeigeführt wird. 



327 Es verdient noch der Erwähnung, daß der Landwirt 
des isolierten Staates, der seinen Standpunkt richtig erkennt^ 
damit auch zugleich die Erkenntnis dessen, was er zu tun 
hat, besitzt. 

Wir haben, um die Bildung und Gestaltung des isolierten 
Staates zu entwickeln, keines anderen Prinzips als der An- 
nahme, daß jeder sein eigenes Interesse richtig erkenne und 
darnach handele, bedurft. So wie nun aus dem Zusammen- 
wirken aller, von denen jeder seinen eigenen richtig ver- 
standenen Vorteil erstrebt, die Gesetze, wonach die Gesamt- 
heit handelt, hervorgehen, so muß wiederum in der Befol- 
gung dieser Gesetze der Vorteil des Einzelnen erhalten sein. 
Während der Mensch nur seinen eigenen Vorteil zu 
verfolgen wähnt, ist er das Werkzeug in der Hand einer 
höheren Macht und arbeitet, ihm selbst oft unbewußt, an 
dem großen und künstlichen Bau des Staates und der bürger- 
lichen Gesellschaft — und die Werke, die die Menschen, als- 
Gesamtheit betrachtet, hervorbringen und schaffen, so wie 
die Gesetze, wonach sie dabei verfahren, sind gewiß nicht 
weniger der Aufmerksamkeit und Bewunderung würdig, als- 
die Erscheinungen und Gesetze der physischen Welt. 



Dritter Abschnitt. 328 

Wirkung der Abgaben auf den 
Ackerbau. 



Der isolierte Staat hat die im ersten Abschnitt darge- 
stellte Form, unter der Bedingung, daß überall gar keine 
Abgaben erhoben werden, gewonnen : denn es sind im § 5, 
wo der Reinertrag des Ackers nach einem aus der Wirklich- 
keit entnommenen Verhältnis berechnet ist, die Abgaben an 
den Staat nicht mit unter die Ausgaben gestellt, und was 
w^ir Landrente nennen, ist der Reinertrag des Bodens, wenn 
keine Abgaben stattfinden. 

Gesetzt dieser Staat, der bisher keine Steuern kannte, 
werde mit den in den europäischen Staaten üblichen Ab- 
gaben belegt, wie wird dies auf den Ackerbau und auf den 
ganzen Zustand der Nation zurückwirken? 



§ 34. 

Abgaben, die mit der Gröfse des Betriebs im 
Verhältnis stehen. 

A. In Beziehung auf den isoUerten Staat. 

Die Konsumtionssteuer, insofern sie die notwendigsten 
Lebensbedürfnisse, als: Salz, Mehl usw. mit ergreift, die 



— 326 — 

Kopfsteuer, die Yiehsteuer, die Zölle, die Gewerbesteuer^ 
die Stempeltaxe und so manche andere Steuern belaster» 
sämtlich die Landgüter im Verhältnis der Größe ihres Be- 
triebes und ohne Rücksicht auf den Reinertrag des Bodens. 

Ein Gut in dem isolierten Staat, welches 30 Meilen von 
der Stadt entfernt ist, wii-d zu diesen Steuern eben so viel 
beitragen müssen, als das 10 Meilen entfernte Gut, wenn 
der Betrieb auf beiden Gütern gleich groß ist, d. h. wenn 
beide Güter zu ihrer Bewirtschaftung gleiche arbeitende 
Kräfte und gleichen Kapitalaufwand erfordern. 
329 Das 31,5 Meilen von der Stadt entfernte Gut muß nach 
§ 14 Dreifelderwirtschaft treiben, und diese kann (§ 8) nur 
24% der Ackerfläche mit Getreide bestellen: das 10 Meilen 
von der Stadt entfernte Gut treibt dagegen Koppelwirtschaft, 
welche dem Getreidebau 43 ". o der Ackerfläche widmet. Da 
nun einerseits die Koppelwirtschaft einen so viel größeren 
Teil des Feldes mit Getreide bestellt, und andererseits die 
Bestellung des Ackers (§ 10) in der Koppelwirtschaft kost- 
spieliger ist, als in der Dreifelderwii-tschaft : so wird die 
Größe des Betriebs auf dem 31,5 Meilen entfernten Gut nur 
ungefähr halb so viel betragen, als auf dem 10 Meilen von der 
Stadt entfernten Gut, wenn beide Güter von gleichem Flächen- 
inhalt angenommen werden. 

Ist der Betrag der Steuern von dem näheren Gut z. B. 
200 Taler auf 100000 DRuten Flächeninhalt, so wird das- 
entfernte Gut 100 Taler Abgaben entrichten müssen. Die 
Landrente des ersten Gutes beträgt (§ 5) von lOOOOOGRuten 
685 Taler; nach Bezahlung der Abgaben bleiben also dem 
Gutsbesitzer noch 485 Taler übrig. 

Der Besitzer des entferntesten Gutes, wovon die Land- 
rente = ist, dessen ganzes Emkommen-auf die Zinsen vom 
Kapitalwert der Gutsgebäude und des Inventars beschränkt ist, 
muß die Abgabe von 100 Talern von seinem Kapital entnehmen. 

Ein jährlich vermindertes Kapital hört aber sehr liald 



— 327 — 

auf, Kapital zu sein, und dann muß der Besitzer die Kultur 
des Bodens aufgeben und den Acker unbebaut liegen lassen. 

Wollte man sagen : der Besitzer dieses Gutes hat zwar 
keine Landrente einzunehmen, aber er genießt die Zinsen 
des Kapitals, welches in den Gebäuden und dem Inventar 
steckt, und er kann die ihm aufgelegte Steuer von den Zinsen 
bezahlen; so muß man hierauf erwidern: daß Niemand sein 330 
Kapital in einem Gewerbe stecken läßt, wenn dieses Kapital 
keine Zinsen trägt. Der Fabrikant hört auf, Waren zu fabri- 
zieren, wenn er sein Kapital durch Ausleihen höher nützen 
kann, als durch seine Arbeit: der Landwirt wird in diesem 
Fall auf die Erhaltung der Gebäude keine Kosten melu' ver- 
wenden, und wenn diese endlich den Einsturz drohen, wird 
er sein Yieh verkaufen, das Gut verlassen, ein anderes Ge- 
werbe ergreifen oder auswandern. 

In einer ähnlichen Lage sind alle Güter, deren Land- 
rente dem Betrage der Abgabe nicht gleich kommt, und die 
Abgabe wird hier dieselbe Wii"kung, nur langsamer und 
später, hervorbringen. 

Nun trägt aber in dem Kreise der Dreifelderwirtschaft 
erst dasjenige Gut, welches 26,4 Meilen von der Stadt ent- 
fernt ist, von der angegebenen Fläche eine Landrente von 
100 Taler; und bis so weit wird also die auf Kornproduktion 
gerichtete Kiütur des Bodens durch die neue Steuer ver- 
nichtet werden. Diese Gegend wird dann zwar nicht ganz 
menschenleer bleiben, sondern es wird dort statt des Korn- 
baues künftig Viehzucht getrieben werden ; aber dafür wird 
nun der äußere Rand des Kreises der Viehzucht ganz ver- 
lassen, und dieser Teil des Staates wird durch die Abgabe 
in unbebautes Land verwandelt. 

AJle in dieser nun verlassenen Gegend bisher lebenden 
Menschen werden brotlos, weil sie keine Arbeit finden, wo- 
durch sie sich ernähern könnten: denn da der Staat in 
seinem blühenden Zustande so viele Menschen hatte, daß alle 



— 328 — 

nützlichen Arbeiten vemchtet wurden, so können die aus 
dem verlassenen Distrikt hinzukommenden Arbeiter nirgends 
mehr nützlich beschäftigt werden und also auch nirgends 
Erwerb und Unterhalt finden. Aber nicht bloß die mit dem 
331 Ackerbau beschäftigten Menschen, sondern auch alle Bewohner 
der Stadt , die sonst für diesen nun verödeten Distrikt ar- 
beiteten , Handwerker, Fabrikanten, Krämer usw. verlieren 
ebenfalls ihren Erwerb und ihren Unterhalt. Die ganze hier- 
durch überflüssig gewordene Volksmenge muß, um der gänz- 
lichen Verarmung und dem Elende zu entgehen, auswandern 
und sich ein anderes Vaterland aufsuchen. 

Nachdem die Kultur des Bodens auf einen engeren Kreis 
beschränkt ist, und nachdem die Auswanderung der dadurch 
überflüssig gewordenen Menschen vollendet ist, kehrt alles 
zu seinem vorigen Gleichgewicht zurück ; aber der Staat hat 
an Ausdehnung und Bevölkerung verloren und hat zugleich 
einen Teil seines Kapitals und seiner Landrente eingebüßt. 

Eine solche gewaltsame Wirkung übt die Steuer nur da 
aus, wo sie neu eingeführt wird ; ist hingegen das Abgaben- 
system von der ersten Bildung des Staates an dasselbe ge- 
blieben: so hat sich die Kultiu" des Bodens nicht weiter 
ausgedehnt, die Bevölkerung hat sich nicht weiter vermehrt, 
als mit den Abgaben verträglich war; und alles ist hier in 
einem eben so vollkommenen Gleichgewicht, als in dem Staat, 
der gar keine Abgaben erhebt. 

Würden aber in einem solchen Staat die bestehenden 
Abgaben auf einmal und für immer abgeschaftt, so müßten 
sich hier die entgegengesetzten Erscheinungen zeigen : es 
würden Kapitalien gesammelt werden, die dadurch einen 
Wert erlialtcn, daß sie mit Vorteil auf die Urbarmachung des 
wüsten Bodens verwandt werden könnten, es würde sich 
Beschäftigung und Nahrung für eine größere Menge Menschen 
finden, und wo dies der Fall ist, vermehrt sich die Volks- 
menge sehr schnell. 



— 329 — 

Die Wirkung der Abgabe ist also die: daß sie den 
Wachstum des Staates hemmt, die Zunahme der Bevölkerung 
und die Vermelu'ung des Kapitals der Nation beschränkt. 

B. In Beziehung auf die Wirklichkeit. 332 

So wie in dem isolierten Staat die Abgabe die stärkste 
Wirkung auf das entfernteste Gut ausübt, so wird in der 
AVirklichkeit — wo in der Regel die Entfernung vom Markt- 
platze nicht so groß ist, daß dadurch die Landrente bis 
herabsinkt — das Gut mit dem schlechtesten Boden am ersten 
und stärksten bedrückt. 

Nun findet sich aber in der Wirklichkeit auf einem und 
demselben Gute fast nie die vollkommene Gleichheit, die wir 
in Hinsicht auf die Güte des Bodens für den isolierten Staat 
angenommen haben. Fast jedes Gut besteht aus einem Ge- 
misch von gutem und schlechtem Boden, von Acker, der zum 
Teil eine hohe, zum Teil eine geringere Ertragsfähigkeit besitzt. 

Der Wert des Ackers kann aus verschiedenen Ursachen 
imd in mehreren Verhältnissen sehr gering sein und sich 
dem Nullwert nähern. 

Dahin gehört der Acker: 

1. von einer schlechten physischen Beschaffenheit; 

2. von geringem Reichtum; 

3. der sehr weit vom Hofe entfernt liegt ; 

4. der zu seiner Entwässerung vieler und tiefer Gräben 
bedarf ; 

5. der nahe an Wiesen und mit diesen fast in einem 
Niveau liegt — indem dieser Acker sehr schwierig zu 
bestellen ist und einen höchst mißlichen Ertrag gibt; 

6. der mit vielen in spitzen Winkeln zusammenlaufenden 
Gräben durchschnitten ist, wodurch alle Bestellungs- 
arbeiten gar sehr verzögert werden ; 

7. der viele Steine enthält; 

8. der von hohem Holz umgeben ist usw. 



— 330 — 

Es möchte sehr schwierig sein, auch nur ein einziges 
Gut von bedeutendem Umfange nachzuweisen, in welchem 
333 sich kein Acker findet, der den einen oder den anderen der 
angeführten Mängel trägt und deshalb einen geringen Wert 
hat. Auf den meisten Gütern kommt der Acker von dieser 
Art in bedeutender Menge vor; und in manchen Gegenden 
ist dieser Acker überwiegend, und der von höherem Wert 
zeigt sich nur als Ausnahme, gewöhnlich in der Nähe der 
Dörfer. 

Durch eine neue Abgabe wird die Landi-ente eines solchen 
Bodens, der bisher einen geringen Reinertrag gegeben hat, 
auf oder unter gebracht. 

Jedes Gut muß oder sollte doch dann die Kultur dieses 
Bodens aufgeben und sich auf den Anbau des besseren Ackers, 
der auch nach der Einführung der Abgabe noch eine Land- 
rente gibt, beschränken. 

So wie in dem isolierten Staat die Wirkung der Abgabe 
sich dadurch im großen zeigt, daß die ganze entfernte Gegend 
unbebaut liegen bleibt; so äußert sich dies hier im kleinen 
auf jedem einzelnen Gut, wo der entfernteste oder schlechteste 
Acker unangebaut bleibt. 

Ob aber der fünfte Teil aller Güter eines Landes für 
die Kultur verschwindet, oder ob von jedem Gut der fünfte 
Teil aufgeopfert wird, kann auf die Verminderung der Be- 
völkerung und des Nationalvermögens nur eine und dieselbe 
Wirkung äußern. 

Es zeigen sich hier aber dem Auge keine ganz ver- 
lassenen Dörfer, und die Verwüstung, die die Abgabe ange- 
richtet hat, kann dem Blick des Staatsmannes, dem der 
innere Zustand der Familien leicht verborgen bleibt, eher 
entgehen; aber er kann sie erkennen an dem von Jahr zu 
Jahr abnehmenden Ertrag der Abgabe. Denn jede neue Auf- 
lage, die stark genug ist, eine solche Wirkung hervorzubringen, 
muß im ersten Jahr den stärksten Ertrag geben, aber all- 



— 331 — 

mählich weniger bringen, weil sich die Bevölkerung und das 
Nationalvermögen vermindern , von denen die Abgabe er- 334 
hoben wird; und erst dann, wenn die Wirivung der Auflage 
vollendet ist, d. h. wenn die Kultur so weit beschränkt ist, 
daß sie bei dieser Auflage bestehen kann, wird der Ertrag 
der Steuer sich gleich bleiben. 

Noch unterscheidet sich der isolierte Staat darin, daß 
wir angenommen haben, die Landwirtschaft werde mit höchster 
Konsequenz betrieben, während wir in der AVirklichkeit eine 
solche Konsequenz — besonders in der Übergangsperiode von 
einem Zustand zum anderen — nur als Ausnahme, nicht als 
Regel vorfinden. Dem Landwirt des isolierten Staates trauen 
wir es zu, daß er bei veränderten Verhältnissen seine Wirt- 
schaft ändere, und daß er den Anbau eines Ackers, desseu 
Landrente jetzt negativ sein würde, nicht fortsetzt, sondern 
aufgibt. 

In der Wirklichkeit ist aber die landübliche Wirtschaft 
nicht das Produkt eines durchgreifenden , alle Verhältnisse 
überschauenden Gedankens, sondern das Werk mehrerer 
Greschlechter und Jahrhunderte: durch langsame aber stete 
Verbesserungen, durch das Bemühen, dieselbe den Zeit- und 
Ortsverhältnissen immer mehr anzupassen, ist sie das gewor- 
den, was sie jetzt ist, und in der Regel hat sie ihr Ziel sehr 
\del besser erreicht, als man gewöhnlich glaubt. 

Die auf diese Weise so langsam entstandene Wirtschafts- 
form kann aber nicht rasch und augenblicklich zu neuen, 
großen Veränderungen übergehen. Wenn durch ein plötzlich 
eintretendes neues Verhältnis, z. B. durch eine neue Auflage, 
die alte Wirtschaftsform zweckwidrig wird, so dauert es 
doch lauge, ehe man sich von der alten, sonst so bewährt 
gefundenen Form trennt und die Wirtschaft mit den neuen 
Verhältnissen in Übereinstimmung bringt. 

In der Praxis wird deshalb die Einführung der neuen 
Steuer die Kultur des schlechten Bodens nicht augenblick- 



— 332 — 

licli aufheben, sondern man wird diesen nach wie vor be- 
stellen. 
335 Hierdurch entsteht aber für den Landwirt eine doppelte 
Ausgabe; er muß erstens die neue Steuer bezahlen und 
zweitens den Verlust tragen, den der Anbau des schlechten 
Ackers bringt; oder, was dasselbe ist, von dem Ertrage 
des guten Ackers muß nun nicht bloß die Steuer bezahlt 
werden, die auf dem Anbau desselben haftet, sondern auch 
noch die Steuer von dem schlechten Acker. 

Durch den hieraus hervorgehenden Ausfall in der Ein- 
nahme kann der Pächter die Pacht, der verschuldete Eigen- 
tümer die Zinsen nicht mehr aus den Gutseiukünften ent- 
nehmen und das Fehlende muß dann häufig durch Verminde- 
rung des Betriebskapitals und des Inventars herbeigeschafft 
werden. Mit dem verminderten Inventar ist dann die gute 
Bestellung des ganzen Feldes unmöglich; aber die Macht 
der Gewohnheit ist so groß, die Überzeugung, daß schlechter 
Acker, der noch einen bemerkbaren Rohertrag gibt, keinen 
Reinertrag, sondern nur Verlust bringt, so schwer zu gewin- 
nen, daß man auch in einem solchen Fall gewöhnlich lieber 
das ganze Feld schlecht bestellt, als einen Teil desselben 
liegen läßt, wodurch dann aber die Einkünfte des ganzen 
Guts vernichtet werden können. 

Nur nach mehreren solchen Erfahrungen und nach 
längerer Zeit wird die landübliche Wirtschaft sich den neuen 
Verhältnissen anpassen und die Kultur auf den Acker be- 
schränken, der die Kosten bezahlt. Durch diesen langsamen 
und schwankenden Übergang geht aber der Nation ein weit 
größeres Kapital verloren, als die Abgabe selbst nötig machte. 

In der Wirklichkeit, wo in der Regel ein allmähliches 
Fortschreiten des Wohlstandes stattfindet, kann die Wirkung 
einer neuen Abgabe nicht rein zum Vorschein kommen, denn 
sie wirkt hier — falls sie nicht sehr hoch ist — nicht zer- 
störend, sondern nur hemmend auf den Wachstum des 



— 333 — 

Nationalreichtums. In dem isolierten Staat, wo kein Fort- 336 
schreiten, sondern ein beharrender Zustand stattfindet, so 
lange dieser nicht durch äußere Einwirkungen gestört wird, 
zeigt sich dagegen die natürliche Wirkung der neuen Ab- 
gabe in dem Rückwärtsschreiten des Wohlstandes und der 
Bevölkerung. 



§ 35. 

Wirkung der Abgabe, wenn die Konsumtion an 
Korn sich gleich bleibt. 

Das bisher Gesagte ist nur für den Fall gültig, wenn 
durch die neue Steuer die Kornkonsumtion abnimmt. Wo 
aber das Volk reich genug ist, um einen höheren Preis für 
das Getreide bezahlen zu können, iind die Konsumtion selbst 
sich gleich bleibt, da ist die Wirkung der Auflagen ganz 
anders. 

Wenn z. B. in dem isolierten Staate die entfernten 
Gegenden infolge der Abgabe aufhören, Korn nach der 
Stadt zu liefern, so entsteht hieraus augenblicklich Mangel 
in der Stadt; der Mangel erzeugt höhere Preise, der höhere 
Preis macht es den entfernten Gegenden wieder möglieh, Korn 
für die Stadt zu bauen, und so ist das Gleichgewicht wieder 
hergestellt. Da nun der Bedarf der Stadt nicht anders be- 
friedigt werden kann, als wenn der Kornbau sich bis auf 
31,5 Meilen von der Stadt ausdehnt: so muß der Preis des 
Korns auch so hoch steigen, daß dem entferntesten Gut nicht 
bloß die Produktions- und Transportkosten des Getreides, 
sondern auch die neu hinzugekommene Auflage ersetzt wird. 

In diesem Fall muß also der Konsument des Korns die 
ganze auf den Ackerbau gelegte Abgabe bezahlen. 



— 334 — 

Nacli den Lehren des physiokratischen Systems fallen 
alle auf die Gewerbe gelegten Abgaben doch zuletzt auf den 
Landbau zurück. Wenn ein Handwerker z.B. eine Gewerbe- 
337 Steuer von 10 Tlr. bezahlen muß, so legt er diese 10 Tlr. 
z\par aus, aber um bestehen zu können, muß er den Preis 
seiner Waren so weit erhöhen, daß er die gemachte Auslage 
wieder ersetzt erhält. Diesen Ansichten zu Folge wäre es 
viel zweckmäßiger, die Abgabe direkt auf den Landbau zu 
legen, als sie durch einen weiten Umweg von demselben 
zu erheben. 

Wir haben aber gesehen, daß die auf den Landwirt ge- 
legte Abgabe nicht von ihm selbst, sondern von dem Kon- 
sumenten des Korns bezahlt wird — wenn die Konsumtion 
dieselbe bleibt. 

Während nun Landwirte und Gewerbetreibende die ihnen 
aufgelegte Abgabe von sich auf Andere wälzen, können da- 
gegen die von Besoldungen lebenden Staatsdiener den Preis 
ilirer Arbeit nicht eigenmächtig erhöhen, und diese müssen 
nicht bloß die ihnen selbst aufgelegte Abgabe, sondern auch 
den erhöhten Preis aller Lebensbedürfnisse bezahlen. Unter 
diesen Umständen werden sich aber keine Konkurrenten zu 
den Staatsämtern mehr finden, und der Staat wird ge- 
zwungen werden, die Besoldungen seiner Beamten so weit 
zu erhöhen, daß die Abgabe selbst und die erhöhten Preise 
aUer Bedürfnisse dadurch vergütet werden. 

Es scheint demnach, daß, mit Ausnahme der von ihren 
Zinsen lebenden Kapitalisten, jeder andere Stand für die 
Abgabe entschädigt wird, und daß der Staat die Abgaben 
bis aufs äußerste erhöhen kann, ohne dadurch das Wohl 
des Ganzen zu gefährden, indem von allen seinen tätigen 
Bürgern kein einziger dadurch bedrückt wird, weil jeder die 
Abgabe nur vorschießt, nicht selbst bezahlt. 



— 335 — 

Die Schlüsse, wodurch wir dieses sehr auffallende Resul- 
tat erhalten, beruhen auf der Voraussetzung, daß nach der 
Einführung der Abgabe die Konsumtion dieselbe bleibt, und 
wir haben nun zu untersuchen, ob diese Voraussetzung richtig 338 
ist, oder nicht. 

Wie wir bereits im § 33 erwähnt haben, wird der Preis 
des Getreides nicht einseitig durch den Betrag der Kosten, 
den das Zumarktbringen desselben dem Landwirt verursacht^ 
sondern zugleich auch durch das Vermögen der Konsumenten, 
diesen Preis zahlen zu können, bedingt. 

In der Stadt sowohl als auf dem Lande gibt es eine 
große Menge Menschen , deren Einkommen nur gerade liin- 
reicht, die notwendigsten Bedürfnisse zu erkaufen. Steigt 
der Preis des Gretreides, so reicht ihr Einkommen oder ihr 
Erwerb nicht hin, sich dasselbe in genügender Menge zu ver- 
schaffen. Wie unentbehrlich das Getreide auch sein mag, 
immer kann der ärmere Konsument nicht mehr dafür hin- 
geben, als sein Erwerb und sein Vermögen zusammen be- 
tragen : reicht beides nicht aus, so muß er sich mit kleineren 
Quantitäten behelfen, also hungern und zuletzt umkommen, 
wenn er nicht auf Kosten der übrigen Staatsbürger eine 
Unterstützung aus der Armenkasse erhält. 

Gesetzt nun, es stiege in dem isolierten Staat, infolge 
einer direkt oder indirekt auf den Ackerbau fallenden Abgabe, 
der Preis des Getreides : so muß, weil die ärmeren Bewohner 
der Stadt diesen Preis nicht zahlen können, die Konsumtion 
abnehmen. Da aber in dem Augenblicke, wo die Abgabe 
eingeführt wird, die Produktion noch nicht abgenommen hat, 
und also kein wirklicher Mangel an Getreide stattfindeu 
kann: so muß durch die verminderte Konsumtion Überfluß 
an Getreide entstehen, der Preis desselben wieder fallen und 
zwar so tief fallen, daß auch die ärmere Klasse sich das- 
selbe wieder in genügender Menge verschaffen kann, d. h. 



— 336 — 

das Getreide sinkt wieder bis zu seinem vorigen Mittelpreise 
herunter. 
339 Bei diesem Mittelpreise kann aber der Ackerbau, nach- 
dem derselbe mit einer Abgabe belastet ist, nicht mehr in 
der bisherigen Ausdehnung betrieben werden, luid es treten 
nun alle im vorigen § angeführten Wirkungen der Abgabe 
ein, als Verengung der kultivierten Ebene, Auswanderung 
der Bewohner des verlassenen Distrikts und der Stadtbewohner, 
die für diesen Distrikt arbeiteten. 

Wenn der Staat im beharrenden Zustande ist, und alle 
Verhältnisse im Gleichgewicht sind, so fällt der Preis, den 
die Konsumenten zahlen können, mit dem Preise, wozu die 
entferntesten Produzenten das Getreide liefern können, genau 
zusammen, und wir haben deshalb in dem ersten Abschnitt 
dieser Schrift diesen zweifachen Bestimmungsgrund des Ge- 
treidepreises nicht zu berücksichtigen brauchen. Sobald 
aber durch Einführung von Abgaben oder durch andere Ein- 
wirkungen der Staatsgewalt das bisherige Gleichgewicht ge- 
stört wird, entfernen sich auch die beiden bestimmenden 
Ursachen voneinander. 

Der Preis, den die Konsumenten zahlen können, steht 
dann entweder unter oder über dem Preise, wozu der ent- 
fernteste Produzent das Korn liefern kann. Da ersterer auf 
keine Weise erhöht werden kann — wenn, wie hier voraus- 
gesetzt wird, keine neuen Erwerbsquellen eröffnet werden — 
so wird letzterer, im Fall er höher ist, sinken müssen, bis er 
wieder mit dem ersten zusammenfällt: und dies geschieht 
dadurch, daß die Kultur sich von dem Boden, der bei diesem 
Preise nicht bebaut werden kann, zurückzieht und sich auf 
den Boden beschränkt, der auch bei diesem Preise die Abgabe 
tragen kann. Kann aber, im entgegengesetzten FaU, das 
Volk einen höheren Preis für das Getreide, als den, wozu 
es geliefert werden kann, zahlen: so wird zwar anfangs 
dieser Lieferungspreis normieren, aber Bevölkerung und Kon- 



— 337 — 

sumtion werden dann rasch zunehmen, die kultivierte Ebene 340 
muß sich erweitern, mit der Erweiterung steigt der Liefe- 
rungspreis und steigt bis dahin, daß er mit dem Preise, den 
■das Volk zahlen kann, zusammenfällt. 

Diesem gemäß finden wir auch in der "Wirklichkeit in 
allen reichen Ländern hohe, und in allen armen Ländern 
niedrige Kornpreise. 

Ein Getreidemangel, selbst eine Hungersnot in dem 
nördlichen Norwegen bringt keine hohe Kornpreise weder in 
den übrigen europäischen Ländern, noch in Norwegen selbst 
hervor, weil das Volk zu arm ist, um hohe Preise bezahlen 
zu können. Dagegen steigert ein mäßiger Kornbedarf in Lon- 
don den Getreidepreis durch ganz Europa, und aus allen 
Häfen des Kontinents eilen dann SchiiTe mit Getreide nach 
diesem Weltmarkt. 



Wir finden in unseren Tagen bei allen europäischen 
Staaten ein Streben, durch hohe Zölle oder durch gänzliche 
Einfuhrverbote das fremde Getreide vom inländischen Markt 
zu entfernen, um durch künstlich erzeugte hohe Preise den 
inländischen Ackerbau zu heben. 

Daß der Ackerbau durch hohe Getreidepreise intensiv 
imd extensiv gehoben wird, ist völlig begründet und geht 
auch aus allen unseren bisherigen Untersuchungen hervor; 
aber man hat es übersehen, daß, wenn man hohe Getreide- 
preise erzwingen will, man auch zugleich das Volk reich 
machen muß, um diese hohen Preise zahlen zu können. Ge- 
-schieht dies nicht gleichzeitig, so ist die Erhöhung des Ge- 
treidepreises nur von kurzer Dauer, und der Preis sinkt dann 
Tiach einigen Jahren wieder so weit, bis er mit den Zahl- 
mitteln der Konsumenten im Gleichgewicht ist. Durch die 
künstliche Steigerung der Getreidepreise vertreibt man zu- 
gleich die Fabriken und Manufakturen, die für das Ausland 341 
arbeiten, indem diese nach den Ländern mit niedrigen Korn- 
Thünen, Der isolierte Staat. 22 



— 338 — 

preisen wandern; dadurch werden aber die Zahlmittel der 
Nation nicht vermehrt, sondern vermindert, und die endliche 
Folge dieser Maßregel muß, statt der beabsichtigten Erhöhung^ 
Verminderung der dauernden Getreidepreise sein. 



Die Wirkung, welche eine Abgabe bei ihrer ersten Ein-- 
führung äußert, muß von der, welche sie in ihrem letzten 
Erfolg hervorbringt, genau geschieden werden, weil zwischen 
beiden ein großer Unterschied stattfindet. 

Die erste Einführnng einer Abgabe bringt Verarmung 
und Unglück unter das Volk, weil das um den Betrag der 
Abgabe verminderte Gesamteinkommen noch unter dieselbe 
Menschenzahl verteilt werden soll, und weil die überflüssig 
gewordenen, nicht mehr zu ernährenden Menschen nicht frei- 
willig auswandern, sondern erst durch einen für alle ver- 
verblichen Kampf um die Existenz gleichsam ausgelost werden 
müssen, indem diejenigen, die in diesem Kampf unterliegen^ 
zur Auswanderung gezwungen werden. 

Ist aber durch Auswanderung oder durch Verminderung 
der Ehen die Menschenzahl mit dem Volkseinkommen wieder 
ins Gleichgewicht getreten; so ist es keineswegs notwendig, 
daß irgendein Mitglied der aktiven Stände (den Grund- 
besitzer rechne ich nur in der Eigenschaft als Administrator 
seines Guts, aber nicht in der Beziehung als Empfänger der 
Landrente zu den aktiven Ständen) schlechter zu leben braucht, 
d. h. für seine Arbeit weniger Genußmittel erhält, als vor 
der Einführung der Abgabe. Denn es hängt von dem 
Charakter des Volkes ab, bis zu welchem Grade 
es Entbehrungen und Anstrengungen ertragen 
will, ehe es sich zur Auswanderung oder zur 
342 Verminderung d er Ehen entschließt. Hat nun der 
Volkscharakter, demgemäß der Arbeitslohn sich gebildet hat, 
durch die Einführung der Abgabe selbst keine Änderung — 
die wenigstens nicht notwendig daraus hervorgeht — er- 



— 339 — 

litten: so werden auch die aktiven Stände, als Handwerker, 
Tagelöhner, Pächter usw. nach Bezahlung der Abgabe zu 
ilirem Unterhalt nicht weniger übrig behalten als früher. 

Auch finden wir in der Wirklichkeit, daß in dem mit 
Steuern so hart belasteten England alle diese Stände gewiß 
nicht weniger gut leben, als in Rußland, wo die Abgaben 
geringe sind. 

Die schon lange bestehenden Abgaben sind also für die 
Individuen keineswegs ein Unglück; aber der Staat selbst 
hat durch diese Abgaben der Vermehrung der Menschen und 
des Nationalvermögens Schranken gesetzt — er hat nicht 
die Macht, den Reichtum und die Bevölkerung erlangt, die 
er ohne diese Abgaben erlangt haben würde. 



§ 36. 

Auflagen auf Gewerbe und Fabriken. 

"Wenn dem Handwerker oder Fabrikanten eine beträcht- 
liche Abgabe auferlegt wird, so ist er unstreitig geneigt, sich 
diese Abgabe durch Erhöhung des Preises seiner Waren 
wieder ersetzen zu lassen. Bei dem höheren Preise müssen 
aber viele Menschen den Verbrauch dieser Ware aufgeben 
oder einschränken ; der verminderte Verbrauch bewirkt dann 
einen Überfluß an Waren dieser Art, welches wiederum 
ein Sinken des Preises derselben zur Folge hat. 

Können die Fabrikanten und Handwerker bei diesem 
Preise nicht bestehen, so muß ein Teil derselben sein Ge- 
werbe verlassen und einen anderen Wohnort aufsuchen. 
Nachdem dies geschehen ist, wird der Markt sparsamer ver- 
sorgt, der Preis der Ware steigt wieder, und muß, da die 343 
Arbeit in diesem Gewerbe nicht fortwährend geringer bezahlt 

22* 



— 340 — 

werden kann, als in anderen Gewerben, zuletzt so hoch steigen, 
daß dadurch die aufgelegte Abgabe ersetzt wird. 

Indem hierdurch eine für den Landmann unentbehrliche 
Ware, z. B. verarbeitetes Eisen teurer wird, steigen die Be- 
arbeiiungskosten des Bodens, die Landrente des von der 
Stadt entferntesten Gutes sinkt unter herab, und es zeigen 
sich dann dieselben, schon öfters angeführten Erscheinungen, 
die eine auf den Ackerbau gelegte Abgabe hervorbringt. 

Sehen wir auf die Veränderung, die der Preis der 
Waren und der Produkte durch die Einführung der Abgabe 
zuletzt, d. h. nach vollendeter Übergangsperiode erleidet, so 
finden wir, daß die Abgabe auf den Preis der Waren und 
auf den des Getreides ganz verschieden wirkt. 

Der Handwerker und der Fabrikant erhalten die auf sie 
gelegte Abgabe durch den erhöhten Preis ihrer Waren zu- 
rück, und in dem Preise der Waren, die sie liefern, stecken 
nun nicht bloß Arbeitslohn, Kapitalgewinn und Landrente, 
sondern auch noch als vierter Bestandteil der Betrag der 
Abgabe. Dagegen wird — wie die Betrachtungen im vorigen 
§ ergeben haben — der Preis des Getreides durch eine Ab- 
gabe, sei es, daß diese direkt auf den Landbau gelegt wird, 
oder daß sie, auf die Gewerbe gelegt, zui* Vermehrung der 
Produktionskosten des Getreides beiträgt, nicht gesteigert. 

Nun wissen wir aber ebenfalls aus den Betrachtungen 
im vorigen § , daß , wenn der Volkscharakter sich nicht 
ändert, alle aktiven Staatsbürger, also auch die Landbebauer, 
nach Einführung der Abgabe und nach vollendeter Wirkung 
derselben noch eben so reichlich ihren Unterhalt sich erwerben 
können als früher, und es fragt sich nun, woher denn die 
Landbebauer die Entschädigung für die Abgabe nehmen, da 
344 dieses nicht wie bei den Gewerbetreibenden durch Erhöhung 
des Preises ihrer Arbeitsprodukte geschehen kann. 

Der Ackerbau unterscheidet sich darin sehr wesentlich 
von den Gewerben, daß derselbe, auf verschiedenen Boden- 



— 341 — 

arten betriebeu, die uämliche menschliche Anstrengung mit 
einer sehr verschiedenen Quantität von Erzeugnissen belohnt, 
während bei den Gewerben dieselbe Tätigkeit and Geschick- 
lichkeit auch immer ein gleiches Arbeitsprodukt liefert. 

Wenn eine Abgabe auf die Gewerbe gelegt werden 
könnte, der sich diese durch Erhöhung der Preise ihrer Waren 
nicht entziehen könnten, oder wenn durch künstliche Maß- 
regeln die Getreidepreise fortwährend über ihrem natüi'lichen 
Stand erhalten werden könnten, so würde dies — unter 
Voraussetzung gleicher Geschicklichkeit und Arbeitsfähigkeit 
— alle Gewerbetreibenden gleich stark treffen, und die Ge- 
werbe würden, wenn die Belastung stark genug wäre, sämt- 
lich und auf einmal dadurch niedergedrückt werden. 

Bei der Landwirtschaft kann aber eine mit der Größe 
des Betriebs im Verhältnis stehende Abgabe nur den An- 
bau des schlechteren Gutes — in dem isolierten Staat des 
entfernteren Gutes — vernichten, aber nicht zugleich den des 
durch seinen Boden oder durch seine Lage begünstigten besseren 
Gutes; und das Problem, wie der Landbebauer auch nach 
Bezalilung der Abgabe noch ebensogut leben könne als 
früher, löst sich dadurch, daß derselbe sich von dem schlech- 
teren Boden zurückzieht und seine Tätigkeit auf den Anbau 
des besseren Bodens beschränkt, der auch nach Entrichtung 
der Abgabe die Arbeit des Tagelöhners, des Pächters oder 
des Administrators ebensogut lohnt, Avie früher der schlechtere 
Boden, der von keiner Abgabe belastet war. 

Richten wir nun unseren Blick auf den Einfluß, den die 
Abgabe in dem isoliei^ten Staat auf den Umfang der Gewerbe 
und des Landbaues ausgeübt hat, so finden wir, daß alle 
in gleichem Verhältnis gelitten haben. Hat z. B. der Um- 
fang des Landbaues um ^/lo abgenommen , so haben alle 345 
für den Landbau arbeitenden Gewerbe ebenfalls um ^/lo an 
Umfang, Kapital und Menschenzahl abgenommen — und 
diese Wirkung der Abgabe bleibt dieselbe, sie mag auf ein 



— 342 — 

einzelnes unentbehrliches Gewerbe, oder auf die gesamten 
Gewerbe oder auf den Landbau gelegt sein. 

So wie am mensclilichen Körper kein Glied verletzt 
werden kann, ohne daß der ganze Körper mit leidet, so kann 
auch in dem isolierten Staat weder ein einzelnes Gewerbe, 
noch der Landbau mit einer Abgabe belastet werden, ohne 
daß alle anderen Stände davon mit ergriifen werden. 

Ganz anders verhält sich dies in der Wirklichkeit, wenn 
melirere Staaten miteinander in Berührung kommen. 

Wenn in einem europäischen Staat mit freiem Handels- 
verkehr ein Gewerbe zu stark mit Abgaben belegt wird, so 
kann der Gewerbetreibende sich nicht durch eine Erhöhung 
des Preises seiner Ware entschädigen, weil diese Ware in 
anderen Ländern, wo keine solche Abgabe existiert, noch 
eben so wohlfeil wie früher fabriziert wird, und zu einem 
Preise eingeführt werden kann, Avofür das inländische Ge- 
werbe sie nicht zu liefern vermag. Hier kann also ein Ge- 
werbe durch die demselben aufgelegte Abgabe ganz nieder- 
gedrückt werden, während die anderen Stände fast unver- 
letzt bleiben, und die durch die Abgabe bewirkte Abnahme 
an Reichtum und Volksmenge zeigt sich hier an einem ein- 
zelnen Gliede der bürgerlichen Gesellschaft. Der Staat mag 
dadurch, in einzelnen Fällen, an absolutem Reichtum und an 
Yolksmenge vielleicht nicht melir verlieren, als wenn die 
Abgabe unter alle Stände gleich verteilt wäre; aber allemal 
wird dadurch die harmonische Gliederung des Ganzen zer- 
stört. 
346 Auf diese Weise ist aber der Wohlstand der einzelnen 
Stände eines Staates nicht bloß von den Abgaben, die in 
diesem Staat aufgelegt werden, sondern auch von dem Ab- 
gabensj^stem anderer Staaten, mit denen dieser im freien 
Handelsverkehr steht, abhängig. Lasteten z. B. in zwei 
Staaten A. und B. auf einem Gewerbe bisher gleiche Ab- 
gaben, und der Staat A. hebt diese Abgabe auf, oder führt 



— 343 — 

«ine Ausfuhrprämie ein, so muß der Staat B. ebenfalls die 
Abgabe aufheben oder Einfuhrzölle anlegen, wenn der Wohl- 
stand derer, die dies Gewerbe im Staat B. betreiben, nicht 
gefährdet werden soll. 

Um die harmonische Gliederung des Ganzen zu erhalten, 
muß also der Staat B. das schwere Opfer bringen, die Ab- 
gaben oder die Zölle stets nach den Launen des anderen 
Staates zu ändern. 

Ob nun die Erhaltung des Gleichgewichts in dem Wohl- 
stande der einzelnen Stände dieses Opfer wert sei, ob der 
minder reiche Staat in seinem Abgabensystem nie zur Unab- 
hängigkeit gelangen, sondern stets der Spielball des reichen 
Staates bleiben soll — dies zu beurteilen gehört der prak- 
tischen Staatswirtschaft an, die außer meinem Kreise liegt. 



Konsumtionssteuer und Kopfsteuer. 

Konsumtionsteuern auf solche Waren gelegt, die nicht 
zu den notwendigen Bedürfnissen gehören und die von den 
ärmeren Klassen des Volkes ganz entbehrt werden können, 
beschränken den Luxus der Reichen und Wohlhabenden, ohne 
die Ausbreitung der Kultur des Bodens und die nützliche 
Anwendung von Kapitalien zu hindern. Sie sind nur nach- 
teilig für diejenigen, die mit der Hervorbringung und Ver- 
arbeitung der Luxuswaren beschäftigt sind : denn die Steuer 
vermindert den Gebrauch dieser Waren, und ein Teil dieser 347 
Menschen verliert dadurch seinen Erwerb ; aber diese Klasse 
von Arbeitern ist weder so zahlreich noch so wichtig für den 



— 344 — 

Staat wie diejenige, die sich mit der Verarbeitung der not- 
wendigen Lebensbedürfnisse beschäftigt. 

Wird die Steuer auf Luxuswaren, die aus dem Aus- 
lande kommen, gelegt, so verlieren dadurch bloß die Kauf- 
leute, Schiffer und Frachtfahrer, die den Transport dieser 
Waren besorgen, ihren Erwerb. 

Konsumtionssteuern auf die unentbehrlichen Bedürfnisse 
des gemeinen Mannes gelegt, sind weit nachteihger als die 
Kopfsteuern. Denn einesteils ist die Erhebung der Konsum- 
tionssteuer so kostspielig, daß dadurch ein großer Teil der 
Einnahme wieder verschlungen wird, weshalb denn den 
Untertanen weit melir entnommen werden muß, als die 
Staatskasse bedarf und empfängt; anderenteils trifft diese 
Steuer auch den wirklich Hilfsbedürftigen, der nur von der 
Wohltätigkeit anderer Menschen lebt; während die Kopf- 
steuer doch nur von denjenigen Personen erhoben wird, die 
einen Erwerb und ein wirkliches Einkommen besitzen. 

Die Kopfsteuer, welche für die ungleichste aller Abgaben 
gilt, weü sie ohne Rücksicht auf Einkommen und Vermögen 
von dem Armen so viel nimmt als von dem Reichen, übt 
doch, wenn sie schon lange eingeführt gewesen ist, keine 
fortdauernd störende Wirkungen auf das Glück der Unter- 
tanen aus: denn der gemeine Arbeiter muß so viel verdienen, 
daß er seine Familie ernähren imd zugleich die Kopfsteuer 
bezahlen kann. Dem Arbeiter muß also die Steuer durch 
einen erhöhten Arbeitslohn ersetzt werden, und er lebt nicht 
minder glücklich, als der Arbeiter in einem anderen Staat^ 
wo gar keine Kopfsteuer existiert. 
348 Ganz anders aber ist die Wirkung der Steuer, wenn sie 
erst eingeführt wird, welches sich am klarsten in dem iso- 
lierten Staat übersehen läßt. 

Der Arbeiter, dessen Verdienst fast überall nur hinreicht, 
seine notwendigsten Bedürfnisse zu erkaufen, wird, wenn er 
eine Kopfsteuer bezahlen soll, einen größeren Arbeitslohn als 



— 345 — 

bisher haben müssen. Die Erhöhung des Arbeitslohnes 
bringt aber die Landrente des entferntesten Gutes unter 
und hebt die Kultur dieses Bodens auf. Dadurch verlieren 
aber alle Arbeiter, die bisher hier lebten, gänzlich ihren 
Erwerb und ihren Unterhalt : es muß also unter dieser 
Menschenklasse eine grenzenlose Not entstehen, die nur da- 
dm-ch gehoben werden kann, daß alle durch die Beschrän- 
kung der Kultur des Bodens entbehrlich gewordenen Men- 
schen auswandern. 

Sobald dies geschehen ist, können die im Lande ge- 
bliebenen Arbeiter ihren Lohn steigern, und die Güter, wel- 
che in Kultur geblieben sind, können, weil sie eine Land- 
rente geben, auf Kosten dieser Landrente einen erhöhten 
Arbeitslohn bezahlen. 

Da auf diese Weise jede länger bestandene Auflage, 
wenn sie nur nicht willküiiich und unbestimmt ist, mit den 
Yerhältnissen des Staates in ein gewisses Gleichgewicht ge- 
treten ist, oder da vielmehr der Staat dieser Auflage gemäß 
sich gebildet hat, und der Untertan dann den Druck der 
Abgabe nicht mehr empfindet; wogegen andererseits jede 
neue oder veränderte Auflage, wie ein Eingriff in das Eigen- 
tum wirkt, indem dadurch unfehlbar einige Zweige der Kultur 
oder der Industrie beschränkt und die damit beschäftigt 
gewesenen Menschen • — wenigstens so lange bis sie zu einem 
anderen Fach übergegangen sind — unverdienterweise brotlos 
werden : so möchte man hieraus wohl schließen dürfen, daß 
die Ungleichheit der Abgaben ein weit geringeres Übel sei, 
als die häufige Veränderung derselben. 



346 — 



349 



Auflagen auf die Landreute. 

Wenn der Eigentümer eines Gutes einen Teil der Land- 
rente, die das Gut ihm bringt, an den Staat abgeben muß, 
so ändert dies in der Form und der Ausdehnung der Wirt- 
schaft gar nichts. Diejenigen Güter, deren Landrente nahe 
an ist, tragen zu dieser Abgabe sehr wenig bei, und das 
entfernteste oder schlechteste Gut wird davon gar nicht er- 
griffen. Diese Abgabe kann also so wenig auf die Ausdeh- 
nung der Kultur, als auf die Bevölkerung, die Anwendung 
des Kapitals und die Quantität der erzeugten Produkte einen 
nachteiligen Einfluß äußern : ja. wenn die ganze Landrente 
von der Abgabe liinweggenommen würde, bliebe die Kultur 
des Bodens dennoch, wie sie gewesen ist. 

Auch in anderer Eücksicht mag es für das Wohl der 
Nation gleichgültig sein, ob die Landrente in den Händen 
des Regenten oder des Eigentümers und Kapitalisten ist; 
denn in beiden Fällen wird sie gewöhnlich unproduktiv ver- 
wandt. 

Öfters ist die Landrente w^eit mehr in den Händen der 
Kapitalisten als der Eigentümer, die zwai- den Titel des Be- 
sitzers führen, aber wenn sie einigermaßen verschuldet sind, 
den größeren Teil der Landrente als Zinsen an die Kapita- 
listen abgeben müssen. 

Ob nun der Kapitalist und der reiche Landeigentümer 
durch die Unterhaltung vieler Bedienten und Luxuspferde, 
und durch den Verbrauch von Luxuswaren die Landrente 
verzeliren, oder ob der Staat, wenn derselbe im Besitz der 
Landrente ist, diese auf die Unterhaltung des Militärs ver- 
wendet, mag auf den Nationalreichtum keinen wesentlich 
verschiedenen Einfluß ausüben. 



— 347 — 

So wie die Landrente nicht durch Yerwendung von 
Arbeit und Kapital, sondern durch den zufälligen Vorzug 
in der Lage des Gutes oder der Beschaffenheit des Bodens 350 
entstanden ist, so kann sie auch wieder hinweggenommen 
werden, ohne daß dadurch die Verwendung von Kapital und 
Arbeit gestört oder vermindert wird. 

In dem isolierten Staat betrachten wii- die Landwirt- 
schaft in einem beharrenden oder gleichbleibenden Zustande 
und setzen voraus, daß die Wirtschaft auf allen Gütern mit 
gleicher Kenntnis und gleicher Konsequenz betrieben werde. 

Beides ist in Wirklichkeit nicht der Fall, und es ent- 
steht die Frage, was man hier Landrente nennen könne, 
und wie ihre Größe auszumitteln sei. 

Bei der Verschiedenheit von Tätigkeit und Kenntnis, 
womit die Landwirtschaft betrieben wird, können zwei Güter 
von gleicher Lage und gleichem Boden doch einen sehr ver- 
schiedenen Reinertrag geben ; aber man kann deshalb dem 
schlecht bewirtschafteten Gut keinen geringeren Wert und 
keine geringere Landrente beimessen, als dem anderen Gut. 
Der unterschied rührt bloß von der Persönlichkeit des Be- 
wirtschafters her und verschwindet wieder, sobald der Be- 
wirtschafter durch einen anderen ersetzt wird. Nur das 
Dauernde an einem Gute, die Lage und der Boden, nicht 
das Zufällige und Vergängliche, die Person des Landwirtes, 
kann den Wert und die Landrente eines Gutes bestimmen. 

Die Landrente des einzelnen Gutes kann also nicht durch 
den Reinertrag desselben bestimmt werden; aber die Land- 
rente entspringt wiederum nur aus dem Reinertrag, "weil 
sie nichts anderes ist als der Reinertrag, nach Abzug der 
Zinsen des in den Gebäuden und anderen sich auf dem Gute 
befindenden Wertgegenständeu steckenden Kapitals. 

Derjenige Reinertrag, den ein Gut in der landüblichen 
AVirtschaft, bei einer gewöhnlichen, weder ausgezeichnet 
großen nocn geringen Tätigkeit und Kenntnis des Bewirf- 



— 348 — 

351 schafters gibt oder geben tann, dient zur Norm für die Be- 
stimmung der Landrente. 

Die Wirkung einer gewöhnlichen Tätigkeit und Kennt- 
nis ist aber nur zu bestimmen aus der Größe des Produktes, 
welches durch die Bemühung aller Landwirte eines ganzen 
Landes oder einer Provinz hervorgebracht wird. 

Die Totalsumme des Reinertrages aller Güter eines ganzen 
Landes nach Abzug der Zinsen vom Wert der Gebäude usw. 
gibt die Summe der Landrente, und diese, nach Verhältnis 
der Güte des Bodens und der Lage auf die einzelnen Güter 
verteilt, gibt die Landrente des einzelnen Gutes. 

Es ergibt sich hieraus, wie schwierig es sein muß, die 
wirkliche Landrente eines Gutes auszumitteln, und es wäre 
schon deshalb nicht zu verwunderu, wenn wir finden, daß 
in der Praxis fast alle Versuche dieser Art höchst verfehlt 
sind ; aber gar sehr verschlimmert ist die Sache dadurch, daß 
man in der Regel bei den Abschätzungen von ganz falschen 
Grundsätzen ausgegangen ist. Man kann sich nicht über- 
zeugen, daß es kultivierten Acker gibt, der gar keine Land- 
rente abwirft, sondern man glaubt schon viel zu tun, wenn 
man 4 oder 6 DR- des schlechtesten Ackers im Wert gleich 
einer Quadratrute des besten Ackers rechnet ; so wenig aber 
aus 6 mal eins werden kann, so wenig können auch G DR. 
des schlechtesten Bodens den Wert von 1 DR. des besten 
Bodens haben. Dann verwechselt man ferner nur zu oft 
die Landrente mit den Zinsen des auf den Landbau ge- 
wandten Kapitals. Ein Gut, welches keinen größeren Über- 
schuß gewähi't, als den Betrag der Zinsen vom Wert der 
Gebäude, vom Inventar, vom Betriebskapital usw. gibt gar 
keine Landrente, obgleich es seinem Besitzer ein Einkommen 

352 verschafft. Jede auf die vermeinte Landrente eines solchen 
Gutes gelegte Abgabe wirkt eben so nachteilig auf die Kultur 
des Bodens, als Kopfsteuer, Viehsteuer usw. 



— 349 — 

Wenn die Landrente zum Zweck der Belegung mit Ab- 
gaben genau und richtig bestimmt "werden sollte, so würden 
hierzu Männer erfordert, die sich eigens dem Studium dieses 
Zweiges der Wissenschaft gewidmet hätten, und die dann ihr 
ganzes Leben hindurch kein anderes Geschäft betrieben. Da- 
durch würde aber die Ausmittelung der Landrente sehr kost- 
spielig werden, und dies würde den Vorzug, den die Auflage 
auf die Landrente durch ihre wenig kostende Erhebung vor 
den meisten anderen Steuern hat. zum Teü wieder auf- 
wiegen. 

Die Landrente ist aber in der Wirklichkeit keine be- 
ständige, sondern eine sehr veränderliche G-röße: denn jede 
Änderung in der landübhchen Wh'tschaft, in dem Preise der 
Produkte, in dem Zinsfuß usw., wirkt auf die Größe der 
Landrente in einem ungemein hohen Grade. Wird nun die 
Auflage auf die Landrente ein für allemal festgesetzt, und 
steigt die Abgabe nicht, wenn die Landrente- steigt, so ist 
nach einem Jahrhundert der Ertrag dieser Abgabe schon 
außer allem Verhältnis mit der wirklichen Landrente und 
mit den Bedürfnissen des Staates. Soll aber die Steuer mit 
der Landrente steigen, so erfordert dies oft wiederholte sehr 
kostspielige Abschätzungen der Güter, und was das Sclilimmste 
ist, die Furcht vor der Erhöhung der Steuer hält die Land- 
wirte von Verbesserungen ab und lähmt die Fortschritte der 
Kultm\ 

In dem isolierten Staat nahmen wir an. daß der Ertrag 
des Bodens unverändert bleibe, und dort konnte die ganze 
Landrente dem Staat angehören, ohne daß dies auf die Kultm- 
des Bodens einen nachteihgen Einfluß hatte. In der Wirk- 
lichkeit findet aber mehr oder weniger ein stetes Streben 
nach einem höheren Ertrag statt, und die Möglichkeit den- 
selben zu erreichen, läßt sich fast überall nachweisen. Die 353 
Verbesserung des Bodens, wodurch ein höherer Erti-ag be- 



— 350 — 

wirkt wird, erfordert aber fast immer bedeutende Kosten^ 
und in manchen Fällen betragen die Zinsen des auf die Ver- 
besserung verwandten Kapitals fast ebensoviel als der Be- 
trag, um welchen der Reinertrag des Gutes gestiegen ist. 

Ist die Melioration von der Art, daß ihre Wirkung nicht 
wieder aufhört, sondern stets fortdauert, so wird auch die 
Landrente des Gutes dadurch für immer erhöht. Dieser 
Zuwachs zur Landrente ist aber in der Entstehung sehr ver- 
schieden von der älteren Landrente; anstatt daß diese ohne 
Mühe und ohne Zutun des Besitzers durch den bloßen Vor- 
zug des Bodens oder der Lage des Gutes entstanden ist, muß 
jener Zuwachs durch die Verwendung eines Kapitals erkauft 
werden. 

Es gibt manche Verbesserungen, die, wenn sie einmal 
gemacht sind, nicht wieder zurückgenommen werden können, 
und die sich der Auflage ebensowenig entziehen können, 
als die ältere Landrente, z. B. die Verbesserung der physischen 
Beschaffenheit des Bodens durch Lehmauffahren, die Ent- 
wässerung von Sümpfen durch Kanäle usw. Insofern als 
die Abgabe diese Werke nicht wieder zerstört, ist sie also 
unschädlich; aber sie wirkt höchst nachteilig dadurch, daß 
sie von ferneren Verbesserungen dieser Art abschreckt und 
zurückbehält. 

Nun gibt es aber wohl keine Verwendung des Kapitals, 
die wohltätiger auf den ganzen Staat wirkte, als die auf 
die Verbesserung des Bodens und auf die Erhöhung der 
Kultur desselben gerichtete: denn wir haben oben gesehen, 
daß, wenn in dem isolierten Staat die Produktion von 8 auf 
10 Körner steigt, dann die Volksmenge in der Stadt um 
ungefähr 50% steigen kann, ohne daß der Getreidepreis 
erhöht zu werden braucht. 
354 Da also die Zunahme eines Staates an Wohlstand, Macht 
und Bevölkerung in unmittelbarer Verbindung mit der Zu- 
nahme der intensiven Kultur des Bodens steht: so ist eine 



— 351 — 

Abgabe vom Boden, die oicht für lauge Zeiträume — min- 
destens für ein Jahrhundert — unverändert bleibt, sondern 
mit der Pacht, die derselbe gibt, steigt und fällt, und so die 
Verbesserung des Bodens mit belastet und diese dadurch 
hindert — unter allen Abgaben vielleicht diejenige, die den 
Wachstum des Staates am meisten hemmt. 



Anhang'. 



355 Bemerkung 1 zu § 7. 

Fruchtfolgen auf dem Gute Tellow, 

A. Zeliüschlägige "Wirtschaft auf dem dem Hofe nahe 
liegenden Teil des Ackers: 

1. Brache gedüngt, 

2. Raps, 

3. Weizen, 

4. Weide, 

5. Hafer, 

6. Kartoffeln, 

7. Erbsen und Bohnen, 

8. Weizen gedüngt, oder Gerste uugedüngt, 

9. Mähklee, 
10. Weide. 

Jeder Schlag ist zirka 7000 DR- groß. 

Im 7ten Schlage wird zu den Bohnen im Frühjahr ge- 
düngt ; wo Erbsen stehen, wird nach Aberntung derselben zum 
Weizen gedüngt. Reicht der Dung nicht aus, so wird der 
ungedüngt bleibende Teil der Erbsenstoppel im folgenden 
Frühjahr mit Gerste besät. 

B. Fünfschlägige Wirtschaft auf dem vom Hofe ent- 
fernter liegenden Acker: 

1. Brache gedüngt, 

2. Roggen und Weizen, 

356 3. Hafer und Gerste, 



— 353 — 



4. Weide, 

5. Weide. 

Jeder Schlag enthält zirka 14600 DK-*: 



Die Verbindung zwischen beiden Rotationen zeigt die 
nachstehende Figur. 



V. w. 











In der zehnschlägigen Wirtschaft wechseln Brache und 
Kartoffeln alle 5 Jahre ihre Stelle, so daß der Schlag Nr. 1, 357 
welcher jetzt Brache ist, nach 5 Jahren Kartoffeln trägt, und 
■der jetzt mit Kartoffeln bestellte Schlag Nr. 6 dann gebracht 
wird. Aus diesem Wechsel geht nun die oben angeführte 
rrachtfolge hervor. 

*) Durch die Besamung" des sandigen Teils des Ackers mit 
Kiefern ist die Ackerfläche, welche früher 160000 QR. betrug, 
jetzt auf 143000 {JR. beschränkt. 

Thünen, Der isolierte Staat. 23 



— 3Ö4 — 

Durch diese beiden Rotationen und ihre Verbindung mit- 
einander wird erreicht: 

1. daß auf dem näheren Acker, wo alle Arbeiten sehr 
bedeutend wohlfeiler zu stehen kommen als auf 
dem entlegenen, eine relativ größere Fläche zum An- 
bau von Früchten, zu welchen geackert und gedüngt 
werden muß, auf dem entfernteren Acker dagegen ein 
relativ größei'er Teil zur Weide benutzt wird; 

2. daß man immer zu der Weide des entfernten Ackers 
gelangen kann, ohne auf dem vorderen Acker Vieh- 
triften liegen zu lassen: 

3. daß ein Fortschreiten der Kultur und des Bodenreich- 
tums keine Abänderung der Fruchtfolge nötig macht, 
indem jeder Zuwachs an Reichtum, in der Ausdehnung 
der 10 schlägigen Wirtschaft auf Kosten der 5 schlägigen, 
eine vorteilhafte Anwendung findet': 

4. daß die dreijährige Weide, die in der Gras- und be- 
sonders in der Dungproduktion gegen die einjährige 
und zweijährige Weide so sehr zurücksteht, wegfällt,. 
und die Wirtschaft — auf gutem Boden — dennoch 
eine bereichernde bleibt. 

Von beiden Rotationen folgen nachstehend die statischen 
Tableaus, in welchen aber zur Vereinfachung der Rechnung 
und der Übersicht jeder Sclüag als nur mit einer Fruchtart 
bestanden angenommen ist. 

Bei der Entwerfung dieser Tableaus habe ich meine zu 
verschiedenen Zeiten seit 36 Jahren aufgefaßten und nieder- 
358 geschriebenen statischen Ansichten nochmals einer Revision 
unterworfen, die Resultate meiner über ein und dasselbe Gut 
geführten Rechnungen aus einer dreißigjährigen Periode zu- 
sammengestellt und diese dann zur Grundlage der für den 
hiesigen Boden und die hiesigen Verhältnisse entworfenen 
Tableaus genommen. 

Auf eine Erläuterung imd Begründung der darin auf- 



— 355 — 

gestellten Sätze — welche ich anfangs beabsichtigte — habe 
ich Verzicht leisten müssen, weil ich fand, daß jede Nach- 
weisung auf eine frühere Untersuchung zurückführte, welche 
eine neue Nachweisung und diese endlich eine Mitteilung 
der Erfalu'ungen und Rechnungen, worauf sie sich gründet, 
nötig gemacht hätte — was mit dem Gegenstand und der 
Tendenz dieser Sclirift sich nicht vereinigen ließ. 



23* 



statisches Tabieau einei 

auf Boden voa 3,4'^ Qualitä 



Frucht folge. 
Jeder Schlag enthält 1000 QR- 




Ertrags- 
Reichtum Fähigkeit für 
Eoggen I 
nach Brache 

Scheffel ' 



Faktor 

der 
Kultur 



1. Eap< . 

2. Weizen 



3. Weide, gegipst 



4. Hafer 

6. Kartoffeln . . . ' 

Gedüngt mit 73,3 Fuder, »3,4° = 
Eeichtum zu Kartoffeln . . 

6. Erhseu 

7. Weizen ........ 



923° 
843" 

721,9» 

755,8° 
673,s° 
249,,« 



Gedüngt mit 54,25 Fuder, ä 3,4° : 
Eeichtum an Weizen . . . 

8. Klee zum Mähen, gegipst 

9. Weide 

10. Brache 

Die Beweidung der Brache gibt ■ -f- 
Die Fruchtfolge liefert 

einen Ersatz von . 183.83 F.Dg. 
Davon sind bereits 

verwandt 73.3-{- 54,25= 127,65 F. 
Zur Bedimgung der 

Brache bleiben . . 56.„.. 



923« 
815,8« 
738,5« 
+ 184,5« 



120 

109,59 


1 



93,85 


- 


98,25 


1 


120 
106.05 




1 



923° 

804,2« 

779,-0 

807,2« 
r. 

^)6 



56,0, Fud. Dg. ä 3,4° sind = 



+ 190„o 



Der '2te Umlauf beginnt mit . . . 
Der Eeichtum hat in einem Umlauf 

zugenommen um 

also jährl. um 8,05«, d. i. um 0,87 «/o 

des anfäiigliclien Eeichtums. 



1003,, 



80,. 



120 

104,55 
101,36 
104.93 



0,S5 



lOschlägigen Wirtschaft, 

und 0,13 Tätigkeit. 





100« Er- 


Ertrag 
der ge- 
gebenen 
Frucht 




1 


Ertrag 


Bereicherung 


Ertragsfähig- 


tragsfähig- 


Aussau- 


Ganze 


von Klee 


des Bodens 


keit im ge- 
gebenen Fall 


keit liefern 
eine Ernte 


gung pr. 
Scheffel 


Aus- 
saugung 


u. Weide 
auf Heu 


durch die 
Weide und 




von 






reduziert 


Brache 


Scheffel 


Scheffel 


Scheffel 


Grad 


Grad 


Zentner 


Grad 


120 


60 


72 


Im" 


800 






104,11 


93,1 
Zentner 


96,0 


1,25» 


121,1° 






— 


174 
Scheffel 






— 


163,3 


33,9« 


98,25 


167 


164,1 


0,5« 


820 






114 


1000 


1140 


0,094 


107,^0 






106,05 


81 


85,9 


0,9« 


77,3« 






102 


93,1 


95 


1,25« 


118,8° 








Zentner 




Zentner 


i 




— 


260 


— 


0,09 


24,5° 


271,8 




— 


131 


— 


— 




132,8 


27,5« 




26 








27,3 


5,0« 



Berechnung des Ersatzes der an 



Die Ernte 
beträgt au 
Korn und 
Kartoffeln 

Scheffel 



1. Raps 

2. Weizen 

3. Weide 

4. Hafer 

5. Kartoffeln (in Schfl. ä 100 jT?.) 

Davon gehen ab : 

1. zur Saat 100 Scheffel 

2. Untermaß 114 „ 

Zur Dungproduktion bleiben 

6. Erbsen 

7. Weizen 

8. Klee zum Mähen 

9. Weide 

10. Brache 

Summe 



72 
96,« 

164,1 
1140 



214 



926 
85,9 
95 



geführten 10 schlägigen Wirtschaft. 



Mit 1 Scheffel 

wird an Stroh 

geerntet 


Die Ernte 

beträgt au 

Stroh 


Faktor 
des Dung- 
werts 


Dunggewinn 
aus Stroh, 
Kartoffelnund 
Heu in Nor- 
mal-Fudern 
ausgedrückt 


Dunggewinn 
aus der Weide 
durch nächtl. 
Einstallung 
des Viehes 


tt 


Zentner 




Fuder 


Fuder 


167 


120 


^)21 


13,20 




190 


184,1 


2,ai 


20,34 




— 


— 


— 


— 


")9Ö 


64.5 


105,s 


2,n 


11,6a 






_ 


0,96 


44,« 




213 


183 


2,ao 


21,0. 




190 


180,5 
Heu 


2,21 


19,95 




— 


271,8 


^,44 


33,ie 




— 


— 





— 


8,10 


— 


— 





— 


1,67 








163,90 


1",73 



183,6 



statisches Tableau einer! 

auf Boden von 3,2*^ 



Fruchtfolge. 
Jeder Schlag enthält 1000 QR- 



Eeich- 
tum 

Grad 



Ertrag-s- 

fähigkeit Faktor 
für Eoggeu der 
nach Brache Kultur 
Scheffel 



1. Roggen 600° 

2. Hafer ÖOO» 

3. einjährige Weide, gegipst 430,3° 

4. zweijährige Weide 454,9" 

5. Brache 468,2" 

Die Beweidung der Brache gibt + 4,4° 

Die Fruchtfolge liefert einen Ersatz von 46,6i 

Fuder Dung ä 3,2° = j + 149,2° 

Der 2te Umlauf beginnt mit 621,8° 

Der Reichtum hat in einem Umlauf zuge- 
nommen um 

also jährlich um 4,3^°, d. i. um 
0,73 pCt. des anfänglichen 
Reichtums. 



21.«° 



100 

83,33 
71.75 



Berechnung des Ersatzes. 


Die Kornernte 
beträgt 

Scheffel 


Mit 1 Scheffel 

wird an Stroh 

geerntet 

Pfund 


1. Roggen 


100 
139,1 


190 


2. Hafer 

3. einjährige Weide 

4. zweijährige Weide 

5. Brache 


64,5 









Sschiägigen Koppelwirtschaft 

Qualität und i;>; Tätigkeit. 





100« Er- 


Ertrag 
der ge- 
gebenen 
Frucht 




Ertrag 


Bereicherung 


Ertragsfähig- 


tragsfähig- 


Aussau- 


Ganze von Klee 


des Bodens 


keit im ge- 


keit liefern 


gung pr. 


Aus- u. Weide 


durch die 


gebenen Fall 


eine Ernte 


Scheffel 


saugung auf Heu 


Weide und 




von 




reduziert 


Brache 


Scheffel 


Scheffel 


Scheffel 


Grad 


Grad | Zentner 


Grad 


100 


100 


100 


10 


100" 






79,16 


175,, 
Zentner 


139,1 


0,5« 


69,5° 






— 


174 


— 





— 


124,s 


24./ 


— 


145 


— 


— 


— 


110,0 


13,3° 




29 








22,6 


4,1« 



Die Strohernte 
beträgt 

Zentner 


Faktor 

des 

Dungwerts 


Dunggewinn 

aus dem Stroh 

in Normal-Fudern 

ausgedrückt 

Fuder 


Dunggewinn aus 
der Weide durch 
nächtliche Ein- 
stallung des Viehes 

Fuder 


190 
89,7 


2 

2,21 


21,0 

9,91 


'^jBl 
6,71 
1,38 






30,01 


15,70 



46, 



— 362 — 

359 Bemerkung 2 zu § 10. 

Auf dem Mittelboden, den wir unseren Untersuchungen 
im isolierten Staat zugrunde gelegt haben , kostet die 
Mürbebrache weniger Arbeit als die Dreeschbrache, weil 

1. die Pflugfurche zum Aufbruch des Dreesches ganz er- 
spart wird; und 

2. weil der sehr beträchtliche Teil des Eggens, w^elcher 
zum Zerreißen der Rasenstücke und zur Trennung der 
Gras- und Kleewurzeln von der Erde erforderlich ist, 
ganz wegfällt. 

Ich habe geglaubt, daß, wenn aus der Erfahrung ent- 
nommene Sätze irgendeine apodiktische Gewißheit haben 
können, der Satz: „die Mürbebrache kostet weniger Arbeit 
als die Dreeschbrache" unter den hier vorausgesetzten Yer- 
hältnissen zu dieser Kategorie gehören müsse. 

Dennoch sind Einwürfe dagegen erhoben, und zwar von 
so bedeutenden Männern, daß ich sie nicht unbeachtet lassen 
darf. 

Die Einwendungen, welche der sei. Staatsrat Thaer in 
seiner Rezension dieser Schrift (Mögl. Annalen B, 19, S. 23) 
gegen diesen Satz erhoben , und die einer meiner Freunde 
bei einer mündlichen Besprechung durch einige andere er- 
gänzt hat, bestehen hauptsächlich in folgenden : 

1. Mit der Bearbeitung der Dreeschbrache kann in der 
Regel erst iiu Juli der Anfang gemacht werden, weil 
das Vieh der Weide zu bedürftig ist; die Bearbeitung 
muß also in kurzer Zeit vollendet werden. 

2. Wenn nach vorangegangener Nässe Dürre eintritt, so 
kann der Pflug in den vom Vieh festgetretenen Boden 
gar nicht eindringen. Die harten Klöße erfordern ein 
weit angestrengteres Eggen als die Dreeschbrache und 
können oft nur durch die Keule bezwungen werden. 



— 363 — 

Zum Weizen bedarf die Mürbebrache einer viermaligen 360 
Bearbeitung, wenn der Acker gut zubereitet werden seil. 

3. Der Sandboden ist in der Dreifelderwirtschaft in der 
Regel sehr verqueckt, und die Vertilgung der Quecken 
erfordert in der Mürbebrache weit mehr Arbeit als in 
der Dreeschbrache, wo die unteren Enden der Quecken- 
wurzeln schon abgestorben sind. 

4. In der Dreifelderwirtschaft umfaßt die Brache den 
dritten Teil des Ackers, und diese Fläche ist im Yer- 
hältnis zu der vorhandenen Anspannung viel zu groß, 
als daß sie in der gegebenen kurzen Zeit gut und 
tüchtig bearbeitet werden könnte. 

Diese Einwendungen sind ohne Zweifel aus der Erfah- 
rung selbst entnommen und verdienen alle Beachtung. 

Hier aber ist der Fragepunkt nur der: ob diese Einwürfe 
auf diejenige Dreifelderwirtschaft, wie sie aus den Suppo- 
sitionen des isolierten Staates hervorgegangen ist, passend 
imd einer Anwendung fähig sind, oder nicht. 

Ich erlaube mir deshalb nachstehende Erwiderungen : 

Ad L Die D. F. W. des isolierten Staates hat 64^/0 
der Ackerfläche zur Weide und kann also nie in die Lage 
kommen, aus Mangel an Weide die Brache erst im Juli auf- 
brechen zu müssen. 

Ad 2. Dies kann sich nur auf Lehm- und Tonboden 
beziehen. In dem isolierten Staat ist aber, um nicht alles 
untereinander zu mengen und dadurch zu verwirren, die 
Untersuchung auf eine einzige Bodenart, den Gersten- oder 
Mittelboden beschränkt, imd dieser Boden wird sehr selten 
und fast niemals auf längere Zeit dem Eindringen des Pfluges 
widerstehen. Was aber auf dem Gerstenboden ausführbar ist, 
hört darum nicht auf für diesen Boden zweckmäßig zu sein, 
weil es auf einem anderen, dem Weizenboden, nicht anwend- 
bar ist. 

Ad 3. Der Sandboden ist zwar mehr zum Yerquecken 361 



— 364 — 

geneigt als die besseren Bodenarten ; aber es ist keineswegs 
ein notwendiges Attribut der D. F. W., den Sandboden in 
einen verqiieckten Zustand zu versetzen, zumal da die gut 
bearbeitete Brache das wirksamste Mittel zur Yertilgung der 
Quecken ist. Die Yerqueckung ist hier in der Regel der nach- 
lässigen Bearbeitung, oder auch der Besömmerung der Brache 
mit Erbsen — also der Abweichung von der reinen D. F. W. 
— zuzuschreiben. 

Da auf dem Sandboden die Grasnarbe selten sehr dicht 
ist, die Graswurzeln sich aber von der daran hängenden Erde 
leicht trennen lassen, so mögen 3 Pflugfurchen für die Dreesch- 
brache hier öfters genügend sein, und die Differenz zwischen 
den Kosten einer Dreesch- und einer Mürbebrache wird dann 
unerheblich. Da aber in dem isolierten Staat nicht vom 
Sand-, sondern vom Mittelboden die Rede ist, so bleibt dies 
auch ganz ohne Einfluß auf die Richtigkeit der dort gefun- 
denen Resultate. 

Ad 4. Wenn in einer Wirtschaft, die bisher so geord- 
net war, daß das Zugvieh während des Sommers gleich- 
mäßig beschäftigt wurde, der Kornertrag durch Verminderung 
des Bodenreichtums sinkt, so bleiben die Bestellungsarbeiten 
dieselben, während die Ernte- und Dungfuhi-en sich mindern. 
Es kann dann nicht mehr mit Nutzen dieselbe Zahl von 
Zugtieren wie früher gehalten werden, und die Folge davon 
ist, daß der Acker nicht zur rechten Zeit und nicht mit der 
gehörigen Sorgfalt bestellt wird. 

In der Wirklichkeit befinden sich viele Dreifelderwirt- 
scliaften, deren Ertrag auf 3 bis 5 Körner herabgesunken ist, 
in dieser Lage. 

Dieses Mißverhältnis zwischen den Ernte- und Bestellungs- 
362 arbeiten, zwischen der Zahl des Zugviehes und der Größe 
des zu bearbeitenden Brachschlages ist aber keineswegs mit 
der D. F. W. notwendig verbunden, sondern entspringt ledig- 
lich aus der unkonsequenten Ausdehnung des Ackers auf Kosten 



— 365 — 

der "Weide und der dadurch bewirkten Erschöpfung des 
Bodens. 

In der normalen D. F. "\V. des isolierten Staates, wo 
der Boden sich auf derselben Stufe des Reichtums wie in 
der Koppelwirtschaft erhält, wo kein Mangel an "Weide vor- 
handen und die Brachbearbeitung gleich nach vollendeter 
Frühjahrssaat beginnt, findet ein solches Mißverhältnis über- 
all nicht statt. 

Fassen wir nun das Ganze zusammen, so beziehen sich 
diese Einwiu'fe teils auf eine andere Bodenart als die, wo- 
von hier die Rede ist, teils auf die entartete, verarmte und 
verwilderte D. F. W., wie sie in der Wirklichkeit zwar häufig 
vorkommt, nach deren Mängeln aber kein Urteil über eine 
konsequent betriebene D. F. W. gefällt werden darf. 

Übrigens kann es dem Landwirt, welcher Koppelwirt- 
schaft betreibt, nicht zweifelhaft sein, ob die Bearbeitung 
des mürben Ackers oder die des Dreeschackers mehr Arbeit 
kostet, da sich ihm bei der Bestellung des Gersten Schlages 
und des Brachschlages in jedem Jahre eine Vergleichung 
darbietet. 

Zu Tellow betrugen im Durchschnitt der 5 Jahre von 
1810—15 die Kosten des Eggens auf 10000 DR. 

a) auf mürbem Acker im Gersten schlag : 

das Eggen der Strekfurche G,5 Tlr. N'-Zs 

„ „ „ Wendfurche 19,4 „ 

„ „ „ Saatfurche 22,4 „ 

Summe" 48,3 Tlr. N^/.-; 

b) in der Dreeschbrache: 363 

das Eggen der Dreeschfurche 17,6 Tlr. N-/3 

„ ,, ,, Brachfurche 24,3 „ 

„ „ „ Wendfurche 21,4 „ 

„ „ „ Saatfurche 26,2 „ 

Summe 89,5 Tlr. N^/a 



— 366 — 

Das Verhältnis zwischen a nnd b ist also wie 48,3:89,5 =; 
100 : 185. 

Da nun die Mürbebrache wie der Gersteschlag nur drei 
Furchen bedarf, so wird sich in bezug auf die Kosten des 
Eggens das Verhältnis zwischen Mürbebrache und Dreesch- 
brache auf queckenfreiem Mittelboden ungefähr ebenso stellen. 

Bemerkung 3 zu § 16. 

In dieser Schrift konnte und durfte nur von einer 
Bodenart, unter gegebenen klimatischen Einflüssen, die Rede 
sein. Der Grad der Nützlichkeit der Brache wird aber gar 
sehr durch Klima und Bodenart bedingt. 

In heißen Klimateu ist die Einwirkung der Sonnen- 
wärme auf die Zersetzung der organischen Stoffe und auf 
die mechanische Zubereitung des Bodens so stark, daß der 
Acker in kurzer Zeit zur Aufnahme der Wintersaat vor- 
bereitet werden kann. Zugleich liegt hier zwischen Ernte 
und Herbstsaat eine lange Zwischenzeit, der Boden kann 
deshalb nach der Ernte noch eine vollständige Bearbeitung 
erhalten, und hier kann die Brache unter Verhältnissen, bei 
welchen sie in kälteren Ländern zweckmäßig ist, mit Nutzen 
abgeschafft werden. 

In sehr kalten Ländern, z. B. im nördlichen Rußland, 
wo die Wirkung der Sonnenwärme so gering ist, und die 
Ernte mit der Herbstsaatzeit zusammenfällt, ist dagegen die 
Brache eine Notwendigkeit. 
364 Aber auch unter demselben Himmelsstrich übt die Be- 
schaffenheit des Bodens auf den Grad der Nützlichkeit der 
Brache einen wesentlichen Einfluß aus. Auf dem sandigen 
Boden ist die Zerkrümelung der Erde leicht, und die Tren- 
nung der Graswnu'zeln von der anhängenden Erde bietet — 
wenn nur keine Quecken vorhanden sind — wenig Schwierig- 
keit dar. Auf dem Tonboden findet aber gerade das Gegen- 
teil statt, und hier kann unter Verhältnissen, die auf dem 



— 367 — 

!XIittelboden die Abschaffung der Brache vorteilhaft machen, 
die Brache dennoch unentbehrlich sein. 

Aber es gibt noch ein anderes wesentliches Moment, 
was zur Abschaffung der Brache auf Sand- und zur Bei- 
behaltung derselben auf strengem Lehm- und Tonboden hin- 
wii'kt — was in dieser Schrift jedoch nur angedeutet, nicht 
ausführlich erörtert werden kann. 

Dung und Humus sind in dem Sandboden mit der Erde 
nur gemengt, in dem Tonboden aber gehen beide eine che- 
mische Verbindung mit der Erde ein. Der Sand ist porös 
und gestattet der Luft freien Zutritt zu den darin befind- 
lichen organischen Resten; der Tonboden dagegegen ballt 
in Kluten (Erdklöße) zusammen, bildet nacli jedem starken 
Eegen eine Kruste und schützt dadurch den Humus gegen 
Verflüchtigung. Zugleich besitzt der Ton, aber nicht der 
Sand, die Fähigkeit, pflauzennährende Gase aus der Atmo- 
sphäre anzuziehen — und aus dieser Verschiedenheit des Ver- 
haltens der Bodenarten gegen die Atmosphäre geht die Ver- 
schiedenheit in der Qualität derselben hervor. Je häufiger 
und sorgfältiger nun der Boden zumal in der heißen Jahres- 
zeit bearbeitet wird, desto stärker wird die Verflüchtigung 
des Humus, um so stärker aber auch die Einsaugung pflanzen- 
nährender Gase auf dem Tonboden; und wenn dieser nicht 
sehr reich an Humus ist, so wird wahrscheinlich die Ver-365 
flüchtigung durch die Einsaugung überwogen — während 
der Sandboden bei der Bearbeitung durch Verflüchtigung 
ärmer an pflanzennährenden Stoffen wird, ohne durch Ein- 
saugung einen Ersatz dafür zu erhalten. 

Die Qualität des Bodens ergibt sich für Wirtschaften 
im beharrenden Zustande aus der Vergleichung der dem 
Acker erteilten Quantität Dung mit der Größe der daraus 
hervorgegangenen Ernten. Da nun von dem Dung um so 
weniger auf die Produktion von Ernten verwandt wird , je 
mehr davon durch Verflüchtigung verloren geht, so wird 



— 368 — 

auch die reine Brache, den obigen Ansichten nach, auf 
Sandboden eine Verminderung, auf Tonboden aber eine Er- 
höhung der Quahtät bewirken. 

In dieser Schrift haben wir den zwischen Sand und 
Ton stehenden Mittelboden vor Augen, auf welcliem bei 
einem Reichtum, der dem Erti'age von 8 Körnern entspricht, 
Einsaugung und A^erflüchtigung sich vielleicht das Gleich- 
gewicht halten. Das für diesen Boden angenommene Ver- 
hältnis der Ernten nach reiner Brache und nach einer Vor- 
frucht, kann also auch nicht normierend sein für andere 
Bodenarten und selbst nicht für denselben Boden unter 
anderen klimatischen Einflüssen. Aber man kann von jedem 
Standpunkt aus ähnliche Schlüsse und Folgerungen aus den 
dort vorliegenden Tatsachen ziehen. 

Nur in der Methode der Untersuchung, nicht in den 
Zahlen, kann Allgemeingültigkeit erstrebt werden. 



Bei einer Beantwortung der Frage : „wo und unter wel- 
chen Verhältnissen ist die Abschaffung der Brache vorteil- 
haft", darf folgendes wichtige Moment nicht außer acht ge- 
lassen werden. 
366 Die Brache gewährt den wesentlichen Vorteil, daß durch 
sie die Gespannarbeiten auf den ganzen Sommer regelmäßig 
verteilt werden. 

AVird die Brache abgeschafft, so müssen alle Dungfuhren 
und Pflugarbeiten in den Frühlings- und Herbstmonaten 
vollbracht werden, und in den Monaten Juni und Juli bleibt 
dann ein Teil der Gespanne unbeschäftigt. Um die Acker- 
arbeiten gut zu vollführen, müssen also mehr Gespanne ge- 
halten werden , als bei einer gleichmäßigen Verteilung der 
Arbeiten nötig gewesen wäre. Dadurch werden aber die 
auf einen Arbeitstag fallenden Kosten sehr bedeutend erhöht, 
und es kommen hier also auch die Ackerarbeiten höher zu 
stehen, als in der Wirtschaft mit reiner Brache, 



— 369 — 

Bemerkung: 4 zu § 18. 

Es gehört nicht zum Wesen der mecklenburgischen 
Koppelwirtschaft — wie man häufig glaubt — drei Halm- 
früchte aufeinander folgen zu lassen; sondern man hat fast 
immer die Erbsen und Kartoffeln in dem '2ten Korn- oder 
sogenannten Gerstenschlag gebaut und hierauf dann Gerste 
oder Hafer genommen. Der Anbau von Kartoffeln und 
Erbsen war ehemals aber sehr beschränkt, und der Teil des 
Ackers, welcher damit nicht bestellt wurde, trug allerdings 
drei Halmfrüchte nacheinander. 

In der neueren Zeit, wo die Schäfereien so sehr ver- 
größert sind, und fast aller Mittelboden, durch Anwendung 
des Mergels und Gipses, zur Produktion der Schotenge- 
wächse tauglich geworden ist, hat sich der Anbau der Erbsen 
imd Kartoffeln gar sehr erweitert, und auf den meisten 
Gütern erstreckt sich die Fruchtfolge mit 3 Halmfrüchten 
nacheinander nur noch auf den kleineren Teil des Feldes. 

Auch hat die Einführung des ßapsbaues zu einem 367 
besseren Fruchtwechsel geführt, und auf mehreren Gütern 
mit reichem, kräftigem Boden und bedeutendem Heugewinn 
nimmt man jetzt: 1. Brache, 2. Raps, 3. Weizen, 4. Pahl- 
korn und Kartoffeln, 5. Roggen und Gerste, denen dann 2 
oder 3 Weideschläge folgen. 

Trotz des besseren Fruchtwechsels trägt eine solche AVirt- 
schaft, solange sie noch reine Brache hält und 2 — 3 jährige 
Weide hat, doch die charakteristischen Merkmale der Koppel- 
wirtschaft an sich und gehört nicht der reinen Fruchtwechsel- 
wirtschaft an. 

In dem isolierten Staat mußten wir, um die Unter- 
suchung zu vereinfachen, auch die einfachste Form der K. W., 
bei welcher jeder Schlag nur mit einer Frucht bestellt wird, 
zu Grunde legen und deshalb die Wirtschaft mit drei 
nacheinander folgenden Halmfrüchten zum Gegenstand der 
Betrachtung Avählen. 

Thüuen, Der isolierte Staat. 24 



— 370 — 

Bemerkung 5 zu § 20. 

Der Inhalt dieses § leidet an mehreren Mängeln, die 
hier aufzudecken und zu erörtern sind, 

I. 

Schwerz gibt in seiner Beschreibung der belgischen 
Wirtschaft (B. 2, S. 396) den Ertrag der Speisekartoffeln in 
Belgien zu 300 Sack pr. Bunder an, welches 115 Berl. 
Scheffel auf 100 DR. beträgt. 

In der Berechnung § 20 habe ich für die Kartoffeln 
auf dem reichen Boden des Kreises der freien Wirtschaft 
denselben Ertrag angenommen, den Schwerz für Belgien 
angibt 

Nun ist dieser hohe Durchschnittsertrag hier auf reichem 
Boden zwar wohl für Viehkartoffeln, aber nicht für die feineu 
Eßkartoffeln, wie sie in großen Städten verlangt werden, 
368 zu erreichen. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, daß die 
Kartoffel, welche in Belgien Speisekartoffel genannt wird, 
eine gröbere Sorte ist, als unsere Eßkartoffel. Die gröberen 
Kartoffelsorteu werden aber in den großen Städten nur von der 
ärmeren Yolksklasse zur Speise verwandt, dann aber nicht zu Vs, 
sondern etwa zu ^U des Roggenpreises pr. Schfl. bezahlt. 
Der Preis der feinen Eßkartoffeln steigt dagegen in den 
großen Städten wohl auf -/s bis ^'2 des Roggen preises. Der 
Ertrag dieser Kartoffelart erreicht aber nur ungefähr -/s des 
angenommenen Ertrags. 

Die Berechnung über den Reinertrag des Kartoffelbaues, 
im Kreise der freien Wirtschaft, bedarf also einer mehr- 
fachen Modifikation. 

II. 
Zur Ausmittlung der durch die Kartoffeln bewirkten 
Bodenerschöpfung gibt es zwei verschiedene Wege. 

a) Man vergleicht den Ertrag der nach Kartoffeln folgenden 



— 371 — 

Frucht mit dem Ertrage, den diese Frucht nach einem 
anderen auf gleichem Boden erbauten Gewächs gibt, 
b) Man beobachtet, welchen Einfluß die Einführung des 
Kartoffelbaues im großen, nach mehreren Umläufen, 
auf die Erhöhung oder Verminderung des Bodenreich- 
tums ausübt. 
In meinen Verhältnissen konnte ich zur Ausmittlung 
der Aussaugungskraft der Kartoffeln nur die Iste Methode 
in Anwendung bringen, und demnach habe ich angenommen, 
daß die Produktion von 8 Scheffel ä 100 tt. Viehkartoffeln 
dem Acker so \iel Dung kostet, als die Produktion von 
1 Scheffel Roggen zu 81 ft.. 

Da aber auch bei gleichem Bodenreichtum der Ertrag 
einer Frucht nach verschiedenen Vorfrüchten sehr ungleich 
sein kann, und da es so schwierig ist, die Einwirkung der 
Vorfrucht (den Faktor der Kultur) von der Einwirkung des 369 
Bodenreichtums zu unterscheiden und zu trennen, so bleibt 
das auf diesem Wege gefundene Resultat immer ein unsicheres. 
Weit sicherer und entschiedener führt die zweite Methode 
zum Ziel. Diese löst zwar das vorliegende Problem nicht 
unmittelbar, sondern gibt — was noch wichtiger ist — uns 
Auskunft darüber, ob die Aussaugung der Kartoffel durch 
den Ersatz, den sie bei ihrer Verwendung gibt, gedeckt oder 
überwogen wird; kann man aber den Ersatz mit einiger 
Genauigkeit bestimmen, so geht hieraus dann auch die Größe 
der Aussaugung hervor. 

Da nun in der Mark Brandenburg schon seit einer 
Reihe von Jahren auf vielen Gütern der Kai'toffelbau in 
einer solchen Ausdehnung betrieben wird, daß ganze Schläge 
der Feldmark mit Kartoffeln bestellt werden : so müssen wir 
auch von dorther die Lösung der wichtigen Aufgabe, wie sich 
die Aussaugung der Kartoffel zu der des Getreides verhält, 
erwarten. 

Nun ist die große Mehrzahl der dortigen Landwirte 

24* 



— 372 — 

entschieden der Ansicht, daß sich der Bodenreichtum ihrer 
Felder seit der Einführimg des Kartoffelbaues im gi-oßen 
bedeutend gehoben hat, und daß dies selbst dann stattgefunden, 
wenn der größte Teil der gebauten Kartoffeln zum Brannt- 
weinbrennen benutzt ist, und das Vieh davon nur die 
Schlempe erhalten hat. 

Da diese Erfahrungen sich schon auf einen längeren Zeit- 
raum erstrecken, so scheint auch obige Aufgabe schon jetzt 
zur Lösung reif zu sein. 

Ehe hierauf aber ein bestimmtes Urteil gegründet -vsärd, 
muß doch zuvor untersucht werden , ob nicht mit der Ein- 
fühi^ung des Kartoffelbaues gleichzeitig andere Meliorationen 
stattgefunden, und ob nicht mit der Verwendung der Kar- 
370 toffeln Umstände verknüpft gewesen sind, die an sich schon 
eine Erhöhung der Kidtur bewirken. 

In dieser Beziehung scheinen mir folgende Momente 
einer näheren Erwägung wert zu sein. 

1. So viel ich weiß, ist in der Mark erst mit oder nach 
der Einführung des ausgedehnten Kartoffelbaues das 
Mergeln der Felder im großen betrieben worden. Die 
Wirkung des Mergels ist aber auf dem dafür geeig- 
neten Boden so enorm, daß dadurch auch ohne Kar- 
toflelbau — wie dies in Mecklenburg der Fall gewesen 
— eine an das Wunderbare grenzende Steigerung der 
Ertragsfähigkeit des Bodens hervorgehen kann. Die 
^^'irkung des Mergels erlöscht aber nur laugsam und 
erst aus der Vergleichung des 4ten Umlaufs mit dem 
öten nach dem Mergeln, bei einer 6 — 7jährigen Ro- 
tation, wird man auf gemergeltem Acker mit Sicherheit 
entnehmen können, ob der Kartoffelbau den Boden be- 
reichert oder nicht. 

2. Eine von meinem Neffen und ehemaligen Schüler, dem 
Herrn Berlin auf Liepen, mir mitgeteilte Ansicht scheint 



— 373 — 

in der vorliegenden Frage eine besondere Berücksich- 
tigung zu verdienen, 

Herr Berlin ist nämlich der Meinung, daß das 
Emporkommen der Grüter in der Mark, welche im 
großen Branntwein aus Kartoifeln brennen, nicht so 
wohl von einer geringen Aussaugung der Kartoffeln, 
als vielmehr von der vortrefflichen Beschaffenheit des 
Dungs von den mit Schlempe gefütterten Schafen 
herrühre — indem derselbe nicht schimmlich werde, 
sondern stets feucht bleibe und dadurch seinen Ammo- 
niakgehalt bewahre. 

Diese Ansicht gewinnt gar sehr an Wahrscheinlich- 
keit durch Sprengeis Untersuchungen , aus welchen 371 
hervorgeht, daß die A^erflüchtigung des Ammoniaks aus 
dem Urin um so geringer ist, je mehr derselbe mit 
Wasser verdünnt wird. 

Diese Fixierung des Ammoniaks im Schafdung wird 
aber nicht allein durch die Verfutterung von Schlempe 
aus Kartoffelbrennereien bewirkt, sondern kann wahr- 
scheinlich auch durch Begießen des Schafduugs mit 
Wasser, durch Überfahren desselben mit Wiesenmoder, 
und nach Liebigs Angabe — deren Bestätigung ich 
sehnlich erwarte — schon durch das bloße Bestreuen 
des Dungs mit Gips erreicht werden. 

Diese wohltätige Wirkung kann also auch nicht 
als den Kartoffeln allein angehörig betrachtet und 
ihnen bei der Bestimmung ihrer Aussaugungslo-aft nicht 
zu gut gerechnet werden. 
3. Mit der Ausdehnung des Kartoffelbaues ist eine gänz- 
liche Änderung in der Zeit der Dungabfuhr verbunden. 
Während sonst der Dung nach der Brache erst in der 
Mitte des Sommers abgefahren wurde, muß derselbe 
zu den Kartoffeln schon am Ende des Winters auf 
das Feld gebracht werden, und das große Quantum 



— 374 — 

düngender Stoffe, was sonst durch die Gärung des 
Dungs auf dem Misthofe verloren ging, wird jetzt dem 
Acker erhalten. 
4. Die durch den Kartoffelbau möglich gewordene bessere 
Fütterung des Viehes kann allein schon den Rein- 
ertrag der Güter sehr bedeutend erhöhen ; und da gut 
genährtes Vieh besseren Dung gibt, zugleich eine Er- 
höhung des Bodenreichtums bewirken. 

Die Einführung des Kleebaues würde aber eine 
ähnliche Wirkung hervorbringen, und diese kann also 
372 auch nicht ausschließlich den Kartoffeln angerechnet 

werden. Nichtsdestoweniger bleibt aber für den 
meistens sandigen, zum Kleebau wenig geeigneten 
Boden der Mark die Kartoffel ein unersetzliches und 
unschätzbares Geschenk. 



Ich muß es nun den rationellen Landwirten in der 
Mark und namentlich in der Gegend von Wrietzen über- 
lassen, den Anteil, den diese Umstände dort an der Erhöhung 
der Bodenkultur haben, von der durch den Kartoffelbau an 
sich bewirkten zu sondern und zu bestimmen. 

Wenn nun auch die Erwägung dieser Umstände dazu 
beitragen dürfte, die jetzt in der Mark vorheiTSchende Mei- 
nung über die Geringfügigkeit der Aussaugung der Kartoffeln 
zu modifizieren, so ist doch andei^erseits der Aufschwung, 
den die märkischen Wirtschaften, w^elche den Kartoffelbau 
im großen betreiben, genommen haben, zu entschieden und 
zu mächtig, als daß die früher fast allgemein herrschende 
Meinung: „die Kartoffel sei eine sehr aussaugende Frucht" 
noch ferner festgehalten und für richtig erkannt werden kann. 

Von einem der größten Güterbesitzer im Preußischen, 
auf dessen Gütern Kartoffolbau und Branntweinbrennerei im 
ausgedehntesten Maß betrieben werden, habe ich auf meine 



— 37") — 

Frage über die Größe der Aussaiigung der Kartoffeln folgende 
Notiz erhalten : 

„Wenn die Hälfte der gebauten Kartoffeln zum Brannt- 
,, weinbrennen benutzt, die andere Hälfte mit dem Vieh 
„verfuttert wird: so wird auf Mittelboden die Aus- 
„saugung der Kartoffeln durch den daraus gewonnenen 
„Dung gedeckt/' 
Wenn man annimmt, daß die Schlempe noch den halben 
Nahrungsgehalt der Kartoffeln, woraus sie hervorgegangen 
ist, besitzt : so würde nach meinen Positionen über den Wert 373 
des aus den Kartoffeln erfolgenden Dungs sich liiernach er- 
geben, daß die Produktion von 10,7 Schfl. Kartoffeln dem 
Acker so viel Dung kostet als die von 1 Schfl. Koggen, 

Da die obige Angabe auf der Basis einer langen und 
vielseitigen Erfahrung beruht und zugleich unter allen An- 
gaben, die ich aus der Mark erhalten habe, in bezug auf die 
Geringfügigkeit der Aussaugung der Kartoffeln die gemäßigste 
ist: so bin ich sehr geneigt, mich derselben anzuschließen, 
und ich nehme jetzt an, daß die Produktion von 1 Scheffel 
Kartoffeln dem Acker 0,094*^ Reichtum kostet. 

HL 

In der im § 20 betrachteten Wirtschaft A, welche l^'i 
Kleeschläge mit einem Kartoffelschlag verbindet und sich ohne 
Dungankauf in gleichem Bodenreichtum erhält, ist die Rente, 
die der Kleebau gewährt, nach den Daten, die Schwerz über 
die Nutzung des Klees in Belgien liefert, berechnet. 

Nun leidet es aber keinen Zweifel, daß die Milchvieh- 
nutzung im Kreise der freien Wirtschaft durch den Verkauf 
der frischen Milch weit höher ist, als in Belgien durch den 
Verkauf der Buttei', worauf sich die Schwerzschen Angaben 
beziehen. Es muß also auch die Rente, die der Kleebau 
gewährt, in dem Kreise der freien Wirtschaft bedeutend 



— 37G — 

höher sein, als in der hier zu Grunde gelegten belgischen 

Wirtschaft. 

Bezeichnen wir diesen Mehrbetrag der aus dem Kleebau 

hervorgehenden Rente mit „R", so wird die Landrente der 

.... , , „, , 1695 - 182 ,sx 1695 - 18 2,sx , ^ 

Wirtschaft A von rö?r~i auf ^^o i — h R 

182 -\- X 182 -f- X ' 

erhöht. 
374 Aus der Gleichstellung der Landrente der beiden Wirt- 
schaften A und B ergibt sich dann die Größe von a, oder 

der Wert eines Fuders Dung = — ^nr^s— f — ~-- -f- otjtvtt 

löjj -f- X dbUO 

"L> 

Für X = ist dann a = 5,4 Taler -^ o^aä 

' ' doUU 

_ 1 - A . ^ 

X - 1 „ „ a _ 4,2 ., — gg^jQ 

Es gellt hieraus hervor, daß so weit der Klee durch den 
Milchverkauf höher verwertet wird, als durch den Butter- 
verkauf, a oder der Wert eines Fuders Dung niedriger sein 
muß, als im § 2U berechnet worden. 

Hiernach sinkt der Wert von a um so tiefer, je höher 

der Wert von R steigt, und wird sogar = 0, wenn 

R 980 — 206,6x . , ^.. ... 

53^=^ = -,00 I wird, iur x = 1 ist dann 

3600 182 -\- X 

T^ = 4,2 Tlr. und R = 15 120 Tlr. 
obOO 

Wenn es überhaupt möglich wäre, daß R einen so hohen 
Wert erreicht, so könnte dies doch immer nur in der nächsten 
Umgebung der Stadt, mit Ausschluß der Gärten, der 
Fall sein. 

Interessant ist diese Formel aber dadurch, daß es an ihr 
sichtbar wird, wie der Kauf wert des Dungs von der Diffe- 
renz zwischen der aus dem Ackerbau und aus der Viehzucht 
hervorgehenden Rente abhängig ist. 



— 377 — 

Die Hebung der hier gerügten Mängel durch Um- 
arbeitung dieses § würde sehr zeitraubend und mühsam, aber 
doch nicht lohnend gewesen sein. Denn einesteils ver- 
mag ich jetzt so wenig als früher den Wert von R in 
Zahlen anzugeben, und anderenteils bleibt die Methode 
der Untersuchung, namentlich bei Ausmittlung des Dung- 
werts, unverändert und behält ihren Wert, mit welchen 
Zahlen die Rechnung auch geführt werden mag. 
Was nun das Ergebnis der Untersuchung, 
daß der Bau der Kartoffeln zum Zwecke der Versor- 
gung der Stadt mit dieser Frucht in der Nähe der 
Stadt und vor dem Kreise der Forstwirtschaft ge- 
schehen müsse, 
betrifft: so bleibt dies jedenfalls unverändert fest stehen. 375 



Bemerkung 6 zu § 26. 

Der hier vorgelegte Milch- und Butterertrag der Kühe 
zu T. in den Jahren 1810 — 15 ist allerdings nur geringe, 
steht aber dem Ertrage der besseren mecklenburgischen 
HoUändereien in jener Zeit nicht nach, und gibt ein Bild 
des damaligen Betriebes und Zustandes der Milchviehwirt- 
schaft in Mecklenburg. 

In der späteren Zeit ist aber den Kühen zu T. , sowie 
fast überall in Mecklenburg, eine reichlichere Weide und ein 
kräftigeres Winterfutter zuteil geworden, und der Milch- 
ertrag der Kühe ist dadurch bedeutend erhöht. 

Die umfassendste und vollständigste Übersicht des 
Ertrags einer mecklenburgischen HoUänderei aus der neueren 
Zeit hat mein Freund und ehemaliger Schüler, Herr S t a u - 
d i n g e r zu Ur. Wüstenfelde uns in den Mecklenb. Annalen, 
Jahrg. 20, S. 1, mitgeteilt. 

Das Resultat dieser Mitteilung ist, daß in den 6 Jahren 



— 378 — 

von 1827 — 33 in einer Holländerei von 104 Kühen eine 
Kuh durchschnittUch im Jahr 1635 Pott Milcli und an 
Butter 97,2 it. Hamb. Gewicht, ä it. 32 Lot gegeben hat. 
Zu T. haben in den 4 Jahren von 1832—36 die Kühe 
im Diu-chschnitt jährlich 1826 Pott Milch gegeben. 
376 Bei diesem Milchertrage von Kühen, die im lebenden 
Zustande ein Gewicht von 500 — 550 it. haben, kommen auf 
100 U. Körpergewicht mindestens 20 it. Butterertrag im Jahr. 
Nimmt man das Verhältnis des Körpergewichts der 
Kühe zu ihrem Butterertrage zum Maßstabe und vergleicht 
dann mit dem angeführten Ertrage die wenigen glaubwür- 
digen, auf wirklichen Messungen und Wiegungen in einer 
Reihe von Jahren beruhenden Angaben, welche wir über 
den Milch- und Butterertrag der Kühe in anderen Ländern 
überhaupt nur besitzen: so erscheint der jetzige Ertrag der 
Kühe in Mecklenburg eher hoch als niedrig. Da es nicht 
zu leugnen ist, daß ein noch mehr verbessertes Winterfutter 
den Milchertrag der Kühe noch bedeutend erhöhen — und 
sich wahrscheinlich auch gut bezahlt machen würde — so 
kann dieser verhältnismäßig hohe Ertrag wohl nur der Yor- 
züglichkeit der mecklenburgischen Koppelweiden beigemessen 
werden. 

Bemerkung 7 zu § 26. 

Selbst mein hochverehrter Lehrer, der selige Staatsrat 
Thaer, hat in seiner nach dem ersten — wie er selbst sich 
ausdrückt — gespannten Durchlesen entworfenen Kritik dieser 
Schrift, es nicht erkannt, daß hier ein für die Verhältnisse 
des isolierten Staates allgemein gültiges Gesetz gefunden ist. 

Aus diesem Nichterkennen entspringt aber der größte 
Teil der Einwürfe und Ausstellungen, die derselbe gegen 
den geringen Reinertrag der Viehzucht und gegen die Nicht- 
anwendbarkeit der Fr acht Wechselwirtschaft in dem iaolierten 



— 379 — 

Staat erhoben hat — weshalb ich diese auch nicht weiter 
zu erörtern brauche. 

Im übrigen habe ich mehrere Erinnerungen dieses großen 377 
Mannes, der von meiner Jugend an bis zu seinem Tode 
mein Lehrer geblieben ist, und der auf meine ganze land- 
wirtschaftliche Richtung und Ausbildung den entschiedensten 
Einfluß ausgeübt hat — bei der Ausarbeitung dieser zweiten 
Auflage dankbar benutzt. 

Bemerkuug S zu § 27. 

Im § 6 sind die animalischen Erzeugnisse ihrem Wert 
nach auf Roggen reduziert, und die Einnahme dafür ist in 
Scheffel Roggen ausgesprochen. 

Für einen gegebenen Standpunkt ist dies Verfahren 
allerdings erlaubt; bei der Übertragung dieses Wert Verhält- 
nisses zwischen Roggen und animalischen Produkten auf 
andere Gegenden des isolierten Staats entsteht aber eine 
Ungleichheit, weil die Transportkosten der Butter, Wolle 
usw. im Verhältnis ihres Wertes zum Roggen geringer sind 
als die des Getreides. 

Es entsteht nun die Frage, wie groß die aus dieser 
Berechnungsweise hervorgehende Differenz ist, und ob nicht 
durch eine Änderung des Teils der Ausgabe, welcher in 
Geld ausgedrückt wird, diese Differenz sich ausgleichen läßt. 

Um dies an einem Beispiel für einen gegebenen Fall 
zu ermitteln, müssen für das Getreide und für die Vieh- 
produkte sowohl Einnahme als Transportkosten besonders 
berechnet werden. 

Mit Verzichtung auf die letzte Genauigkeit — worauf 
es in diesem Beispiel nicht ankommt — nehme ich an, daß 
die Transportkosten für das Getreide pr. Meile ^/so, für die 
Viehprodukte aber i/i5o des Verkaufspreises betragen. 



— SSO — 

378 Nun sei auf einem gegebenen Gute 

Roggen Geld 
Schfl. Tir. 

der gesamte Korn ertrag = 6000 — 

die Einnahme aus dem Yieh — 2400 

Summe der Einnahme 6000 2400 
Die Geldausgabe betrage nach Abzug 
dessen, was die Tagelöhner, Handwerker 
usw., welche für den Betrieb des Gutes 
arbeiten, für das benötigte Korn zurück- 
zahlen — 2250 

Die Ausgabe an Korn in natura, inkl. des 
soeben erwähnten an die Tagelöhner 
usw. verabreichten Korns, betrage . . 3600 — 

Summe der Ausgabe 3600 2250 

Überschuß 2400 15Ö 

Für einen Standpunkt, wo der Wert des 
Scheffel Roggens auf dem Gute selbst 
1,25 Tlr. beträgt, haben 2400 Schfl. 

Roggen einen Wert von — 3000 

Der Reinertrag ist also — 3150 

AVie ändert sich nun der Reinertrag, wenn dieses Gut 
weiter entfernt vom Marktplatz liegt? 

a) Bei 10 Meilen größerer Entfernung: 

Der Wert des Roggens fällt dann um 10 X ^''^o = ^5, 
also von 1,25 Tlr. auf 1 Tlr. pr. Schfl.; die Einnahme für 
Yiehprodukte aber sinkt um 10 X ^'iso = ^ i5. 
Die Einnahme beträgt alsdann 

für 2400 Schfl. Roggen ä 1 Tlr 2400 Tlr. 

für Yiehprodukte 2400 X ^^15 = . . . . . . 2240 _„ 

Summe 4640"Tlr. 
Die Ausga be bleibt 225 „ 
Der Reinertrag ist 239ÖrfIr. 



— 381 — 

b) Bei 20 Meilen größerer Entfernung beträgt die Einnahme 379 

für 2400 Schfl. Roggen ä 0,75 Tlr 1800 Tlr. 

für Yiehprodukte 2400 X ^^/is = • • . • • 2080 „ 

Einnahme 3880 Tlr. 
Ausgabe 2250 „ 
bleibt Reinertrag 1630 Tlr. 

c) Bei 30 Meilen größerer Entfernung beträgt die Einnahme 

für 2400 Schfl. Roggen a 0,5o Tlr 1200 Tlr. 

für Yiehprodukte 2400 X ^-/i5 = . . . . . 1 920 „ 

Einnahme 3120 Tlr. 
Ausgabe 2250 „ 
bleibt Reinertrag 870 Tlr. 
Der Reinertrag fällt also mit der zunehmenden Ent- 
fernung von 10 Meilen, oder mit der Abnahme des Roggen- 
wertes von 0,25 Tlr. regelmäßig um 760 Tlr. 

Yergleichung mit der in dieser Schrift 

befolgten Methode. 

Roggen Geld 
Schfl. Tlr. 

Reduziert man die Einnahme für Yieh- 
produkte auf Roggen, so ist — für den 
Standpunkt, wo der Scheffel Roggen 
1^/4 Tlr. gilt — die Einnahme von 
2400 Tlr. für Yiehprodukte im Wert = 

2400 



1920 



1,25 

Die Gesamteinnahme in Korn ausgedrückt 

ist alsdann 6000 + 1920 = . . . . 7920 — 

Die Gesamtausgabe beträgt: 

an Korn 3600 Schfl. Roggen u 1,25 Tlr. — 4500 

an Geld . — 2250 

Summe — 6750 



— 382 — 

Roggen Geld 
Schfl. Tlr. 

380 Drückt man von dieser Geldausgabe ^/'4, 
also 5062, in Roggen aus, so sind diese 

-^ — = 40o0 — 

1,25 

In Geld bleibt ausgedrückt 6750 X 0,25 = — 1688 

Die Gesamt ein nähme beträgt 7920 — 

die Ausgabe . 4050 + 1688 

bleibt 3870 ~ 1688 
Beim Preise von 1,25 Tlr. für den Schfl. 
Roggen haben 3870 Schfl. einen Wert 

von 3870 X 1,25 = — 4838 

Hiervon ab die Ausgabe . • — 1688 

bleibt Reinertrag — 3150 

Wie ändert sich nun bei dieser Berechnungsweise der 
Reinertrag des Gutes mit der größeren Entfernung vom 
Marktplatz ? 

a) Bei 10 Meilen größerer Eotfernung: 

Der Wert des Roggens ist daselbst 1 Tlr. pr. Schefi'el. 
Die Einnahme beträgt alsdann für 3870 Scheffel Roggen 

a 1 Tlr 3870 Tlr. 

Die Ausgabe bleibt unverändert 1688 „ 

Reinertrag des Gutes 2182 Tlr. 

b) Bei 20 Meilen größerer Entfernung: 
Einnahme für 3870 Schfl. Roggen ä 0,75 Tlr. 2902,50 Tlr. 
Ausgabe 1688 „ 

ReinertragT214,50 TlF. 

c) Bei 30 Meilen größerer Entfernung: 
Einnahme für 3870 Schfl. Roggen ä 0,50 Tlr. . . 1935 Tlr. 
Ausgabe . 1688 „ 

Reinertrag 247 Tlr. 



— 383 — 

Mit 10 Meilen größerer Entfernung fäUt also nach dieser 381 

Methode der Reinertrag um 967,öo Tlr. 

Xach der Isten Methode betrug diese Abnahme nur 760 „ 

Hier zeigt sich also die Abnahme des Reinertrags, bei 
steigender Entfernung vom Marktplatz, bedeutend größer als 
nach der ersteren Berechnungsweise. 

Bei der in dieser Schrift angewandten Methode findet 
aber ebenfalls ein geringeres Sinken des Reinertrags statt, 
wenn der in Geld ausgedrückte Teil der Ausgabe kleiner 
angenommen wird, als hier geschehen ist — und dies führt 
auf den Gedanken, ob für die Geldquote nicht eine Zahl zu 
finden ist, bei welcher beide Methoden ein übereinstimmen- 
des Resultat liefern. 

Demnach betrage der in Geld auszudrückende Teil ^/x 
der ganzen Ausgabe. 

In Korn angegeben, beträgt die gesamte Ausgabe 3600 -\- 

2250 

"-pr^ = 5400 Scheffel Roggen. 

Hiervon beträgt der ^ x Teil Scheffel Roggen, 

und dieser Teil, in Geld ausgedrückt, beträgt bei dem Preise 
von 1,25 Tlr. pr. Scheffel ^ Taler. 

Von der Ausgabe bleiben alsdann in Korn anzugeben 
5400 _ ^ =. 5400 (^] Scheffel. 

Der Rohertrag ist 6000 + 1920 = 7920 Scheffel. 

/x — 1\ 5400 

Die Ausgabe beträgt 5400 (-^j Schfl. + -^ Tlr. 



Der Reinertrag ist also 

7920 Schfl. -^ 5400 f^^l Schfl. -f- ^ Tlr. 



— 384 — 

382 Hiernach ist der Reinertrag 

a) bei dem Preise von I.25 Tlr. pr. ScM. 

= 9900 Tlr. - 6750 (^) Tlr. - ^ Tlr. 

b) bei dem Preise von 1 Tk. pr. ScM. 

= 7920 Tlr. - 5400 (^) Tlr. - ^ Tlr. 



Differenz = 1980 Tlr. — 1350 1^^ 1 Tlr. 

Nach dem Ergebnis der ersten Methode ist der Unter- 
schied = 760 Tlr. 

Die beiden für den Unterschied gefundenen Ausdrücke 
gleichgesetzt, gibt 

1980 — 1350 l^^] = 760 



1220 = 1350 [^^) 



1220 X = 1350 X — 1350 



130 X = 1350 



X = 10,4 

.- • 5400 

Für X = 10,4 ist = o20. 

' X 

Der in Geld auszudrückende Teil der Ausgabe beträgt 
also 520 Scheffel ä 1,25 Tlr = 650 Tlr. 

Der in Korn anzugebende Teil der 
Ausgabe ist 5400 — 520 . . . = 4880 Sclifl. 

Der Rohertrag ist 7920 „ 

Die Ausgabe beträgt .... 4880 „ + 650 Th-. 

Der Reinertrag ist also . . . 3040 Schfl. -^ 650 Tlr. 

Anwendung dieser Formel bei Berechnung des 
Reinertrags des Guts in verschiedenen Ent- 
fernungen vom Marktplatz, 
a) Für den gewälilten Standpunkt, 

Einnahme: 3040 Schfl. Roggen a I-0 Tlr. = 3800 Tlr. 

Ausgabe 650 ,, 

Reinertrag 3 150^1r. 



— 385 — 

b) Für 10 Meilen größere Entfernung vom ^larkt- 383 
platz, 

Einnahme: 3040 Sehfl. ä 1 Tlr. = . . . . 3040 Tlr. 

Ausgabe 650 „ 

Reinertrag 2390 Tlr. 

c) Für 20 Meilen größere Entfernung, 

Einnahme: 3040 Schfl. ä Ojö Tlr. = . . . 2280 Tlr. 

Ausgabe 650 „ 

Reinertrag 1630 Tlr. 
(1) Für 30 Meilen größere Entfernung, 

Einnahme: 3040 Schfl. ä 0,5o Tlr. = . . . 1520 Tlr. 

Ausgabe 650 „ 

Reinertrag 870 Tlr. 

Wir erhalten also genau dieselben Resultate, welche die 
erste Methode geliefert hat. 

Wir ersehen hieraus, daß, obgleich Getreide und Yieh- 
produkte ihren Wert mit der zunehmenden Entfernung vom 
Marktplatz nicht auf gleiche Weise ändern, dennoch die Re- 
duktion der Yiehprodukte auf Roggen ziüässig sein und 
richtige Resultate liefern kann, weil sich die aus dieser 
Reduktion entspringende Ungleichheit durch eine Änderung 
des in Geld auszudrückenden Teils der Ausgabe wieder aus- 
gleichen läßt. 

Einen je größeren Teil der Gesamteinnahme der Ertrag 
aus der Viehzucht ausmacht, um desto kleiner muß bei der 
Anwendung dieser Methode der in Geld auszudrückende 
Teil der Ausgabe angenommen werden. 



Thünen, Der isolierte Staat. 25 



384 Erklärungen und Beinerkungeii 

zu den nachfolgenden 
bildlichen Darstellung-en des isolierten Staats. 



Diese, von einem meiner Freunde gezeichneten bild- 
lichen Darstellungen sind zwar zum Verständnis der in dieser 
Schrift abgehandelten Gegenstände nicht notwendig, und ich 
habe mich auch nirgends darauf bezogen, aber sie gewähren 
einen leichten und bequemen Überblick der aus unseren 
Untersuchungen hervorgegangenen Resultate, und ich glaube 
deshalb, daß sie dem Leser, der diese Schrift mit Auf- 
merksamkeit gelesen hat, nicht unwillkommen sein werden. 

Zugleich geben sie Gelegenheit, einige Bemerkungen, 
die in der Schrift selbst, ohne den Zusammenhang zu unter- 
brechen, keinen Platz fanden, mitzuteilen. 

Ad Tafel L 

Diese Tafel stellt den isolierten Staat in der Gestalt 
dar, die derselbe nach den im ersten Abschnitt dieser Schrift 
gemachten Voraussetzungen und daraus gezogenen Folge- 
rungen gewinnen muß. 

Nach § 26 dehnt sich der Kreis der Viehzucht bis auf 
50 Meilen von der Stadt aus ; hier ist derselbe, um den Raum 
zu ersparen, nur bis 40 Meilen von der Stadt gezeichnet. 



587 



Fre.e- 
Wirlschaft. 



Forst- Fruchtwechsel - 

Wirtschaft. Wirtschaft. 



Koppel - 
Wirtschaft. 



Dreifelder- Viehzucht. 

Wirtschaft. 



FafeiT 




S U n 20 



25* 



Auf dieser Tafel, sowie auf allen folgenden Tafeln, ist nur 
die eine Hälfte der sich um die Stadt bildenden Kreise ver- 
zeichnet, weil die andere Hälfte dieser nicht bloß ähnlich, 
sonderen vollkommen gleich ist, und man sich dieselbe leicht 
hinzudenken kann. 

385 Ad Tafel IL 

Diese Tafel stellt die Gestalt des isolierten Staats dar, 
wenn derselbe von einem schiffbaren Fluß durchströmt wird. 

Bei dieser Darstellung liegt die Voraussetzung zu 
Grunde, daß die Schiffsfi'acht ^/lo der Landfracht beträgt. 

Die Fruchtwechsel Wirtschaft , welche auf der ersten 
Tafel nur einen schmalen Streifen einnimmt, erweitert sich 
hier uugemein und erstreckt sich längs des Flusses bis an 
die Grenze des Staats. Dagegen weicht der Kreis der Vieh- 
zucht zurück und verschwindet in der Nähe des Flusses 
gänzlich. 

Eine ähnliche Wirkung, w^enn gleich im minderen Maße, 
bringt die Anlegung einer Kunststraße hervor. Werden diese 
Kunststraßen nach allen Gegenden der Ebene gezogen, so 
erweitern sich alle Kreise mit höherer Bodenkultur, aber sie 
behalten dann die regelmäßige Form wie auf Tafel I. 

Der nicht schraffierte Streifen bezeichnet das Gebiet 
einer kleinen Stadt. Unter Gebiet der Stadt wird nach 
§ 28 die Landfläche, welche die kleine Stadt mit Lebens- 
mitteln versorgt und welche nichts nach der Hauptstadt liefert, 
verstanden. 

AVir können uns diese kleine Stadt mit ihrem Gebiet 
auch als einen eigenen unabhängigen Staat denken. In 
einem solchen kleinen Staat ist aber, wie wir im § 28 ge- 
zeigt haben, der Getreidepreis von dem Preise in der Zentral- 
stadt ganz und gar abhängig. 

In einem ähnlichen Verhältnis, wie die Nebenstaaten 
zu der Zentralstadt, stehen die europäischen Staaten zu dem 



— 389 



Forst - 
Wirtschaft 



Frucht wechsel- 
Wirlschatt 



Koppel- 
Wirtschaft 



Drsifelder- 
Wirtschaft 



Tafel U 




-H-t-H \ r 



10 IS 20 



— 390 — 

reichen Staat, der den höchsten Getreidepreis zahlen kann, 
zu England und namentlich zu dessen Hauptstadt, London. 
Auch in diesen europäischen Staaten wird, selbst dann, 
wenn sie weder Korn einführen, noch ausführen, der Ge- 
treidepreis durch den Weltmarkt von London beherrscht, 
386 und wenn dieser Markt geschlossen wird, sinkt der Preis 
des Getreides durch ganz Europa. 

Ad Tafel IIL 

Hier ist der Ertrag des Bodens zu 10 Köruern, der 
]\Iittelpreis des Getreides in der Stadt selbst aber verschieden, 
von 1,5 Tlr. für den Scheffel Roggen bis zu 0,g Tlr. her- 
unter, angenommen. 

Diese Tafel zeigt bildlich, welchen Einfluß der Getreide- 
preis in der Stadt selbst auf die Ausdehnung der kultivierten 
Ebene ausübt. Auf dieser Tafel ist aber nur der Halbmesser 
der kultivierten Ebene und der einzelnen konzentrischen 
Kreise angegeben. Will man hiernach für einen gegebenen 
Getreidepreis, z. B. für 1,05 Tlr., eine ähnliche Darstellung 
wie auf Tafel 1 von dem isolierten Staat entwerfen, so muß 
man mit einem Zirkel die Entfernung von der Stadt bis zu 
dem Punkt, wo 1,05 Tlr. steht, messen und mit diesem Halb- 
messer einen Kreis um die Stadt ziehen. 

Auf gleiche Weise verfährt man bei der Aufzeichnung 
der einzelnen konzentrischen Kreise, deren Halbmesser auf 
der von der Stadt nach dem Punkt „1,05 Tlr." gezogenen 
geraden Linie zu messen ist. 

Da in der vorliegenden Schrift des Einflusses, den die 
veränderten Mittelpreise in der Stadt selbst auf die Ebene 
des isolierten Staats haben, gar nicht erwähnt ist, so ist es 
notwendig, hier die Formel mitzuteilen, nach welcher die 
Dimensionen auf dieser Tafel berechnet sind. 

Wenn man den Preis des Roggens in der Stadt zu 
a Tlr. und auf dem Lande zu b Tlr. pr. Schfl, annimmt und 



— 391 — 

ebenso verfälirt wie im § 4 für den Mittelpreis von 1^/2 Tlr. : 
so ergibt sich der Wert eines Scheffels Roggen auf dem Lande 

, , (12000— 150 x) a— 136,92 X 
oder b = 12-000 + 65,8sx 5 ^87 

oder abgekürzt: b = -. ^^ ■ ; — ^^^— ^ 

TT- f 1 . 1 182 (a - b) • 

Hieraus folgt dann x = ^ j — , , ,-. 

° 2,3 a -|- b -|- 2,1 

Nun wird nach § 14 die Landrente der Dreifelderwirt- 
schaft bei dem Ertrage von 10 Körnern = 0, wenn der 
, Schfl. Roggen einen Wert von 0,3s Tlr. (genauer 0,3si Tlr.) 
auf dem Lande hat. Um die Grrenze des Kreises der D. W. 
zu finden, muß also b zu 0,38 Taler angenommen werden. 

Setzen wir nun für a nacheinander die Werte von 1,5, 
1,35, 1,20 u. s. f., so finden wir nach obiger Formel den Wert 
von X für jede verschiedene Glröße von a. 

Es ergibt sich hieraus, daß 
bei dem Mittelpreise der Halbmesser der kultivierten 

Ebene beträgt 

von 1,50 Taler 34,7 Meilen 

1^35 „ 31,7 „ 

1,20 „ 28,G „ 

1,05 „ 25,0 „ 

0,i»o „ 20,0 „ 

0,^5 „ 16,1 ., 

0,60 „ 10,1 „ 

Nach § 14 scheiden sich die Kreise der Koppel- und 
der Dreifelderwirtschaft in der Gegend, wo der Schfl. Roggen 
0,51 Tlr. (genauer 0,5i6 Tlr.) gilt. Setzt man nun b = 0,5i, 
so ergibt sich durch eine ähnliche Berechnung die Grenze 
der Koppelwirtschaft für die verschiedenen Werte von a, 
oder für die verschiedenen Mittelpreise in der Hauptstadt. 

Mit der Größe der kultivierten Ebene und der Summe 388 



— 392 — 

der erzeugten Lebensmittel steht notwendig die Volksmenge 
in der Stadt im genauesten A'erhältnis , so daß jede Ver- 
engung der kultivierten Ebene auch eine Verminderung der 
Größe der Stadt zur Folge hat. 

Die Größe des Kreises der freien Wirtschaft, so\de die 
der Forstwirtschaft, steht in dh'ektem Verhältnis mit der 
Größe der Stadt und also auch mit der der kultivierten Ebene. 
Für die Fruchtwechselwirtschaft — - wovon hier aber auch 
dasjenige gilt, was im § 21 darüber gesagt worden — ist 
bei dem Preise von 1^:2 Tlr. eine Ausdehnung von 9,4 Meilen 
angenommen; mit den lallenden Preisen nimmt diese Aus- 
dehnung rasch ab und wird schon bei dem Preise von 
0,!. Tlr. = 0. 

Nimmt man den Kreis der Koppel- und den der Frucht- 
wechselwirtschaft zusammen, so haben diese Kreise 

bei dem Preise eine Ausdehnung macht vom Halbmesser 

der Ebene 
von 1,50 Th\ von 21.4 Meüen = 62 »'o 
1,05 „ 13,4 „ = 54 „ 

0,Go „ l.ß „ = 15 „ 

Der Kreis der Dreifelderwirtschaft hat 
bei dem Preise eine Ausdehnung macht vom Halbmesser 

der Ebene 
von l,:,ü Tlr. von 4,5 Meilen = 13 °,'o 

1,05 „ 5,4 „ = 21 „ 

0,60 ,, 6,2 „ = 60 „ 

Es zeigt sich hier dem Auge, wie die Abnahme der 
Getreidepreise nicht bloß eine Verengung der kultivierten 
Ebene (in der AVirkliclLlceit ein Zurückziehen der Kultur von 
den schlechteren Bodenarten), sondern gleichzeitig auch eiue 
Abnahme der intensiven Kultur des Bodens bewirkt. 
389 Wenn man den Flächeninhalt, den die kidtivierte Ebene 



— 303 — 

bei dem Preise von 1^/2 Tli-. hat, gleich lOC'O setzt, so ist 
Dach den Dimeusionen auf dieser Tafel 

bei dem Preise der Flächeninhalt der Ebene 

von 1,35 Th' 844 

1,20 „ 687 

1,03 „ 525 

0,?o \ 367 

0,75 , 217 

Mit Ausnahme der letzten Zahl zeigt sich in der den 
Flächeninhalt bezeichnenden abnehmenden Reihe eine ge- 
wisse Regelmäßigkeit, indem sich der Flächeninhalt beinahe 
■wie das Quadrat der Getreidepreise verhält. 



Wenn wir annehmen, 

1. daß von allem zum Yerkauf nach der Stadt gebrachten 
Korn eine Abgabe entrichtet wird; 

2. daß der Getreidepreis in der Stadt selbst unverändert, 
nämlich stets 1^/2 Tlr. für den Schfl. Roggen blei1)t; 

so hat dies für den Landwirt eben die Folge, als wenn der 
Getreidepreis gesunken wäre, und diese 3te Tafel dient dann 
zugleich, ein anschauliches Bild von der AVirkung dieser 
Abgabe zu geben. 

Wird z. B. eine Abgabe — sei es, daß diese als Ein- 
gangszoll oder als Mahlsleuer erhoben wird — von 0,3 Tlr. 
für den Schfl. Roggen eingeführt, so erhält der Landwirt 
nur noch den Preis von 1,2 Tlr. für den Schfl., und die 
kultivierte Ebene verengt sich dann von 34,7 bis zu 28,i; 
Meilen. 

Denken wir uns eine fortgesetzte Steigerung der Abgabe, 
so bewirkt dies eine stete Abnahme der Ausdehnung der 
kultivierten Ebene ; steigt die Auflage bis zu 0.;t Tlr. pr. 
Schfl., so bleibt der Halbmesser dieser Ebene nur noch 
10,4 Meilen, und bei noch mehr erhöhter Abgabe muß endlich 390 



— 394 



der ganze Staat verschwiaden. Es zeigt sieh hier anschau- 
lieh, wie durch hohe Abgaben ein fruchtbarer Boden in eine 
Wüste verwandelt werden kann. 

Da nun einerseits bei der äußersten Höhe der Abgabe 
kein Objekt zur Besteuerung mehr übrig bleibt, und die 
Staatskasse dann keine Einnahme mehr hat ; und da anderer- 
seits, wenn gar keine Abgabe erhoben wird, der Staat zwar 
die größte Ausdehnung erhält, die Staatskasse aber ebenfalls 
ohne Einnahme bleibt: so muß es einen Punkt geben, bei 
welchem die Abgabe das Maximum des Ertrags liefert, und 
es fragt sich, bei welcher Höhe der Abgabe dieses Maximum 
in dem vorliegenden Fall stattfindet. 



Wenn die Ab- 
gabe beträgt 



pr.Schfl.O Tlr. 
0,15 ,, 
0,30 „ 
0,45 „ 
0,60 „ 
0,75 „ 



so ist der Flächen- 
inhalt der kultivier- 
ten Ebene 

. lOOii . . 



alsdann ist der Er- 
trag der Abgabe in 
A'erhältuiszahlen 

ausgedrückt 
... 



.844 126,60 

.687 206,10 

.525 236,25 

.367 220,20 

.217 162,75 

Unter den hier aufgeführten Fällen gewährt also die 
Abgabe von 0,45 Tlr. pr. Schfl. den höchsten Ertrag für die 
Staatskasse. Jede fernere Steigerung der Abgabe vermindert 
den Ertrag derselben, und was sehr bemerkenswert ist, die 
Abgabe von 0,75 Tlr. pr. Schfl.. gewährt keine höhere Ein- 
nahme als die von 0,22 Tlr. 

Es zeigt sich hier also, daß, wenn auch die Staats- 
gewalt sich vom Yolk lossagt und dieses nur als Mittel, um 
Abgaben zu erheben, betrachtet, sie dennoch durch eine un- 
mäßige Steigerung der Abgaben ihren eigenen Zweck gänzlich 
verfehlt. 



— 395 — 

Ad Tafel lY. 391 

Diese Tafel stellt den Einfluß, den der veränderte Er- 
trag des Bodens bei gleichbleibendem Getreidepreise — 
nämlich l^i2 Tb*, für den Schfl. Roggen — auf den isolierten 
Staat ausübt, dar, wobei aber die im § 14 b ausgesprochene 
Bedingung, unter welcher hier nur ein verschiedener Körner- 
ertrag gedacht werden kann, in Betracht zu ziehen ist. 

So wie auf der vorigen Tafel für die verschiedenen 
Abstuf migeu der Getreidepreise, so ist hier für jeden Körner- 
ertrag von 10 bis zu 4 herunter nur der Halbmesser der 
kultivierten Ebene und der verschiedenen konzentrischen 
Kreise angegeben. 

Die Dimensionen auf dieser Tafel gründen sich auf die 
Berechnungen im § 14 und sind für die Ausdehnung der 
kultivierten Ebene folgende: 

bei dem Ertrage ist der Halbmesser der Ebene 

von 10 Körnern 34,7 Meilen 

9 „ 33,3 „ 

8 ?i 31,5 „ 

~ 55 28,6 „ 

6 „ . . . • . 23,6 „ 

•"> 5, 13,3 „ 

4 9, 

Die Vergleichung dieser Tafel mit der vorigen ergibt, 
daß die Yerminderung des Bodenertrags eine noch stärkere 
Abnahme der intensiven Kultur bewirkt als eine gleichmäßige 
Abnahme des Getreidepreises. So beträgt z. B. bei dem 
Preise von l^ 2 Tk. X 0,5 = 0,75 Tlr. für den Schfl. Roggen 
die Ausdehnung der Koppelwirtschaft noch 38 % vom Halb- 
messer der kultivierten Ebene, wälirend bei dem Ertrage 
von 10 X 0,5 = 5 Körnern die Koppelwirtschaft schon ganz 
verschwunden ist. 



i 
i 



Der isolierte Staat 

in Bezielinng auf 

Lanchvirtschaft und Nationalökonomie. 



Zweiter Teil. 

Der naturgemäße Arbeitslohn und dessen Verhältnis 
zum Zinsfuß und zur Landrente. 



You 

Jolianii Heiiiricli you Tliüiien 

auf Tellow in Mecklenburg. 
Erste Abteilung. 



Rostock 1850. 



Inhalt. 



Zweiter Baud. 

Seite 

Einleitung 401 

§ 1. Unklarheit des Begriffs vom natürlichen Arbeitslohn 435 

§ 2. Über das Leos der Arbeiter, ein -Traum ernsten Inhalts 440 
§ 3. Adam Smith's Ansichten über Arbeitslohn, Zinsfuß, 

Landrente und Preis 447 

§ 4. Arbeitslohn 462 

§ 5. Über die Höhe des Zinsfußes, in dialogischer Form 466 

§ 6. Bestimmungen und Voraussetzungen 472 

§ 7. Unternehmergewiun , Industriebelohnung, Gewerbs- 

profit 478 

§ 8. Bildung des Kapitals durch Arbeit 484 

§ 9. Bildung des Arbeitslohns und des Zinsfußes . . . 495 

§ 10. Einfluß des Anwachsens des Kapitals auf den Zinsfuß 499 
§ 11. Einfluß des Anwachsens des Kapitals auf die Größe 

der Beute, die die kapitalerzeugende Arbeit gewährt 501 

Tabelle A 507 

§ 12. Einfluß der Fruchtbarkeit des Bodens und des Klimas 

auf die Höhe des Arbeitslohns und des Zinsfußes . . 508 

Anwendung 511 

Tabelle B 515 

•§ 13. Eeduktion der Wirksamkeit des Kapitals auf Arbeit 516 
§ 14. In dem isolierten Staat ist an der Grenze desselben 
die "Werkstätte für die Büdung des Verhältnisses 

zwischen Arbeitslohn und Zinsfuß 532 VI 

§ 15. Die Kapitalerzeugung durch Arbeit 542 



— 400 — 

Seite 
§ 16. Bei welchem Zinsfuß erlaugt der Lohuarbeiter für 

seineu Überschuß den höchsten Betrag au Zinsen? . 551 

§ 17. Das Kapital als Arbeit ersetzend . 553 

§ 18. Die Nutzung des zuletzt angelegten Kapitalteilchens 

bestimmt die Höhe des Zinsfußes 557 

§ 19. Der Arbeitslohn ist gleich dem Mehrerzeugnis , -was 
durch den , in einem großen Betrieb , zuletzt ange- 
stellten Arbeiter hervorgebracht Avird 569 

§ 20. Die Produktionskosten des Kapitals und der Kapital- 
rente 587 

§ 21. Das Gesetz für die Teilung zwischen Kapitalisten und 

Arbeitern 594 

§ 22. Einfluß der Fruchtbarkeit des Bodens auf Arbeitslohn 

und Zinsfuß 596 

§23. Anwendung der gefundenen Formeln auf konkrete Fälle 602 

Anlage A. 
Berechnung der Unterhaltskosten uud des Einkommens einer 
Tagelöhnerfamilie zu Tellow in dem Zeitraum von 1833 

bis 1847 607 

Anlage B. 
Bestimmungen über den Anteil der Dorfbewohner zw Tellow 

an der Gutseiunahme 671 



Einleitung. 

Übersicht und Kritik der im ersten 

Teile dieses Werkes angewandten 

Methode nebst Plan dieses zweiten 

Teiles. 



I. 

Adam Sniitli war in der Nationalökonomie, Tliaer 
in der wissenschaftlichen Landwirtschaft mein Lehrer. 

Sie sind die Begi-ünder zweier Wissenschaften, und 
manche ihrer Lehren werden für immer unantastbare Grund- 
lagen der A\^issenschaft bilden. 

Was uns in den Schriften oder den mündlichen Vor- 
trägen bedeutender Männer unzweifelhaft erscheint, nehmen 
wir in uns auf, eignen es uns zu, und es hört damit auf, 
Gegenstand des eigenen Forschens zu sein. 

Aber die Wissenschaft ist nie eine vollendete, und oft 
dient ein Fortschritt in derselben dazu, uns neue früher nicht 
geahnte Probleme zu zeigen. 

Was nun in den Lehi'en beider großen Männer mir als 
unvollendet erschien, mein Bedürfnis nach klarer Einsicht 
nicht befriedigte und mich dadurch zm- eigenen Forschung 
fortriß, mag, wenn auch nicht erschöpfend, doch übersicht- 
lich sich in folgende Fragepunkte zusammendrängen lassen. 
Thünen, Der isolierte Staat. 26 



— 402 — 

2 1. Wie muß sich bei konsequenter Bewirtschaftung mit 
der Änderung der Kornpreise der Ackerbau ändern? 

2. Durch welche Gresetze wird der Preis des Getreides 
und des Holzes reguliert? 

3. Hat das höhere "Wirtschaftssystem, hat namentlich die 
Fruchtwechsel Wirtschaft einen absoluten Vorzug vor der 
Koppel- und Dreifelderwirtschaft, oder ist der Yorzug des 
einen Wirtschaftssystems vor dem anderen dm-ch die Höhe 
des Preises der landwirtschaftlichen Erzeugnisse bedingt? 

4. Aus welcher Ursache entspringt die Landrente, und 
diu-ch welches Gesetz wird die Höhe derselben bestimmt? 

5. Welches ist die endliche Wirkung der auf den Land- 
bau gelegten Abgaben? 

6. Welches ist der natürhche Arbeitslohn, oder welches 
ist der dem Arbeiter von der Natur bestimmte Anteil an 
seinem Erzeugnis? 

7. Dui'ch welches Gesetz wird die Höhe des Zinsfußes 
bestimmt, und welche Verbindung findet zwischen Zinsfuß 
und Arbeitslohn statt? 

8. Wie wirkt die Größe des Geldstocks auf den Zinsfuß 
und auf den Preis der Waren? 

9. Welchen Einfluß üben bedeutende Verbesserungen 
im Landbau und Erfindung neuer Maschinen für die Fabriken 
bei ihrem ersten Auftreten aus, und w^elches ist die endliche 
Wirkung derselben ? 

Schon in früher Jugend, als ich im Institut des Herrn 
Staudinger zu Flottbeck den Landbau in der Nähe Ham- 
burgs kennen lernte, faßte ich die erste Idee des isolierten 
Staats auf, und seitdem habe ich mich stets gedrungen ge- 
fühlt, die sich mir darbietenden land- und staatswirtschaft- 
lichen Probleme der Anschauungsweise, welche dem isolierten 
Staate zu Grunde liegt, zu unterwerfen, indem sich mir nur 

3 in der Befreiung des Gegenstandes von allem Zufälligen und 
Unwesentlichen die Hoffnung zur Lösung des Problems zeigte. 



— 403 — 

Beim Beginn meiner Laufbahn als praktischer Landwirt 
suchte ich mir dann durch eine genaue und ins einzelne 
gehende Rechnungsführung die Data zur Berechnung der 
Kosten und des Reinertrags des Landbaues bei verschiedenem 
Körnerertrage und verschiedenen Getreidepreisen zu ver 
schaffen. Nachdem diese Data aus einer fünfjährigen Rech- 
nung zusammengetragen und zu einer Übersicht vereinigt 
waren, wurden, auf diese Grundlage gestützt, die Unter- 
suchungen begonnen, welche im ersten Teil mitgeteilt sind. 

Da es hier nun Zweck ist, die bei diesen Untersuchungen 
angewandte Methode der Prüfung und Kritik zu unterwerfen, 
so erlaube ich mir den Gang der Untersuchung und einige 
der dadurch gewonnenen Resultate der Erinnerung des Lesers 
wieder vorzuführen. 

IL 

Die im ersten Teile enthaltenen, auf die Verhältnisse 
des Guts Tellow sich stützenden Berechnungen ergeben § ä, 6, 
daß auf Boden von 8 Körnern Ertrag im Roggen nach 
Brache die Landrente der Koppelwirtschaft verschwindet 
oder gleich Null wird, wenn der Wert des Berliner Scheffels 
Roggen auf 0,549 Taler Gold herabsinkt — und mit dem 
Verschwinden der Landrente hört auch der Anbau des 
Bodens auf. 

Durch eine Änderung in der Form der Wirtschaft lassen 
sich aber Ersparungen in den Wirtschaftskosten machen, und 
der Boden kann dann, wenn der Wert des Roggens auch 
unter 0,54;» Tlr. per Schfl. herabsinkt, noch angebaut werden 
und selbst noch einige Landrente geben. Durch die auf 
Kostenersparung gerichtete Änderung in der Form der Wirt- 4 
Schaft entspringt ein Wirtschaftssystem, das mit der reinen 
Dreifelderwirtschaft übereinstimmt. 

Es ergibt sich hier also das Resultat, daß beim Sinken 

26* 



— 404 — 

des Getreidepreises es einen Punkt gibt, wo die Dreifelder- 
wirtschaft vorteilhafter wii'd als die Koppelwirtschaft. 

Aber auch die Landrente der Dreifelderwirtschaft muß 
zuletzt verschwinden, wenn die Kornpreise immer tiefer her- 
abgehen, und dies ist nach § 14 a der Fall, wenn der Scheffel 
Eoggen den Wert von O.ito Taler Gold erlangt — und hier 
muß dann der Anbau des Bodens zum Zweck des Korn- 
verkaufs enden. 

Betrachten wii- aber andererseits die Wirkimg steigender 
Kornpreise, so treffen wir auf einen Punkt, wo der Boden 
zu kostbar imd zu einträglich wird, um noch ferner einen 
Teil desselben ungenutzt als Brache zu bearbeiten. Mit der 
Aufhebung der Brache geht die Koppelwirtschaft zur 
Fr"ucht Wechsel wir tschaft über, und diese gewährt 
hier eine höhere Landrente als jene. 



Wenn man von dem Preise, den das Getreide in der 
Stadt hat, wohin dasselbe geliefert ward, den Betrag der 
Transportkosten abzieht, so ergibt sich daraus der Wert, den 
das Getreide auf dem Gute selbst hat. Mit der größeren 
Entfernung vom Marktplatz steigen die Transportkosten, und 
der Wert des Korns auf dem Gute selbst nimmt ab. Die 
zunehmende Entfernung vom Marktplatz wirkt also vrie ein 
Sinken des Getreidepreises bei gleichbleibender Entfernung. 
Es läßt sich also der Einfluß, den die Höhe des Ge- 
treidepreises anf den Landbau ausübt, auch räumlich dar- 
stellen, und aus dieser Darstellung im Baume ist der isolierte 
Staat hervorgegangen. 
5 Durch diese Auffassung des Gegenstandes wird mit der 
ursprünglichen Aufgabe zugleich die andere verbunden: 

Wie muß mit der gi'ößeren oder geringeren Entfernung 
von der Handelsstadt sich die Form der Wirtschaft 
ändern, wenn der Boden den höchsten Reinertrag 
geben soll? 



— 405 — 

Aus der Erfahrung lassen sich die Gesetze, die hier 
obwalten , nicht iminittelbar entnehmen , denn in. der Wirk- 
lichkeit treten uns überall Ungleichheit des Bodens, un- 
gleicher Reichtum desselben, Einwirkung schiffbarer Flüsse 
usw. entgegen , und in den Wirtschaften , die wir in ver- 
scliiedenen Entfernungen von den großen Handelsstädten 
erblicken , spricht sich — die Konsequenz der Bewirtschaf- 
tung vorausgesetzt — der Einfluß aller dieser Potenzen 
vereint aus. 

Um die Wirksamkeit der einen Potenz — der Entfernung 
vom Marktplatz — von dem Konflikt mit der Wirksamkeit 
iler anderen Potenzen zu befreien und dadurch zum Er- 
kennen zu bringen, haben wir eine große Stadt ohne schiff- 
baren Fluß in einer Ebene von durchaus gleichartigem und 
gleich fruchtbarem Boden annehmen müssen. 

Diese Geistesoperation ist analog dem Verfahren, welches 
wir bei allen Versuchen in der Physik wie in der Land- 
wirtschaft anwenden, wo wir nämlich nur die eine zu er- 
forschende Potenz quantitativ steigern, alle übrigen Momente 
aber unverändert lassen. 

Unter diesen Voraussetzungen bilden sich in der Ebene 
des isolierten Staates, wie im ersten Teil nachgewiesen ist, 
regelmäßige konzentrische Kreise um die Stadt, in welchen 
absteigend freie Wirtschaft, Forstwirtschaft, Fruchtwechsel-, 
Koppel- und Dreifelderwirtschaft betrieben wird. 

Bei unbegrenzt wachsender Entfernung von der Stadt 
muß notwendig ein Punkt sich finden, wo die Produktions- 
und Transportkosten des Korns dem Preise, der in der Stadt 
dafür bezahlt wird, gleichkommen, und hier ist der Punkt, 6 
wo die Landrente verschwindet, und die Kultur des Bodens, 
insofern diese auf Kornverkauf nach der Stadt basiert ist, endet. 

Hieraus geht denn das im § 24 ausgesprochene, den 
Getreidepreis bestimmende Gesetz hervor. 

Aus dem Vorzug, den die der Stadt näher gelegenen 



— 406 — 

Güter vor den Gütern an der Grenze der kultivierten Ebene 
haben, entspringt die Landrente, und die Größe dieses Vor- 
zugs bestimmt nach § 25 den Betrag der Landrente. 

Jenseits der Grenze, wo die Kultur des Bodens zum 
Zweck des Kornverkaufs nach der Stadt aufhört, bildet sich 
der Kreis der Viehzucht, welche hier noch mit einigem Vor- 
teil betrieben werden kann, weil die Transportkosten der 
Viehprodukte, wie Butter, Fettvieh, Wolle usw., im Ver- 
hältnis zum Wert derselben ungleich geringer sind, als die 
des Getreides. 

Jenseits des Kreises der Viehzucht geht dann die Ebene 
in eine menschenleere Wildnis über, durch welche der iso- ■, 
lierte Staat von der übrigen Welt geschieden wird. Den I 
Boden dieser Wildnis selbst nehmen wir aber von gleicher 
Beschaffenheit und gleicher natürlicher Fruchtbarkeit mit 
dem der übrigen Ebene an — und das Hindernis der Ver- 
breitung der Kultur nach diesen Gegenden liegt demnach 
nicht in der Beschaffenheit des Bodens, sondern allein in 
der großen Entfernung von dem Marktplatz für die länd- 
lichen Erzeugnisse. 

Die Ausdehnung des Kreises der Viehzucht findet also 
auch nur darin eine Schranke, daß der Preis der Vieh- 
produkte in der Stadt für den entferntesten Produzenten nur 
noch die Produktions- und Transportkosten deckt. 

Mit der zunehmenden Entfernung von der Stadt mindern 
sich — weil Landrente und Kornpreis abnehmen — die 
Produktionskosten der Vieherzeugnisse, wogegen sich die 
7 Transportkosten derselben mehren. Da nun , wie im § 26 
nachgewiesen ist, mit der zunehmenden Entfernung von der 
Stadt die Produktionskosten stärker abnehmen, als die Trans- 
portkosten zunehmen, und da die Landrente des entlegensten 
Gutes im Kreise der Viehzucht = ist, so folgt daraus 
(§ 26 b) das wichtige Gesetz, daß in den der Stadt näheren 



— 407 — 

Gegenden (mit Ausnahme des Kreises der fieien Wirtschaft) 
die Landrente aus der Viehzucht negativ sein muß. 

Die endliche Wirkung einer neu eingeführten Abgabe 
gibt sich (Abschnitt 3) darin kund, daß der äußere Rand der 
Ebene verlassen wird, die Bodenkultur sich auf einen engeren 
Kreis um die Stadt herum beschränkt, und die Zalü der Be- 
wohner des Staats sich vermindert. 

Dies ist in einem kurzen Überblick der Gang und das 
Ergebnis der Untersuchungen des ersten Teils. 

Die Resultate sind dort nicht durch Räsonnements ge- 
funden, sondern aus einer Formel über die Kosten und den 
Ertrag des Landbaues, zu welcher die Data aus der Wirk- 
lichkeit entnommen sind, abgeleitet worden, indem der eine 
Faktor — der Kornpreis — einer sukzessiven Änderung 
unterworfen wurde. 

Diese Methode kann, weuu die Erfahrungen genau und 
richtig aufgefaßt, und die darauf gebauten Schlußfolgen 
konsequent sind, mathematische Gewißheit auf ein Gebiet 
übertragen, worin beim bloßen Räsonnement sich die wider- 
sprechendsten Ansichten geltend machen. 

Je größer aber die Leistungen dieser Methode sein 
können, und je mehr die Ergebnisse derselben auf Gewißheit 
Anspruch machen, um so schärfer muß auch die Prüfung 
und Kritik derselben sein. 

III. i 

Das Abstrahieren von der Wirklichkeit, ohne welches 
wir zu keiner wissenschaftlichen Kenntnis gelangen, bietet 
die zwiefache Gefahrseite dar, daß wir 

1. in Gedanken trennen, was eine gegenseitige Wechsel- 
wirkung aufeinander ausübt, und 

2. unseren Schlüssen Voraussetzungen zu Grunde 
legen, deren wir uns nicht klar bewußt sind, sie deshalb 
nicht auszusprechen vermögen und dann für allgemein 



— 408 — 

gültig halten, was doch nur unter diesen Yoraussetzungen 
gültig ist. — 

Die Geschichte der Xationalökonomie liefert hierzu 
manche frappante Beispiele. 

Unter den im ersten Band teüs ausgesprochenen, teils 
stillschweigend zu Grunde gelegten Yoraussetzungen be- 
dürfen die beiden nachstehenden einer besonderen Prüfung 
und Beleuchtung. 

1. Der Boden in der Ebene des isolierten Staats ist 
nicht bloß ursprünglich von gleicher Fruchtbarkeit, sondern 
im Yerfolg der Kultur bleibt auch (mit Ausnahme des ersten 
Kreises) der Reichtum des Bodens an Pflanzennahnmg in 
allen Gegenden des isoHerten Staats sich gleich, wie ver- 
schieden daselbst auch die Getreidepreise sein mögen. 

2. Die Sorgfalt in der Bestellung des Ackers, in der 
Einerntung der Früchte, dem reinen Ausdrusch usw. bleibt 
überall gleich, der Scheffel Roggen mag ^2 oder 1^/2 Taler 
gelten. Nun haben wir die Konsequenz der Bewirt- 
schaftung als die höchste und unab weisliche Forderung 
obenanstellen und dieser alles unterordnen müssen. 

Es drängt sich also von selbst die Frage auf: „Sind jene 
beiden Yoraussetzungen mit der Konsequenz der Bewirt- 
schaftung verträglich?" 
9 Ich muß hierauf antworten: „Xein." 

Die Gründe für diese Antwort werden weiterhin näher 
entwickelt werden. 

Yon dieser Seite hätte der erste Teil, der hierüber keine 
Rechtfertigung gibt, angegriffen werden können und müssen 
— wenn dem Buch eine in den Geist desselben eingehende 
Kritik zuteil geworden wäre. 

Stürzt aber nicht mit der Erkenntnis dieses Mangels 
in der Grundlage das ganze Gebäude des isolierten Staats 
zusammen? Wir wollen, um diese Frage zu erörtern, einen 
analogen Fall anführen und in Betracht ziehen. 



— 409 — 

Gesetzt, man könne fruchtbare Ackererde zu einem ge- 
gebenen Preise ankaufen und geliefert erhalten, und es stände 
in unserer Willkür, die Ackerkrume bis zu jeder beliebigen 
Mächtigkeit zu erhöhen: so würden wir uns die Aufgabe 
stellen, zu ermitteln, bei welcher Mächtigkeit der Krume wir, 
nach Abzug der Zinsen vom Ankaufspreis der Erde, vom 
Boden den höchsten Eeinertrag beziehen. 

Um hiei-über ins Klare zu kommen, würde man zuerst 
Versuche anstellen, um zu erforschen, wie und in welchem 
Verhältnis der Ertrag au Früchten mit der zunehmenden 
Mächtigkeit der Krume steigt. Bei einem solchen Versuch 
würde man unstreitig alle Ackerstücke mit verschiedener Krum- 
tiefe gleich stark besäen — weil man sonst zwei heterogene 
Gegenstände miteinander vermischte und über keinen von 
beiden durch den Versuch eine reine Antwort erhielte. Den- 
noch aber ist die Stärke der Einsaat hier ein mitwirkendes 
Moment; denn es ist sehr wahrscheinlich, daß die lOzöllige 
Krume ein anderes Einsaatsquantum erfordert, als die 4zöllige, 
wenn beide den höchsten Ertrag an Früchten geben sollen. 

Man wird also einen zweiten Versuch anstellen, die 
Ackerstücke mit verschiedener Krumtiefe in mehrere Ab- 
teilungen zerlegen und diese in verschiedener Stärke besäen, 10 
lim zu ermitteln, Avelche Stärke der Einsaat für jede Krum- 
tiefe die angemessenste ist und den höchsten Fruchtertrag 
liefert. 

Ebenso wird man die Größe des Einflusses der anderen 
noch mitwirkenden Potenzen, als die Änderung der Qualität 
des Bodens bei veränderter Tiefe der Krume, die mit der 
tieferen Krume verbundenen größeren Kosten des Pflügens 
usw. einzeln und getrennt von allen anderen zum 
Gegenstand von Versuchen und Beobachtungen macheu 
müssen, um jene Aufgabe vollständig zu lösen. 

Sollte nun das Verfahren, was wir in der physischen 
AVeit für durchaus richtig erkennen, in der Gedankenwelt 



— 410 — 

unstatthaft sein; sollten wir nicht auch hier von zwei zu- 
sammenwirkenden Potenzen erst die eine als allein wirkend 
betrachten und dann die andere auf gleiche Weise als allein 
wirksam der Betrachtung unterziehen dürfen? 

Gewiß läßt sich durch Analogien die Richtigkeit dieses Ver- 
fahrens bis zur Wahrscheinlichkeit erheben; aber schwerlich 
dürfte es auf diesem Wege gelingen, einen strengen Beweis, 
der keine entgegengesetzten Ansichten zuläßt, dafür zu liefern. 

Auf die absolute Richtigkeit kommt hier aber alles an. 

Glücklicherweise finden wir den Beweis dafür in der 
Wissenschaft, die nicht trügt — in der Mathematik. 

In der Differentialrechnung wird nämHch, wenn man 
von einer Funktion, die mehrere veränderliche Größen ent- 
hält, das Maximum des Werts sucht, bei der Difi'erentiation 
zuerst nur die eine Größe als veränderlich, die anderen aber 
als konstant betrachtet, und nachdem man den für diese 
Größe — durch Gleichstellung ihres Differentials mit Null 
— gefundenen Wert in die Funktion gesetzt hat, wird die 
zweite veränderliche Größe der Differentiation unterworfen, 
der sich ergebende Wert derselben substituiert, und so fort- 
11 gefahren, bis alle veränderlichen Größen aus der Funktion 
verschwunden sind. 

Soll nun das erwiesen richtige Verfahren der Mathe- 
matiker auch für die Richtigkeit unserer Methode Beweis- 
kraft haben, so muß nachgewiesen werden, daß wir, wie sie, 
ein Maximum zu finden streben und zum Gegenstand unserer 
Untersuchung machen. 

In der Landwirtschaft besitzen wir durch vermehrte 
Sorgfalt in der Bestellung des Ackers, der Einerntung der 
Früchte usw., durch Ankauf von Dung, Gips, Knochenmehl, 
Guano etc., durch Auffahren von Mergel und Moder, durch 
Zuführung einer dem Acker mangelnden Erdart u. s. f. eine 
-Menge Mittel nicht bloß den momentanen, sondern auch den 
dauernden Ertrag des Ackers zu steigern. 



— 411 — 

Wenn aber diese Verbesserungen mit einem Kosten- 
aufwand erkauft werden, der den Wert des dadurch erlaugten 
Mehrertrags übersteigt, so führen sie nicht bloß zum Ruin 
■des Landwirts, der sie unternimmt, sondern vermindern auch 
das Nationalvermögen. 

Nicht der höchste Rohertrag, sondern der höchste Rein- 
ertrag ist und soll das Ziel des Landwirts sein. 

Fragen wir nun, wo ist die Grenze, bis zu welcher die 
Sorgfalt der Arbeit und die Bereicherung des Bodens ge- 
trieben werden darf, so lautet die Antwort: 

1. Die Sorgfalt der Arbeit, z. B. beim Auflesen der 
Kai'toifeln, darf nicht weiter gehen, als bis die zuletzt darauf 
gewandte Arbeit noch durch das Plus des Ertrags vergütet 
wird. 

2. Die Bereicherung des Bodens muß konsequenterweise 
bis zu dem Punkt getrieben werden, aber auch da aufhören, 
wo die Zinsen der Kosten des Dungankaufs, oder statt dessen 
der Dungerzeugung, mit dem dadurch erlangten Mehrertrag 
ins Gleichgewicht treten. 

Immer wird der auf diese Weise erlangte Mehrertrag 12 
durch einen Aufwand von Kapital und Arbeit erkauft, imd 
es muß einen Punkt geben, wo der Wert des Mehrertrags 
dem Meliraufwand gleich wird — und dies ist zugleich der 
Punkt, bei welchem das Maximum des Reinertrags stattfindet. 

Das Verfahren, was wir bei unseren Untersuchungen, 
wo die Ermittlung des höchsten Reinertrags das Ziel ist, 
anwenden, steht also mit der in der Mathematik bei der 
Ermittlung des Maximums des Werts einer Funktion mit 
mehreren veränderlichen Größen als richtig erwiesenen 
Methode im Einklang, und so wie der Mathematiker von 
den in einer Funktion enthaltenen veränderlichen Größen 
zuerst bloß die eine als veränderlich, die andere aber als 
konstant betrachtet und behandelt, so dürfen auch wir von 
den verschiedenen auf den Reinertrag einwirkenden und mit 



— 412 — 

dem Kornpreise in Verbindung stehenden Potenzen erst die 
eine als allein wirkend, die andere aber als gleichbleibend 
oder ruhend ansehen und behandeln. 

Damit ist denn auch die Zulässigkeit und Richtigkeit 
der im ersten Teil angewandten Methode nachgewiesen. 

Aber im ersten Teil ist die Frage: „Welchen Einfluß 
übt die Höhe der Kornpreise auf den Landbau aus?'' erst 
teilweise, erst nach einigen Seiten hin untersucht und ver- 
folgt. Die Einwirkung der Kornpreise erstreckt sich aber 
auf viele andere Gegenstände, wovon wir hier nur die auf 
den Bodenreichtum und auf die Sorgfalt der Arbeit anführen 
wollen — und somit ist der erste Teil nur der Beginn der 
Arbeit zur vollständigen Lösung der Aufgabe. 

Zum besseren Verständnis und zur richtigeren "Würdi- 
gung des ersten Teils lasse ich schon hier eine vorläufige 
Betrachtung über die Einwirkung des Kornpreises auf die 
Iteiden Potenzen: Bodenreichtum und Sorgfalt der Arbeit, 
13 folgen. Weiterhin aber sollen diese Punkte Gegenstand einer 
eigenen Untersuchung werden. 



IV. 

A. Unter den Verhältnissen des isolierten Staats, wo, 
durch die Einw^irkung des ausgedehnten, bloß Viehzucht 
treibenden Kreises, die Preise der Viehprodukte sehr niedrig 
sind, kann, wie im ersten Teil nachgewiesen ist, die Ab- 
schaiTung der Brache und die Einführung der Fruchtwechsel- 
wirtschaft erst dann vorteilhaft werden, wenn der Boden 
einen Grad des Reichtmns erlangt hat, bei welchem das 
Korn nach reiner Brache sicli lagert. Der isolierte Staat 
ist aber auf die Voraussetzung eines gleichen Bodenreichtums 
der ganzen Ebene basiert, und zwar ist eine Ertragsfähigkeit 
von 8 Körner (0,4 1 Berliner Scheffel vom preuß. Morgen) nach 
reiner Brache angenommen. 



— 413 — 

Bei diesem Ertrage findet aber keine Lagerung des 
Korns statt. 

Bei konsequenter Schlußfolge hätte also in dem ersten 
Teil des isolierten Staats die Fruchtwechselwirtschaft eigent- 
lich ausgeschlossen bleiben müssen. 

Werfen wir nun in Beziehimg auf die A^erbindung 
zwischen Kornpreis und Bodenreichtum einen Blick auf die 
"Wirklichkeit, so finden wir in der Regel in den Ländern 
mit dichter Bevölkerung und hohen Kornpreisen einen höheren 
Bodenreichtum als in den dünnbevölkerten Ländern mit 
niedrigen Kornpreisen. Die Frage ist also praktisch schon 
gelöst, und es ist merkwürdig, daß das, was der gesunde 
Sinn der praktischen Landwirte längst ausübt, von der 
Wissenschaft im systematischen Zusammenhang noch nicht 
aufgefaßt und dargestellt ist. 

Wenn wir nun statt des mangelnden wissenschaftlichen 
Beweises die Erfahrung, daß die Bodenbereicherung der 
Erhöhung der Gretreidepreise folgt, als auf A'ernimftgründen 14 
beruhend ansehen und diesen Satz auf den isolierten Staat 
auAvenden, so wird dadurch die Gestaltung desselben wesent- 
lich modifiziert. Statt des gleichen Reichtums der ganzen 
Ebene sehen wir dann von der Grenze an nach der Stadt 
zu den Bodenreiclitum stetig wachsen, und es ist möglich, 
selbst wahrscheinlich, daß in einer gewissen Entfernung von 
der Stadt es vorteilhaft wird, den Boden über den Punkt 
liinaus zu bereichern, wo das Lagern des Korns nach Brache 
anfängt. Damit würde denn die Fruchtwechselwirtschaft 
den Platz, der im ersten Teil zwar ahnend angedeutet ist, 
aber als unvereinbarlich mit den angenommenen Verhält- 
nissen betrachtet wurde, wirklich einnehmen. 

Hier treffen wir also auf eine bedeutende Abweichung 
Ton dem Resultat des ersten Teils, und es könnte den An- 
schein gewinnen, als sei die Methode, zur Zeit nur eine 
Potenz in Betracht zu ziehen, hier irreführend geworden. 



— 414 — 

Aber ohne die Annahme eines gleichen Bodenreichtums 
wäre die Untersuchung, wie die Entfernung von der Stadt 
an sich, d. i. ohne Einwirkung anderer Potenzen wirkt, gar 
nicht zu führen gewesen und wäre verwirrend statt auf- 
klärend geworden. 

Das Unzutreffende rülii't nicht von der Methode, sondern 
davon her, daß die Untersuchung im ersten Teü noch nicht 
beendigt und nur erst eine Seite der Aufgabe gelöst ist. 

"Wie in einer Funktion, die mehrere veränderliche Größen 
enthält, durch Auffindung und Substituierung des Werts der 
einen Größe der Wert der Funktion selbst noch unbestimmt 
bleibt und diese Bestimmtheit erst dann erhält, wenn alle 
veränderlichen Größen entfernt sind — so auch hier. 

Zui" eigentlichen Lösung der Aufgabe gehört, daß, nach- 
dem die erste Untersuchung über den Einfluß der Entfernung 
15 an sich beendigt ist, eine zweite Untersuchung über den 
Einfluß der Entfernung auf den angemessensten Boden- 
reichtum begonnen und durchgeführt Avird; aus der Ver- 
bindung beider Untersuchungen geht dann ein vollständiges 
— wenn auch noch nicht das letzte — Resultat hervor. 

In der Tat sind die Materialien zu dieser Arbeit im 
ersten Teil schon größtenteils enthalten. Denn die Formeln 
zur Berechnung des Reinertrags sind nicht bloß für einen 
gegebenen Kornertrag, sondern für alle Stufen des Ertrags 
bis zu 10 Körnern iiinauf und damit auch für den diesen 
Erträgen entsprechenden Bodenreichtum gültig. Auch ist für 
die Grenze, wo sich Koppel- und Dreifelderwirtschaft 
scheiden, eine Formel gefunden, die für alle Stufen des Er- 
ti'ags gültig ist. Nur für den Boden reichtum , der einem 
höheren Ertrag als dem von 10 Körnern entspricht, sind die 
Berechnungen und Formeln noch zu entwerfen. 

Wäre nun das Gesetz, nach welchem Kornpreis und 
Bodeureichtum miteinander verbunden sind, gefunden, so 
könnte man aus den schon vorhandenen Materialien mit 



— 415 — 

Leichtigkeit Bodenreichtiiin , Ertrag und Landrente für jede 
Entfernung von der Stadt angeben, das Bild des isolierten 
Staats vervollständigen und diesen dadurch der Wirklichkeit 
— worin uns die Gesamteinwirkung aller Potenzen ent- 
gegentritt — näher führen. 

Das bloße aus der Beobachtung entnommene "Wissen, 
daß in der Regel mit hohen Korupreisen auch hoher Boden- 
reichtum verbunden ist, reicht aber zu einer solchen Arbeit 
nicht aus. Es muß \äelmehr die Notwendigkeit dieser Er- 
scheinung nachgewiesen, und das Gesetz für die Wechsel- 
wirkung zwischen Kornpreis und Bodenreichtum gefunden 
sein, ehe dieser Teil unserer Aufgabe mit derselben Schärfe 
und Genauigkeit untersucht und behandelt werden kann, 
wie der erste. 

B. Wenn auf einem Gute, wo bisher alle Arbeiten durch 16 
20 Tagelöhnerfamilien beschafft wurden, noch eine Familie 
eingesetzt, und das Zugvieh zugleich verhältnismäßig ver- 
mehrt wird, so können Ernte und Saat teils in kürzerer 
und damit in der angemessenen Zeit beschafft, teils können 
die Arbeiten bei der Ernte und Saat sorgfältiger gemacht 
werden; es kann ferner das Korn reiner ausgedroschen, es 
können die Kartoffeln reiner aufgenommen werden u. s. f. 

Die Vermelu-ung der Arbeiterfamilien muß konsequenter- 
weise so lange fortgesetzt werden, bis der durch den zuletzt 
angestellten Arbeiter erlangte Mehrertrag im Wert gleich 
dem Lohn ist, den der Arbeiter erhält. 

Der Mehrertrag spricht sich in Korn aus und bleibt 
für ein und dasselbe Wirtschaftssystem immer gleich, welchen 
Preis auch das Korn haben mag. Der Geldlohn des Ar- 
beiters aber steigt und fällt, selbst wenn der reelle Arbeits- 
lohn derselbe bleibt, nicht im direkten Verhältnis mit dem 
Kornpreis, sondern ein Teil desselben wird — Avie im ersten 
Teil ausführlich erörtert ist — von dem Kornpreis nicht 
affiziert und muß deshalb in Geld ausgedrückt bleiben. 



— 416 — 

Gesetzt nun, die Kosten einer Ai-beiterfamilie betragen 
iährlich 60 Scheffel Roggen plus 30 Tlr. ; der durch die zu- 
letzt angestellte Familie erlangte Mehrertrag des Gutes betrage 
100 Scheffel Roggen, so bleibt dem Grundbesitzer ein Gewinn 
von 40 Schfl. minus 30 Tlr. Bei dem Preise des Roggens von 
11/2 Tlr. pr. Schfl. beträgt dennoch der Gewinn 60 -f- 30 = 30 Tli\ 
1 „ „ „ „ „ » „ 40-^30 = 10 „ 

■^U RO • 30 — 

'■* 55 55 5' 55 55 55 55 OU -;- OU V „ 

und bei dem Preise von -/2 Th\ pr. Scheffel verwandelt 
sich der Gewinn in einen Verlust von 10 Th\ 

Es ergibt sich hieraus, daß bei dem Kornpreise von 
1^/2 Tli-. noch mehr als 21 Arbeiter mit Torteil angestellt 
17 werden können, während bei dem Preise von 1/2 Tlr. schon 
der zwanzigste Arbeiter Verlust bringt. 

Nun liegt es aber in der Natur des Landbaues — und 
dies ist ein sehr beachtungswerter Umstand — , daß das 
Mehrerzeugnis nicht im geraden Verhältnis mit der Zahl der 
mehr angestellten Arbeiter steigt, sondern jeder später an- 
gestellte Arbeiter liefert ein geringeres Erzeugnis als der 
vorliergehende — der 22ste Arbeiter weniger als der 21ste, 
der 23ste weniger als der 22ste usw. 

Als Beispiel stelle ich folgende Skala auf: 
Es bringt hervor der 21ste Arbeiter 100 Schfl. 



22ste 




... 90 


23ste 




. . . 81 


24ste 




. . . 73 


2Öste 




. . . 111 


19te 




. . . 123 



Dieser Skala nach bringt beim Preise von 1^/2 Th\ pr. 
Scheffel: 
Der 22ste Arbeiter .... 90 Schfl., kostet 60 Seh. -f 80 Tlr. 

liefert Überschuß 30 Schfl. u IV2 Tk. ~ 30 Tlr. = 15 „ 
Der 23ste Arbeiter .... 81 Schfl., kostet 60 Seh. -j- 30 „ 

liefert Überschuß 21 a IV2 ~ 30 = II/2 „ 



— 417 — 

Der 24ste Arbeiter .... 73 Schfl., nach Abzug des Lohns 
bleiben 13 Sclifl. a Vh Tlr. -i- 30 = -^ IO1/2 TIr. 

Bei dem Preise von 1^/2 Tlr. für den Scheffel bringt 
also die Anstellung des 22sten Arbeiters noch Gewinn, bei 
der Aufnahme des 23sten Arbeiters kompensieren sich Nutzen 
und Kosten, während die Ansetzung eines 24sten Arbeiters 
mit Verlust verbunden ist. 

Bei dem Preise von ^/2 Tlr. bringt der 20ste Arbeiter 
111 Schtl. hervor. Nach Abzug des Lohns bleiben hiervon 
51 Schfl. minus 30 Tlr. Die 51 Scheffel haben einen Wert 18 
von 25^/2 Tlr. Der 20ste Arbeiter bringt also 4M2 Tlr. Ver- 
lust. Der 19te Arbeiter liefert ein Erzeugnis von 123 Schtl., 
wovon nach Abzug des Lohns 63 Schfl. a 1/2 Tlr. = 31^/2 -f- 
30 --= 11/2 Tlr. übrig bleiben. 

Bei dem Preise von 1^/2 Tlr. pr. Scheffel ist es also 
vorteilhaft, die Arbeiter von 20 bis zu 23 zu vermehren, 
während bei dem Preise von 1/2 Tlr. der 20ste Arbeiter 
abgeschafft werden muß, um den höchsten Reinertrag zu 
■erlangen. 

Vergleichen wir nun zwei Güter des isolierten Staats 
miteinander, wovon das eine an der Grenze — wo der 
Scheffel Roggen zirka 1/2 Tlr. Wert hat — , das andere in 
der Nähe der Stadt — mit einem Roggenpreise von 1^/2 Tlr. 
— liegt, und nehmen an, daß beide nicht bloß gleichen 
ßodenreichtum haben, sondern auch demselben Wirtschafts- 
system unterworfen sind, so würde doch, bloß wegen der 
größeren Sorgfalt der Arbeit, der Kornertrag des letzteren 
Gutes um den Betrag dessen, was der 20ste, 21ste, 22ste und 
23ste Arbeiter erzeugen, größer sein, als der Ertrag des 
ersteren Guts — was nach der aufgestellten Skala 382 Schfl. 



Welche Änderung bewirkt nun die Berücksichtigung 
dieses Moments in der Gestaltung des im ersten Teil dar- 
gestellten isolierten Staats? 

Tliünen, Der isolierte Staat. 27 



— 418 — 

Gesetzt, der Koruertrag des Bodens von gleichem Eeich- 
tum betrage in der Nähe der Stadt 8^/2, an der Grenze des 
Staats dagegen nur 7^1 2 Körner. 

Da diese Differenz im Kornertrag sich bei konsequenter 
Bewirtschaftung ergibt, und der Landwirt an der Grenze 
es vorzieht, von einem Boden, der 8V2 Körner tragen kann, 
nur 7^/2 Körner zu gewinnen, so folgt daraus, daß die Pro- 
duktionskosten des Korns niedriger zu stehen kommen, wenn 
19 nur 71/2 Körner, als wenn 8 Körner — der Normalertrag 
der Ebene — durch vermehrten Arbeitsaufwand gewonnen 
werden. Nun wird durch die Größe der Produktionskosten 
die Ausdehnung des Anbaues der Ebene bedingt, und es 
wird folglich auch bei Berücksichtigung dieses Moments die 
Meilenzahl, bei welcher der Anbau der Ebene aufhört, etwas 
größer werden, als im ersten Teil berechnet ist. Auch mag 
die Grenze zwischen Koppel- und Dreifelderwirtschaft etwas, 
jedoch nicht erheblich, verrückt werden. Auf die Meilenzahl 
kommt es hier aber nicht an, da diese das Wesen der Unter- 
suchung nicht berührt, sondern nur zur Versinnlichung der 
Idee dient. Die Einwirkung dieses Moments ist nur quan- 
titativ, nicht qualitativ, und kann deshalb bei der Kon- 
struktion des isolierten Staats außer acht bleiben. In anderer 
Beziehung ist dagegen — wie sich weiter unten ergeben 
wird — die Beachtung dieses Moments von großer Wichtigkeit. 



Hier mag sich nun noch eine Erklärung auscliließen 
über ein Resultat des isolierten Staats, welches zur Zeit des 
ersten Erscheinens des Buchs im Jahr 1826 mit dem in der 
Wirklichkeit Bestehenden anscheinend einen grellen Wider- 
spruch bildete. 

Die Berechnungen im ersten Teil haben ergeben, daß, 
wenn die Kornpreise bis zu einem gewissen Punkt sinken, 
der Übergang aus der Koppel- zur Dreifelderwirtschaft vor- 
teilhaft wii'd, und die Landrente steigert. 



- 419 - . 

Nun waren in dem Zeitraum von 1820 bis 26 die Korn- 
preise im nördlichen Deutschland fast bis zu dem Punkt ge- 
sunken, wo nach dem isolierten Staat die Dreifelderwirtschaft 
vorteilhafter wird als die Koppelwirtschaft. Aber die Land- 
wirte jener Zeit suchten und fanden ihre Rettung in einer 20 
Wirtschaft mit vermehrter Erzeugung von Viehprodukten 
und nicht in dem Übergang zur Dreifelderwirtschaft, durch 
welche der Ertrag an Viehprodukten noch mehr beschränkt 
worden wäre als die Kornproduktion. 

Der Verfasser erkannte bei Abfassung des Buchs den 
schroffen Gegensatz zwischen der Wirklichkeit und dem von 
ihm gefundenen Resultat sehr wohl ; aber er konnte dasselbe 
nicht ändern, weil es mit Notwendigkeit aus dem ganzen 
Gang der Untersuchung hervorging. 

Woher rührt aber dieser Widerspruch? 

1. In dem isolierten Staat ist der beharrende Zustand 
Grundlage der Betrachtimg. Die Wohlfeilheit des Getreides 
in Deutschland, hervorgegangen aus einer Reihe äußerst 
fruchtbarer Jahre und aus der gleichzeitig eingetretenen 
Kornsperre Englands, war ein unnatürlicher Zustand, der 
keine Dauer haben konnte. 

In dem Teil des isolierten Staats, wo die Dreifelder- 
wirtschaft herrscht, muß sowohl der Getreidepreis, als der 
Preis der Viehprodukte dauernd niedrig sein, weil die Kon- 
sumenten keinen höheren Preis, als den zur Norm genomme- 
nen zahlen können. 

In Deutschland waren die Konsumenten dagegen im- 
stande, den vor 1820 bestehenden Durchschnittspreis für das 
Getreide zu zahlen, und der niedrige Preis rührte nicht von 
dem Unvermögen der Konsumenten, sondern von dem un- 
mäßigen, den möglichen Verbrauch weit übersteigenden An- 
gebot her. Dies bewirkte nun eine Änderung in der Lebens- 
weise des Volks. Von dem Einkommen , was sonst zum 
Ankauf des Getreides verwandt werden mußte, wurde ein 

27* 



— 420 — 

beträchtlicher Teil erspart, und das Ersparte größtenteils airf 
bessere Bekleidung und vermehrten Genuß animahscher 
Speisen statt der vegetabilischen verwandt, Bedarf und 
21 Nachfrage nach animalischen Erzeugnissen, als Wolle, Fleisch, 
Butter usw., A\inxlen dadurch gar selir vermehrt: Fleisch 
und Butter behielten fast denselben Preis ■«ie zu den Zeiten 
der hohen Kornpreise, und die AVolle, begünstigt durch eine 
fast zollfreie Einfuhr in England, erhielt sich auf einem \m- 
natürlich hohen Preis. Xiemals hat vielleicht ein solches 
Mißverhältnis in den Preisen zwischen Korn und animalischen 
Erzeugnissen stattgefunden, wie damals. "Während früher 
der Berliner Scheffel Roggen ungefähr den Wert von 9 Pfimd 
Butter und von 6 Pfund "Wolle hatte, galten zu der Zeit 
3 bis 4 Pfund Butter soviel als ein Scheffel Roggen, und 
der Preis eines Pfundes veredelter Wolle überstieg häufig 
den des Scheffels Roggen, und die hochfeine Wolle erreichte 
sogar pr. Pfund den doppelten Wert des Schelf eis Roggen. 

Zwischen den Produktionskosten — die sonst den Preis 
regulieren — und den Marktpreisen schien jedes Band zer- 
rissen zu sein. So abnorme Verhältnisse konnten nicht 
dauernd sein imd sind jetzt auch längst untergegangen. 

Bei Erwägung dieser Verhältnisse wird es leicht be- 
greiflich, daß das Sinken des Kornpreises allein bei hohen 
Preisen ' der Viehprodukte nicht zur Dreifelderwirtschaft, 
sondern zum erweiterten Anbau von Futterge wachsen führen 
mußte. 

2. In dem isolierten Staat ist die kultivierte Ebene von 
einem bloß Viehzucht treibenden Kreise umgeben, aus welchem 
die Viehprodukte zu einem so niedrigen Preis geliefert werden, 
daß die Rente aus der Viehzucht in den der Stadt nahe- 
gelegenen Gegenden negativ wird. Von dem größten Teil 
Deutschlands sind dagegen die rohen, bloß Viehzuclit treiben- 
den Länder entweder so weit entfernt, oder die Einfuhr der 
Viehprodukte aus denselben ist durch Zölle so erschwert, daß 



— 421 — 

der Preis der animalischen Erzeugnisse hoch geni;g ist, um 
durch Viehzucht eine Reute vom Boden zu gewinnen. 

Nichts führt aber so entschieden zur Fruchtwechsel- 22 
Avirtschaft, als ein hoher Preis der Tiehprodukte , und das 
Preisverhältnis zwischen diesen und dem Korn ist eins der 
A\ichtigsten Momente bei der Entscheidung der Frage, wo 
die Fruchtwechselwirtschaft anfängt vorteilhafter zu werden 
als die Koppelwirtschaft. 

In dem ersten Teil des isolierten Staats konnten die 
deutschen Verhältnisse nicht berücksichtigt, noch weniger 
zu Grunde gelegt werden , weil dadurch das Streben nach 
Erforschung allgemeiner Gresetze in ein Suchen nach Vor- 
schriften, die für ein Land, eine Provinz gültig, für alle 
anderen Länder aber unbrauchbar und unanwendbar sind, 
umgewandelt "«.väre. In diesem Teil wird aber der isolierte 
Staat auch unter der Abänderung, daß derselbe mit einer 
Sandwüste statt der kulturfähigen Wildnis umgeben ist, 
Gegenstand der Untersuchung w^erden — und die Resultate, 
die sich daraus ergeben, werden den deutschen Verhältnissen 
analoger sein, als die des ersten Teils. 

Von dem richtigen Gefühle geleitet, daß der Satz: 
„Niedrige Korn preise führen zur Dreifelderwirtschaft'- für 
die deutschen Verhältnisse nicht zutreffend sei, hat man die 
Richtigkeit desselben in Zweifel gezogen; aber indem man 
übersah, daß das Unzutreffende von der Verschiedenheit der 
Verhältnisse herrülirt, hat man den Satz da angegriffen, wo 
er nicht anzugreifen ist, und Gründe dagegen angeführt, die 
unhaltbar sind. 

V. 

Ausdehnung der Forderung der Konsequenz auf 
alle Verhältnisse des isolierten Staats. 

Das Verfahren bei der Konstruktion des isolierten Staats 
ist, daß wir ein gegebenes Gut aus der Wirklichkeit zu 



422 

23 Grunde legen, dieses Gut im Gedanken sukzessiv nach ver- 
schiedenen Entfernungen von der Stadt — dem Marktplatz 
— verlegen und nun die Frage : „Wie wird sich die Wirt- 
schaft dieses Guts mit der zunehmenden Entfernung von der 
Stadt ändern müssen'' zu lösen versuchen. 

Hierbei mußten wir die Konsequenz der Bewirtschaftung 
als eine unerläßliche Forderung aufstellen. 

Auf diese Weise sind aber auch alle Verhältnisse dieses 
Guts aus der Wirklichkeit auf den isolierten Staat überti'agen. 

Das in der Wirklichkeit auf diesem Punkt der Erde 
bestehende Verhältnis z\\-ischen Arbeitslohn imd Zinsfuß; 
diese mecklenburgischen Landstraßen ; diese Größe der Güter 
und so vieles andere liegt also der Konstruktion des isolierten 
Staats zu Grunde. 

Die Forderung der Konsequenz wollen wir 
jetzt aber auf alle Verhältnisse des isolierten 
Staats ausdehnen. Damit werden wir nun zu den 
Fragen gedrängt : Ist dieser Arbeitslohn und sein Verhältnis 
zum Zinsfuß der natm-gemäße; ist es konsequent, Land- 
straßen von dieser Beschaffenheit zu halten ; gewähren Güter 
von dieser Größe die höchste Landrente usw.? 

In der Tat wäi-e es ein wunderbarer Zufall, wenn in 
der Wirklichkeit, wo alles noch im Werden, jede Änderung 
nur eine Übergangsstufe zu einer höheren ist — wenn hier 
irgendwo das Vernunftmäßige in seiner letzten Höhe schon 
zur Erscheinung gekommen wäre. Wäre dies Wunder aber 
wirklich geschehen, so müßte doch nachgewiesen werden, daß 
und warum das Bestehende das Vernunftgemäße ist. 

Unsere Aufgabe fordert also zur Vollendung ihrer Lösung, 
daß wir alles der Wirklichkeit Entnommene der Prüfung und 
Kritik unterwerfen, das Gesetzmäßige aufzusuchen streben 
\md dies — insofern es gefunden wird — statt des Be- 

24 stehenden in den isolierten Staat übertragen. Damit wird 
dem Blick die Aussicht auf eine unabsehbare Eeihe von 



— 423 — 

Untersuchiiugen geöffnet, wovon folgende — in Verbindung 
mit den schon früher angedeuteten — als die hervorragendsten 
sich dem Auge zuerst darstellen. 

1. Welches ist der von der Natur dem Arbeiter be- 
stimmte Lohn, und durch welches Gesetz wird die Höhe 
des Zinsfußes bestimmt? 

Das Kapital ist angesammeltes Arbeitsprodukt, also voll- 
brachte Arbeit, entspringt mit der fortlaufenden Arbeit aus 
einer "Wurzel — der menschlichen Tätigkeit — ; Kapital und 
Arbeit sind also wesentlich eins, nur in der Zeitfolge ver- 
schieden, wie Vergangenheit und Gegenwart. Zwischen beiden 
muß irgendein Verhältnis stattfinden; welches ist dies'? 

Da diese Frage die Stellung der verschiedenen Stände 
gegeneinander und somit das Glück und die Wohlfahrt der 
zalüreichen Klasse der Arbeiter, wie die Verpflichtung der 
begüterten Stände gegen die Proletarier berührt: so greift 
die Untersuchung über diesen Gegenstand weit über die ur- 
sprüngliche Aufgabe, den isolierten Staat zu konstruieren, 
hinaus. Der isolierte Staat tritt bei dieser den Menschen 
selbst betreffenden Frage in den Hintergrund, und die Unter- 
suchung ist hauptsächlich nur deshalb an denselben geknüpft, 
weil die Aufgabe, wenn sie überhaupt zu lösen ist, mir nur 
uDter der Form der Anschauung, die dem isolierten Staat 
zu Grunde liegt, lösbar scheint. 

2. In welcher Verbindung steht die Landrente mit dem 
Arbeitslohn und Zinsfuß? 

3. Durch welches Gesetz wird die Landrente bestimmt, 
wenn statt der einen großen Stadt lauter kleine Städte von 
gleicher Größe und in gleicher Entfernung voneinander in 
der Ebene des isolierten Staats zerstreut liegen, und in welcher 
Verbindung steht hier der Grad der Sorgfalt der Arbeit mit 25 
den Kornpreisen? 

4. Welchen Einfluß übt die Größe des Geldstocks auf 
die Höhe des Zinsfußes aus? 



— 424 — 

5. Den Berechnuagen über die Größe der Transport- 
kosten, welche der Wirklichkeit entnommen sind, liegen die 
sehr schlechten Wege, wie sie im Anfang dieses Jahrhunderts 
in Mecklenburg bestanden, zu Grunde. Sicherlich ist es 
aber nicht vernünftig, so sclüechte Wege zu halten — wie 
sie denn auch in Mecklenburg durch Anlegung zahlreicher 
Chausseen schon sehr vermindert sind — und wenn wir uns 
den isolierten Staat anfangs mit so schlechten Wegen ver- 
sehen denken, ja seine Gestaltung und Ausdehnung danach 
bestimmt haben : so drängen sich bei der Forderung, daß in 
dem isolierten Staat überall Konsequenz herrschen soll, die 
Fragen auf: 

a) Wo und in welcher Ausdehnung können im isolierten 
Staat Chausseen und Eisenbahnen mit Nutzen angelegt 
w^erden '? 

b) Welche Änderung geht mit der Anlegung derselben 
in der Ausdehnung der kultivierten Ebene, der Bodenkultur 
und dem Nationalreichtum vor? 

6. Aus der Art, wie der isolierte Staat konstruiert ist, 
ergibt sich schon, daß für die gauze Ebene Gleichheit des 
Klimas angenommen ist und dem Z^veck der Untersuchung 
gemäß im ersten Teil angenommen werden mußte. 

Auch bietet der isolierte Staat des ersten Teils wegen 
seiner geringen Ausdehnung keinen Stoff zu Betrachtungen 
über die Einwirkung des Klimas auf den Landbau dar. 

Denken wir uns aber diesen von einer unbegrenzten 
Wildnis umgebenen Staat mit einem Eisenbahnnetz bis zu 
der entlegensten Gegend, aus welcher mit Hilfe der Eisen- 
bahnen noch Korn nach der Stadt geliefert werden kann, 
durchschnitten : so erlangt der Staat eine solche Ausdehnung, 
26 daß durch die bloße Verschiedenheit des Klimas der Landbau 
im Süden des Staats einen ganz anderen Charakter gewinnt 
als im Norden. 

Wird nun die Einwirkung des Klimas auf den Land- 



— 425 — 

bau zum Gegenstand der Betrachtung gemacht, so drängen 
sich eine Menge Fragen zur Prüfung und Beantwortung 
auf, wovon wir hier als Beispiel nur einige aufführen w^ollen. 

a) Wie ändern sich mit dem Klima die notwendigen 
Subsistenzmittel des Arbeiters, der Arbeitslohn, die Arbeits- 
fähigkeit der Menschen und die Kosten der Arbeit? 

b) Wie ändert sich die Länge der Weidezeit des Viehes 
mit dem Breitengrad, und welchen Einfluß hat dies auf die 
Erzeugungslvosten der Viehprodukte'? 

c) Welche Gewächse sind dadurch, daß sie die einträg- 
lichsten sind, der Hauptgegenstand der Kultur unter den 
verschiedenen Himmelsstrichen ? 

d) Welchen Einfluß hat das Klima auf das Quantum 
Humus, was durch eine Ernte von gegebener Größe, z. B. 
10 Schfl. von 100 DR- dem Boden entzogen wird, und wie 
ändert sich dies Quantum mit dem Breitengrad auf gleichem 
Boden, bei gleicher Lage"? 

7. Um den isolierten Staat konstruieren zu können, mußte 
notwendig der Preis des Getreides als bekannt angenommen 
und in einer bestimmten Zahl ausgedrückt werden. Dieser 
Preis kann aber weder willkürlich noch zufällig sein. Nach- 
dem nun der isolierte Staat seine Gestaltung gewonnen, und 
wir uns die Aufgabe gestellt haben, die gemachten Voraus- 
setzungen aufzuheben und dafür das Gesetzmäßige zu sub- 
stituieren, müssen wir die Frage auf werfen: 

Warum kann die Stadt keinen höheren als den an- 
genommenen Preis von 1^/2 Tlr. pr. Scheffel Roggen 
zahlen, und welches sind die Ursachen und Be- 
dingungen, daß gerade dieser und kein anderer Preis 27 
gezahlt werden kann'? 
Da bei einer Steigerung des Kornpreises der Anbau der 
Ebene sich immer weiter ausdehnt, so kann nicht in dem 
Mangel an Lebensmitteln die Schranke für den Wachstum 
der Stadt liegen; sondern diese Schranke muß in den Ver- 



— 426 — 

hältnisseu der Stadt selbst, iii der Schwierigkeit oder Uii- 
rnögliehkeit, melir Fabrikate als bisher für ein bestimmtes 
Quantum Lebensmittel hinzugeben, gesucht werden. 

8) Die Voraussetzung, daß der isolirte Staat nur die 
eine große Stadt enthalte, dient zur Vereinfachung der 
Untersuchung, ist aber mit der Konsequenz nicht verträglich 
und muß hier wieder aufgehoben werden. 

In der Wirkliclikeit ist die Entstehung der Städte oft vom 
Zufall abhängig gewesen. Neben der Hütte des ersten An- 
siedlers schlug ein zweiter seine Hütte auf, weil die gegen- 
seitige Dienstleistung beiden nützlich war. Aus gleichem 
Grunde schloß sich diesen ein dritter, vierter usw. an, bis 
zuletzt eine Stadt entstand. 

Gar manche der aus dieser oder einer ähnlichen Ver- 
anlassimg entstandenen Städte würde man, wenn sie nur 
ti-ansportabel wären, gerne nach einer anderen Stelle ver- 
setzen. 

In dem isolierten Staat dagegen, wo überall Konsequenz 
herrschen soll , muß auch in Beziehung auf die Größe und 
Verteilung der Städte Gesetzmäßigkeit obwalten. Als oberstes 
Prinzip dürfte hier der Satz aufzustellen sein: 

Die Städte müssen in bezug auf Größe und Entfernung 
voneinander so über das Land verbreitet sein, daß 
daraus das größte National-Einkommen hervorgeht. 

Diesem Prinzip aber wird entsprochen, wenn die Ge- 
werbe und Fabriken da ihren Sitz haben, wo sie am wohl- 
28 feilsten fabrizieren und ihre Erzeugnisse zu den niedrigsten 
Preisen an die Konsumenten gelangen lassen können. 

Dies führt denn neben manchen anderen Fragen auch 
zu nachstellenden: 

a) Welche Gründe bestimmen zur Anhäufung der Men- 
schen in großen Städten, und welche Fabriken haben natur- 
gemäß ihren Sitz in der Hauptstadt? 

b) In welchem Verhältnis steht die Größe und Entfernung 



— 427 — 

der Landstädte untereinander mit der dichteren oder dünneren 
Bevölkerung des Landes? 

c) Welche Rückwirkung hat die größere oder geringere 
Entfernung von den Landstädten auf den Landbau und auf 
die Bildung des Landvolks? 

9. Durch welches Gesetz wird der Preis der Viehpro- 
dukte bestimmt, wenn der isolierte Staat statt der Kreise 
der Yiehzucht mit einer Sand wüste umgeben ist? 

10. Der isolierte Staat ist auf die Voraussetzung ge- 
gründet, daß der Boden desselben nicht bloß von gleicher 
physischer Beschaffenheit sei, sondern — mit alleiniger Aus- 
nahme des Kreises der freien Wirtschaft — auch überall 
gleichen Reichtum an Pflanzennahrung enthalte. 

Der Reichtum des Bodens aber ist eine veränderliche 
von der Macht des Menschen abhängige Potenz, und so 
drängt sich die Frage auf, ob der ursprünglich gleich frucht- 
bare Boden bei konsequenter Bewirtschaftung auch in allen 
Gegenden des isolierten Staats von gleicher Fruchtbarkeit 
bleiben werde. 

Der höhere Reichtum des Bodens ist nicht umsonst zu 
erlangen, sondern muß durch Auslagen oder durch eine 
schonende, mit zeitweiser Verminderung des Reinertrags ver- 
bundene Wirtschaft erkauft werden. Einerseits ist nun die 
Größe des zu bringenden Opfers, und andererseits ist der 
Nutzen, den die Bereicherung des Bodens gewährt, von der 29 
Höhe des Getreidepreises und des Preises der Viehprodukte 
abhängig, und folglich ist der Betrag beider — des Opfers 
und des Nutzens — in den verschiedenen Gegenden des 
isolierten Staats gar sehr verschieden. 

Es scheint demnach der angemessene Reichtum des 
Bodens auch in einer gewissen Verbindung und Beziehung 
mit dem Preise der ländlichen Erzeugnisse stehen zu müssen. 

Die aus dieser Ansicht sich ergebende Aufgabe ist nun 
diese : 



— 428 — 

Bis zu welclieni Punkt muß die Bereicherung des 

Bodens in den verschiedenen Gegenden des isolierten 

Staats getrieben werden, wenn der Forderung der 

Konsequenz Genüge geleistet werden soll? 

11. Da die Konstruktion des isolierten Staats aus der 

Lösung der Aufgabe: „Wie wird sich die Wirtschaft des 

Guts Tellow ändern, wenn dasselbe nach den verschiedeneu 

Gegenden des Staats verlegt wird" hervorgegangen ist; so 

liegt hierin schon die Bedingung, daß alle Güter dieses 

Staats die Größe des Gutes Tellow haben. 

Nach dem hier gewählten Standpunkt müssen wir es 
aber zur Frage stellen, ob das Gut Tellow die Größe hat^ 
bei welcher der Reinertrag des Bodens der höchste ist, und 
wir werden dadurch zu den drei Aufgaben geführt: 

a) Wie kann unter gegebenen, ganz bestimmten Verhält- 
nissen ermittelt werden , welche Größe die Güter haben 
müssen, damit der Boden die höchste Rente gibt? 

b) Hat die größere oder geringere Entfernung vom 
Marktplatz einen Einfluß auf die zweckmäßigste Größe der 
Güter? 

c) Welchen Einfluß hat das Steigen des Bodenreichtums 
auf die zweckmäßigste Größe der Güter? 

30 12, In dem ersten Teil ist nachgewiesen, wie mit der 
größeren Entfernung des Ackers vom Hofe die Kosten des 
Landbaues wachsen, und die Rente des Bodens abnimmt. 

Dort mußte, um die Untersuchung nicht zu verwirren, 
vorausgesetzt werden, daß der Acker vom Hofe bis zur 
Grenze gleichen Reichtum enthalte und einem und demselben 
Wirtschaftssystem unterworfen sei. 

Jetzt, wo wir die gemachten Voraussetzungen eine nach 
der anderen wieder aufheben, indem wir sie selbst zum Gegen- 
stand der Untersuchung machen, drängen sich die Fragen auf : 

a) Ist es zweckmäßig, den Acker vom Hofe an bis zur 
Gutsgrenze in gleichen Reichtum zu versetzen, und wenn 



— 429 — 

<liese Frage verneint wird, welche Abstufung muß dann 
stattfinden ? 

b) Wie muß auf großen Gütern das Wirtschaftssystem 
auf dem Acker in verschiedenen Entfernungen vom Hofe 
sich ändern, damit das Ganze den höchsten Reinertrag ge- 
währt ■? 

13. Die Aufgabe, vom Boden den liöchsten Reinertrag 
zu gewinnen, schließt für die Güter des isolierten Staats, die 
nur zum eigenen Verbrauch Holz erzeugen, die Aufgabe in 
sich: „Wie ist das Holz mit den geringsten Produktions- 
kosten zu erzielen?-' Dies führt zu nachstehenden Fragen: 

a) Wie sind die Produktionskosten des Holzes für einen 
gegebenen Fall zu berechnen? 

b) Wie ändern sich mit der zunehmenden Entfernung 
von der Stadt bei gleichem Betrieb die Produktionskosten 
■des Bau- und Brennholzes? 

c) Welche Änderung muß im Forstbetrieb, namentlich 
in der Umtriebszeit und in der Durchforstungsmethode in 
den verschiedenen Gegenden des isolierten Staats mit der 
Änderung des Holzwerts vorgehen, wenn das Holz mit den 
mindesten Kosten erzeugt werden soll? 

14. Aus der Art, wie der isolierte Staat konstruiert ist, 31 
geht hervor, daß für die landwirtschaftlichen Gebäude in 
allen Gegenden des Staats eine und dieselbe Bauart an- 
genommen ist. Ist dies aber mit der Konsequenz verträglich? 

Die zum Betrieb der Landwirtschaft notwendigen Ge- 
bäude verursachen einen vierfachen jährlichen Kostenaufwand, 
nämhch : 

1. die Zinsen von dem auf die Errichtung derselben 
verwandten Kapital, 

2. die jährlichen Unterhaltungs- oder Reparaturkosten, 

3. die Abnutzung oder jährliche Wertsverminderung, 

4. die Assekuranzprämie gegen Feuersgefahr. 

Die sub 2 und 3 aufgeführten Kosten vermindern sich 



— 430 — 

immer mehr, je solider die Gebäude aufgeführt werden; 
gleichzeitig steigen dann aber die Kosten Nr. 1 und Nr. 4. 

Es muß also einen Grad der Solidität der Bauart geben,, 
bei welchem die Summe dieser Kosten ein ]\Iinimum ist. 

Die Konsequenz in der Bewirtschaftung eines Guts fordert 
das Maximum der Landrente. Dieses Maximum kann aber 
nur erlangt werden , wenn die Baukosten , bei vollständiger 
Erreichung des Zwecks der Gebäude, den möglichst ge- 
ringsten Teil vom Gutsertrage hinwegnehmen. Die Er- 
forschung der Bauart, bei welcher die auf den jährlichen 
Ertrag zu repartierenden Baukosten das Minimum betragen, 
bildet also einen Teil der zu lösenden Aufgabe. 

Dies führt nun zu den Fragen: 

a) Auf welche Weise sind die auf ein einzelnes Jahr 
fallenden Baukosten zu ermitteln, und wie sind diese auf 
die einzelnen Kulturzweige zu repartieren? 

b) Da die Produktionskosten des Bauholzes mit der zu- 
nehmenden Entfernung von der Stadt schon deshalb, weil 
die Landrente — ein Bestandteil des Holzpreises — so sehr 

32 abnimmt, immer geringer werden, und somit auch das Preis- 
verhältnis zwischen den verschiedenen Baumaterialien, als 
Eichenholz, Kiefernholz, Mauersteinen, Dachziegeln, Dachstroh 
usw. , sich mit der Entfernung stets ändert : so kann auch 
nicht eine und dieselbe Bauart für den ganzen isolierten 
Staat die vorteilhafteste sein. Es fragt sich nun, wie mit 
der zunehmenden Entfernung von der Stadt die Bauarten — 
z. B. mit Wänden von Mauersteinen, Lehm, Fachwerk, Bohlen 
usw. — sich ändern müssen , um die auf jedes Jahr im 
Durchschnitt fallenden Baukosten auf das Minimum herab- 
zubringen y 

15. In dem ersten Teil ist zwar schon von der Wirkung 
der Abgaben die Rede gewesen; aber dort w^urden Arbeits- 
lohn, Zinsfuß, Sorgfalt der Bestellung und Reichtum des 
Bodens als konstante Größen betrachtet. Bei der Erweitenmg 



— 431 — 

unserer Untersuchung, wo alle diese Potenzen als veränder- 
lich betrachtet werden, entsteht nun die Aufgabe: 

Wie wirken die Abgaben auf die genannten Potenzen? 

16. In allen bisherigen Untersuchungen haben wir stets 
nur den Durchschnittsertrag des Bodens vor Augen gehabt, 
oder was dasselbe ist, Jahre von mittlerer Fruchtbarkeit an- 
genommen. 

Die in der Wirklichkeit stattfindende Ungleichheit der 
Jahresfruchtbarkeit bringt aber in den Wirtschaftsbetrieb 
vielfache Störungen und führt öfters Mangel und Not für 
die Konsumenten herbei. Dies führt zu Betrachtungen über 
die Fragen: 

a) Welche Änderungen in dem regelmäßigen Wirtschafts- 
betrieb müssen in Jahren von abnormer Fruchtbarkeit vor- 
genommen werden ; und äußert sich die Wirkung solcher Jahre 
in allen Gegenden des isolierten Staats auf gleiche Weise? 

b) Bei reichen wie bei schlechten Ernten hören die 33 
Produktionskosten auf, Regulator des Kornpreises zu sein. 
Nach welchen Gesetzen richtet sich nun in solchen Jahren 
der Kornpreis? 

Eine befriedigende Beantwortung der letzten Frage würde 
einen Anhaltspunkt für die Spekulationen der Kornhändler 
geben. 

17. In der Wirklichkeit ist alles Erscheinende, nur 
Übergangsstufe zu einem unerreichten noch fernen Ziel. 

Im isolierten Staat haben wir dagegen stets den end- 
lichen Erfolg, also das erreichte Ziel, vor Augen gehabt. 
Mit dem erreichten Ziel tritt Ruhe und damit der beharrende 
Zustand ein — und hier erblicken wir Gesetzmäßigkeit, 
während in der Übergangsperiode manches uns als ein un- 
entwirrbares Chaos erscheint. Der beharrende Zustand kann 
aber aus folgenden Gründen in der Wirklichkeit nicht statt- 
finden. 

1. Schon der einzelne Mensch bleibt in den verschiedenen 



— 432 — 

Stadien seines Lebens nicht derselbe, noch weniger aber 
bleiben die nacheinander folgenden Generationen sich gleich. 
Das Menschengeschlecht selbst ist noch im Ringen nach einem 
fernen, nicht klar erkannten, kaum erst geahnten Ziel begriffen. 

2. "Was auch von der lebenden Generation schon als 
Zweck und Ziel erkannt ist, erfordert doch zu seiner Ver- 
wirklichung eine Zeitdauer, die die Lebenszeit des Menschen 
oft weit übersteigt. — 

3. In die Natur sind Eigenschaften und Kräfte gelegt, 
deren Entdeckung und richtige Benutzung eine der höchsten 
Aufgaben des menschlichen Geistes zu sein scheint, indem 
dadurch die menschliche Arbeit lohnender und fruchtbringender 
gemacht, und somit das Wohl der Menschheit im hohen 
Grade gefördert wird. Aber die Natur enthüllt dem Menschen 
ihre Geheimnisse nur allmählich, und da jede große Eut- 

34 deckung eine Änderung oder gar Umwandlung in dem Leben 
der büi'gerlichen Gesellschaft hervorbringt, so ist auch das 
Streben und das Ziel derselben in gewerblicher Beziehung 
selbst dem Wandel unterworfen. Aber trotz dieser Wandel- 
barkeit liegt in dem einzelnen, was wir der Betrachtung 
unterziehen, der Keim zu einer bestimmten — nicht zu- 
fälligen, nicht willkürlichen Entwickelung, und wie wir wissen 
welcher Baum aus der in die Erde gelegten Eichel einst 
hervorgehen wird, so können wir auch hier die aus der 
Entwickelung des Keims entsprossende Frucht — den endlichen 
Erfolg — unter der Voraussetzung, daß keine störenden Ein- 
wirkungen stattfinden, im voraus erkennen und im Geiste 
anschauen. Hierin aber liegt die Berechtigung bei unseren 
Untersuchungen, den beharrenden Zustand ins Auge zu fassen 
und zu Grunde zu legen. 

Die durch diese Methode erlangte Erkenntnis kann aber 
wesentlich dazu beitragen, über die verwirrenden Erschei- 
nungen während der Entwickelung und des Übergangs Licht 
zu verbreiten. 



— 433 — 

Wenden wir dies auf den isolierten Staat an, so finden 
wir uns aufgefordert, die Wirkungen, welche die Erfinduog 
neuer Maschinen, neuer Kommunikationsmittel usw. bei 
ihrem ersten Auftreten auf den Wolüstand der bürgerlichen 
Oesellschaft ausüben, mit den Folgen, die sich später 
daraus entwickeln, zu vergleichen — somit also das ge- 
heimnisvolle Werden — zum Gegenstand der Betrachtimg 
zu machen. 

Überblicken wii' nun die Vielseitigkeit und Mannig- 
faltigkeit der aufgestellten Fragen, und erwägen wir, daß 
mit der Forderung der Konsequenz an die aus der Wirk- 
lichkeit in den isolierten Staat übertragenen Verhältnisse, 
neben den angeführten Punkten noch fast alle übrigen Ver- 
hältnisse der bürgerlichen Gesellschaft zur Untersuchung ge- 
zogen werden müssen, daß damit statt des Bestehenden das 
Vernunftmäßige erforscht, und somit das Ziel selbst aufgestellt 
werden soll: so ergibt sich von selbst, daß die Lösung der 35 
Aufgabe nicht das Werk des einzelnen , nicht einmal das 
Werk einer Generation sein kann. Es ist vielmehr die Arbeit 
der Geschichte selbst, die das, was von der gesamten 
Menschheit in mehreren Geschlechtern vollbracht wird, sammelt 
— und so kann es erst einem späteren Forscher, der die 
Materialien vorfindet, gelingen, Grund und Zweck der statt- 
gefundenen Bewegung in sich zum Bewußtsein zu bringen 
und aus den Bruchstücken ein systematisches Ganze zu bilden. 
Diese Erkenntnis könnte wohl den einzelnen entmutigen, 
Hand ans Werk zu legen. 

Hier aber zeigt sich die unendliche Wichtigkeit des oben 
gegebenen Beweises, daß das durch die Methode, nur eine 
Potenz als wirkend, die anderen als ruhend oder konstant zu 
betrachten , erlangte Resultat nicht ein unwahres , sondern 
nur ein unvollständiges, und darum letzteres nur so lange 
ist, bis alle anderen mitwirkenden Potenzen einer ähnlichen 
Untersuchung unterworfen sind — daß also jede Forschung 

Thünen, Der isolierte Staat. 28 



— 434 — 

über einen noch so kleinen Punkt der Anfgabe ein Baustück 
zur Aufführung des großen Gebäudes werden kann. 

Bei den Lesern, die in diese Ansicht eingehen und die 
ganze Größe der Aufgabe erfaßt haben, glaube ich kaum der 
Entschuldigung zu bedürfen, wenn hier überhaupt nur Bruch- 
stücke geliefert werden, wenn die Ausführung der einzelnen 
Kapitel höchst ungleich wird, indem der Verfasser bei solchen 
Punkten, die läugere Zeit Gegenstand der Betrachtung für 
ihn gewesen sind, verweilt und ins Detail geht, andere Punkte 
dagegen bloß andeutet, und wenn endlich in einigen Kapiteln 
statt des Versuchs zur Lösung der Aufgabe nur neue Fragen 
und Probleme aufgestellt werden, indem der Verfasser sich 
schon befriedigt fühlt, wenn er andere dadurch zur Forschung 
anregen kann. 



Erster Abschnitt. 36 



Der isolierte Staat mit einer kultur- 
fähigen Wildnis umgeben in bezug 
auf Arbeitslohn und Zinsfufs. 



§ 1. 

Unklarheit des Begriffs vom natürlichen 
Arbeitslohn. 

(Geschrieben im Jahr 1842.) 

Alle nationalökonomischen Studien führten mich immer 
auf die Frage zurück: Ist der geringe Lohn, den die ge- 
wöhnlichen Handarbeiter fast überall erhalten, ein natur- 
gemäßer, oder ist dieser durch Usurpation, der sich die 
Arbeiter nicht wieder entziehen können, entstanden? 

Da der niedrige Arbeitslohn seinen Ursprung darin hat, 

daß die Kapitalisten und Grundbesitzer von dem Erzeugnis, 

das die Arbeiter hervorbringen, sich einen so großen Teil 

zueignen : so führt jene Frage sogleich zu der anderen Frage : 

Welches ist das Gesetz, wonach die Yerteilung des 

Arbeitserzeugnisses zwischen Arbeiter, Kapitalisten und 

Grundbesitzer naturgemäß geschehen soll? 

Die Erforschung dieses Gesetzes bietet nicht bloß ein 37 

28* 



— 436 — 

üatioualökoaomisclies Interesse dar, sondern hat auch eine 
sehr ernste, moralische Beziehung. 

Man kann von dem redlichsten Willen, seine Pflicht 
zu erfüllen, beseelt sein, und doch anderen großes Unrecht 
tun — wenn man nicht weiß und nicht erkennt, was 
Pflicht ist. 

In dem Begriff von dem, was Pflicht gegen die Arbeiter 
ist, was dem Arbeiter als Lohn zukommt, welche Forderungen 
des Arbeiters man als ungerecht zurückweisen darf — in 
allen diesen herrscht die freieste Willkür, und jeder kann 
sich dies beantworten, wie es ihm bequem ist; denn selbst 
die Wissenschaft gibt hierüber keine andere Aufklärung als 
diese: „Die Höhe des Arbeitslohns wird durch die Konkun-enz 
der Arbeiter, durch das Verhältnis zwischen Begehr nach 
Arbeit und Angebot derselben bestimmt," in w^elcher durch 
eine BegrifTsverwechslung das Faktische für eine Erklärung 
— das, was geschieht, für den Grund der Erscheinung ge-: 
nommen wird. Ja, es hat die Ansicht, als käme dem Ar- 
beiter nichts zu, als was er zu seinem Lebensunterhalt not- 
wendig bedarf, als sei die Summe der zur Erhaltung des 
Lebens und der Arbeitsfähigkeit notwendigen Subsistenz- 
mittel auch der natürliche Arbeitslohn, sich der Gemüter 
dermaßen bemächtigt, daß das Gewissen ruliig schläft, so 
lange der Arbeiter nicht wirkliche Not leidet. 

Sobald denn diese Not sichtlich stattfindet, tritt auch 
das schöne religiöse Gefühl, die christliche Pflicht, den 
Leidenden zu unterstützen, helfend und rettend auf; aber — 
die Quelle der Not wird dadurch nicht verstopft. 

Am verderblichsten aber wirkt die Unklarheit der An- 
sicht über den natürlichen Arbeitslohn bei der Auflegung 
von Abgaben. 

Die Ständeversaramlungen der konstitutionellen Staaten 

streben mit aller Kraft dahin, sich gegen Fürstenwillkür zu 

38 sichern und zu verwahren. Aber die Mitglieder der stän- 



— 437 — 

dischen Versammlungen gehören sämtlich den gebildeten und 
wohlhabenden Klassen der Gesellschaft an, während die 
zahlreichste Klasse, die der gemeinen Arbeiter, überall nicht 
veitreten ist — und so kann es geschehen, daß dieselbe 
Versammlung, die so kräftig gegen Fürstenwillkür auftritt, 
gegen das Volk selbst Willkür ausübt und durch Bewilli- 
gung von Abgaben, durch Gesetzesvorschläge usw. zum 
Unterdrücker der Arbeiter wird. Es bedarf hierzu nicht des 
bösen Willens, nicht einmal der Triebfeder des Eigennutzes, 
es bedarf nur der Ansicht, daß dem Arbeiter nichts weiter 
zukommt, als was zu seinem notwendigen Unterhalt er- 
forderlich ist — um ein solches Resultat herbeizuführen. 

Wenn aber einst das erwachende Volk die Frage auf- 
stellt und praktisch zu lösen versucht: „Welches ist der 
naturgemäße Anteil des Arbeiters an seinem Erzeugnis ?" so 
kann ein Kampf entstehen, der Verheerung und Barbarei 
über Europa bringt. 

Ein großes Übel ist es, daß diese Frage selbst in der 
Wissenschaft noch nicht gelöst ist, daß keine Partei weiß, 
was recht ist, und daß der aus den unlauteren Motiven des 
eigenen Interesses hervorgehende Kampf in der Erkenntnis 
der Pflicht und Wahrheit kein Gegengewicht findet. 

Denn wenn von einigen nationalökonomischen Schrift- 
stellern — mit denen die große Mehrzahl der Gewerbs- 
unternehmer aus Instinkt übereinstimmt — das zum not- 
wendigen Lebensunterhalt erforderliche Quantum Subsistenz- 
mittel für den natürlichen Arbeitslohn erklärt wird, wenn 
von anderen Schriftstellern die Bestimmung des Arbeitslohns 
der regel- und gesetzlosen KonkuiTcnz anheim gestellt wird : 
so ist dadurch nur das, was in der Wirklichkeit geschieht, 
ausgesprochen. 

Wenn dagegen die Arbeiter behaupten, daß das, was in 39 
der Wirklichkeit geschieht, ein Unrecht sei: so hat jenes 
vermeintliche Gesetz seinen ganzen Halt verloren, und statt 



— 438 — 

der Berufung auf die Erfahrung muß ein auf Vernunft- 
gründen beruhendes Gesetz nachgewiesen werden. 

Schon jetzt zeigen sicli in Frankreich — diesem Herd 
der sich über Europa verbreitenden Erschütterungen — in 
den Ansichten und Lehren der Kommunisten die ersten 
Spuren des beginnenden, für jetzt noch unblutigen Kampfs. 

Dieser Gegenstand bietet aber noch eine andere tief- 
ernste Seite dar. 

Wir finden in der Weltgeschichte, daß irgendeine große 
Idee das Menschengeschlecht Jahrhunderte hindurch be- 
schäftigte und durchdrang, ja daß die Weltgeschichte selbst 
in solchen Perioden nur die Entwicklung und die allmähliche 
Verwirklichung der Idee darstellt. 

Aber eine solche Realisation der Idee ist stets mit un- 
geheuren Kämpfen, mit der Verheerung oder dem Unter- 
gange ganzer Reiche verbunden gewesen. 

So haben die Religionskriege fast ein Jahrtausend hin- 
durch die Erde erschüttert und unsägliches Elend über 
Millionen Menschen gebracht. 

Jetzt wird seit dem Beginn der französischen Revolution 
die Welt durch die Idee der konstitutionellen Freiheit be- 
wegt. Schon das erste Auftauchen dieser Idee hat einen 
28 jährigen Kampf, der sich sukzessive über ganz Europa 
verbreitete, zur Folge gehabt. 

Zwar ist gegenwärtig eine momentane Ruhe eingetreten, 
aber dies ist vielleicht nur die Ruhe vor dem Sturm, denn 
die Gärung hat noch nicht aufgehört, die Idee ist von ihrer 
Realisation noch weit entfernt — und es ist nicht abzusehen, 
welche Stürme der Zukunft noch bevorstehen. 
40 Aber jenseits dieser Kämpfe lauscht schon ein anderer, 
der in dem Ringen nach konstitutioneller Freiheit schon als 
Keim enthalten ist, und der leicht verderblicher und ver- 
heerender werden kann, als irgendeiner der früheren. 

Es ist ein betrübendes Ergebnis der Geschichte, daß in 



— 439 — 

der Regel der Irrtum niclit durch die Wahrheit, die Un- 
gerechtigkeit nicht durch die Vernunft und das Recht, 
sondern durch eine andere Ungerechtigkeit bekämpft wird, 
und daß erst nach unzähligen Schwingungen nach beiden 
Seiten Mn das Wahre und Rechte zur Yerwirklichung gelangt. 

Adam Smith sagt: Wenn man einen krummen Stab 
gerade machen will, bringt man ilin nicht in die gerade 
Richtimg, sondern biegt ihn nach der anderen Seite hinüber. 

So auch begnügen sich die Kommunisten nicht damit, 
für die Arbeiter einen naturgemäßen Lohn zu verlangen, 
sondern gehen sogleich zu chimärischen Hoffnungen, zu ver- 
nunftwidrigen Forderungen über. 

Aber die Übertreibung ist anziehend und reißt die 
Menge zur Begeisterung hin, während das Gemäßigte aber 
Wahre die Menge kalt läßt. 

Es ist deshalb sehr zu fürchten, daß die Ansichten der 
Kommunisten sich verbreiten und in dem Gemüt des Volks 
Wurzel schlagen, zumal wenn diese Ansichten von gewandten 
und beredten, aber ungründlichen Schriftstellern verkündigt 
und veröffentlicht werden. 

Sollten in fernerer Zukunft die Kommunisten unglück- 
licherweise in Frankreich jemals zur Herrschaft gelangen, 
und ihre Heere, gleichzeitig bewaffnet mit dem Schwert und 
mit Proklamationen, die unseren Soldaten Teilung des Eigen- 
tums und Gleichheit des Vermögens verheißen, unsere Grenze 
übersclu-eiten — welcher Widerstand ist dann zu erwarten, 
und wo ist dann die Grenze der Umwälzungen und Ver- 
heerungen — — ? 

Sicherlich aber liegt es nicht in dem Plan des Welt- 41 
geistes Qder der Vorsehung, daß jeder Fortschritt in der 
Ausbildung des Menschengeschlechts erst nach unzähligen 
Rückschritten zur Tat werden und durch Ströme von Blut 
und den Jammer mehrerer Generationen erkauft werden soll. 
In der Erkenntnis der Wahrheit und des Rechten, in der 



— 440 — 

Bezähmung des Egoismus, vermöge welcher der Bevorzugte 
freiwillig herausgibt, was er unrechtmäßig besitzt, liegt das 
Mittel, das Menschengeschlecht seiner Ausbildung und höheren 
Bestimmung friedlich und heiter entgegenzuführen. 

Wo aber Irrtum und Egoismus die Herrschaft führen^ 
da tritt, wie die "Weltgeschichte zeigt, die Nemesis furchtbar 
rächend auf. Die hohe und hehre Aufgabe der Wissenschaft 
aber ist es, nicht durch die Erfahrung, durch den Verlauf 
der Geschichte, sondern durch die Vernunft selbst die Wahr- 
heit und das Ziel, wonach wir streben sollen, zu erforschen 
imd zur Erkenntnis zu bringen. 



Über das Los der Arbeiter. 

Ein Traum ern.sten Inhalts. Niedergeschrieben ira .lahr 1826. 

Es ist ein großes l'bel, daß in allen Staaten, selbst in 
denen mit repräsentativen Verfassungen, die zahlreichste 
Klasse der Staatsbürger, nämlich die der gemeinen Hand- 
arbeiter, gar nicht vertreten ist. 

Unverhältnismäßig hoch ist die Belohnung jedes Indu- 
strieuntemehmers {z. B. des Fabrikanten, des Pächters und 
selbst des bloßen Administrators) im Vergleich mit dem Lohn 
lies Handarbeiters. 

Warum wird dies Mißverhältnis aber nicht ausgeglichen 
durch den Übertritt der geschicktesten Handarbeiter zu der 
42 Klasse der Unternehmer, da doch hier eine freie Konkurrenz 
stattfindet? 

Weil es den Arbeitern an den Schuikenntnissen fehlt, 
ohne welche man bei aller sonstigen Tüchtigkeit nicht Unter- 
nehmer, nicht Administrator sein kann. 



— 441 — 

"Warum aber mangelt es den Arbeitern an diesen Schul- 
kenntuissen ? 

Weil ihr Lohn so geringe ist, daß sie für ihre Kinder 
nicht den Aufwand machen können, den die Erlernung dieser 
Kenntnisse erfordert. 

Warum aber ist der Lohn so geringe? 

Weil gerade in dieser Klasse durch fi-ühe Ehen die Ver- 
mehrung so stark ist, daß das Angebot von Arbeitern fast 
immer stärker ist, als die Nachfrage nach denselben — wo- 
durch der Lohn so tief herabsinkt, daß dadurch gerade nur 
die aDernotwendigsten Lebensbedürfnisse bestritten werden 
können. Ja es ist leider wahr, daß eine noch größere Ver- 
mehrung bloß durch den Hinblick auf das Elend, was unter 
einem Teil dieser Klasse herrscht, zurückgehalten wird. 

So sind also die Arbeiter an der geringen Belohnung, 
tue sie für ihre Arbeiten erhalten, selbst schuld. 

Wie ist aber diesem abzuhelfen? 

Nicht anders als durch eine Änderung des Volks- 
charakters. 

^klänner aus den mittleren und höheren Ständen, wenn 
sie gleich ein Kapital von einigen Tausend Talern, oder ein 
Einkommen von mehreren Hundert Talern besitzen, heiraten 
in der Eegel doch nicht eher, als bis ihr Einkommen hin- 
reicht, eine Familie genügend zu ernähren und den Kindern 
eine gute Erziehung zu geben. Gewöhnlich findet dies nicht 
vor dem 30. Jahr statt. Sie wüi-den viel früher heiraten 
können, wenn sie so leben und ihre Kinder so erziehen wollten, 43 
wie die Tagelöhner: aber sie opfern das Glück, was die 
Ehe gewähren kann (nicht immer gewährt), für eine Zeit- 
lang auf, weil in ihren Augen ein ärmliches Leben und 
eine schlechte Erziehung ihrer Kinder so große Übel sind, 
daß sie durch das Glück der Ehe nicht kompensiert werden. 

Der Arbeiter dagegen heiratet, wenn er nur eine Woh- 
nung bekommen kann, sobald er das 20. Jahr überschritten 



— 442 — 

hat und nichts als die Kraft seiner Arme mitbringt, um 
eine Famihe zu unterhalten. Für ihn hat also die Ehe 
mehr Reiz, als alles Elend, was seiner im Hintergrunde 
wartet, als die Aussicht, seine Kinder ohne genügenden 
Unterricht aufwachsen zu lassen, Abschreckendes für ihn 
haben könnte. Ihm genügt es, seine Kinder bloß physisch 
aufzuziehen — die geistige Ausbildung derselben ist für ihn 
kein Bedürfnis. 

Welche Folgen würde es aber haben, wenn der Yolks- 
charakter sich dahin änderte, daß die Arbeiter, wie die 
mittleren Stände, ein vor Mangel bewahrtes Leben, eine 
geistige Ausbildung ihrer Kinder zum Bedürfnis rechneten 
und sich der Ehe so lange enthielten, bis sie für die Befrie- 
digung dieser Bedürfnisse gesichert wären? 

Vermindertes Angebot von Ai'beitern und erhöhter 
Arbeitslohn würde die erste unmittelbare Folge davon sein. 
Wie soll aber der Tagelöhner dahin gelangen, eine 
geistige Ausbildung seiner Kinder zu den Notwendigkeiten 
des Lebens zu rechnen, wenn er selbst nicht den Trieb 
zur geistigen Entwicklung in sich fühlt? Denn so lange 
ihm dieser Trieb fehlt, wird er den ersparten Taler zur 
Befriedigung sinnlicher Genüsse und nicht zum besseren 
Unterricht seiner Kinder verwenden. 

Wollen wir, daß die Arbeiter, um ihren Kindern eine 
bessere Erziehung zu geben, künftig das Opfer bringen sollen, 
sich der Ehe länger zu enthalten: so muß in der jetzigen 
44 jüngeren Generation das Bedürfnis nach geistiger Entwicklung 
geweckt werden. Dies kann aber nur durch besseren Schul- 
unterricht erreicht werden — und da die jetzigen Arbeiter 
weder das Vermögen, noch den Willen haben, die Kosten 
des besseren Unterrichts zu bezahlen : so müssen die Unter- 
richtsanstalten auf Kosten des Staats errichtet und unter- 
halten werden. 

Ist dies vollbracht, ist der Lohn erhöht und haben die 



— 443 — 

Arbeiter die Schulbildung erlangt, die der Gewerbsunter- 
nehmer besitzen muß : so ist die Schranke gefallen, die bis- 
her zwischen beiden Ständen stattfand. Das Monopol der 
letzteren hört auf, und indem die Söhne der Arbeiter, die 
a,n mindere Bedürfnisse gewöhnt sind, mit ihnen in Kon- 
kiurenz treten, wird der Gewerbsprofit vermindert. Der 
minder fähige Teil der Gewerbsunternehmer, mit Einschluß 
der Administratoren, Commis usw. wird dadurch gezwungen, 
zur Klasse der Handarbeiter überzugehen; der fähigere 
Teil derselben wird eine Beschäftigung verlassen, die so 
Avenig Belohnung mehr darbietet, sich den Studien widmen 
und sich um Staatsämter bemühen — und so wird auch 
in diesem Fache eine große Konkurrenz eintreten, welches 
eine Verminderung der Besoldungen der Staatsdiener und 
eine Ersparung an den Kosten der Staatsverwaltung zur 
Folge hat. 

In einem solchen Zustand der Gesellschaft werden nur 
wenige, sehr reiche Leute ohne Arbeit leben können: die 
Handarbeit wird sehr hoch bezahlt werden, und zA\ischen 
der Belohnung des Handarbeiters, des Industrieunternehmers 
und des Staatsdieners wird ein weit geringerer Unterschied 
als jetzt stattfinden. 

Während jetzt ein Teil der Menschen unter der Schwere 
der körperlichen Anstrengung fast erliegt und seines Lebens 
kaum froh werden kann, der andere Teil aber sich der Arbeit 45 
schämt , den Gebrauch seiner Körperkräfte verlernt und dafür 
durch Mangel an Gesundheit und Frohsinn büßt — werden 
dann vielleicht die meisten Stände ilire Zeit zwischen 
geistiger Beschäftigung und mäßiger körperhcher Arbeit teilen, 
und der Mensch so wieder zu dem naturgemäßen Zustand 
und zu seiner Bestimmung — der Übung und Ausbildung 
aller seiner Kräfte und Anlagen — zurückgeführt werden. 

Wenn auch in einem solchen Zustand der Gesellschaft 
nicht alle Leidenschaften der Menschen zum Schweifen 



— 444 — 

gebracht werden, so müssen doch die Verletzungen des 
Eigentums, und die Verbrechen, die aus der Not und der 
bitteren Armut entspringen, seltener werden, ja fast ganz 
aufhören. 

Erwägt man nun, daß mit der größeren Verbreitung der 
geistigen Ausbildung auch die Zahl derer wächst, welche 
befähigt sind, Entdecliungen und Erfindungen im Maschinen- 
wesen und Landbau zu machen, daß jede solche Erfindung 
die Arbeit des Menschen wirksamer macht und durch ein 
größeres Produkt lohnt, daß also mit der steigenden geistigen 
Kultur der Mensch mehr und mehr der mühevollen körper- 
lichen Anstrengung überhoben wird : so möchte man schließen, 
daß das menschliche Geschlecht nach Jahrtausenden zu 
einem paradiesischen Zustand gelangen könne, wo der Mensch 
sein Leben nicht im Müßiggang, sondern in einer mäßigen, 
Geist und Körper übenden, Gesundheit und Frohsinn stär- 
kenden Tätigkeit hinbrächte. 

So wäre also das Paradies das Ziel, Avas das mensch- 
liche Geschlecht erst nach langem Ringen und Streben er- 
reichen kann, während die Tradition schon die ersten Men- 
schen in ein Paradies versetzt. 



46 Das Vorstehende wurde aufgefaßt und niedergeschrieben 
im Herbst 1826, als ich beim Studium der nationalökonomi- 
schen Werke von Say und Ricardo mich durch das, was 
darin vom Arbeitslohn gesagt ist, unbefriedigt fühlte. 

Ich nannte dasselbe „einen Traum'', weil es den damals 
in der Wissenschaft und dem praktischen Leben vorherr- 
schenden Ansichten so sehr entgegenstand , daß es weit mehr 
einem Luftgebilde , als der Wirklichkeit anzugehören schien. 
Unstreitig ist es auch ein Phantasiebild, aber dessenunge- 
achtet hat es auf meine Lebensansichten und meine Hand- 
lungen den entscheidensten Einfluß ausgeübt. Denn es ward 
dadurch die mit der Muttermilch eingesogene Ansicht der 



— 445 — 

Besitzenden, als sei der Arbeiter von der Natur selbst zum 
Lastträger bestimmt, als käme ihm für seine Anstrengung 
nur die Fristung seines Daseins zu — für immer erschüttert. 

Das Leben eines großen Teils der Landwirte, Gewerbs- 
unternehmer und selbst der Brotherren in den Städten wird 
tladurch verbittert, daß sie im steten Kampf mit ihren Ar- 
beitern und Dienstboten zubringen — indem sie das Ringen 
und Streben der letzteren nach einem besseren Lose, als 
«ine ungerechte Anmaßung betrachten, die sie auf jede Weise 
und mit allen Kräften bekämpfen müssen. 

Niemals aber ist der Mensch entschiedener und beharr- 
licher im ünrechthandeln , als wenn er durch einen Ver- 
standesirrtum das Unrechte ffh- das Rechte ansieht, und es 
dann für Pflicht hält, dasselbe mit allen Kräften aufrecht 
zu halten und durchzuführen. 

Das Gewissen mahnt dann nicht ab, denn nicht der Wille 
begeht das Unrecht, sondern der Mangel an Einsicht. Die 
Nemesis aber kümmert sich um diesen Unter- 
schied nicht — und ein Leben voll Bitterkeit, Kampf 
und Feindseligkeit ist die Frucht der Unwissenheit und 
des Irrtums. 

Irrtum und Unwissenheit sind überall verderblich, aber 
wolil bei keinem anderen Gegenstand in so hohem Grade, 
als bei diesem; denn hier wird dadurch die Ruhe und 47 
-das Glück von Millionen Menschen zerstört. 



Noch drängt sich mir hier eine andere Betrachtung auf. 

Als ich die in dem Traum dargestellte Ansicht auffaßte, 
stand diese der öffentlichen Meinung so schrofT entgegen, 
daß ich fürchten mußte, durch eine Bekanntmachung dieses 
Traums für einen Phantasten oder gar für einen Revolutionär 
gehalten zu werden, ohne daß ich glauben durfte, daß der- 
selbe irgend Anklang finden und Nutzen stiften würde. Ich 
teilte deshalb den Traum nur einzelnen Freunden mit und 



— 44G — 

beschloß, denselben nur in Verbindung mit wissenschaftlicliett 
Untersuchungen zur i)ffentlichkeit zu bringen. 

Seitdem ist noch kein volles Vierteljahrhundert verflossen' 

— und wie verändert hat sich in diesem kurzen Zeitraum 
die öffentliche Meinung und die Nationalanschauung über 
diesen Gegenstand. 

Wie milde, selbst matt erscheint jetzt das in dem Traum 
Verlangte, nachdem zur Förderung des Wohls der ärmsten 
und zahlreichsten Volksklasse die Sozialisten die Aufhebung 
des Erbrechts, die Kommunisten die Teilung des Eigentums,, 
die Egalitaires gar die Zerstörung der Städte und die Er- 
mordung der Eeichen verlangt haben! 

Kann aber im Publikum in der Auffassung eines Gegen- 
standes ein solcher Umschwimg in so kurzer Zeit erfolgen 

— wer vermag uns denn zu sagen, welche Ansichten nach 
dem abermaligen Verlauf eines Vierteljahrhunderts vor- 
herrschend sein, wie weit sie in den untersten Volksklassen 
verbreitet sein werden, und welche Folgen daraus entspringen 
mögen. 

Wie wohltuend aber auch die in dem Traum enthaltene 
Auffassung von der Zukunft des Menschengeschlechts dem 
48 Gefühl sein mag, indem sie uns mit dem Schicksal versöhnt 
und in der fortrollenden Geschichte uns eine der Menschheit 
wohlwollende Vorsehung erblicken läßt — immer ist dieser 
Traum nur eine Utopie, solange die Möglichkeit der Ver- 
wirklichung desselben nicht nachgewiesen ist. 

Zur Verwirklichung aber gelangt nur, was aus der Organi- 
sation der Menschheit sich mit Notwendigkeit entwickelt. 

Was helfen nun die frommen Wünsche von höherem 
Lohn und größerer Ausbildtmg der Arbeiter, wenn nicht nach- 
gewiesen wird, daß beides mit den in die menschliche Natin* 
gelegten Eigenschaften und Kräften verträglich ist? 

Sehen wir nicht daß Fabriken stille stehen, wenn der 



— 447 — 

Arbeitslohn steigt; wird nicht bei einem höheren Lohn der 
Anbau ganzer Strecken minder fruchtbaren Bodens aufhören, 
und dieser wüst liegen bleiben — und wird dann das Los 
der Arbeiter nicht noch trüber werden, als es jetzt ist? 

Nur das tiefere Eindringen in die Wissenschaft, welche 
uns die aus der menschlichen Natur entspringenden Gesetze 
klar macht, kann über diese Fragen Aufschluß geben — und 
so müssen wir, wenn wir über diesen das Los der Mensch- 
heit so nahe berührenden Gegenstand Licht haben wollen, 
uns der wissenschaftlichen Forschung hingeben, wie anmut- 
los, dürr und dornig auch der Weg sein mag, der dahin führt. 

Wir wenden uns nun zuerst zu Adam Smith, dem Yater 
der Nationalökonomie, um zu sehen, wie weit durch ihn die 
uns vorliegende Aufgabe gelöst ist. 



§ 3. 49 

Adam Smith's Ansichten über Arbeitslohn, 
Zinsfuss, Landrente und Preis. 

Wir haben zuvörderst die Frage zu beantworten, ob 
Adam Smith's Lehren zur Lösung der Aufgabe, die wir 
uns gestellt haben, genügend sind oder nicht. 

Zugleich wird dadm-ch unsere Aufgabe selbst klarer 
und bestimmter hervortreten. 

Da sich Adam Smith's Ansichten viel leichter auf- 
fassen und übersehen lassen, w^enn man aus seinem Buch 
die Zwischensätze und zufällig eingemischten Reflexionen 
ausscheidet: so habe ich zur Bequemlichkeit der Leser aus 
dem ersten Band von Smith's Werk über den National- 
reichtum*) die wichtigsten und entscheidendsten Sätze über 

*) Untersuchung über die Natur und die Ursachen des National- 
reichtums von Adam Smith. Aus dem Englischen der vierten 
Ausgabe neu übersetzt von Garve. Breslau 1794. 



— 448 — 

die oben angegebenen Gegenstände teils wörtlich, teils ab- 
gekürzt, in nachstehendem zusammengestellt. 

Arbeitslohn. 

Im ersten Band sagt Adam Smith: 

S. 120. „Von dem Vertrage zwischen dem Arbeiter 
imd dem Eigentümer eines Kapitals, der jenen in Arbeit 
setzt, hängt es ab, wie viel der Tagelohn betragen soll." 

S. 127. „Nicht die Größe, zu welcher der National- 
reichtum gelangt ist, sondern sein fortwährendes Wachsen 
ist es, welches das Steigen des Arbeitslohns veranlaßt." 

S. 129 und 130. „Wie ansehnlich an sich auch die 
50 Fonds, aus w'elchen der Arbeitslohn bezalilt wird, die Ein- 
künfte und das Kapital sämtlicher Einwohner sein mögen; 
so wird, wenn beide mehrere Jahre hindurch unverändert 
geblieben sind, und der Stillstand fortdauert, die Anzahl der 
Hände schneller als die der Beschäftigung wachsen, und in 
kurzem wird durch den Eigennutz der Meister und die Kon- 
kurrenz der Arbeitsuchenden der Arbeitslohn soweit herunter- 
gebracht werden, daß er gerade nur die unentbehrlichsten 
Bedürfnisse der Natur zu befriedigen hinlänglich sein wird." 

S. 144. „So wenig aber die Erzeugung der Kinder durch 
die Armut verhindert wird, so sehr wird das Aufziehen der- 
selben dadurch erschwert. Man hat mich oft versichert, daß 
in Hochschottland von den zwanzig Kindern, die eine Mutter 
zur Welt bringt, oft nur zwei am Leben bleiben." 

S. 145. „Jede Tiergattung vermehrt sich natürlicher- 
weise im Verhältnis der ünterhaltsmittel , die sie hat; und 
keine Gattung kann sich über dieses Verhältnis vermehren. 
Aber in einer ordentlichen bürgerlichen Gesellschaft können 
es nur die unteren Klassen des Volks sein, bei welchen der 
Mangel des Unterhalts der Vermehrung der Menschen Grenzen 
setzt, und er kann diese Grenze nur dadurch setzen, daß er 



— 449 — 

einen großen Teil der Kinder, welche ihre fruchtbaren Ehen 
erzeugen, wieder ums Leben bringt." 

S. 146. „Die Nachfrage nach ]\Ienschen (Arbeitern) ist 
wie die Nachfrage nach jeder anderen "Ware dasjenige, was 
ihre Hervorbringung reguliert. 

Wäre der Lohn zu einer Zeit übermäßig groß, so würde 
der dadurch hervorgerufene Überfluß an Händen (Arbeitern) 
bald eine Konkurrenz veranlassen, wodurch der Lohn auf 
seinen mittleren Staudpunkt zurücksinken würde." 

S. 148. „Es verdient olme Zweifel bemerkt zu werden, 
daß der Zustand des arbeitenden Armen oder der zahlreichsten 
Volksklassen, in der Zeit, wo die bürgerliche Gesellschaft 
sich dem Punkt ihres höchsten Flors nähert, glücklicher und 51 
erwünschter zu sein scheint, als in der, wo sie diesen Punkt 
erreicht hat. Steht die Gesellschaft in ihrem Wohlstande 
still, so lebt der gemeine Arbeiter kümmerlich; geht sie 
zurück, so lebt er elend.'' 

S. 156. „Die Nachfrage nach Arbeit bestimmt, nach- 
dem sie entweder zunehmend, abnehmend oder stillstehend 
ist. und also entweder eine wachsende, abnehmende oder 
unveränderlich bleibende Volksmenge fordert, die Quantität 
von Notwendigkeiten und Becßiemlichkeiten des Lebens, mit 
der die Arbeit belohnt werden soll." 



Die Konkurrenz oder das Verhältnis des Angebots zum 
Begehr von Arbeit bestimmt also nach Adam Smith die 
Höhe des Arbeitslohns; die Größe der Nachfrage nach Ar- 
beitern aber ist davon abhängig, ob der Nationalreichtum 
steigend, stillstehend oder abnehmend ist. 

Wir haben uns nun aber die Aufgabe gestellt, die Höhe 
des Arbeitslohns für den beharrenden Zustand der bürger- 
lichen Gesellschaft zu erforschen. In einem solchen Zustand 
sind Nachfrage und Angebot im Gleichgewicht ; beide heben 
sich gewissermaßen auf oder erscheinen als ruhend — und 
Tliünen, Der isolierte Staat. 29 



— 450 — 

es geht schon hieraus hervor, daß in einem solchen Zustande 
ein anderer Bestimmungsgrund für die Höhe des Arbeits- 
lohns vorhanden sein muß. 

Der beharrende Zustand aber ist der Zustand des Still- 
standes, in welchem nach Adam Smith der Arbeiter 
kümmerlich lebt, und der Lohn soweit herabgedrüclit wird, 
daß der Arbeiter dadurch nur für sich die unentbehrlichsten 
Bedürfnisse befriedigen kann, so daß der Mangel einen großen 
Teil der erzeugten Kinder wieder ums Leben bringt. 
52 Sterben aber — aus Mangel an den notwendigen Lebens- 
bedürfnissen ist ein gräßliches Los, und es wäre entsetzlich, 
wenn in den kommenden Jahrhunderten die zahlreichste 
Volksklasse einem solchen Schicksal entgegengehen sollte. 
Denn es läßt sich nicht verkennen, daß in dem Maß, als 
alle Erdteile bevölkerter werden, der fruchtbare Boden in 
Besitz genommen ist, und die Entdeckungen neuer, der 
Produktion und Fabrikation dienender Naturkräfte seltener 
werden, wir uns dem Zustand des Stillstandes mehr und 
mehr nähern. 

Im ganzen schimmert aber bei Adam Smith sowie 
bei den meisten seiner Nachfolger die Ansicht durch, daß 
die Summe der notwendigen Lebensbedürfnisse des Arbeiters 
der natürliche Arbeitslohn sei. 

Eicardo aber hat den Mut, geradezu auszusprechen: 
„Der natürliche Preis der Arbeit ist der, welcher die Ai-beiter 
in den Stand setzt, zu subsistieren und ihr Geschlecht fort- 
zupflanzen." 

Zinsfuß. 

Adam Smith wirft die Zinsen des in einem Gewerbe 
angelegten Kapitals mit dem Gewerbsprofit des Unternehmers 
unter der Benennung „Kapitalgewinn" zusammen. Dies ist 
für die Klarheit seiner Ansichten über den Zinsfuß sehr nach- 
teilig. Da aber nach Adam Smith (S. 161) die Gewinnste 



— 451 — 

sich aus der Höhe der Geldzinsen beurteilen lassen, beide 
also gewissermaßen proportional sind, so läßt sich auch aus 
dem, was er über die Größe der Gewinnste sagt, rückwärts 
auf die Höhe des Zinsfußes schließen. 

Adam Smiths Untersuchung über den Kapitalge- 
winn enthält zwar schätzbare Notizen über die Größe des- 
selben in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen 
Zeiten, aber nur Weniges und Unzulängliches über die Ge- 
setze, wodurch die Höhe der Gewinnste und der Zinsen 53 
bestimmt wird. Die wichtigsten Sätze in dieser Beziehung 
dürften folgende sein: 

S. 160. „Die Zunahme der Kapitalien erhöht, wie wir 
gesehen haben, den Arbeitslohn ; — aber den Gewinnst von 
diesen Kapitalien macht sie geringer. Wenn die Kapitalien 
vieler Kaufleute in demselben Handelszweig angelegt werden, 
so muß notwendig die daraus entstehende Konkurrenz den 
Erfolg haben, ihre Gewinnste kleiner zu machen, und wenn 
diese Zunahme der Kapitalien sich über alle Zweige der 
Gewerbe und des Handels eines Landes erstreckt, so muß 
auch der Gewinn aller Kapitalisten sich vermindern." 

S. 172. „In einem Lande, welches zu dem vollen 
Reichtum gekommen ist, den es, vermöge der Fruchtbarkeit 
seines Bodens, seines Klimas und seiner Lage gegen andere 
Länder erwerben kann — in einem Lande, das in seinem 
Wohlsland still steht — werden wahrscheinlich Arbeitslohn 
und Kapitalgewinn gleich niedrig sein. Wenn es nach dem 
Verhältnis der Fläche, von welcher seine Einwohner ihren 
Unterhalt ziehen , und der Fonds, durch die sie beschäftigt 
werden, durchaus bevölkert ist: so muß die Konkurrenz 
unter den arbeitsuchenden Menschen so groß sein, daß ihr 
Lohn nicht höher ausfallen kann, als nur gerade notwendig 
ist, die bisherige Anzahl von Arbeitern zu erhalten. Und 
wenn dieses Land mit Fonds zu allen Geschäften, die es zu 
machen Gelegenheit hat, versehen ist, so wird auch in jedem 

29* 



— 452 — 

Gewerbszweige schon so viel Kapital angelegt sein, als die 
Natur und mögliche Ausdehnung dieses Zweigs zuläßt. In 
jedem also wird durch die Konkurrenz der Kapitalisten der 
Gewinnst derselben auf den möglich kleinsten herunter- 
gesunken sein." 

S. 177. „Das höchste Maß, zu welchem die ordent- 
lichen Gewinnste der Kapitalisten steigen können, ist, wenn 
sie so groß sind, daß sie in den Preisen der Waren den 
54 Teil, welcher dem Grundeigentümer zukommt, verschlingen 
und für den Arbeiter nur einen so kleinen Teil übrig lassen, 
als notwendig ist, wenn der Arbeiter leben soll. Der Arbeiter 
muß an allen Orten auf die eine oder andere Art unterhalten 
werden, oder das von ihm hervorzubringende "Werk kann 
nicht zustande kommen. Aber der Besitzer von Grund und 
Boden braucht nicht allenthalben seine Rente zu bekommen." 

S. 17G. „Die übliche kleinste Geldzinse muß etwas 
mehr betragen, als nötig ist, um den Verlust, welchem man 
beim Geldausleihen von Zeit zu Zeit unvermeidlich ausgesetzt 
ist, zu ersetzen. Wäre dies nicht, so wäre bei diesem Ge- 
schäft gar kein Vorteil, und Freundschaft oder Mildtätigkeit 
wären die einzigen Gründe, die jemanden bewegen könnten, 
Geld zu verleihen." 



Adam Smith begnügt sich also, die Grenzen, bis zu 
welchen Gewinnst und Geldzinsen steigen und fallen können, 
zu bezeichnen, und darzutun, das innerhalb dieser Grenzen 
die Höhe beider von der Menge der vorhandenen Kapitalien 
und der dadurch entstehenden größeren oder geringeren Kon- 
kurrenz abhängig ist. 

Damit ist aber nur die Erscheinung — das, was vor 
unseren Augen vorgelit — beschrieben. Arbeitslohn und 
Zinsfuß erscheinen hier noch als zwei voneinander völlig 
unabhängige, durch die Konkurrenz geregelte Potenzen — 



— 453 — 

uud voQ einem Gesetz, das den Zusammenhaag zwischen 
beiden nachweist, ist überall nicht die Rede. 

Die Landrente. 

Über den Ursprung und die Begründung der Landrente 
sagt Adam Smith: 

S. 89. „Sobald als in einem Lande Grund und Boden 55 
Privateigentum geworden ist, wandelt auch die Gutsbesitzer 
die den Menschen so natürliche Neigung an, zu ernten, wo 
sie nicht gesäet haben, und selbst für die freiwilligen Erzeug- 
nisse des ihnen zugehörigen Feldes eine Rente zu fordern. 
Das Holz im Walde, das Gras auf dem Felde, welches so 
lange Grund und Boden allen gemein war, dem, welcher es 
haben wollte, nur die Mühe es einzusammeln kostete, wird 
nun von dem Grundherrn mit einer Abgabe oder einem 
Kaufpreise beladen. Es muß diesem Grundherrn nämlich 
die Erlaubnis, das eine oder das andere sammeln zu dürfen, 
abgekauft — es muß ihm für diese Erlaubnis ein Teil von 
dem, was man auf seinem Boden gesammelt oder erbaut 
hat, überlassen werden. Dieser Teil oder, was auf eines 
hinausläuft, der Geldpreis dieses Teils ist das, was man 
den Grundpreis oder die Landrente nennt — und macht von 
dem Verkaufspreise der Waren den dritten wesentlichen 
Bestandteil aus." 

S. 271. „Wenn der Grundherr seinen Vertrag mit dem 
Pächter schließt, so ist er gewiß bemüht, ihm an den Er- 
zeugnissen seines Bodens keinen größeren Anteil zu lassen, 
als schlechterdings nötig ist, um dem Pächter teils die 
Fonds, woraus er die Anschaffung des Samens bestreitet, die 
Arbeiter bezahlt und Vieh und Ackergerät ankauft und 
unterhält, teils von diesen Fonds den Gewinn zu sichern, 
den in dieser Gegend Pächter gewöhnlicherweise von ihren 
Kapitalien erhalten. Keinen kleineren Teil kann auch augen- 
scheinlich der Pächter annehmen, ohne sich der Gefahr aus- 



— 454 — ■ 

zusetzen , zugrunde zu gehen , und mehi- als dies ist der 
GrundheiT selten geneigt ihm zu lassen. Was nun 
von dem Produkt eines Landguts oder (was 
einerlei ist) von dem Preise dieses Produkts 
56nach Abzug jenes Teils noch übrig bleibt, das 
eignet sich der Grundherr unter dem Namen der 
Eente zu." 

S. 274. „Nur diejenigen Erzeugnisse eines Landes 
können zu Markte gebracht werden, deren gewöhnlicher 
Preis zureicht, die auf ihre Fertigung gewandten Gelder, 
nebst dem üblichen Gewinne, der von einem solchen Kapital 
gezogen zu werden pflegt, heraus zu bringen. Beträgt jener 
Preis mehr, so fällt der Überschuß an den Grundherrn als 
Rente." 

S, 174. „Hoher Arbeitslohn und große Gewinnste sind 
die Ursachen teurer Warenpreise; hohe Renten sind die 
Wirkungen derselben." 



Die beiden Einwürfe: 

1. daß die Neigung des Eigentümers von Grund und 
Boden zur Beziehung einer Rente von demselben noch 
nicht hinreicht, diese Rente von anderen wirklich zu 
verlangen ; und 

2. daß Adam Smith die Einkünfte, die ein Gut bei 
der Verpachtung gibt, „Landrente" nennt, daß also 
(wie im ersten Teil, dritte Auflage, § 5a ausführlich 
gezeigt ist) in Adam Smith "s Landrente der Ertrag 
des Grund und Bodens an sich mit den Zinsen des 
in den Gutsgebäuden usw. steckenden Kapitals ver- 
mengt sind, 

lassen wir hier unberücksichtigt, weil sie nicht zum Gegen- 
stand unserer gegenwärtigen Betrachtung gehören. 

Dagegen muß sich hier unsere ganze Aufmerksamkeit 
darauf richten, daß nach Adam Smith die Höhe der Land- 



— 455 — 

rente und überhaupt das Vorhandensein derselben ganz und 
gar von dem Preise der ländlichen Erzeugnisse abhängig ist. 

Preis. 57 

Was Adam Smith, S. 101 und 102, über den Markt- 
preis sagt, läßt sich in nachstehende Sätze zusammenfassen : 

1. Der Preis, für welchen eine Ware gewöhnlicherweise 
wirklich verkauft wird, heißt der Marktpreis. 

2. Der Marktpreis jeder Ware, jedes Erzeugnisses wird 
bestimmt durch das Verhältnis zwischen Angebot und 
Nachfi'age, zwischen der zum Verkauf zu Markt ge- 
brachten und der von den Käufern begehrten Quantität. 

3. Ist die Quantität der zu Markt gebrachten Ware ge- 
ringer als die, wonach ein wirksamer Begehr vor- 
handen, so entschließen sich mehrere Käufer, ehe sie 
die Ware ganz entj^ehren, einen höheren als den ge- 
wöhnlichen Preis dafür zu zahlen, und durch die Kon- 
kurrenz zwischen den Käufern steigt dann der Markt- 
preis über den gewöhnlichen Preis. 

4. Übersteigt dagegen die Quantität der zu Markt ge- 
brachten Ware die Größe des wirksamen Begehrs, so 
kann nicht die ganze Quantität zu dem bisher üblichen 
Preise abgesetzt werden, sondern es müssen diejenigen, 
die sich bisher des Gebrauchs dieser Ware enthielten 
oder sie nur im beschränkten Maße gebrauchten, durch 
eine Erniedrigung des Preises zum Ankauf derselben 
bewogen werden — und so sinkt der Marktpreis dieser 
Ware unter den gewöhnlichen Preis herab. 



Diese Erklärung ist aus dem Leben genommen, ist Tat- 
sache.*) Aber was ist, müssen wir nun fragen, damit für 
die Wissenschaft gewonnen? 

*) „Dies heißt das Lebeu abschreiben, aber Vermmft ist nicht 
darin", sagte ein Freund, dem ich diese Sätze mitteilte. 



— 456 — 

58 Die Konkurrenz, das Verhältnis zwischen Angebot und 
Nachfrage, ist so wenig stetig, ist so wechselnd und ver- 
änderlich wie die Witterung. 

Wie kann nun eine so unbestimmte, so veränderliehe 
Potenz zur Grundlage füi- ein Lehrgebäude dienen? 

Dies hat Adam Smith unstreitig auch gefühlt und 
er sucht deshalb in nachstehenden Sätzen ein die Konkurrenz 
beherrschendes Gesetz darzustellen. 

S. 98 und 99. „In jedem Lande oder in jeder Gegend 
eines Landes gibt es sowohl für den Arbeitslohn als für 
den Gewannst einen gewissen ]yraßstab, der bestimmt, was 
gewöhnlicherweise und im Durchschnitt der Arbeiter für 
seinen Fleiß zu erhalten, und der Kapitalist mit seinem Gelde 
zu gewinnen erwarten kann.'' 

„Ebenso gibt es in jedem Lande, in jeder Gegend eine 
gewisse Taxe für die Landrente.'' 

„Dasjenige Maß des Arbeitslohns, der Kapitalgewinnste 
und der Landrente, das an einem gewissen Orte, zu einer 
gewissen Zeit das gewöhnliche ist, kann an diesem 
Orte zu d i e s e r Zeit für das natürliche angesehen werden." 

S. 90. „In jeder bürgerlichen Gesellschaft ist der 
Marktpreis jeder Ware entweder aus den drei Bestandteilen 

— Arbeitslohn, Kapitalgewinn und Landrente — zusammen- 
gesetzt oder enthält wenigstens einen oder den anderen 
derselben." 

S. 98. „Ist der Verkaufspreis einer Ware weder grüßer 
noch kleiner als nötig ist, um die Rente von dem Stücke 
Landes, den Lohn für die Arbeit und den Gewinnst von 
dem Kapitale, welche sämtlich angewandt worden sind, die 
Waren zu erzeugen, zu verfertigen und zu Markt zu bringen 

— nach den an jedem Orte, zu jeder Zeit gewöhnlichen 
59 Taxen — zu bezahlen: so wird diese Ware für den Preis 

verkauft, welchen man ihren natürlichen nennen kann.'' 
S. 105. „Der natürliche Preis ist also gleichsam der 



— 457 — 

ilittelpiiukt , gegen welchen die wandelbaren Marktpreise 
aller Waren beständig gravitieren. Zufälle verschiedener 
Ai't können diese letzteren eine Zeitlang von jenem Mittel- 
punkt entfernt halten — sie über ihn erheben, oder unter 
ihn erniedrigen. Sie mögen aber durch noch so große Hinder- 
nisse abgehalten werden, sich in diesem Ruhepunkt fest- 
zusetzen: so äußern sie doch ein beständiges Streben, sich 
demselben zu nähern." 



Noch erinnere ich mich aus meiner Jugend sehr lebhaft, 
welche Freude ich empfand, als ich diese Sätze Adam 
Smith 's zum erstenmal las. Licht und Klarheit verbreitete 
sich dadurch für mich über einen sonst verworrenen Gegen- 
stand, und ich sah nun die regellose Konkurrenz einem be- 
stimmten Gesetz untergeordnet. Die Produktionskosten waren 
nun zum Regulator des natürlichen Preises — gegen welchen 
die Marktpreise stets gravitieren — erhoben, und dadurch 
der Konkurrenz ihre Schranken angewiesen. 

Diese Freude dauerte aber nicht lange, sondern wurde 
beim tieferen Eindringen in den Gegenstand gar bald getrübt. 

Der natürliche Warenpreis wird durch den natürlichen 
Arbeitslohn, den natürlichen Kapitalgewinn und die natür- 
Hche Landrente, welche in der Hervorbringung dieser AVare 
enthalten sind, bestimmt. 

Fragt man nun aber, wodurch wird der natürliche 
Ai'beitslohn bestimmt, so lautet die Antwort: Durch die 
Konkurrenz. Fragt man nach dem Bestimmungsgrund des 
natürlichen Kapitalgewinnstes , so ist dieser abermals die 
Konkurrenz. 

Die Entfernung der Konkurrenz aus den Be-60 
Stimmungsgründen für den natürlichen Preis 
ist also nur scheinbar, ist eine Illusion . 



— 458 — 

Verbindung zwischen Preis und Landrente. 

Reicht der Verkaufspreis einer Ware gerade hin, das 
bei der Hervorbringung derselben angewandte ilaß von 
Arbeitslohn, Kapitalgewinn und Landrente — nach den ge- 
wöhnlichen Taxen zu vergüten, so ist dies der natürliche 
Preis der Ware. 

Was von dem Verkaufspreise der ländlichen Erzeugnisse 
nach Abzug des Arbeitslohns, des Kapitalgewinns und der 
sonst auf die Hervorbringung derselben verwandten Kosten 
übrig bleibt — das bildet nach A. Smith die Landrente. 
Fragen wir nun : „welches ist der natürliche Preis des 
Getreides?-' 
so erhalten wir, diesen Bestimmungen nach, folgende Antwort: 
Der natürliche Preis des Getreides ist der, durch 
welchen das gewöhnliche Maß von Arbeitslohn, Kapital- 
gewinn und Landrente, was in den Produktionskosten 
des Getreides enthalten ist, genau gedeckt wird. 
Fragen wir nun ferner: „welches ist die natürliche 
Landrente'?"' 
so lautet die Antwort : 

Was von dem Verkaufspreise der Produkte, also auch 
des Getreides, nach Abzug des Arbeitslohns, der Aus- 
lagen und des Kapitalgewinns des Pächters übrig 
bleibt — das bildet die Landrente. 
Also wird bei der Bestimmung des natür- 
lichen Preises des Getreides die Landrente als 
eine bekannte Größe betrachtet; bei der Be- 
stimmung der Landrente wird dagegen der 
natürliche Preis des Getreides als bekannt an- 
genommen. 
61 Dies ist ein Zirkelschluß, der beim oberfläclilichen Lesen 
wohl einschläfern und beruhigen kann, durch den aber nichts 
gefunden, nichts aufgeklärt wird. 



- 459 — 

Wenn y = a -j- b -j- x und 
X = y — (a -|- b) ist, 
so ist die zweite G-leichung nicht eine neue, sondern nur 
eine Umsetzung der ersten, und die unbekannten Größen y 
und X bleiben beide unbestimmt. 

ünglückliclierweise treifen dieser Zirkelschluß und jene 
Illusion in betreff der Entfernung der Konkurrenz aus den 
Bestiramungsgründen des natürlichen Preises gerade ein 
Fundamentstück des ganzen Lehrgebäudes. 

Wenn hiernach nun die Landrente vom Preise der länd- 
lichen Erzeugnisse abhängt, der Preis aber abhängig ist vom 
Arbeitslohn und Kapitalgewinn, und die Größe dieser beiden 
Potenzen durch die Konkurrenz bestimmt wird: so ist auch 
die Landrente von der Konkurrenz abhängig. 

Die Konkurrenz ist also nach A.Smith der letzte Regu- 
lator für Arbeitslohn, Kapitalgewinn, Preis und Landrente. 



Nach dieser Übersicht der Smith 'sehen Lehren müssen 
wir uns die Frage vorlegen : was ist dadurch für die Lösung 
unserer Aufgabe gewonnen? 

Die Aufgabe aber, die wir uns zunächst gestellt haben, 
ist folgende: 

AVelches ist der naturgemäße Anteil des Arbeiters an 
dem durch ihn hervorgebrachten Erzeugnis ; oder welches 
ist der dem Arbeiter von der Natur bestimmte Lohn? 

Nach A. Smith ist der Arbeiter auf das, was ihm die 
Konkurrenz zukommen läßt, das ist auf das bestehende an- 
gewiesen. 

In der Tat sagt A. Smith (S. 99) selbst: „dasjenige 62 
Maß des Arbeitslohns, das an einem gewissen Orte, zu einer 
gewissen Zeit das gewöhnliche ist, kann an diesem Orte, 
zu dieser Zeit für das natürliche angesehen werden." 

Das Bestehende aber ist im Laufe der Zeit dem steten 
Wechsel unterworfen, und man muß fragen: 



— 460 — 

Welches Bestehende ist denn das Rechte, 
das Naturgemäße? 

Hierauf können A. S m i t h " s Lehren keine Antwort er- 
teilen; ja wir finden bei genauerer Betrachtung, daß dies 
für A. Smith überall nicht Gegenstand der Untersuchung 
gewesen ist. 

A. Smith begnügte sich damit, die Tatsachen und Er- 
scheinungen, die sich ihm darboten, zusammenzustellen und 
zu einer Übersicht zu vereinigen — und dies war zu seiner 
Zeit und bei dem damaligen Stand der Wissenschaft ein 
sehr verdienstliches Werk. Den Grund der Erscheinungen 
zu erforschen, lag in dem vorliegenden Fall noch nicht in 
seiner Aufgabe. 

In unserer Zeit aber, wo die Arbeiter mehr und mehr 
zum Bewußtsein über ihre Lage und ihre Rechte gelangen, 
und künftig mit unwiderstehlicher Macht an der Gestaltung 
des Staats und der Gesellschaft teilnehmen werden — jetzt 
wird die Frage über die naturgemäße Verteilung des Ein- 
kommens zu einer Lebensfrage für das Fortbestehen der 
Staaten und der bürgerlichen Gesellschaft. 



Wenn ich hier und im Verfolg dieser Schrift mich vor- 
zugsweise auf Adam Smith's Werke beziehe, obgleich 
durch Ricardo, Say, Rau, Hermann, Nebenius u. a. 
A. Smith's Lehren mehrfach erweitert, berichtigt und 
systematischer dargestellt sind, so geschieht dies aus den 
beiden Gründen : 
63 1. weil meine Untersuchungen in dem Smith 'sehen 
W^erk ihre Wurzehi haben und zu einer Zeit begonnen 
sind, wo die Werke der genannten Gelehrten noch nicht 
erschienen oder mir wenigstens noch nicht zu Gesicht ge- 
kommen waren ; 

2, weil A. Smith's Werk in den meisten wesent- 



— 461 — 

licliea Punkten noch immer die Grrundlage der National- 
ökonomie bildet. 

Indem nun meine Untersuchungen sich unmittelbar an 
die A. Smith 's anschließen und da beginnen, wo mir 
diese mangelhaft erscheinen, liegt es in der Natur der Sache, 
daß ich häufig beurteilend und berichtigend gegen A. Smith 
auftreten muß. Da andererseits das viele, worin ich mit 
A. Smith einverstanden bin, unerwähnt bleibt: so kann dies 
leicht den Anschein von Nichtanerkennen oder gar Über- 
heben gewinnen. 

Dies liegt aber sehr ferne von mir, und es kann nicht 
leicht jemand eine größere Verehrung für diesen Genius 
haben als der Verfasser dieser Schrift. Gerade darin, daß 
ich die Berichtigung und Erweiterung der Smith 'sehen 
Lehren für eine Förderung der Wissenschaft halte und zum 
Gegenstand meiner Untersuchung mache, liegt ein Bew^eis 
der hohen Achtung, die ich für A. Smith hege. 

Hätte Euklid seine Elemente ungeschrieben gelassen, 
weil er seinen 11. Grundsatz nicht beweisen konnte, so würde 
die Nachwelt viel verloren und die Geometrie sich viel 
später ausgebildet haben. 

Hätte A. Smith, gewahrend, daß seine Lehren über 
Arbeitslohn, Zinsfuß und Landrente eigentlich nur Dar- 
stellung des Bestehenden, nicht Auffassung eines diese Po- 
tenzen bestimmenden Gesetzes sei, sich in die Tiefen dieser 
Untersuchung versenkt, so würde er sein unsterbliches Werk 
wahrscheinlich nicht vollendet haben. 

Durch das große H e r s c h e 1 ' sehe Teleskop wurden die 
dem bloßen Auge sichtbaren Nebelflecke am Firmament in 64 
Sterngruppen, d. i. in Weltsysteme aufgelöst, aber es zeigten 
sich nun andere bisher nicht gesehene Nebelflecke. Durch 
das in unseren Tagen konstruierte Riesenteloskop sind die 
Herschel'schen Nebelflecke wieder in Sterngruppen aufgelöst. 



— 462 — 

aber zugleich auch wieder Nebelflecke enthüllt, die für 
Herschel noch unsichtbar waren. 

Wie viele Weltsysteme mögen nun noch jenseits der 
Grenze liegen, bis zu welcher das Riesenteleskop das Auge 
führt ! 

Unendlich aber wie das Weltall ist auch die Wissen- 
schaft. Wie dort die Verstärkung der Sehkraft zur Ent- 
deckung neuer Weltsysteme, aber auch zu neuen Geheimnissen 
führt: so enthüllen sich auch mit den Entdeckungen in der 
Wissenschaft dem geistigen Auge neue bisher nicht geahnte 
Probleme. 

Nachdem A. Smith über so viele Gegenstände des 
bfirgerlichen Lebens Licht verbreitet und" seinen Nachfolgern 
die Zeit und Mühe des eigenen Forschen s hierüber erspart 
hat, sind diese, wenn auch minder begabt, verpflichtet, die 
Lücken, die er im Wissen gelassen, auszufüllen, und — neue 
Probleme in den Gesichtskreis zu bringen. 



§ 4. 
Arbeitslohn. 



Wenn man auf die ungleiche Verteilung der Glücks- 
güter blickt und erwägt, wie geringe die mühsamen körper- 
lichen Arbeiten des Tagelöhners, die doch zugleich die un- 
entbehrlichsten sind, bezahlt werden: so drängen sich wohl 
jedem, der die Geistesfreiheit erlangt hat, die mit der Mutter- 
milch eingesogenen Eindrücke und Vorurteile einer Prüfung 
zu unterwerfen und nach dem Grund derselben zu forschen, 
die Fragen auf: 

1. Warum bezieht der Gutsbesitzer ohne Mühe und Arbeit 

eine Rente von seinem Boden ; warum kann der Arbeits- 

65 lohn nicht so hoch steigen, daß die bisherige Landrente 



— 463 — 

unter die Arbeiter geteilt wird, die anscheinend einen 
viel gerechteren Anspruch darauf haben? 
2. Ist die geringe Belohnung der Handarbeit in der Natur 
der Gewerbe und des Landbaues begründet und somit 
dem Willen der Vorsehung entsprechend, oder ist der 
jetzige Zustand durch Gewalt und Unterdrückung, der 
sich die arbeitende Klasse nicht wieder entziehen kann, 
herbeigeführt worden '? 
Unter den verschiedenen Betrachtungsweisen, durch 
welche wir Aufklärung über diesen Gegenstand zu erlangen 
hoffen dürfen, scheint die Untersuchung über die Frage: 
„welche Folgen hat eine Erhöhung des Arbeitslohns?" am 
ersten und nächsten zum Ziele führen zu müssen. 

In der "Wirklichkeit sind aber die Verhältnisse des ge- 
werblichen Lebens so ineinandergreifend und so kompliziert, 
daß der Blick in dieselben sich verwirrt, ehe die letzten 
Folgen einer Erhöhung des Arbeitslohns erkannt sind. Bei 
der Beantwortung der obigen Frage wenden wir uns deshalb 
zuerst dem isolierten Staat zu, wo alle Verhältnisse möglichst 
einfach vor uns liegen. 

An der Grenze der kultivierten Ebene des isolierten 
Staats, wo der Boden keine Rente gibt, und der Gutsertrag 
auf die Zinsen des in den Gebäuden usw. steckenden Kapitals 
beschränkt ist, muß durch eine Erhöhung des Arbeitslohns 
die Landrente negativ werden, d. i. unter Null herabsinken. 
Wenn aber der Anbau des Bodens für den Besitzer 
desselben dauernd mit Verlust verbunden ist, so wird der- 
selbe keine neuen Gebäude mehr errichten, sondern das Gut 
verlassen , sobald die alten Gebäude dem Einsturz drohen. 
Der Boden bleibt dann wüst liegen, und der Anbau des 
Bodens zieht sich bis auf die Entfernung von der Stadt 
zurück, wo die bisherige Landrente den Betrag des erhöhten 66 
Arbeitslohns zu decken vermag. 

Die Arbeiter aus dem jetzt verlassenen Kreise müssen 



— 464 — 

iu den der Stadt näheren Gegenden, wo auf Kosten der 
Landrente ein höherer Lohn gezahlt werden kann, Arbeit 
und Unterhalt suchen. Aber auf den Gütern in diesen 
Gegenden sind schon so viele Menschen beschäftigt, daß das 
Arbeitsprodukt des zuletzt angestellten Arbeiters nur gerade 
noch den Lohn deckt, den er erhält. Sollen noch mehr 
Arbeiter angestellt werden, so müssen Kulturmethoden an- 
gewandt werden, die weniger einträglich sind und sich bei 
dem bisherigen Arbeitslohn nicht bezahlt machen. Es können 
also auch die hinzukommenden Arbeiter nur dann Beschäfti- 
gung finden, wenn sie für einen noch niedrigeren Lohn als 
den bisherigen arbeiten wollen. Die Not wird sie zur An- 
nahme des geringeren Lohns zwingen, und durch die Kon- 
kurrenz wird dann auch der Lohn der dort schon länger 
ansässigen Arbeiter herabgedrückt. 

Der Versuch den Arbeitslohn zu erhöhen, bewirkt also 
das Gegenteil, und die Lage der Arbeiter wird dadurch nur 
noch schlechter. 

Wir gelangen hiermit also zu dem Resultat, daß der 
niedrige Arbeitslohn in dem Wesen der Gewerbe begründet, 
und daß eine Erhöhung desselben unmöglich ist. 



Zu diesem Resultat kann man aber auch auf vielen 
anderen Wegen und durch andere Schlußfolgen gelangen, und 
so wird es erklärlich, wie die Ansicht, daß dem Arbeiter 
nichts zukomme, als was zu seiner Lebensfristung notwendig 
ist, sich so weit hat verbreiten und selbst bei den Gelehrten 
so tiefe Wurzeln hat schlagen können. 

Blanqui (in seiner Geschichte der politischen Öko- 
nomie, übersetzt von Büß, 2. Band, S. 162) sagt von Say: 
67 ,,Er folgte dem Vorurteil der Zeitgenossen, welche 

den Lohn als genügend ansahen, nicht weil er leben 
ließ, sondern weil er am Sterben hinderte." 
Wenn wir aber im Denken nicht ermüden und uns mit 



— 465 — 

der gewonueneu Ansicht nicht beruhigen, sondern die Schluß- 
folgen, durch welche wir jenes Resultat erlangt haben, bis 
auf den Grund verfolgen : so ergibt sich, daß wir zu diesem 
Resultat nur dadurch gelangt sind, daß wir die Höhe des 
Zinsfußes — welche der Konstruktion des isolierten Staats 
zu gründe liegt — als unantastbar, als unabänderlich be- 
trachlet haben. 

Wenn aber der Zinsfuß erniedrigt wird, der Kapitalist von 
seinem Kapitale geringere Einkünfte bezieht: so kann auch 
selbst an der Grenze der kultivierten Ebene der Arbeitslohn er- 
höht werden, ohne daß der Anbau des Bodens aufhört, und 
ohne daß auch nur ei n Arbeiter entbehrlich und brotlos wird. 

Damit haben nun jene Schlußfolgen ihi-e Basis und ihren 
ganzen Halt verloren. 

Die Frage über die Verbesserung des Zuslandes der 
Arbeiter reduziert sich also in der einfachsten Form auf die : 
Kann nicht der Zinsfuß erniedrigt werden, um dem 
Arbeiter einen größern Anteil an seinem Arbeitserzeug- 
nis zukommen zu lassen und dadurch seinen Lohn zu 
erhölien ? 

Die Höhe des Zinsfußes kann aber auch nicht willkür- 
lich, nicht bloß zufällig sein, sondern es muß auch hierin 
Gesetzmäßigkeit walten. 

Wir werden hierdurch unmittelbar darauf geführt, daß die 
Bestimmung des naturgemäßen Arbeitslohns abhängig ist von 
der Kenntnis der Gesetze, wodurch die Höhe des Zinsfußes 
und das Verhältnis desselben zum Arbeitslohn bestimmt wird. 

Damit betreten wir nun die Schwelle einer schwierigen 
und verwickelten Untersuchung. 

Da ein schon im Jahre 1826 niedergeschriebenes Frag- 68 
ment, den Zinsfuß betreffend, das aufgestellte Problem imd 
die zu lösenden Fragen näher entwickelt, so teile ich dies 
Fragment hier zunächst mit. 



Thüuen, Der isolierte Staat. 30 



466 — 



Über die Höhe des Zinsfusses, in dialogischer 

Form. 

A. Kannst du mir sagen, warum der Zinsfuß jetzt an 
diesem Orte 5 "^/o, "warum er nicht 2, oder auch 10 ^/o ist? 

B. Der Zinsfuß wird ebenso, wie der Preis jeder Ware- 
durch das Verhältnis des Angebots zur Nachfrage bestimmt. 
Ist nun der Zinsfuß 5%, so beweist dies, daß bei diesem 
Zinssatz Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht sind. 
Stiege durch zufällige Einwirtungen der Zinsfuß auf 10 %, 
so würde das Angebot zunehmen, die Nachfrage abnehmen,, 
und dies würde ein Sinken des Zinssatzes zur Folge haben. 
Der umgekehrte Fall träte ein, wenn der Zinsfuß momentan 
bis zu 2 °/o heruntergegangen wäre. 

A. Diese Antwort entspricht dem, was wir in den 
uationalökonomischen Schriften über diesen Gegenstand 
finden; aber sie befriedigt mich nicht: denn sie gibt nur 
die Erscheinung , nicht den Grund an. Daß Angebot und 
Nachfrage im Gleichgewicht sind, wenn der Zinsfuß konstant, 
z. B. 5^/o geworden ist, versteht sich von selbst; ich will 
aber wissen, warum Angebot und Nachfrage gerade bei 5, 
und nicht bei 2, oder 10 ''/o im Gleichgewicht sind. 

B. Dies hängt von der Größe des vorhandenen National- 
kapitals ab. Je reicher eine Nation ist, desto niedriger ist 
der Zinsfuß, und umgekehrt, je äi-mer, desto höher ist der- 
selbe. Deshalb sinkt der Zinsfuß beim zunehmenden Reich- 
tum, bleibt konstant beim stillstehenden, und steigt beim ab- 
nehmenden Nationalreichtum. 

69 A. Dies sind aus der Erfahrung entnommene Sätze, die 
als solche ihren Wert haben ; aber sie geben wiederum nur 
die Erscheinung, nicht den Grund der Erscheinung an. Denn 
warum ist der Zinsfuß niedriger bei reichen, höher bei armen 
Nationen ? 



— 467 — 

B. Nichts ist leichter zu beantworten. Denn so wie 
t'berfluß an "Waren niedrige Preise erzeugt, so erzeugt auch 
l'berfluß an Kapital einen niedrigen Zinsfuß. 

A. Auf diese Weise drehen wir uns aber stets im Kreise 
herum. Ich muß nun, um diese Zirkelschlüsse zu durch- 
schneiden, die Frage an dich richten: aus welchem Grunde 
entsteht denn Überfluß an Waren und Kapital? 

B. Sparsamkeit, Fleiß und Geschicklichkeit erzeugen 
Überfluß an Waren und somit auch an Kapital. 

A. Gut, diese Eigenschaften des Menschen muß ich als 
Quellen des Nationalreichtums gelten lassen; aber werden 
zwei Nationen, die diese Eigenschaften in gleich hohem 
Grade besitzen, immer auf gleicher Stufe des Reichtums 
stehen und einen Zinsfuß von gleicher Höhe haben? 

B. Nein, das nicht. Die Anwendung gleicher Kräfte 
auf guten und auf schlechten Boden, in einem rauhen und 
in einem milden Himmelsstrich, unter einer despotischen, die 
Untertanen mit Abgaben bedrückenden Regierung und unter 
einer Regierung, die Freiheit und Gesetzlichkeit w^alten läßt 
— muß ein selir verschiedenes Resultat liefern. Die 
geistigen Eigenschaften des ilenschen, und die Beschaffen- 
heit des Objekts , worauf dieselben angewandt werden, 
wirken gemeinschaftlich auf die Größe des Erzeugnisses. 

A. Gesetzt nun England und Nordamerika hätten Be- 
wohner von gleichem Nationalcharakter, und Boden, Klima 
und Verfassung wären in beiden Ländern gleich — folgt 
hieraus, daß der relative Nationalreichtum, d. i. der auf 
einen Kopf fallende Teil des Gesamtreichtums, und der 70 
Zinsfuß in beiden Ländern gleich hoch sein müssen? 

B, Nein ; denn England ist ein schon seit Jahrhunderten 
hochkultiviertes Land, während Nordamerika erst kurze Zeit 
von zivilisierten Yölkern bewohnt wird, dasselbe noch große 
Strecken fruchtbaren aber unbebauten Bodens besitzt, die 
eine weite und nützliche Anwendung des Kapitals gestatten 

30* 



— 468 — 

•— und deshalb muß hier der Zinsfuß höher sein als in 
England. 

A. Also nicht die geistigen Kräfte des Menschen und 
das Objekt, worauf sie angewandt werden, entscheiden allein 
über die Größe des relativen Nationalreichtums und des 
Zinsfußes, sondern wenn in zwei Ländern beide Faktoren 
gleich sind, tritt die Zeitdauer, während welcher beide 
Länder bewohnt sind, als dritter den Zinsfuß regulierender 
Faktor ein. 

Betrachten wir nun genauer, welcher Unterschied 
zwischen einem schon längere und einem erst kürzere Zeit 
bewohnten Lande — bei Gleichheit des Klimas, des Bodens 
und der Bewohner — stattfindet: so zeigt sich, daß im 
ersteren nicht bloß der fruchtbare, sondern auch der sandige 
Boden und die wenig lohnenden Hügel bebaut sind, während 
in letzterem nur erst die fruchtbaren Täler d^r Kultur unter- 
worfen sind — wo dieselbe menschliche Arbeit mit einem 
weit größeren Erzeugnis gelohnt wird als auf dem sandigen 
und hügeligen Boden. 

Aus dieser Beobachtung der in der Wirklichkeit statt- 
findenden Verhältnisse können wir nun folgern: 

1. daß der Zinsfuß steigt, wenn die Arbeit lohnender 
wird, d. i. ein größeres Produkt liefert; 

2. daß es einen großen Unterschied in der Höhe des 
Zinssatzes hervorbringt, ob dasselbe Nationalkapital auf 1 
oder 2 Quadratmeilen verteilt ist, daß also nicht das abso- 
lute, sondern nur das relative Nationalkapital, d. i. das mit 
der Größe des angebauten Landes und mit der Bevölkerung 

71 verglichene Nationalvermögen einen wesentlichen Einfluß auf 
die Höhe des Zinsfußes ausübt. 

Aber mit allen diesen Erörterungen sind wir nun dahin 
gekommen, die Umstände anzugeben, unter welchen der Zins- 
fuß höher oder niedriger ist. 

Kannst du aber wohl für irgend ein Land, das du in 



— 469 — 

allen seinen Verhältnissen genau kennst, bestimmen, ohne 
die Erfahrung zu Hilfe zu nehmen, wie hoch der Zinsfuß, 
in Zahlen ausgesprochen, hier sein muß? 

B. Die Höhe des Zinsfußes wird bedingt durch die 
Größe der Nutzung, die ein im Landbau und in den Ge- 
werben angelegtes Kapital gewährt. Ein auf die Urbar- 
machung eines reichen Bodens verwandtes Kapital kann sich 
mit 10 ^/o oder noch höher verzinsen. Ist aber der reiche 
Boden erst sämtlich in Besitz genommen, und wendet sich 
die Urbarmachung dem Boden von minderer Güte zu, so 
sinkt nach und nach die Nutzung des verwandten Kapitals 
auf 5, 4 oder gar 3 % zurück. 

Die Höhe des Zinsfußes, in Zahlen ausgesprochen, 
hängt also davon ab, welche Güte der noch nicht in Kultur 
genommene Boden hat, und bis zu welchem Grade die auf 
dem bereits kultivierten Boden gemachten Verbesserungen 
gediehen sind. 

A. Diese dem scharfsinnigen Ricardo entnommene 
Erklärung ist für die gewöhnlichen Verhältnisse zutreffend 
und praktisch brauchbar; aber sie genügt nicht zur Be- 
gründung eines allgemeinen Gesetzes. 

Man versetze sich nur im Gedanken nach einer un- 
ermeßlichen, bisher nicht angebauten Ebene, die durchaus auf 
jeder Stelle gleich fruchtbar und noch keines Menschen 
Eigentum ist, und frage dann: „wie wird sich hier das 
Verhältnis zwischen Zinsfuß und Arbeitslohn gestalten, und 
welche Höhe wird der Zinsfuß erlangen, wenn diese Ebene 
urbar gemacht wird?" 

Jene Erklärung, die sich auf den A^orzug des einen 72 
Bodens vor dem anderen gründet, wird hier, wo gar kein 
Vorzug stattfindet, völlig unbrauchbar und zeigt eben da- 
dm-cli, wie wenig sie den Forderungen, die man an ein all- 
gemeines Gesetz machen muß, Genüge leistet. 



— 470 — 

Außer dieser Unzulänglichkeit trägt jene Erklärung noch 
einen anderen Mangel in sich. 

Wir müssen nämlich bei ihrer Anwendung stets die 
Erfahrung zur Hilfe nehmen und unser Wissen daraus 
schöpfen. Wir wollen aber nicht wissen, was geschehen 
ist, sondern wir wollen die Gründe kennen, aus welchen 
das Geschehene hervorgegangen ist. 

B. Ich verstehe nicht ganz, was du damit sagen willst? 

A. Ein Beispiel Avird dies deutlich machen. 

Man sagt, der Preis jedes Produkts, jeder Ware wird 
bestimmt durch das Verhältnis des Angebots zur Nachfrage. 

Wer sich mm durch diese Erklärung befriedigt fühlt, 
kann den Preis der AVertgegenstände nie anders als aus der 
Erfahrung entnehmen ; er vermag nicht den Preis irgend- 
eines Produkts oder Fabrikats wissenschaftlich zu bestimmen ; 
er hat die Preisbestimmung blinden Gewalten- übergeben und 
braucht sich nun nicht abzuquälen über die Gründe, warum 
der Preis gerade dieser und kein anderer ist. Wer aber 
tiefer eindringt, wird erkennen, daß das Yerhältnis zwischen 
Angebot und Nachfrage nur die äußere Erscheinung einer 
tieferliegenden Ursache ist. Wenn ein Markt mit Waren 
überfüllt wird, so ist dies nicht ein bloßer Zufall, sondern 
ein Zeichen , daß die früher hier bezahlten Preise so hoch 
waren, daß eine größere Hervorbringung dieser Waren vor- 
teilhaft wurde. Der frühere zu hohe Preis ist also Ursache 
des Überflusses, der nun Preise erzeugt, die zu niedrig sind. 
Auf diese Weise bleiben die Marktpreise im steten Schwanken ; 
73 aber der Produktionspreis ist — wie A. Smith sich treffend 
ausdrückt — der Mittelpunkt, gegen welchen die Markt- 
preise stets gravitieren. Stimmen aber Marktpreis und Pro- 
duktionspreis einmal überein, so ist weiter keine Ursaclie 
weder zu einer zu großen noch zu geringen Hervorbringung, 
und Angebot und Nachfrage stehen dann itn Gleichgewicht. 
Der Produktionspreis ist also der Regulator des Markt- 



— 471 — 

Preises, imd dieser muß trotz der unzäliligen Abweichungen 
im Durchschnitt eines großen Zeitraums doch Avieder mit 
^em ersteren zusammenfallen. 
Meine Frage ist nun die: 
gibt es für den Preis eines Kapitals, d. i. für die Höhe 
des Zinsfußes, einen solchen Regulator, ^vie ihn der 
Preis der Waren in den Produktionskosten findet, und 
welches ist der Maßstab für die Produktionskosten des 
Kapitals ? 
B. Dies vermag ich nicht zu beantworten, und wie es 
mir scheint, ist alles, was bisher in der Nationalökonomie 
geleistet ist, nicht genügend, um hierauf eine befriedigende 
Antwort zu erteilen. 

A. Die Sache ist aber von großer Wichtigkeit. Solange 
Avir hierüber nicht aufs klare sind, vermögen wir nicht 
einmal den Produktionspreis der Waren wissenschaftlich 
darzustellen : denn zu den Elementen , die den Warenpreis 
bestimmen, gehören auch die Zinsen des angewandten Kapitals, 
kennen wir diese aber nur aus der Erfahrung, d. i. aus der 
Erscheinung, so mischen wir in dasjenige, was wir erklären 
und wissenschaftlich begründen wollen , die äußere Er- 
scheinung selbst als Grund ein, mid drehen uns so in einem 
Zirkelschluß herum, der zu keinem Resultat führt. 

B. Es fragt sich aber, ob eine solche Bestimmung des 
Zinsfußes, wie du sie wünschest, möglich ist, und ob eine 
Verbindung zwischen Zinsfuß und Arbeitslohn wirklich statt- 
findet. 

A. Überall, wohin wir blicken, sehen wir Zinsfuß und 
Arbeitslohn in bestimmten Zahlen ausgesprochen. Der Zins- 74 
fuß, der sich so gebildet hat, ist aber nicht das Werk des 
Zufalls oder des blinden Waltens, sondern ist entsprungen 
aus dem Zusammenwirken von Menschen , die sämtlich von 
einem verständigen Eigennutz geleitet, gemeinschaftlich — 
wie die Bienen am Bau der Zelle — an einem großen Werk 



— 472 — 

arbeiten. Da hier der Eigennutz durch den Verstand ge- 
leitet wird, so muß auch das, was der Eigennutz hervor- 
gebracht hat, wiederum durch den Verstand begriffen werden 
können. Es handelt sich also nicht darum, neue Gesetze zu 
entdecken , sondern es soll nur das , was schon geschehen 
ist, begriffen und dadurch klar werden, wie es geschehen ist. 
Es soll das, was der Verstand unzähliger Menschen — 
wovon jeder an dem großen Bau mitarbeitet, aber nur die 
Stelle übersieht, wo er selbst arbeitet — hervorgebracht hat^ 
durch den Verstand des einzelnen aufgefaßt werden und in 
diesem sich zur Übersicht und Klarheit gestalten. 



Bestimmungen und Voraussetzungen. 

1. "Wertmesser. 

ilan ist gewohnt, den Ertrag eines Gutes sowie die 
mit dem Landbau verbundenen Kosten in Geld anzugeben 
und auszusprechen, obgleich ein Teil der Ausgaben, z. B. 
das Saatkorn, das Pferdefutter u. m. a. niemals in den Handel 
gekommen und nicht gegen Geld umgesetzt ist. Nun dient 
aber ein großer Teil des für Korn und andere Produkte 
eingenommenen Geldes nur dazu, um andere Bedürfnisse, 
z. B. Baumaterialien , Schmiede- , Sattlerarbeiten usw. dafür 
einzukaufen. Eigentlich werden also diese Bedürfnisse für 
Korn eingetauscht, und in der Tat hat der Landwii't nichts 
anderes als seine Erzeugnisse, wofür er die Waren, deren 
75er bedarf, eintauschen kann. Das Geld dient hier bloß als 
Mittel zum Tausch. 

Die Summe des für Korn in einem Jahre eingenommenen 
Geldes, verglichen mit der Summe des verkauften Korns, 
ergibt den Preis eines Scheffels Roggen, wenn alles Korn 



— 473 — 

auf Roggen reduziert ist. Die für irgendein Bedürfnis, 
z. B. Schmiedearbeit ausgegebene Geldsumme, dividiert durch 
den Preis des Scheffels Roggen, ergibt die Zahl der Scheffel 
Roggen, die man zur Erlangung dieses Bedürfnisses hat 
hingeben müssen. Auf diese AVeise ließe sich die Rechnung 
über Einnahme und Ausgabe eines Gutes ganz in Scheffel 
Roggen führen. Eine solche Rechnung würde, beiläufig 
gesagt, ein helleres Licht über manche Punkte verbreiten: 
es würde sich mit einem Blick übersehen lassen, wie bei 
fallenden Getreidepreisen und gleichbleibenden Abgaben an 
den Staat, diese einen weit größeren Teil vom Ertrage des 
Guts hinwegnehmen, also in der Tat erhöht sind; ferner 
wie das Sinken des Getreidepreises bei gleichbleibendem 
Geldlohn der Arbeiter den reellen Lohn erhöht und dem 
Arbeiter einen weit größeren Anteil am Gutsertrage ver- 
schafft usw. 

Für unsere Untersuchung nehmen wir nun den Roggen 
als Wertmesser und einen Berliner Scheffel dieser Kornart 
als Einheit an, 

2. Lohn der Arbeit. 

Der freie Ai'beiter besitzt in der Regel als Eigentum 
eioiges Vieh — eine Kuh, Schweine und Federvieh — das 
nötige Hausgerät und einen Teil der Werkzeuge — Spaten, 
Beile usw. — womit er arbeitet. Der Lohn, den er erhält, 
ist also nicht bloß Belohnung seiner Arbeit, sondern ist zu- 
gleich Vergütung für den Gebrauch des Kapitals, das er 
besitzt, und umfaßt also den Lohn für die Arbeit an sich 
und die Zinsen des Kapitals. 

Hier ist unser Bestreben aber darauf gerichtet , den 76 
Lohn für die Arbeit an sich zu ermitteln, und was ich in 
der Folge Arbeitslohn nenne, ist derjenige Teil des Lohns, 
welcher nach Abzug der Zinsen jenes Kapitals noch librig 
bleibt. 



— 474 — 

Um über die Größe der Einnahme eines Arbeiters zu 
urteilen, ist der Lohn, den dieser für eine Tagearbeit erhält, 
kein richtiger Maßstab, denn 

1. ist der Tagelohn gewöhnlich nach der Verschiedenheit 
der Jahreszeiten und der Arbeiten verschieden — höher 
im Sommer als im \Yinter, höher bei den Ernte- als 
bei den Bestellungsarbeiten; 

2. hat es auf den Erwerb des Arbeiters einen großen 
Einfluß, ob derselbe während des ganzen Jahres Arbeit 
und Verdienst hat, oder nur in einem Teil des Jahres 
Beschäftigung findet; 

3. bekommt der Arbeiter neben dem Geldlohn, der ihm 
als Tagelohn gereicht wird, häufig noch Emolumente, 
wie Wohnung, Garten, Kuhweide, Brennmaterial usw. 
entweder unentgeltlich, oder doch zu einem niedrigen 
Preise; und 

4. hat es auf den Erwerb eines Tagelöhners einen großen 
Einfluß, ob und in welchem Grade dessen Frau und 
unerwachsene Kinder Arbeit und Verdienst finden. 

Um nun einen bestimmteren Maßstab für den Arbeits- 
lohn zu erhalten, fasse ich das, was der Arbeiter mit seiner 
Frau und seinen unerwachsenen Kindern bis zum Älter von 
14 Jahren für die Arbeit während eines ganzen Jahrs 
an Geld und Eraolumenten erhält, zusammen, ziehe hiervon 
die Zinsen des im Hausgerät, in den Werkzeugen usw. 
steckenden Kapitals ab und nenne das Übrigbleibende „den 
Lohn für die Jahresarbeit einer Arbeiterfamilie". Zur Ab- 
kürzung setze ich dafür aber im Verfolg dieser Schrift: 
„Lohn für 1 J. A. eines Mannes." 
77 Den Betrag des so ermittelten Lohns, dem "Wert nach 
auf Berliner Schefi"cl Roggen reduziert und in Scheffeln 
Roggen ausgedrückt, bezeichne ich mit „A". 



— 475 — 

3. Arbeitsprodukt. 

Wenn man von dem rohen Ertrage eines Guts alles in 
Abzug bringt, was zur Erhaltung der Gebäude imd des 
Inventars in demselben Bestand und demselben Wert gehört, 
was zur Saat und zum Yiehfutter erforderlich ist, sowie die 
Administratiouskoslen und den Gewerbsprofit des Unter- 
nehmers, und überhaupt alles abrechnet, was zur Erhaltung 
der Wirtschaft notwendig ist und weder dem Eigen- 
tümer des Guts bei einer Verpachtung noch 
den Arbeitern zu Nutzen kommt: so nenne ich den 
Überschuß, der sich dann ergibt und der unter dem Guts- 
herrn und den Arbeitern verteilt werden soll, das Arbeits- 
produkt; und dieses, dividiert durch die Zahl der mit der 
Hervorbringung desselben beschäftigt gewesenen Arbeiter, 
ergibt die Größe des Arbeitsprodukts eines Mannes, welches 
ich mit „p" bezeichne. Bei Gewerbsunternehmungen ward 
das reine Arbeitsprodukt, welches übrig bleibt, nachdem der 
Unternehmer Administrationskosten und Gewerbsprofit be- 
zogen hat, zwischen dem Besitzer des in dem Gewerbe 
steckenden Kapitals und den Arbeitern geteilt. 

4. Die Arbeiter. 

Wenn man auf einem Gut oder einem Güterkomplex 
die verrichtete Arbeit und das gesamte Arbeitsprodukt durch 
die Zahl der Arbeiter teilt, so ergibt sich, was ein Arbeiter 
im Durchschnitt geleistet und hervorgebracht hat, und 
nach diesem Durchschnitt entwirft man seine Anschläge und 
Berechnungen. Bei einem solchen Kalkül gehört die große 
Verschiedenheit zwischen den Individuen in bezug auf Fähig- 7^ 
keiten und Leistungen nicht zum Gegenstand der Betrach- 
tung. Die Leistungen der Gesamtheit werden durch das 
Durchschnittsresultat repräsentiert und erhalten darin ihr Maß. 

In diesem Sinne ist es nun auch erlaubt, von der Un- 
gleichheit zwischen den Arbeitern zu abstrahieren und alle 



— 476 — 

Arbeiter derselben Klasse in bezug auf Kraft, Geschicklich- 
keit, Fleiß, Pflichttreue usw. als völlig gleich anzunehmen. 
Diese Annahme liegt nun unseren nächsten Unter- 
suchungen zugrunde. 

5. Subsistenz mittel. 

Das, was eine Arbeiterfamilie zu ihrem Unterhalte not- 
wendig bedarf, hängt gar sehr von der Zahl der Kinder^ 
die sie erzielt, ab und läßt, wenn hierüber nichts bestimmt 
wird, selbst keine Bestimmung zu. 

Da es unser Zweck ist, die Gesetze, welche den Arbeits- 
lohn und Zinsfuß regulieren, für den beharrenden Zustand 
der bürgerlichen Gesellschaft zu erforschen, so müssen wir 
auch die Zahl der Arbeiter als gleichbleibend ansehen, und 
annehmen, daß die arbeitenden Familien im ganzen so viele 
Kinder erzielen, als zum Ersatz der durch Alter und Tod 
abgehenden Arbeiter erforderlich sind. Die Arbeitskraft er- 
scheint dadurch als eine sich nicht abnutzende, unveränder- 
liche Größe. 

Die Summe der Subsistenzmittel, welche eine Arbeiter- 
familie — unter dieser Beschränkung — zur Erhaltung 
ihrer Arbeitsfähigkeit notwendig bedarf, setze ich für 
jede Familie im Wert gleich a Scheffel Roggen jährlich. 

Diese mit „a" bezeichneten Unterhaltsmittel betrachten 
wir als eine durch die Erfahrung gegebene bekannte Größe, 

Was wir hier als zum Unterhalt notwendig betrachten, 
darf nicht verwechselt Averden mit dem, was nach Blanqui's 
79 Ausdruck hinreicht, um am Sterben zu hindern: denn es 
soll durch diese ünterhaltsmittel dem Arbeiter nicht bloß 
das Leben, sondern auch die Arbeitsfähigkeit erhalten werden. 
Andererseits bleiben alle Genußmittel, die hiei-zu nicht absolut 
erforderlich sind, von dem, was wir mit „a" bezeichnen, 
ausgeschlossen. 

Wenn man von dem Arbeitslohn r= A das, was der 



— 477 — 

Arbeiter notwendig verbrauchen muß, also a, abzieht, so 
•ergibt sich für den Arbeiter ein Überschuß von A — a, 
wofür wir y setzen. Es ist dann A ^ a -|- y. 

6. Kapital. 

Unter „Kapital" verstehe ich das unter Mitwirkung der 
Naturkräfte durch die menschliche Arbeit hervorgebrachte 
Erzeugnis, welches zur Erhöhung der Wirksamkeit mensch- 
licher Arbeit dienlich ist und angewandt wird, vom Grund 
und Boden aber — wenn auch, wie bei Bäumen und Ge- 
bäuden, mit Verletzung der Form — trennbar ist. 

7. Zinsfuß oder Zinssatz. 
In den für ein ausgeliehenes Kapital eingenommenen 
Zinsen sind in der Regel zwei Bestandteile enthalten; nämlich 

1. die A^ergütung, welche der Borger für die zeitweise 
Nutzung des Kapitals, unter der Bedingung, dasselbe 
im gleichen Wert wieder abzuliefern, zahlt; 

2. die Assekuranzprämie für den möglichen und in einer 
längeren Periode beim Ausleihen öfters vorkommenden 
Verlust des Kapitals selbst. 

Was ich in dieser Schrift „Zinsfuß" nenne, umfaßt nur 
den ersten dieser beiden Bestandteile. 

Der Zinsfuß in diesem Sinne kann in der Wirklichkeit 
nur an den Zinsen, welche für die gegen erste Hypothek 
ausgeliehenen und für unverlierbar gehaltenen Kapitalien 80 
gezahlt werden, sich zeigen und zur Kenntnis kommen. 

Den auf diese Weise bestimmten Zinsfuß bezeichne ich 
mit ,.Z". 

8. Landrente. 
Der Begriff von Landrente ist im 1. Teil, 2. Auflage, 
,^ 5 a ausführlich erörtert. Um indessen meinen Lesern das 
Nachschlagen zu ersparen, bemerke ich hier in der Kürze: 



— 478 — 

daß ich unter Landrente nicht, wie Adam Smith, Say 
11. a. , die Griitseiakünfte, sondern die Rente verstehe^ 
welche von den Gutseinkünften nach Abzug der Zinsen 
vom Wert der Gebäude, der Waldungen, der Ein- 
zäunungen und überhaupt aller vom Boden trenn- 
baren Wertgegenstände übrig bleibt. 



§ 7. 

Unternehmergewinn, Industriebelohnung, 
Gewerbsprofit.*) 

a) Unternehmer gewinn. 

Wenn man v^on dem Gewinn, den der Unternehmer 
eines Gewerbes bezieht, in Abzug bringt: 

1. die Zinsen des angewandten Kapitals, 

2. die Assekuranzprämie für Schiffbruch, Feuersgefahr, 
Hagelschlag usw., 

3. die Besoldung eines Kommis, Administrators usw., der 
die Geschäftsführung, Anordnung des Ganzen und die 
Aufsicht übernimmt, 

81 so bleibt in der Regel für den Unternehmer noch ein Über- 
schuß — und dies ist der Unternehmergewinn. 

Worin ist nun dieser begründet, und was ist die Ur- 
sache, daß dieser niclit durch die Konkurrenz der Unter- 
nehmer selbst vernichtet wird — da doch die Anwendung 
des Kapitals durch die in Rechnung gebrachten Zinsen, die 
Gefahr beim Geschäft durch die in Abzug gebrachten Asse- 
kuranzbeiträge, und die Arbeit und Mühe der Geschäfts- 



*) Das Gründlichste und Wertvollste, was ich über diesen 
Gegenstand irgendwo getroffen, ist enthaltend in Hermann 's 
„Staatswirtschaftliche Untersuchungen", p. 145 — 265. München 1832. 



— 479 — 

führung durch die Besoldung des Administrators vergütet 
und aufgewogen -wird? 

Beantwortung dieser Frage. 

Es gibt keine Assekuranzgesellschaft gegen alle und jede 
Gefahr, die mit der Übernahme eines Gewerbes verbunden 
ist; ein Teil der Gefahr muß immer von dem Unternehmer 
selbst getragen werden. Durch das bloße Sinken der Preise 
der Produkte, Fabrikate und Handelswaren kann der Pächter 
eines Guts, der Fabrikant wie der Kaufmann, sein ganzes 
Yermügen verlieren — und gegen diese Gefahr gibt es keine 
Assekuranzgesellschaft. 

Nun kann man dagegen erwidern: 

Wer beim Beginn seines Unternehmens seinen Anschlag 
auf die bisherigen Mittelpreise der Produkte oder Waren 
gründet, kann zwar durch das Sinken des Preises unter den 
bisherigen Miltelpreis verlieren; aber ebenso oft, vielleicht 
öfter, wird er durch das Steigen des Preises gewinnen — 
die Gefahr wird durch die Aussicht auf den Gewinn kom- 
pensiert, folglich bedarf es dafür keiner Entschädigung. 

Nach diesem Prinzip kann eine Versicherungsgesellschaft 
verfahren, aber nicht der einzelne. Denn gerade in der 
Verschiedenheit, die zwischen einer Sozietät, bei welcher 
jeder Aktieninhaber nur einen Teil seines Vermögens 
aufs Spiel setzt, und dem Unternehmer, der sein ganzes 
Vermögen dem Verlust aussetzt, liegt der Grund, warum 82 
ein Unternehmergewinn stattfinden muß. 

Wer ein Vermögen von 10 000 Tlr. besitzt, kann füglich 
einen Taler auf eine Karte setzen, ohne daß sein Glück 
gefährdet wird; das Vergnügen beim Gewinn kompensiert 
das Mißbehagen beim Verlust. Setzt er aber seine 10 000 
Tlr. sämtlich auf eine Karte, so kann eine Verdoppelung 
seines Vermögens im günstigsten Fall seinem Glück nimmer- 
mehr soviel zusetzen, als ihm im ungünstigen Fall durch . 



— 480 — 

den Verlust seines ganzen Vermögens an Genuß und Lebens- 
glück entzogen wird. 

Wer das Vermögen besitzt, die Kosten zu bestreiten, 
Avelche die Erlangung der Kenntnisse und der Ausbildung 
für den Staatsdienst erfordert, hat die WaU, entweder sich 
dem Staatsdienst zu widmen, oder — bei gleicher Befähigung 
für beide Berufsarten — Gewerbsunternehmer zu werden. 
Wählt er ersteres, so ist nach seiner Anstellung seine Sub- 
sistenz für das ganze Leben gesichert; wälüt er letzteres, so 
kann eine ungünstige Konjunktur ihn gar bald seines Ver- 
mögens berauben, und sein Lebenslos ist dann, Lohnarbeiter 
zu werden. 

Was könnte nun bei so ungleichen Aussichten in die 
Zukunft ihn bewegen, 'Unternehmer zu werden — wenn nicht 
die Wahrscheinlichkeit des Gewinns viel größer wäre als 
die des Verlustes. 

In dem Maß, als der Verlust eines Teils oder des 
ganzen Vermögens empfindlicher ist, dem Glück und der 
Zufriedenheit mehr raubt, als eine gleiche Vergrößerung des 
Vermögens dem Lebensglück hinzufügen kann — in dem 
Maß muß auch bei Gewerbsunternehmungen die Wahr- 
scheinlichkeit des Gewinns größer sein als die des Ver- 
lustes. 

Adam Smith und mit ihm die meisten englischen 
Schriftsteller werfen die Zinsen des verwandten Kapitals 
83 mit dem ünternehmergewinn unter der Benennung „Gewinn" 
zusammen. 

Bei dieser Vermengung zweier aus so verschiedenen 
Quellen entspringenden Potenzen wird die Erkenntnis des 
Zusammenhanges zwischen Arbeitslohn und Zinsfuß fast 
unmöglich. Say hat, soviel ich weiß, diesen Maugel des 
Smith" sehen Systems zuerst aufgedeckt. 



— 481 — 

b) Industriebelolinun g. 

Für die Anordnung und Leitung der Geschäfte bei einem 
Gewerbe sowie für die Beaufsichtigung der dabei angestellten 
Arbeiter scheint, dem ersten Anblick nach, dem Unternehmer 
nur eine Vergütung zuzukommen, welche gleich ist dem 
Gehalt, den er einem Administrator, Buchhalter oder Auf- 
seher, der ihm diese Mühe und Besorgung abnimmt, zu geben 
braucht. 

Aber die Leistungen des für eigene Rechnung arbeitenden 
Unternehmers und des besoldeten Stellvertreters sind, wenn 
auch beide gleiche Fälligkeiten und Kenntnisse besitzen, 
dennoch sehr verschieden. 

In solchen Zeiten, wo durch die Wechselfälle der Kon- 
junktur das Geschäft große Verluste bringt, und das Ver- 
mögen wie die Ehre des Unternehmers auf dem Spiele 
stehen, ist der Geist desselben von dem einen Gedanken, 
wie er das Unglück von sich abwenden kann, erfüllt — und 
der Schlaf flieht ihn auf seinem Lager. 

Anders verhält es sich in einem solchen Fall mit dem 
besoldeten Stellvertreter, Wenn dieser am Tage redlich ge- 
arbeitet hat und am Abend ermüdet nach Hause kommt, 
schläft er mit dem Bewußtsein erfüllter Pflicht ruhig ein. 

Aber die schlaflosen Nächte des Unternehmers sind nicht 
unproduktiv. 

Hier faßt er Pläne und kommt auf Gedanken zur Ab- 84 
.Wendung seines Mißgeschicks, die dem besoldeten Admini- 
strator, wie ernstlich derselbe auch seine Pflicht zu erfüllen 
streben mag, doch verborgen bleiben — weil sie erst aus 
der höchsten Anspannung aller auf e i n e n Punkt gerichteten 
Geisteskräfte hervorgehen. 

Die Not ist die Mutter der Erfindungen, und so wird 
auch der Unternehmer durch seine Bedrängnis zum Erfinder 
und Entdecker in seiner Sphäre. 

Thünen, Der isolierte Staat. 31 



— 482 — 

Wie der Erfinder einer neuen nützlichen Maschine mit 
Recht den Überschuß bezieht, den die Anwendung derselben 
im Vergleich mit der älteren Maschine gewälirt, und diesen 
Überschuß als Belohnung seiner Erfindung genießt — eben 
so muß das, was der Unternehmer durch seine größere 
Geistesanstrengung mehr hervorbringt, als der besoldete 
Administrator, demselben als Belohnung seiner Industrie 
zufallen. , 

Der für eigene Rechnung und auf eigene Gefahr arbei- 
tende Unternehmer besitzt, bei übrigens gleichen Eigen- 
schaften, eine größere Leistungsfähigkeit als der besoldete 
Stellvertreter — wie groß auch dessen Pflichttreue sein 
mag — und dies ist der Grund , warum dem Unternehmer 
außer den Administrationskosten noch eine Vergütung, die 
wir „Industriebelohnung'' nennen, zukommt. 

Ein ähnliches A'erhältuis zeigt sich selbst bei der ge- 
meinen Handarbeit. Die Kraft des Arbeiters, der Erde im 
Verdung aufladet, wird gestärkt und gestählt durch das 
Gefühl, daß jeder Spatenstich ihm zugute kommt und seinen 
Verdienst erhöht, während der pflichttreue Lohnarbeiter, 
der die Mühseligkeit und Anstrengung bei der Arbeit stets 
durch den moralischen Zwang, den er sich selbst auflegt, 
bekämpfen muß, weit eher ermattet und bei gleicher Kraft 
85 und Tüchtigkeit ein geringeres Tagewerk zustande bringt 
als der Verdungarbeiter. 

Diese Betrachtung mag zugleich auch dazu beitragen, 
das Urteil über die Arbeiter zu mildern, wenn wir finden, 
daß sie im Tagelohn so sehr viel weniger zustande bringen, 
als sie sonst im Verdung geleistet haben — indem wir dies 
nicht bloß der Trägheit und Pflichtvergessenheit beimessen 
dürfen (wozu man nur zu sehr geneigt ist), sondern dies 
auch zum Teil der verschiedenen, nicht von der AVillkür 
der Arbeiter abhängenden Leistungsfähigkeit zuschreiben 
müssen. 



— 483 — 

c)G-ewerbsprofit. 

Was der Unternehmer mehr bezieht als die Zinsen des 
verwandten Kapitals und die Administratiouskosten, nämlich 
den ünternelimergewinn und die Industriebelohnung, fasse 
ich zur Vereinfachung des Ausdrucks unter der Benennung 
„Gewerbsprofit" zusammen. 

Das Kapital kann nur dann eine Nutzung gewähren 
und ist im engeren Sinn nur dann Kapital, wenn es produktiv 
angelegt wird ; und von der Größe dieser Nutzung hängt die 
Höhe des Zinsfußes beim Ausleihen der Kapitale ab. 

Die produktive Anlegung setzt einen Gewerbsbetrieb 
und dieser einen Unternehmer voraus. 

Das Gewerbe liefert dem Unternehmer nach Erstattung 
aller damit verbundenen Auslagen und Kosten einen reinen 
Ertrag. Dieser Reinertrag enthält die beiden Bestandteile: 
Gewerbsprofit und Kapitalnutzung. Nach Abzug des Ge- 
werbsprofits von dem Reinertrag ergibt sich die Größe der 
den Zinsfuß bestimmenden Kapitalnutzung. 

Nach der auf diese Weise bewirkten Ausscheidung und 
Ermittelung der Nutzung des in einem Gewerbe angelegten 
Kapitals wird es erlaubt sein , in den folgenden Unter- 
suchungen von dem Unternehmer selbst zu abstrahieren und 86 
diesen gleichsam als den durch den Gewerbsprofit gelohnten 
Geschäftsführer des Kapitalisten zu betrachten; wobei aber 
der Unternehmer durch sein eigenes Interesse getrieben 
wird, die höchste Kapitalnutzung zu erstreben. 

(In dem Arbeitsprodukt, wie dies § 6 Nr. 3 definiert 
worden, ist der Gewerbsprofit nicht mehr enthalten, sondern 
bereits ausgeschieden, und es kommen deshalb bei der Frage 
von der Yerteilung des Arbeitsprodukts nur Arbeiter, Kapi- 
talisten und Landbesitzer in Betracht.) 



31* 



484 



§ 8. 
Bildung des Kapitals durch Arbeit. 

Die ersten Menschen, welche die Erde betraten, hätten 
umkommen müssen, wenn nicht die vorsorgende Natur eine 
Fülle von wildwachsenden Gewächsen hervorgebracht hätte, 
deren Früchte dem Menschen zum Lebensunterhalt dienen. 

Wenn wir den Ursprung des Kapitals und den Zustand 
der Gresellschaft , in welchem der mit keinem Kapital ver- 
sehene Mensch bloß durch seine Arbeit subsistieren und 
selbst einiges Kapital schaffen kann , uns vergegenwärtigen 
wollen, so müssen wir uns in Gedanken nach den Tropen- 
ländern versetzen: wo die Früchte des Pisang, der Kokos- 
palme und des Brotbaums*) in Verbindung mit Bataten, 
87 Mais und anderen Südfrüchten zur Ernährung der Menschen 
ausreichen ; wo eine jährlich zu erneuernde Hütte von ßaum- 



*) Über den mannigfaltigen Nutzen , den die Gewächse den 
Menschen gewähren, teile ich hier einige — aus Suckow's 
„Ökonomische Botanik" entnommene — Notizen mit. 

1. Der gemeine Pisang (Musa paradisiaca L.) erreicht eine 
Höhe von 10 bis über 20 Fuß, hat einen baumartigen Stamm, 
welcher aber nicht holzig, sondern grün von häutiger, markiger 
Substanz ist. Seine Blätter erreichen eine Länge von 6 bis 12 Fuß 
und sind au 2 Fuß und darüber breit. Die Früchte haben ein 
mildes, saftiges Fleisch und werden in Ost- und Westiudien zur 
Speise, teils roh, teils in vielfachen Zubereitungen gebrauclit und 
87 dienen statt des Brotes. Die Früchte liefern auch durch Ab- 
kochung ein Getränk und durch Gärung einen Wein. Aus dem 
Stamm kann eine Art Flachs bereitet werden , und die Blätter 
dienen zu Tafeltüchern und zur Deckung der Häuser. 

Nach V. Humboldt nährt in Mexiko ein mit Pisang be- 
pflanzter Morgen des besten Bodens 25 Menschen und verursacht 
weuig Arbeit. (Rau, Volkswirtschaftslehre, 2. Auflage, S. 86.) 



— 485 — 
Stämmen, mit den Blättern des Pisang gedeckt, hinreichenden 88 



2. Die Kokospalme (Cocos nucifera L.). 

Die äußere Schale der Kokosnuß dient wegen ihres faserigen 
Wesens zu Stricken und Lunten. 

Die Kokosmilch in den ausgewachsenen Früchten ist ein be- 
sonderes Erfrischungsmittel, und eine Kokosnuß liefert wohl für 
2 Personen hinlänglichen Saft zur Löschung des Durstes. 

Ton älteren Früchten, in denen der innere Kern sich schon 
verdickt hat, dient solcher teils zum Speisen, teils zur Bereitung 
einer Müch, welche sich rahmt und ein Ol liefert. Die harten 
Schalen des Kerns sind vor der Eeife weich und eßbar. Von den 
reif gewordenen Nüssen werden die Schalen zu mancherlei Be- 
hältnissen gebraucht. Aus den weiblichen Blüten der Kokospalme 
wird der Palmweiu bereitet. Mit einem Zusatz von Eei^, Sirup 
und Wasser versehen, liefert dieser Wein den Arak. Unvermischt 
geht dieser Wein in der Wärme in Palmessig über. Der obere, 
weiche und markige Teil des Schaftes gibt das sogenannte Palm- 
hirn, welches verspeist wird. Das schwammige, faserige Mark 
des Schaftes wird als Dünger gebraucht. Die Blätter der Kokos- 
bäume dienen zur Deckung der Dächer, zu Matten, Stricken, 
Flechtwerk, Sonnenschirmen und zu Papier. 

3. Der Brotfruchtbaum (Artocarpus incisa L.). Aus dem 
fleischigen Mark der Frucht des Brotbaums wird, nachdem das- 
selbe in Gruben gebracht und dort in saure Gärung übergegangen 
ist, Brot gebacken. Dieses saure Brot ist die vorzüglichste Speise 
der Tahitier und dient ihnen auch zum Proviant auf ihren Reisen. 
Häufiger ist aber noch der Genuß der frischen Brotfrucht, die man 
vor ihrer völligen Eeife abnimmt, abschält, in Blätter wickelt und 
auf heißen Steinen backt. Aus dem Splint der 2- bis 3jährigen 
Stämme werden Zeuge und muselinartige Tücher verfertigt. Die 
Blätter des Brotbaums dienen zum Einwickeln beim Backen der 
Frucht und auch als Teppiche zur Belegung des Bodens beim 
Speisen. Die abgefallenen männlichen Kolben dienen als Zunder. 
Der nach gemachten Einschnitten aus dem Stamme hervordringende 
Saft liefert, mit Kokosmilch eingekocht, einen Vogelleim, und mit 
Sagomehl, Zucker und Eiweiß wird er zu einem sehr festen Kitt. 



— 486 — 

Schutz gewährt; und wo die Pisaugblätter zur Bekleidung 
genügen. 

„Seit der frühesten Kindheit menschlicher Kultur findet 
man in allen Kontinenten unter den Wendekreisen, soweit 
Tradition und Geschichte reichen, Pisangkultur", sagt v. Hum- 
boldt in seinen „Ansichten der Natur". 

Die drei genannten ßaumarten bringt dort die Natur 
selbst, ohne Zutun der Menschen hervor. Dagegen werden 
Bataten und Mais des Ausbaues, also der menschlichen Arbeit 
bedürfen. Auf dem humusreichen, lockeren Boden werden 
hierzu das Ausreißen der die Erde bedeckenden Pflanzen 
und das Aufritzen des Bodens mit einem Stabe schon ge- 
nügen, und also keine Gerätschaften, in welchen Kapital 
enthalten ist, angewandt zu werden brauchen. 

Die allmähliche Entwicklung eines in die Tropenländer 
versetzten Volks können wir uns unter zwei verschiedenen 
Gesichtspunkten denken. 

a) Wir betrachten dies Volk nicht bloß als arm an 
Kapital, sondern auch als arm an Kenntnissen und unbekannt 
mit den Erfindungen und Entdeckungen, wodurch in unseren 
Tagen die Fabrikation und Produktion so sehr gefördert ist. 

Die Kapitalbildung kann dann nur sehr langsam vor 
sich gehen, ist abhängig nicht bloß von der Arbeit, sondern 
auch von dem Fortschritt der Intelligenz und somit das 
Werk zweier verschiedener Potenzen. Die Entwicklung, die 
hier stattfindet, gehört der Kulturgeschichte an und liefert 
für den Zweck unserer Untersuchung keine Resultate. 

b) Wir denken uns ein mit allen Fähigkeiten, Kennt- 
nissen ^nd Geschicklichkeiten der zivilisierten europäischen 
Nationen ausgerüstetes Volk nacli einem Tropenlande versetzt, 
welches aber kein Kapital, also auch keine Werkzeuge besitzt, 

89 und fragen, wie sich hier bei gleichbleibender Intelligenz 
des Volks die Kapitalbildung gestaltet. 

Hier können zwei verschiedene Fälle stattfinden: 



— 4Ö7 — 

1. Dieses Volk steht im Verkehr mit anderen Nationen 
und kann seine eingesammelten un,d ervsparten Vorräte an 
Früchten gegen andere Gegenstände, namentlich gegen Werk- 
zeuge und Maschinen vertauschen. 

Auf diese Weise würde aber das Erzeugnis der Arbeit 
an sich, gegen andere Erzeugnisse, worin Arbeitslohn, Zinsen 
und Landrente enthalten sind, vertauscht, und wir- erhielten 
dann über das, was wir zu erforschen suchen, keinen Auf- 
schluß. 

2. Dieses Volk steht mit anderen Nationen in keinem 
Handelsverkehr, ist von der übrigen Welt getrennt, und die 
Kapitalbildung geht von innen heraus ohne einen äußeren 
Einfluß vor sich. 

Diesen letzteren Fall legen wir unserer nächsten Unter- 
suchung zu gründe und nehmen ferner an: 

1. daß in dem Schoß der Grebirge dieses Landes alle 
Metalle vorhanden sind, welche die europäische Industrie zu 
ihren Erzeugnissen und Fabrikaten gebraucht; 

2. daß dieser Volksstamm zalilreich genug ist, um die 
Teilung der Arbeiten, wie sie in Europa stattfindet, ein- 
führen zu können, sobald nur das dazu erforderliche Kapital 
vorhanden ist; 

3. daß das von diesem Volk bewohnte Land überall 
von gleicher Fruchtbarkeit und zugleich so ausgedehnt ist, 
daß jeder Bewohner Land umsonst in Besitz nehmen kann. 

Unter diesem Volk, welches kein Kapital besitzt, und 
wo der Grund und Boden keinen Tauschwert hat, findet 
auch kein Verhältnis von Herren und Dienern statt ; jeder 
ohne Unterschied ist Arbeiter und muß durch Arbeit sich 
seinen Unterhalt erwerben. 

Hier haben wir also die einfachsten Zustände vor Augen, 90 
und wenn wir diese der Betrachtung unterwerfen, dürfen wir 
am ersten hoffen, Aufschluß über die Verbindung zwischen 
Arbeitslohn und Zinsen zu erhalten. . , 



— 488 — 

Indem wir mm aber den Schauplatz unserer Betrach- 
tungen in Gedanken nach den Tropenländern verlegen, wo 
unsere Getreidearten nicht gedeihen und nicht die vor- 
züglichste Nahrung der Menschen ausmachen , fällt es so- 
gleich in die Augen, daß der Roggen hier nicht Wertmesser 
und nicht Maßstab für die Subsistenzmittel, die die Menschen 
bedürfen, sein kann. 

.Hier müssen wir die Subsistenzmittel selbst, die der 
Arbeiter während eines Jahrs gebraucht, als die Einheit und 
als Maßstab für die Größe des Erzeugnisses annehmen. 

Diese Subsistenzmittel bezeichne ich nun mit „S" und 
den hundertsten Teil derselben mit „c", so daß .,S" = 100 c ist. 

Gesetzt nun, der Arbeiter kann, wenn er fleißig und 
sparsam ist, durch seiner Hände Arbeit 10 '^/o mehr als er 
zu seinem notwendigen Unterhalt bedarf, also l.i S oder 
110c im Jahr hervorbringen: so erübrigt er nach Abzug 
dessen, was er zu seinem Lebensunterhalt verwenden muß, 
110 c -^ 100 c = 10 c. 

Er kann also im Verlauf von 10 Jahren einen Yorrat 
sammeln,*) wovon er während eines Jahrs leben kann, ohne 
zu arbeiten; oder er kann auch ein ganzes Jahr hindurch 
seine Arbeit auf die Verfertigung nützlicher Gerätschaften, 
also auf die Schaffung eines Kapitals wenden. 

Folgen wir ihm jetzt bei der kapitalschaffenden Arbeit. 

91 Mit einem zerschlagenen Feuerstein bearbeitet er das 

Holz zu Bogen und Pfeil; eine Fischgräte dient dem Pfeil 

zur Spitze. Aus dem Stamm des Pisangs oder der faserigen 

Schale der Kokosnuß werden Stricke und Bindfaden gemacht, 

*) Aber wird dieser Vorrat uicht verderben? Nun, so mag 
er in jedem Jahr ein Zehntel desselben der Verfertigung von 
Gerätschaften widmen, und er kommt dann auch in 10 Jahren 
damit zustande. Die Untersuchung ist aber leichter zu führen 
und zu übersehen, wenn wir von der Schwierigkeit der Auf- 
bewahrung des Vorrats abstrahieren. 



— 489 — 

und erstere zur Sehne des Bogeus, letztere zur Verfertigung 
von Fiseliernetzen verwandt. 

Im folgenden Jahre wendet er sich dann wieder der 
Erzeugung von Lebensmitteln zu; aber er ist jetzt mit Bogen, 
Pfeilen und Netzen versehen, seine Arbeit wird mit Hilfe 
dieses Geräts viel lohnender, sein Arbeitsprodukt viel größer. 

Gesetzt, sein Arbeitserzeugnis — nach Abzug dessen, 
was er auf die Erhaltung des Geräts im gleich guten Zu- 
stande verwenden muß ■ — steige dadurch von 110 c auf 
150 c, so kann er in einem Jahre 50 c erübrigen, und er 
braucht jetzt nur 2 Jahre der Erzeugung von Lebensmitteln 
zu widmen, um wiederum ein ganzes Jahr auf die Ver- 
fertigung von Bogen und Netzen zu verwenden. 

Er selbst kann hiervon zwar keine Anwendung machen, 
da die im früheren Jalire verfertigten Geräte für sein Be- 
dürfnis genügen; aber er kann dasselbe an einen Arbeiter 
verleihen, der bisher ohne Kapital arbeitete. 

Dieser zweite Arbeiter brachte bisher hervor 110 c; leiht 
derselbe nun das Kapital, woran der kapitalerzengende Ar- 
beiter die Arbeit eines Jahrs gewandt hat, so ist sein Er- 
zeugnis, wenn er das geliehene Gerät im gleichen Wert er- 
hält und wieder abliefert*) 150 c. 

Das Mehrerzeugnis vermittels des Kapitals beträgt also 40 c. 

*) Wie kann aber der verliehene Gegenstand in gleicher Be- 
schaffenheit und gleichem Wert erhalten und wieder abgeliefert 
werden? Dies geht freilich bei einzelnen Gegenständen nicht an, 
wohl aber bei der Gesamtheit der in einer Nation verliehenen 
Gegenstände. Wenn jemand z. B. 100 Gebäude von hundert- 
jähriger Dauer vermietet unter der Bedingung, daß der Mieter 
jährlich ein neues Gebäude errichtet, so behalten die 100 Gebäude, 92 
trotz der jährHchen Abnutzung doch gleichen Wert. Bei dieser 
Untersuchung müssen wir notwendig unsern Blick auf das Ganze 
richten, und wenn hier nur zwei Personen als handelnd dargestellt 
sind, so ist dies bloß ein Bild, wodurch die Bewegung, die gleichzeitig 
in der ganzen Nation vor sich geht, anschaulich gemacht werden soll. 



— 490 — 

92 Dieser Arbeiter kann also für das geliehene Kapital eine 
Reute zahlen von 40 c, welche der kapitalerzeugende Arbeiter 
für seine einjährige Arbeit dauernd bezieht. 

Hier treffen wir auf den Ursprung und Grund der Zinsen 
und auf ihr Verhältnis zum Kapital. 

Wie sich der Lohn der Arbeit verhält zu 
der Größe der Rente, die dieselbe Arbeit 
schafft, wenn sie auf Kapitalerzeugung ge- 
richtet wird: so verhalten sich Kapital und 
Zinsen. 

In dem vorliegenden Fall ist der Lohn für 1 J. A. = 
110 c; die Rente, die das aus der Arbeit eines Jahres hervor- 
gegangene Kapital bringt, beträgt 40 c. 

Das Verhältnis ist also wie 110 c : 40 c = 100 : 36.4, und 
der Zinssatz ist 36,4 "/o. 

Aber — kann man einwenden — die Rente von 40 c 
ist nicht das Ergebnis von einer Jahresarbeit; denn der 
Arbeiter hat 10 Jahre gebraucht, um die Subsistenzmittel, 
die er bei der Kapitalschaffung verzehrte, hervorzubringen. 
Die Rente ist also das Ergebnis von 10 -|- 1 = H Jahren, 
welches für 1 J. A. nur ^''/ii c = 3,C4 c Rente gibt. 

Hierauf ist zu erwidern: 

Der Arbeiter ohne Kapital erhält für seine Jahresarbeit 
in seinem Erzeugnis eine Belohnung von 110 c. Hiervon 
muß er aber zu seinem Unterhalt 100 c verwenden, und für 
seine Anstrengung selbst wird er nur mit 10 c gelohnt. 

Wir müssen also in dem Lohn der Arbeiter zwei Be- 
standteile unterscheiden, näijilich: 

93 1. was der Arbeiter zu seinem Unterhalt verwenden muß, 

um arbeitsfähig zu bleiben ; und 
2. was er für seine Anstrengung selbst erhält.*) 



93 *) Die Unterscheidung zwischen Lohn für die Arbeit mid 
Lohn für die Anstrengung i<t auch zur richtigen Würdigung der 



— 491 — 

Nach den obigen Annahmen in Zahlen erhält der Arbeiter 
für seine Anstrengung während eines Jahres — welche ich 
künftig mit „1 J. Anstreng." bezeichnen werde — wenn diese 
auf Erzeugung verzehrbarer Artikel gerichtet wird, 10 c; und 
wenn sie der Kapitalerzeugung zugewandt wird, 3,g4 c Eente. 

Das A'erhältnis zwischen beiden ist also wie 10 : 3,64, 
das ist wie 100 : 36,4. 

Wir erhalten also für das Verhältnis zwischen Kapital 
und Zinsen dasselbe Resultat, wir mögen die Jahresarbeit 
oder die Jahresanstreugung zum Maßstab nehmen. 

Wird nun, wenn der Zeitpunkt eingetreten ist, wo jeder 
Arbeiter des ganzen Volks mit einem Kapital von 1. J. A. 
versehen ist, die Kapitalerzeugung noch fortgesetzt werden 
oder aufhören? 

Stellen wir dem Arbeiter, der Bogen, Pfeile und Netze 
besitzt, einen anderen gegenüber, der auch nur spärlich mit 
Kapital versehen is't, aber doch Spaten, Beil und Nägel im 
Besitz hat, der die Erde umgräbt, anstatt daß jeuer sie mit 
einem Stab aufwühlt, der das Holz mit einem Beil, statt 94 
mit dem zerschlagenen Feuerstein bearbeitet: so finden wir 
bei gleicher Geschicklichkeit, gleichem Fleiß, gleicher An- 
strengung und Körperkraft beider doch einen sehr ver- 



Verhältnisse im praktischen Leben nicht ohne Bedeutung, wie 
folgendes Beispiel zeigen mag-. 

Gesetzt, einem Tagelöhner, dessen jährlicher Verdienst 100 Tlr. 
beträgt, stirbt seine Kuh von 20 Tlr. Wert. Vergleicht mau nun 
seinen Verlust mit seinem Jahreslohn, so erscheint derselbe nicht 
erheblich, denn er kann ihn ja durch die Arbeit von ','5 Jahr er- 
setzen. Erwägt man aber, daß er von seinem Lohn 90 Tlr. auf 
seinen Unterhalt verwendet und verwenden muß, um arbeitsfähig 
zu bleiben, daß seine Anstrengung während eines Jahrs nur mit 
10 Tlr. gelohnt wird, daß ihm also in seiner Kuh die Frucht der 
Anstrengung von 2 Jahren gestorben ist : so erscheint sein Verlust 
sehr beklagenswert und fordert das Mitg-efühl zur Unterstützuno- auf. 



— 492 — 

schieclenen Erfolg der Arbeit. Der zweite mit Spaten und 
Beil versehene Arbeiter wird am Ende des Jahres ein weit 
größeres Produkt seiner Arbeit aufzuweisen haben als der erste. 

Spaten und Beile sind aber selbst Erzeugnisse der 
menschlichen Arbeit , und in dem hohen Nutzen , den diese 
Werkzeuge gewähren, liegt der Antrieb zu ihrer Hervor- 
bringung und somit zur ferneren Kapitalerzeugung. 

Bei der Verfertigung von Bogen, Pfeilen usw. bedurfte 
der einzelne Arbeiter nicht der Hilfe anderer. Bei der Ge- 
winnung und Verarbeitung des Eisens muß aber schon eine 
Teilung der Arbeit stattfinden, und wir müssen hier die 
kapitalerzeugenden Arbeiter als eine Gesellschaft ansehen, 
die sich zu einem gemeinschaftlichen Zweck verbunden hat 
und die den Gesamtertrag ihrer Arbeit unter sich verteilt. 

Nehmen wir nun an, daß das ganze Volk nach und 
nach mit dem genannten Eisengerät versehen sei, und daß 
das, was jeder Arbeiter davon gebraucht und anwendet, das 
Produkt der Jahresarbeit eines mit der Kapitalerzeugung 
beschäftigten Mannes sei: so arbeitet jetzt jeder mit einem 
Kapital von 2 J. A. 

Bei diesem Kapitalbestand sind die Werkzeuge, die die 
menschliche Arbeit wirksamer machen , aber noch sehr un- 
vollständig. Die Kapitalerzeugung wird also fortgesetzt, und 
so die Nation sukzessive mit einem Kapital von 3, 4, 5 und 
meiir J. A. für jeden Arbeiter yersehen werden; und das 
Ai'beitsprodukt eines Mannes wird mit dem steigenden Kapital 
mehr und mehr wachsen. 

Hier drängt sich nun die Frage auf: 
95 Wird die Vergrößerung des Arbeitsprodukts mit der 
Vergrößerung des Kapitals gleichen Schritt halten, also im 
direkten Verhältnis damit stehen, wird z. B. die Anwendung 
des Kapitals von 3 J. A. die dreifache Rente des Kapitals 
von 1 J. A. also 3 X 40 c = 120 c bringen? 

Wir wissen, daß nicht jedes in Gerätschaften, Maschinen, 



— 493 — 

Gebäuden usw. angelegte Kapital die Arbeit in gleichem 
Maße fördert und wirksamer macht. 

Die Anlegung und der Gebrauch einer Mühle vermehrt 
das Arbeitsprodukt eines ]\Tenschen, der sich mit dem Zer- 
reiben des Getreides beschäftigt, mindestens um das Zwanzig- 
fache; oder ein Mann kann mit einer Mühle mehr Getreide 
imd zugleich besser mahlen als 20 Mann, die dasselbe mit 
der Hand zwischen Steinen zerreiben. 

Ein Mann, der über einen mit zwei Pferden bespannten 
Pflug gebietet, pflügt mehr Land um, als 30 Mann mit dem 
Spaten umgraben können. 

In der Anlegung imd Verfertigung von Mühlen und 
Pflügen findet also die kapitalerzeugende Arbeit eine nütz- 
liche, sich hoch belohnende Verwendung. Sind diese aber 
einmal für den Bedarf in genügender Menge hergestellt, so 
wird die Verfertigung mehrerer Pflüge und Mühlen nicht 
bloß keine so hohe Rente wie die zuerst hergestellten, 
sondern überhaupt gar keine Heute mehr abwerfen. 

Wie nützlich auch ein Instrument oder eine Maschine 
sein mag, immer gibt es eine Grenze, wo die Vervielfälti- 
gung derselben aufhört, nützlich zu sein und eine Rente 
abzuwerfen. 

Ist diese Grenze einmal erreicht, so.- muß die kapital- 
erzeugende Arbeit sich auf die Hervorbringung anderer Wert- 
gegenstände richten, wenn diese auch minder nützlich sind, 
und eine geringere Rente tragen als die früher hervorge- 
brachten. 

Der kapitalerzeugende Arbeiter wird also, sein eigenes 96 
Interesse berücksichtigend und verfolgend, seine Arbeit zuerst 
auf die Verfertigung solcher Werkzeuge und Maschinen 
richten, die seine Kraft am meisten beflügeln, seiner Arbeit 
den höchsten Erfolg verschaffen; dann aber, wenn diese in 
genügender Menge vorhanden sind, seine Arbeit der Pro- 
duktion von Gerätschaften und Maschinen zuwenden, die 



— 494 — 

auch sehr nützlich, aber doch minder wirksam sind und die 
Arbeit minder fördern als die zuerst hervorgebrachten — 
wofür er also auch beim Ausleihen mit einer geringeren 
Rente vorlieb nehmen muß. 

Hier offenbart sich der Grund der für unsere fernere 
Untersuchung so wichtigen Erscheinung: daß jedes in 
einer Unternehmung oder einem Gewerbe neu 
angelegte, hinzukommende Kapital geringere' 
Renten trägt als das früher angelegte. 

Diese Erscheinung zeigt sich auch überall im praktischen 
Leben, wo nicht die Jahresarbeit, sondern das Geld Maßstab 
des Kapitals ist. Sehr klar läßt sich dies bei Meliorationen 
auf einem Landgut wahrnehmen, wo die ersten zu Ver- 
besserungen, z. B. zum Mergeln, verwandten tausend Taler 
15% bringen können, während die zweiten tausend Taler 
vielleicht nur 10 %, diese dritten nur noch 5 % tragen, und 
wo man bei weiter fortgeführten Kapitalanlagen, z. B. bei 
Vertiefung der Ackerkrume über einen gewissen Punkt hin- 
aus, nur 3, 2 oder gar nur 1 °/o Zinsen erhält. 

Ein „Detailhändler oder auch ein Fabrikant", der seine 
Waren in der Nähe seines Wohnorts absetzt und ein Kapital 
von 10000 Tlr. in seinem Geschäft zu 5% benutzt, kann 
ein hinzukommendes Kapital von 1000 Tlr. nur dann an- 
wenden, wenn sein Absatz sich vergrößert, wenn er die Waren 
in einem weiteren Kreise um seinen Wohnsitz herum absetzt. 
97 Dies kann er aber bei sonst gleichbleibenden Umständen 
nur dadurch erreichen, daß er den Preis seiner Waren her- 
absetzt — was aber eine Verminderung der Nutzung des 
zuletzt angelegten Kapitals zur Folge hat. 



— 495 — 



S 9. 



Bildung des Arbeitslohns und des Zinsfusses. 

Gibt man das Kapital in Jahresarbeit an, so wird der 
Aufwand an menschlichen Kräften, der die Hervorbringung 
des Kapitals erfordert hat, zum Maßstab genommen. Drückt 
man das Kapital in Geld aus, Avelches selbst ein Erzeugnis 
der menschlichen Arbeit und des Kapitals ist, so werden die 
aus der Arbeit hervorgegangenen Gegenstände Maßstab des 
Kapitals. Welchen von beiden Maßstäben man nun auch 
anwendet, so vermehrt, wie wir oben gesehen haben, das neu 
hinzukommende Kapital das Arbeitsprodukt des Menschen im 
geringeren Grade als das zuvor angelegte Kapital. 

Es fragt sich nun, durch welche Reihe diese abnehmende 
Wirksamkeit des Kapitals dargestellt werden kann. 

Später, wenn die Forderungen, die an eine solche Reihe 
gemacht werden müssen, vollständiger vorliegen, wird die 
Erforschung des Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeits- 
produkt Gegenstand einer besonderen Untersuchung werden. 
Hier hat sich nun erst das Bedürfnis herausgestellt, eine 
Reihe aufzufinden, deren Glieder fortschreitend kleiner werden, 
und dieser Forderung entspricht die geometrische Reihe, deren 
Grundzahl ein Bruch ist, wie ^lio, (^/lo)-', (9/io)3, (^/lo)^ 

Um unsere ferneren Untersuchungen an bestimmte Zahlen 
knüpfen und dadurch weiter entwickeln zu können, nehme ich 
vorläufig an, daß das Arbeitsprodukt eines Mannes durch 
Anwendung des 1 sten Kapitals von 1 J. A, um 40 c 98 

„ 2 ten „ um ^/lo ^ 40 c = 36 c 

„ Sten „ „ '^/lo X 36 c = 32,4 c 

und so ferner erhöht werde. 

Die Fortführung dieser Rechnung ergibt folgende Skala : 



496 



Die Arbeit eines Mannes ohne Kapital liefert 

Das 1 ste Kapital von 1 J. A. gibt Zuwachs 40 c 

„ 2te 3/10X40 =36 c 

„ Ste 9/10X36 =32,4 

., 4te 9/10 X 32,4 = 29,2 c 

„ Ste 9 10 X 29,2 =26,3 

„ 6te ''lioX26,3 =23,7 

„ 7te 9 10 X 23,7 =21,3 

,, Ste 'VioX21,3 = 19,2 

[, 9te 9/10x19,2 =17,3 

,. lOte 9/10X17,3 = 15,6 

„Ute 9/10 X 15,6 = 14 

„ 12te 9/10X14 =12,6 

„ 13te 9/10x12,6 = 11,30 

„ Ute 9/10x11,3 = 10,20 



Ganzes 
Arbeits- 
produkt. 


110 


c 


150 





186 





218.4 


c 


247,6 
273.9 


c 




297.6 


c 


318,9 


c 


338,1 


c 


355,4 


c 


371 


c 


385 





397,6 





408.9 





419.1 


c 



Einfluß der Vermehrung des Kapitals auf den 
Lohn der Arbeit. 

In der Nation, die wir hier vor Augen haben, finden 
sich noch keine Kapitalisten, die andere für sich arbeiten 
lassen, sondern jeder arbeitet für sich selbst. Die Arbeiter 
teilen sich aber in zwei Klassen, nämlich 1. in solche, die 
sich mit der Kapitalerzeugnng beschäftigen, und 2. in solche, 
die mit einem geliehenen Kapital auf eigene Rechnung arbeiten. 
99 Die der zweiten Klasse angehörigen werde ich ,. Arbeiter" 
ohne weiteren Beisatz nennen. Was diese nach Abzug der 
Zinsen des angeliehenen Kapitals vom Arbeitsprodukt übrig 
behalten, ist der Lohn ihrer Arbeit. 

Steht die Gesellschaft auf der Stufe des Wolilstaudes, 
daß jeder mit einem Kapital von 1 J. A. versehen ist, so 



— 497 — 

erhalten die Ausleiher für das Kapital von 1 J. A. 40 c 
Rente. 

Wird die Kapitalerzeugung dann noch fortgesetzt und es 
dahin gebracht, daß auf jeden Arbeiter 2 J. A. Kapital fallen, 
so können die Ausleiher für das zweite Kapital nicht 40 c, 
sondern nur 36 c erhalten , weil der Arbeiter dasselbe nicht 
höher als zu 36 c nutzen kann und es ganz verschmähen 
würde, wenn mehr dafür verlangt wird. 

Werden die Arbeiter nun aber für das erste Kapital 
von 1 J, A. noch fortwährend 40 c, oder wie für das zweite 
Kapital nur 36 c Rente zahlen? 

Wenn irgend ein kapitalerzeugender Arbeiter, der mit 
der Schaffung des zweiten Kapitals fertig geworden ist, 
dasselbe einem Arbeiter zu 36 c Rente anbietet, so wird 
dieser, der seinem Gläubiger bisher 40 c für das Kapital 
von 1 J. A. zahlte, das teuere Kapital kündigen und das 
wohlfeilere dafür annehmen. Der kapitalerzeugende Arbeiter, 
dem sein ausgeliehenes Kapital gekündigt ist, hat indessen 
auch das zweite Kapital zustande gebracht und hat jetzt 
zwei Kapitale zu verleihen. Diese Kapitale können aber 
gar keine Anwendung finden, wenn er sich nicht entschließt, 
mit 36 c Rente pro J. A. Kapital vorlieb zu nehmen. Da 
diese Kapitale ihm dann aber ganz nutzlos sind, so wird er 
sich bequemen müssen, sowohl das erste als das zweite 
Kapital für 36 c Rente zu verleihen. 

Man kann zwar einwenden , daß das aus der ersten 100 
J. A. hervorgegangene Kapital in Gerätschaften anderer Art 
besteht als das durch die zweite J. A. hervorgebrachte Gerät, 
daß eins nicht das andere ersetzen und folglich auch nicht 
maßgebend für dasselbe werden könne. 

Darauf kommt es hier aber auch nicht an, sondern es 

ist durch die Kapitalvermehrung die Vergütung für die auf 

Kapitalerzeugung gerichtete Arbeit in dem Verhältnis von 

40 : 36 gesunken, und die kapitalerzeugende Arbeit ^^drd 

Thünen, Der isolierte Staat. 32 



— 498 — 

ferner mit 36 c Rente bezahlt, sie mag auf die Verfertigung 
von Bogen und Netzen oder auf die von Beilen und Spaten 
gerichtet sein ; denn wenn der eine Arbeitszweig eine höhere 
Belohnung fände als der andere, so würden sich demselben 
so viele Arbeiter zuwenden, daß das Gleichgewicht hergestellt 
würde. 

So wie der Preis einer Ware nicht für die verschiedenen 
Käufer verschieden sein, nicht nach dem individuellen Wert^ 
den sie für die einzelnen Käufer hat, bestimmt werden kann, 
sondern für alle gleich gestellt werden muß: so kann auch 
der Preis des Kapitals, d. i. die dafür zu zahlende Eente, 
nicht nach dem Nutzen, den das Kapital im ganzen dem 
Anleiher gewährt, festgesetzt werden. Oder, für Waren von 
gleichem Wert, für Kapitale, deren Hervorbringung ein 
gleiches Quantum Arbeit erfordert, können nicht zu gleicher 
Zeit zwei verschiedene Preise stattfinden. 

Die Rente, die das Kapital im ganzen beim 
Ausleihen gewährt, wird bestimmt durch die 
Nutzung des zuletzt angelegten Kapitalteil- 
chens. Dies ist einer der wichtigsten Sätze in der Lehre 
von den Zinsen. 

Nach der obigen Skala erwirbt der Arbeiter, der mit 
einem geliehenen Kapital von 2 J. A. arbeitet 

101 durch seine bloße Arbeit 110 c 

„ Anwendung des 1 sten Kapitals . . 40 c 
„ 2ten „ . • 36 c 

Sein Arbeitsprodukt ist also . 186 c 
Davon muß er an den Kapitalisten abgeben für 

zwei Kapitale ä 36 c 72 c 



Es behält also . 114 c 
anstatt daß er bei der Anwendung eines Kapitals von 1 J. A. 
nur 110 c für sich behält. 

Wendet der Arbeiter ein geliehenes Kapital von 3 J. A. 
an, so ist sein Erwerb 



499 





durch die Arbeit selbst 




110 


c 




„ das Iste Kapital 




40 


c 




., 2te 




36 


c 




.. 3te 

Im 


ganzen 


32,4 


c 




218,4 


c 


Davon zahlt er an den Kapitalisten 


die Rente 






von 


drei Kapitalien ä 32,4 c 
Dem Arbeiter vei 


bleiben 


97,2 


c 




121,2 


c 


Die 


Verminderung der Rent 


e b 


3i m 



An- 
wachsen des Kapitals kommt also dem Arbeiter 
zugute und erhöht den Lohn seiner Arbeit. 

Während man in Europa den gedrückten Zustand der 
arbeitenden Klasse so häufig der zunehmenden Anwendung 
von Maschinen zuschreibt, wird in dem gesellschaftlichen 
Zustand, den wir hier vor Augen haben, die Lage der Ar- 
beiter immer blühender und glänzender, je ausgedehnter beim 
Anwachsen des Kapitals die Anwendung von Maschinen wird. 

In der Tat scheint es widernatürlich und widersprechend, 
daß durch die weise Benutzung der Naturkräfte und der die 
Arbeit so sehr fördernden Maschinen das Los der zahlreichsten 
Klasse der G-esellschaft um so drückender werden sollte, jei02 
mehr gleichzeitig ihre Arbeit dadurch wirksamer und lohnen- 
der wird. 

Die weitere Untersuchung muß uns auf den Grund 
dieses Widerspruchs führen. 



§ 10. 

Einfluss des Anwachsens des Kapitals auf den 
Zinsfuss. 

Der Zinsfuß ergibt sich, wie oben schon gezeigt ist, aus 
dem Yerhältnis, wie eine gleiche Quantität Arbeit z. B. 
1 J. A. im Lohn und in Renten sich bezalilt macht. 

32* 



— 500 — 

Lohn und Reute steheu hier in demselben Verhältnis wie 
verwandtes Kapital zu den daraus hervorgehenden Zinsen. 

Wird mit einem Kapital von 1 J. A. gearbeitet, so be- 
zahlt sich die Arbeit während eines Jahrs im Lohn mit 
110 c, in der Rente mit 40 c; das Verhältnis ist \de 110 : 40, 

40 
und der Zinsfuß = -rjTr = 36,4 ^/o. 

Bei der Anwendung von 2 J. A. Kap>ital beträgt der Lohn 
114 c, die Rente 36 c und der Zinsfuß^prj = 31,6%. 

Für 3 J. A. Kapital ist der Lohn 121.2 c, die Rente 
32,4 c und der Zinsfuß = ^- = 26,7 o/o. 

' 121,2 ' 

Für 4 J. A. ist der Lolm 130,s c, die Rente 29,2 c, und 

'599 
der Zinsfuß ^^^ = 22,3 «/o. 



130,^ 



Vergleichung zwischen Arbeitslohn, Rente und 
Zinsfuß beim "Wachsen des Kapitals. 



Arbeits- 
lohn 



Eente Zinsfuß 



Für 1 J. A. Kapital .... 


110 c 


40 c 


36,4 «/o 


j) "^ r !! j; .... 


114 c 


36 c 


31,6 „ 


. 3 „ „ , . . . • 


121.2 c 


32,1 c 


26„ „ 


4 


130,8 c 


29,., c 


22,3 „ 



103 Beim Wachsen des Kapitals sinkt der Zinsfuß in einem 
viel stärkeren Verhältnis als die Rente, weil gleichzeitig der 
Arbeitslohn steigt, und die Rente, dividiert durch den Arbeits- 
lohn, den Zinsfuß ergibt. 

Hier ist die Arbeit, durch welche das Kapital hervor- 
gebracht ist, Maßstab des Kapitals. In der Wirklichkeit wird 
in der Regel das Kapital in Geld ausgedrückt und angegeben, 
und es ist ungewöhnlich, die Größe eines Kapitals -nach der 



— 501 — 

Zahl der Jahresarbeit eines Tagelöhners, über die man ver- 
mittels dieses Kapitals zu gebieten hat, oder die man dafür 
erkaufen kann, zu ermessen — obgleich dies über den Wert 
eines Kapitals in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen 
Zeiten ein weit helleres Licht verbreitet als die Angabe 
in Geld. 

Bei der Bestimmung des Zinsfußes macht es übrigens 
keinen Unterschied, wenn das Kapital statt in J. A. in Geld 
ausgedrückt wird. 

Es sei z. B. c = 1 Taler , so ist der Lohn für 1 J. A. 
= 110 Tlr., das Kapital von 1 J. A. auch = 110 Tlr. und 
die Rente, die dieses Kapital gibt = 40 Tlr. Die Eente, 
durch das Kaj^ital dividiert, gibt den Zinsfuß ; dieser ist also 

= iTu = 3ß.^ "'«■ 

In gleicher Weise ergibt sich, wenn mit 2 J. A. Kapital 
gearbeitet wird , der Zinsfuß zu 31,6 °/o , wie dies auch bei 
dem angewandten Verfahren nicht anders sein kann. 



§ 11. 

Einfluss des Anwachsens des Kapitals auf die 

Grösse der Rente, die die kapitalerzeugende 

Arbeit gewährt. 

Wenn der kapitalerzeugende Arbeiter, wie wir gesehen 
haben, für jedes neugeschaffene, über den bisherigen Bedarf 
hinausreichende Kapital eine immer geringere Rente erhält, 104 
und wenn derselbe durch dies neugeschaffene Kapital zugleich 
den Wert seiner älteren Kapitale, durch das Sinken der 
Einnahme von denselben, vermindert, so entsteht die Frage : 
was kann ihn denn bewegen, mit der Hervorbringung von 
Kapital fortzufahren ? 



— 502 — 

Wir müssen uns hier erinnern, daß das Kapital ein 
Produkt der Arbeit ist und daß dasselbe nur gebildet wird 
aus dem, was der Arbeiter mehr hervorbringt, als er wieder 
verzehrt. 

Je geringer der Überschuß des Arbeiters ist, desto mehr 
Jahre muß er arbeiten, oder — wenn wir uns die Ai'beiter 
in einer gesellschaftlichen Yerbindung denken — desto größer 
muß die Zahl der Arbeiter sein, um einen Vorrat zu schaffen, 
der hinreicht, einen Mann, welcher im engeren Sinn Kapital ' 
schafft, d. h. Gerätschaften verfertigt, Häuser baut usw., ein 
Jalir hindurch mit Lebensmitteln zu unterhalten. 

Die Erwerbung eines Hauses, dessen Erbauung die 
Jahresarbeit von 10 M. erfordert, kostet 20 Jalires-Anstren- 
gungen, wenn der Arbeiter in einem Jahr so viel erwirbt, 
als er in zwei Jahren zu seinem Unterhalt bedai'f. Beträgt 
z, B. der Arbeitslohn 200 c, der unterhalt des Arbeiters 
100 c und der jährliche Überschuß desselben auch 100 c, so 
kostet die Erbauung des Hauses 10 X 200 c = 2000 c, und 

2000 
um 2000 c zu erübrigen, müssen -jt^ = 20 Mann ver- 
neint ein Jahr hindurch arbeiten. Die Erwerbung des Hauses 
kostet also die Jahres- An strengung von 20 Mann. 

Beträgt dagegen der Lohn nur 110 c, der Überschuß 
10 c, so kostet die Errichtung des Gebäudes 10 X HO c = 
1100 c, und das Haus kann dann nur durch die Jahres- 

Anstrengung von -jt^ — = 110 Mann erworben werden. 

105 Die Produktionskosten des Kapitals können 
also angegeben und gemessen werden durch die 
Zahl der Jahres-Anstrengungen, die zur Erlan- 
gung desselben erforderlich sind. 

Die Erzeugung des Kapitals wird immer kostbarer, je 
geringer der Überschuß des Arbeiters ist, oder je geringer 
der Arbeitslohn bei gleichbleibender Konsumtion ist. 



— 503 — 

Hoher Arbeitslohn vermehrt die Produldionskosten der 
"Waren, vermindert aber die Produktionskosten des Kapitals. 

Der Zweck des kapitalerzeugenden Arbeiters ist, für seine 
Jahresarbeit die möglichst höchste Rente zu erlangen. Nun 
fällt einerseits mit dem vermehrten Kapital der Zinssatz, 
also die Einnahme aus dem Kapital ; andererseits aber steigt 
mit dem Kapital der Arbeitslohn und durch den erhöhten 
Lohn vermindern sich die Kosten der Kapitalerzeugung. 

Bei der Kapitalschaffung sind also zwei sich gegenseitig 
beschränkende Momente wirksam — und es läßt sich schon 
liieraus mit Wahrscheinlichkeit schließen, daß es in der Ver- 
größerung des Kapitals einen Punkt gibt, bei welchem die 
kapitalerzeugende Arbeit das Maximum der Rente gibt. 

Einige Beispiele in Zahlen werden dies dem Auge näher 
führen. 

Das Kapital betrage 2 J. A., so ist das Arbeitsprodukt 

aus der Arbeit an sich 110 c 

aus dem 1. Kapital 40 c 

aus dem 2. Kapital 36 c 

Summa 186 c 

Hiervon muß der Arbeiter für das geliehene 

Kapital von 2 J. A. abgeben ä 36 c = 72 c 

Es bleiben dem Arbeiter . . . 114 c 

Besitzt der kapital erzeugende Arbeiter selbst das Kapital, 
womit er arbeitet, so muß er doch die Zinsen davon in An- 
rechnung bringen, weil er durch Ausleihen dasselbe so hoch 106 
hätte nutzen können. 

Yoü obigen 114 c verwendet der kapitalerzeugende 
Arbeiter zu seinem Unterhalt 100 c, und er behält für seine 
Jahres-Anstreugung einen Überschuß von 14 c. 

Um ein Kapital zu sammeln, welches gleich dem Lohn 

114 
für 1 J. A. ist, gebraucht er also — ^-t — = 8,ii Jalire. Es 

bringen also 8,i4 M., die gemeinschaftlich an der Kapital- 



— 504 — 

erzeugung arbeiten, ein Kapital von 1 J. A. hervor. Dies 

Kapital gibt, wenn es ausgeliehen wü'd, eine Rente von 36 c. 

Diese unter 8.i4 M. verteilt, macht für jeden 4,42 c Rente. 

Für 3 J. A. Kapital 

ist das Arbeitsprodukt 110 -|- 40 + 36 + 32,4 = 218,4 c 

Davon gehen an Zinsen ab für 3 Kapitale ä 32,4 = 97,2 c 

Dem Arbeiter verbleiben 121,2 c 

Der Überschuß des Arbeiters beträgt . . 21,2 c 

Um ein Kapital zu sammeln, das gleich dem Lohn für 

121 2 c 
1 J. A. ist, wird die Jahres- Anstrengung von — ^^y^ = 

5,72 M. erfordert. Die Rente für das Kapital von 1 J. A. be- 
trägt 32,4 c. Ein Arbeiter erhält also für seine Jahres-An- 

32,4 c 
strengung -^ = o,6c c Rente. 

0,<2 

Für 4 J. A. Kapital 
ist das Ai'beitsprodukt 110 + 40 -|- 36 + 32,4 + 29,2 = 247,6 c 
Hiervon ab die Zinsen von 4 Kapitalien ä 29,2 c = 116,s c 

Es bleiben für den Ai-beiter 130,s c 

und der Überschuß des Arbeiters beträgt . 30,s c 

Zum Ansammeln eines Kapitals von 1 J. A. , welches 

29,2 c Rente trägt, gehört die Jahres- Anstrengung von 

130 8 c 

107 OA ' = 4,25 M. Ein Mann erwirbt also durch seine 

30,8 c ' 

29 o c 
Jahres- Anstrengung eine Rente von " '"_ = 6,S7 c. 

Die Rente des kapital erzeugen den Arbeiters, welche liei 
der Anwendung von 2 J. A. Kapital nur 4,42 c beträgt, steigt 
also mit 3 J. A. Kapital auf 5,ct; c und mit 4 KapitaHen von 
1 J. A. auf 6,87 c. 

"Wir ersehen hieraus, daß die kapitalerzeugenden Arbeiter 
bei vermehrtem Kapital und sinkendem Zinssatz doch durch 
ihre Arbeit eine größere Rente erwerben als bei geringem 
Kapital und hohem Zinssatz, daß sie also durch ihr eigenes 



— 505 — 

Interesse angetrieben werden, das Kapital zu vermehren, 
obgleich dadui-ch das Produkt ihrer Arbeit, d. i. das Kapital, 
durch das Sinken des Zinssatzes, einen geringeren Preis erhält. 

Wollte man hiergegen einwenden, daß zwar die kapital- 
erzeugenden Arbeiter durch die A^erraehrimg des Kapitals 
sich eine größere Rente verschaffen, daß aber deren Interesse 
erfordere, das größere Kapital nur bei ihrer eigenen Arbeit 
anzuwenden, den übrigen Arbeitern aber nichts davon zu- 
kommen zu lassen, damit der Zinssatz die frühere Höhe be- 
hielte: so muß man dagegen erwägen, daß die kapitaler- 
zeugeuden Arbeiter kein Monopol besitzen, und daß die andern 
Arbeiter sich sogleich der Kapitalerzeugmig zuwenden würden, 
wenn die darauf gewandte Arbeit höher gelohnt wird als die 
sonstige Arbeit. 

Dies Überti-eteu der Arbeiter der 2. Klasse in die der 
1. Klasse würde so lange fortdauern, bis das Gleichgewicht 
wieder hergestellt ist, d. i. bis beide Gattungen von Arbeit 
gleich hoch gelohnt werden. 

Hier kommt nun die Frage ziu" Sprache, welchen ge- 
meinschaftlichen Maßstab gibt es für die Belohnung beider 
Gattungen von Arbeit, da die für die eine Gattung in einer 108 
dauernden Rente, die für die andere aber im Erzeugnis selbst 
sich ausspricht. 

Hierauf ist zu entgegnen : wenn der Arbeiter seinen 
Überschuß gegen Zinsen ausleiht, so verwandelt sich der Lohn 
für seine Jahres- Anstrengung in einen dauernden Zinsenbezug, 
der mit der Rente des kapitalerzeugeuden Arbeiters verglichen, 
und nach demselben Maßstab — z. B. in Talern, oder in 
Scheffel Roggen — gemessen werden kann. 

Gesetzt nun, die beiden Klassen von Arbeitern wenden 
ein verschiedenes Kapital an, die der 1. Klasse z. B. 3 J. A., 
während die der 2. Klasse nur mit einem Kapital von 2 J. A., 
arbeiten. 

Die Rente des kapitalerzeugeuden Arbeiters beträgt dann. 



— 506 



vrie oben gezeigt ist, 5,g6 c. Bei der Anlegung von 2 J. A. 

Kapital ist der Lohn 114 c, der Überschuß 14 c und der 

36 e 
Zinsfuß ..-, , =31,6 ^/o. Der Arbeiter bezieht also für 



114 c 
seinen Überschuß 14 c X 



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= 4,42 c, während der Ar- 



beiter der 1. Klasse 5,6g c ßente erhält. 

Wenden dagegen die Arbeiter gleichfalls ein Kapital von 
3 J. A. an, so ist der Lohn = 121,2 c. der Überschuß = 
32,4 



21,2 c, der Zinsfuß = 



121,2 



den Überschuß betragen dann 21,2 X 



= 26.7 ^lo, und die Zinsen für 
26,7 



100 



= 0,G6 C. 



also 



gerade so viel, als die Rente des kapitalerzeugeuden Ar- 
beiters beträgt. Bei gleicher Kapitalanlage findet demnach 
das Cxleichgewicht in der Belohnung beider Gattungen von 
Arbeiten statt, und es ist dann kein Grund zum Übertreten 
der Arbeiter von einer Klasse in die andere vorhanden. 
109 Die Eente des kapitalerzeugenden Arbeiters beträgt, 
wenn gearbeitet wird, mit einem Kapital 



«.. 


Eeute 


Differenz 


von 2 J. A 

„ 3 J. A 

,. 4 J. A 


4,42 c 
5,66 C 
6,87 C 


1.24 c 
1,21 C 



Diese Rente nimmt also zu mit dem "Wachsen des 
Kapitals, aber diese Zunahme selbst oder die Differenz der 
Rente für zwei aufeinanderfolgende Kapitale nimmt ab, wenn 
die Kapitale wachsen. Diese Wahrnehmung bestärkt die 
schon oben geäußerte Vermutung, daß diese Rente nicht 
fortwähi'end mit dem Kapital wächst, sondern bei einem ge- 
wissen Punkt ihr Maximum erreicht. Um hierüber aufs klare 
zu kommen, ist die begonnene Rechnung weiter fortgeführt, 
und das Resultat in nachstehender Tabelle zusammengetragen. 



507 



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110 



— 508 — 

111 Folgerung. Die Rente, die der kapitalerzeugende Ar- 
beiter für seine Jahresarbeit erhält, steigt mit dem wachsen- 
den Kapital trotz des gleichzeitig abnehmenden Zinssatzes^ 
erreicht aber bei der Kapitalanlage von 8 J. A. den höchsten 
Punkt und sinkt von da an immer tiefer herab. 

Das eigene Interesse der Ai-beiter treibt sie an, das- 
Kapital so weit zu vermehren, bis die Arbeit mit der liöchsten 
Eente belohnt wird — hier so weit, daß auf jeden Arbeiter 
8 J. A. an Kapital fallen. 

Bei dem Maximum der Rente, womit hier die Arbeit 
belohnt werden kann, beträgt der Arbeitslohn 184,5 c, der 
Zinsfuß 10.4 o/o. 



Einfluss der Fruchtbarkeit des Bodens und des 

Klimas auf die Höhe des Arbeitslohns und des 

Zinsfusses. 

Wenn infolge der mindern Fruchtbarkeit des Bodens 
der mit gleichem Kapital versehene Arbeiter ein um ^/4 ge- 
ringeres Arbeitsprodukt hervorbringt als in TabeDe A, so 
sinken auch Zinsenbetrag und Arbeitslohn um ^U, wie sich 
sogleich ergibt, wenn man dieselbe Rechnung, wonach die 
Tabelle A entworfen ist, auf den Fall anwendet, wo das 
Arbeitsprodukt eines Mannes ohne Kapital ^U X HO = 82-/? 
und der Zuwachs durch das 1. Kapital ^/iX 40 = 30 ausmacht. 

Alsdann aber erreicht der Arbeitslohn bei der Anwendung 
von 1, 2, 3 und selbst von 4 J. A. Kapital noch nicht den 
Betrag der notwendigen Subsistenzmittel des Arbeiters. Yiel- 
weniger noch kann unter diesen Verhältnissen durch die 
Arbeit selbst Kapital geschaffen werden. Erst dann, wenn 
das relative Kapital bis 5 J. A. gestiegen ist, gewährt die 



— 509 — 

Arbeit bei einem Lohn von ^U X 142,4 = 106,s einen Über- 
schuß von 6,s welcher zur Kapitalbildung verwandt werden 
kann. 

Es muß also das Kapital dem Menschen vorangehen^ 112 
wenn dieser überhaupt nur subsistieren soll. 

Dieser Zustand ist aber der durch ganz Europa herr- 
schende; denn selbst in unsern mildesten Himmelsstrichen, 
im Süden von Italien und Grriechenland , müßte ein Volk 
ohne alles Kapital, d. i. ohne Kleidung, Wohnung, Gerät- 
schaften usw. elend umkommen. 

Aber das Kapital ist nicht (wie die Welt nach Feuer- 
bach) aus und durch sich selbst, aus innerer Notwendigkeit, 
entstanden, sondern ist — das Erzeugnis menschlicher Arbeit. 

Also das Kapital ist die Bedingung der Subsistenz der 
Menschen, ist aber nicht von Uranfang dagewesen, sondern 
entstanden aus der Arbeit von Menschen, die noch kein Ka- 
pital besaßen. 

Hier treffen wir auf einen Zirkelschluß, auf einen un- 
löslich scheinenden Widerspruch. 

Irre ich nicht, so spiegelt sich in der Wissenschaft, da 
wo von Arbeitslohn und Zinsfuß die Rede ist, dieser Wider- 
spruch auch überall ab und vielleicht liegt in der Nichtlösung 
desselben der Grund, warum das, was über diesen Gegen- 
stand gesagt worden, so ungenügend ist. 

In der Tat habe ich mich seit mehr als 20 Jahren be- 
müht, ein Gesetz für die Verbindung zwischen Kapital und 
Arbeitsprodukt aufzufinden, durch welches jener Widerspruch 
gelöst wird — aber stets vergebens. 

Zwar ist es nicht schwer, für die höhern Grade des 
relativen Kapitals eine das Verhältnis zwischen diesem und 
dem Arbeitsprodukt darstellende Skala zu entwerfen, die der 
Wirklichkeit annähernd entspricht; wird aber die sich auf 
diese Weise bildende Reihe bis zu den niedern Graden des 



— 510 — 

Kapitals, oder gar bis Xull, d. i. bis zum rrsi^rung desselben 
fortgeführt, so zeigt sich abermals derselbe ^N'^iderspruch. 
113 Das Arbeitsprodukt p ist eine Funktion von q, wenn q 
die Größe des angewandten Kapitals bezeichnet; aber keine 
der von mir fast in allen algebraischen Formen aufgestellten 
Gleichungen erhellt das Dunkel, das hier herrscht. 

Erst spät, zu spät wegen der verlorenen Zeit und Mühe, 
ist mir der Grund der ünlöslichkeit der Aufgabe, den ich in 
nachstehenden Betrachtungen gefunden, klar geworden. 

Xur da, wo die Natur freiwillig, d. i. ohne Zutun des 
ilenschen, Pisang und Kokospalmen erzeugt, wo die "Wärme 
des Klimas weder Kleidung noch Wohnung zu den absoluten 
Bedürfnissen des Menschen macht, nur da kann die Wiege 
der Menschheit gestanden haben, und nur da kann aus der 
Arbeit an sich Kapital erwachsen. 

Nachdem in diesem paradiesischen Lande Kapitale ge- 
sammelt sind, gleichzeitig aber auch die Volksmenge sich so 
vermehrt hat, daß der Eaum beengt wird, indem aller frucht- 
bare Boden das Eigentum einzelner geworden ist, können 
einzelne Stämme sich abtrennen, auswandern und mit Hilfe 
des erworbenen Kapitals — Vieh, Nahrungsmittel, Gerät- 
schaften usw. — auch in solchen Ländern, wo der Mensch 
ohne Kapital nicht leben kann, ihren reichlichen Unterhalt 
finden, mehr verdienen, als wenn sie sich in ihrem Vater- 
lande für Lohn verdungen hätten. 

Nachdem an diesem neuen Wohnplatz abermals neue 
Kapitale gesammelt sind, nachdem die Volksmenge sich wieder 
so vermehrt hat, daß der Eaum wieder beengt wird, können 
Auswanderer, die mit einem hinreichenden Kapital versehen 
sind, sich nach unwirtbaren Gegenden, wo selbst die so wenig 
bedürfenden Wilden nicht leben können, die also an sich un- 
bewohnbar sind, begeben und dort doch einen vöUig ge- 
nügenden Unterhalt finden. 

Ja, wir können weiter schließen, daß Länder, die wir 



— 511 — 

jetzt noch wegen ihres unfruchtbaren Bodens oder wegen 
ihres ungünstigen Khmas für unbewohnbar halten, einst, wenn 
die Kapitale durch ihre weitere Vermehrung noch wohlfeiler 
geworden , in Kultur genommen und Menschen ernähren 
werden. Je wohlfeiler das Kapital wird, d. i. für je geringere 
Zinsen dasselbe zu haben ist, desto mehr erweitert sich die 
Bewohnbarkeit der Erde. 

Auch Eiu-opa gehört zu den Ländern, die nur durch Ein- 
wanderung von Menschen, die mit Kapital versehen waren, 
bevölkert werden konnten. 

Die Dnlöslichkeit der obigen Aufgabe erklärt sich nun 
dadurch, 

daß das uranfängliche Kapital nicht in Europa geschaffen 
ist, sondern aus Ländern stammt, wo andere Gesetze der 
Kapital bildung herrschen als hier. 

Das ursprüngliche Kapital in Europa ist ein eingewan- 
dertes und- folgt nicht den Gresetzen, die wir von unserm 
Standpunkt aus überblicken. 

Mit dieser Erkenntnis hört aber zugleich der Widerspruch 
auf, indem wir es nun aufgeben, für die Entstehung der ur- 
anfänglichen Kapitale und die der höhern Grade ein und 
dasselbe, beide umschließende Gesetz aufsuchen zu wollen. 

Sollte nicht auch, diesem Fall analog, in andern und 
noch höhern Beziehungen manche Aufgabe uns deshalb un- 
löslich erscheinen, weil wir durch ein einheitliches Gesetz 
erklären und begreifen Avollen, was ganz verschiedenen Ur- 
sprungs ist, — was nur zum Teil unserm Schauplatz an- 
gehört, zum Teil aber nicht bloß einem andern Weltteil, 
sondern selbst einer andern Welt entsprossen sein mag? 



Anwendung. 115 

Es mag erlaubt sein, wenn auch mit teilweiser Wieder- 
holung des bereits Gesagten, hieran noch folgende, sich mir 
bei diesem Gegenstand aufdrängende Betrachtung zu knüpfen. 



— 512 — 

Nur in solchen Gegenden der Erde, die wie Südindien, 
Mittelafrika, Peru in der Region des Pisang und der Kokos- 
palme liegen, konnte das Menschengeschlecht seinen Ursprung 
nehmen. 

Hier in diesen von der Xatur so reich begabten Ländern 
lebten die Menschen so lange im Überfluß, als sich für die 
wachsende Bevölkerung noch immer herrenloses Land fand. 
Nachdem aber alles fruchtbare Land in Besitz genommen 
imd zum Eigentum einzelner geworden, mußte bei weiter 
steigender Bevölkerung ein Teil des Volks sich verdingen 
und für Lohn arbeiten. Dieser Lohn sinkt dann allmählich 
bis zu einem Punkt, wo es vorteilhafter wird, nach andern 
minder fi'uchtbai'en und von der Natur minder begünstigten 
Ländern, die aber noch herrenloses Land enthalten, aus- 
zuwandern und dort mit Hilfe des erworbenen und mit- 
gebrachten Kapitals den Boden zu bebauen. 

Dieser Gang der Entwicklung ist in aUen geistigen An- 
lagen des Menschen, in dem von der Natur dem Menschen 
als Instinkt mitgegebenen Streben nach Förderung seines 
Wohlseins und endlich auch in der Beschaffenheit der phy- 
sischen AVeit so fest begründet, und ist so naturgemäß, daß 
wir die durch Auswanderung bewirkte, allmähliche Ver- 
breitung des Menschengeschlechts über die ganze Erde als 
dem Weltplan entsprechend betrachten dürfen. 

Blicken wir dagegen auf diejenigen Staaten, aus denen 
die Auswanderung erfolgt, so ist diese für sie keineswegs 
erfreulich. Der Staat verliert dadurch die produktive Kraft 
116 der Auswanderer; er verliert das Kapital, das auf deren 
Erziehung verwandt ist ; er verliert das Kapital, das dieselben 
mitnehmen. 

Wird eine solche Auswanderung regelmäßig und dauernd, 
so kann es geschehen, daß dieser Staat, trotz aller seiner 
nützlichen Anstalten und Einrichtungen, nur für einen andern 



— 513 — 

Staat arbeitet, selbst aber weder an Macht noch Eeichtum 
zunimmt. 

Dies wird um so empfindlicher, Avenn die Auswanderung 
die Richtung nach einem Staat nimmt, der mit dem eigenen 
einst in feindliche Berührung geraten kann. Dieser arbeitet 
dann selbst dahin, einst im Kampf mit dem anderen Staat 
unterliegen zu müssen. 

Hemmen aber läßt sich dies nicht ; denn der Mensch auf 
dem jetzigen Standpunkt der Bildung läßt sich das Recht 
der Freizügigkeit nicht mehr nehmen — und vermöchte eine 
Regierung dies auch, so Aväre Übervölkerung, Not und Em- 
pörung doch die endliche Folge davon. 

Auch der mächtigste und unbeschränkteste Monarch der 
Erde ist ohnmächtig, wenn er sich der Erfüllung des Welt- 
plans entgegen stemmt. 

So bleiben also die Staaten dem Weltgeist gegenüber 
im Zustande des Zwangs und unversöhnt mit dem über sie 
waltenden Geschick. 

Ist denn — so müssen wir fragen — dieser Widerspruch 
naturgemäß und demnach unversöhnlich? 

Auch die Individuen sind einem Zwange, den die Gesetze 
des Staats auflegen, unterworfen. Aber diesen ist die Macht 
gegeben, sich des Zwangs zu entheben und zur Freiheit zu 
gelangen, wenn sie dem egoistischen, auf das eigene Interesse 
gerichteten Streben entsagen, das Wohl des Staats zum Ziel 
ihrer Handlungen machen und durch tieferes Erkennen ihrer 
höheren Bestimmung sich selbst freiwillig die Schranken 117 
stecken, die der Staat durch seine auf das Wohl des Ganzen 
gerichteten Gesetze als Zwang auflegt. 

Gibt es nun für die Staaten und ihre Lenker keine solche 
Versöhnung mit dem Geschick, keine solche Erhebung zur 
Freiheit wie den Individuen gestattet ist, müssen sie fort und 
fort im Zustande des Zwanges und des Entgegenstrebens 
gegen den Weltplan verharren? 

Thünen, Der isolierte Staat. 33 



— 514 — 

Schwerlich kann diese Versöhnung anders stattfinden, 
als wenn die Staaten es aufgeben, sich selbst als den Mittel- 
punkt der Erde, die anderen Nationen aber als Werkzeuge 
zu ihrem Nutzen zu betrachten. 

Die Versöhnung kann und wird stattfinden, wenn die 
Staaten das Wohl der Menschheit zum Ziel ihres Strebens 
machen, wenn sie zur Menschheit sich verhalten, wie jene 
zur Freiheit gelangten Individuen sich zum Staat verhalten. 

Zum Wandeln auf dieser Bahn gehört gewiß fester Mut 
und anfangs auch die Darbringung von Opfern. Aber wie 
die Individuen, die ihrer Bestimmung gemäß handeln, auch 
ungesucht dafür belohnt werden, so würde auch für die 
Staaten der Lohn nicht ausbleiben. Die Regierung, die das. 
Vertrauen gewonnen, daß sie auf dieser Bahn beharrlich 
fortschreiten werde, würde sich die anderen Völker geistes- 
untertan machen und dadurch an Einfluß und Macht 
mehr gewinnen, als diu-ch Vermehrung der Volksmenge und 
des Reichtums oder durch Gebietsvergrößerung gewonnen 
werden kann. 

England hat schon Spuren einer solchen Richtung ge- 
zeigt — in der Sklavenemanzipation, in Canning's Be- 
strebungen, in dem Frieden mit China, und neuerdings auch 
in seiner Handelspolitik. Vermöchte England es, allen Egois- 
mus gegen das Auslaad abzustreifen und die momentan be- 
llStretene Bahn für immer zu wandeln, so könnte sein materielles^ 
noch mehr aber sein geistiges Übergewicht eine noch nicht 
geahnte Höhe erreichen. 



Nach dieser Unterbrechung kehren wir zu unserer Unter- 
suchung zurück und geben in nachstehender Tabelle eine 
Übersicht der Resultate für ein Verhältnis, wo das Arbeits- 
produkt 3/4 dessen beträgt, was wir in der Tabelle A (§ 11) 
zur Grundlage genommen haben. 



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— 516 — 

120 Vergleichung der Resultate in den Tabellen 

A und B. 

Die höchste Belohnung der Arbeit in Retiten findet statt, 
in A bei der Kapitalanlage von 8 J. A., in B bei 10,5 J. A. 
Kapital. 

Bei diesem Höhepunkt in der Belohnung der Arbeit ist 
der Arbeitslohn in A 184,5 c, in B 167 c, und der Zinsfuß 
ist in A 10,4 ^/o, in B 6,65 %. 

Die Verminderung der Fruchtbarkeit des Bodens bewirkt 
also: 

1. daß, um jenen Höhepunkt zu erreichen, eine größere 
Kapitalanlage erforderlich ist; 

2. daß sowohl der Arbeitslohn als der Zinsfuß sinken; 
letzterer aber in weit größerem Verhältnis als ersterer. 

Zu bemerken ist noch, daß die Verminderung des zwischen 
Arbeiter und Kapitalisten zu teilenden Arbeitsprodukts nicht 
allein durch verminderte Fruchtbarkeit des Bodens veranlaßt 
wird, sondern ebensowohl Folge einer auf das Erzeugnis ge- 
legten und der Größe desselben proportionalen Abgabe sein 
kann. 



§ 13. 

Reduktion der Wirksamkeit des Kapitals 
auf Arbeit. 

Wir verlassen jetzt mit unseren Betrachtungen die Tropen- 
welt und wenden uns den europäischen Zuständen zu, wo der 
Mensch ohne Mitwirkung des Kapitals nichts hervorzubringen 
vermag und ohne Beihilfe des Kapitals nicht einmal sub- 
sislieren kann. 

Hier ist jedes Erzeugnis das gemeinschaftliche Werk von 
Arbeit und Kapital, und es entsteht nun die Frage, ob der 



— 517 — 

Anteil, den jede dieser Potenzen an dem gemeinsamen Pro- 
dukt hat, sieh erlvennen und ausscheiden lasse. 

Zur Lösung dieser Frage steilen wir nachstehende Be-121 
trachtungeu an. 

"Wenn das Kapital Q in Scheffel Eoggen oder in Taler 
oder irgendeinem anderen Wertmaß angegeben ist, und der 
Arbeitslohn a -}- y in eben dem Wertmaß ausgedrückt als 
bekannt angenommen wird : so ergibt sich , wenn man mit 
a -f- 3^ iii Q dividiert, wie groß das Kapital in Jahresarbeiten 
einer Arbeiterfamilie ausgedrückt ist, oder über wie viele 
J. A. einer Familie der Kapitalist mit dem Kapital Q zu ge- 
bieten hat. 

Diese Arbeiterzahl sei = no so ist — j — = nq, und 

Q =_nq {a-{-y). 

Übergibt nun der Kapitalist dies Kapital einem Unter- 
nehmer, welcher dasselbe in einem Gewerbe oder in einer 
Gegend, wo keine Landrente stattfindet, im Landbau anlegt, 
und stellt dieser Unternehmer n Arbeiter an, so arbeitet jeder 

nq 
derselben mit einem Kapital von = <[ J.- A. Kapital. 

Wenn man nun von dem Eohertrage des Gewerbes oder 
des Landbaues in der Gegend, wo keine Landrente existiert, 
alle Auslagen des Unternehmers, mit alleinigem Ausschluß 
des Arbeitslohns und der an den Kapitahsten zu zahlenden 
Zinsen, abzieht und von dem sich dann ergebenden Über- 
schuß noch den Gewerbsprofit des Unternehmers (nach § 7) 
in Abzug bringt, so bleibt der Teil des Ertrags übrig, den 
wir (§ 6, Nr. 3) das Arbeitsprodukt genannt imd für 
den Arbeiter, der mit einem Kapital von q J. A. arbeitet, 
mit „p" bezeichnet haben. 

Es ist gleichgültig, in welchem Wertmaß p angegeben 
wird, ob in Roggen oder Geld usw., nur muß das Wertmaß 
dasselbe sein, worin Q und a -(- }" angegeben sind. 



— 518 — 

Dieses Arbeitsprodukt p ist das gemein scliaftliclie Er- 
zeugnis von Arbeit und Kapital und kommt, da jede andere 
122 Gewerbsausgabe bereits abgezogen ist , einzig und allein 
zwischen dem Kapitalisten und dem Arbeiter zur Teilung. 

Auf welche Weise findet nun diese Teilung statt? 

Die n Arbeiter, welche in dem Gewerbe angestellt sind, 
bringen ein Produkt von up hervor. Hiervon erhalten die 
n Arbeiter an Lohn n (a 4- j)- Nach Abzug dieses Lohns 
verbleibt dem Kapitalisten eine Rente von n (p — [a -j~ y])- 

Das verwandte Kapital beträgt nq (a -\- y). 

Die Rente dividiert durch das ange^^'audte 
Kapital ergibt den Zinssatz, den wir mit z bezeichnen. 

z ist also = Mp-fa + y]) _ Pzii^) 
oq (a 4- y) q (a + y) 

Dieser Ausdruck für den Zinssatz ist (bei dem Begriff, 
den wir mit den Symbolen p, q und a -j- y verbinden) von 
allgemeiner, absoluter Gültigkeit. Eben so entschieden gültig 
müssen aber auch die Folgerungen sein, die sich aus dieser 
Gleichung mathematisch ableiten lassen. 

Ausz==P^:^^^ 

q (a + y) 
folgt qz (a -f- y) = p — (a + y) 

und (1 + qz) (a + y) = p, 

also a + v = ^j— 7 

^- l + qz 

Also der Arbeitslohn ist gleich dem Arbeitsprodukt, 
dividiert durch Eins plus dem mit dem Zinssatz multipli- 
zierten, in Jahres-Arbeiten ausgedrückten Kapital. 

Die Rente, die der Kapitalist bezieht, ergibt sich, wenn 
man von dem Arbeitsprodukt den Arbeitslohn abzieht; diese 
beträgt also 

p _ p-fpqz — p _ pqz 



p — 



1 -j- qz 1 -f- qz l + qz 



— 519 — 

Das Verhältnis, in welchem die Belohnung der Arbeit 123 
zu der des Kapitals steht, ist also wie 

1 -}- qz 1 + q^ 

Setzt man den Lohn des Arbeiters = A, so ist die 
Rente des Kapitalisten = Aqz. 

Die Reute von q T. A. Kapital ist also gleich dem Lohn 
Ton qz Arbeitern, und die Rente von 1 J. A. Kapital ist 
gleich dem Lohn von z Arbeitern. 

Da nun, wie weiter unten nachgewiesen werden wird, 
bei der Erzeugung eines und desselben Produkts p ein Teil 
des Kapitals durch vermehrte Arbeit, und wiederum ein Teil 
der Arbeit durch hinzukommendes Kapital ersetzt werden 
kann: so erscheint das Kapital als Mitarbeiter, welches mit 
■dem Lohnarbeiter in Konkurrenz tritt. Nun steht es aber 
in der Macht des Unternehmers, der mit dem Kapital Q eine 
Arbeiterzahl =^ n arbeiten läßt, dem relativen Kapital q, wo- 
mit ein Mann arbeitet, durch Vergrößerung oder Verringerung 
von n jede beliebige Größe zu erteilen. Der Unternehmer, 
sein Interesse kennend und verfolgend, wird das relative 
Kapital q gerade so weit erhöhen, bis die Kosten der Arbeit 
des Kapitals und der des Menschen im direkten Verhältnis 
mit der Wirksamkeit beider bei der Produktion stehen. 

Die Wirksamkeit des Kapitals muß das Maß für die 
Belohnung desselben sein: denn wäre die Arbeit des Kapitals 
wohlfeiler als die der Menschen, so würde der Unternehmer 
Arbeiter abschaffen, im entgegengesetzten Fall aber die Ar- 
beiter vermehren. 

Es muß demnach die Wirksamkeit des Kapitals zu der 
der menschlichen Arbeit ebenso wie die Belohnung derselben 
in dem Verhältnis von z zu 1 stehen — und die Belohnung 
des Kapitals durch die dafür zu zahlenden Zinsen ist also 124 
weder zufällig noch ungerecht. 

Wir gelangen hierdurch zu der für unsere Untersuchung 



— 520 — 

hochwichtigen Erkenntnis, daß, wenn Kapital und menscli- 
liche Arbeit durch ein und dasselbe Maß, nämlich die Jahres- 
arbeit eines Mannes, gemessen werden, 

d er Zinssatz z d er Faktor ist, durch welchen 
das Verhältnis der Wirksamkeit des Kapi- 
tals zu der der menschlichen Arbeit ausge- 
drückt wird. 
Dadurch sind wir nun in den Stand gesetzt, die Mit- 
wirkung des Kapitals bei der Produktion eines Tauschguts *) 
auf Arbeit zu reduzieren. 

Durch diese Reduktion ist es dann möglich, die Produk- 
tionskosten eines Erzeugnisses, insofern keine Landrente darin 
enthalten ist, ganz in Arbeit auszudrücken, und die Arbeit 
wird dadurch Avahrhaft zum Wertmesser für die Tauschgüter. 
Wir können nun aber auch umgekehrt ein in Erzeugnissen 
z. B, Roggen angegebenes Kapital auf J. A. reduzieren, indem 
■wir dies Kapital mit dem Lohn für eine Jahresarbeit, welcher 

P 



Lohn hier dem Wert der Arbeit gleich ist, nämlich mit 



i+az 



*) Die Landwirte verstehen unter dem Wort „Gut" stets ein 
Landgut. Die Xationalökonomen dagegen nennen alles, was den 
Menschen ein Bedürfnis hefriedigen kann, ein Gut, und wenn 
dies Gut neben dem Gebrauchswert noch einen Tauschwert hat, 
ein wirtschaftliches Gut. In einem Buch, welches sowohl 
für Landwirte als Nationalökonomen geschrieben wird, ist es für 
den Verfasser sehr unbequem, daß ein und dasselbe Wort in zwei 
Wissenschaften verschiedene Bedeutungen hat. Um den Mißver- 
ständnissen, die hieraus entspringen können, vorzubeugen, bemerke 
ich, daß ich unter dem Wort „Gut" stets ein Landgut verstehe; 
die wirtschaftlichen Güter der Nationalökonomen aber nenne ich 
mit dem Herrn Professor Hermann in . seinem gründlichen und 
scharfsinnigen Werk „Staatswirtschaftliche Untersuchungen". 
München 1832. (S. 1, 4 und 70.) Tauschgüter oder auch 
Wertgegenstände. 



— 521 — 

di\'iclieren. So ist z. B. das Kapital Q = Q : .. ■ 125 

= — ^±~i^- J. A. , wenn nämlich p das in Roggen aus- 
gesprochene Arbeitsprodukt eines mit dem Landbau be- 
schäftigten Arbeiters ist. 

Ist das Kapital Q in Silber angegeben, so muß, um 

dasselbe in J. A. auszudrückeu, Q ebenfalls mit 3— j — dividiert 

' ^ l+qz 

•werden; wo dann aber p das in Silber bestehende Arbeits- 
produkt eines in einer Silbermine angestellten Arbeiters be- 
deutet. 

Ist das Kapital in J. A. angegeben , so zeigt dies das 
Quantum der in der Vergangenheit vollbrachten, in einem 
Gegenstand fixierten Arbeit an — und wenn dies Kapital 
bei der Produktion neuer Tauschgüter angewandt wird , so 
gibt z, wie oben gezeigt ist, das Verhältnis der Wirksamkeit 
zwischen der in der Vergangenheit vollbrachten fixierten 
Arbeit und der gegenwärtigen Arbeit an. Jene ist in ihrem 
Produkt — dem Kapital — vollendet, diese ist stetig fort- 
schreitend. 

Schon Adam Smith hat die Arbeit als den eigent- 
lichen ursprünglichen Maßstab für den Wert der Tausch- 
güter bezeichnet. Aber Adam Smith beschränkt doch 
sogleich die Anwendung dieses Maßstabes auf den ersten 
rohen Zustand der menschlichen Gresellschaft, wo noch wenig 
oder gar kein Kapital vorhanden war, und der Boden noch 
keine ßente trug. 

Ricardo — und nach ihm Mac Gull och — betrachtet 
dagegen die Ai'beit als den einzigen immer gültigen Maßstab 
für den Wert der Tauschgüter. Nach Ricardo ist in dem 
Preise der Tauschgüter weder Kapitaluutzung noch Landrente 
.enthalten, sondern bloß Arbeit. 



— 522 — 

Er betrachtet nämlich das in Gebäuden, Maschinen usw. 
enthaltene Kapital selbst als Erzeugnis der Arbeit, und es 
126 müßte hiernach, da keine Kapitalnutzung in Anschlag ge- 
bracht wird, nur berechnet werden, wieviel von dieser Arbeit 
nach Verhältnis der Dauer dieses fixen Kapitals in das 
Produkt übergeht, um das Arbeitsquantum zu bestimmen, 
das mit Einschluß der gegenwärtig verrichteten Arbeit in 
dem Produkt enthalten ist. 

Dieser sonst so scharfsinnige Schriftsteller übersieht 
dabei aber 

1. daß zur Erzeugung des fixen Kapitals nicht bloß Arbeit, 

sondern auch schon Kapitalnutzung verwandt ist; 
1. daß bei der Benutzung von Masclünen nicht bloß ihre 
Abnutzung, sondern auch die Zinsen ihres Ankauf- 
preises vergütet werden müssen. 
Überhaupt ist bei Ricardo das Kapitel vom Wert 
ungemein schwer verständlich. Bei genauerer Analj'se findet 
sich aber, daß der Grund davon darin liegt, daß Ricardo 
sich selbst nicht treu bleibt; denn wenn er S. 21 seines 
Werks*) bei der Preisbestimmung der Tauschgüter der 
Kapitalszinsen gar nicht erwähnt und die Arbeit allein als 
Wertmesser anerkennt, bringt er S. 28, wo seine Prinzipien 
zur Anwendung kommen, für den Gebrauch der Maschinen 
eine Annuität in Rechnung, in w^elcher nicht bloß die Er- 
stattung der Abnutzung, sondern auch die Zinsen des An- 
scbaffungskapitals enthalten sind — und somit gibt er, 
ohne eine Erklärung imd ihm selbst anscheinend unbewußt, 
es wieder auf, die Arbeit als den einzigen Wertmesser an- 
zuerkennen. 

Sehr merkwürdig aber ist, daß Ricardo auf der letzten 
Seite des Kapitels vom Wert selbst eingesteht, daß das Ge- 



*) Grundsätze der politischen Ökonomie von Ricardo, mit 
Anmerkungen von Sa y, übersetzt von Schmidt. Weimar, 1821. 



— 523 — 

sagte nur für den ersten rohen Zustand der Gesellschaft 
völlig richtig sei, und somit das, was er als allgemeine Ge- 
setze aufgestellt hat, selbst wieder aufliebt. 

Von einem Maßstab, wonach Kapitalnutzung auf Arbeit 127 
zu reduzieren sei, kann hiernach bei E i c a r d o nicht die Eede 
sein. Dies ist aber überhaupt auch nicht möglich, so lange 
man Gewerbsprofit mit Kapitalszinsen zusammenwirft und 
in dem Arbeitslohn nicht den Lohn für die Arbeit au sich 
von den Zinsen trennt, die der Arbeiter für sein in Kleidung, 
Hausgerät, "Wohnung usw. enthaltenes Yermögen empfängt. 



Zur Erläuterung der vorstehenden Sätze- mag es dienlich 
sein, ein Beispiel in Zahlen hinzuzufügen. 

Zu diesem Zweck nehmen wir einstweilen, und da dies 
mit unserer früheren Voraussetzung nicht übereinstimmt, 
nur für den vorliegenden Fall an, daß die Silberminen in 
dem isolierten Staat zerstreut liegen, und daß das mindest 
ergiebige Silberbergwerk, dessen Ausbeutung zur Befriedigung 
<les Bedürfnisses noch notwendig ist, an der Grenze der 
kultivierten Ebene gelegen ist. Denken wir uns nun , daß 
Silberminen von gleicher Ergiebigkeit mit der letzteren sich 
noch tiefer in die Wildnis hinein erstrecken , daß diese 
Minen aber nicht bearbeitet werden: so kann diese Nicht- 
benutzung keinen anderen Grund haben , als den , daß der 
Wert des aus denselben zu gewinnenden Silbers die Aus- 
beutungskosten nicht mehr deckt. 

Die Ausdehnung des Bergbaues findet also ebenso wie 
die des Getreidebaues dort eine Schranke, wo der Wert des 
Erzeugnisses mit den Produktionskosten desselben ins Gleich- 
gewicht tiitt. 

Aus diesem Grunde kann das zuletzt bearbeitete Berg- 
werk ebensowenig als das zuletzt angebaute Getreideland 
■eine Rente abwerfen. 

Da nun in dieser Gegend, vorausgesetzt, daß kein Staats- 



— 524 — 

monopol liinclernd in den Weg tritt, Kapital und Arbeit sich 
ebensowohl dem Bergbau als dem Landbau zuwenden 
können: so müssen auch in beiden Anwendungen Kapital 
und Arbeit gleich hohe Nutzungen geben. 

128 Nach der Formel a -j- J = tt_ — spricht sich der Ar- 
beitslohn in einem Anteil am Erzeugnis aus. In dem einen 
Fall besteht aber das Erzeugnis in Silber, im anderen Fall 
in Getreide. Soll nun das dem Arbeiter zufallende Quantum 
Silber eine Entschädigung für das Quantum Getreide sein^ 
welches er beim Landbau sich hätte erwerben können : so müssen 
beide Quanta gleichen Tauschwert haben. Hier ist also die 
Bildungsstätte für den Tauschwert zwischen Silber und 
Getreide. 

Nun sei das Arbeitsprodukt eines Mannes beim Berg- 
bau = 7V2 Pfd. Silber, beim Landbau = 240 Schtl. Roggen, 
so ist der Anteil des Arbeiters, der dessen Lohn bildet, im 

ersten Fall zr-r — Pfd. Silber, im zweiten Fall 



l-|-qz * ' 1-1-1^ 

Scheffel Roggen. 

Der Zinsfuß z , welcher bei beiden Anwendungen des 
Kapitals gleich hoch sein muß, betrage 1/20 oder 5 ^/o. 

Das Kapital q, womit ein Mann arbeitet, ist aber, da 
die verschiedenen Gewerbe sehr verschiedene Kapitalanlagen 
erfordern, von ungleicher Größe. Gesetzt, es sei q beim 
Landbau = 12, beim Bergbau ^20; so ist der Lohn der 

75 

Arbeit beim Bergbau -1 1 9A v ~i/~ "^ ^^/^ Pfd. Silber, 

240 240 

beim Landbau = -. — j — r^-,. . ,, = — z = 150 Scheffel 

1 -}- 12 X /20 1,G 

Roggen.*) 

*) Es darf niclit übersehen werden, daß wir, nach unserer Vor- 
setzung im § 6, hier Arbeiter von gleicher Kenntnis, Geschicklich- 
keit und Tüchtigkeit vor Augen haben, die gleich befähigt für 
den Bergbau wie für den Landbau sind. 



— 525 — 

Hier sind also 3^/4 Pfd. Silber ein Äquivalent für 150 

Scheffel Roggen, d. h. mit S'^/i Pfd. Silber kann der Arbeiter 

durch Austausch ebenso viele Bedürfnisse befriedigen als mit 129 

150 Schfl. Roggen. Mithin haben 3^!i Pfd. Silber gleichen 

Tauschwert mit 150 Schfl. Roggen. Den in Geld oder edlen 

Metallen ausgedrückten Tauschwert eines Erzeugnisses pflegt 

man den Preis desselben zu nennen. Demnach ist der Preis 

3 "" 
eines Scheffels Roggen = ^-^ = 0,025 Pfd. Silber. 

Dieses an der Grenze der kultivierten Ebene sich bildende 
Wertverhältnis zwischen Silber und Getreide ist die Grund- 
lage für die Preisbestimmung des Getreides durch den ganzen 
isolierten Staat. Aber es tritt zu dieser Grundlage ein an- 
deres Moment hinzu, durch dessen Mitwirkung der Preis des 
Getreides in den verschiedenen Gegenden des isolierten Staats 
ein ganz anderer wird als an der Grenze. Dies Moment 
ist begründet in der verschiedenen Beweglichkeit des Silbers 
und des Getreides. 

Die Kosten der Versetzung der edlen Metalle auf 
30 Meilen sind im Verhältnis zu ihrem Wert so geringe, 
daß wir sie gleich Null nennen dürfen. 

Dagegen sind die Transportkosten des Getreides auf 
30 Meilen im Verhältnis zum Wert höchst bedeutend. 

Im ersten Teil § 4 sind die Sätze entwickelt, wonach 
diese Transportkosten zu berechnen sind, und die Anwen- 
dung derselben auf den vorliegenden Fall gibt folgende 
Resultate. 

2400 
Für eine Ladung von 2400 Pfd. = —^-r = 28,6 BerL 

Scheffel Roggen betragen nach § 4 auf einer Strecke von 

V m ., . 41 X Schfl. Roggen + 26 x Tlr. 
X Meilen die Transportkosten ^^ — ;- 

Nach § 23 endet der Anbau des Bodens bei einer Ent- 
fernung von 31,5 Meilen von der Stadt. Setzt man nun 



— 526 — 

130 31,5 für X in obige Formel, so betragen die Frachtkosten für 
eine Ladung von 28,6 Sclifl. Roggen 

1291, Schfl.Eoggen + 8191h.. ^ 

48,5 ' ' ' 

Hiernach betragen für 150 Schü. Roggen auf 31,5 Meilen 
die Frachtkosten 131,9 Schfl. Roggen -\- 78,g Tlr. 

Der Gesamtaufwand beträgt also 

150 + 131,9 Schfl. = 281,9 Schfl. Roggen 
und 78,6 Tlr. 

Die Produktion des Roggens am Ort der Erzeugung 
kostet ä Schfl. ^Uo Pfd. Silber 

dies macht für 281,9 Schfl 7,05 Pfd. Silber 

78,6 Tlr. haben einen Silber wert von . 3,93 „ „ 

zusammen .... 10,98 Pfd. Silber, 

Die Lieferung von 150 Schfl. Roggen nach der Stadt 
kostet also 10,9s Pfd. Silber, und da das Geti'eide aus der 
31,5 Meilen entfernten Gegend zur Befriedigung des Bedürf- 
nisses der Stadt noch notwendig ist, so muß auch der Preis 
des Getreides in der Stadt diesem Kostenaufwand entsprechen. 

Es haben demnach 150 Schfl. Roggen, die an der Grenze 
nur 3,75 Pfd. Silber wert waren, in der Stadt selbst den 
Wert von 10,9s Pfd. Silber. 

Nimmt man nun das Silber zum Maßstab, so hat das 
Getreide in der Stadt fast den dreifachen Wert des Getreides 
an der Grenze, und nimmt man das Getreide zum Wert- 
messer, so ist das Silber in der Stadt fast auf Vs des Werts, 
den es an der Grenze hatte, gesunken. 

Es ist aber irrig, wenn man, wie Lotz tut, den Wert 
der edlen Metalle in verschiedenen Ländern allein nach den 
Getreidepreisen abmißt. In Moskau kann man mit 1 Pfd. 
Silber unstreitig weit mehr Getreide ankaufen als in London ; 
aber in London erhält man für dasselbe Quantum- Silber ein 

131 größeres Quantum an Kolonial-, Fabrik- und Manufaktur- 
waren als in Moskau. Ebenso sind auch im isolierten Staat 



die Preise der meisten Fabrikwaren in Silber angegeben in 
der Stadt niedriger als an der Grenze. 

Die obige Berechnung der Frachtkosten gründet sich auf 
die ehemaligen sehr schlechten mecklenburgischen Land- 
straßen. Auf Chausseen, Eisenbahnen und Kanälen kommen 
die Frachtkosten natürlich sehr viel niedriger zu stehen. 
Auf das Mehr oder Weniger kommt es hier aber nicht 
an, sondern nur auf das Prinzip, woraus das "Wertverhältnis 
zwischen Silber und Getreide hervorgeht. So viel leuchtet 
aber von selbst ein, daß in dem Maß, als die Kommuni- 
kationsmittel sich vervollkommnen, auch die Differenzen, die 
in dem Wertverhältnis zwischen Silber und Getreide an ver- 
schiedenen Orten stattfinden, sich mindern. 



Über die Theorie des Preises sind ganze Bücher ge- 
schrieben, ohne daß dadurch eine Einstimmigkeit der An- 
sichten erreicht ist.*) 

Da in vorstehendem als Grundsatz angenommen ist, daß 
die Produktionskosten 'der Waren Maßstab für den Tausch- 
wert der Erzeugnisse sind, so bedarf dieser Gegenstand hier 
noch einer weiteren Erörterung. 

Adam Smith nennt den Preis, der den Produktions- 
kosten entspricht, den natürlichen Preis derselben. 

Say**) erklärt dagegen A. Smith 's Unterscheidung 
zwischen natürlichem Preis und Marktpreis für chimärisch 
und hält die Konkurrenz oder das Verhältnis zwischen An- 132 
gebot und iSTachfrage für den einzigen Regulator des Preises. 

Wenn wir auf einem Markt beobachten , wie sich die 
Preise bilden, so sehen wir allerdings, daß der Mangel oder 



*) Sehr schätzbar ist Herrn ann's Abhandlung „Vom Preise" 
S. 66 — 136 des angeführten Werks. 

**) In der Note zu Eicardo's „Gnmdsätze der politischen 
Ökonomie" S. 95 der Übersetzung. 



— 528 — 

Überfluß eiaer Ware und das damit in Verbindung stehende 
"Verhältnis von Angebot und Nachfrage hier entscheidend ist. 
Die Produktionskosten der Ware kommen hier so wenig in 
Betracht, daß der Verkäufer sich nur lächerlich macht, wenn 
er sich darauf beruft. 

Aber die Konkurrenz ist nur die äußere Erscheinung 
einer tiefer liegenden Ursache, und man darf nicht, wie Say, 
sich mit der Auffassung der Erscheinung begnügen, sondern 
muß den Grund zu erforschen suchen. 

Was ist die Ursache, daß zu einer gegebenen Zeit der 
Markt mit einer gewissen Ware überfüllt ist? 

Antwort. In der voraufgegangenen Zeit hat die Er- 
zeugung dieser Ware einen ungewöhnlichen Vorteil gewährt 
und infolgedessen die Produktion sich erweitert. 

Was ist die Ursache der mangelhaften Versorgung des 
Markts mit einer Ware? 

Antwort. Die Produktion derselben ist in der vorher- 
gehenden Zeit mit Verlust verbunden gewesen und infolge 
dieses Verlustes die Produktion eingeschränkt. 

Das Schwanken der Marktpreise ist aber unvermeidlich, 
weil die einzelnen Produzenten den künftigen Bedarf nicht 
übersehen können und erst durch den Marktpreis selbst 
darüber belelirt werden, ob Mangel oder Überschuß von ihrer 
Ware vorhanden ist. 

Das Gesagte gilt von Waren, die zu jeder Zeit in be- 
liebiger Menge hervorgebracht werden können. Anders ver- 
hält es sich mit dem Getreide, wo der Mangel oder Über- 
fluß \on der geringeren oder größeren Jahresfruchtbarkeit 
133 abhängt. Faßt man aber längere Perioden, in welchen die 
Einwirkung der Witterung auf die Vegetation fast als eine 
konstante Potenz erscheint, ins Auge: so bewirkt auch hier 
das Übergewicht der Durchschnitts-Marktpreise über die 
Produktionskosten eine größere Erzeugung und vermehrtes 
Angebot von Getreide; umgekehrt aber bewirkt das Sinken 



— 529 — 

der Marktpreise unter die Erzeugungskosten eine verminderte 
Hervorbringuug von Getreide. 

Aus den angeführten Gründen muß also ein stetes 
Streben zur Ausgleichung der Marktpreise mit den Produk- 
tionskosten, aus dem eigenen Interesse der Unternehmer her- 
vorgehend, wirksam sein. Sehr schön und bezeichnend sagt 
hierüber A. Smith: 

„Der natürliche Preis ist gleichsam der Mittelpunkt, 
„gegen welchen die wandelbaren Marktpreise beständig 
„gravitieren." 

Im Durchschnitt einer längeren Periode werden deshalb 
die ]klarktpreise mit den durch die Kosten regulierten Pro- 
duktionskosten nahe zusammenfallen. 

Zwischen dem Preise einer "Ware und den Produktions- 
kosten derselben findet das Gleichgewicht statt, wenn das 
Gewerbe, wodurch diese Ware hervorgebracht wird, weder 
Verlust noch ungewöhnlichen Gewinn bringt. 

Woran — so muß man nun fragen — ist aber Gewinn 
und Verlust zu ermessen? 

Ich antworte: Wenn durch den Preis der Waren die 
Arbeit von gleicher Qualität in allen Gewerben gleich 
hoch gelohnt wird, so findet das Gleichgewicht statt, 
und diese Durchschnittsbelohnung ist der Maßstab für die 
Produktionskosten wie für Gewinn und Verlust. 

Daß in den meisten Waren auch Kapitalnutzung und' 
Landrente als Elemente des Preises enthalten sind, ändert 
an diesem Satz im wesentlichen nichts; denn wenn man 134 
Landrente und Kapitalszinsen als Auslagen in Abzug bringt, 
so ergibt sich, wie hoch der Produzent für seine Arbeit ge- 
lohnt wird. 

Der Satz : „die Produktionskosten bestimmen den Durch- 
schnittspreis einer Ware", ist aber nur in der Beschränkung 
wahr, daß der Gebrauchswert oder die Nützlichkeit der Ware 
T Lünen, Der isolierte Staat. ^* 



— 530 — 

den Kosten ihrer Hervorbringung mindestens gleich ge- 
achtet wird. 

Wer seine Arbeit Spielereien zuwendet, z. B. eine Uhr 
in einer Nußschale, oder einen Großmogul von Gold u. dgl. 
verfertigt, darf auf eine Vergütung seiner Arbeit nicht rechnen, 
weil der Gebrauchswert seiner Fabrikate weit unter den 
Fabrikationskosten steht. Aber Kuriositäten dieser Art kommen 
nie dauernd auf den Markt, imd nur solche Waren, deren 
Gebrauchswert die Produktionskosten mindestens deckt, 
können Gegenstände des regelmäßigen Handels werden. 

AYaren und Gerätschaften, deren Produktion mit gleich- 
bleibenden Kosten unbeschränkt erweitert werden kann, wozu 
die meisten Fabrikate gehören, können nie dauernd über 
dem Produktionspreis stehen, wie weit auch ihr Ge- 
brauchswert diesen übersteigen mag. 

Ein auffallendes Beispiel hierzu liefert der Pflug. V^'äre 
dies Instrument nicht vorhanden, und müßte der Boden mit 
dem Spaten bearbeitet werden : so würde Europa wohl kaum 
die Hälfte seiner jetzigen Bevöllvcrung ernähren können. 
Aber man bezahlt im Pfluge nicht den Nutzen, den er ge- 
währt, sondern nur die geringfügigen Yerfertigungskosten. 

Bei Erzeugnissen dagegen, die nur mit vermehrten 
Kosten in größerer ilenge hervorgebracht werden können, 
wie z. B. Getreide, steigt der Preis so hoch, bis Produk- 
tionskosten und Gebrauchswert im Gleichge- 
wicht sind. 
135 Hierin liegt, beiläufig gesagt, ein Grund, warum mit 
der wachsenden Bevölkerung der Tauschwert des Getreides 
gegen Fabrikate stetig steigen muß. 

Die Gold- und Silberminen gehören in dieser Beziehung 
mit dem Getreide in eine Kategorie. Denn wenn nicht neue, 
reichlialtige Minen entdeckt werden, und der Bedarf an Gold 
und Silber nur aus den schon länger bebauten Bergwerken 
erlangt werden kann, so ist die Gewinnung dieser edlen 



— 531 — 

Metalle, da sie aus immer größerer Tiefe genommen werden 
müssen, aucli mit stets wachsenden Kosten verknüpft. Der 
Bergbau muß dann, ebenso wie der Bau des Getreides, seine 
Grenze finden, wenn die Gewinnungskosten der edlen Metalle 
den durch die Zahlungsfähigkeit der Käufer bedingten Ge- 
brauchswert derselben erreichen. 

In der als Tatsache angenommenen Voraussetzung, daß 
das mindest ergiebige Silberbergwerk an der Grenze des iso- 
lierten Staats wirklich angebaut wird, liegt demnach schon 
der Beweis, daß die Produktionskosten des Silbers aus diesem 
Bergwerk nicht dessen Gebrauchswert übersteigen — daß wir 
also auch berechtigt sind, die Produktionskosten des Silbers 
zum Maßstab für den Tauschwert desselben anzunehmen. 
Höher als diese Produktionskosten kann aber der Tauschwert 
des Silbers nicht sein — denn sonst würden die weiterhin 
in der "Wildnis liegenden Minen nicht uuangebaut bleiben. 

Unseren Betrachtungen liegen also die möglichst einfachen 
A^erhältnisse zu gründe. Weder der Bergbau noch der 
Landbau geben hier eine Rente, und sowohl beim Süber als 
beim Getreide sind Produktionskosten und Gebrauchswert im 
Gleichgewicht. 

Durch die vorstehenden Betrachtungen haben wh' über 136 
das AVesen des Zinsfußes und des Arbeitslohns einiges Licht 
erhalten, indem wir 

1. zu der Erkenntnis gelangt sind, daß z das Yerhältnis 
der "Wirksamkeit des Kapitals zu der Wirksamkeit der 
gegenwärtig vollbrachten Arbeit bezeichnet; und 

2. für den Arbeitslohn den allgemein gültigen Ausdruck 

a 4" y = -^ — j- gefunden haben. 

Damit sind wir aber doch erst an die Pforten unserer 
eigentlichen Untersuchung gelangt. Denn in jenem Ausdruck 
ist a 4" y "^cin z abhängig, so daß wir stets z als bekannt 

34* 



— 532 — 

aonehmeu müssen, wenn wir a -|- y bestimmen wollen. Nun 
ist aber auch p keine konstaute Größe, sondern wächst und 
fällt mit q, ist also abhängig von q. Von dem Wert von 
p hängen aber wiederum die Werte von y und z ab. Es 
sind demnach p, y und z Funktionen von >[. Die Aufgabe 
ist also die: für ein gegebenes q die "Werte von p, y und z 
zu finden. 

Während man in den meisten Wissenschaften die Unter- 
suchung mit einzelnen feststehenden und als gegeben be- 
trachteten Sätzen beginnt, haben wir es hier mit Potenzen 
zu tun, die in einer steten Wechselbeziehnng zueinander 
stehen, und wovon keine einzige als gegeben angenommen 
werden darf. 

Dadurch aber wird unsere Untersuchung so schwierig 
und verwickelt — und es fragt sich, ob so viele Gleichungen 
gefunden werden können, als zur Bestimmung der unbekannten 
Größen erforderlich sind. 



137 § 14. 

In dem isolierten Staat ist an der Grenze des- 
selben die Werkstätte für die Bildung des Ver- 
hältnisses zwischen Arbeitslohn und Zinsfuss. 



Um zu erforschen, wie Arbeitslohn und Zinsfuß einer 
aus dem anderen hervorgehen, und um den Arbeitslohn un- 
abhängig vom Zinsfuß darzustellen, müssen wir den mög- 
lichst einfachen Fall, wo das ganze Arbeitsprodukt zwischen 
dem Arbeiter und Kapitalisten geteilt wird, und wo der dritte 
Faktor bei der Preisbestimmung, die Landrente, die Aufgabe 
nicht noch verwickelter macht, unsern Betrachtungen zu 
gründe legen. 



— 533 — 

Dies nun ist der Fall an der Grenze der kultivierten 
Ebene des isolierten Staates, wo jenseits des Kreises der 
Dreifelderwirtschaft Land von gleicher Fruchtbarkeit mit 
dem der kultivierten Ebene umsonst zu haben ist. 

Zwar gibt das Land im Kreise der Viehzucht, jenseits 
der angebauten Ebene, noch einige Rente; aber diese ist so 
gering, daß sie als verschwindend zu beträchten ist — und 
da deren Berücksichtigung die Untersuchung wohl verwickelter 
machen, aber im Resultat doch nichts ändern würde: so 
abstrahieren wir ganz davon und setzen die Laudrente des 
Bodens jenseits des Kreises der Dreifelderwirtschaft gleich 
Null. 

An der Grenze der kultivierten Ebene ist es in die Wahl 
des Arbeiters gestellt, ob er ferner für Lohn arbeiten oder 
mit Hilfe der angesammelten Ersparnisse ein Stück Land 
urbar macheu, Gebäude usw. errichten und sich ein Eigentum 
erwerben will, auf welchem er künftig für eigene Rechnung 
arbeitet. 

Sollen die Arbeiter in dieser Gegend von der Anlegung 
von Kolonistenstellen oder Gütchen abgehalten und bewogen 
werden, noch ferner bei ihrem bisherigen Herrn für Lohn zu 
arbeiten, so muß dieser Lohn nebst den Zinsen, die sie durch 
Ausleihen für ein zur Anlegung der Kolonisten stelle erforder- 138 
liches Kapital beziehen, gleich sein dem Arbeitsprodukt, 
das sie auf der Kolonistenstelle, die von einer Arbeiter- 
familie bestellt werden kann, hervorbringen können. 

Ist nun der Lohn = a -|- y Schfl. Roggen, 

das Arbeitsprodukt . . . = P „ v 

das zur Anlegung des Güt- 
chens erforderliche Kapital =^ q J. A. 
welches in Scheffel Roggen 

ausgedrückt = '1 (a -|- j) Schfl. ist, 

und endlich der Zinsfuß . . = z °/o, 



— 534 — 

so muß, wenn hier ein Gleichgewicht stattfinden soll 
a -f y -f- 'l (a + y) z = p sein. 

P 

qz 
p — (a + y) 



Das gibt a + y ^ -. , ; und 



•i (a + y) 

Hier sind a, p und q bestimmte, y und z aber unbe- 
stimmte Größen. 

Es kommt nun alles darauf an, eine Gleichung zwischen 
y und z aufzufinden , denn von der Lösung dieser Aufgabe 
hängt die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Arbeits- 
lohn und Zinsfuss ab. 

Der Versuch zur Lösung dieser Aufgabe soll im nächsten 
Paragraphen gemacht w^erden. 

Um dort aber den Zusammenhang nicht zu oft und zu 
lange durch Erhebung von Zweifeln und Einwürfen gegen 
die Richtigkeit des Verfalirens unterbrechen zu müssen, wollen 
wir die aus der Vergleichung mit der Wirklichkeit sich er- 
hebenden Bedenken im voraus anführen und zu beseitigen 
suchen. 

139 IL 

Wir behaupten, daß der an der Grenze des isolierten 
Staats sich bildende Arbeitslohn und Zinsfuß normierend für 
den ganzen Staat ist, und haben diese Behauptung hier zu 
rechtfertigen. 

A. Arbeitslohn. 

Nicht der Geldlohn, sondern der reelle Lohn, d. i. die 
Summe der Lebensbedürfnisse und Genußmittel, die der 
Arbeiter sich für seinen Lohn verschaffen kann, muß durch 
den ganzen isolierten Staat gleich hoch sein; denn wäre 
an einer Stelle dieser reelle Arbeitslohn höher als an einer 
anderen, so würde durch das Zuströmen der Arbeiter aus den 



— 535 -^ 

Gegenden mit geringerem Lohn das Gleichgewicht sich gar 
bald herstellen. 

An der Grenze der kultivierten Ebene des isolierten 
Staats, wo herrenloses Land in ungemessener Menge zu 
haben ist, bestimmt weder die Willkür der Kapitalisten 
noch die Konkurrenz der Arbeiter noch die Größe der not- 
wendigen Subsistenzmittel die Höhe des Lohns; sondern das 
Produkt der Arbeit selbst ist Maßstab für den Lohn der 
Arbeit. Hier muß also auch die Werkstatt für die Bildung 
des natürlichen Arbeitslohns sein , welcher maßgebend für 
den ganzen isolierten Staat wird. 

In der Wirklichkeit ist dies freilich ganz anders; denn 
hier finden wir in der Höhe des Arbeitslohns enorme Yer- 
scliiedenheiten, z. B. zwischen Polen und Nordamerika. 

Hier aber sind die Verschiedenheit der Sprache, der 
Sitten, der Gesetze, der Einwirkung des Klimas auf die 
Gesundheit usw. und die Kostspieligkeit der Übersiedelung 
nach einem fernen Lande die Ursachen, warum die Ver- 
schiedenheit im Lohn nicht ausgeglichen wird. 

Diese Hemmungen der Ausgleichung sind dagegen im 
isolierten Staat überall nicht vorhanden, 

B. Zinsfuß. 140 

Der an der Grenze des isolierten Staates sich bildende 
Zinsfuß muß für den ganzen Staat maßgebend werden, da 
das so leicht bewegliche Kapital sich stets dahin wendet, 
wo es die höchste Nutzung gewährt, und der Zinssatz sich 
dadurch liberall gleichstellt. 

In der Wirklichkeit sind in verschiedenen Ländern die 
Abweichungen im Zinssatz fast ebenso bedeutend als die im 
Arbeitslohn. 

Während in England und Holland der gewöhnliche Zins- 
satz 3 bis 4:% beträgt, ist dieser in Rußland und mehreren 
nordamerikanischen Staaten 6 bis 7 ^/o. Daß diese Differenz 



— 536 — 

sich nicht durch das Überströmen der Kapitalien von einem 
Lande nach dem andern ausgleicht, erklärt sich leicht, wenn 
man erwägt, daß die Kapitalisten nicht geneigt sein können, 
ihr Geld nach Ländern zu verleihen, wo die Justizpflege 
mangelhaft und parteiisch ist, oder wo die Richter gar be- 
stechlich sind — indem sie dort weder für die richtige Zins- 
zahlung noch für die Zurückzahlung des Kapitals Sicherheit 
erlangen können. 

Auffallend und einer nähern Untersuchung wert ist es 
dagegen, daß in den verschiedenen Provinzen einer und der- 
selben ilonarchie, wo dasselbe Gesetzbuch gilt, und die Justiz- 
pflege strenge und unparteiisch ist, dennoch ein so verschie- 
dener Zinssatz stattfinden kann, wie dies im preußischen 
Staat der Fall ist. Denn während in der Provinz Branden- 
burg und in Yorpommern der Zinsfuß auf 3^/2 bis 4 ^lo 
herabgesunken, ist in der Provinz Ostpreußen der Zinssatz 
bei Anleihen an Privatpersonen auf 5 "^/o stehen gelilieben. 

Hier möchte es schwer sein, zu entscheiden, ob der 
höhere Zinssatz in Ostpreußen Folge einer höhern Kapital- 
nutzung oder einer mindern Sicherheit für die Gläubiger 
141 sei — wenn nicht der Kurs der Pfandbriefe hierüber Auf- 
schluß gäbe. Nach der „Allgemeinen preußischen Zeitung" 
war am 13. Juli 1846 an der Berliner Börse der Kurs 

der ostpreußischen Pfandbriefe 96-^3 % 

der pommerschen „ 96'/s „ 

der kur- und neumärkischen Pfandbriefe . . 98V4 ,, 

Die Pfandbriefe dieser drei Provinzen tragen gleich viel, 
nämlich 3V2 ^lo Zinsen. 

Für die Sichei'heit der Pfandbriefe haften alle dem 
Kreditverein beigetretenen Güter solidarisch, und nur auf 
einen Teil des Werts der Güter werden zur ersten H3q:)othek 
Pfandbriefe erteilt. Die Sicherheit der Pfandbriefe ist also 
weit größer als die der Privatanleihen. 

Da nun in dem Kurs und Wert der ostpreußischen und 



— 537 — 

kiumärkischen Pfandbriefe bei gleichem Zinssatz nur ein 
unerheblicher unterschied, nämlich der von 96-^/s bis 98V4 
stattfindet, während in dem Zinssatz bei Privatanleihen sich 
eine so bedeutende Abweichung zeigt, so müssen wir schließen, 
daß der hohe Zinsfuß in Ostpreußen durch Unsicherheit der 
Anleihen auf dortige Güter hervorgerufen und erhalten wird. 

Ob diese größere Unsicherheit der Privatanleihen in Ost- 
preußen, verglichen mit anderen Provinzen, von dem Natioual- 
C'harakter der Bewohner, oder von den größeren Schwankungen 
in den Güterpreisen (weil die Einnahme dieses Landes fast 
ganz von den Konjunkturen im Getreidehaodel abhängig ist), 
oder von der größern Gefahr, Schauplatz des Krieges zu 
werden, herrührt, oder ob diese Ursachen gemeinschaftlich 
wirksam sind, — dies muß ich anderen zur Beurteilung und 
Beantwortung überlassen. Außer diesen Ursachen kann aber 
auch noch die größere Entfernung von Berlin — diesem Sitz 
der großen Kapitalisten — zur Erhöhung des Zinssatzes in 
Ostpreußen beitragen. Denn da, wo der Grund und Boden 
keine völlige Sicherheit für eine Anleihe gewährt, und der 142 
Kredit mehr auf die Persönlichkeit des Schuldners basiert 
ist. wird der Kapitalist diesen nicht gerne aus den Augen 
verlieren, um, wenn Gefahr eintritt, sein Kapital kündigen 
und einziehen zu können. In einem solchen Fall wird also 
der Kapitalist sein Geld in der Nähe seines AA^ohnsitzes etwas 
wohlfeiler ausleihen als in weiter Ferne. 

"Wie dem aber auch sein mag, so ist die Differenz in 
dem Zinsenbezug für Pfandbriefe und Privatanleihen stets 
als eine Assekuranzprämie für die Gefahr, die mit dem Ver- 
leihen des Kapitals auf letztere Weise verbunden ist, zu be- 
trachten. 

Da wir nun in dem isolierten Staat unter „Zinsfuß" 
nur den Zinsenbezug nach Abzug der Assekurauzprämie ver- 
stehen, so kann auch aus der Tatsache, daß in einer und 
derselben Monarchie in den verschiedenen Provinzen für aus- 



— 538 — 

geliehene Kapitalien Zinsen von sehr verschiedenem Betrag 
gezahlt werden, kein Argument gegen die Gleichheit des 
Zinsfußes in allen Gegenden des isolierten Staats entnommen 
werden, 

III. 

Unsere Untersuchungen beruhen auf der Voraussetzung, 
daß der isolierte Staat sich im beharrenden Zustand befindet. 
Demnach muß aber auch seine Größe und Ausdehnung un- 
verändei-lich sein. Indem wir hier aber im Gedanken neue 
Güter im Kreise der Viehzucht anlegen, liandeln wir dadurch 
anscheinend gegen unsere eigene Voraussetzung, 

Nun ist aber das einzelne Gut gegen das Ganze nur 
als ein unendlich kleiner Punkt zu betrachten — und w^enn 
wir trotz dieses Zuwachses das Ganze als noch im beharren- 
den Zustand befindlich ansehen : so ist unser Verfahren dem 
in der Analysis des Unendlichen analog und kann auch durch 
diese gereclitfertigt werden. 
143 Verwandelt sich nämlich x in x -|- dx, so wird diese 

Größe im Wert noch immer = x, also dx = gerechnet. 
Das Difterential, dx, erhält aber seine Bedeutung, wenn es 
als Faktor mit einer anderen endlichen Größe verbunden ist. 
In der Parabel, deren Abszisse ^ x, Parameter = a und 
Ordinate ^ y , ist y- = ax und y = l ax. Wächst hier 
X um dx, so ist das Element der PJäche, oder der unendlich 
kleine Zuwachs , den die Fläche erhält , = dx V ax. In 
diesem Element spiegelt sich das Gesetz ab, nach welchem 
die Figur konstruiert ist — und aus dem Integral dieses 
Elements = -/s x V ax = -/s xy ergibt sich der Flächen- 
inhalt der Figur. 

Hier ist dx wieder verschwunden, und wir finden durch 
diese Rechnung nicht den Inhalt einer Paraljel, deren Abszisse 
^ x -H dx, sondern den der Parabel für die Abszisse = x. 

Aber auch ohne Zuhilfenahme der Differentialrechnung 
läßt sich dies Verfahren vielleicht anschaulich rechtfertigen. 



— 539 — 

Man denke sich , daß ■ infolge eines zu geringen Lohns 
nicht einzelne, sondern sehr viele Arbeiter ihre Überschüsse 
auf die Anlegung neuer Güter verwenden und die kultivierte 
Ebene wesentlich erweitern. Da aber die Zahl der Arbeiter, 
unserer Voraussetzung gemäß, konstant ist, wird auf den 
schon bestehenden Gütern Mangel an Arbeitern eintreten, 
und um der ferneren Auswanderung nach der "Wildnis Ein- 
halt zu tun, werden die Besitzer den Lohn so weit erhöhen 
müssen, daß die Auswanderung unvorteilhaft wird. Ist dann 
aber schon eine bedeutende Erweiterung der kultivierten 
Ebene erfolgt, so wird mehr Korn als bisher nach der Stadt 
gebracht, und da die Zahl der Konsumenten sich nicht ver- 
mehrt hat, muß der Preis des Korns in der Stadt und damit 
auch in der ganzen kultivierten Landfläche sinken. Damit 
sinkt aber auch die Landrente der neu angelegten Güter 
unter Null herab. Der endliche Erfolg des Herabsinkens 
der Landrente unter Null aber ist , daß die Ansiedelungen 144 
wieder verlassen werden, wenn die Gebäude verfallen sind. 

Damit wird die kultivierte Ebene wieder auf ihren 
früheren umfang beschränkt, und der beharrende Zustand 
tritt wieder ein. 

Sobald aber die Gutsbesitzer versuchen, den Lohn unter 
das Maß herabzudrücken, das die Arbeiter durch Arbeit auf 
eigene Eechnung in der Wildnis verdienen können, beginnt 
dasselbe Spiel von neuem. Da dies aber für die Gutsbesitzer 
wegen des daraus entstehenden Mangels an Arbeitern mit 
großem Nachteil verbunden ist: so genügt die bloße Mög- 
lichkeit für die Arbeiter, sich in der Wildnis anzusiedeln, 
ohne daß d i e s T a t w i r d , die Gutsbesitzer zur Bezahlung 
eines Lohns zu nötigen, der mit dem, den der Arbeiter durch 
Ansiedelung und Arbeit auf eigene Rechnung erlangen kann, 
im Gleichgewicht ist. 

Der beharrende Zustand kann demnach nur bei dem sich 
auf diese Weise bildenden normalen Arbeitslohn stattfinden. 



540 — 



IV. 



Wir gründen unsere nachfolgende Untersuchung über 
die Kapitalerzeugung durch Arbeit auf die Annahme, daß 
die Arbeiter ihren Überschuß, oder den Teil des Lohns, 
welchen sie nach Abzug der notwendigen Subsistenzmittel 
übrig behalten, zu dem angegebenen Zweck verwenden. 

Bei dem Blick auf die Wirklichkeit kann man dagegen 
einwenden, daß der Lohn der Arbeiter in dem größten Teil 
von Euroi^a nicht mehr beträgt, als was sie zum Unterhalt 
ihrer Familien notwendig bedürfen, daß ihr Überschuß gleich 
Null sei, und somit keine Kapitalerzeugung durch die Arbeiter 
stattfinden könne. 

Dieser Einwurf verliert aber aus nachstehenden zwei 
verschiedenen Griinden für die gegenwärtige Untersuchung 
seine Bedeutung: 
145 1. Bei der Konstruktion des isolierten Staates ist ein 
Arbeitslohn zugrunde gelegt, der dem Arbeiter aller- 
dings gestattet Ersparnisse zu machen. 
2. In den letzten Dezennien ist die Volksmenge in fast 
allen europäischen Ländern um ungefähr ein Prozent 
jährlich gestiegen. In der arbeitenden Klasse ist die 
Vermehrung verhältnismäßig mindestens ebenso groß 
gewesen als in der Klasse der Wohlhabenden. Der 
Lohn der Arbeiter, wie geringe er auch sein mag, hat 
also doch ausgereicht, um mehr Kinder zu erziehen, 
als zur Erhaltung der Bevölkerung in gleicher Zeit 
nötig war. 
Unserer Untersuchung liegt aber die Voraussetzung des 
beharrenden Zustandes in der Volksmenge zugrunde, und 
unter dieser Bedingung würden die Arbeiter, selbst bei ihrem 
jetzigen geringen Lohn, einen Überschuß gehabt haben, der 
zur Kapitalerzeugung verwandt werden könnte. 



— 541 — 



"Wir haben in I. gesehen, daß um die Anlegung neuer 
Kolonistenstellen und damit die Auswanderung der Arbeiter 
7A1 verhüten, a -|- y -|~ 'i (^ H~ j) ^ = P sein muß. In 
"Worten ausgedrückt lautet dies so: der Arbeitslohn nebst 
den Zinsen des zur Anlegung einer Kolonistenstelle erforder- 
lichen Kapitals muß gleich sein dem Arbeitsprodukt des mit 
einem Kapital von q J. A. verseheneu Arbeiters. 

In dieser Gleichung sind, wie schon angeführt, a, p 
und q gegebene, y und z aber unbestimmte Größen, und 
der Gleichung kann bei sehr verschiedenen Werten von y 
und z Genüge geleistet werden. 

Um ein Beispiel in Zahlen geben zu können, wollen wir 
q, das Kapital ^= 12 J. A., 
p, das Arbeitsprodukt = 3 a, 
a, die Subsisteuzmittel = 100 c setzen, 
wo c den hundertsten Teil der in Scheffel Roggen ausge-146 
drückten Bedürfnismittel des Arbeiters bezeichnet. 
Die obige Gleichung erhält dann folgende Form: 

100 c + y + (1200 c -}- 12 y) z = 300 c. 
Setzt man nun für y nach und nach andere Werte, so 
liefert dies folgende Resultate: 

1. Für y = 20 c 

ist 120 c + (1440 c) z = 300 c, 

und z = 12,5 %. 

2. Für y = 60 

ist 160 c + 1920 cz -300 c; 
z = 7,3 o/o. 

3. Für y -= 100 

ist 200 c + 2400 cz = 300 c ; 
z = 4,2 o/o. 
Durch die obige Gleichung ist also für das A^erhältnis 
zwischen Arbeitslohn und Zinsfuß noch nichts entschieden. 



— 542 — 

Dies Verhältnis ist aber für den Arbeiter keineswegs 
gleichgültig: denn das Streben des Lohnarbeiters muß dar- 
auf gerichtet sein, für seinen Überschuß y, wenn er den- 
selben auf Zinsen legt, die höchste Rente zu beziehen. 

Diese Rente = yz ist aber nach den verschiedenen 
"Werten von y und z sehr verschieden und beträgt 

12.5 

für y = 20 c und z -= 12.5 "/o ... 20 c X -joiT^ '-^^ ^' 

7.3 

y = 60 c und z = 7,3 "^/o ... 60 c X -. .-.'-. = 4,3s c. 

4.-^ 
y = 100 c und z = 4,2 % . . . 100 X -..-.,-, = 4,20 c. 

Wir wenden uns jetzt der Kapitalerzeugung diu'ch Arbeit 
zu, um die Frage zu lösen, in welchem Verhältnis y und z 
zueinander stehen müssen, wenn der Arbeiter für seine An- 
strengung das Maximum an Rente beziehen soll. 



147 § 15. 

Die Kapitalerzeugung durch Arbeit. 

"Wir denken uns, daß sich eine Zahl von Arbeitern zu 
einer Gesellschaft verbindet, um an der Grenze der kul- 
tivierten Ebene des isolierten Staats ein neues Gut von der 
Größe wie die älteren Güter dieses Staats anzulegen. 

Die zu diesem Zweck verbundenen Arbeiter teilen sich 
in zwei Abteilungen — wovon die eine sich mit der Urbar- 
machung des Feldes, der Errichtung der Gebäude, der Ver- 
fertigung von Gerätschaften usw. beschäftigt: die andere 
aber einstweilen bei der Arbeit für Lohn verbleibt und 
durch ihren in Roggen sich aussprechenden Überschuß die 
Subsistenzmittel liefert, welche die mit der Anlegung des 
Guts beschäftigten Arbeiter konsumieren. 



— 543 — 

Unter diesea Verhältnissen wird durch die Anlegung 
des Gutes von dem bereits vorhandenen Nationalkapital 
nichts konsumiert ; die Summe dieser Wertgegenstände ist 
nach der vollendeten Schaffung des Gutes gerade noch eben 
so groß wie vor derselben. 

Das neuangelegte Gut kostet nur Arbeit, und nichts 
anderes als Arbeit. 

Die Eente, die das Gut trägt, fällt demnach einzig und 
allein den kapitalerzeugenden Arbeitern, die das Gut durch 
ihre Arbeit geschaffen haben, anheim — und diese Rente 
ist der Lohn ihrer Arbeit. 

Diese Gesellschaft von kapitalerzeugenden Arbeitern 
bedarf nach vollendeter Anlegung des Guts einer Zahl von 
Lohnarbeitern, die das neue Gut bestellen imd bewirtschaften. 
Der Lohn dieser Arbeiter kann aber nicht willkürlich und 
auch nicht nach dem in den älteren Gütern üblichen Lohn 
bestimmt werden. Dieser Lohn muß vielmehr so hoch sein, 
daß der Überschuß des Arbeiters auf Zinsen gelegt, also yz 148 
gleich der Kente des kapitalerzeugenden Arbeiters wird: 
denn wäre dies nicht der Fall, so würden — da wir Arbeiter 
von gleicher Kraft, Kenntnis und Gesclücklichkeit voraus- 
setzen — die Lohnarbeiter augenblicklich zur Kapitalerzeugung 
übergehen. 

Wir haben hier also eine zwiefache Verkettung zwischen 
Arbeit und Kapital: einmal indem aus der Arbeit unmittel- 
bar Kapital erwächst, und zweitens indem die kapitalerzeu- 
genden Arbeiter nunmehr die Stellung des Kapitalisten gegen 
den Lohnarbeiter einnehmen. 

Hier unter den einfachsten Verhältnissen, wo keine 
Landrente als dritte Potenz verwirrend einwirkt, — hier 
muß sich die Verbindung zwischen Arbeitslohn und Zinsfuß 
enthüllen lassen, wenn die Aufgabe, die wir uns gestellt 
haben, überhaupt lösbar sein soll. 

Die Bestimmung des Arbeitslohns ist hier in die Hände 



— 544 — 

der Arbeiter selbst gelegt, und der aus der Bestimmung der 
Arbeiter hervorgehende Lohn ist, wie vorhin nachgewiesen, 
normierend für den ganzen isolierten Staat. 

Die Willkür der Arbeiter findet bei dieser Feststellung 
ihres Lohns keine andere Schranke als die des eigenen 
Interesses. 

Bei der Kapitalerzeugung kann aber der Arbeiter kein 
anderes Ziel haben als das, für seine Arbeit die höchst 
mögliche Rente zu erlangen. 

Derjenige Arbeitslohn, welcher das Maximum der Rente 
bringt , muß also Ziel des Strebens sein , und da diesem 
Streben nichts hemmend entgegentritt, so wird dieser Arbeits- 
lohn auch der wirkliche werden. 

Damit werden Avir zu der Frage geführt: bei welcher 
Höhe des Arbeitslohns erlangt der Arbeiter für seine An- 
strengung das Maximum der Rente? 

I Um diese Frage zu beantworten, nehmen wir folgende 
Sätze an: 

Die Bestellung des neu gegründeten Gutes erfordere die 
fortdauernde Arbeit von n Tagelöhnerfamilien. 

Die Anlegung des Gutes habe die Jahresarbeit von 
nq M. (ntj Arbeiterfamilien) erfordert. Zu der Schaffung 
eines neuen Gutes gehört unstreitig nicht bloß Arbeit, sondern 
auch Anwendung von Kapital. Nach § 13 können wir aber 
die Mitwirkung des Kapitals auf Arbeit reduzieren und 
somit die Anlagekosten ganz in Arbeit angeben. 

Jeder von den das Feld bestellenden Tagelöhnern arbeitet 
dann mit einem Kapital von (| J. A. (q Jahresarbeiten einer 
Arbeiterfamilie). 

Der mit einem Kapital von q J. A. versehene Arbeiter 
bringe ein jährliches Erzeugnis von p (Scheffel Roggen) 
hervor. 

Das Gesamtprodukt der n Arbeiter ist demnach = np. 

Die Subsistenzmittel, welche der Arbeiter zur Erhaltung 



— 5-45 — 

seiner Arbeitsfähigkeit notwendig bedarf, betragen a Scheffel 
Eoggen oder deren Äquivalent. 

Die nq mit der Anlegung des Guts während eines 
Jahres beschäftigt gewesenen Arbeiter haben konsumiert anq 
(Scheffel Roggen). 

Von der mit Erzeugung von Lebensmitteln beschäftigten 
Abteilung der Gesellschaft behält jeder Arbeiter von seinem 
Lohn, nach Abzug seiner Konsumtion, einen Überschuß von 
y Schfl. Roggen, oder dessen Äquivalent. 

Zur Hervorbringung der bei der Anlegung des Guts 

verzehrten anq Schfl. sind also — — mit der Produktion der- 

y 

selben beschäftigten Arbeiter erforderlich. 

Die Zahl der Arbeiterfamilien, aus deren gemeinschaft- 
lichen Arbeit das Gut hervorgegangen ist, beträgt demnach 
, anri (a + y) 

^^ y y 

Die n Tagelöhner , welche das Feld bestellen , erhalten 150 
jeder a -f- y (Schfl. Roggen) an Lohn. Die Gesamtausgabe 
an Lohn beträgt also n (a -|- y). 

Zieht mau diese Ausgabe von dem Gesamterzeugnis 
= np ab, so verbleibt eine Gutsrente von np — n (a -[- y)- 

Diese dauernde Gutsrente ist das Eigentum von 

nq ^ — y^-^ kapitalerzeugenden Arbeitern. 

Die Jahresarbeit eines mit der Kapitalerzeugung be- 
schäftigten Arbeiters wird also gelohnt mit einer Rente 

(a -f y) (p — [a -f- y] ) y 
von n (p - [a + y]) : nq ^ ■ = ^(a + y) ^ 

In diesem für die Größe der Rente gefundenen Ausdruck 
ist z nicht vorhanden und y die einzige noch unbestimmte 
Größe. 

Bemerkung. Da in dieser Formel für die Rente n 
verschwunden ist, so werden wir künftig auch nur den 
Thünen, Der isolierte Staat. oo 



— 546 — 

auf einen Arbeiter fallenden Gutsteil und das Kapital, 
womit ein Mann arbeitet, in Betracht ziehen. Wir 
müssen uns dann aber stets erinnern, daß hier nicht 
von einer Xolonistenstelle , die von einer Familie be- 
wiiischaftet werden kann, sondern von einem in der 
Größe den anderen Gütern des isolierten Staats gleichen 
Gut die Rede ist. Denn sonst würden wir ein stören- 
des und ver^\"in'endes Moment, nämlich den Einfluß, 
welchen die verschiedene Größe der Güter auf das 
Arbeitsprodukt und auf die Gutsrente ausübt, in unsere 
Untersuchungen einmischen. 
Bei welchem "Wert von y erlangt nun die obige Fimktion 

für die Größe der Rente das Maximum? 

"Wir wollen, um dies annähernd zu erforschen und um 

zugleich den Einfluß der verschiedenen Werte von y auf die 

Größe der Rente anschaulich zu machen, zuerst ein Beispiel 

in Zahlen geben. 
151 Es sei a = 100 c ; p = 300 c ; q = 12 J. A. 

Nun sei erstens y = 20 c. 

Die mit der Anlegung des Gutes beschäftigten Arbeiter 
verzehren aq = 1200 c. 

Da jeder mit der Erzeugung von Lebensmitteln be- 
schäftigte Arbeiter einen Überschuß von y = 20 c liefert, 
so sind zm- Hervorbringung der bei der Anlegung des Gutes 

1200 c 
verzehrten Lebensmittel ^^^ = 60 andere Arbeiter er- 

20 c 

forderlich. 

Die Schaffung des Gutes kostet also die Jahresarbeit von 
12 -f 60 = 72 M. 

Von dem Arbeitsprodukt des das Feld bestellenden 

Tagelöhners 300 c, 

geht dessen Arbeitslohn ab mit 120 c. 

Die Rente dieses Gutsteils beträgt also . . . 180 c. 



547 — 



Diese Rente unter 72 Mann verteilt, gibt für einen kapital- 

. , . 180 c ^ ^ ^ 
«rzeugenclen Arbeiter „,-, = i,5 c Kente. 

Zweitens sei y = 50 c. 
Zur Erzeugung der 1200 c bei der Anlegung des Gutes 

1200 



verzehrten Lebensmittel sind dann 



50 



= 24 M. erforderlich. 



Die Schaffung des Gutes kostet dann nur 12 -f- 24' = 
36 J. A. Die Rente von dem Gutsteil beträgt 
300 — 150 = 150 c. Diese unter 36 M. verteilt, gibt für 

150 c 



jeden kapitalerzeugenden Arbeiter 



36 



4,iG c Rente. 



In nachstehender Tabelle sind die Resultate dieser Be- 
rechnung für mehrere Werte von y zusammengestellt. 



152 



>>* 


Bei der An- 
•^ legung des 
S Gutes sind 

beschäftigt 


von 




120 c 


12 


150 c 


12 


180 c 


12 


210 c 


12 


240 c 


12 


270 c 


12 


300c 


12 



Zur Erzeugung der 
verzehrten Lebens- 
mittel sind er- 
forderlich 



Summe 

der 
kap. erz. 
Arbeiter 



aq 



M. 



q (a -{- y) 



Die 

Gutsrente 

beträgt 



p — (a + y) 



Ein kap. erz. 

Arbeiter 
erwirbt Rente 

(p — [a-f y])y 
q (a -I- y) 



1200 

20 
1200 

50 
1200 

80 
1200 

110 
1200 

140 
1200 _ „ 
T7Ö ~~ ^'"^ 
1200 
^00 =^ 



= 60 



= 24 



- 15 



= 10.9 



= 8.. 



72 

36 
27 

22,0 
20,.„ 

19,06 

18 



180 c 

150 c 

120 c 

90 c 

60 c 

30 c 





2,50 c 

4,16 c 

4,44 C 

3,91 

2,9. c 

1,57 (-* 





35* 



— 548 — 

Mit dem "Wachsen des Arbeitslolius und des damit ver- 
bundenen größeren Überschusses nimmt die Zahl der zur 
Schaffung des Gutes erforderlichen Ai-beiter ab, weil dann 
die bei der Anlegung des Gutes verzehrten Lebensmittel durch 
eine geringere Zahl von Arbeitern erzeugt werden. Die. 
Xapitalerzeugung selbst wird also wohlfeilei'. Mit der Steige- 
rung des Lohns nimmt aber gleichzeitig die Gutsrente ab, 
weil der das Feld bestellende Tagelöhner dann einen größeren 
Teil von seinem Arbeitserzeugnis erhält. 

Es zeigt sich hier deshalb, daß die Rente des kapital- 
erzeugenden Arbeiters zwar anfangs mit dem Lohn wächst, 
bei weiterer Steigerung des Lohnes aber wieder fällt imd 
sogar Xull wird, wenn der Ai'beitslohn das ganze Produkt 
hinwegnimmt. 

Die ungemessene Steigerung des Lohnes liegt also keines- 
wegs im Interesse der kapitalerzeugenden Arbeiter. 
153 Aus dem anfänglichen Steigen der auf einen Mann 
fallenden Reute beim '\\"achsen des Ai'beitslohns und dem 
nachherigen Fallen der Rente bei ferner wachsendem Lohn 
ergibt sich, daß es eine Höhe des Arbeitslohns gibt, bei 
welcher die Rente das Maximum erreicht. 

Durch fortgesetztes Probieren ließe sich dieser Punkt 
annähernd, jedoch nur selten mit absoluter Genauigkeit finden. 
"Wenn aber auch letzteres der Fall wäi'e, so würde man doch 
das hier waltende Gesetz nicht daraus erkennen, und man 
vs'ürde bei veränderten Zahlenverhältnissen dieselbe Rechnung 
immer aufs neue vollführen müssen. 

Die Differentialrechnung bietet aber das Mittel dar, 
nicht bloß die Aufgabe mit mathematischer Genauigkeit zu 
lösen, sondern auch für den hier gesuchten Arbeitslohn einen 
Ausdruck zu finden, der für alle und jede Zahlenverhältnisse 
gültig ist und der somit das Gesetz selbst offenbart. 



— 549 — 

Die Rente des kapitalerzeugeuden Arbeiters ist 
_ (p — [a + y])y 
q (a + y) 
Bei welchem Wert von y erreicht diese Funktion das 
Maximum ihres Werts? 

Um diesen Wert von y zu finden, muß bekanntlich die 
Funktion in bezug auf y diiTerenziert, und das Differential 
= gesetzt werden. 

^ /(P— [a +y])n ^ j| (py — ay — y^) 

V q(a + y) / q(a + y) 

= q [a + yj (P — a — 2 y) dy — (py — ay — y-j qdy = 
also : (a 4" y) (P — a — 2 y) = py — ay — y- 

ap — a- — 2ay -{- py — ay — 2y- = py — ay — y- 

ap — a- — 2ay — 2y- = — y- 

y- -|- 2ay = ap — a- 

-|J a^ = + a^ 154 

(a + y) ^ = ap 



a -f- y = 1 ap 



Diesen, nicht aus dem Verhältnis zwischen 
Angebot und Nachfrage entspringenden, nicht 
nach dem Bedürfnis des Arbeiters abgemessenen, 
sondern aus der freien Selbstbestimmung der 
Arbeiter hervorgehenden Lohn I ap nenne ich 
den naturgemäßen oder auch, den natürlichen 
Arbeitslohn. 

In Worten ausgedrückt sagt diese Formel: der natur- 
gemäße Arbeitslohn wird gefunden, wenn man die not- 
wendigen Bedürfnisse des Arbeiters (in Korn oder Geld 
ausgesprochen) mit dem Erzeugnis seiner Arbeit (durch das- 
selbe Maß gemessen) multipliziert und hieraus die Quadrat- 
wurzel zieht. 

Da a: 1 ap = ] ap : p 
so ist der naturgemäße Arbeitslohn die mittlere Proportional- 



— 550 — 

zahl zwischen dem Bedürfnis des Arbeiters und seinem 
Arbeitsprodukt, d. i. der Lohn übersteigt das Bedürfnis io 
demselben Maße, wie das Erzeugnis den Lohn übersteigt. 

Beispiel in Zahlen: 

Es sei a = 100c, p = 3a = 300c, q = 12, 
so ist Vap = y 30 000 c^ = 173,2 c. 

Die Rente ist dann 300 — 173,2 = 126,8. 

12 X 173 2 
Zur Kapitalerzeugung gehören ^ö ^ = -8,39 M. 

Die Rente von 126,s unter 28,3o M. verteilt gibt für 

1 M . . . 4,4064. 

Da für den Arbeitslohn 173,2 = Vap die Rente des 
kapitalerzeugenden Arbeiters das Maximum erreichen soll, so 
muß sowohl für den Lohn von 174 als von 172 diese Rente 
geringer sein als die hier gefundene. 
155 Probe. 1. Es sei der Lohn = 174 
so ist die Rente 300 — 174 = 126; 
zur Kapitalerzeugung sind erforderlich: 

12 X 174 

^ = 28,22 M. ; diese erlangen eine Rente von 126. 

126 
Auf einen Mann fällt eine Rente von 773 — = 4,4645 

28,22 ' 

2. Es sei der Lohn = 172. 
Die Rente beträgt dann 300 — 172 = 128 ; 
die Schaffung des Gutes kostet die Arbeit von 
12 X 172 



72 



= 28,C7 M. 



128 
Auf 1 M. fällt eine Rente von -55 — = 4,4646. 

28,67 ' 



— 551 — 

§ 16. 

Bei welchem Zinsfufs erlangt der Lohnarbeiter für 
seinen Überschufs den höchsten Betrag an Zinsen? 

DieEente dividiert durch das Kapital, wo- 
raus diese entsprungen ist, ergibt den Zinssatz, 

Die Rente von dem Gutsteil, den wir hier vor Augen 
haben, beträgt p — (a -[- j) Schfl. 

Das in diesem Grutsteil enthaltene Kapital beträgt q J. A., 
welche bei dem Lohn von a -|- y = <! (a + y) Scheffel sind. 

Der Zinsfuß z ist demnach = - — , 

q (a + y) 

Aus z= P-^V^f) folgt 
•1 (a + y) 

qz (a 4- y) = p — (a + j) 
(1 4- qz) (a + y) = p, 

und a -f- y = ^j — 1 ~ — wie auch schon § 13 gezeigt ist. 

Der Überschuß y ist also q — ; — a. 156 

1 -\- qz 

Beim Ausleihen gibt dieser Überschuß einen Zinsenbetrag 

pz 

von yz = -z — ^j — az. 

1 -}- cp 
Bei welchem Wert von z erreicht nun diese Funktion 
ihr Maximum? 

Das Differential dieser Funktion gleich Null gesetzt, gibt 
(1 + qz) pdz-pqzd^ _ ^^^^ _ 

(1 + qz)-' 
also p -f- Piz — • pqz ^ a (1 -f- '[z)^ 

(l+qz2) = -P^; 1 + qz = V-^ 

^ a a ' 

t 1 V ^ Vap — a 

folglich z = ~ 

ap 



FinO — 



Diesen Wert von z in a + v = -z — \ gesetzt, 

' " 1 -|- qz ° ' 

gibt a 4" y = — 



, 1 ap — a ap 

1 -\ = — j-i- — = 1 ap 

' a a -j- ] ap — a ^ 

Also bezieht der Lohnarbeiter für seinen Überschuß die 
höchsten Zinsen, wenn der Arbeitslohn = l ap ist, und sein 
Interesse fällt demnach mit dem des kapitalerzeugenden 
Arbeiters zusammen. 

Beispiel in Zahlen. Für p = 3a = 300c 
und q ^=12, sei 

1. y = 80e, 

p — (a + y) 120 1 ^ „, 

^° ''' ' = -jw^rr = i2xm =18- ^^'''^'' 

i57 Für den Überschuß y = 80 erfolgen dann an Zinsen 

80 X 0,0555 = 4,44. 

2. y = Vap — a = 73,2. 
300 — 173,2 126,s , „, 

= 0,1 ",0. 



7,29 ''/O. 



Das Verhältnis zwischen Arbeitslohn und Zinsfuß kommt 
uns aber noch unter anderen Formen zur Anschauung, imd 
wir dürfen uns bei dem hier gefundenen Resultat nicht 
beruhigen, dasselbe nicht für erwiesene Wahrheit halten, 
ehe wir die Überzeugung gewonnen, daß die von anderen 
Standpunkten ausgehenden Betrachtungen kein Resultat 
liefern, was dem hier gefundenen widerstrebt. Wir müssen 
deshalb, ehe wir weiter gehen, uns dieser ernsten Unter- 
suchung zuwenden. 



z ist dann = 


12 X 173,2 


2078,4 


yz = 73,2 X 0.061 


ist dann = 


4,4(55. 


3. y = 60. 






z ist dann = 


300 — 160 
12 X 160 


140 
~ 1920 " 


yz = 60 X 0,0720 


= 4,37. 





— 553 — 

§ 17. 

Das Kapital als Arbeit ersetzend. 

Gesetzt, es sei auf einem Gute ein Torfmoor vorhanden, 
aus welchem in jedem Jahr das Wasser geschöpft werden 
muß, um Torf stechen zu können, und dies Wasserschöpfen 
erfordere die Jahresarbeit eines Mannes. 

Wird hier nun ein Kanal gezogen, durch welchen das 
Torfmoor entwässert wird: so ersetzt das auf die Anlegung 
des Kanals verwandte Kapital die jährlich wiederkehrende 
Arbeit eines Mannes. 

Hier wird also durch das Kapital geradezu Arbeit er- 158 
spart; das Kapital verrichtet jetzt die Arbeit, die sonst von 
einem Mann verrichtet wurde. 

Hatte die Grabung des Kanals z. B 20 J. A. erfordert, 
so verzinst sich das angelegte Kapital mit 5 %. 

Die Kapitalnutzung spricht sich hier nicht in Scheffel 
Roggen oder Taler Geld, sondern in Jahresarbeiten aus. 

Der sich hier ergebende Zinssatz ist unabhängig von der 
Höhe des Arbeitslohns, und unabhängig von der Fruchtbar- 
keit des Bodens und der damit in Yerbindung stehenden 
Größe des Arbeitsprodukts. 

Zeigen sich hier nun Arbeitslohn und Arbeitsprodukt 
als einflußlos auf den Zinssatz, so muß dies zu der Frage 
führen, ob für die Bildung des Zinsfußes nicht noch ganz 
andere Bestimmungsgründe vorhanden sind als die, welche 
wir bisher in Betracht gezogen haben. 

Es gibt beim Landbau viele Meliorationen und Opei'a- 
tionen, wobei durch eine Kapitalanlage an jährlich wieder- 
kehrender Arbeit erspart werden kann: so z. B. durch Er- 
richtung von Scheunen statt der Kornfeimen, durch Weg- 
räumung von Steinen, die das Ackern erschweren, durch 
Anschaffung von Dreschmaschinen usw. Aber diese Opera- 
tionen bezahlen sich nicht alle crleich hoch. Während es 



— 554 — 

einige geben tann, wo die jälirlich wiederkehrende Arbeit 
eines Mannes schon durch eine Kapitalanlage von 10 J. A. 
ersetzt \vird, gibt es andere, wo dieser Effekt erst aus der 
Kapitalverwendung von 20, 30 oder gar 50 J. A. hervorgeht. 

Es fragt sich also, wo der Landwirt auf dieser Stufen- 
leiter der Meliorationen inne halten, welche er, seinem In- 
teresse folgend, unternehmen, welche er unterlassen muß. 
Die Antwort ist: er wird mit Yorteil alle Meliorationen 
unternehmen, bei welchen der Effekt, verglichen mit der 
159 Kapitalanlage , größer ist als der Zinssatz, zu welchem er 
Kapital angeliehen erhalten kann. Ist dieser Zinssatz z. B. 
5 ^lo , so wird er alle MeKorationen ausführen , bei welchen 
die jährliche Arbeit eines Mannes durch die Kapitalanlage 
von 15, 16, 17, 18, 19 J. A. ersetzt wird; aber er wird die- 
jenigen unterlassen, bei welchen er zur Erreichung dieses 
Effekts 21, 22, 23 u. s. f. J. A. aufwenden muß. 

Diese Verwendung des Kapitals setzt also die Kenntnis 
des Zinssatzes schon voraus — und es ergibt sich, daß die 
Bildungsstätte des Zinsfußes nicht hier, sondern anderswo 
gesucht werden muß. 

Das Kapital hat einerseits die Eigenschaft, Arbeit zu 
ersetzen, Und andererseits ist das Kapital das Erzeugnis 
menschlicher Arbeit. Wie ist in dieser Wechselwirkung 
Einheit und Klarheit zu finden? 

Um die Lösung dieser Aufgabe zu versuchen , bringen 
wir die Arbeitser sparung durch das Kapital in Verbindung 
mit der Kapitalerzeugung durch Arbeit. 

Gesetzt, die Kapitalanlage von k J. A. ersetze die jähr- 
lich wiederkehrende Arbeit eines Mannes. Das Gut, dessen 
Bestellung sonst n Arbeiter erforderte, wovon jeder mit einem 
Kapital von q J. A. arbeitet, kann nach der Vermehrung des 
Kapitals um k J. A. einen Tagelöhner entbehren, wodurch 
am Lohn a -j- y Scheffel erspart werden. Die gesamte 
Kapitalanlage ist dann ni| -j- k J. A. Das Gesamtprodukt, 



— 000 — 

welches für n Arbeiter np Scheftel betrug, bleibt unver- 
ändert = np. 

Die Gutsrente beträgt dann np — (n — 1) (a -[- y) 5 diese 
mit dem Kapital = (nq -|- k) (a -j- y) dividiert, 

gibt den Zinssatz z = -^ ■ , . , — , ' 

(nq + k) (a + y) 

Die Rente des kapitalerzeugenden Arbeiters ist = yz. 

T. , (a (p — [a + v]) ) y 

Früher war vz = -^^-^ l -p . j; / ^ _ ^g^ 

nq (a + y) 
(p_[a-f-y])y 

q (a + y) 
Da hier die Frage ist, wie groß k sein muß, wenn die 
Ersetzung der menschlichen Arbeit durch das Kapital weder 
Vorteil noch Nachteil bringen soll, so müssen wir beide 
Werte von yz gleich setzen. Dies gibt 
(p — [a4-y]) y ^ (np— [n -1] [a + y|)y _ 
Ci (a + y) (nq + k) (a + y) ' 

also npq — nq (a -\- y) + ^P — ^ (a + y) 

= npq — nq (a -f y) + '1 i^ + y)- 
Demnach ist kp — k (a -[- y) ^= 1 (a -|- y) ; 
q (a + y) 



also k = 



Nun ist aber z = 



p — (a + y) 

P — (a + y) 



q (a + y) 



und folglich k = — . Wir erhalten hier also Avieder das 

schon in § 13 gefundene Resultat, nämlich: Der Zinsfuß 
z zeigt das Verhältnis an, in welchem die Leis- 
tung von 1 J. A. Kapital zu einer sich wieder- 
holenden Jahresarbeit steht. 

Während es bei der Anlage des Kanals den Anschein 
hatte, als sei es gleichgültig, ob der Arbeitslohn hoch oder 
niedrig, der Boden fruchtbar oder uu fruchtbar ist, indem 
dieselbe Melioration immer dieselben Prozente trägt, ergibt 



— 556 — 

es sich jetzt ans der Gleichung k = , ' ." — : = — 

^ ^ p — (a + y) z 

daß k sowohl von p als von y abhängig ist, und daß es 
von der Höhe des durch p, j und q bestimmten Zinsfußes 
abhängt, wie w^eit die auf Arbeitsersparung gerichtete Me- 
lioration mit Nutzen getrieben werden l^ann. 
161 Bei der Anlegung eines neuen Gutes erheischt es das 
Interesse der kapitalerzeugenden Arbeiter, die Zahl der an- 
zustellenden Lohnarbeiter soweit zu vermehren, bis das durch 
den zuletzt angestellten Arbeiter hervorgebrachte Mehr- 
erzeugnis durch den Lohn, den derselbe erhält, absorbiert 
wird. Ebenso liegt es im Interesse der kapitalerzeugenden 
Arbeiter, die Kapitalanlage so hoch zu steigern, bis aus der 
Kapitalvermehrung keine erhöhte Rente für sie mehr her- 
vorgeht. Da aber ein Teil der Arbeiter durch Kapital, und 
umgekehrt ein Teil Kapital durch mehr angestellte Arbeiter 
ersetzt werden kann: so müssen auf der Grenze, bis zu 
welcher Kapital und Arbeit mit Nutzen zu verwenden sind, 
die Kosten der Arbeit durch die Menschen im Gleichgewicht 
sein mit den Kosten der Arbeit durch das Kapital — und 

dieses Gleichgewicht findet statt, wenn k = — ist. 

Für q = 12, p = 300 c, und y = 73,2 c haben wir im 
vorigen Paragraphen z = 6,i ^/o gefunden. Alsdann ist k = 

— = -7^ = 16,1. In diesem Fall sind alle Meliorationen, 

Z 0,061 ' ' 

bei welchen durch die Kapitalanlage von 12, 14, 15 bis I6.4 
J. A. die Arbeit eines Mannes erspart wird, vorteOhaft und 
müssen konsequenterweise schon bei der Anlegung des Gutes 
vollführt werden. Die Kosten dieser Meliorationen sind also 
schon in dem Anlagekapital des Gutes = nq J. A. enthalten. 
Dagegen würden Meliorationen, bei w^elchen die Arbeit eines 

Mannes erst durch die Kapitalanlage von 17, is J. A. ersetzt 

wird, die Rente der kapitalerzeugenden Arbeiter vermindern. 



I 



Wir haben durch unsere Untersuchungen das Resultat 
erlangt, daß wenn das schon vorhandene Kapital nq um 
k J. A. vermehrt wird , dann dasselbe Gesamtprodukt np, 
zu dessen Hervorbringung früher n Arbeiter erforderlich 162 
waren, durch n — 1 Arbeiter erzeugt wird. 

Das Kapital von k J. A., verbunden mit dem durch 
den Austritt des einen Arbeiters frei gewordenen Kapital 
von q J. A. liefert demnach ein Erzeugnis von p Scheffeln, 
gleich dem Erzeugnis eines mit einem Kapital von q J. A. 
versehenen Arbeiters, 

Aus 1 J. A. Kai^ital geht also ein Produkt von ^ ! 

Scheffel hervor. 

Hier erscheint das Kapital selbst als Arbeiter. Indessen 
ist das Kapital an sich ein totes und kann nur durch die 
Hand des Menschen wirksam werden; aber indem es die 
Wirksamkeit des Menschen erhöht, erscheint es als Mitarbeiter. 

In diesem Sinn ist es zu nehmen, wenn hier und in 
der Folge von der Arbeit des Kapitals die Rede ist. 



§ 18. 

Die Nutzung des zuletzt angelegten Kapital- 
teilchens bestimmt die Höhe des Zinsfusses. 

In unseren früheren Untersuchungen über die Entstehung 
des Kapitals findet sich die Begründung dieses Satzes. Auch 
ist dort nachgewiesen, daß bei der Erhöhung der Kapital- 
anlage jedes später angelegte Kapital eine geringere Nutzung 
abwirft als das früher angelegte. 

Die Nutzung des zuletzt angelegten Kaj)itals spricht sich 
in dem Zuwachs aus, den das Arbeitsprodukt des Mannes,, 
der mit Hilfe dieses Kapitals arbeitet, erhält. 



— 558 — . 

Die Steigerung des relativen Nationalkapitals erfolgt 
nicht sprungweise, z. B. von 6 auf 7 J. A., sondern ist ein 
stetiges, alle Zwischenräume durchlaufendes Wachsen. 
163 Es folgt hieraus, daß wir das zuletzt entstandene und 
angelegte Kapitalteilchen, durch dessen Nutzung der 
Zinsfuß bestimmt werden soll, sehr klein — genau genommen, 
unendlich klein — annehmen müssen. 

Diesem gemäß teilen wir das Kapital von 1 J. A. in 
n Teile — wo n jede, also auch eine sehr große Zahl be- 
deuten kann — und betrachten den Zuwachs des Kapitals 

um — J. A. als dasjenige Kapitalteilchen , durch dessen 

Verhältnis zum Zuwachs des Arbeitsprodukts eines Mannes 
der Zinsfuß reguliert wird. 

Bei der Anwendung eines Kapitals 
von ({ J. A. sei das Arbeitsprodukt p 

von ([-i J. A V-7-ß. 

Letzteres vom ersteren abgezogen , gibt für — J. A. 
Kapital den Zuwachs zum Arbeitsprodukt = ß. 

■ — J. A. Kapital gibt eine Rente von ,5, und da sich 

nach dieser Rente die des ganzen Kapitals richtet, so ist die 
für 1. J. A. Kapital zu zahlende Rente = nß- Setzen wir 
nun n/5 = «, so ist die für das ganze Kapital von q J. A. zu 
zahlende Rente = «q. 

Unter p verstehen wir, wie in den Voraussetzungen 
ausführlich erörtert ist, den Teil des Gesamtprodukts, der 
nach Abzug aller mit dem Gewerbsbetrieb verbundenen 
Kosten, sowie der Administrationskosten und des Gewerbs- 
profits — übrig bleibt, und zwischen Kapitalisten und 
Arbeiter zur Verteilung kommt. 



— 559 — 

Der Arbeiter, welcher mit einem gelielienen Kapital von 
q J. A. operiert, bringt ein Erzeugnis hervor von . . p 

Davon hat er an Zinsen zu zahlen «("i 

für seine Arbeit verbleibt ihm p— «q. 

Wir erhalten dadurch für den Ai-beitslohn den neuen 
Ausdruck A = p — «q. 

Bei dem Lohn von p — «q hat das Kapital p den Wert 164 
von q (p — «q) Scheffel. Die Eente , die dies Kapital ab- 
wirft, beträgt «q Scheffel. Die Rente, dividiert durch das 
Kapital, ergibt den Zinsfuß. 

an « 

Demnach ist z = — , ^, = 

q(p— «q) p — «q 

Hier haben wir zu untersuchen, ob die beiden Methoden, 
wonach wir 1. den Arbeitslohn = ] ap, und 



9 



= p— «q 



gefunden haben, miteinander im Einklang oder im AVider- 
spruch stehen. 

Bei der Untersuchung über die Schaffung eines neuen 
Gutes durch Arbeit betrachteten wir q und p (Kapital und 
Produkt) als gegebene Größen und fragten nur, wie hoch 
der Arbeitslohn sein müsse, damit für diese Werte von 
q und p der kapitalerzeugende Arbeiter das Maximum der 
Rente erlange — und indem wir dort von dem Verhältnis, 
worin q und p zueinander stehen mögen, abstrahierten und 
beide mit Kalkül als konstante Größen behandelten, haben 
wir in Vap einen Ausdruck für den Arbeitslohn erhalten, 
der für jeden AVert von q und p gültig ist, so daß für den 
Arbeitlohn Vap immer die höchste Rente erfolgt, welches 
Verhältnis auch zwischen q und p stattfindet, welchen Wert 
auch jeder dieser Buchstaben repräsentieren mag. 

Auch ist q in dem Ausdruck für den Arbeitslohn = l'ap 
ganz verschwunden. Dagegen erhält q in dem Ausdruck für 

den Zinsfuß = — seine Bedeutung wieder. 



— 560 — 

Da aber mit dem Wert von q der Wert von p steigt 
und fällt, so ist auch der Arbeitslohn i'ap abhängig von 
der Größe von q. 
165 Wenn nun gleich die Rente des kapitalerzeugenden 
Arbeiters für jeden Wert von q das Maximum erreicht, wenn 
der Arbeitslohn den AVert von Vap erlangt, so ist doch dies 
Maximum ein Bedingtes, indem sich mit der Änderung von 
q auch der Betrag der Rente ändert. 

Nun können wir, auch ohne die Grleichung zwischen q 
und p zu kennen, wissen, daß dieser Rentenbetrag nicht mit 
q ins Ungemessene steigt. Denn sonst müßte es vorteil- 
hafter sein, auf einem schon vorhandenen Gut das Kapital, 
womit ein Mann arbeitet, auf 100 ja 1000 J. A. zu steigern, 
als ein neues Gut anzulegen — was offenbar nicht der 
Fall ist. 

Es muß also auch dann, wenn der Arbeitslohn stets 
= Vap bleibt, beim zunehmenden Wert von q einen Punkt 
geben, bis zu welchem die Rente des kapitalerzeugenden 
Arbeiters steigt, dann aber wieder fällt — und erst bei diesem 
Punkt findet das unbedingte Maximum der Rente statt. 

Bei der Anlegung eines neuen Gutes ist es in die Willkür 
der kapitalerzeugenden Arbeiter gestellt, welche Größe sie 
dem relativen Kapital q geben wollen. Hier können sie kein 
anderes Ziel haben, als die höchste Belohnung ihrer Arbeit 
in einer Rente. Das Maximum der Rente wird also auch 
Bestimmungsgrund für die Größe von q. 

Unserer Untersuchung über die Kapitalerzeugung durch 
Anlegung neuer Güter liegt die Annahme zu gründe, daß 
die Arbeiter den ])raktischen Sinn haben, zu wissen, welche 
Größe von <[ ihnen am vorteilhaftesten ist — und unter 
dieser Voraussetzung ist ([ eine bestimmte, unveränderliche 
Größe, und die Rente, die sich dann für den Arbeitslohn 
von Vap ergibt, ist das unbedingte Maximum. 

Theoretisch ist aber diese Aufgabe durch unsere bis- 



— 561 — 

herigen Untersuchungen nicht gelöst, und zur vollständigen 
Lösung derselben gehört auch die Kenntnis der Gleichung 166 
zwischen q, p und «. 

In Ermangelung dieser Kenntnis können wir indessen 
der Lösung näher kommen, wenn wir « als variabel, p und q 
aber als konstaut betrachten, und durch den Kalkül erforschen, 
in welchem Yerhältnis « zu q und p stehen muß, wenn die 
Arbeitsrente die höchste sein soll. 

Der Arbeitslohn a -j- y ist = p — «q 

Der Überschuß y ^= p — «q— a 

a 

Der Zinsfuß z = 

p— «q 

(p — «0 — a)« 
Die Arbeitsreute vz also = 

p— «q 

Bei welchem Wert von « erreicht nun die Arbeitsrente 

das Maximum? 

(p — «q — a) « 

Die Funktion in bezug auf « differenziert 

p — «q ^ 

imd das Differential gleich Null gesetzt, ergibt 

(p — «q) (p — 2«q — a) d« -|- ('^^P — "■'! — "■^) qcl" = 

also p- — «pq -f- 2«2q- — ap -j" "^'i 

-2«pq 

-[-«pq — «^q" — «aq 

p-— 2«pq -|- «-q- — ap ^ U 

(p_«q)2 = ap 

p— «q = Vap 

Beim Maximum der Arbeitsrente ist also gleichzeitig 
der Arbeitslohn = p — «q und auch gleich > ap. 

"Wie abweichend auch der Arbeitslohn p — «q von dem 
= jap bei den verschiedenen Werten von q sein mag, so 
fallen sie doch zusammen, wenn q die Höhe erlangt, bei 
welchem die Arbeitsrente das Maximum erreicht. 



Thünen, Der isolierte Staat. 36 



562 — 



167 



Beispiel in Zahlen auf Grundlage der Tabelle B. 



Für das 


ist das 
Arbeits- 
produkt 


Der Arbeitslohn 


Die Arbeitsreute, 


Kapital 


entweder 


oder 


Avenn der Lohn 


q 


P 


p— «q 


Vap 


p— «q ] ap 


6 J. A. 


223,2 c 


116,, c 


149,4 c 


2,51 e ' 4,07 c 


7 J. A. 


239,2 


127,2 


154., 


3,43 4-27 


8 J. A. 


253^6 


138,4 


159,2 


3,96 4.3 g 


'9 J. A. 


266,e 


149,6 


163,3 


4,31 4,4,, 


10 J. A. 


278.3 


161,3 


166 8 


4.4. 4.4« 


11 J. A. 


288.S 


173,3 


170.0 


4,45 4.45 


12 J. A. 


298,3 


181,3 


172,, 


4,35 4,41 



168 



Au.s der Yergleichung der Resultate, die die beiden 
Formeln p — «q und ] ap liefern, ergibt sich : 

1. daß bei den niederen Graden der Kapitalanlage so- 
wolil Arbeitslohn als Arbeitsrente nach der letzteren 
bedeutend hoher sind als nach der ersteren ; 

2. daß diese Differenz abnimmt, wenn die KaiJitalanlage 
steigt ; 

3. daß in diesem Beispiel die Arbeitsreute, nach beiden 
Formeln berechnet, gleich wird bei einer Kapital- 
anlage, die zwischen 10 imd. 11 J. A. fällt; 

4. daß, wenn diese Gleichheit stattfindet, der Arbeits- 
lohn p — «q gleich Vap ist; 

'). daß, wenn das Kapital über diesen Punkt hinaus 
wächst, die Arbeitsrente sowohl nach der einen als 
nach der anderen Formel wieder abnimmt; 

6. daß die Arbeitsrente bei dem Lohn p — «q, wenn 
dieser größer oder kleiner ist als >ap, stets kleiner 
ist , als bei dem Lohn von l ap , und daß , wenn wir 
uns q als stetig wachsend denken, es nur einen ]\Io- 
ment gibt, wo beide Formeln gleiche Arbeitsrente 
geben, nämlich dann, wenn p — «q = Vap ist. 



— 563 — 

Wir haben jetzt zu untersuchen, wie und wodurch die 
Ausgleichung zwischen den beiden Bestimmungsgründen für 
den Arbeitslohn hervorgerufen und bewirkt wird, und da- 
durch uns den Weg zur Bestimmung der Höhe des relativen, 
d. i. des auf einen Arbeiter im Durchschnitt fallenden Kapitals, 
zu bahnen. 

Um dies anschaulicher zu machen, wollen wir zuvörderst 
ein Beispiel in Zahlen geben. 

Da wir erst später den Versuch machen können, eine 
Skala zu entwerfen, die für unsere europäischen Zustände 
das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeitsprodukt darstellt, 
so müssen wir unsere Beispiele wiederum der Tabelle B, 
entnehmen, obgleich die darin aufgestellte Skala erst einzelnen 
Bedingungen Genüge leistet und nicht alle Anforderungen, 
die an eine solche Skala gemacht werden müssen, befriedigt. 

Ein hier in Betracht kommender Mangel der Tabelle ß. 
ist, daß darin a nicht durch die Differenz im Arbeitsprodukt 
von zwei naheliegenden Kapitalteilchen, sondern von zwei 
um eine ganze Jahresarbeit auseinander liegenden Kapitalen 
gefunden wird. 

Nach der Methode, die Rente aus der Nutzung des 

zuletzt angelegten Kapitals zu berechnen — welche wir die 

erste Methode nennen wollen — ist laut Tabelle B. 

für das Kapital q = G J. A. 

das Produkt p = 223,2 c 

der Zuwachs «, den das Produkt durch 

das letzte Kapital erhalten hat . . . = 17,8 c 

der Arbeitslohn p — «i| = llG.i c 

« 

der Zinsfuß = 15,:; '^/o igg 

p — «q ' ^""^ 

die Rente des Arbeiters = 2,5i c. 

Nach der zweiten Methode ist 

für q = 6 und p = 223.2 c: 

der Arbeitslohn ] ap = 149.4 c 

36* 



— 564 — 

der Zinsfuß '- = 8,23 ^lo 

ap ' 

die Rente des Arbeiters = 4,07 c. 

Hier sind also, nach der zweiten Methode berechnet, 
Lohn und Rente des Arbeiters beträchtlich höher, der Zins- 
fuß aber viel niedriger als nach der ersten Methode. 

Denken wir uns nun, daß das relative Nationalkapital 
so gering ist, daß auf einen Arbeiter nur 6 J. A. Kapital 
kommen, und nehmen wir ferner an, daß die kapitalerzeugeu- 
den Arbeiter bei der Gründung des Guts anfänglich eben- 
falls nur eine Kapitalanlage von 6 J. A. auf den von einem 
Arbeiter zu bestellenden Gutsteil verwenden, so wird, da 
die Arbeiter durch die Kapitalschaffung die Bestimmung 
des Lohns in ihrer Macht haben, und der Lohn ] ap für sie 
der vorteilhafteste ist, der Arbeitslohn von 116,4 c auf 149,4 c 
steigen und der Zinsfuß, zum großen Nachteil für die älteren 
Güter, von 15.3 auf 8,23 % herabsinken. 

Bei einer so geringen Kapitalanlage können aber nur 
Gebäude von geringer Haltbarkeit aufgeführt werden, ihre 
Reparatur und Wiederherstellung nimmt einen großen Teil 
der Zeit des den Acker bestellenden Arbeiters hinweg und 
vermindert sein Arbeitserzeugnis; es kann ferner für ein so 
geringes Kapital nur sclilechtes Ackergerät und Vieh von 
geringer Güte angeschafft werden, wodurch die Arbeit an 
Produktivität gar sehr verliert. 
170 Eine Erhöhung der Kapitalanlage von 6 auf 7 J. A. muß 
also das Arbeitserzeugnis des das Feld bestellenden Lohn- 
arbeiters wesentlich erhöhen. Nach der Tabelle beträgt der 
Zuwachs «, den das Produkt dadurch erlangt, 16 c. 

Nun ist es ganz und gar in die Willkür der kapital- 
erzeugenden Arbeiter gestellt, ob sie nach Vollendung des 
1. Guts ein 2. Gut anlegen, oder ob sie auf dem ersten Gut 
das Kapital vermehren wollen. Ihr eigenes Interesse wird 



— 565 — 

sie hierin leiten, und so kommt es zur Frage, was am vor- 
teilhaftesten für sie ist. 

Die Schaffung eines Kapitals von 1 J. A. erfordert 

a -1- V 

" jährliche Arbeiten eines ilannes, oder die Arbeit von 

a + V 

' Mann auf ein Jahr. Dies Kapital von 1. J. A. 

bringt eine Rente von «. Bei der Kapital Schaffung Avird also 
die Jahresarbeit eines Mannes gelohnt mit einer Rente von 

— -f- . In dem vorliegenden Fall ist « = IG c, a -|- y 

16 X 49 4 
= 149a und y = 49,i c. Dies gibt — ^äq — ^ ^ •"';'*- ^• 

Bei der Schaffung eines neu hinzukommenden Kapitals 
erwirbt also der Arbeiter eine Rente von 5,42 c, während er 
durch Anlegung eines 2. Guts mit 6 J. A. Kapital auf jeden 
Lohnarbeiter nur 4,07 c Rente erwerben würde. 

Die Erhöhung des Kapitals auf dem schon bestehenden 
Gut zeigt sich also viel vorteilhafter als die Anlegung eines 
2. Guts. 

Da wir das, was allgemein vorteilhaft ist, auch als zur 
Verwirklichung gelangend betrachten müssen, so wird die 
Erhöhung des Kapitals von 6 auf 7 J. A. auch eine dem 
vergrößerten Arbeitsprodukt entsprechende Erhöhung des 171 
Arbeitslohns zur Folge haben. 

Für r] = 7 ist p = 239,2 c 
der Arbeitslohn Vap also l 2392<) = 154,7 c 

der Zmsfuß = <,si "/o. 

aq ' 

Die Rente des Arbeiters = 4,27 c. 

Durch die Anlegung eines 2. Guts mit 7 J. A. Kapital 

auf jeden Lohnarbeiter erwirbt der kapitalerzeugende Arbeiter 

also eine Rente von 4.2? c. Hier kommt es aber wieder zur 

Frage, ob es für ihn nicht vorteilhafter ist, seine Arbeit auf 



— 566 — • 

die Vermehrung des Kapitals auf dem schon bestehenden 
Gut zu verwenden. 

Für q = 8 beträgt p 2r)3,(: c 

q = 7 „ p 239,2 c. 

Der Zuwachs «, den das Arbeitsprodukt durch die Er- 
höhung des Kapitals von 7 auf 8 J. A. erhält, beträgt dem- 
nach 14,4 c. 

Durch die Jahresarbeit von —^ — = — — M. wird 

y 1 ap — a 

das Kapital von 1 J. A. hervorgebracht. Für 1 ap ^ 154,7 c 

ist — = ' '' = 2,83. Die Rente « = 14,4 c wird 

1 ap — a o4,7 ' 

also durch die Arbeit von 2,S3 M. erworben; dies beträgt 

für 1 M. 5,0'.t c. 

Dieselbe Arbeit, welche auf die Gründung eines 2. Guts 
verwendet, mit 4,2t c Rente gelohnt wird, macht sich durch 
Vermehrung des Kapitals auf dem schon vorhandenen Gut 
mit 5,ort c Rente bezahlt. Die A^'erwendung der Arbeit zu 
letzterem Zweck zeigt sich also abermals vorteilhaft. 

Aber diese mit Vorteil verbundene Steigerung des 
Kapitals kann nicht ins Unendliche gehen, sondern muß 
eine Grenze haben. 
172 Wo ist die Grenze, und wie ist sie zu bestimmen? 

Bei der Gründung eines neuen Gutes erwirbt der kapital- 
erzeugende Arbeiter eine Rente von -, — ] — ^-^^. Setzt 

^ q (a -f y) 

man hier }'ap für a -\- y, so verwandelt sich diese Formel in 
(p — 1 ap) (1 ap — a) p ] ap — 2ap -\- a Vap 

q 1 ap p ) ap 

_ (p — 2 I ap -f- a) Vap _ ap — 2a 1 ap -|- a- 

q Vap aq 

_ (V'ap — a)^ 
aq 



— i)67 — 

Bei der Termeliruug des relativen, auf einen Arbeiter 
fallenden Kapitals erwirbt der kapitalerzengende Arbeiter eine 
«y « (l ap — a) 



Rente von 



a-{-y Tap 



c 1 " (Vap — a) . (lap — a)- 

Solange nun -^^ großer ist als , so- 

^ Vap ^ aq ' 

lange muß auch die Yermehrung des relativen Kapitals 

vorteilhafter sein als der Anbau bisher unkultivierter Felder. 

w 1 1 (Vap — a)2 «(Vap — a) 

Wn-d dagegen ^^ — —^ großer als ^7^ , so 

ai[ I ap 

wird die Anlegung neuer Güter gewinnbringender als die 

Verwendung der Arbeit auf Erhöhung des relativen Kapitals. 

Die Arbeit nach beiden Richtungen wird aber gleich 

« (jap — a) (l'ap — ap 

hoch gelohnt, wenn — ^ — = - — . 

* ' I ap aq 

Aus dieser Gleichstellung folgt 
a«C| = jap (] aj) — a) = ap — a 1 ap; 
also «q ^ p — lap, 
und p — «q = Vap. 

Das hier beobachtete Verfahren kann das Bedenken 
erregen und den Einwurf hervorrufen, daß durch die Her- 
vorbringung eines neuen Kapitals, bei gleich bleibender 
Arbeiterzahl , das relative Nationalkapital erhöht wird, und 173 
das hinzukommende Kapital eine geringere Rente als das 
früher angelegte bringt, daß also — wie auch aus den in 
Zahlen angeführten Beispielen erhellt — für das Kapital von 
q -{- 1 J. A. der Zuwachs « kleiner ist als für das Kapital 
von q J. A. 

Dieser Einwurf würde begründet sein, wenn das relative 
Kapital auf einmal um 1 J. A. gesteigert würde. Aber diese 
Steigerung erfolgt in kaum merklichen Abstufungen, und 
jeder Abstufung folgt eine e